Tag-Archiv für 'foucault'

Gibt es vielleicht wieder Bedarf? – Geamtverzeichnis der Zeitschift „alternative“ (1963-1982)

Ich stelle hier mit das Gesamtverzeichnis der von 1964 bis 1982 von Hildegard Brenner verantworteten Westberliner Zeitschrift alternative als .pdf-Bild-Datei zur Verfügung. Die Zeitschrift spielte u.a. eine wichtige Rolle für die deutschsprachige Rezeption des französischen strukturalen Marxismus (Louis Althusser u.a. [1, 2, 3]) und des französischen Strukturalismus.

alternative-cover, H. 117, 1977

„Als Ansgar Skriver 1963 Berlin verlassen hatte, übernahm Anfang 1964 Hildegard Brenner den Verlag und die Herausgabe der Zeitschrift [alternative], nunmehr unter dem Titel [lies: nunmehr mit dem Untertitel] ‚Zeitschrift für Literatur und Diskussion‘. Die Jahrgänge zählten mit Jahrgang 7 weiter. Der Verlag erhielt den Namen der Zeitschrift. Redaktionsmitglieder waren neben Hildegard Brenner u.a. Georg Fülberth, Helga Gallas, Klaus Laermann, Helmut Lethen, Hartmut Rosshof, Peter B. Schumann; Gestaltung: Ulrich Harsch.
Das erste von Hildegard Brenner verantwortete Heft ‚Schriftsteller in der DDR‘ enthielt als Erstveröffentlichungen Texte von Volker Braun, Peter Hacks, Hartmut Lange, Christa Reinig, Johannes Bobrowski, Wolf Biermann, Günter Kunert, Heiner Müller, Franz Fühmann, Bernd Jentzsch u. a.
Themen waren u.a.: Was ist ein nationalsozialistischer Roman? (Heft 36); die Sammlung tschechoslowakischer Lyrik, Prosa und Dramatik mit Texten von Milan Kundera, Václav Havel u. a. (Heft 42/43); eine Dokumentation zur Strukturalismusdiskussion mit Beiträgen u. a. von Louis Althusser, Roland Barthes, Michel Foucault, Lucien Goldmann, Jacques Lacan, Claude Lévi-Strauss und Jean-Paul Sartre (Heft 54); und die Ausgabe ‚Der andere Blick – feministische Wissenschaft?‘ (Heft 120/121)
Mit dem Heft 145/146 ‚Im Aufriß‘ stellte die Zeitschrift 1982 ihr Erscheinen ein. Dazu die Redaktion: ‚Die linke Theorie, wie ‚Alternative‘ sie mitgetragen hat, hat … keinen Ort und keinen Reflexionsraum mehr. … Und die sich innerhalb der sozialen Protestbewegungen zur Wehr setzen, machen keinen Gebrauch von dem, was wir produzieren. Damit verliert eine Zeitschrift wie ‚Alternative‘ nicht nur ihr Publikum, sondern auch ihre Funktion.‘“

(Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Alternative_%28Zeitschrift%29)

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Themenübersicht – Kritik an der linksliberal-antifeministischen politischen Linie des transgenialen CSD (tCSD) in Berlin und des queeren mainstreams in der BRD überhaupt

I. Zur Programmatik des transgenialen CSD

Eine radikale Geste mit schalem Nebengeschmack:

„Auch der Aufruf zum transgenialen CSD, der am kommenden Samstag (26.6.[2010]) stattfindet […], kommt ohne die Wörter ‚feministisch‘ und ‚Feminismus‘ aus, […]. Der A-, wenn nicht sogar Anti-Feminismus scheint der heimliche Konsens von kommerziellem und transgenialem CSD zu sein. Derartigen Entwicklungen zuzuarbeiten war keinesfalls das Anliegen von Judith Butler, als sie vor rund 20 Jahren gender trouble schrieb“.

Worum geht es eigentlich dem transgenialen CSD?

queere Globalisierung & imperialen Begehrens

„Ich hätte ja nun wirklich gedacht, daß die linke Diskussion – zumal bei Leuten, die im vergangenen Jahr den mainstream-CSD noch als ‚rassistisch‘ kritisierten – über rassistische Strukturen und deren Reproduktion auch in der Linken längst über den psychologisierenden und individualisierenden Begriff der ‚Vorurteile‘ hinaus ist; und daß in Zusammenhängen, die irgendeine Affinität (und sei es bloß als BündnispartnerInnen) zur autonomen Szene haben, nicht nur die Frage gestellt wird ‚Wie lassen sich Konflikte friedlich lösen?‘, sondern auch die Fragen: ‚Ist es immer möglich und wünschenswert Konflikte ‚friedlich’ zu lösen?‘ und: ‚Sind ‚Gewaltsituationen’ immer etwas, in das wir anscheinend irgendwie passiv hineingeraten und wo wir dann Orientierungsschwierigkeiten haben und dann erst fragen müssen was wir ‚in’ ihnen tun können?‘, ‚Kann sich Widerstand auf das Dogma der ‚gewaltfreien Kommunikation’ festlegen lassen?‘
Zu dieser ganzen Fehlorientierung, die den Radikalitätsanspruch des tCSD weder analytisch noch strategisch ausweisen kann, sondern untergräbt und praktisch auf eine Differenz des kulturellen Ausdrucks (Schmuddel-look statt Schickimicki) und des besseren Wollens reduziert, paßt auch noch, daß bei besagtem tCSD-Treffen als Aufgabe der – nach den sexuellen Belästigungen des Vorjahres – für dieses Mal zu schaffenden awareness-Struktur ‚Deeskalation‘ (!) genannt wurde. Deeskalation statt Parteilichkeit! – aber: ach wie radikal sind wir und was für eine Spießer-Organisation ist der LSVD, der nur in der Mitte der Gesellschaft ankommen will.“
Kommentar vom 06. Mai 2011; 17:54 Uhr

Transgenialer CSD 2011 in Berlin ohne offiziellen Aufruf?

„Der strukturelle Begriff ‚Patriarchat‘ ist also weggefallen, und allein der auf einzelne Äußerungen und Handlungen fokussierende Ausdruck ‚Sexismus‘ stehengeblieben. [5] ‚Kapitalismus‘ wurde durch den aus gleichem Grund zweideutigen Ausdruck ‚Klassismus‘ ersetzt. [6] Der immerhin konkrete, materielle Handlungen benennende Begriff ‚Heterosexismus‘ wurde weggelassen; statt dessen wird jetzt mit dem Begriff ‚Heteronormativität‘ allein auf ‚Normen‘ fokusiert.“

Selektive Wahrheiten?

Als queer noch revolutionär, aggressiv und männerfeindlich war – und sein durfte (bisher 27 Kommentare)

Eine „Revolution“, bei der ich nicht denken darf, ist nicht meine – Einige Worte zum Berliner CSD-Wochenende 2011

Für einen feministischen Anti-Humanismus!

II. Zur Praxis des tCSD

Sexuelle Belästigungen beim transgenialen CSD in Berlin (erschienen beim mädchenblog am 28.06.2010)

Umgang bei sexuellen Belästigungen auf transgenialen CSD (erschienen bei scharf-links am 24.06.2011 [!])

► Kommentar bei indymedia (Wo bleiben die Argumente? – TaP 26.06.2011; 00:00 h)

„Wer/welche beansprucht denn auch nur feministisch zu sein?! In den Aufrufen für den transgenialen CSD ist das doch das große Tabu-Wort. Und deshalb kommt es dann nämlich zu solchen Dingen, wie dem laxen Umgang mit sexuellen Belästigungen. Da zeigen sich die ganz praktischen Konsequenzen der politischen Linie des queeren mainstreams.
Und darüber sollten auch diejenigen – wenigen – ins Erschrecken geraten, die nicht feministisch durch queer ersetzen, sondern von ‚queer-feministisch‘ sprechen: Wie feministisch bzw. anti-feministisch die gängige queere Praxis in der BRD ist, ist eine Debatte, die überfällig ist.“

III. Vorschlag für eine feministisch-revolutinäre Ausrichtung

Back to the future: Für einen femo-genialen tCSD 2012!

IV. Zum theoretischen und politichen Kontext der Debatte (mehr…)

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Transgenialer CSD 2011 in Berlin ohne offiziellen Aufruf?

-- Dieser Text jetzt als .pdf-Datei und mit einer Korrektur der Fußnote 7 --

Für den heutigen transgenialen CSD (tCSD) [0] scheint [1] es keinen gemeinsam getragenen Aufruf zu geben. Gestern wurde im blog des tCSD in der Rubrik „Presse“ ein „Beitrag zum Motto des Transgenialen CSD 2011“ überschriebener Text veröffentlicht (siehe dort oder auch dort – meine Hv.). Dieser Text weicht an einigen Stellen in inhaltlicher und stilistischer Hinsicht erheblich von dem zuletzt als Aufruf-Entwurf diskutierten Text ab.

Soweit ich direkt an der Formulierung der nun weggelassenen oder umformulierten Stellen beteiligt war, so seien diese hier vermerkt:

► Im Abschnitt „Daten helfen da auch nicht weiter!“ heißt es jetzt – in Bezug auf den Zensus 2011 – „Auf Grundlage der Kategorien wird weiterhin diskriminierende Politik gemacht.“ Zuvor waren an dieser Stelle – statt der vage Rede von „diskriminierende[r] Politik“ [2] – beispielhaft einige gesellschaftliche Gruppen genannt, gegen die in der BRD Politik gemacht wird. In der Aufruf-Diskussion hatte ich in Bezug auf andere Textstellen vorgeschlagen gehabt, den individualisierenden Begriff „Diskriminierung“ durch die strukturelleren Begriffe „Herrschaft und Ausbeutung“ zu ersetzen.

► Im Abschnitt der jetzt die Überschrift „Zwei-Geschlechter-Ordnung abschaffen!“ trägt, steht nun: „Wir stellen uns gegen eine Ordnung, die nur zwei Geschlechter kennt und alle Menschen, die sich nicht einem Geschlecht zuordnen wollen und_oder können, stigmatisiert!“ (meine Hv.) Zuvor stand an dieser Stelle: „Wir stellen uns gegen die Zwei-Geschlechter-Ordnung, welche alle Menschen, die sich nicht einem Geschlecht zuordnen wollen und_oder können, stigmatisiert!“

Die neue Formulierung („die nur zwei Geschlechter kennt“) impliziert im Gegensatz zur alten eine Strategie der Vervielfachung der Geschlechter. Ich plädiere dagegen in Anschluß an Überlegungen von Judith Butler und Monique Wittig für die Anstrebung einer Aufhebung aller Geschlechter.

(mehr…)

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Intersektionalität und Gesellschaftstheorie


Theoretische Nachbemerkungen zur CSD/Rassismus-Debatte und zugleich notwendige politische Anmerkungen zum diesjährigen transgenialen CSD

Zara wies in einem Kommentar zu meinem Beitrag „Noch einmal zu den Rassismus-Vorwürfen gegen den Berliner CSD“ auf den Text von Tove Soiland „Die Verhältnisse gingen und die Kategorien kamen. Intersectionality oder Vom Unbehagen an der amerikanischen Theorie“ in der feministischen internet-Zeitschrift querelles-net Nr. 26 aus dem Jahr 2008 hin.

Ich finde den Text auch sehr gut:

1. Ich teile den Eindruck, daß auch der Intersektionalitätsansatz letztlich zu einer bloß additiven Sichtweise tendiert:

„Die Kategorien kritischer Gesellschaftstheorie zeichnen sich […] dadurch aus, dass sie komplexe Mechaniken gesellschaftlicher Produktion und Reproduktion bezeichnen; sie bezeichnen nicht oder nicht in erster Linie Gruppen. Und dies verweist zurück auf das Problem, dass die Forderung nach intersektionellen Analysen in einem Diskriminierungsdiskurs beheimatet ist. Kategorien, die für das Problem von Diskriminierung in Frage kommen, sind nun aber nicht per se auch solche, die maßgeblich an der Organisation gesellschaftlicher Produktion und Reproduktion beteiligt resp. für diese zentral sind. Es geht [bei intersektionalen Analysen, TaP], wie Dietze et al. (2007, S. 10) zu Recht formulieren, um ‚Kategorien der Benachteiligung‘, die weniger komplexe Mechanismen gesellschaftlicher Organisation als die Zuschreibung ‚realer‘ oder vorgestellter Merkmale und die damit verbundenen Vorurteile bezeichnen. So ist denn auch selbstverständlich die Anzahl der Gründe, die zu einer Benachteiligung Anlass geben, in der Tendenz offen (Degele/Winker 2007, S. 11) und macht es – im Bereich der Antidiskriminierung – Sinn, nach diesen zu fragen.“

Damit sind wir dann wieder bei der Logik der Aufzählungen: Es werden ‚Benachteiligungen‘ aufgelistet und deren Gründe aufgezählt – und im Zweifelsfall hilft ein „usw.“ weiter.
Mit der Länge der Liste ist aber zur Adäquatheit der Analyse der Gründe und der darauf aufgebauten politischen Strategie noch nichts gesagt.1
Die politische Konsequenz der Aufzählungslogik ist, daß im Berliner CSD/Rassismus-Streit beide Seiten Opferkonkurrenz betreiben und sich gegenseitig vorwerfen: Judith Butler und die Gruppen, die sie – anschneinend mit ziemlich wenig konkreten Informationen (vgl. 1 und 2 [am Anfang]) – brieften, werfen dem CSD eine Vernachlässigung des Kampfes gegen Rassismus vor oder sogar dessen Komplize zu sein. Die andere Seite kontert mit dem Vorwurf der Vernachlässigung des Kampfes gegen Antisemitismus2, und der Kampf gegen Transphobie und Intersexuellenphobie wird von beiden Seiten beansprucht3. Nur am Feminismus scheinen beide Seiten gleichermaßen wenig Interesse zu haben.

2. Ich teile den Eindruck, daß es in Intersektionalitäts-Studien eine Vernachlässigung von Gesellschaftstheorie gibt. Es wird eher auf (quantifizierbare) Effekte geguckt als auf strukturelle Ursachen (auch wenn der Anspruch teilweise ein anderer ist):

„Es scheint, und dies ist für mich der eigentliche Grund, warum Erkenntnisse aus dem Feld der Antidiskriminierung nicht tel quel auf Fragen der Gesellschaftstheorie übertragen werden können, dass mit dem Wort ‚Kategorie‘ zwei Dinge zugleich benannt werden, die kategorial gesehen nicht auf derselben Ebene liegen. So kann die beschreibende Soziologie Interferenzen denken, weil sie diese als Merkmale konzipiert. Umgekehrt kann die Forderung, komplexe Dynamiken gesellschaftlicher Produktion und Reproduktion interferent zu denken, erhebliche Schwierigkeiten bereiten und ist auch nicht in jedem Fall sinnvoll resp. kann nur eingelöst werden, wenn diese Dynamiken wiederum auf ‚Merkmale‘ einer Gruppenzugehörigkeit reduziert werden.“

Beide von Tove Soiland gemeinten Seiten beanspruchen über Kategorien zu reden, worunter die einen aber beschreibende Merkmale verstehen und die anderen analytisch-erklärende Begriffe4. – Die wissenschaftliche Konsequenz davon, sich mit Merkmalen zu bescheiden (statt Begriffe zu erarbeiten), wird von Tove Soiland klar ausgesprochen:

„Das eigentliche Untersuchungsobjekt sind damit nicht die Mechanismen der Segregation, sondern deren Effekte und daran anschließend die Frage, wie Gruppen zu konzeptualisieren sind, um genügend komplex, das heißt, den realen soziologischen Gegebenheiten angemessen zu sein.“ (Hv. d. TaP).

Und die politische Konsequenz des Guckens auf Effekte und der Aufzählungs-Logik, die diese beim transgenialen CSD hatten, hat die taz, wenn auch nicht aus inhaltlichem Interesse an revolutionärer Politik, sondern allein aus Häme-Gründen treffend auf den Punkt gebracht:

„Das Politische kam wahrlich nicht zu kurz, verursachte aber vielen Teilnehmern aufgrund der leider nicht kommerziellen Lautsprecheranlage Kopfschmerzen. Die Verlesung der Traktate kam so mitunter nur als Hintergrundkakophonie an: ‚Ismus…istisch…Ismus‘. Bei näherem Hinhören jedoch unterschieden sich die Forderungen nicht wirklich von jenen, die auch auf den großen CSDs gestellt werden. Etwa dem Aufruf zu Solidarität mit Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender in Osteuropa und in der ganzen Welt und zur Bekämpfung von Homophobie – plus einer Extraportion Antirassismus und Kapitalismuskritik.“

Weil auch der tCSD keine Begriffe von Kapitalismus, Rassismus und Patriarchat hat, wird vermeinliche Radikalität über die Länge von Aufzählungen, das Pathos von Adjektiven und sich überschlagender Stimmen sowie die moralisierende Kritik böser Absichten und strategielose „sofort“-Forderungen („Für die sofortige Abschaffung des heteronormativen Zweigeschlechtersystems!“ [Autotrans]) ‚hergestellt‘. So wurde etwa in der Manier linksparteilicher und gewerkschaftlicher verkürzter Kapitalismus-Kritik gepoltert: (mehr…)

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Ankündigungspolitik, die folgen zeigt:

Lange war es angekündigt – nun geht es Schlag auf Schlag: Diesen Monat erscheint Teil-Bd. 1; im März folgt Teil-Bd. 2:


Detlef Georgia Schulze / Sabine Berghahn / Frieder Otto Wolf (Hg.)
Rechtsstaat statt Revolution, Verrechtlichung statt Demokratie?
Transdisziplinäre Analysen zum deutschen und spanischen Weg in die Moderne.

(StaR  P. Neue Analyen zu Staat, Recht und Politik. Serie A. Bd. 2)
Westfälisches Dampfboot: Münster, Feb. (Teil-Bd.1) und März (Teil-Bd. 2) 2010

Ist die Rede vom „deutschen Sonderweg“ in der Geschichte gerechtfertigt? Müßte dann nicht auch von einem „spanischen Sonderweg“ gesprochen werden? (mehr…)

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Zum Verhältnis von RechtsWISSENSCHAFT und RechtsPOLITIK

- aus Anlaß eines blog-Eintrages beim Beck-Verlag zum Thema „Mindestlohn“ -

Beim Blog des Beck-Verlages gab es am Dienstag einen Vorab-Bericht von Prof. Dr. Christian Rolfs (Universität Köln) über die arbeits- und sozialrechtliche Abteilung des nächstjährigen JuristInnentages. Prof. Dr. Raimund Waltermann von der Universität Bonn wird dort eines der üblichen „Gutachten“ vorlegen und zwar zum Thema „Abschied vom Normalarbeitsverhältnis? Welche arbeits- und sozialrechtlichen Regelungen empfehlen sich im Hinblick auf die Zunahme neuer Beschäftigungsformen und die wachsende Diskontinuität von Erwerbsbiographien?“.
Rolfs erwartet nun, daß Waltermann als eine der zu treffenden Regelungen einen Mindestlohn von 7,50 Euro/Stunde empfehlen wird. Diese Position habe Waltermann bereits in einem Vortrag bei der Arbeitsgruppe Europäisches und Internationales Arbeits- und Sozialrecht (EIAS) des Deutschen Arbeitsgerichtsverband vorgeschlagen: „Ein allgemeiner Mindestlohn erscheint aus rechtswissenschaftlicher Perspektive auf die Dauer sinnvoll. Er müsste so hoch sein, dass er Wirkung hat, und er dürfte nicht so hoch sein, dass er sich in die auf Privatautonomie und Tarifautonomie gegründete Arbeitsrechtsordnung nicht einfügt. Ein bei rund 7,50 Euro angesiedelter allgemeiner gesetzlicher Mindestlohn als Antwort auf das entstandene Funktionsdefizit des Tarifvertrages könnte richtig zur Sicherung der Untergrenze sein“, so zitiert Rolfs die Beilage 3/2009 (S. 110, 119) zur Neuen Zeitschrift für Arbeitsrecht, die im Hause Beck erscheint. Rolfs vermutet: „Man darf davon ausgehen, dass er [Waltermann] diese These auch in seinem Gutachten zum DJT vertreten wird.“

User aloa5 machte beim Beck-blog folgenden Einwurf:

„Ich frage mich ernsthaft was ein allgemeiner Mindestlohn – gar in einer fixen Größenordnung – mit Rechtswissenschaft zu tun hat. Es wäre interessant die Herleitung dessen zu lesen. Ich schätze Mal: gar nichts. Aber das ist natürlich nur eine Vermutung.“

Autor Rolfs antwortete darauf:

„Doch, das hat sehr viel mit Rechtswissenschaft zu tun. Zum Beispiel mit Sozialstaatsprinzip (Art. 20 Abs. 3 GG), dem Verbot sittenwidriger Löhne (§ 138 BGB) und der Schutzgebotsfunktion der Grundrechte (Art. 1 Abs. 3 GG). Natürlich sind 7,50 Euro eine ‚gegriffene Größe‘. Aber die (in der zitierten Beilage zu Heft 21/2009 der NZA dokumentierten) Argumente von Herrn Waltermann erfüllen unzweifelhaft wissenschaftliche Ansprüche. Außerdem ist es ja Aufgabe des Deutschen Juristentages, rechtspolitische Vorschläge zu entwickeln. Und die müssen naturgemäß über reine Rechtsdogmatik hinausgehen.“

Dies scheint mir den Einwurf von aloa5 eher zu bestätigen als zu widerlegen, denn in dem Zitat wird einiges in einen Topf geworfen, das besser differenziert würde:

1. Rolfs spricht von der „Aufgabe des Deutschen Juristentages, rechtspolitische Vorschläge zu entwickeln“, während Waltermann in seinem NZA-Beitrag aus „rechtswissenschaftlicher Perspektive“ spricht (meine Hv.).
Ein rechtspolitischer Vorschlag ist aber keine rechtswissenschaftliche Erkenntnis. Wo das Machen von Vorschlägen beginnnt, endet das wissenschaftliche Erkennen. (Unbenommen ist, daß gewisse wissenschaftliche Arbeitstechniken [auf Gegenargumente eingehen, korrekt Zitieren usw.] auch für das Begründen politischer Vorschläge nützlich ist, und zumindest in diesem – begrenzten – Sinne wird Waltermanns Text, der nicht verlinkt ist [und von mir nicht gelesen wurde] sicherlich „wissenschaftlichen Ansprüchen“ genügen. Dies beseitigt aber nicht den Unterschied zwischen Erkennen und Vorschlagen.)

2. Ist es dem JuristInnentag auch unbenommenen, (rechts)politische Vorschläge zu unterbreiten, so ist er doch nicht stärker dazu qualifiziert, politische Vorschläge zu unterbreiten, als bspw. eine Versammlung von Müllmännern oder Putzfrauen oder FußballspielerInnen. Die Verknüpfung von „rechts-“ und „-politisch“ ist keine Rechtfertigung dafür, das Unterbreiten von politischen Vorschlägen – und seien es vom jeweiligen Standpunkt aus noch so richtige Vorschläge – als Artikulation wissenschaftlicher Wahrheiten auszugeben.
Die besondere Kompetenz von JuristInnen besteht nicht darin, zu beurteilen, ob die Forderung nach 7,50 Euro Mindestlohn richtig oder falsch ist, sondern allenfalls darin, die Frage zu beantworten, mit welchen juristischen Instrumenten und Formen sich eine derartige Forderung am besten (am effektivsten) realisieren läßt. (Diese Frage läßt sich nun – anders als die Frage nach der Richtigkeit der Forderung – objektiv beantworten – und zwar ganz unabhängig davon, ob jene politische Forderung für richtig oder falsch gehalten wird.) Und nur in diesem Sinne – i.S.d. der Bezugnahme auf spezifisch juristische Politikinstrumente – hat die Bildung des Kompositums „rechtspolitisch“ Berechtigung.

3. Auch für Rolfs – und nicht nur für Waltermann, der eine „rechtswissenschaftliche Perspektive“ in Anspruch nimmt – scheint das „rechtspolitische Vorschläge“ Machen nur eine Rückzugslinie oder – wie die JuristInnen sagen – ein „Hilfsargument“ zu sein. Das Hauptargument dürfte darin bestehen, daß ein Mindestlohn von 7,50 Euro/Stunde wegen Art. 20 I GG (’sozialer Staat‘)1, Art. 1 III GG2 und § 138 BGB (Nichtigkeit sittenwidriger Verträge)3 rechtlich geboten sei (s. Rolfs‘ Normaufzählung in obigem Zitat).

Auch hier sind Differenzierung notwendig:

a) Soll ein Mindestlohn von 7,50 Euro/Std. verfassungsrechtlich bereits geboten sein und nur noch der deklaratorischen Anerkennung durch den einfachen Gesetzgeber bedürfen? Oder soll sich ein Mindestlohn auch einfachgesetzlich bereits aus § 138 BGB ergeben, sodaß weitere gesetzliche Regelungen bestenfalls Klarstellungsfunktion hätten? Oder geht es nur um die Banalität, daß ein Mindestlohn – zwar nicht bereits rechtliches Gebot ist, aber –, würde er vom Gesetzgeber beschlossen, auch nicht verfassungswidrig wäre? (Ob es für die Begründung dieser Banalität eines Rekurses auf Art. 1 und 20 GG sowie § 138 BGB bedarf, ist allerdings eine ganz andere Frage.)

b) Wie soll sich aus dem Wort „sozial“ in Art. 20 GG und aus der angeblichen „Schutzgebotsfunktion der Grundrechte“ aus Art. 1 GG der Betrag von 7,50 Euro/Stunde ergeben? Warum nicht 10 Euro? Oder 7,47 Euro? Rolfs gibt selbst eine deutliche Antwort: „Natürlich sind 7,50 Euro eine ‚gegriffene Größe‘.“
Das, was sich aus den beiden Normen allenfalls begründen lassen dürfte, ist überhaupt ein Mindestlohn – bei voller politischer Freiheit des Gesetzgebers, dessen Höhe in dieser oder jener Höhe festzulegen, womit ein verfassungsrechtliches Mindestlohngebot unmittelbar kaum mehr als Asche Wert ist.

c) Wie soll aus der Nichtigkeit sittenwidriger Verträgen (+ Schadenersatz für in der Vergangenheit dadurch erlittene Schäden) ein Anspruch auf Mindestlohn in Zukunft folgen?4

4. Mittelbar dürfte allerdings die Anerkennung jener politischen Freiheit des Gesetzgebers – und damit der Verweis auf den politischen Kampf – für eine sozialstaatliche Zügelung des Kapitalismus oder gar eine Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise mehr Wert sein, als ein von Verfassungs wegen bzw. von rechtswissenschaftlichen Voluntarismus wegen geschenkweise ausgeschütteter Mindestlohn von 7,50 Euro/Std.
In der Internationale heißt es insoweit sehr richtig:
Es rettet uns kein höh‘res Wesen,
kein Gott, kein Kaiser noch Tribun
Uns aus dem Elend zu erlösen
können wir nur selber tun!“
Das gilt nicht nur angesichts Gott, Kaiser und Tribun, sondern auch angesichts einer überschwenglichen ‚Sozialstaats-Religion‘, die die begrenzte Reichweite der Charakterisierung der Bundesrepublick als „soziale[n] Staat“ verkennt.

5. Michel Foucault schrieb 1976:

„Man hörte ihn [den auf Seiten der sog. Linken stehenden Intellektuellen] als Repräsentanten des Universellen, oder er beanspruchte, als solcher Gehör zu bekommen. Intellektueller sein hieß ein wenig das Gewissen aller zu sein. […]. Es ist eine neue Art der Verbindung von Theorie und Praxis entstanden. Die Intellektuellen haben sich angewöhnt, ihre Arbeit nicht mehr im Universellen, im Exemplarischen, im ‚Wahren-und-Gerechten-für-alle’ anzusiedeln, sondern in bestimmten [déterminés] Bereichen, an genauen [précis] Punkte, […]. Damit haben sie mit Sicherheit ein viel konkreteres, unmittelbareres Bewußtsein von den Kämpfen gewonnen. […]. Und diesen Typ würde ich im Gegensatz zum ‚universalen’ Intellektuellen den ‚spezifischen’ Intellektuellen nennen. […]. Es ist zu vermuten, daß der ‚universale’ Intellektuelle, so wie es ihn im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gab, von einer recht eigentümlichen historischen Gestalt abstammt, nämlich dem Mann der Gerechtigkeit, […], von dem der der Macht, dem Despotismus, den Mißbräuchen und der Arroganz des Reichtums die Universalität der Gerechtigkeit […] entgegenstellte. Der universale Intellektuelle stammt von dem Rechtskundigen als Würdenträger [juriste-notable] ab und findet seinen vollkommensten Ausdruck im Schriftsteller, dem Träger von Bedeutungen und Werten, in denen sich alle wiedererkennen können. Der spezifische Intellektuelle stammt von einer anderen Figur ab, nicht mehr dem Rechtskundigen als Würdenträger [juriste-notable], sondern dem Wissenschaftler als Experten [savant-expert].“ (1976a, 154, 156 – eigene Übersetzung)

Diese Entwicklung ist bei den deutschen RechtswissenschaftlerInnen – egal, ob politisch auf Seiten der Linken oder der Rechten stehend – nahezu gar nicht angekommen. Es reicht den allermeisten von ihnen nicht, als JuristInnen die geltenden Gesetze, einschließlich der Verfassung, zu erkennen, und als BürgerInnen politische Vorschläge zu unterbreiten, sondern sie beanspruchen für ihre politischen Vorschläge nicht weniger, als daß diese ‚das Recht‘ / ‚die Gerechtigkeit‘ seien (und viele PolitikerInnen – ebenfalls auf Seiten der Rechten und der Linken – übertreffen die JuristInnen in dieser JuristInnen-Ideologie noch). Rolfs Verwischung des Unterschiedes zwischen der Interpretation juristischer Normen und dem Unterbreiten und Begründen politischer Vorschläge zeigt dies wieder einmal. -

Angemerkt sei noch, daß mir die Mindestlohn-Forderung politisch durchaus richtig zu sein scheint (ich hatte dies kürzlich im Kontrast zur Existenzgeldforderung begründet). Weder richtig noch zutreffend erscheint mir dagegen, eine erst noch durchzusetzende Forderung mit dem geltenden Recht zu verwechseln.

Literaturhinweise: (mehr…)

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Konvergenzen des wissenschaftstheoretischen Relativismus

[Ich hatte kürzlich meine Diplomarbeit aus dem Jahre 1996 zum Thema „Pluralismus und Antagonismus. Eine Rekonstruktion postmoderner Lesweisen“ online zugänglich gemacht. Ich bringe hier einen remix einer Passage von S. 86 f. Ich setze hier die Fußnote 123, die dort hinter dem Doppelpunkt am Ende des ersten Satzes und vor dem folgenden Poulantzas-Zitat steht, in den Haupttext ans Ende der fraglichen Passage. In der ursprünglichen Fassung ging es dort statt dessen mit Überlegungen zu anderen Aspekten weiter. Dies war der Grund dafür, daß der hier ‚aufgewertete’ Text dort in die fragliche Fußnote verbannt wurde.
Anzumerken ist noch, daß der hier kritisierte Relativismus in Erkenntnisfragen strikt vom – angesichts widersprüchlicher gesellschaftlicher Verhältnisse: notwendigen – Relativismus in politischen Bewertungsfragen zu unterscheiden ist.]

Es macht zwar politisch einen bedeutenden Unterschied, ob man/frau sich auf den historizistisch-relativistischen Wahrheits-Begriffs von Bogdanow, Stalin oder auch Lukács einerseits oder Gramscis andererseits bezieht; die zugrundeliegende theoretische Konzeption bleibt aber (schließlich auch in Foucaults Version des wissenschaftstheoretischen Relativismus) die gleiche: „Die historizistische Ideologieauffassung ist […] noch klarer [als bei Marcuse, d. Vf.] bei dem typischen Beispiel von Lukács und seiner Theorie von ‚Klassenbewußtsein’ und ‚Weltanschauung’. Es lohnt sich, dabei zu verweilen, da sie klar das Problem der erkenntnistheoretischen Prämissen einer historizistischen Betrachtungsweise der Ideologie erkennen läßt. Sie ist um so wichtiger, als infolge Gramscis Historizismus, […] die Mehrzahl der marxistischen Theoretiker den Begriff der Hegemonie in einer Bedeutung gebrauchen, die mit der Problematik Lukács’ verwandt ist.“ (Poulantzas 1968, 195 – Hv. d. Vf.).
Diese Position leugnet die die Realität der objektiven Außenwelt1 und kann deshalb keinen Unterschied zwischen ideologischen und wissenschaftlichen Diskursen machen kann (Althusser 1966/68, 174, 176-180); die „besondere Geschichte der Wissenschaft [wird] auf die Geschichte der organischen Ideologien und die ökonomisch-politische Geschichte zurück[ge]führt“ (Althusser 1966/68, 178; ähnlich Poulantzas 1968, 195 f. mit FN 5).
Die historizistische Ideologieauffassung beinhaltet eine „Identifizierung der Ideologie und der Wissenschaft, d.h. die Auffassung, daß sie [die Ideologie, d. Vf.] die Wissenschaft umfaßt“. Der „Charakter der Ideologie als Ausdruck des Subjekts“ umfasst nach historizistischer Auffassung „in dem Falle die Objektivität der Wissenschaft, wo die subjektive Weltanschauung einer ‚aufsteigenden Klasse’ die Totalität der Gesellschaftsformation einschließt. Bekannt ist der Aspekt des Arguments, den Lukács, Korsch u.a. auf das Proletariat und die ‚proletarische Wissenschaft’ anwandten: Da das Proletariat seinem Wesen nach eine universale Klasse ist, hat sein subjektives Bewußtsein universalen Charakter; aber ein universales subjektives Bewußtsein ist zwangsläufig objektiv, also wissenschaftlich“ – so Lukács, Korsch und andere (Poulantzas 1968, 196, FN 5).
In Rußland bzw. der Sowjetunion wurde diese Auffassung sowohl von dem ‚Links’kommunisten Bogdanow wie auch von Stalin vertreten:
„Es ist nicht uninteressant, daß die Gegenüberstellung von bürgerlicher und proletarischer Wissenschaft […] die unbewußte, versteckte oder verleugnete Rückkehr eines Themas ist, daß bereits bei Bogdanow, […] präsent ist und dann in verschiedenen Publikationen des Proletkult entfaltet wird. Der Ausschluß, mit dem der Stalinismus diese Strömung bestraft hat, aber auch die heftige Kritik von Lenin und Plechanow an Bogdanow scheinen nur zum Verschwinden des Wortes ‚proletarische Wissenschaft’ geführt zu haben, ohne an der Grundthese zu rütteln: […] Die sowjetischen Texte bewegen sich dann tatsächlich in einer Opposition zwischen ‚bürgerlicher’ und ‚reiner’ Wissenschaft und entwickeln dabei die These eines Verfalls der Wissenschaft wie der Kultur im imperialistischen Stadium des Kapitalismus. […]. Der Kern der Argumentation bleibt dabei in Fällen der gleiche. […]: Die Wissenschaft ist historisch relativ, weil das Bewußtsein der Menschen sich fortentwickelt […]. […] die historische Relativität der Wissenschaft [spiegelt] deren Klasseninhalt wider. […]. Die gesellschaftlich-historischen Umstände, unter denen eine wissenschaftliche Theorie entstand, werden dann als letzte Ursache dieser Theorie behandelt, […]. Die Wissenschaft würde also der ‚aufsteigenden’ Klasse gehören, deren Interesse mit der prometheischen Bestimmung des Menschen zusammenfällt.“ (Bras 1985, 1083, 1984 – Hv. i.O.; vgl. auch Lecourt 1976, 126 oben, 130, 140-142, FN 21).
Schließlich folgt auch die Wissenssoziologie dem gleichen Modell. Sie verortet die vermeintliche Wahrheit allerdings nicht bei einer (‚aufsteigenden’) Klasse, sondern bei der „freischwebenden Intelligenz, die ‚relativ unrelativ’, d.h. nicht hauteng mit Klasseninteressen verflochten“ sei (Hauser 1987, 74; vgl. Eagleton 1991, 129 oben; s.a. außerdem zum Verhältnis: Lukács – Wissenssoziologie: Hauser 1987, 74; Eagleton 1991, 128, Abs. 2).
S. schließlich zur Bedeutung von Lukács bzw. des Hegel-Marxismus für feministische Standpunkttheorien: Seifert 1992, 258; Grimm 1994b, 156 f.; zur Bedeutung der Wissenssoziologie (Mannheim, Berger/Luckmann) für (feministische und afrozentrische) Standpunkt-Epistemologien: Collins, 1989, 20-23; 46, FN 16; 47 f., FN 22, 28. (mehr…)

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Zitate aus Foucaults „Was ist Aufklärung?“

„Und schließlich schlägt Kant [in Was ist Aufklärung?] Friedrich II. in kaum verhüllten Worten eine Art Vertrag vor, der ein Vertrag zwischen rationalem Despotismus und freier Vernunft genannt werden könnte: Der öffentliche und freie Gebrauch der autonomen Vernunft wird die beste Garantie des Gehorsams sein, jedoch unter der Bedingung, daß das politische Prinzip, dem gehorcht werden muß, selbst mit der universellen Vernunft übereinstimmt.“ (40)1

„Wir müssen die Alternative des Außen und Innen umgehen; wir müssen an den Grenzen sein.“ (48)2

„Und diese Kritik [die von Foucault verfochtene, TaP], wird insofern genealogisch sein, als sie nicht aus Formen unseres Seins das ableiten, was wir unmöglich tun und wissen können; sondern sie wird in der Kontingenz, die uns zu dem gemacht hat, was wir sind, die Möglichkeit auffinden, nicht länger das zu sein, zu tun oder zu denken, was wir sind, tun oder denken.“ (49)

„[…] der folgende Einwand [gegen die hier in FN 1 zitierte Position Foucaults, TaP] [wäre] ohne Zweifel vollständig berechtigt: Falls man sich auf diesen Typ stets partieller und lokaler Untersuchungen oder Tests beschränkt, läuft man dann nicht Gefahr, sich von allgemeinen Strukturen bestimmen zu lassen, deren man nicht bewußt ist und die man nicht beherrschaft? […]. Diese [die von Foucault vorgeschlagene, TaP] Arbeit hat ihre Allgemeinheit, ihre Systematik, ihre Homogenität und ihren Einsatz.“ (50)

„Wir wissen, daß das große Versprechen, oder die große Hoffnung des 18. Jahrhunderts, […], in dem gleichzeitigen und proportionalem Wachstum der technischen Fähigkeiten […] wie auch der Freiheit der Individuen […] lag.[…] man konnte sehen, welche Formen von Machtbeziehungen durch verschiedene Technologien gefördert wurden (ob wir von Produktionen mit ökonomischen Zielen spechen oder von Institutionen mit dem Ziel gesellschaftlicher Regulierung oder von Kommunikationstechniken: kollektive und individuelle Disziplinen, Prozeduren der Normalisierung, die im Namen der Staatsmacht, als Forderungen der Gesellschaft oder von Teilen der Bevölkerung ausgeübt wurden, geben Beispiele. Der Einsatz ist also: Wie kann der Zuwachs an Fähigkeiten von der Stärkung von Machtbeziehungen getrennt werden?“ [50, 51 – meine Hv.] -

letzteres gegen alle, die meinen Foucault habe einen unkritischen Macht-Begriff vertreten; s. dazu auch dort, S. 72 – 75.

(Michel Foucault, Was ist Aufklärung?,
in: Eva Erdmann / Rainer Forst / Axel Honneth (Hg.),
Ethos der Moderne. Foucaults Kritik der Aufklärung
Campus: Frankfurt am Main / New York, 1990,
S. 35 – 54).

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Zur Kritik des marxistisch-gegenstandpunklerischen Kleinredens von Sexismus und Patriarchat

Einige grundsätzliche Bemerkungen über das Verhältnis von Marxismus und Feminismus, ‚Privatem‘ und Politischen aus Anlaß der SM-Debatte beim Mädchenblog

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Noch einmal zu SM und Politik

Anläßlich der Diskussion beim Mädchenblog hat sich Thiel Schweiger (1, 2) folgendes vorgenommen:

„Neben linken Autoritäten wie Adorno sind es etwa Alice Schwarzer, Robert Kurz, das so genannte Berliner Instititut für Faschismusforschung und wohl generell die meisten Freudomarxist_innen [, die die Ansicht vertreten, „dass SM politisch kritikabel ist und die äußeren Machtverhältnisse im Privaten reproduziert“]. Auch links orientierte Schriftsteller_innen wie Heinrich Mann (Der Untertan) und Klaus Mann (Mephisto) dürften in diese Reihe gehören. In der Debatte, auf die ich direkt Bezug nehme, machte der Blogger von Theorie als Praxis diese Position stark, die er auf seinem Blog in zwei Beiträgen expliziert. An seinem Beispiel hoffe ich, diesen Diskurs generell kritisieren zu können.“ (meine Hv.)

1.

Der Versuch die genannten Positionen anhand meines Beispiels zu kritisieren, ist von vornherein auf ziemlichen sandigem Boden gebaut. Zwar mögen alle Genannten SM für politisch kritisierenswert halten und der Ansicht seinen, daß SM dahin tendiere, gesellschaftliche Machtgefälle reproduzieren. Nur – soweit ich die von T.S. genannten Positionen kenne, habe ich ganz andere Vorstellungen davon, wie die hiesigen gesellschaftlichen Verhältnisse funktionieren – und folglich auch ganz andere Vorstellungen davon, was es heißt, dieses würden durch SM reproduziert. Um es in aller Deutlichkeit zu sagen:

Ich bin keine FreudomarxistIn. (Sofern ich überhaupt eine Meinung zur Psychoanalyse habe, tendiere ich eher zur entgegengesetzten lacanistischen Richtung. Aber eigentlich muß ich sagen: Freud habe ich praktisch nicht gelesen; mein Versuch vor ca. 15 Jahren meine Uni-Zwischenprüfungsarbeit über Lacan zu schreiben, war in meinen Augen ziemlich gescheitert [die Prüfungskommission ließ mich freundlicherweise trotzdem ins Hauptstudium]. Und überhaupt verstehe ich eigentlich nicht, worum es bei der Psychoanalyse geht. – Ich halte mich eher an bodenständigere Themen.)

Ich bin auch keine Adorno-AnhängerIn. Mit der Frankfurter Schule bin ich rundheraus nicht einverstanden1, und auch konkret mit dem von T.S. angeführten Adorno-Zitat zu SM bin ich nicht einverstanden.

Schon gar nicht bin ich mit Robi Kurz einverstanden. (Einige Jahre nach meiner gescheiterten Zwischenprüfungsarbeit hatte ich mal ein Krisis-Heft in der Hand und festgestellt, daß dieser Ansatz weitere Beschäftigung nicht lohnt.) Auch das von T.S. konkret angeführte Kurz-Zitat ist mir zu esoterisch.

► Wer das „so genannte Berliner Instititut für Faschismusforschung“ ist und warum es ein „so genanntes“ ist, ist mir nicht bekannt – auch nicht die Positionen, die dort vertreten werden.

► Auch mit den Manns kenne ich mich nicht aus. Ich bin wirklich ungebildet.

► Zutreffend ist, daß die PorNo-Kampagne der Emma vor mehr als 20 Jahren meine politische Positionsbildung zu dieser Frage beeinflußt hat. Aber als Theoretikerin ist Schwarzer für den Feminismus nun wirklich nicht ausschlaggebend, und auch ihre politische Positionierung in vielen anderen Fragen finde ich falsch. Das an der alten PorNo-Position, was mir richtig erscheint (also durchaus nicht alles), ist m.E. sehr gut auch mit avancierteren theoretischen feministischen Positionen (vgl. hier) vereinbar.

Ich werde daher auf den ganzen ersten Teil des Textes von T.S. (vor den ersten drei ***) nicht weiter eingehen. Auch hinsichtlich der vagen Andeutungen zu Pädophilie beschränkte ich mich – aus Zeitgründen – darauf, erhebliche Vorbehalte anzumelden (die von T.S. erwähnte Debatte zu dem Thema habe ich nicht zur Kenntnis genommen).

2.

Ich beschränke mich daher im folgenden darauf, auf den direkt mir gewidmeten zweiten Teil einzugehen. Auch da kann ich meine Position nicht wirklich wiedererkennen – wahrscheinlich, weil T.S. meine Stellungnahmen vor einer freudomarxistischen Folie liest, die aber in meinem Fall überhaupt nicht passend ist.

[TaP:] „Und müssen wir dann nicht berechtigterweise befürchten, daß sich die ‚zeitweilig ungleich verteilte‘ Macht in SM-Beziehungen schnell verselbständigt – besonders dann, wenn sie (wie oben dargelegt) den gesellschaftlichen Machtverhältnissen folgt?“
[T.S.:] „Dies ist nun etwas, was im SM-internen Diskurs oft genug problematisiert wird.“

Nur wurde es eben weder in dem seinerzeit von mir kritisierten AK-Artikel thematisiert, noch in dem jetzigen Beitrag von Mirabella beim Mädchenblog. Und auch T.S. wischt das Thema gleich wieder weg:

„Natürlich gibt es diese Gefahr – ‚No risk no fun‘ kann man da eigentlich nur sagen“.

Weiter macht T.S. geltend:

„Die meisten SM-Praktiken weisen überhaupt keinen direkten Bezug zu äußeren Machtverhältnissen auf.“

Nun hatte ich aber anhand der von mir ausgewerteten SM-Annoncen und der Schlagwerk-homepage aufgezeigt, daß es weit überwiegend Männer sind, die den dominanten part einnehmen wollen; auch die Wikipedia nennt eine Zahl von bloß 11 bis 28 Prozent weiblicher tops.

Gegen diese Analyse wendet T.S. ein:

„Sinnvoller wäre es gewesen, einschlägige Studien zu dem Thema, die es ja gibt, zu lesen, etwa Norbert Elbs Buch SM- Sexualität: Selbstorganisation einer sexuellen Subkultur.“

Asche auf mein Haupt. Das war wirklich eine schwerwiegende wissenschaftliche Verfehlung, daß ich im Jahre 2000 ein Buch noch nicht zitiert hatte, das erst 6 Jahre veröffentlicht wurde…

„SMer_innen, die sich freiwillig unterwerfen, da sie sie sich davon einen Lustgewinn versprechen, sind letztendlich ideologisch verblendet und nicht Ernst zu nehmen. […]. SMer_innen wird abgesprochen, ihr Glück selbst beurteilen zu können, sie werden pathologisiert.“

Die mir unterstellte Position ist – was mich betrifft – frei erfunden. Beim Mädchenblog hatte ich vielmehr geschrieben:

„es wäre anmaßend und müßig, Dir sagen zu wollen, daß Du das Falsches willst (schließlich ist es Dein Wille) – aber es ist schon möglich eine eigene politische Meinung dazu zu haben, oder?“ (30.09.; 10:59 h)

Auch ansonsten halte ich die Rede vom „falschen Bewußtsein“ (scil. ‚Verblendung‘ etc.) für falsch:
http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/09/15/warum-ideologie-kein-notwendig-falsches-bewusstsein-ist-und-aus-einer-erkenntnis-nicht-automatisch-eine-bestimmte-politische-haltung-folgt/.

Und auch die Pathologisierungs-Unterstellung gegenüber SM-KritikerInnen und -SkeptikerInnen, die in dem Ausgangstext beim Mädchenblog ebenfalls enthalten ist, hatte ich bereits zurückgewiesen:

[Mirabella:] „Bei BDSM handelt es sich um eine Neigung und nicht um eine Spielerei oder eine krankhafte Perversion.
[TaP:] „Ich würde ja altmodisch sagen: Es handelt sich um Politik. Das Sexuelle ist politisch.“ (30.09.; 10:59 h)

Weiter geht es bei T.S. wie folgt:

„Auch dass Gewalt per se etwas schlechtes ist, ist eine Meinung, die direkt aus der bürgerlichen Staatsideologie entnommen ist: es gibt nur eine Gewalt – die des Staates – und die ist eben keine. Alle andere Gewalt wird tabuisiert. Eine rationale Gewaltkritik müsste dagegen die Zwecke betrachten, denen Gewalt u.U. als angemessenes Mittel dient.“

a) Auch die mir unterstellte Position zur Staatsgewalt ist frei erfunden. 1. Ist Staatsgewalt Gewalt. 2. halte ich es für falsch, staatlicher Gewaltanwendung die These entgegenzusetzen, Gewalt sei kein Mittel der Politik (1 + Kommentar). Doch, Gewalt ist ein Mittel der Politik.
b) Gewaltanwendung gegen andere zur Befriedung der eigenen Lust („dort ist eben der Genuss der Macht primärer Trieb“ – Zitat aus einem von T.S. zur Lektüre empfohlenen Text) finde ich allerdings – gelinde gesagt – ziemlich problematisch. Wenn das Frauen im Patriarchat gegen Männer machen, und die Männer ihrerseits auch noch damit einverstanden sind, regt mich das nicht weiter auf. Wenn die Gewaltanwendung dagegen typischerweise (und so scheint es in der SM-Szene zu sein) der herrschenden Gewaltverteilung entspricht, dann ist das nichts, was ich politisch begrüßen will.

„Zudem beinhaltet seine Argumentation einen recht seltsamen Sozialdeterminismus. Die Determination, die die Gesellschaft auf die SM-betreibenden Individuen ausgeübt, geht dabei recht platt vor sich, im Sinne eines simplen, nicht weiter erklärten, Abbildungsvorgangs: hier Macht, dort Macht. Nicht erklärt wird, warum dies nur bei so wenigen Individuen funktioniert, warum es nicht wesentlich mehr SMer_innen gibt.“

Meine These geht vielmehr in die Richtung, daß SM nur eine Radikalisierung dessen ist, was im Rahmen von normaler, hetero/a/sexueller Sexualität ohnehin üblich ist, ist (1, 2, 3, 4, 5 – bei 1 und 2 jew. die Foucault-, MacKinnon- und Rich-Zitate + Kontext; die restlichen Stellen sind Kurz-Statements).

Auch seine hier schon als Kommentar gepostete Monopoly-Analogie bringt T.S. noch einmal vor. Dazu hatte ich schon geschrieben:

„Naja, ein Brettspiel ist vielleicht etwas anderes als der ‚Spielen‘ mit fremden Körpern. Und bei Monopoly werden nicht die gesellschaftlichen Rollen der konkret Spielenden reproduziert. Die ‚Rollen‘ im Spiel funktionieren völlig unabhängig von der (sonstigen) gesellschaftlichen Rolle der Spielenden, während es beim SM eine starke Tendenz gibt, daß wiederum Männer die Dominierenden sind – lt. Wikipedia 72 – 89 %.“

Auch das hier schon gepostete Foucault-Zitat führt T.S. noch einmal an. Hier erneut meine Antwort:

Foucault: „dass sie neue Möglichkeiten von Lust erfinden, indem sie bestimmte eigentümliche Partien ihrer Körper gebrauchen – indem sie diesen Körper erotisieren.“

T.S.: „Und ihr subversives Potential liegt eben tatsächlich (siehe Foucault) in der Erfindung neuer Lüste.“

Das ist sehr allgemein. Und in dieser Allgemeinheit gibt es da auch gar nichts einzuwenden. Dagegen ist das Nach’spielen‘ von Herrschaft ein sehr spezifischer Fall. Und ich habe bisher kein Argument gehört, daß mich überzeugen würde, daß es möglich ist, im Falle von SM eine halbwegs trennscharfe Unterscheidung zwischen ‚Spiel‘ und ‚Ernst‘ zu treffen.2
Der hiesige Ausgangsartikel von Mirabella und auch die seinerzeit von mir im AK kritisierten Texte sind vielmehr ein sehr starkes Indiz dafür, daß die Unterscheidung nicht möglich ist – am Ende ist auch der ‚Ernst‘ ein ‚Spiel‘, und das Patriarchat löst sich durch queer-sadomaso Voluntarismus in Luft auf.

3.

Noch einmal kurz zurück zum Anfang und dann direkt zum Ende des Textes von T.S.:

„weil die ‚Perversen‘ sich unter Druck gesetzt fühlen, den gegen sie ins Feld geführten Diffamierungen entgegenzutreten,“ / „Verdächtigungen“ / „gewohnte linksmoralisierende Gerüchteküche im Windschatten Freuds“

Welche „Diffamierungen“ gab es beim Mädchenblog? Wo ging/geht es dort um Moral? Es geht um Politik. -
Aber dieser ‚argumentative‘ Schlenker ist durchaus typisch für solche Debatten: Erst wird die politische Kritik in moralische und juristische Termini ‚übersetzt‘ statt auf der politischen Ebene zu erwidern – und dann wird in genialer Weise der vermeintliche Moralismus der Gegenposition entlarvt und umgehauen.

  1. Mit diesen Kritiken bin ich weitgehend einverstanden:
    Gareth Stedman Jones, The Marxism of the Early Lukács: an Evaluation, in: New Left Review, Iss. 70, Nov./Dec. 1971, 27 – 64 (wiederabgedruckt in: ders. et al., Western Marxism. A Critical Reader, NLB: London, 1977, 11 – 60).

    Göran Therborn, The Frankfurt School, in: New Left Review H. 63, Sept./Oct. 1970, 65 – 96 (zusammen mit Therborn 1971 wiederabgedruckt in: Stedman Jones et al. 1977, 83 – 139).
    ders., Jürgen Habermas: A New Eclecticism, in: New Left Review Iss. 67, May/June 1971, 69 – 83 (zusammen mit Therborn 1970 wiederabgedruckt in: Stedman Jones et al. 1977, 83 – 139).

    (Aus Netzwerken von Universitäts- und Staatsbibliotheken besteht ein kostenfreier Zugang zum NLR-Archiv.)

    Rolf Nemitz, Ideologie als „notwendig falsches Bewußtsein“ bei Lukács und der Kritischen Theorie, in: Projekt-Ideologie-Theorie (Hg.), Theorien über Ideologie (Argument-Sonderband AS 40), Argument: [West]berlin, 1. Aufl.: 1979, 3. Aufl.: 1986, 39 – 60.

    Steffen Kratz / Beate Verhorst, Frankfurter Schule (Adorno und Marcuse), in: Heinz Kimmerle (Hg.), Modelle der Materialistischen Dialektik. Beiträge der Bochumer Dialektik-Arbeitsgemeinschaft, Martinus Nijhiff: Den Haag, 1978, 185 – 209; online unter: http://www.trend.infopartisan.net/trd0507/t030507.html.

    Lucio Colletti, Von Hegel zu Marcuse, in: alternative H. 72/73: Literatur und Revolution. Beiträge aus Italien, Juni/Aug. 1970, 129 – 149

    [zurück]

  2. S. http://edoc.hu-berlin.de/dissertationen/schulze-detlef-georgia-2004-06-10/PDF/schulze.pdf, S. 187 – 190. [zurück]
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Patriarchat abgeschafft – Das Private ist wieder unpolitisch?!

[Diesen Kommentar zum Beitrag:

Feminismus und BDSM (Sadomasochismus) – unvereinbar?

beim Mädchenblog habe ich dort gerade gepostet]

Also – mich überzeugt das nicht.

„Mir scheint, dass oft Diskriminierung und Benachteiligung gesucht wird wo keine ist. Weniger Frauen haben einen guten Beruf und mehr Frauen arbeiten Teilzeit im Vergleich zu Männern. Aber das liegt nicht an der aktuellen Benachteiligung von Frauen, sondern an der Benachteiligung in der Vergangenheit: […]. Aber ältere Frauen, die in jungen Jahren noch nicht die gleichen Rechte hatten wie die jungen Frauen heutzutage, sind natürlich weiterhin noch benachteiligt, da sie in jungen Jahren nicht die gleichen guten Ausbildungen genießen konnten wie die Männer.“

Und warum verdienen auch Frauen, die auf gleicher Hierarchiestufe wie Männer arbeiten, im Durchschnitt weniger als die entsprechenden Männer?
Und warum ist Hausarbeit immer noch ganz überwiegend Frauensache – selbst bei jungen Paaren mit hoher Ausbildung und wo die Frau erwerbstätig ist (spätestens zumindest, wenn es in der Beziehung Kinder gibt)?1
Warum reproduziert sich die sexistische Arbeitsteilung selbst in transgender-Beziehungen?2
Warum gibt es weiterhin sexuelle/sexualisierte Gewalt? Und warum ist sie weiterhin in aller erster Linie Männergewalt gegen Frauen?
Warum gibt es solche Phänomene wie die Kampagne gegen Ypsilanti?3

„Gerade in einer Partnerschaft liegt eine gleichberechtigte Machtverteilung vor, die stets die Grundlage zur freiwilligen Unterwerfung bildet.“

Ich würde dagegen die These setzen wollen: Die freiwillige Partnerwahl macht die Unterwerfung attraktiv, aber auch die subjektivierende Unterwerfung (Althusser / Foucault) (hier: die Unterwerfung eines liebenden weiblichen Subjekts) ist immer noch Unterwerfung:

„Um die Liebe zwischen den Partnern nicht aufs Spiel zu setzen, verzichten die meisten Paare über weite Strecken auf eine explizite Aufrechnung, wie sie bei einer genauen Einhaltung der Partnerschaftsnorm [Gleichberechtigung, d. Vf.In] erforderlich wäre. Dadurch entsteht die Situation, daß die Beteiligung des Mannes an der Hausarbeit sich auf gelegentliche Hilfestellung und außerordentliche ‚Sonderleistungen‘ […] beschränkt.“ (Koppetsch/Burkart 1999, 319).

und
wie hier FN 1, S. 73 f., 187-189

„Demnach gibt es keinen Grund, sich bei oder vor den ‚Spielen‘ Gedanken um die äußeren Machtverhältnisse zu machen.“

Und weshalb werden dann beim ‚Spielen‘ die ‚äußeren‘ Machtverhältnisse haargenau nachgespielt?
Vgl. meine Kritik:
http://theoriealspraxis.blogsport.de/2000/08/31/wessen-gewalt-hat-die-macht-sexy-zu-sein/

„Aber wenn ich masochistisch bin und einen Mann gefunden habe, der zu mir passt, mit dem ich mich perfekt ergänze, den ich liebe, warum sollte ausgerechnet dieser Mann dann mein Feind sein? Dieser Mann ist alles andere als mein Feind: Er ist mein Partner, mein Geliebter, mein ein und alles. […]. Warum wird immer wieder – gerade von Feministinnen – gefordert, Frauen sollten sich emanzipieren und nach ihrem eigenen Willen handeln, wenn es dann doch wieder falsch ist? Warum darf meine sexuelle Selbstbestimmung nicht so weit gehen, dass ich für mich entscheide, Masochistin zu sein.“

Ja, es wäre anmaßend und müßig, Dir sagen zu wollen, daß Du das Falsches willst (schließlich ist es Dein Wille) – aber es ist schon möglich eine eigene politische Meinung dazu zu haben, oder?

„Bei BDSM handelt es sich um eine Neigung und nicht um eine Spielerei oder eine krankhafte Perversion.“

Ich würde ja altmodisch sagen: Es handelt sich um Politik. Das Sexuelle ist politisch.

„Ich kann studieren und meinen Beruf ausüben, viel Geld verdienen und sagen, was ich will – und dennoch kann mein Partner mich im Bett schlagen und demütigen, weil es mir gefällt!“

Das erste Teil des Zitates scheint mir latent ein unzutreffendes Klassen-bias zu enthalten (Seximus sei ausschließlich ein Unterschichtsphänomen / eine Bildungsfrage) – und bei dem zweiten Teil stellt sich mir schon die Frage (nicht das ich erwarten/verlangen würde, daß Du das öffentlich ausbreiten willst): Warum gefällt Dir das?

„Also bei Alice Schwarzer, die sich auch deutlich gegen jede Pornografie wendet und häufig sogar fast männerfeindlich rüberkommt, war nichts anderes zu erwarten.“

Die Bemühungen um ‚feministische Pornographie‘ in allen Ehren4, aber:
a) Warum muß das dann immer noch Pornographie heißen, wenn es doch angeblich etwas ganz anderes ist?
Und b): Anfang des Jahres war ich in Wien bei einem dieser modischen post-porn-Festivals – meinen Eindruck hatte ich danach wie folgt zusammengefaßt
„Um noch mal zusammenfassend auf die Filme zurückzukommen: Soweit nicht ohnehin Schwänze, sondern Dildos gezeigt wurden, bestätigten, sie NICHT die von einer der ReferentInnen aus Preciados ‚Kontrasexuellem Manifest‘ referierte These, daß sich Dildos in Form, Farbe sowie Positionierungs-/Anbringungs- und Einsatzmöglichkeiten von Schwänzen unterscheiden statt Schwanz-Substitute zu sein. Das, was zu sehen war, schien eher auf getreulich-naturalistische Imitation in Form, Farbe, Anbringung (zwischen den Beinen) und Einsatz (haupsächlich in der Vagina: möglichst tief, in möglichst schnellem Rythmus, möglichst heftig bis gewaltsam) der männlich-heterosexuellen Normalität zu zielen.“
(mehr…)

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Vorschlag zur korrigierten Übersetzung eines Foucault-Zitates: Universale vs. spezifische Intellektuelle

Ich möchte vorschlagen, dieses Foucault-Zitat

„On l1’écoutait, ou il prétendait se faire écouter comme représentant de l’universel. Être intellectuel, c’était être un peu la conscience de tous. Un nouveau mode de liaison entre la théorie et la pratique s’est établi. Les intellectuels ont pris l’habitude de travailler non pas dans l’universel, l’exemplaire, le juste-er-vrai-pour-tous, mais dans de secteurs déterminés, en des points précis […]. Ils y ont gagné à coup sûr une conscience beaucoup plus concrète et immédiate des luttes. […] ; c’est ce que j’appellerais l’intellectuel spécifique par opposition à l’intellectuel universel. […]. On peut supposer que l’intellectuel universel tell qu’il a fonctionné au XIXe siècle est en fait dérivé d’une figure historique bien particulière : l’homme de justice, […], celui qui au pouvoir, au despotisme, aux abus, à l’arrogance de la richesse oppose l’universalité de la justice […]. L’intellectuel universel dérive du juriste-notable et trouve son expression la plus pleine dans l’écrivain, porteur de significations et de valeurs où tous peuvent se reconnaître. L’intellectuel spécifique dérive d’une toute figure, non plus le juriste-notable, mais le savant-expert.“
(Entretien avec Michel Foucault, in Michel Foucault, Dits et Écrits. Tome III, Gallimard : Paris, 1994, 140 – 160 [154, 156]).

fernerhin wie folgt zu übersetzen:

„Man hörte ihn [den auf Seiten der sog. Linken stehenden Intellektuellen] als Repräsentanten des Universellen, oder er beanspruchte, als solcher Gehör zu bekommen. Intellektueller sein hieß ein wenig das Gewissen aller zu sein. […]. Es ist eine neue Art der Verbindung von Theorie und Praxis entstanden. Die Intellektuellen haben sich angewöhnt, ihre Arbeit nicht mehr im Universellen, im Exemplarischen, im ‚Wahren-und-Gerechten-für-alle’ anzusiedeln, sondern in bestimmten [déterminés] Bereichen, an genauen [précis] Punkte, […]. Damit haben sie mit Sicherheit ein viel konkreteres, unmittelbareres Bewußtsein von den Kämpfen gewonnen. […]. Und diesen Typ würde ich im Gegensatz zum ‚universalen’ Intellektuellen den ‚spezifischen’ Intellektuellen nennen. […]. Es ist zu vermuten, daß der ‚universale’ Intellektuelle, so wie es ihn im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gab, von einer recht eigentümlichen historischen Gestalt abstammt, nämlich dem Mann der Gerechtigkeit, […], von dem der der Macht, dem Despotismus, den Mißbräuchen und der Arroganz des Reichtums die Universalität der Gerechtigkeit […] entgegenstellte. Der universale Intellektuelle stammt von dem Rechtskundigen als Würdenträger [juriste-notable] ab und findet seinen vollkommensten Ausdruck im Schriftsteller, dem Träger von Bedeutungen und Werten, in denen sich alle wiedererkennen können. Der spezifische Intellektuelle stammt von einer anderen Figur ab, nicht mehr dem Rechtskundigen als Würdenträger [juriste-notable], sondern dem Wissenschaftler als Experten [savant-expert].“

Dieser Vorschlag entstand im Jan. 2009 mit Unterstützung von Anne Chalard-Fillaudeau. In dieser .pdf-Datei finden sich Hinweise zu den Abweichungen von den bereits existierenden Übersetzungen.

Inhaltliche Anmerkung:

Wenn Foucault nach dem „Mann der Justiz“ den „Mann des Gesetzes“ unter die ‚universellen Intellektuellen’ einreiht, so sei hier dagegen gefragt, ob die Frau (?) des Gesetzes nicht vielmehr – im Gegensatz zum Mann (!) der Gerechtigkeit – in die Kategorie der ‚spezifischen Intellektuellen’ fällt. Diese Hypothese wird bei anderer Gelegenheit zu überprüfen sein.

  1. Der vorstehende Satz lautet: „On l’écoutait, ou il prétendait se faire écouter comme représentant de l’universel.“ [zurück]
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[Gegen Empirismus und Idealismus]

Die in dieser .pdf-Datei dokumentierten Anmerkungen zu dem Aufsatz von

Gideon Stiening
Am „Urgrund“ oder: Was sind und zu welchem Ende studiert man ‚Poetologien des Wissens‘
in: Zeitschrift für Kulturpeotologie 2007, 234 – 248

entstanden am 4./5.11.2008 für eine Diskussion am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien.

(Für die hiesige Veröffentlichung ist der Text insb. am Anfang, der kurz auf die Replik von Joseph Vogl [S. 249-258 des gleichen Jahrgangs der gleichen Zeitschrift] einging, gekürzt.)

Zu diesem Text gehört noch – quasi als Nachbemerkung vom 16.11. – diese Notiz über „Foucault und die Wahrheit“.

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„Wir fanden uns gewiss vor zuviel Macht“ (Foucault)

[Siehe die Vorbermerkungen zu den Beiträgen Wessen Gewalt hat die Macht sexy zu sein?! und Herrschaft oder Kommunismus – eine falsche Frage?. Auf den letztgenannten Beitrag erschien in ak 447 eine weitere Replik, in dem Fall von Frank T. – Der folgende Antwort-Entwurf blieb damals unvollendet und unveröffentlicht, da in FN 6, 7 und 15 noch drei Zitate zu verfizieren blieben und der Text noch auf Zeitungsformat hätte gekürzt werden müssen. Dazu kam es damals nicht. Hier wird nun die damalige, abgebrochene Fassung zur Verfügung gestellt, und bei Gelegenheit werden die beiden fehlenden Literaturangaben nachgereicht werden.]

Die Zeit als politische Positionen, die beanspruchten feministische zu sein, sich erfolgreich auf „physiologische Mechanismen“ berufen konnten, sind erfreulicherweise – für den Feminismus erfreulicherweise – vorbei. Gleichfalls erfreulicherweise vorbei sind im feministischen Kontext Zeiten, in denen vermeintlich authentische Erfahrungen (‚Betroffenheit‘) – im Gegensatz zu abstraktem, unpersönlichen Wissen (hier bspw. gewonnen aus „Kontaktanzeigen und Internet-Seiten“, wie Frank T. bemängelt ) – als unhintergehbares Argument galten. Wenn sich Frank T. in seiner SM-Apologie auf diese Argumente berufen möchte, dann bitte sehr. Das ist sein, nicht mein Problem; dies zeigt ausschließlich, auf welcher Seite in dieser Debatte die essentialistischen IdentitätspolitikerInnen sitzen – und auf welcher Seite nicht.
Ein Problem – allerdings für die ganze Linke – ist es demgegenüber, wenn Frank T. fordert, die schöpferische Macht unkritisch zu feiern und wenn er mit einer strikten Trennung zwischen Macht und Herrschaft das patriarchale Geschlechterverhältnis aus der Schußlinie von Herrschaftskritik nehmen will.
Frank T. behauptet: „Foucault (steht) im direkten Gegensatz zu Schulze“. Das schmeichelt zwar meiner Eitelkeit ungemein; aber es scheint doch der Punkt erreicht zu sein, wo es notwendig ist, Foucault gegen seine vermeintlichen Verteidiger in Schutz zu nehmen. Denn Foucault sagt nicht anders als MacKinnon: „Freundschaft ist wechselseitig und sexuelle Verhältnisse sind das nicht: in sexuellen Verhältnissen penetriert man oder man wird penetriert … männliche Gesellschaft, Asymetrie … usw. … All das ist wenig verlockend.“ (SuM 269, 270).

Vollständiger Text als .pdf-Datei.

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Herrschaft oder Kommunismus – eine falsche Frage?

[Der folgende Text ist die Langfassung eines Beitrages in ak 445 vom 21.12.2000; vgl. die Vorbemerkung zu: http://theoriealspraxis.blogsport.de/2000/08/31/wessen-gewalt-hat-die-macht-sexy-zu-sein/. Nach einer weiteren Replik schrieb ich schließlich noch einen dritten Text zum Thema.]

Ich möchte im folgenden die seit mehreren Ausgaben in ak geführte Debatte über Sexualität und insbesondere Herrschaft fortführen. Da die post-feministische Legende von bösen 70ern, in den böse Lesben arme Heteras unterdrückt haben sollen, mit dem Artikel von Christian Klesse nun auch ak erreicht hat , da einmal mehr mit linker, feministischer Politik als ein „repressives Klima“ schaffend (ak 443, 26) abgerechnet wird, erscheint es mir allerdings als notwendig, diese Debatte nicht in der bisherigen Weise fortzusetzen, sondern die grundsätzliche Frage aufzuwerfen: Welche Bedeutung kann/soll Herrschaftskritik für heutige linke Politik noch haben?

Vollständiger Text als .pdf-Datei.

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