Tag-Archiv für 'teresa-ebert'

Gegen den Kult vermeintlich authentischer „Erfahrungen“ und vermeintlich reiner, theorieloser „Fakten“

„Experience [… is] not the origin of our explanation, not the authoritative (because seen or felt) evidence that grounds what is known, but rather that which we seek to explain, that about which knowledge is produced. […]. Experience is, in this approach, not the origin of our explanation, but that which we want to explain.“
(Joan W. Scott, Experience, in: Judith Butler / Joan W. Scott (Hg.), Feminists Theorize The Political, Routledge: New York, 1992, 22 – 40 [26, 38]).

„Theory [… is] not simply a metaphysical abstraction or discursive play. […]. Theory, then, is not opposed to experience but is the necessary supplement of experience (to use Derrida’s term in order to deconstruct his deconstruction of theory): theory historicizes experience and displays the social relations that have enabled it to be experienced as ‚experience.‘ Such a knowledge prevents us from essentializing experience and make it possible to produce new experience by transforming the dominant social relations.“
(Teresa L. Ebert, Ludic Feminism, the Body, Performance, and Labor: Bringing Materialism Back into Feminist Cultural Studies, in: Cultural Critique Winter 1992/93, 5 – 50 [13 f.] – Hv. i.O.)

Die „primäre Erfahrung“ ist durchaus keine reine Erfahrung, frei von Theorie, – sie ist nur frei von wissenschaftlicher Theorie, aber in ihr stecken schon immer „wir selbst […], unsere dumpfen Leidenschaften, unsere unbewußten Wünsche“
(Gaston Bachelard, Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes, Suhrkamp: Frankfurt am Main, 1984 [frz. Originalausgabe: Librairie Philosophique J. Vrin: Paris, 1938], 91 – Hv. d. TaP).
Theorie ist also ein Mittel, um uns über uns selbst klar zu werden.

Und:

„Es wäre übrigens ein schwerer Irrtum anzunehmen, die empirische Erkenntnis könne auf der Ebene der streng assertorischen Erkenntnis verbleiben, indem sie sich auf eine simple Affirmation von Tatsachen beschränkte.“
(ebd., 89).

Oder in anderen Worten:
„Im übrigen meinte man, daß man einfach nur die Quellen betrachten und versuchen sollte, sie für sich selbst sprechen zu lassen. Die Gefahr eines solchen Ansatzes besteht darin, daß er theoretisch unbewußt bleibt“, aber „unterschwellig“ dennoch „theoretische Ansätze verwendet“
(Interview mit Gareth Stedman Jones [geführt von Peter Schöttler], in: Gareth Stedman Jones, Klassen, Politik und Sprache. Für theorieorientierte Sozialgeschichte hrsg. von Peter Schöttler, Westfälisches Dampfboot: Münster, 1988, 277-317 [292, s.a. 307: ‚Projektionen der Historiker‘]).

Der Alltagsverstand ist auch ‚nur’ eine Theorie, aber eine Theorie, die sich selbst untheoretisch dünkt – und daher weniger reflektiert (und d.h.: weniger selbstkritisch) ist:
„This means that even such a seemingly natural and nontheoretical practice as common sense (as Gramsci argues in Prison Notebooks) is a frame of intelligibility, a theory, but one that conceals its mode of knowing, representing it as the ‚way things are.‘“ (Ebert, a.a.O., 13).

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Worum geht es eigentlich dem transgenialen CSD?

Eine feministisch-kommunistische Kritik

Als .pdf-Datei zusammengesampelt aus:

http://theoriealspraxis.blogsport.de/2010/07/03/intersektionalitaet-und-gesellschaftstheorie/
und
http://theoriealspraxis.blogsport.de/2010/06/20/eine-radikale-geste-mit-schalem-nebengeschmack/.

Vgl. zur Kritik des Menschenrechts-Pathos die einschlägigen Beiträge in der hiesigen Kategorie „Rechtstheorie / Juristisches / Antirep“.

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Kurz und bündig: Zwei Einführungen in den Feminismus

aus Anlaß von

Antidemokratische Aktion – 12. Oktober 2009 um 15:10 Uhr
beim Mädchenblog

und

antikap – 14. Oktober 2009 um 22:41 Uhr bei Theorie und Praxis:

1. Redaktionskollektiv [der Zeitschrift Perspektiven. Zeitschrift für sozialistische Theorie (Marburg)]
Auf zu neuen Ufern!
in: Perspektiven, H. 4: Feminismus/Marxismus, Nov. 1988, 5 – 14.

Der Text gibt einen knappen Überblick über die Geschichte der neuen Frauenbewegung in der BRD von ’68 bis Mitte/Ende der ’80er Jahre sowie über das ‚real’sozialistisch-marxistische Verständnis der „Frauenfrage“, den radikalfeministischen Bielefelder Ansatz von Maria Mies, Veronika Bennholdt-Thomsen und Claudia von Werlhof sowie den sozialistischen Feminismus wie er in der BRD und Westberlin vor allem von den Frauen in der und um die Redaktion der philosophischen und sozialwissenschaftlichen Westberliner Zeitschrift Das Argument vertreten wurde.
Unter dem Gesichtspunkt des Heft-Themas „Feminismus/Marxismus“ werden der in den 70er und 80er Jahren vor allem in den USA starke, mittlerweile auch in BRD angekommene liberale Feminismus sowie – vor allem in BRD und anderen west- und nordeuropäischen Ländern starke – sozialdemokratisch-frauenbewegte Position nicht behandelt.
Ebenfalls nicht behandelt werden laut AutorInnen „diejenigen radikalfeministischen Theorieansätze, die in letzter Konsequenz auf die Überwindung des Kapiatlismus verzichten bzw. sie nicht für wichtig erachten“ (meine Hv.). Auf welche das gemünzt war, ist mir nicht klar.

2. Cornelia Eichhorn
Zwischen Dekonstruktion und Identitätspolitik. Eine Kritik zur feministischen Debatte um Judith Butler
in: Die Beute. Politik und Verbrechen (Edition ID-ArchivAmsterdam/Berlin), 1/1994, 40-43.

Der zweite Text war rund ein halbes Jahrzehnt später und damit schon nach Veröffentlichung von Judith Butlers Buch Gender Trouble / Das Unbehagen der Geschlechter erschienen.
Der Aufsatz von Cornelia Eichhorn verortet Butlers Neuansatz im Kontext des Unterschiedes zwischen Gleichheits- und Differenzfeminismus. Beide dokumentierten Texte mit einander verknüpfend wäre zu sagen, daß der Bielefelder Ansatz eine spezifische Variante des Differenzfeminismus darstellt; der sozialistische Feminismus dagegen eher eine Variante des Gleichheitsfeminismus.
Freilich unterscheidet sich der sozialistische Feminismus dadurch von liberalen und sozialdemokratischen frauenbewegten Positionen, daß er nicht nur auf GleichbeRECHTigung und instiutionelle Politik fixiert ist, sondern im Rahmen eines stärker bewegungsorientierten Ansatzes auf eine grundlegende Transformation der gesellschaftlichen Verhältnisse zielt.
Andere Differenzansätze sind neben dem Bielefelder Ansatz das italieniesche affidamento-Konzept, der französische Differenzfeminismus von Irigaray, Kristeva und Cicoux sowie der – gelegentlich auch „kulturell“ genannte – Ansatz von Adrienne Rich. Als radikal- oder differenzfeministisch ist auch der Ansatz von Catharine A. MacKinnon zu bezeichnen, die aber anders als die meisten anderen Differenzfeministinnen sehr stark auf staatlich-juristische Maßnahmen setzt.

Ergänzend sei noch
► bezgl. Butlers Verhältnis zum Marxismus auf ihren Aufsatz
Merely Cultural [aus Uni-Netzen kostenlos]
in: New Left Review Iss. 227 1998, 33 – 44
(zur damaligen die Debatte in der New Left Review über Identitätspolitik, die nach Ansicht einiger DiskussantInnen das charakteristische Merkmal der sog. Neuen sozialen Bewegung ist [Butler weist dagegen den Vorwurf, diese seinen merely cultural zurück] und Interessenspolitik, die angeblich die Arbeiterbewegung auszeichne, siehe den dortigen Aufsatz von Frieder Otto Wolf)

► zum Unterschied zwischen Butlers De-Konstruktion des Geschlechts und Ursula Scheus 7er Jahre-Buch Wir werden nicht als Mädchen geboren – wir werden dazu gemacht auf
meinen dortigen Text

► Cornelia Klinger,
Liberalismus – Marxismus – Postmoderne
. Der Feminismus und seine glücklichen oder unglücklichen ‚Ehen‘ mit verschiedenen Theorieströmungen im 20. Jahrhundert, in: Antje Hornstein / Gabriele Jähnert / Annette Schlichter (Hg.), Kritische Differenzen – Geteilte Differenzen. Zum Verhältnis von Feminismus und Postmoderne, Westdeutscher Verlag: Opladen / Wiesbaden, 1998, 18 – 41.

► als zwei für die linksradikal-autonome Diskussion Ende der 80er / Anfang der 90er Jahre wichtige Texte auf
++ Ingrid Strobl
Die Angst vor den Frösten der Freiheit
und
++ Klaus Viehmann u.a.
Drei zu Eins. Klassenwiderspruch, Rassismus und Sexismus

► das Emma-Interview mit der deutschen feministische Stadtguerillagruppe Rote Zora von 1984

► für eine Unterscheidung zwischen einem ’spielerischen‘ und einem widerständig-materialistischen, postmodernen Feminismus auf
Teresa L. Ebert
Ludic Feminism, the Body, Performance, and Labor: Bringing Materialism Back into Feminist Cultural Studies [aus Uni-Netzen kostenlos]
in: Cultural Critique, Iss. 23 Winter 1992/93, 5 – 50

sowie schließlich

► auf die weiteren links in der rechten Randspalte in der Kategorie „Frgmente klass[ischer] fem[inistische] Texte“ [diese links sind mittlerweile dort hin verschoben, TaP 06.05.2011]

verwiesen.

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