Tag-Archiv für 'foucault'

Noch ein paar Überlegungen zur ‚Produktivität der Macht’

Ich1 würde sagen: Fou­cault wen­det sich – mit dem in den bei­den vor­her­ge­hen­den posts (1 und 2) ange­führ­ten Zitat aus Dis­po­si­tive der Macht – auch gegen die Vor­stel­lung, daß die­je­ni­gen, die land­läu­fig ‚die Unter­drück­ten’ genannt wer­den, etwas ‚Natür­li­ches’ (eine natür­li­che Gruppe /​ Art von Men­schen) sind, die wegen des­sen, was sie ‚natür­li­cher­weise’ sind, unter­drückt wer­den – was kon­se­quent zu Ende gedacht zu der Vor­stel­lung füh­ren müs­sen, daß es für die, die land­läu­fig ‚die Unter­drü­cker’ genannt wer­den, am bes­ten wäre – daß sie mit ihrer ‚Unterdrückungs’praxis erfolg­reich wären –, wenn die sog. ‚Unter­drück­ten’ gar nicht mehr exis­tie­ren wür­den.

Letz­te­res trifft aber aus­schließ­lich auf den eli­mi­na­to­ri­schen Anti­se­mi­tis­mus zu; für den Nor­mal­fall von Herr­schaft und Aus­beu­tung gilt viel­mehr:

++ die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­weise benö­tigt, um funk­tio­nie­ren zu kön­nen, Lohn­ab­hän­gige,

++ das patri­ar­chale Geschlech­ter­ver­hält­nis benö­tigt, um funk­tio­nie­ren zu kön­nen, Frauen;

++ der Ras­sis­mus benö­tigt, um funk­tio­nie­ren zu kön­nen, Schwarze.

Dies führt wie­derum zu der Schluß­fol­ge­rung,

++ daß es die herr­schen­den Ver­hält­nisse sind, die die Lohn­ab­hän­gi­gen, Frauen und Schwar­zen her­vor­brin­gen (= Indi­vi­duen zu Sub­jekte mit den genann­ten gesell­schaft­li­chen Stel­lun­gen machen, mit den sich die Sub­jekt durch­aus iden­ti­fi­zie­ren und iden­ti­fi­zie­ren ‚müs­sen’ = Pro­duk­ti­vi­tät der Macht);

++ und daß die Über­win­dung der Gänze der herr­schen­den Ver­hält­nisse das Ver­schwin­den von Lohn­ab­hän­gi­gen (und Kapi­ta­lis­tIn­nen), Frauen (und Män­nern), Schwar­zen (und Wei­ßen) ein­schließt;

++ und daß die Iden­ti­fi­zie­rung mit der eige­nen gesell­schaft­li­chen Posi­tion zwar immer wie­der eine tak­ti­sche Not­wen­dig­keit im Beste­hen, aber keine Stra­te­gie zur Über­win­dung der beste­hen­den Ver­hält­nisse ist.

  1. - nach Lesen von https://​www​.face​book​.com/​j​o​a​c​h​i​m​s​c​h​i​l​l​h​a​h​n​/​p​o​s​t​s​/​1​6​6​2​1​0​9​0​2​7​1​51938 – [zurück]
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Zur Kritik der Repressionshypothese bzw. des Ausdrucks „Unterdrückung“

Viele Linke benut­zen den Aus­druck „Unter­drü­ckung“ um die herr­schen­den Ver­hält­nisse zu beschrei­ben und zu kri­ti­sie­ren. Ich möchte kurz drei Gründe nen­nen, warum mir der Aus­druck nicht beson­ders tref­fend zu sein scheint:

1. Der Aus­druck „Unter­drü­ckung“ hat eine ‚inner­li­che’ (psy­cho­lo­gi­sche) Kon­no­ta­tion1; da­mit wird der Aus­druck jeden­falls dann pre­kär, (mehr…)

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Was ist subjektivierende Unterwerfung?

Aus­zug aus einem älte­ren und län­ge­ren Text von mir (S. 73 – 74):

Fou­caults Ana­lyse der Macht als pro­duk­tiv ver­hin­dert es nicht, Macht im Zusam­men­hang mit Herr­schaft zu the­ma­ti­sie­ren. Viel­mehr bezieht sich Fou­cault selbst für seine Ana­lyse der Pro­duk­ti­vi­tät der Macht aus­drück­lich auf Marx: (mehr…)

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Für eine rätesozialistische De-Konstruktion des Demokratie-Begriff

In einer Bro­schüre der Gruppe *andere zustände ermög­li­chen (*aze) ist jetzt – am Anfang des ver­gan­ge­nen Jah­res ent­stan­de­ner – gemein­sa­mer Text von Micha Schilwa und mir mit dem Titel

Für eine räte­so­zia­lis­ti­sche De-​​Konstruktion des Demokratie-​​Begriff

erschie­nen.

Außer­dem sind in der Bro­schüre Bei­träge von *aze selbst, von einem Genos­sen der Inter­ven­tio­nis­ti­schen Lin­ken (IL) sowie der Gruppe never­go­ing­home.

Die Bro­schüre ist in digi­ta­ler Form auf der home­page von *aze und (in Kürze) in gut sor­tier­ten Info-​​ und Buch­lä­den kos­ten­los erhält­lich.

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Gibt es vielleicht wieder Bedarf? – Geamtverzeichnis der Zeitschift „alternative“ (1963-1982)

Ich stelle hier mit das Gesamt­ver­zeich­nis der von 1964 bis 1982 von Hil­de­gard Bren­ner ver­ant­wor­te­ten West­ber­li­ner Zeit­schrift alter­na­tive als .pdf-​​Bild-​​Datei zur Ver­fü­gung. Die Zeit­schrift spielte u.a. eine wich­tige Rolle für die deutsch­spra­chige Rezep­tion des fran­zö­si­schen struk­tu­ra­len Mar­xis­mus (Louis Alt­hus­ser u.a. [1, 2, 3]) und des fran­zö­si­schen Struk­tu­ra­lis­mus.

alternative-cover, H. 117, 1977

„Als Ans­gar Skri­ver 1963 Ber­lin ver­las­sen hatte, über­nahm Anfang 1964 Hil­de­gard Bren­ner den Ver­lag und die Her­aus­gabe der Zeit­schrift [alter­na­tive], nun­mehr unter dem Titel [lies: nun­mehr mit dem Untertitel] ‚Zeit­schrift für Lite­ra­tur und Dis­kus­sion‘. Die Jahr­gänge zähl­ten mit Jahr­gang 7 wei­ter. Der Ver­lag erhielt den Namen der Zeit­schrift. Redak­ti­ons­mit­glie­der waren neben Hil­de­gard Bren­ner u.a. Georg Fül­berth, Helga Gal­las, Klaus Laer­mann, Hel­mut Lethen, Hart­mut Ross­hof, Peter B. Schu­mann; Gestal­tung: Ulrich Harsch.
Das erste von Hil­de­gard Bren­ner ver­ant­wor­tete Heft ‚Schrift­stel­ler in der DDR‘ ent­hielt als Erst­ver­öf­fent­li­chun­gen Texte von Vol­ker Braun, Peter Hacks, Hart­mut Lange, Christa Rei­nig, Johan­nes Bobrow­ski, Wolf Bier­mann, Gün­ter Kunert, Hei­ner Mül­ler, Franz Füh­mann, Bernd Jentzsch u. a.
The­men waren u.a.: Was ist ein natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Roman? (Heft 36); die Samm­lung tsche­cho­slo­wa­ki­scher Lyrik, Prosa und Dra­ma­tik mit Tex­ten von Milan Kun­dera, Václav Havel u. a. (Heft 42/​43); eine Doku­men­ta­tion zur Struk­tu­ra­lis­mus­dis­kus­sion mit Bei­trä­gen u. a. von Louis Alt­hus­ser, Roland Bart­hes, Michel Fou­cault, Lucien Gold­mann, Jac­ques Lacan, Claude Lévi-​​Strauss und Jean-​​Paul Sartre (Heft 54); und die Aus­gabe ‚Der andere Blick – femi­nis­ti­sche Wis­sen­schaft?‘ (Heft 120/​121)
Mit dem Heft 145/​146 ‚Im Auf­riß‘ stellte die Zeit­schrift 1982 ihr Erschei­nen ein. Dazu die Redak­tion: ‚Die linke Theo­rie, wie ‚Alter­na­tive‘ sie mit­ge­tra­gen hat, hat … kei­nen Ort und kei­nen Refle­xi­ons­raum mehr. … Und die sich inner­halb der sozia­len Pro­test­be­we­gun­gen zur Wehr set­zen, machen kei­nen Gebrauch von dem, was wir pro­du­zie­ren. Damit ver­liert eine Zeit­schrift wie ‚Alter­na­tive‘ nicht nur ihr Publi­kum, son­dern auch ihre Funk­tion.‘“

(Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Alternative_%28Zeitschrift%29)

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Themenübersicht – Kritik an der linksliberal-antifeministischen politischen Linie des transgenialen CSD (tCSD) in Berlin und des queeren mainstreams in der BRD überhaupt

I. Zur Pro­gram­ma­tik des trans­ge­nia­len CSD

Eine radi­kale Geste mit scha­lem Neben­ge­schmack:

„Auch der Auf­ruf zum trans­ge­nia­len CSD, der am kom­men­den Sams­tag (26.6.[2010]) statt­fin­det […], kommt ohne die Wör­ter ‚femi­nis­tisch‘ und ‚Femi­nis­mus‘ aus, […]. Der A-​​, wenn nicht sogar Anti-​​Feminismus scheint der heim­li­che Kon­sens von kom­mer­zi­el­lem und trans­ge­nia­lem CSD zu sein. Der­ar­ti­gen Ent­wick­lun­gen zuzu­ar­bei­ten war kei­nes­falls das Anlie­gen von Judith But­ler, als sie vor rund 20 Jah­ren gen­der trou­ble schrieb“.

Worum geht es eigent­lich dem trans­ge­nia­len CSD?

queere Glo­ba­li­sie­rung & impe­ria­len Begeh­rens

„Ich hätte ja nun wirk­lich gedacht, daß die linke Dis­kus­sion – zumal bei Leu­ten, die im ver­gan­ge­nen Jahr den main­stream-CSD noch als ‚ras­sis­tisch‘ kri­ti­sier­ten – über ras­sis­ti­sche Struk­tu­ren und deren Repro­duk­tion auch in der Lin­ken längst über den psy­cho­lo­gi­sie­ren­den und indi­vi­dua­li­sie­ren­den Begriff der ‚Vor­ur­teile‘ hin­aus ist; und daß in Zusam­men­hän­gen, die irgend­eine Affi­ni­tät (und sei es bloß als Bünd­nis­part­ne­rIn­nen) zur auto­no­men Szene haben, nicht nur die Frage gestellt wird ‚Wie las­sen sich Kon­flikte fried­lich lösen?‘, son­dern auch die Fra­gen: ‚Ist es immer mög­lich und wün­schens­wert Kon­flikte ‚fried­lich’ zu lösen?‘ und: ‚Sind ‚Gewalt­si­tua­tio­nen’ immer etwas, in das wir anschei­nend irgend­wie pas­siv hin­ein­ge­ra­ten und wo wir dann Ori­en­tie­rungs­schwie­rig­kei­ten haben und dann erst fra­gen müs­sen was wir ‚in’ ihnen tun kön­nen?‘, ‚Kann sich Wider­stand auf das Dogma der ‚gewalt­freien Kom­mu­ni­ka­tion’ fest­le­gen las­sen?‘
Zu die­ser gan­zen Fehlo­ri­en­tie­rung, die den Radi­ka­li­täts­an­spruch des tCSD weder ana­ly­tisch noch stra­te­gisch aus­wei­sen kann, son­dern unter­gräbt und prak­tisch auf eine Dif­fe­renz des kul­tu­rel­len Aus­drucks (Schmuddel-​​look statt Schi­cki­mi­cki) und des bes­se­ren Wol­lens redu­ziert, paßt auch noch, daß bei besag­tem tCSD-​​Treffen als Auf­gabe der – nach den sexu­el­len Beläs­ti­gun­gen des Vor­jah­res – für die­ses Mal zu schaf­fen­den awa­ren­ess-Struk­tur ‚Dees­ka­la­tion‘ (!) genannt wurde. Dees­ka­la­tion statt Par­tei­lich­keit! – aber: ach wie radi­kal sind wir und was für eine Spießer-​​Organisation ist der LSVD, der nur in der Mitte der Gesell­schaft ankom­men will.“
Kom­men­tar vom 06. Mai 2011; 17:54 Uhr

Trans­ge­nia­ler CSD 2011 in Ber­lin ohne offi­zi­el­len Auf­ruf?

„Der struk­tu­relle Begriff ‚Patri­ar­chat‘ ist also weg­ge­fal­len, und allein der auf ein­zelne Äuße­run­gen und Hand­lun­gen fokus­sie­rende Aus­druck ‚Sexis­mus‘ ste­hen­ge­blie­ben. [5] ‚Kapi­ta­lis­mus‘ wurde durch den aus glei­chem Grund zwei­deu­ti­gen Aus­druck ‚Klas­sis­mus‘ ersetzt. [6] Der immer­hin kon­krete, mate­ri­elle Hand­lun­gen benen­nende Begriff ‚Hete­ro­se­xis­mus‘ wurde weg­ge­las­sen; statt des­sen wird jetzt mit dem Begriff ‚Hete­ro­nor­ma­ti­vi­tät‘ allein auf ‚Nor­men‘ foku­siert.“

Selek­tive Wahr­hei­ten?

Als queer noch revo­lu­tio­när, aggres­siv und män­ner­feind­lich war – und sein durfte (bis­her 27 Kom­men­tare)

Eine „Revo­lu­tion“, bei der ich nicht den­ken darf, ist nicht meine – Einige Worte zum Ber­li­ner CSD-​​Wochenende 2011

Für einen femi­nis­ti­schen Anti-​​Humanismus!

II. Zur Pra­xis des tCSD

Sexu­elle Beläs­ti­gun­gen beim trans­ge­nia­len CSD in Ber­lin (erschie­nen beim mäd­chen­blog am 28.06.2010)

Umgang bei sexu­el­len Beläs­ti­gun­gen auf trans­ge­nia­len CSD (erschie­nen bei scharf-​​links am 24.06.2011 [!])

► Kom­men­tar bei indy­me­dia (Wo blei­ben die Argu­mente? – TaP 26.06.2011; 00:00 h)

„Wer/​welche bean­sprucht denn auch nur femi­nis­tisch zu sein?! In den Auf­ru­fen für den trans­ge­nia­len CSD ist das doch das große Tabu-​​Wort. Und des­halb kommt es dann näm­lich zu sol­chen Din­gen, wie dem laxen Umgang mit sexu­el­len Beläs­ti­gun­gen. Da zei­gen sich die ganz prak­ti­schen Kon­se­quen­zen der poli­ti­schen Linie des quee­ren main­streams.
Und dar­über soll­ten auch die­je­ni­gen – weni­gen – ins Erschre­cken gera­ten, die nicht femi­nis­tisch durch queer erset­zen, son­dern von ‚queer-​​feministisch‘ spre­chen: Wie femi­nis­tisch bzw. anti-​​feministisch die gän­gige queere Pra­xis in der BRD ist, ist eine Debatte, die über­fäl­lig ist.“

III. Vor­schlag für eine feministisch-​​revolutinäre Aus­rich­tung

Back to the future: Für einen femo-​​genialen tCSD 2012!

IV. Zum theo­re­ti­schen und poli­ti­chen Kon­text der Debatte (mehr…)

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Transgenialer CSD 2011 in Berlin ohne offiziellen Aufruf?

-- Die­ser Text jetzt als .pdf-Datei und mit einer Kor­rek­tur der Fuß­note 7 --

Für den heu­ti­gen trans­ge­nia­len CSD (tCSD) [0] scheint [1] es kei­nen gemein­sam getra­ge­nen Auf­ruf zu geben. Ges­tern wurde im blog des tCSD in der Rubrik „Presse“ ein „Bei­trag zum Motto des Trans­ge­nia­len CSD 2011“ über­schrie­be­ner Text ver­öf­fent­licht (siehe dort oder auch dort – meine Hv.). Die­ser Text weicht an eini­gen Stel­len in inhalt­li­cher und sti­lis­ti­scher Hin­sicht erheb­lich von dem zuletzt als Aufruf-​​Entwurf dis­ku­tier­ten Text ab.

Soweit ich direkt an der For­mu­lie­rung der nun weg­ge­las­se­nen oder umfor­mu­lier­ten Stel­len betei­ligt war, so seien diese hier ver­merkt:

► Im Abschnitt „Daten hel­fen da auch nicht wei­ter!“ heißt es jetzt – in Bezug auf den Zen­sus 2011 – „Auf Grund­lage der Kate­go­rien wird wei­ter­hin dis­kri­mi­nie­rende Poli­tik gemacht.“ Zuvor waren an die­ser Stelle – statt der vage Rede von „diskriminierende[r] Poli­tik“ [2] – bei­spiel­haft einige gesell­schaft­li­che Grup­pen genannt, gegen die in der BRD Poli­tik gemacht wird. In der Aufruf-​​Diskussion hatte ich in Bezug auf andere Text­stel­len vor­ge­schla­gen gehabt, den indi­vi­dua­li­sie­ren­den Begriff „Dis­kri­mi­nie­rung“ durch die struk­tu­rel­le­ren Begriffe „Herr­schaft und Aus­beu­tung“ zu erset­zen.

► Im Abschnitt der jetzt die Über­schrift „Zwei-​​Geschlechter-​​Ordnung abschaf­fen!“ trägt, steht nun: „Wir stel­len uns gegen eine Ord­nung, die nur zwei Geschlech­ter kennt und alle Men­schen, die sich nicht einem Geschlecht zuord­nen wol­len und_​oder kön­nen, stig­ma­ti­siert!“ (meine Hv.) Zuvor stand an die­ser Stelle: „Wir stel­len uns gegen die Zwei-​​Geschlechter-​​Ordnung, wel­che alle Men­schen, die sich nicht einem Geschlecht zuord­nen wol­len und_​oder kön­nen, stig­ma­ti­siert!“

Die neue For­mu­lie­rung („die nur zwei Geschlech­ter kennt“) impli­ziert im Gegen­satz zur alten eine Stra­te­gie der Ver­viel­fa­chung der Geschlech­ter. Ich plä­diere dage­gen in Anschluß an Über­le­gun­gen von Judith But­ler und Moni­que Wit­tig für die Anstre­bung einer Auf­he­bung aller Geschlech­ter.

(mehr…)

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Intersektionalität und Gesellschaftstheorie

Theo­re­ti­sche Nach­be­mer­kun­gen zur CSD/​Rassismus-​​Debatte und zugleich not­wen­dige poli­ti­sche Anmer­kun­gen zum dies­jäh­ri­gen trans­ge­nia­len CSD

Zara wies in einem Kom­men­tar zu mei­nem Bei­trag „Noch ein­mal zu den Rassismus-​​Vorwürfen gegen den Ber­li­ner CSD“ auf den Text von Tove Soi­land „Die Ver­hält­nisse gin­gen und die Kate­go­rien kamen. Inter­sec­tio­na­lity oder Vom Unbe­ha­gen an der ame­ri­ka­ni­schen Theo­rie“ in der femi­nis­ti­schen internet-​​Zeitschrift querelles-​​net Nr. 26 aus dem Jahr 2008 hin.

Ich finde den Text auch sehr gut:

1. Ich teile den Ein­druck, daß auch der Inter­sek­tio­na­li­täts­an­satz letzt­lich zu einer bloß addi­ti­ven Sicht­weise ten­diert:

„Die Kate­go­rien kri­ti­scher Gesell­schafts­theo­rie zeich­nen sich […] dadurch aus, dass sie kom­plexe Mecha­ni­ken gesell­schaft­li­cher Pro­duk­tion und Repro­duk­tion bezeich­nen; sie bezeich­nen nicht oder nicht in ers­ter Linie Grup­pen. Und dies ver­weist zurück auf das Pro­blem, dass die For­de­rung nach inter­sek­tio­nel­len Ana­ly­sen in einem Dis­kri­mi­nie­rungs­dis­kurs behei­ma­tet ist. Kate­go­rien, die für das Pro­blem von Dis­kri­mi­nie­rung in Frage kom­men, sind nun aber nicht per se auch sol­che, die maß­geb­lich an der Orga­ni­sa­tion gesell­schaft­li­cher Pro­duk­tion und Repro­duk­tion betei­ligt resp. für diese zen­tral sind. Es geht [bei inter­sek­tio­na­len Ana­ly­sen, TaP], wie Dietze et al. (2007, S. 10) zu Recht for­mu­lie­ren, um ‚Kate­go­rien der Benach­tei­li­gung‘, die weni­ger kom­plexe Mecha­nis­men gesell­schaft­li­cher Orga­ni­sa­tion als die Zuschrei­bung ‚rea­ler‘ oder vor­ge­stell­ter Merk­male und die damit ver­bun­de­nen Vor­ur­teile bezeich­nen. So ist denn auch selbst­ver­ständ­lich die Anzahl der Gründe, die zu einer Benach­tei­li­gung Anlass geben, in der Ten­denz offen (Degele/​Winker 2007, S. 11) und macht es – im Bereich der Anti­dis­kri­mi­nie­rung – Sinn, nach die­sen zu fra­gen.“

Damit sind wir dann wie­der bei der Logik der Auf­zäh­lun­gen: Es wer­den ‚Benach­tei­li­gun­gen‘ auf­ge­lis­tet und deren Gründe auf­ge­zählt – und im Zwei­fels­fall hilft ein „usw.“ wei­ter.
Mit der Länge der Liste ist aber zur Adäquat­heit der Ana­lyse der Gründe und der dar­auf auf­ge­bau­ten poli­ti­schen Stra­te­gie noch nichts gesagt.1
Die poli­ti­sche Kon­se­quenz der Auf­zäh­lungs­lo­gik ist, daß im Ber­li­ner CSD/​Rassismus-​​Streit beide Sei­ten Opfer­kon­kur­renz betrei­ben und sich gegen­sei­tig vor­wer­fen: Judith But­ler und die Grup­pen, die sie – anschnei­nend mit ziem­lich wenig kon­kre­ten Infor­ma­tio­nen (vgl. 1 und 2 [am Anfang]) – brief­ten, wer­fen dem CSD eine Ver­nach­läs­si­gung des Kamp­fes gegen Ras­sis­mus vor oder sogar des­sen Kom­plize zu sein. Die andere Seite kon­tert mit dem Vor­wurf der Ver­nach­läs­si­gung des Kamp­fes gegen Anti­se­mi­tis­mus2, und der Kampf gegen Trans­pho­bie und Inter­se­xu­el­len­pho­bie wird von bei­den Sei­ten bean­sprucht3. Nur am Femi­nis­mus schei­nen beide Sei­ten glei­cher­ma­ßen wenig Inter­esse zu haben.

2. Ich teile den Ein­druck, daß es in Intersektionalitäts-​​Studien eine Ver­nach­läs­si­gung von Gesell­schafts­theo­rie gibt. Es wird eher auf (quan­ti­fi­zier­bare) Effekte geguckt als auf struk­tu­relle Ursa­chen (auch wenn der Anspruch teil­weise ein ande­rer ist):

„Es scheint, und dies ist für mich der eigent­li­che Grund, warum Erkennt­nisse aus dem Feld der Anti­dis­kri­mi­nie­rung nicht tel quel auf Fra­gen der Gesell­schafts­theo­rie über­tra­gen wer­den kön­nen, dass mit dem Wort ‚Kate­go­rie‘ zwei Dinge zugleich benannt wer­den, die kate­go­rial gese­hen nicht auf der­sel­ben Ebene lie­gen. So kann die beschrei­bende Sozio­lo­gie Inter­fe­ren­zen den­ken, weil sie diese als Merk­male kon­zi­piert. Umge­kehrt kann die For­de­rung, kom­plexe Dyna­mi­ken gesell­schaft­li­cher Pro­duk­tion und Repro­duk­tion inter­fe­rent zu den­ken, erheb­li­che Schwie­rig­kei­ten berei­ten und ist auch nicht in jedem Fall sinn­voll resp. kann nur ein­ge­löst wer­den, wenn diese Dyna­mi­ken wie­derum auf ‚Merk­male‘ einer Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit redu­ziert wer­den.“

Beide von Tove Soi­land gemein­ten Sei­ten bean­spru­chen über Kate­go­rien zu reden, wor­un­ter die einen aber beschrei­bende Merk­male ver­ste­hen und die ande­ren analytisch-​​erklärende Begriffe4. – Die wis­sen­schaft­li­che Kon­se­quenz davon, sich mit Merk­ma­len zu beschei­den (statt Begriffe zu erar­bei­ten), wird von Tove Soi­land klar aus­ge­spro­chen:

„Das eigent­li­che Unter­su­chungs­ob­jekt sind damit nicht die Mecha­nis­men der Segre­ga­tion, son­dern deren Effekte und daran anschlie­ßend die Frage, wie Grup­pen zu kon­zep­tua­li­sie­ren sind, um genü­gend kom­plex, das heißt, den rea­len sozio­lo­gi­schen Gege­ben­hei­ten ange­mes­sen zu sein.“ (Hv. d. TaP).

Und die poli­ti­sche Kon­se­quenz des Guckens auf Effekte und der Aufzählungs-​​Logik, die diese beim trans­ge­nia­len CSD hat­ten, hat die taz, wenn auch nicht aus inhalt­li­chem Inter­esse an revo­lu­tio­nä­rer Poli­tik, son­dern allein aus Häme-​​Gründen tref­fend auf den Punkt gebracht:

„Das Poli­ti­sche kam wahr­lich nicht zu kurz, ver­ur­sachte aber vie­len Teil­neh­mern auf­grund der lei­der nicht kom­mer­zi­el­len Laut­spre­cher­an­lage Kopf­schmer­zen. Die Ver­le­sung der Trak­tate kam so mit­un­ter nur als Hin­ter­grund­ka­ko­pho­nie an: ‚Ismus…istisch…Ismus‘. Bei nähe­rem Hin­hö­ren jedoch unter­schie­den sich die For­de­run­gen nicht wirk­lich von jenen, die auch auf den gro­ßen CSDs gestellt wer­den. Etwa dem Auf­ruf zu Soli­da­ri­tät mit Les­ben, Schwu­len, Bise­xu­el­len und Trans­gen­der in Ost­eu­ropa und in der gan­zen Welt und zur Bekämp­fung von Homo­pho­bie – plus einer Extra­por­tion Anti­ras­sis­mus und Kapi­ta­lis­mus­kri­tik.“

Weil auch der tCSD keine Begriffe von Kapi­ta­lis­mus, Ras­sis­mus und Patri­ar­chat hat, wird ver­mein­li­che Radi­ka­li­tät über die Länge von Auf­zäh­lun­gen, das Pathos von Adjek­ti­ven und sich über­schla­gen­der Stim­men sowie die mora­li­sie­rende Kri­tik böser Absich­ten und stra­te­gie­lose „sofort“-Forderungen („Für die sofor­tige Abschaf­fung des hete­ro­nor­ma­ti­ven Zwei­ge­schlech­ter­sys­tems!“ [Auto­trans]) ‚her­ge­stellt‘. So wurde etwa in der Manier links­par­tei­li­cher und gewerk­schaft­li­cher ver­kürz­ter Kapitalismus-​​Kritik gepol­tert: (mehr…)

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Ankündigungspolitik, die folgen zeigt:

Lange war es ange­kün­digt – nun geht es Schlag auf Schlag: Die­sen Monat erscheint Teil-​​Bd. 1; im März folgt Teil-​​Bd. 2:


Det­lef Geor­gia Schulze /​ Sabine Berg­hahn /​ Frie­der Otto Wolf (Hg.)
Rechts­staat statt Revo­lu­tion, Ver­recht­li­chung statt Demo­kra­tie?
Trans­dis­zi­pli­näre Ana­ly­sen zum deut­schen und spa­ni­schen Weg in die Moderne.

(StaR  P. Neue Ana­lyen zu Staat, Recht und Poli­tik. Serie A. Bd. 2)
West­fä­li­sches Dampf­boot: Müns­ter, Feb. (Teil-Bd.1) und März (Teil-​​Bd. 2) 2010

Ist die Rede vom „deut­schen Son­der­weg“ in der Geschichte gerecht­fer­tigt? Müßte dann nicht auch von einem „spa­ni­schen Son­der­weg“ gespro­chen wer­den? (mehr…)

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Zum Verhältnis von RechtsWISSENSCHAFT und RechtsPOLITIK

- aus Anlaß eines blog-​​Eintrages beim Beck-​​Verlag zum Thema „Min­dest­lohn“ -

Beim Blog des Beck-​​Verlages gab es am Diens­tag einen Vorab-​​Bericht von Prof. Dr. Chris­tian Rolfs (Uni­ver­si­tät Köln) über die arbeits-​​ und sozi­al­recht­li­che Abtei­lung des nächst­jäh­ri­gen Juris­tIn­nen­ta­ges. Prof. Dr. Rai­mund Wal­ter­mann von der Uni­ver­si­tät Bonn wird dort eines der übli­chen „Gut­ach­ten“ vor­le­gen und zwar zum Thema „Abschied vom Nor­mal­ar­beits­ver­hält­nis? Wel­che arbeits-​​ und sozi­al­recht­li­chen Rege­lun­gen emp­feh­len sich im Hin­blick auf die Zunahme neuer Beschäf­ti­gungs­for­men und die wach­sende Dis­kon­ti­nui­tät von Erwerbs­bio­gra­phien?“.
Rolfs erwar­tet nun, daß Wal­ter­mann als eine der zu tref­fen­den Rege­lun­gen einen Min­dest­lohn von 7,50 Euro/​Stunde emp­feh­len wird. Diese Posi­tion habe Wal­ter­mann bereits in einem Vor­trag bei der Arbeits­gruppe Euro­päi­sches und Inter­na­tio­na­les Arbeits-​​ und Sozi­al­recht (EIAS) des Deut­schen Arbeits­ge­richts­ver­band vor­ge­schla­gen: „Ein all­ge­mei­ner Min­dest­lohn erscheint aus rechts­wis­sen­schaft­li­cher Per­spek­tive auf die Dauer sinn­voll. Er müsste so hoch sein, dass er Wir­kung hat, und er dürfte nicht so hoch sein, dass er sich in die auf Pri­vat­au­to­no­mie und Tarif­au­to­no­mie gegrün­dete Arbeits­rechts­ord­nung nicht ein­fügt. Ein bei rund 7,50 Euro ange­sie­del­ter all­ge­mei­ner gesetz­li­cher Min­dest­lohn als Ant­wort auf das ent­stan­dene Funk­ti­ons­de­fi­zit des Tarif­ver­tra­ges könnte rich­tig zur Siche­rung der Unter­grenze sein“, so zitiert Rolfs die Bei­lage 3/​2009 (S. 110, 119) zur Neuen Zeit­schrift für Arbeits­recht, die im Hause Beck erscheint. Rolfs ver­mu­tet: „Man darf davon aus­ge­hen, dass er [Wal­ter­mann] diese These auch in sei­nem Gut­ach­ten zum DJT ver­tre­ten wird.“

User aloa5 machte beim Beck-​​blog fol­gen­den Ein­wurf:

„Ich frage mich ernst­haft was ein all­ge­mei­ner Min­dest­lohn – gar in einer fixen Grö­ßen­ord­nung – mit Rechts­wis­sen­schaft zu tun hat. Es wäre inter­es­sant die Her­lei­tung des­sen zu lesen. Ich schätze Mal: gar nichts. Aber das ist natür­lich nur eine Ver­mu­tung.“

Autor Rolfs ant­wor­tete dar­auf:

„Doch, das hat sehr viel mit Rechts­wis­sen­schaft zu tun. Zum Bei­spiel mit Sozi­al­staats­prin­zip (Art. 20 Abs. 3 GG), dem Ver­bot sit­ten­wid­ri­ger Löhne (§ 138 BGB) und der Schutz­ge­bots­funk­tion der Grund­rechte (Art. 1 Abs. 3 GG). Natür­lich sind 7,50 Euro eine ‚gegrif­fene Größe‘. Aber die (in der zitier­ten Bei­lage zu Heft 21/​2009 der NZA doku­men­tier­ten) Argu­mente von Herrn Wal­ter­mann erfül­len unzwei­fel­haft wis­sen­schaft­li­che Ansprü­che. Außer­dem ist es ja Auf­gabe des Deut­schen Juris­ten­ta­ges, rechts­po­li­ti­sche Vor­schläge zu ent­wi­ckeln. Und die müs­sen natur­ge­mäß über reine Rechts­dog­ma­tik hin­aus­ge­hen.“

Dies scheint mir den Ein­wurf von aloa5 eher zu bestä­ti­gen als zu wider­le­gen, denn in dem Zitat wird eini­ges in einen Topf gewor­fen, das bes­ser dif­fe­ren­ziert würde:

1. Rolfs spricht von der „Auf­gabe des Deut­schen Juris­ten­ta­ges, rechtspoli­ti­sche Vor­schläge zu ent­wi­ckeln“, wäh­rend Wal­ter­mann in sei­nem NZA-​​Beitrag aus „rechtswis­sen­schaft­li­cher Per­spek­tive“ spricht (meine Hv.).
Ein rechts­po­li­ti­scher Vor­schlag ist aber keine rechts­wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis. Wo das Machen von Vor­schlä­gen beginnnt, endet das wis­sen­schaft­li­che Erken­nen. (Unbe­nom­men ist, daß gewisse wis­sen­schaft­li­che Arbeits­tech­ni­ken [auf Gegen­ar­gu­mente ein­ge­hen, kor­rekt Zitie­ren usw.] auch für das Begrün­den poli­ti­scher Vor­schläge nütz­lich ist, und zumin­dest in die­sem – begrenz­ten – Sinne wird Wal­ter­manns Text, der nicht ver­linkt ist [und von mir nicht gele­sen wurde] sicher­lich „wis­sen­schaft­li­chen Ansprü­chen“ genü­gen. Dies besei­tigt aber nicht den Unter­schied zwi­schen Erken­nen und Vor­schla­gen.)

2. Ist es dem Juris­tIn­nen­tag auch unbe­nom­me­nen, (rechts)politische Vor­schläge zu unter­brei­ten, so ist er doch nicht stär­ker dazu qua­li­fi­ziert, poli­ti­sche Vor­schläge zu unter­brei­ten, als bspw. eine Ver­samm­lung von Müll­män­nern oder Putz­frauen oder Fuß­ball­spie­le­rIn­nen. Die Ver­knüp­fung von „rechts-​​“ und „-poli­tisch“ ist keine Recht­fer­ti­gung dafür, das Unter­brei­ten von poli­ti­schen Vor­schlä­gen – und seien es vom jewei­li­gen Stand­punkt aus noch so rich­tige Vor­schläge – als Arti­ku­la­tion wis­sen­schaft­li­cher Wahr­hei­ten aus­zu­ge­ben.
Die beson­dere Kom­pe­tenz von Juris­tIn­nen besteht nicht darin, zu beur­tei­len, ob die For­de­rung nach 7,50 Euro Min­dest­lohn rich­tig oder falsch ist, son­dern allen­falls darin, die Frage zu beant­wor­ten, mit wel­chen juris­ti­schen Instru­men­ten und For­men sich eine der­ar­tige For­de­rung am bes­ten (am effek­tivs­ten) rea­li­sie­ren läßt. (Diese Frage läßt sich nun – anders als die Frage nach der Rich­tig­keit der For­de­rung – objek­tiv beant­wor­ten – und zwar ganz unab­hän­gig davon, ob jene poli­ti­sche For­de­rung für rich­tig oder falsch gehal­ten wird.) Und nur in die­sem Sinne – i.S.d. der Bezug­nahme auf spe­zi­fisch juris­ti­sche Poli­tik­in­stru­mente – hat die Bil­dung des Kom­po­si­tums „rechts­po­li­tisch“ Berech­ti­gung.

3. Auch für Rolfs – und nicht nur für Wal­ter­mann, der eine „rechts­wis­sen­schaft­li­che Per­spek­tive“ in Anspruch nimmt – scheint das „rechts­po­li­ti­sche Vor­schläge“ Machen nur eine Rück­zugs­li­nie oder – wie die Juris­tIn­nen sagen – ein „Hilfs­ar­gu­ment“ zu sein. Das Haupt­ar­gu­ment dürfte darin beste­hen, daß ein Min­dest­lohn von 7,50 Euro/​Stunde wegen Art. 20 I GG (’sozia­ler Staat‘)1, Art. 1 III GG2 und § 138 BGB (Nich­tig­keit sit­ten­wid­ri­ger Ver­träge)3 recht­lich gebo­ten sei (s. Rolfs‘ Norm­auf­zäh­lung in obi­gem Zitat).

Auch hier sind Dif­fe­ren­zie­rung not­wen­dig:

a) Soll ein Min­dest­lohn von 7,50 Euro/​Std. ver­fas­sungs­recht­lich bereits gebo­ten sein und nur noch der dekla­ra­to­ri­schen Aner­ken­nung durch den ein­fa­chen Gesetz­ge­ber bedür­fen? Oder soll sich ein Min­dest­lohn auch ein­fach­ge­setz­lich bereits aus § 138 BGB erge­ben, sodaß wei­tere gesetz­li­che Rege­lun­gen bes­ten­falls Klar­stel­lungs­funk­tion hät­ten? Oder geht es nur um die Bana­li­tät, daß ein Min­dest­lohn – zwar nicht bereits recht­li­ches Gebot ist, aber –, würde er vom Gesetz­ge­ber beschlos­sen, auch nicht ver­fas­sungs­wid­rig wäre? (Ob es für die Begrün­dung die­ser Bana­li­tät eines Rekur­ses auf Art. 1 und 20 GG sowie § 138 BGB bedarf, ist aller­dings eine ganz andere Frage.)

b) Wie soll sich aus dem Wort „sozial“ in Art. 20 GG und aus der angeb­li­chen „Schutz­ge­bots­funk­tion der Grund­rechte“ aus Art. 1 GG der Betrag von 7,50 Euro/​Stunde erge­ben? Warum nicht 10 Euro? Oder 7,47 Euro? Rolfs gibt selbst eine deut­li­che Ant­wort: „Natür­lich sind 7,50 Euro eine ‚gegrif­fene Größe‘.“
Das, was sich aus den bei­den Nor­men allen­falls begrün­den las­sen dürfte, ist über­haupt ein Min­dest­lohn – bei vol­ler poli­ti­scher Frei­heit des Gesetz­ge­bers, des­sen Höhe in die­ser oder jener Höhe fest­zu­le­gen, womit ein ver­fas­sungs­recht­li­ches Min­dest­lohn­ge­bot unmit­tel­bar kaum mehr als Asche Wert ist.

c) Wie soll aus der Nich­tig­keit sit­ten­wid­ri­ger Ver­trä­gen (+ Scha­den­er­satz für in der Ver­gan­gen­heit dadurch erlit­tene Schä­den) ein Anspruch auf Min­dest­lohn in Zukunft fol­gen?4

4. Mit­tel­bar dürfte aller­dings die Aner­ken­nung jener poli­ti­schen Frei­heit des Gesetz­ge­bers – und damit der Ver­weis auf den poli­ti­schen Kampf – für eine sozi­al­staat­li­che Züge­lung des Kapi­ta­lis­mus oder gar eine Über­win­dung der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise mehr Wert sein, als ein von Ver­fas­sungs wegen bzw. von rechts­wis­sen­schaft­li­chen Volun­ta­ris­mus wegen geschenk­weise aus­ge­schüt­te­ter Min­dest­lohn von 7,50 Euro/​Std.
In der Inter­na­tio­nale heißt es inso­weit sehr rich­tig:
Es ret­tet uns kein höh‘res Wesen,
kein Gott, kein Kai­ser noch Tri­bun
Uns aus dem Elend zu erlö­sen
kön­nen wir nur sel­ber tun!“
Das gilt nicht nur ange­sichts Gott, Kai­ser und Tri­bun, son­dern auch ange­sichts einer über­schweng­li­chen ‚Sozialstaats-​​Religion‘, die die begrenzte Reich­weite der Cha­rak­te­ri­sie­rung der Bun­des­re­pu­blick als „soziale[n] Staat“ ver­kennt.

5. Michel Fou­cault schrieb 1976:

„Man hörte ihn [den auf Sei­ten der sog. Lin­ken ste­hen­den Intel­lek­tu­el­len] als Reprä­sen­tan­ten des Uni­ver­sel­len, oder er bean­spruchte, als sol­cher Gehör zu bekom­men. Intel­lek­tu­el­ler sein hieß ein wenig das Gewis­sen aller zu sein. […]. Es ist eine neue Art der Ver­bin­dung von Theo­rie und Pra­xis ent­stan­den. Die Intel­lek­tu­el­len haben sich ange­wöhnt, ihre Arbeit nicht mehr im Uni­ver­sel­len, im Exem­pla­ri­schen, im ‚Wahren-​​und-​​Gerechten-​​für-​​alle’ anzu­sie­deln, son­dern in bestimm­ten [déter­mi­nés] Berei­chen, an genauen [pré­cis] Punkte, […]. Damit haben sie mit Sicher­heit ein viel kon­kre­te­res, unmit­tel­ba­re­res Bewußt­sein von den Kämp­fen gewon­nen. […]. Und die­sen Typ würde ich im Gegen­satz zum ‚uni­ver­sa­len’ Intel­lek­tu­el­len den ‚spe­zi­fi­schen’ Intel­lek­tu­el­len nen­nen. […]. Es ist zu ver­mu­ten, daß der ‚uni­ver­sale’ Intel­lek­tu­elle, so wie es ihn im 19. und Anfang des 20. Jahr­hun­derts gab, von einer recht eigen­tüm­li­chen his­to­ri­schen Gestalt abstammt, näm­lich dem Mann der Gerech­tig­keit, […], von dem der der Macht, dem Des­po­tis­mus, den Miß­bräu­chen und der Arro­ganz des Reich­tums die Uni­ver­sa­li­tät der Gerech­tig­keit […] ent­ge­gen­stellte. Der uni­ver­sale Intel­lek­tu­elle stammt von dem Rechts­kun­di­gen als Wür­den­trä­ger [juriste-​​notable] ab und fin­det sei­nen voll­kom­mens­ten Aus­druck im Schrift­stel­ler, dem Trä­ger von Bedeu­tun­gen und Wer­ten, in denen sich alle wie­der­er­ken­nen kön­nen. Der spe­zi­fi­sche Intel­lek­tu­elle stammt von einer ande­ren Figur ab, nicht mehr dem Rechts­kun­di­gen als Wür­den­trä­ger [juriste-​​notable], son­dern dem Wis­sen­schaft­ler als Exper­ten [savant-​​expert].“ (1976a, 154, 156 – eigene Über­set­zung)

Diese Ent­wick­lung ist bei den deut­schen Rechts­wis­sen­schaft­le­rIn­nen – egal, ob poli­tisch auf Sei­ten der Lin­ken oder der Rech­ten ste­hend – nahezu gar nicht ange­kom­men. Es reicht den aller­meis­ten von ihnen nicht, als Juris­tIn­nen die gel­ten­den Gesetze, ein­schließ­lich der Ver­fas­sung, zu erken­nen, und als Bür­ge­rIn­nen poli­ti­sche Vor­schläge zu unter­brei­ten, son­dern sie bean­spru­chen für ihre poli­ti­schen Vor­schläge nicht weni­ger, als daß diese ‚das Recht‘ /​ ‚die Gerech­tig­keit‘ seien (und viele Poli­ti­ke­rIn­nen – eben­falls auf Sei­ten der Rech­ten und der Lin­ken – über­tref­fen die Juris­tIn­nen in die­ser JuristInnen-​​Ideologie noch). Rolfs Ver­wi­schung des Unter­schie­des zwi­schen der Inter­pre­ta­tion juris­ti­scher Nor­men und dem Unter­brei­ten und Begrün­den poli­ti­scher Vor­schläge zeigt dies wie­der ein­mal. -

Ange­merkt sei noch, daß mir die Mindestlohn-​​Forderung poli­tisch durch­aus rich­tig zu sein scheint (ich hatte dies kürz­lich im Kon­trast zur Exis­tenz­geld­for­de­rung begrün­det). Weder rich­tig noch zutref­fend erscheint mir dage­gen, eine erst noch durch­zu­set­zende For­de­rung mit dem gel­ten­den Recht zu ver­wech­seln.

Lite­ra­tur­hin­weise: (mehr…)

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Konvergenzen des wissenschaftstheoretischen Relativismus

[Ich hatte kürz­lich meine Diplom­ar­beit aus dem Jahre 1996 zum Thema „Plu­ra­lis­mus und Ant­ago­nis­mus. Eine Rekon­struk­tion post­mo­der­ner Les­wei­sen“ online zugäng­lich gemacht. Ich bringe hier einen remix einer Pas­sage von S. 86 f. Ich setze hier die Fuß­note 123, die dort hin­ter dem Dop­pel­punkt am Ende des ers­ten Sat­zes und vor dem fol­gen­den Poulantzas-​​Zitat steht, in den Haupt­text ans Ende der frag­li­chen Pas­sage. In der ursprüng­li­chen Fas­sung ging es dort statt des­sen mit Über­le­gun­gen zu ande­ren Aspek­ten wei­ter. Dies war der Grund dafür, daß der hier ‚auf­ge­wer­tete’ Text dort in die frag­li­che Fuß­note ver­bannt wurde.
Anzu­mer­ken ist noch, daß der hier kri­ti­sierte Rela­ti­vis­mus in Erkennt­nis­fra­gen strikt vom – ange­sichts wider­sprüch­li­cher gesell­schaft­li­cher Ver­hält­nisse: not­wen­di­gen – Rela­ti­vis­mus in poli­ti­schen Bewer­tungs­fra­gen zu unter­schei­den ist.]

Es macht zwar poli­tisch einen bedeu­ten­den Unter­schied, ob man/​frau sich auf den historizistisch-​​relativistischen Wahrheits-​​Begriffs von Bog­da­now, Sta­lin oder auch Lukács einer­seits oder Gramscis ande­rer­seits bezieht; die zugrun­de­lie­gende theo­re­ti­sche Kon­zep­tion bleibt aber (schließ­lich auch in Fou­caults Ver­sion des wis­sen­schafts­theo­re­ti­schen Rela­ti­vis­mus) die glei­che: „Die his­to­ri­zis­ti­sche Ideo­lo­gie­auf­fas­sung ist […] noch kla­rer [als bei Mar­cuse, d. Vf.] bei dem typi­schen Bei­spiel von Lukács und sei­ner Theo­rie von ‚Klas­sen­be­wußt­sein’ und ‚Welt­an­schau­ung’. Es lohnt sich, dabei zu ver­wei­len, da sie klar das Pro­blem der erkennt­nis­theo­re­ti­schen Prä­mis­sen einer his­to­ri­zis­ti­schen Betrach­tungs­weise der Ideo­lo­gie erken­nen läßt. Sie ist um so wich­ti­ger, als infolge Gramscis His­to­ri­zis­mus, […] die Mehr­zahl der mar­xis­ti­schen Theo­re­ti­ker den Begriff der Hege­mo­nie in einer Bedeu­tung gebrau­chen, die mit der Pro­ble­ma­tik Lukács’ ver­wandt ist.“ (Pou­lant­zas 1968, 195 – Hv. d. Vf.).
Diese Posi­tion leug­net die die Rea­li­tät der objek­ti­ven Außen­welt1 und kann des­halb kei­nen Unter­schied zwi­schen ideo­lo­gi­schen und wis­sen­schaft­li­chen Dis­kur­sen machen kann (Alt­hus­ser 1966/​68, 174, 176-​​180); die „beson­dere Geschichte der Wis­sen­schaft [wird] auf die Geschichte der orga­ni­schen Ideo­lo­gien und die ökonomisch-​​politische Geschichte zurück[ge]führt“ (Alt­hus­ser 1966/​68, 178; ähnlich Pou­lant­zas 1968, 195 f. mit FN 5).
Die his­to­ri­zis­ti­sche Ideo­lo­gie­auf­fas­sung beinhal­tet eine „Iden­ti­fi­zie­rung der Ideo­lo­gie und der Wis­sen­schaft, d.h. die Auf­fas­sung, daß sie [die Ideo­lo­gie, d. Vf.] die Wis­sen­schaft umfaßt“. Der „Cha­rak­ter der Ideo­lo­gie als Aus­druck des Sub­jekts“ umfasst nach his­to­ri­zis­ti­scher Auf­fas­sung „in dem Falle die Objek­ti­vi­tät der Wis­sen­schaft, wo die sub­jek­tive Welt­an­schau­ung einer ‚auf­stei­gen­den Klasse’ die Tota­li­tät der Gesell­schafts­for­ma­tion ein­schließt. Bekannt ist der Aspekt des Argu­ments, den Lukács, Korsch u.a. auf das Pro­le­ta­riat und die ‚pro­le­ta­ri­sche Wis­sen­schaft’ anwand­ten: Da das Pro­le­ta­riat sei­nem Wesen nach eine uni­ver­sale Klasse ist, hat sein sub­jek­ti­ves Bewußt­sein uni­ver­sa­len Cha­rak­ter; aber ein uni­ver­sa­les sub­jek­ti­ves Bewußt­sein ist zwangs­läu­fig objek­tiv, also wis­sen­schaft­lich“ – so Lukács, Korsch und andere (Pou­lant­zas 1968, 196, FN 5).
In Ruß­land bzw. der Sowjet­union wurde diese Auf­fas­sung sowohl von dem ‚Links’kommunisten Bog­da­now wie auch von Sta­lin ver­tre­ten:
„Es ist nicht unin­ter­es­sant, daß die Gegen­über­stel­lung von bür­ger­li­cher und pro­le­ta­ri­scher Wis­sen­schaft […] die unbe­wußte, ver­steckte oder ver­leug­nete Rück­kehr eines The­mas ist, daß bereits bei Bog­da­now, […] prä­sent ist und dann in ver­schie­de­nen Publi­ka­tio­nen des Pro­let­kult ent­fal­tet wird. Der Aus­schluß, mit dem der Sta­li­nis­mus diese Strö­mung bestraft hat, aber auch die hef­tige Kri­tik von Lenin und Ple­ch­a­now an Bog­da­now schei­nen nur zum Ver­schwin­den des Wor­tes ‚pro­le­ta­ri­sche Wis­sen­schaft’ geführt zu haben, ohne an der Grund­these zu rüt­teln: […] Die sowje­ti­schen Texte bewe­gen sich dann tat­säch­lich in einer Oppo­si­tion zwi­schen ‚bür­ger­li­cher’ und ‚rei­ner’ Wis­sen­schaft und ent­wi­ckeln dabei die These eines Ver­falls der Wis­sen­schaft wie der Kul­tur im impe­ria­lis­ti­schen Sta­dium des Kapi­ta­lis­mus. […]. Der Kern der Argu­men­ta­tion bleibt dabei in Fäl­len der glei­che. […]: Die Wis­sen­schaft ist his­to­risch rela­tiv, weil das Bewußt­sein der Men­schen sich fort­ent­wi­ckelt […]. […] die his­to­ri­sche Rela­ti­vi­tät der Wis­sen­schaft [spie­gelt] deren Klas­sen­in­halt wider. […]. Die gesellschaftlich-​​historischen Umstände, unter denen eine wis­sen­schaft­li­che Theo­rie ent­stand, wer­den dann als letzte Ursa­che die­ser Theo­rie behan­delt, […]. Die Wis­sen­schaft würde also der ‚auf­stei­gen­den’ Klasse gehö­ren, deren Inter­esse mit der pro­me­t­hei­schen Bestim­mung des Men­schen zusam­men­fällt.“ (Bras 1985, 1083, 1984 – Hv. i.O.; vgl. auch Lecourt 1976, 126 oben, 130, 140-​​142, FN 21).
Schließ­lich folgt auch die Wis­sens­so­zio­lo­gie dem glei­chen Modell. Sie ver­or­tet die ver­meint­li­che Wahr­heit aller­dings nicht bei einer (‚auf­stei­gen­den’) Klasse, son­dern bei der „frei­schwe­ben­den Intel­li­genz, die ‚rela­tiv unre­la­tiv’, d.h. nicht haut­eng mit Klas­sen­in­ter­es­sen ver­floch­ten“ sei (Hau­ser 1987, 74; vgl. Eagle­ton 1991, 129 oben; s.a. außer­dem zum Ver­hält­nis: Lukács – Wis­sens­so­zio­lo­gie: Hau­ser 1987, 74; Eagle­ton 1991, 128, Abs. 2).
S. schließ­lich zur Bedeu­tung von Lukács bzw. des Hegel-​​Marxismus für femi­nis­ti­sche Stand­punkt­theo­rien: Sei­fert 1992, 258; Grimm 1994b, 156 f.; zur Bedeu­tung der Wis­sens­so­zio­lo­gie (Mann­heim, Berger/​Luckmann) für (femi­nis­ti­sche und afro­zen­tri­sche) Standpunkt-​​Epistemologien: Collins, 1989, 20-​​23; 46, FN 16; 47 f., FN 22, 28. (mehr…)

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Zitate aus Foucaults „Was ist Aufklärung?“

„Und schließ­lich schlägt Kant [in Was ist Auf­klä­rung?] Fried­rich II. in kaum ver­hüll­ten Wor­ten eine Art Ver­trag vor, der ein Ver­trag zwi­schen ratio­na­lem Des­po­tis­mus und freier Ver­nunft genannt wer­den könnte: Der öffent­li­che und freie Gebrauch der auto­no­men Ver­nunft wird die beste Garan­tie des Gehor­sams sein, jedoch unter der Bedin­gung, daß das poli­ti­sche Prin­zip, dem gehorcht wer­den muß, selbst mit der uni­ver­sel­len Ver­nunft überein­stimmt.“ (40)1

„Wir müs­sen die Alter­na­tive des Außen und Innen umge­hen; wir müs­sen an den Gren­zen sein.“ (48)2

„Und diese Kri­tik [die von Fou­cault ver­foch­tene, TaP], wird inso­fern genea­lo­gisch sein, als sie nicht aus For­men unse­res Seins das ablei­ten, was wir unmög­lich tun und wis­sen kön­nen; son­dern sie wird in der Kon­tin­genz, die uns zu dem gemacht hat, was wir sind, die Mög­lich­keit auf­fin­den, nicht län­ger das zu sein, zu tun oder zu den­ken, was wir sind, tun oder den­ken.“ (49)

„[…] der fol­gende Ein­wand [gegen die hier in FN 1 zitierte Posi­tion Fou­caults, TaP] [wäre] ohne Zwei­fel voll­stän­dig berech­tigt: Falls man sich auf die­sen Typ stets par­ti­el­ler und loka­ler Unter­su­chun­gen oder Tests beschränkt, läuft man dann nicht Gefahr, sich von all­ge­mei­nen Struk­tu­ren bestim­men zu las­sen, deren man nicht bewußt ist und die man nicht beherr­schaft? […]. Diese [die von Fou­cault vor­ge­schla­gene, TaP] Arbeit hat ihre All­ge­mein­heit, ihre Sys­te­ma­tik, ihre Homo­ge­ni­tät und ihren Ein­satz.“ (50)

„Wir wis­sen, daß das große Ver­spre­chen, oder die große Hoff­nung des 18. Jahr­hun­derts, […], in dem gleich­zei­ti­gen und pro­por­tio­na­lem Wachs­tum der tech­ni­schen Fähig­kei­ten […] wie auch der Frei­heit der Indi­vi­duen […] lag.[…] man konnte sehen, wel­che For­men von Macht­be­zie­hun­gen durch ver­schie­dene Tech­no­lo­gien geför­dert wur­den (ob wir von Pro­duk­tio­nen mit ökono­mi­schen Zie­len spe­chen oder von Insti­tu­tio­nen mit dem Ziel gesell­schaft­li­cher Regu­lie­rung oder von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­ni­ken: kol­lek­tive und indi­vi­du­elle Dis­zi­pli­nen, Pro­ze­du­ren der Nor­ma­li­sie­rung, die im Namen der Staats­macht, als For­de­run­gen der Gesell­schaft oder von Tei­len der Bevöl­ke­rung aus­ge­übt wur­den, geben Bei­spiele. Der Ein­satz ist also: Wie kann der Zuwachs an Fähig­kei­ten von der Stär­kung von Macht­be­zie­hun­gen getrennt wer­den?“ [50, 51 – meine Hv.] -

letz­te­res gegen alle, die mei­nen Fou­cault habe einen unkri­ti­schen Macht-​​Begriff ver­tre­ten; s. dazu auch dort, S. 72 – 75.

(Michel Fou­cault, Was ist Auf­klä­rung?,
in: Eva Erd­mann /​ Rai­ner Forst /​ Axel Hon­neth (Hg.),
Ethos der Moderne. Fou­caults Kri­tik der Auf­klä­rung
Cam­pus: Frank­furt am Main /​ New York, 1990,
S. 35 – 54).

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Zur Kritik des marxistisch-gegenstandpunklerischen Kleinredens von Sexismus und Patriarchat

Einige grund­sätz­li­che Bemer­kun­gen über das Ver­hält­nis von Mar­xis­mus und Femi­nis­mus, ‚Pri­va­tem‘ und Poli­ti­schen aus Anlaß der SM-​​Debatte beim Mäd­chen­blog

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Noch einmal zu SM und Politik

Anläß­lich der Dis­kus­sion beim Mäd­chen­blog hat sich Thiel Schwei­ger (1, 2) fol­gen­des vor­ge­nom­men:

„Neben lin­ken Auto­ri­tä­ten wie Adorno sind es etwa Alice Schwar­zer, Robert Kurz, das so genannte Ber­li­ner Insti­ti­tut für Faschis­mus­for­schung und wohl gene­rell die meis­ten Freudomarxist_​innen [, die die Ansicht ver­tre­ten, „dass SM poli­tisch kri­ti­ka­bel ist und die äuße­ren Macht­ver­hält­nisse im Pri­va­ten repro­du­ziert“]. Auch links ori­en­tierte Schriftsteller_​innen wie Hein­rich Mann (Der Unter­tan) und Klaus Mann (Mephisto) dürf­ten in diese Reihe gehö­ren. In der Debatte, auf die ich direkt Bezug nehme, machte der Blog­ger von Theo­rie als Pra­xis diese Posi­tion stark, die er auf sei­nem Blog in zwei Bei­trä­gen expli­ziert. An sei­nem Bei­spiel hoffe ich, die­sen Dis­kurs gene­rell kri­ti­sie­ren zu kön­nen.“ (meine Hv.)

1.

Der Ver­such die genann­ten Posi­tio­nen anhand mei­nes Bei­spiels zu kri­ti­sie­ren, ist von vorn­her­ein auf ziem­li­chen san­di­gem Boden gebaut. Zwar mögen alle Genann­ten SM für poli­tisch kri­ti­sie­rens­wert hal­ten und der Ansicht sei­nen, daß SM dahin ten­diere, gesell­schaft­li­che Machtgefälle repro­du­zie­ren. Nur – soweit ich die von T.S. genann­ten Posi­tio­nen kenne, habe ich ganz andere Vor­stel­lun­gen davon, wie die hie­si­gen gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse funk­tio­nie­ren – und folg­lich auch ganz andere Vor­stel­lun­gen davon, was es heißt, die­ses wür­den durch SM repro­du­ziert. Um es in aller Deut­lich­keit zu sagen:

Ich bin keine Freu­domar­xis­tIn. (Sofern ich über­haupt eine Mei­nung zur Psy­cho­ana­lyse habe, ten­diere ich eher zur ent­ge­gen­ge­setz­ten laca­nis­ti­schen Rich­tung. Aber eigent­lich muß ich sagen: Freud habe ich prak­tisch nicht gele­sen; mein Ver­such vor ca. 15 Jah­ren meine Uni-​​Zwischenprüfungsarbeit über Lacan zu schrei­ben, war in mei­nen Augen ziem­lich geschei­tert [die Prü­fungs­kom­mis­sion ließ mich freund­li­cher­weise trotz­dem ins Haupt­stu­dium]. Und über­haupt ver­stehe ich eigent­lich nicht, worum es bei der Psy­cho­ana­lyse geht. – Ich halte mich eher an boden­stän­di­gere The­men.)

Ich bin auch keine Adorno-​​AnhängerIn. Mit der Frank­fur­ter Schule bin ich rund­her­aus nicht ein­ver­stan­den1, und auch kon­kret mit dem von T.S. ange­führ­ten Adorno-​​Zitat zu SM bin ich nicht ein­ver­stan­den.

Schon gar nicht bin ich mit Robi Kurz ein­ver­stan­den. (Einige Jahre nach mei­ner geschei­ter­ten Zwi­schen­prü­fungs­ar­beit hatte ich mal ein Kri­sis-Heft in der Hand und fest­ge­stellt, daß die­ser Ansatz wei­tere Beschäf­ti­gung nicht lohnt.) Auch das von T.S. kon­kret ange­führte Kurz-​​Zitat ist mir zu eso­te­risch.

► Wer das „so genannte Ber­li­ner Insti­ti­tut für Faschis­mus­for­schung“ ist und warum es ein „so genann­tes“ ist, ist mir nicht bekannt – auch nicht die Posi­tio­nen, die dort ver­tre­ten wer­den.

► Auch mit den Manns kenne ich mich nicht aus. Ich bin wirk­lich unge­bil­det.

► Zutref­fend ist, daß die PorNo-​​Kampagne der Emma vor mehr als 20 Jah­ren meine poli­ti­sche Posi­ti­ons­bil­dung zu die­ser Frage beein­flußt hat. Aber als Theo­re­ti­ke­rin ist Schwar­zer für den Femi­nis­mus nun wirk­lich nicht aus­schlag­ge­bend, und auch ihre poli­ti­sche Posi­tio­nie­rung in vie­len ande­ren Fra­gen finde ich falsch. Das an der alten PorNo-​​Position, was mir rich­tig erscheint (also durch­aus nicht alles), ist m.E. sehr gut auch mit avan­cier­te­ren theo­re­ti­schen femi­nis­ti­schen Posi­tio­nen (vgl. hier) ver­ein­bar.

Ich werde daher auf den gan­zen ers­ten Teil des Tex­tes von T.S. (vor den ers­ten drei ***) nicht wei­ter ein­ge­hen. Auch hin­sicht­lich der vagen Andeu­tun­gen zu Pädo­phi­lie beschränkte ich mich – aus Zeit­grün­den – dar­auf, erheb­li­che Vor­be­halte anzu­mel­den (die von T.S. erwähnte Debatte zu dem Thema habe ich nicht zur Kennt­nis genom­men).

2.

Ich beschränke mich daher im fol­gen­den dar­auf, auf den direkt mir gewid­me­ten zwei­ten Teil ein­zu­ge­hen. Auch da kann ich meine Posi­tion nicht wirk­lich wie­der­er­ken­nen – wahr­schein­lich, weil T.S. meine Stel­lung­nah­men vor einer freu­domar­xis­ti­schen Folie liest, die aber in mei­nem Fall über­haupt nicht pas­send ist.

[TaP:] „Und müs­sen wir dann nicht berech­tig­ter­weise befürch­ten, daß sich die ‚zeit­wei­lig ungleich ver­teilte‘ Macht in SM-​​Beziehungen schnell ver­selb­stän­digt – beson­ders dann, wenn sie (wie oben dar­ge­legt) den gesell­schaft­li­chen Macht­ver­hält­nis­sen folgt?“
[T.S.:] „Dies ist nun etwas, was im SM-​​internen Dis­kurs oft genug pro­ble­ma­ti­siert wird.“

Nur wurde es eben weder in dem sei­ner­zeit von mir kri­ti­sier­ten AK-​​Artikel the­ma­ti­siert, noch in dem jet­zi­gen Bei­trag von Mira­bella beim Mäd­chen­blog. Und auch T.S. wischt das Thema gleich wie­der weg:

„Natür­lich gibt es diese Gefahr – ‚No risk no fun‘ kann man da eigent­lich nur sagen“.

Wei­ter macht T.S. gel­tend:

„Die meis­ten SM-​​Praktiken wei­sen über­haupt kei­nen direk­ten Bezug zu äuße­ren Macht­ver­hält­nis­sen auf.“

Nun hatte ich aber anhand der von mir aus­ge­wer­te­ten SM-​​Annoncen und der Schlag­werk-home­page auf­ge­zeigt, daß es weit über­wie­gend Män­ner sind, die den domi­nan­ten part ein­neh­men wol­len; auch die Wiki­pe­dia nennt eine Zahl von bloß 11 bis 28 Pro­zent weib­li­cher tops.

Gegen diese Ana­lyse wen­det T.S. ein:

„Sinn­vol­ler wäre es gewe­sen, ein­schlä­gige Stu­dien zu dem Thema, die es ja gibt, zu lesen, etwa Nor­bert Elbs Buch SM-​​ Sexua­li­tät: Selbst­or­ga­ni­sa­tion einer sexu­el­len Sub­kul­tur.“

Asche auf mein Haupt. Das war wirk­lich eine schwer­wie­gende wis­sen­schaft­li­che Ver­feh­lung, daß ich im Jahre 2000 ein Buch noch nicht zitiert hatte, das erst 6 Jahre ver­öf­fent­licht wurde…

„SMer_​innen, die sich frei­wil­lig unter­wer­fen, da sie sie sich davon einen Lust­ge­winn ver­spre­chen, sind letzt­end­lich ideo­lo­gisch ver­blen­det und nicht Ernst zu neh­men. […]. SMer_​innen wird abge­spro­chen, ihr Glück selbst beur­tei­len zu kön­nen, sie wer­den patho­lo­gi­siert.“

Die mir unter­stellte Posi­tion ist – was mich betrifft – frei erfun­den. Beim Mäd­chen­blog hatte ich viel­mehr geschrie­ben:

„es wäre anma­ßend und müßig, Dir sagen zu wol­len, daß Du das Fal­sches willst (schließ­lich ist es Dein Wille) – aber es ist schon mög­lich eine eigene poli­ti­sche Mei­nung dazu zu haben, oder?“ (30.09.; 10:59 h)

Auch ansons­ten halte ich die Rede vom „fal­schen Bewußt­sein“ (scil. ‚Ver­blen­dung‘ etc.) für falsch:
http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​9​/​1​5​/​w​a​r​u​m​-​i​d​e​o​l​o​g​i​e​-​k​e​i​n​-​n​o​t​w​e​n​d​i​g​-​f​a​l​s​c​h​e​s​-​b​e​w​u​s​s​t​s​e​i​n​-​i​s​t​-​u​n​d​-​a​u​s​-​e​i​n​e​r​-​e​r​k​e​n​n​t​n​i​s​-​n​i​c​h​t​-​a​u​t​o​m​a​t​i​s​c​h​-​e​i​n​e​-​b​e​s​t​i​m​m​t​e​-​p​o​l​i​t​i​s​c​h​e​-​h​a​l​t​u​n​g​-​f​olgt/.

Und auch die Pathologisierungs-​​Unterstellung gegen­über SM-​​KritikerInnen und -Skep­ti­ke­rIn­nen, die in dem Aus­gangs­text beim Mäd­chen­blog eben­falls ent­hal­ten ist, hatte ich bereits zurück­ge­wie­sen:

[Mira­bella:] „Bei BDSM han­delt es sich um eine Nei­gung und nicht um eine Spie­le­rei oder eine krank­hafte Per­ver­sion.
[TaP:] „Ich würde ja alt­mo­disch sagen: Es han­delt sich um Poli­tik. Das Sexu­elle ist poli­tisch.“ (30.09.; 10:59 h)

Wei­ter geht es bei T.S. wie folgt:

„Auch dass Gewalt per se etwas schlech­tes ist, ist eine Mei­nung, die direkt aus der bür­ger­li­chen Staats­ideo­lo­gie ent­nom­men ist: es gibt nur eine Gewalt – die des Staa­tes – und die ist eben keine. Alle andere Gewalt wird tabui­siert. Eine ratio­nale Gewalt­kri­tik müsste dage­gen die Zwe­cke betrach­ten, denen Gewalt u.U. als ange­mes­se­nes Mit­tel dient.“

a) Auch die mir unter­stellte Posi­tion zur Staats­ge­walt ist frei erfun­den. 1. Ist Staats­ge­walt Gewalt. 2. halte ich es für falsch, staat­li­cher Gewalt­an­wen­dung die These ent­ge­gen­zu­set­zen, Gewalt sei kein Mit­tel der Poli­tik (1 + Kom­men­tar). Doch, Gewalt ist ein Mit­tel der Poli­tik.
b) Gewalt­an­wen­dung gegen andere zur Befrie­dung der eige­nen Lust („dort ist eben der Genuss der Macht pri­mä­rer Trieb“ – Zitat aus einem von T.S. zur Lek­türe emp­foh­le­nen Text) finde ich aller­dings – gelinde gesagt – ziem­lich pro­ble­ma­tisch. Wenn das Frauen im Patri­ar­chat gegen Män­ner machen, und die Män­ner ihrer­seits auch noch damit ein­ver­stan­den sind, regt mich das nicht wei­ter auf. Wenn die Gewalt­an­wen­dung dage­gen typi­scher­weise (und so scheint es in der SM-​​Szene zu sein) der herr­schen­den Gewalt­ver­tei­lung ent­spricht, dann ist das nichts, was ich poli­tisch begrü­ßen will.

„Zudem beinhal­tet seine Argu­men­ta­tion einen recht selt­sa­men Sozi­al­de­ter­mi­nis­mus. Die Deter­mi­na­tion, die die Gesell­schaft auf die SM-​​betreibenden Indi­vi­duen aus­ge­übt, geht dabei recht platt vor sich, im Sinne eines sim­plen, nicht wei­ter erklär­ten, Abbil­dungs­vor­gangs: hier Macht, dort Macht. Nicht erklärt wird, warum dies nur bei so weni­gen Indi­vi­duen funk­tio­niert, warum es nicht wesent­lich mehr SMer_​innen gibt.“

Meine These geht viel­mehr in die Rich­tung, daß SM nur eine Radi­ka­li­sie­rung des­sen ist, was im Rah­men von nor­ma­ler, hetero/​a/​sexueller Sexua­li­tät ohne­hin üblich ist, ist (1, 2, 3, 4, 5 – bei 1 und 2 jew. die Foucault-​​, MacKinnon-​​ und Rich-​​Zitate + Kon­text; die rest­li­chen Stel­len sind Kurz-​​Statements).

Auch seine hier schon als Kom­men­tar gepos­tete Monopoly-​​Analogie bringt T.S. noch ein­mal vor. Dazu hatte ich schon geschrie­ben:

„Naja, ein Brett­spiel ist viel­leicht etwas ande­res als der ‚Spie­len‘ mit frem­den Kör­pern. Und bei Mono­poly wer­den nicht die gesell­schaft­li­chen Rol­len der kon­kret Spie­len­den repro­du­ziert. Die ‚Rol­len‘ im Spiel funk­tio­nie­ren völ­lig unab­hän­gig von der (sons­ti­gen) gesell­schaft­li­chen Rolle der Spie­len­den, wäh­rend es beim SM eine starke Ten­denz gibt, daß wie­derum Män­ner die Domi­nie­ren­den sind – lt. Wiki­pe­dia 72 – 89 %.“

Auch das hier schon gepos­tete Foucault-​​Zitat führt T.S. noch ein­mal an. Hier erneut meine Ant­wort:

Fou­cault: „dass sie neue Mög­lich­kei­ten von Lust erfin­den, indem sie bestimmte eigen­tüm­li­che Par­tien ihrer Kör­per gebrau­chen – indem sie die­sen Kör­per ero­ti­sie­ren.“

T.S.: „Und ihr sub­ver­si­ves Poten­tial liegt eben tat­säch­lich (siehe Fou­cault) in der Erfin­dung neuer Lüste.“

Das ist sehr all­ge­mein. Und in die­ser All­ge­mein­heit gibt es da auch gar nichts ein­zu­wen­den. Dage­gen ist das Nach’spielen‘ von Herr­schaft ein sehr spe­zi­fi­scher Fall. Und ich habe bis­her kein Argu­ment gehört, daß mich über­zeu­gen würde, daß es mög­lich ist, im Falle von SM eine halb­wegs trenn­scharfe Unter­schei­dung zwi­schen ‚Spiel‘ und ‚Ernst‘ zu tref­fen.2
Der hie­sige Aus­gangs­ar­ti­kel von Mira­bella und auch die sei­ner­zeit von mir im AK kri­ti­sier­ten Texte sind viel­mehr ein sehr star­kes Indiz dafür, daß die Unter­schei­dung nicht mög­lich ist – am Ende ist auch der ‚Ernst‘ ein ‚Spiel‘, und das Patri­ar­chat löst sich durch queer-​​sadomaso Volun­ta­ris­mus in Luft auf.

3.

Noch ein­mal kurz zurück zum Anfang und dann direkt zum Ende des Tex­tes von T.S.:

„weil die ‚Per­ver­sen‘ sich unter Druck gesetzt füh­len, den gegen sie ins Feld geführ­ten Dif­fa­mie­run­gen ent­ge­gen­zu­tre­ten,“ /​ „Ver­däch­ti­gun­gen“ /​ „gewohnte links­mo­ra­li­sie­rende Gerüch­te­kü­che im Wind­schat­ten Freuds“

Wel­che „Dif­fa­mie­run­gen“ gab es beim Mäd­chen­blog? Wo ging/​geht es dort um Moral? Es geht um Poli­tik. -
Aber die­ser ‚argu­men­ta­tive‘ Schlen­ker ist durch­aus typisch für sol­che Debat­ten: Erst wird die poli­ti­sche Kri­tik in mora­li­sche und juris­ti­sche Ter­mini ‚über­setzt‘ statt auf der poli­ti­schen Ebene zu erwi­dern – und dann wird in genia­ler Weise der ver­meint­li­che Mora­lis­mus der Gegen­po­si­tion ent­larvt und umge­hauen.

  1. Mit die­sen Kri­ti­ken bin ich weit­ge­hend ein­ver­stan­den:
    Gareth Sted­man Jones, The Mar­xism of the Early Lukács: an Eva­lua­tion, in: New Left Review, Iss. 70, Nov./Dec. 1971, 27 – 64 (wie­der­ab­ge­druckt in: ders. et al., Wes­tern Mar­xism. A Cri­ti­cal Rea­der, NLB: Lon­don, 1977, 11 – 60).

    Göran Ther­born, The Frank­furt School, in: New Left Review H. 63, Sept./Oct. 1970, 65 – 96 (zusam­men mit Ther­born 1971 wie­der­ab­ge­druckt in: Sted­man Jones et al. 1977, 83 – 139).
    ders., Jür­gen Haber­mas: A New Eclec­ticism, in: New Left Review Iss. 67, May/​June 1971, 69 – 83 (zusam­men mit Ther­born 1970 wie­der­ab­ge­druckt in: Sted­man Jones et al. 1977, 83 – 139).

    (Aus Netz­wer­ken von Universitäts-​​ und Staats­bi­blio­the­ken besteht ein kos­ten­freier Zugang zum NLR-Archiv.)

    Rolf Nemitz, Ideo­lo­gie als „not­wen­dig fal­sches Bewußt­sein“ bei Lukács und der Kri­ti­schen Theo­rie, in: Projekt-​​Ideologie-​​Theorie (Hg.), Theo­rien über Ideo­lo­gie (Argument-​​Sonderband AS 40), Argu­ment: [West]berlin, 1. Aufl.: 1979, 3. Aufl.: 1986, 39 – 60.

    Stef­fen Kratz /​ Beate Ver­horst, Frank­fur­ter Schule (Adorno und Mar­cuse), in: Heinz Kim­merle (Hg.), Modelle der Mate­ria­lis­ti­schen Dia­lek­tik. Bei­träge der Bochu­mer Dialektik-​​Arbeitsgemeinschaft, Mar­ti­nus Nijhiff: Den Haag, 1978, 185 – 209; online unter: http://​www​.trend​.info​par​ti​san​.net/​t​r​d​0​5​0​7​/​t​0​3​0​5​0​7​.html.

    Lucio Col­letti, Von Hegel zu Mar­cuse, in: alter­na­tive H. 72/​73: Lite­ra­tur und Revo­lu­tion. Bei­träge aus Ita­lien, Juni/​Aug. 1970, 129 – 149

    [zurück]

  2. S. http://​edoc​.hu​-ber​lin​.de/​d​i​s​s​e​r​t​a​t​i​o​n​e​n​/​s​c​h​u​l​z​e​-​d​e​t​l​e​f​-​g​e​o​r​g​i​a​-​2​0​0​4​-​0​6​-​1​0​/​P​D​F​/​s​c​h​u​l​z​e.pdf, S. 187 – 190. [zurück]
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Patriarchat abgeschafft – Das Private ist wieder unpolitisch?!

[Die­sen Kom­men­tar zum Bei­trag:

Femi­nis­mus und BDSM (Sado­ma­so­chis­mus) – unver­ein­bar?

beim Mäd­chen­blog habe ich dort gerade gepos­tet]

Also – mich über­zeugt das nicht.

„Mir scheint, dass oft Dis­kri­mi­nie­rung und Benach­tei­li­gung gesucht wird wo keine ist. Weni­ger Frauen haben einen guten Beruf und mehr Frauen arbei­ten Teil­zeit im Ver­gleich zu Män­nern. Aber das liegt nicht an der aktu­el­len Benach­tei­li­gung von Frauen, son­dern an der Benach­tei­li­gung in der Ver­gan­gen­heit: […]. Aber ältere Frauen, die in jun­gen Jah­ren noch nicht die glei­chen Rechte hat­ten wie die jun­gen Frauen heut­zu­tage, sind natür­lich wei­ter­hin noch benach­tei­ligt, da sie in jun­gen Jah­ren nicht die glei­chen guten Aus­bil­dun­gen genie­ßen konn­ten wie die Män­ner.“

Und warum ver­die­nen auch Frauen, die auf glei­cher Hier­ar­chie­stufe wie Män­ner arbei­ten, im Durch­schnitt weni­ger als die ent­spre­chen­den Män­ner?
Und warum ist Haus­ar­beit immer noch ganz über­wie­gend Frau­en­sa­che – selbst bei jun­gen Paa­ren mit hoher Aus­bil­dung und wo die Frau erwerbs­tä­tig ist (spä­tes­tens zumin­dest, wenn es in der Bezie­hung Kin­der gibt)?1
Warum repro­du­ziert sich die sexis­ti­sche Arbeits­tei­lung selbst in trans­gen­der-Bezie­hun­gen?2
Warum gibt es wei­ter­hin sexuelle/​sexualisierte Gewalt? Und warum ist sie wei­ter­hin in aller ers­ter Linie Män­ner­ge­walt gegen Frauen?
Warum gibt es sol­che Phä­no­mene wie die Kam­pa­gne gegen Ypsi­lanti?3

„Gerade in einer Part­ner­schaft liegt eine gleich­be­rech­tigte Macht­ver­tei­lung vor, die stets die Grund­lage zur frei­wil­li­gen Unter­wer­fung bil­det.“

Ich würde dage­gen die These set­zen wol­len: Die frei­wil­lige Part­ner­wahl macht die Unter­wer­fung attrak­tiv, aber auch die sub­jek­ti­vie­rende Unter­wer­fung (Alt­hus­ser /​ Fou­cault) (hier: die Unter­wer­fung eines lie­ben­den weib­li­chen Sub­jekts) ist immer noch Unter­wer­fung:

„Um die Liebe zwi­schen den Part­nern nicht aufs Spiel zu set­zen, ver­zich­ten die meis­ten Paare über weite Stre­cken auf eine expli­zite Auf­rech­nung, wie sie bei einer genauen Ein­hal­tung der Part­ner­schafts­norm [Gleich­be­rech­ti­gung, d. Vf​.In] erfor­der­lich wäre. Dadurch ent­steht die Situa­tion, daß die Betei­li­gung des Man­nes an der Haus­ar­beit sich auf gele­gent­li­che Hil­fe­stel­lung und außer­or­dent­li­che ‚Son­der­leis­tun­gen‘ […] beschränkt.“ (Koppetsch/​Burkart 1999, 319).

und
wie hier FN 1, S. 73 f., 187-​​189

„Dem­nach gibt es kei­nen Grund, sich bei oder vor den ‚Spie­len‘ Gedan­ken um die äuße­ren Macht­ver­hält­nisse zu machen.“

Und wes­halb wer­den dann beim ‚Spie­len‘ die ‚äuße­ren‘ Macht­ver­hält­nisse haar­ge­nau nach­ge­spielt?
Vgl. meine Kri­tik:
http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​0​/​0​8​/​3​1​/​w​e​s​s​e​n​-​g​e​w​a​l​t​-​h​a​t​-​d​i​e​-​m​a​c​h​t​-​s​e​x​y​-​z​u​-​sein/

„Aber wenn ich maso­chis­tisch bin und einen Mann gefun­den habe, der zu mir passt, mit dem ich mich per­fekt ergänze, den ich liebe, warum sollte aus­ge­rech­net die­ser Mann dann mein Feind sein? Die­ser Mann ist alles andere als mein Feind: Er ist mein Part­ner, mein Gelieb­ter, mein ein und alles. […]. Warum wird immer wie­der – gerade von Femi­nis­tin­nen – gefor­dert, Frauen soll­ten sich eman­zi­pie­ren und nach ihrem eige­nen Wil­len han­deln, wenn es dann doch wie­der falsch ist? Warum darf meine sexu­elle Selbst­be­stim­mung nicht so weit gehen, dass ich für mich ent­scheide, Maso­chis­tin zu sein.“

Ja, es wäre anma­ßend und müßig, Dir sagen zu wol­len, daß Du das Fal­sches willst (schließ­lich ist es Dein Wille) – aber es ist schon mög­lich eine eigene poli­ti­sche Mei­nung dazu zu haben, oder?

„Bei BDSM han­delt es sich um eine Nei­gung und nicht um eine Spie­le­rei oder eine krank­hafte Per­ver­sion.“

Ich würde ja alt­mo­disch sagen: Es han­delt sich um Poli­tik. Das Sexu­elle ist poli­tisch.

„Ich kann stu­die­ren und mei­nen Beruf aus­üben, viel Geld ver­die­nen und sagen, was ich will – und den­noch kann mein Part­ner mich im Bett schla­gen und demü­ti­gen, weil es mir gefällt!“

Das erste Teil des Zita­tes scheint mir latent ein unzu­tref­fen­des Klassen-​​bias zu ent­hal­ten (Sexi­mus sei aus­schließ­lich ein Unter­schicht­sphä­no­men /​ eine Bil­dungs­frage) – und bei dem zwei­ten Teil stellt sich mir schon die Frage (nicht das ich erwarten/​verlangen würde, daß Du das öffent­lich aus­brei­ten willst): Warum gefällt Dir das?

„Also bei Alice Schwar­zer, die sich auch deut­lich gegen jede Por­no­gra­fie wen­det und häu­fig sogar fast män­ner­feind­lich rüber­kommt, war nichts ande­res zu erwar­ten.“

Die Bemü­hun­gen um ‚femi­nis­ti­sche Por­no­gra­phie‘ in allen Ehren4, aber:
a) Warum muß das dann immer noch Por­no­gra­phie hei­ßen, wenn es doch angeb­lich etwas ganz ande­res ist?
Und b): Anfang des Jah­res war ich in Wien bei einem die­ser modi­schen post-​​porn-​​Festivals – mei­nen Ein­druck hatte ich danach wie folgt zusam­men­ge­faßt
„Um noch mal zusam­men­fas­send auf die Filme zurück­zu­kom­men: Soweit nicht ohne­hin Schwänze, son­dern Dil­dos gezeigt wur­den, bestä­tig­ten, sie NICHT die von einer der Refe­ren­tIn­nen aus Pre­cia­dos ‚Kon­t­rase­xu­el­lem Mani­fest‘ refe­rierte These, daß sich Dil­dos in Form, Farbe sowie Positionierungs-​​/​Anbringungs-​​ und Ein­satz­mög­lich­kei­ten von Schwän­zen unter­schei­den statt Schwanz-​​Substitute zu sein. Das, was zu sehen war, schien eher auf getreulich-​​naturalistische Imi­ta­tion in Form, Farbe, Anbrin­gung (zwi­schen den Bei­nen) und Ein­satz (haupsäch­lich in der Vagina: mög­lichst tief, in mög­lichst schnel­lem Ryth­mus, mög­lichst hef­tig bis gewalt­sam) der männlich-​​heterosexuellen Nor­ma­li­tät zu zie­len.“
(mehr…)

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