Tag-Archiv für 'eichhorn/grimm'

Antworten auf Kritik

Der indymedia-Bericht über unsere Transpi- und Flugi-Aktion beim Berliner Stutwalk löste – neben kruder Pöbelei (siehe dazu dort) – einige ernsthafte Einwände und Bedenken gegen unsere Parole von der ‚Abschaffung der Männer‘ aus. Der besseren Lesbarkeit und Übersichtlichkeit wegen werden hier im folgenden die sich direkt auf einander beziehendenen indymedia-“Ergänzungen“ (Kommentare) direkt gegenübergestellt und zwar zu folgenden Themen:

Nur Männer abschaffen? – Oder: Alle Geschlechter abschaffen?
Zum Verhältnis von ‚Männlichkeit’ und ‚Mannsein’
Verständnisschwierigkeiten und Erklärungsversuche (evtl. bietet es sich an, die Lektüre mit dieser Diskussion zu beginnen, statt der Chronologie der Kritiken zu folgen)
Wessen „dogmatische Engstirnigkeit“?
Hartes Faktum „Muttermilch“?

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Geschlechter abschaffen!

Sa., 13.8., 14:45 h – vor dem DGB-Haus

„Einstweilen hat die Dekonstruktion der Geschlechterkategorie die Diskussionen auf die unsinnige Frage gebracht: Gibt es die Frauen oder gibt es sie nicht?, während die sexistischen Gewaltverhältnisse weitgehend aus dem Blickfeld geraten sind. Als könnte das Zauberwort soziale Konstruktion die Herrschaftsverhältnisse auflösen und die Kategorie Frau überwinden, bevor die Frauen den alltäglichen Sexismus zurückgedrängt haben.“
(Cornelia Eichhorn / Sabine Grimm;
http://www.nadir.org/nadir/archiv/Feminismus/GenderKiller/gender_1.html)

„[…] the category ‚woman‘ as well as the category ‚man‘ are political and economic categories not eternal ones. Our fight aims to suppress men as a class, not through genocidal, but a political struggle. Once the class ‚men‘ disappears, ‚women‘ as a class will disappear as well, for there are no slaves without masters.“ (Monique Wittig; http://www.geocities.com/saidyoungman/wittig01.htm)

Weiterlesen – zur Kritik des reformistischen, neoliberalismus-kompatibel queeren Geschlechterpluralismus und anderer Irrtümer der letzten 15 Jahre:

Kuschelsex oder Kuschelpolitik? Lesbisch-kommunistische De-Konstruktion oder ex-autonom-postmoderner Liberalismus?
erschien in: interim Nr. 440, 18.12.1997, 10 – 20 und Nr. 441, 08.01.1998, 18 – 26

Selektive Wahrheiten?
Selektive Wahrheiten?

Gegen den Strom
http://theoriealspraxis.blogsport.de/2011/05/03/gegen-den-strom/

Seven simple, basic and political questions, which all queer comrades should answer
http://theoriealspraxis.blogsport.de/2011/06/29/seven-simple-basic-and-political-questions-which-all-queer-comrades-should-answer/

und von anderen:

► Beate Selders und Christian Quadflieg
Beate Selders, Und immer: „Was bin ich?“ Über Butches und Femmes, Rollenspiele und Roll-Backs und Christiane Quadflieg, Butch und Femme. „Männlichen Machen“ auf Lesbenart?, in: Blau, Winter/Frühjahr 1997/98, 4 – 6 und 7 – 12
als .pdf-Bild-Datei.

► Andrea Baier / Stefanie Soine
Sex ohne Grenzen: Die lesbische Variante des Neoliberalismus
in: beiträge zur feministischen theorie und praxis H. 45, 1997, 71 – 79.
als .pdf-Datei.

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Männliches doing gender kritisieren; De-Konstruktion POLITISIEREN – Vorschlag für 2 Slutwalk-Transpis

Am 13.8. findet in Berlin – wie auch in anderen Städten in der BRD – ein Slutwalk gegen Vergewaltigungen und schuldumkehrende Vergewaltigungsmythen, die den Vergewaltigten Schuld an den Vergewaltigungen geben, statt (Übersicht über die web-Präsensen sowie die Startorte und -zeitpunkte: http://arschhoch.blogsport.de/2011/07/31/termine-und-andere-hinweise-3/).

Gibt es vielleicht welche, die Interesse hätten, bei dem Berliner Slutwalk einen Miniblock mit zwei Transpis zu bilden?
Transpi 1: „Vergewaltigen ist männliches doing gender
Transpi 2: „Geschlechter abschaffen – Männer zuerst abschaffen.“

Falls es einer politisch-theoretischen Begründung / Erläuterung bedarf: siehe unten.

Ich habe einen doodle-Termin eingerichtet: http://doodle.com/55rs36rxuu5bzhwb . Ich würde vorschlagen, etwaig Interessierte verständigen sich erst einmal auf einen passenden Termin und klären dann, ob wir uns gleich zum Transpi-Malen treffen wollen oder erst noch mal über den genauen Text reden – und legen dann den jeweils passenden Ort fest. Für das Malen kämen vielleicht die entsprechenden LaD.I.Y.fest-Workshops in Betracht: Mo., 8. Aug., 17-20 Uhr und Di., 9. Aug., 14-17 Uhr Transpis & Plakate für den Slutwalk im Café Cralle (http://www.ladyfest.net/?p=3251).

Theoretisch-politische Erläuterung/Begründung

Mir scheint die beiden vorgeschlagenen Parolen würden queer-feministische Politik endlich, nach rund 20 Jahren Verzögerung, auf das Radikalitätsniveau von de-konstruktivistischem Feminismus als Theorie bringen:

[Dieser Text als .pdf-Datei]

1. doing gender (mehr…)

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Konvergenzen des wissenschaftstheoretischen Relativismus

[Ich hatte kürzlich meine Diplomarbeit aus dem Jahre 1996 zum Thema „Pluralismus und Antagonismus. Eine Rekonstruktion postmoderner Lesweisen“ online zugänglich gemacht. Ich bringe hier einen remix einer Passage von S. 86 f. Ich setze hier die Fußnote 123, die dort hinter dem Doppelpunkt am Ende des ersten Satzes und vor dem folgenden Poulantzas-Zitat steht, in den Haupttext ans Ende der fraglichen Passage. In der ursprünglichen Fassung ging es dort statt dessen mit Überlegungen zu anderen Aspekten weiter. Dies war der Grund dafür, daß der hier ‚aufgewertete’ Text dort in die fragliche Fußnote verbannt wurde.
Anzumerken ist noch, daß der hier kritisierte Relativismus in Erkenntnisfragen strikt vom – angesichts widersprüchlicher gesellschaftlicher Verhältnisse: notwendigen – Relativismus in politischen Bewertungsfragen zu unterscheiden ist.]

Es macht zwar politisch einen bedeutenden Unterschied, ob man/frau sich auf den historizistisch-relativistischen Wahrheits-Begriffs von Bogdanow, Stalin oder auch Lukács einerseits oder Gramscis andererseits bezieht; die zugrundeliegende theoretische Konzeption bleibt aber (schließlich auch in Foucaults Version des wissenschaftstheoretischen Relativismus) die gleiche: „Die historizistische Ideologieauffassung ist […] noch klarer [als bei Marcuse, d. Vf.] bei dem typischen Beispiel von Lukács und seiner Theorie von ‚Klassenbewußtsein’ und ‚Weltanschauung’. Es lohnt sich, dabei zu verweilen, da sie klar das Problem der erkenntnistheoretischen Prämissen einer historizistischen Betrachtungsweise der Ideologie erkennen läßt. Sie ist um so wichtiger, als infolge Gramscis Historizismus, […] die Mehrzahl der marxistischen Theoretiker den Begriff der Hegemonie in einer Bedeutung gebrauchen, die mit der Problematik Lukács’ verwandt ist.“ (Poulantzas 1968, 195 – Hv. d. Vf.).
Diese Position leugnet die die Realität der objektiven Außenwelt1 und kann deshalb keinen Unterschied zwischen ideologischen und wissenschaftlichen Diskursen machen kann (Althusser 1966/68, 174, 176-180); die „besondere Geschichte der Wissenschaft [wird] auf die Geschichte der organischen Ideologien und die ökonomisch-politische Geschichte zurück[ge]führt“ (Althusser 1966/68, 178; ähnlich Poulantzas 1968, 195 f. mit FN 5).
Die historizistische Ideologieauffassung beinhaltet eine „Identifizierung der Ideologie und der Wissenschaft, d.h. die Auffassung, daß sie [die Ideologie, d. Vf.] die Wissenschaft umfaßt“. Der „Charakter der Ideologie als Ausdruck des Subjekts“ umfasst nach historizistischer Auffassung „in dem Falle die Objektivität der Wissenschaft, wo die subjektive Weltanschauung einer ‚aufsteigenden Klasse’ die Totalität der Gesellschaftsformation einschließt. Bekannt ist der Aspekt des Arguments, den Lukács, Korsch u.a. auf das Proletariat und die ‚proletarische Wissenschaft’ anwandten: Da das Proletariat seinem Wesen nach eine universale Klasse ist, hat sein subjektives Bewußtsein universalen Charakter; aber ein universales subjektives Bewußtsein ist zwangsläufig objektiv, also wissenschaftlich“ – so Lukács, Korsch und andere (Poulantzas 1968, 196, FN 5).
In Rußland bzw. der Sowjetunion wurde diese Auffassung sowohl von dem ‚Links’kommunisten Bogdanow wie auch von Stalin vertreten:
„Es ist nicht uninteressant, daß die Gegenüberstellung von bürgerlicher und proletarischer Wissenschaft […] die unbewußte, versteckte oder verleugnete Rückkehr eines Themas ist, daß bereits bei Bogdanow, […] präsent ist und dann in verschiedenen Publikationen des Proletkult entfaltet wird. Der Ausschluß, mit dem der Stalinismus diese Strömung bestraft hat, aber auch die heftige Kritik von Lenin und Plechanow an Bogdanow scheinen nur zum Verschwinden des Wortes ‚proletarische Wissenschaft’ geführt zu haben, ohne an der Grundthese zu rütteln: […] Die sowjetischen Texte bewegen sich dann tatsächlich in einer Opposition zwischen ‚bürgerlicher’ und ‚reiner’ Wissenschaft und entwickeln dabei die These eines Verfalls der Wissenschaft wie der Kultur im imperialistischen Stadium des Kapitalismus. […]. Der Kern der Argumentation bleibt dabei in Fällen der gleiche. […]: Die Wissenschaft ist historisch relativ, weil das Bewußtsein der Menschen sich fortentwickelt […]. […] die historische Relativität der Wissenschaft [spiegelt] deren Klasseninhalt wider. […]. Die gesellschaftlich-historischen Umstände, unter denen eine wissenschaftliche Theorie entstand, werden dann als letzte Ursache dieser Theorie behandelt, […]. Die Wissenschaft würde also der ‚aufsteigenden’ Klasse gehören, deren Interesse mit der prometheischen Bestimmung des Menschen zusammenfällt.“ (Bras 1985, 1083, 1984 – Hv. i.O.; vgl. auch Lecourt 1976, 126 oben, 130, 140-142, FN 21).
Schließlich folgt auch die Wissenssoziologie dem gleichen Modell. Sie verortet die vermeintliche Wahrheit allerdings nicht bei einer (‚aufsteigenden’) Klasse, sondern bei der „freischwebenden Intelligenz, die ‚relativ unrelativ’, d.h. nicht hauteng mit Klasseninteressen verflochten“ sei (Hauser 1987, 74; vgl. Eagleton 1991, 129 oben; s.a. außerdem zum Verhältnis: Lukács – Wissenssoziologie: Hauser 1987, 74; Eagleton 1991, 128, Abs. 2).
S. schließlich zur Bedeutung von Lukács bzw. des Hegel-Marxismus für feministische Standpunkttheorien: Seifert 1992, 258; Grimm 1994b, 156 f.; zur Bedeutung der Wissenssoziologie (Mannheim, Berger/Luckmann) für (feministische und afrozentrische) Standpunkt-Epistemologien: Collins, 1989, 20-23; 46, FN 16; 47 f., FN 22, 28. (mehr…)

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Kann es eine Gleichheit verschiedener Geschlechter geben?

[Dieser Text wurde ursprünglich am 13.10.2009 – zusammen mit Ausührungen zu anderen Themen – als Kommentar beim Mädchenblog veröffentlicht und für die hiesige Wiederveröffentlichung leicht überarbeitet.
Für Repliken und meine Erwiderungen darauf siehe am Erstveröffentlichungsort.]

I. Ist der unterschiedliche Habitus von Männern und Frauen völlig okay?
II. Gleichheits-Illusion oder Überwindung der Geschlechter?
III. Der Kommunismus sind nicht 5 Milliarden Robinsonaden
IV. Feminismus = umgedrehter Sexismus?

(mehr…)

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Kurz und bündig: Zwei Einführungen in den Feminismus

aus Anlaß von

Antidemokratische Aktion – 12. Oktober 2009 um 15:10 Uhr
beim Mädchenblog

und

antikap – 14. Oktober 2009 um 22:41 Uhr bei Theorie und Praxis:

1. Redaktionskollektiv [der Zeitschrift Perspektiven. Zeitschrift für sozialistische Theorie (Marburg)]
Auf zu neuen Ufern!
in: Perspektiven, H. 4: Feminismus/Marxismus, Nov. 1988, 5 – 14.

Der Text gibt einen knappen Überblick über die Geschichte der neuen Frauenbewegung in der BRD von ’68 bis Mitte/Ende der ’80er Jahre sowie über das ‚real’sozialistisch-marxistische Verständnis der „Frauenfrage“, den radikalfeministischen Bielefelder Ansatz von Maria Mies, Veronika Bennholdt-Thomsen und Claudia von Werlhof sowie den sozialistischen Feminismus wie er in der BRD und Westberlin vor allem von den Frauen in der und um die Redaktion der philosophischen und sozialwissenschaftlichen Westberliner Zeitschrift Das Argument vertreten wurde.
Unter dem Gesichtspunkt des Heft-Themas „Feminismus/Marxismus“ werden der in den 70er und 80er Jahren vor allem in den USA starke, mittlerweile auch in BRD angekommene liberale Feminismus sowie – vor allem in BRD und anderen west- und nordeuropäischen Ländern starke – sozialdemokratisch-frauenbewegte Position nicht behandelt.
Ebenfalls nicht behandelt werden laut AutorInnen „diejenigen radikalfeministischen Theorieansätze, die in letzter Konsequenz auf die Überwindung des Kapiatlismus verzichten bzw. sie nicht für wichtig erachten“ (meine Hv.). Auf welche das gemünzt war, ist mir nicht klar.

2. Cornelia Eichhorn
Zwischen Dekonstruktion und Identitätspolitik. Eine Kritik zur feministischen Debatte um Judith Butler
in: Die Beute. Politik und Verbrechen (Edition ID-ArchivAmsterdam/Berlin), 1/1994, 40-43.

Der zweite Text war rund ein halbes Jahrzehnt später und damit schon nach Veröffentlichung von Judith Butlers Buch Gender Trouble / Das Unbehagen der Geschlechter erschienen.
Der Aufsatz von Cornelia Eichhorn verortet Butlers Neuansatz im Kontext des Unterschiedes zwischen Gleichheits- und Differenzfeminismus. Beide dokumentierten Texte mit einander verknüpfend wäre zu sagen, daß der Bielefelder Ansatz eine spezifische Variante des Differenzfeminismus darstellt; der sozialistische Feminismus dagegen eher eine Variante des Gleichheitsfeminismus.
Freilich unterscheidet sich der sozialistische Feminismus dadurch von liberalen und sozialdemokratischen frauenbewegten Positionen, daß er nicht nur auf GleichbeRECHTigung und instiutionelle Politik fixiert ist, sondern im Rahmen eines stärker bewegungsorientierten Ansatzes auf eine grundlegende Transformation der gesellschaftlichen Verhältnisse zielt.
Andere Differenzansätze sind neben dem Bielefelder Ansatz das italieniesche affidamento-Konzept, der französische Differenzfeminismus von Irigaray, Kristeva und Cicoux sowie der – gelegentlich auch „kulturell“ genannte – Ansatz von Adrienne Rich. Als radikal- oder differenzfeministisch ist auch der Ansatz von Catharine A. MacKinnon zu bezeichnen, die aber anders als die meisten anderen Differenzfeministinnen sehr stark auf staatlich-juristische Maßnahmen setzt.

Ergänzend sei noch
► bezgl. Butlers Verhältnis zum Marxismus auf ihren Aufsatz
Merely Cultural [aus Uni-Netzen kostenlos]
in: New Left Review Iss. 227 1998, 33 – 44
(zur damaligen die Debatte in der New Left Review über Identitätspolitik, die nach Ansicht einiger DiskussantInnen das charakteristische Merkmal der sog. Neuen sozialen Bewegung ist [Butler weist dagegen den Vorwurf, diese seinen merely cultural zurück] und Interessenspolitik, die angeblich die Arbeiterbewegung auszeichne, siehe den dortigen Aufsatz von Frieder Otto Wolf)

► zum Unterschied zwischen Butlers De-Konstruktion des Geschlechts und Ursula Scheus 7er Jahre-Buch Wir werden nicht als Mädchen geboren – wir werden dazu gemacht auf
meinen dortigen Text

► Cornelia Klinger,
Liberalismus – Marxismus – Postmoderne
. Der Feminismus und seine glücklichen oder unglücklichen ‚Ehen‘ mit verschiedenen Theorieströmungen im 20. Jahrhundert, in: Antje Hornstein / Gabriele Jähnert / Annette Schlichter (Hg.), Kritische Differenzen – Geteilte Differenzen. Zum Verhältnis von Feminismus und Postmoderne, Westdeutscher Verlag: Opladen / Wiesbaden, 1998, 18 – 41.

► als zwei für die linksradikal-autonome Diskussion Ende der 80er / Anfang der 90er Jahre wichtige Texte auf
++ Ingrid Strobl
Die Angst vor den Frösten der Freiheit
und
++ Klaus Viehmann u.a.
Drei zu Eins. Klassenwiderspruch, Rassismus und Sexismus

► das Emma-Interview mit der deutschen feministische Stadtguerillagruppe Rote Zora von 1984

► für eine Unterscheidung zwischen einem ’spielerischen‘ und einem widerständig-materialistischen, postmodernen Feminismus auf
Teresa L. Ebert
Ludic Feminism, the Body, Performance, and Labor: Bringing Materialism Back into Feminist Cultural Studies [aus Uni-Netzen kostenlos]
in: Cultural Critique, Iss. 23 Winter 1992/93, 5 – 50

sowie schließlich

► auf die weiteren links in der rechten Randspalte in der Kategorie „Frgmente klass[ischer] fem[inistische] Texte“ [diese links sind mittlerweile dort hin verschoben, TaP 06.05.2011]

verwiesen.

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Heute gesehen (23.8.)

1.a) daß eifrig über Tests zur Geschlechtsbestimmung von SportlerInnen diskutiert wird – bei

-- Emanzipation oder Barbarei

-- Das Ende des Sex: Biologisches Geschlecht ist gemacht

-- Kopf und Herz

-- der Mädchenmannschaft. Dort sei insbesondere auf den Kommentar von Kopf und Herz hingewiesen:

„es ist doch schlicht so, dass es keine zwei geschlechter gibt, da es unklar ist, an was man/frau geschlecht fest machen soll. d.h. selbst biologisch/medizinisch ist das nicht klar, ganz zu schwiegen von sozialen praktiken (drag, plastische chirurgie etc.)… geschlecht ist gemacht und es müsste eigentlich das recht auf selbstbestimmung gelten. […] das genital macht aktuell wohl auch nicht das geschlecht aus, was der fall der leichtathletin zeigt. […]. also sollte man geschlecht endlich als kontinuum begreifen, dann bräuchte man auch solche tests nicht … in denen letztlich auf grund einer vielzahl von faktoren (die medizin ist hier weiter als der allgemeine menschenverstand), […].“

Daraf antwortet Quatsch mit Soße:

„zwei geschlechter gibt es laut aktuellem erkenntnisstand schon seit 565 mio. jahren. sie sind ein universelles und bewährtes prinzip der biologie. in den meisten fällen haben menschen keine probleme, männer und frauen zu unterscheiden. das funktioniert auch, wenn man nur ein gesicht sieht, ohne make up und mit neutraler frisur. kleine kinder und sogar tiere können treffsicher zwischen geschlechtern unterscheiden. eine menschliche entscheidung kann, soll und muss es geben über die rollen, die männer und frauen einnehmen möchten. aber davor haben sie einen biologischen körper, der in den allermeisten fällen eindeutig einem geschlecht angehört.“

Das statement von Quatsch mit Soße enthält nun allerdings einen kleinen, aber entscheidenden Widerspruch:

„zwei geschlechter gibt es laut aktuellem erkenntnisstand schon seit 565 mio. jahren. sie sind ein universelles und bewährtes prinzip der biologie.“
vs.
Menschen haben „einen biologischen körper, der in den allermeisten fällen eindeutig einem geschlecht angehört.“

„in den allermeisten fällen“ ist eben nicht „universell“ (auch im Tierreich ist Zweigeschlechtlichkeit keine universelle Realität).

Also: Es gibt zwar (biologisch eindeutige) Männer und Frauen, aber es gibt nicht ausschließlich zwei Geschlechter, was die von Quatsch mit Soße zugestandenen – wenn auch zahlmäßig geringen – uneindeutigen Fälle zeigen.

„Es gibt keine zufriedenstellende humanbiologische Definition der Geschlechtszugehörigkeit, die die Postulate der Alltagstheorien einlösen würde.“1 „Klassifikationskriterien können [… nämlich] die Genitalien zum Zeitpunkt der Geburt oder die Chromosomen sein, die im Zuge vorgeburtlicher Analyseverfahren festgestellt werden; beide müssen nicht notwendigerweise übereinstimmen.“2

Dieser Realität ist eine Zuordnungspraxis, die nur die Alternative „Mann oder Frau“ zuläßt, auf jeden Fall unangemessen – egal wie wenig uneindeutige Fälle es gibt. Auch ein Fall stellt bereits den strikten Binarismus in Frage. Jeder uneindeutige ‚Fall‘, der dennoch zu Mann oder Frau erklärt oder per Zwangs-OP (eindeutig[er]) gemacht wird, ist kein kein Fall von biologischer Erkenntnis, sondern von sozialer Herrschaftspraxis.

Dagegen greift auch nicht der Einwand3 durch, daß es für sportliche Leistungen (anders als bspw. für die Benutzung von Toiletten und Umkleidekabinen oder – einvernehmliche oder gewaltsame – sexuelle Handlungen) ohnehin nicht auf die Genitalien, sondern allein auf die Chromosomen ankomme. Denn wie mehrere KommentatorInnen bei der Mädchenmannschaft dargelegt haben, garantieren auch XY-Chromosomen keine höhere sportliche Leistungsfähigkeit:

Helga schreibt:

„Wenn Semenya eine komplette Androgenresistenz hat, dürfte sie z.B. bei den Olympischen Spielen starten. Eben weil ihr Körper keine männlichen Hormone verarbeiten kann. Sie wäre kein Mann. Und auch keine normale Frau. Das Y-Chromosom nützt bei der Androgenresistenz nichts. die männlichen Sexualhormone werden ja nicht verarbeitet […]. Oder wenn das Y-Chromsosom abgeschaltet ist, dann würden nicht mal Hormone produziert.“

Kasu zitiert einen Spiegel Online-Artikel:

“Normalerweise weisen Frauen zwei X-Chromosomen in ihren Zellen auf, Männer ein X- und ein Y-Chromosom. Manche mit einem Y-Chromosom geborenen Menschen entwickeln alle körperlich charakteristischen Merkmale einer Frau – ausgenommen der inneren Sexual-Organe. Sie leiden unter dem Androgen-Insuffizienz-Syndrom (AIS). Diese Frauen sind XY, allerdings kein Mann, weil ihr Körper nicht auf das produzierte Testosteron reagiert. Deshalb dürfen sie auch bei den Frauen starten. Sieben der acht Frauen, die 1996 bei Olympia in Atlanta positiv auf Y-Chromosomen getestet wurden, hatten AIS und durften teilnehmen. ”

und fügt dann hinzu:

„Daher könnte es gut sein, dass Caster Semenya überhaupt kein wettkampfrechtlichen Konsequenzen hat, auch wenn sich herausstellt, dass sie eine XY-Frau ist.“

Für den Bereich des Sports wäre also – im Interesse einer Vergleichbarkeit der Leistungen (wenn denn nicht überhaupt das Konzept der „Leistung“ und der „Leistungssport“ in Frage gestellte werden sollen – zwei Fragen die an dieser Stelle nicht diskutiert werden sollen) – statt einer Kategorisierung nach „Mann oder Frau“ eine Bildung von Leistungsfähigkeitsklassen nach Kriterien, wie sie Herz und Kopf vorgeschlagen hat, vorzuziehen:

für den sport gilt es also anstatt der schwammigen zuordnung per geschlecht, genaue kriterien festzulegen, dies könnten sein:
- körpergröße
- alter
- gewicht
- lungenvolumen
- bmi
oder was es sonst noch für leistungesrelevante kriterien gibt.“

In einem Punkt hat allerdings Quatsch mit Soße recht:

„In fragen der biologischen und körperlichen tatsachen zählen biologie und körper.“

Dagegen greift auch der Einwand von Sven nicht durch:

„Ich würde behaupten, dass jegliche Anbindung an vordiskursive ‘Tatsachen’ schlichtweg sinnlos ist; aus unserer Sprache und Kultur kommen wir nicht heraus.“

aa) entwertet dieser Eiwand nicht nur – wie beabsichtigt – die hegemoniale Behauptung eines Tatsachen-Charakters der ausschließlichen Zweigeschlechtlichkeit, sondern genauso auch die auf die Tatsache der Intersexualität gestützte Kritik an der hegemonialen Sichtweise,

womit sich bb) zeigt, daß ein ‚lingustizistischen Monismus‘ – gegen den sich im übrigen auch Judith Butler wendet4 – nur in Subjektivismus = Willkür enden kann.
Daß wir unsere Erkenntnisse nur mittels Sprache produzieren und formulieren können, heißt nicht, daß es die Gegenstände unserer Erkenntnisse nicht gibt.5

b) Ergänzend sei – gegen Quatsch mit Soße:

„ich denke, du erfindest hier kriterien für eine unhaltbare these. dass menschen biologisch frauen und männer sind und sich als frauen und männer fortpflanzen, ist eine tatsache, […]“ –

noch darauf hingewiesen, daß auch das – für den Sport allerdings nicht besonders relevante Kriterium der Gebärfähigkeit keine eindeutige Zuordnung aller Menschen zu einem von ausschließlich zwei Geschlechtern erlaubt:

Auch unter dem Gesichtspunkt der Generativität, läge es durchaus nahe, mehr als zwei Hauptgruppen – Männer (angeblich = Nicht-Gebärfähige) und Frauen (angeblich = Gebärfähige) – zu bilden. Es läge unter dem Gesichtspunkt der Generativität vielmehr nahe, mindestens drei – vielleicht auch vier, fünf, oder sechs – Hauptgruppen zu bilden:
• Nie-Gebärfähige (darunter solche, die trotzdem gebären wollen, und solche die ohnehin nicht gebären wollen);
• Noch-Nicht- und Nicht-Mehr-Gebärfähige;
• (gebärwillige und gebärunwillige) Gebärfähige.
Und vor allem sind wohl Kulturen denkbar, die den Umgang mit den Folgen des Gebärens so regeln, daß die Tatsache des Gebärens nicht mehr ausschlaggebend für die Positionierung von Individuen in der gesellschaftlichen Struktur ist. (Das letzte Argument führt durchaus nicht zur Restauration der Unterscheidung zwischen sex und gender. Denn jedenfalls das Gebären ist [anders als die Gefährfähigkeit, die aber wiederum – wie gezeigt – nicht allen Frauen gemeinsam ist!] keine Eigenschaft (des sex Frau), sondern eine Tätigkeit. Es bleibt also bei Butler: Würde von der Tätigkeit des Gebärens bzw. Nicht-Gebärens – also vom doing gender – auf die Existenz zweier sex mit unterschiedlichen biologischen Eigenschaften geschlossen, so wäre dies nur ein neues Argument dafür, daß sex nicht ursprünglich, sondern vielmehr ein Effekt von gender ist.)6

2. Pinky nimmt in FN ** zu den hiesigen Kommentaren von Antifatzke und ♥Tekknoatze Stellung; auch hier gibt es inzwischen weitere Kommentare zu dem Ausgangsbeitrag. Ich werde bei Gelegenheit auch noch etwas zur Mindestlohnforderung schreiben.
3. Dagegen ist die Antidemokratische Aktion in Schweigen verfallen. Ein Zeichen von Einsicht? Oder vielmehr von argumentloser Beibehaltung der kritisierten Position?
(mehr…)

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