Tag-Archiv für 'jenny-bourne'

Kritik essentialistischer Identitätspolitik

I. Die queer-​​dekonstruktivistische Kri­tik essen­tia­lis­ti­scher Iden­ti­täts­kon­zep­tio­nen

„[…], gen­der is always a doing, though not a doing by a sub­ject who might be said to preexist the deed. […]. There is no gen­der iden­tity behind the expres­si­ons of gen­der; that iden­tity is per­for­ma­tively con­sti­tu­ted by the very ‚expres­si­ons’ that are said to be its results.”
(Judith But­ler, Gen­der trou­ble, New York /​ Lon­don, 1990, 25).

„[…] gen­der ist ein Tun, wenn auch nicht das Tun eines Sub­jekts, von dem sich sagen ließe, daß es bereits vor der Tat exis­tierte. […]. Hin­ter den Äuße­run­gen von Geschlecht* liegt keine Geschlechts­iden­ti­tät, viel­mehr wird diese Iden­ti­tät gerade per­for­ma­tiv durch diese ‚Äuße­run­gen’ kon­sti­tu­iert, von denen gesagt wird, daß sie das Resul­tat jener Iden­ti­tät seien.“ (eigene Über­set­zung)
* gemeint sind: ver­ge­schlecht­li­che Hand­lun­gen, kul­tu­relle Codes etc.

„If gen­der attri­bu­tes, howe­ver, are not expres­sive but per­for­ma­tive*, then the­ses attri­bu­tes effec­tively con­sti­tute the iden­tity they are said to express or reveal. The dis­tinc­tion bet­ween expres­sion and per­for­ma­ti­vi­ness is cru­cial. If gen­der attri­bu­tes and acts, the various ways, in which a body shows or pro­du­ces its cul­tu­ral signi­fi­ca­tion, are per­for­ma­tive, then there is no preexis­ting iden­tity by which an act or attri­bute might be mea­su­red; […]“
(Judith But­ler, Gen­der Trou­ble, Rout­ledge: New York, 1990, 141).

* per­for­ma­tive (≈ her­vor­brin­gend) ‹ lat. per-​​ (= durch und durch, völ­lig, von Grund auf) + lat. for­mare (= gestal­ten, bil­den).

„Wenn die Eigen­schaf­ten der Geschlech­ter nicht aus­drü­ckend, son­dern her­vor­brin­gend [prä­zi­ser: her­vor­ge­bracht, TaP] sind, dann kon­sti­tu­ie­ren diese Eigen­schaf­ten die Iden­ti­tät, von der behaup­tet wird, daß sie sie aus­drü­cken oder offen­ba­ren wür­den. Die Unter­schei­dung zwi­schen Aus­druck und Per­for­ma­ti­vi­tät [Her­vor­brin­gung] ist zen­tral: Wenn die Eigen­schaf­ten der Geschlech­ter und die geschlecht­li­chen Hand­lun­gen, die ver­schie­de­nen For­men, in denen ein Kör­per seine kul­tu­relle Bedeu­tung zeigt oder pro­du­ziert, per­for­ma­tiv sind, dann gibt es keine vor­gän­gig exis­tie­rende Iden­ti­tät, an der diese Eigen­schaf­ten oder Hand­lun­gen gemes­sen wer­den könn­ten, […].“ (eigene Über­set­zung)

„[…] das Poli­ti­sche besteht […] gerade darin, […] Iden­ti­tä­ten immer wie­der neu zu kon­sti­tu­ie­ren.“
(Sabine Hark, S. 107; s. genaue Lit.angabe in der FN)

II. queer avant la lettre – Jenny Bour­nes Kri­tik am iden­ti­täts­po­li­ti­schen main­stream der 1980er Jahre

Jenny Bourne, Home­lands of the minds, Jüdi­scher Femi­nis­mus und Iden­ti­täts­po­li­tik (1987 oder spä­ter, aber vor 1992) (mit einer Vor­be­mer­kung von 1992)
in: dies. /​ A. Siva­n­an­dan /​ Fiz Fekete
From Resis­tance to Rebel­lion. Texte zur Rassismus-​​Diskussion
Schwarze Risse /​ Rote Straße: Berlin/​Göttingen, 1992, 109 – 145.

„Die Poli­tik der Iden­ti­täts­fin­dung betrach­tet das Erken­nen und das Ent­de­cken der eige­nen Iden­ti­tät als obers­tes Ziel. […]. Der große Feh­ler besteht darin, Iden­ti­täts­fin­dung als ein Ziel und nicht so sehr als Mit­tel zu begrei­fen. […]. Iden­ti­tät ist [aber im Gegen­satz dazu, TaP] nicht so sehr eine Vor­aus­set­zung für poli­ti­sches Han­deln, son­dern sie ent­steht oft erst dar­aus.“ (144).1

„Iden­ti­täts­po­li­tik ist zur Zeit der große Ren­ner. Aus­beu­tung ist ‚out’ und gilt als von außen her deter­mi­niert. Unter­drü­ckung ist ‚in’ und gilt als von innen her­aus per­sön­lich. Die Frage nach dem rich­ti­gen Han­deln wurde durch die Frage nach dem rich­ti­gen Sein ersetzt. Wer bin ich? Die poli­ti­sche Kul­tur ist von einer Poli­tik des Kul­tu­rel­len abge­löst wor­den. Die mate­ri­elle Welt hat sich ins Meta­phy­si­sche ver­flüch­tigt. Die Schwar­zen, die Frauen, die Les­ben und Schwu­len, alle haben sich auf die Suche nach ihrer Iden­ti­tät bege­ben.“ (110, s.a. 112, 114). (mehr…)

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Auf zu „Schwarze Risse“ in den Mehringhof!

Ich erwähnte neu­lich das Buch

From Resis­tance to Rebel­lion. Texte zur Rassismus-​​Diskussion
Schwarze Risse /​ Rote Straße: Berlin/​Göttingen, 1992
172 Sei­ten

mit Tex­ten von Jenny Bourne, A. Siva­n­an­dan und Fiz Fekete. Die letz­ten Exem­plare des unbe­dingt lesens­wer­ten Buches sind z.Z. für nur 3 Euro im Ber­li­ner Buch­la­den „Schwarze Risse“ im Meh­ring­hof (U-​​Bahnhof Meh­ring­damm [U 6 und U 7]) erhält­lich.

Rück­wär­ti­ger Klap­pen­text:

„End­lich hat eine radi­kale Dis­kus­sion um den Anti­ras­sis­mus auch in der hie­si­gen Lin­ken begon­nen. Ange­sto­ßen wurde sie nicht zuletzt durch die Selbst­or­ga­ni­sie­rung schwar­zer Grup­pen in der BRD.
Die Geschichte des anti­ras­sis­ti­schen Kamp­fes der Schwar­zen (als poli­ti­scher Begriff) in Bri­tain ist älter und fort­ge­schrit­te­ner.
‚From resis­tance to rebel­lion’ beschreibt diese Geschichte in ihren ver­schie­de­nen Sta­dien.
Die ande­ren Texte geben ein Bild der Debat­ten um einen radi­ka­len Anti­ras­sis­mus­be­griff, einen femi­nis­ti­schen Anti-​​Rassismus und bezie­hen sich auf mili­tante Pra­xis.“

Aus dem Vor­wort (S. 9-​​10 [9]):

„Ras­sis­mus ist ein sehr viel mili­tan­te­rer Begriff [als „Aus­län­der­feind­lich­keit“, „Dis­kri­mi­nie­rung“ oder „mul­ti­na­tio­nale Klas­sen­zu­sam­men­set­zung], der eine Sys­te­ma­tik von Aus­beu­tung und Unter­drü­ckung beschreibt und sie in einen glo­ba­len, impe­ria­lis­ti­schen Kon­text setzt.“

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Rassismus – „Vorurteil“ oder gesellschaftliche Struktur?

Bereits 1984 wandte sich Jenny Bourne unter der Über­schrift „Für einen anti-​​rassistischen Femi­nis­mus“ gegen eine Kon­zep­tio­nie­rung von Ras­sis­mus als Samm­lung von „Vor­ur­tei­len“. Der Text wurde zunächst auf Eng­lisch in Lon­don vom Insti­tute of Race Rela­ti­ons ver­öf­fent­licht. Als – unge­hef­tete – Mini-​​Broschüre/​Flugschrift (ohne Ver­lags­an­gabe und Erschei­nungs­ort) wurde er wohl zunächst 1991 ins Deut­sche über­setzt und ver­brei­tet. Im Jahr dar­auf wurde er – zusam­men mit einem wei­te­ren Text der Ver­fas­se­rin in das Buch From Resis­tance to Rebel­lion. Texte zur Rassismus-​​Diskussion (Schwarze Risse /​ Rote Straße: Berlin/​Göttingen, 1992), das außer­dem Texte von A. Siva­n­an­dan und Fiz Fekete ent­hält, auf­ge­nom­men. Das fol­gende Zitat doku­men­tiert mit gering­fü­gi­gen Aus­las­sun­gen den Abschnitt „Ras­sis­mus – ein indi­vi­du­el­les Pro­blem?“ (mehr…)

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Herrschaft oder Kommunismus – eine falsche Frage?

[Der fol­gende Text ist die Lang­fas­sung eines Bei­tra­ges in ak 445 vom 21.12.2000; vgl. die Vor­be­mer­kung zu: http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​0​/​0​8​/​3​1​/​w​e​s​s​e​n​-​g​e​w​a​l​t​-​h​a​t​-​d​i​e​-​m​a​c​h​t​-​s​e​x​y​-​z​u​-​sein/. Nach einer wei­te­ren Replik schrieb ich schließ­lich noch einen drit­ten Text zum Thema.]

Ich möchte im fol­gen­den die seit meh­re­ren Aus­ga­ben in ak geführte Debatte über Sexua­li­tät und ins­be­son­dere Herr­schaft fort­füh­ren. Da die post-​​feministische Legende von bösen 70ern, in den böse Les­ben arme Heteras unter­drückt haben sol­len, mit dem Arti­kel von Chris­tian Klesse nun auch ak erreicht hat , da ein­mal mehr mit lin­ker, femi­nis­ti­scher Poli­tik als ein „repres­si­ves Klima“ schaf­fend (ak 443, 26) abge­rech­net wird, erscheint es mir aller­dings als not­wen­dig, diese Debatte nicht in der bis­he­ri­gen Weise fort­zu­set­zen, son­dern die grund­sätz­li­che Frage auf­zu­wer­fen: Wel­che Bedeu­tung kann/​soll Herr­schafts­kri­tik für heu­tige linke Poli­tik noch haben?

Voll­stän­di­ger Text als .pdf-​​Datei.

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Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten!

Anmer­kun­gen zur Res Streh­les „Ein­füh­rung in die poli­ti­sche Ökono­mie“

Res Strehle
Ein­füh­rung in die poli­ti­sche Ökono­mie:
KAPI­TAL UND KRISE
Schwarze Risse /​ Rote Straße: Berlin/​Göttingen, 1991
186 S., 18 DM

Das Buch gibt aus autonom-​​operaistischer Sicht eine Ein­füh­rung in die poli­ti­sche Ökono­mie. Nach metho­di­schen Vor­be­mer­kun­gen (Kapi­tel 1) fol­gen Aus­füh­run­gen zur Wert­theo­rie (Kapi­tel 2), zur Kri­sen­theo­rie (Kapi­tel 3), zur Imperialismus-​​Theorie, und darin ein­ge­floch­ten zum Patri­ar­chat, (Kapi­tel 4 und 5), zur Poli­ti­schen Tech­no­lo­gie (Kapi­tel 6), zur Geld­theo­rie (Kapi­tel 7) und zur Sys­tem­theo­rie (Kapi­tel 8 ) sowie eine Schluß­be­mer­kung „Ueber Poli­ti­sche Oeko­no­mie hin­aus“.
Im fol­gen­den wer­den aus Sicht des Rezen­sen­ten zunächst stich­punkt­ar­tig die posi­ti­ven Sei­ten des Buches benannt. Im Anschluß daran werde ich ver­su­chen, in kri­ti­scher Aus­ein­an­der­set­zung mit vier zen­tra­len Kom­ple­xen aus Res Buch Anknüp­fungs­punkte für die wei­tere Debatte über linke, revo­lu­tio­näre Per­spek­ti­ven zu benen­nen.

Über­blick

I. Zunächst das Licht
1. Leichte Les­bar­keit
2. Inhalt­li­che Stär­ken des Buches
3. Res‘ Kri­ti­ken des Refor­mis­mus
4. Auto­nome Selbst­kri­tik
5. Post-​​Fordismus und Dere­gu­lie­rung

II. Nun zum Schat­ten
A. Über­blick und Ein­zel­kri­ti­ken
B. grund­le­gende Defi­zite
1. Res huma­nis­ti­sche Konsum-​​ und Tech­nik­kri­tik und deren ver­schwö­rungs­theo­re­ti­schen Kon­se­quen­zen
2. Res‘ Nähe zur „Ortho­do­xie“, beson­ders seine kapital-​​funktionale Erklä­rung des Patri­ar­chats

C. theo­re­ti­sche Ursa­chen
1. Theo­rie ist keine Hand­werks­ord­nung
2. Imperialismus-​​Theorie
a) Kri­sen­theo­rie und „Gesetz vom ten­den­zi­el­len Fall der Pro­fi­trate“ bei Marx
b) Rosa Luxem­burg war weder Auto­nome noch Femi­nis­tin
c) Res Streh­les Imperialismus-​​Theorie
d) Lenins Imperialismus-​​Theorie in der Dar­stel­lung von Res
3. Hegel und die Dia­lek­tik
a) Res‘ Hegel-​​Rezeption
b) Das Ver­hält­nis von Marx und Hegel
c) Zur These von der „angewandte(n) Dia­lek­tik“

III. Resü­mee /​ Per­spek­ti­ven
1. Das Nach­wort von Det­lef Hart­mann
2. Anknüp­fungs­punkte für die wei­tere Dis­kus­sion

[Es emp­fiehlt sich, zur Lek­türe die .pdf-​​Bild-​​Datei eines alten Aus­drucks die­ses Texts zu ver­wen­den und diese .html-​​Version nur zur Nut­zung der Suche-​​Funktion, die in der Bild-​​Datei nicht zur Ver­fü­gung steht. Denn ich habe bis­her nur die ers­ten 15 (von fast 200) Fuß­no­ten, aber noch keine Her­vor­he­bun­gen im Text (außer Zwi­schen­über­schrif­ten) wie­der­her­ge­stellt. Vgl. im übri­gen meine Anmer­kun­gen zur Wie­der­ver­öf­fent­li­chung.]

I. Zunächst das Licht (mehr…)

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