Tag-Archiv für 'csd'

Neues (von mir) bei Radio FSK

► Die Juli-​​Ausgabe von trans­mit­ter, der Pro­gramm­zeit­schrift des Freien Sen­der Kom­bi­nats (FSK) Ham­burg steht jetzt online zur Ver­fü­gung. Dort ist eine von mir geschrie­bene Rezen­sion

Neue Bro­schü­ren: Stra­te­gien der Antirep-​​Arbeit
http://​www​.fsk​-hh​.org/​f​i​l​e​s​/​t​m​0​7​1​1.pdf, S. 9 – 12

ver­öf­fent­licht. Die Rezen­sion ent­stand im zeit­li­chen und viel­leicht auch gedank­li­chen Zusam­men­hang mit mei­nem Vor­trag bei der Ver­an­stal­tung des Ein­stel­lungs­bünd­nis­ses am 18.05.2011 in Ber­lin.

► Außer­dem gab ich FSK am Frei­tag, den 24.06.2011, also am Tag vor dem Ber­li­ner (t)CSD-Wochenende, ein Inter­view zum Thema

trans­gen­der und femi­nis­ti­sche Orga­ni­sie­rung.
http://​www​.freie​-radios​.net/​41775

Der Mit­schnitt des – recht spon­tan zustande gekom­me­nen und teil­weise mei­ner­seits etwas chao­tisch abge­lau­fe­nen – Inter­views steht mitt­ler­weile online zur Ver­fü­gung. Vgl. zum Kon­text des Interview-​​Themas und -Anlas­ses auch noch:

--- Erneut: Dies­seits der Geschlech­ter­gren­zen – Die Kul­tu­ra­li­sie­rung des Femi­nis­mus als Natu­ra­li­sie­rung der Geschlech­ter­dif­fe­renz

--- De-​​konstruktiv oder destruk­tiv? – queer Les­bia­nis­mus

--- The­men­über­sicht – Kri­tik an der linksliberal-​​antifeministischen poli­ti­schen Linie des trans­ge­nia­len CSD (tCSD) in Ber­lin und des quee­ren main­streams in der BRD über­haupt

und

--- Ter­mine und andere Hin­weise (2).

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • LinkedIn
  • MisterWong
  • MisterWong.DE
  • PDF
  • Tumblr
  • Wikio

Themenübersicht – Kritik an der linksliberal-antifeministischen politischen Linie des transgenialen CSD (tCSD) in Berlin und des queeren mainstreams in der BRD überhaupt

I. Zur Pro­gram­ma­tik des trans­ge­nia­len CSD

Eine radi­kale Geste mit scha­lem Neben­ge­schmack:

„Auch der Auf­ruf zum trans­ge­nia­len CSD, der am kom­men­den Sams­tag (26.6.[2010]) statt­fin­det […], kommt ohne die Wör­ter ‚femi­nis­tisch‘ und ‚Femi­nis­mus‘ aus, […]. Der A-​​, wenn nicht sogar Anti-​​Feminismus scheint der heim­li­che Kon­sens von kom­mer­zi­el­lem und trans­ge­nia­lem CSD zu sein. Der­ar­ti­gen Ent­wick­lun­gen zuzu­ar­bei­ten war kei­nes­falls das Anlie­gen von Judith But­ler, als sie vor rund 20 Jah­ren gen­der trou­ble schrieb“.

Worum geht es eigent­lich dem trans­ge­nia­len CSD?

queere Glo­ba­li­sie­rung & impe­ria­len Begeh­rens

„Ich hätte ja nun wirk­lich gedacht, daß die linke Dis­kus­sion – zumal bei Leu­ten, die im ver­gan­ge­nen Jahr den main­stream-CSD noch als ‚ras­sis­tisch‘ kri­ti­sier­ten – über ras­sis­ti­sche Struk­tu­ren und deren Repro­duk­tion auch in der Lin­ken längst über den psy­cho­lo­gi­sie­ren­den und indi­vi­dua­li­sie­ren­den Begriff der ‚Vor­ur­teile‘ hin­aus ist; und daß in Zusam­men­hän­gen, die irgend­eine Affi­ni­tät (und sei es bloß als Bünd­nis­part­ne­rIn­nen) zur auto­no­men Szene haben, nicht nur die Frage gestellt wird ‚Wie las­sen sich Kon­flikte fried­lich lösen?‘, son­dern auch die Fra­gen: ‚Ist es immer mög­lich und wün­schens­wert Kon­flikte ‚fried­lich’ zu lösen?‘ und: ‚Sind ‚Gewalt­si­tua­tio­nen’ immer etwas, in das wir anschei­nend irgend­wie pas­siv hin­ein­ge­ra­ten und wo wir dann Ori­en­tie­rungs­schwie­rig­kei­ten haben und dann erst fra­gen müs­sen was wir ‚in’ ihnen tun kön­nen?‘, ‚Kann sich Wider­stand auf das Dogma der ‚gewalt­freien Kom­mu­ni­ka­tion’ fest­le­gen las­sen?‘
Zu die­ser gan­zen Fehlo­ri­en­tie­rung, die den Radi­ka­li­täts­an­spruch des tCSD weder ana­ly­tisch noch stra­te­gisch aus­wei­sen kann, son­dern unter­gräbt und prak­tisch auf eine Dif­fe­renz des kul­tu­rel­len Aus­drucks (Schmuddel-​​look statt Schi­cki­mi­cki) und des bes­se­ren Wol­lens redu­ziert, paßt auch noch, daß bei besag­tem tCSD-​​Treffen als Auf­gabe der – nach den sexu­el­len Beläs­ti­gun­gen des Vor­jah­res – für die­ses Mal zu schaf­fen­den awa­ren­ess-Struk­tur ‚Dees­ka­la­tion‘ (!) genannt wurde. Dees­ka­la­tion statt Par­tei­lich­keit! – aber: ach wie radi­kal sind wir und was für eine Spießer-​​Organisation ist der LSVD, der nur in der Mitte der Gesell­schaft ankom­men will.“
Kom­men­tar vom 06. Mai 2011; 17:54 Uhr

Trans­ge­nia­ler CSD 2011 in Ber­lin ohne offi­zi­el­len Auf­ruf?

„Der struk­tu­relle Begriff ‚Patri­ar­chat‘ ist also weg­ge­fal­len, und allein der auf ein­zelne Äuße­run­gen und Hand­lun­gen fokus­sie­rende Aus­druck ‚Sexis­mus‘ ste­hen­ge­blie­ben. [5] ‚Kapi­ta­lis­mus‘ wurde durch den aus glei­chem Grund zwei­deu­ti­gen Aus­druck ‚Klas­sis­mus‘ ersetzt. [6] Der immer­hin kon­krete, mate­ri­elle Hand­lun­gen benen­nende Begriff ‚Hete­ro­se­xis­mus‘ wurde weg­ge­las­sen; statt des­sen wird jetzt mit dem Begriff ‚Hete­ro­nor­ma­ti­vi­tät‘ allein auf ‚Nor­men‘ foku­siert.“

Selek­tive Wahr­hei­ten?

Als queer noch revo­lu­tio­när, aggres­siv und män­ner­feind­lich war – und sein durfte (bis­her 27 Kom­men­tare)

Eine „Revo­lu­tion“, bei der ich nicht den­ken darf, ist nicht meine – Einige Worte zum Ber­li­ner CSD-​​Wochenende 2011

Für einen femi­nis­ti­schen Anti-​​Humanismus!

II. Zur Pra­xis des tCSD

Sexu­elle Beläs­ti­gun­gen beim trans­ge­nia­len CSD in Ber­lin (erschie­nen beim mäd­chen­blog am 28.06.2010)

Umgang bei sexu­el­len Beläs­ti­gun­gen auf trans­ge­nia­len CSD (erschie­nen bei scharf-​​links am 24.06.2011 [!])

► Kom­men­tar bei indy­me­dia (Wo blei­ben die Argu­mente? – TaP 26.06.2011; 00:00 h)

„Wer/​welche bean­sprucht denn auch nur femi­nis­tisch zu sein?! In den Auf­ru­fen für den trans­ge­nia­len CSD ist das doch das große Tabu-​​Wort. Und des­halb kommt es dann näm­lich zu sol­chen Din­gen, wie dem laxen Umgang mit sexu­el­len Beläs­ti­gun­gen. Da zei­gen sich die ganz prak­ti­schen Kon­se­quen­zen der poli­ti­schen Linie des quee­ren main­streams.
Und dar­über soll­ten auch die­je­ni­gen – weni­gen – ins Erschre­cken gera­ten, die nicht femi­nis­tisch durch queer erset­zen, son­dern von ‚queer-​​feministisch‘ spre­chen: Wie femi­nis­tisch bzw. anti-​​feministisch die gän­gige queere Pra­xis in der BRD ist, ist eine Debatte, die über­fäl­lig ist.“

III. Vor­schlag für eine feministisch-​​revolutinäre Aus­rich­tung

Back to the future: Für einen femo-​​genialen tCSD 2012!

IV. Zum theo­re­ti­schen und poli­ti­chen Kon­text der Debatte (mehr…)

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • LinkedIn
  • MisterWong
  • MisterWong.DE
  • PDF
  • Tumblr
  • Wikio

Eine „Revolution“, bei der ich nicht denken darf, ist nicht meine – Einige Worte zum Berliner CSD-Wochenende 2011

.

Als queer noch revo­lu­tio­när, aggres­siv und män­ner­feind­lich war – und sein durfte

.

(Quelle: http://​ein​blog​.blog​sport​.de/)

und

Zwei Orte, zwei Län­der, zwei The­men, eine Zeit, eine These: Für einen femi­nis­ti­schen Anti-​​Humanismus in der Theo­rie!

sowie

Gegen den Kult ver­meint­lich authen­ti­scher „Erfah­run­gen“ und ver­meint­lich rei­ner, theo­rie­lo­ser „Fak­ten“

Die Ein­zel­nen sind Geschöpfe der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse (NICHT authen­ti­sche SUB­JEKTE), und die gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse sind wider­sprüch­lich

Wider­stand und Ler­nen aus „Erfah­run­gen“ kommt NICHT aus dem Inne­ren von SUB­JEK­TEN, son­dern aus der Kon­fron­ta­tion von wider­sprüch­li­chen Erfah­run­gen von sub-​​jekten mit gesell­schaft­lich pro­du­zier­ten Begrif­fen und Dis­kur­sen

Kri­tik essen­tia­lis­ti­scher Iden­ti­täts­po­li­tik

PS.:

Wahr gespro­chen:

http://​www​.mys​pace​.com/​r​a​v​e​p​i​e​t​/​b​l​o​g​/​4​8​9​2​58676

Wenn ich nicht Tan­zen kann ist es nicht meine Revo­lu­tion

Und die Band spielt wei­ter

Sind Par­tys bes­sere Demos oder tan­zen wir uns ins Ecstasy-​​Exil? Von Ivo Bozic

„Wenn ich nicht tan­zen kann, ist es nicht meine Revo­lu­tion“, sagte die Anar­chis­tin Emma Gold­man einst; ein Sprüch­lein, das spe­zi­ell von Auto­no­men gerne zitiert wird, um dem Klas­sen­kampf­ma­chismo der MLer etwas ent­ge­gen­zu­set­zen. Aber ist jeder Tanz gleich eine Revo­lu­tion? Oder anders gefragt: Kann sich die Linke zum Sieg fei­ern? Was ist über­haupt poli­tisch an einer Party? Und muß oder kann Poli­tik eigent­lich amü­sant sein? (mehr…)

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • LinkedIn
  • MisterWong
  • MisterWong.DE
  • PDF
  • Tumblr
  • Wikio

Heute (5.5.11; 17 h): queere Globalisierung & imperialen Begehrens

Offi­zi­elle Ver­an­stal­tungs­an­kün­di­gung mit nach­fol­gen­den Anmer­kun­gen von mir sowie einem Ver­an­stal­tungs­be­richt als Kom­men­tar:

Don­ners­tag 5. Mai 2011 im Audi­max der ASH Ber­lin; “Queer-​​Globalization”

Queer-​​Globalization

Zum Thema spre­chen und dis­ku­tie­ren María do Mar Cas­tro Varela und Jen­ni­fer Pet­zen.

Mode­ra­tion: Koray Yilmaz-​​Günay (mehr…)

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • LinkedIn
  • MisterWong
  • MisterWong.DE
  • PDF
  • Tumblr
  • Wikio

Intersektionalität und Gesellschaftstheorie

Theo­re­ti­sche Nach­be­mer­kun­gen zur CSD/​Rassismus-​​Debatte und zugleich not­wen­dige poli­ti­sche Anmer­kun­gen zum dies­jäh­ri­gen trans­ge­nia­len CSD

Zara wies in einem Kom­men­tar zu mei­nem Bei­trag „Noch ein­mal zu den Rassismus-​​Vorwürfen gegen den Ber­li­ner CSD“ auf den Text von Tove Soi­land „Die Ver­hält­nisse gin­gen und die Kate­go­rien kamen. Inter­sec­tio­na­lity oder Vom Unbe­ha­gen an der ame­ri­ka­ni­schen Theo­rie“ in der femi­nis­ti­schen internet-​​Zeitschrift querelles-​​net Nr. 26 aus dem Jahr 2008 hin.

Ich finde den Text auch sehr gut:

1. Ich teile den Ein­druck, daß auch der Inter­sek­tio­na­li­täts­an­satz letzt­lich zu einer bloß addi­ti­ven Sicht­weise ten­diert:

„Die Kate­go­rien kri­ti­scher Gesell­schafts­theo­rie zeich­nen sich […] dadurch aus, dass sie kom­plexe Mecha­ni­ken gesell­schaft­li­cher Pro­duk­tion und Repro­duk­tion bezeich­nen; sie bezeich­nen nicht oder nicht in ers­ter Linie Grup­pen. Und dies ver­weist zurück auf das Pro­blem, dass die For­de­rung nach inter­sek­tio­nel­len Ana­ly­sen in einem Dis­kri­mi­nie­rungs­dis­kurs behei­ma­tet ist. Kate­go­rien, die für das Pro­blem von Dis­kri­mi­nie­rung in Frage kom­men, sind nun aber nicht per se auch sol­che, die maß­geb­lich an der Orga­ni­sa­tion gesell­schaft­li­cher Pro­duk­tion und Repro­duk­tion betei­ligt resp. für diese zen­tral sind. Es geht [bei inter­sek­tio­na­len Ana­ly­sen, TaP], wie Dietze et al. (2007, S. 10) zu Recht for­mu­lie­ren, um ‚Kate­go­rien der Benach­tei­li­gung‘, die weni­ger kom­plexe Mecha­nis­men gesell­schaft­li­cher Orga­ni­sa­tion als die Zuschrei­bung ‚rea­ler‘ oder vor­ge­stell­ter Merk­male und die damit ver­bun­de­nen Vor­ur­teile bezeich­nen. So ist denn auch selbst­ver­ständ­lich die Anzahl der Gründe, die zu einer Benach­tei­li­gung Anlass geben, in der Ten­denz offen (Degele/​Winker 2007, S. 11) und macht es – im Bereich der Anti­dis­kri­mi­nie­rung – Sinn, nach die­sen zu fra­gen.“

Damit sind wir dann wie­der bei der Logik der Auf­zäh­lun­gen: Es wer­den ‚Benach­tei­li­gun­gen‘ auf­ge­lis­tet und deren Gründe auf­ge­zählt – und im Zwei­fels­fall hilft ein „usw.“ wei­ter.
Mit der Länge der Liste ist aber zur Adäquat­heit der Ana­lyse der Gründe und der dar­auf auf­ge­bau­ten poli­ti­schen Stra­te­gie noch nichts gesagt.1
Die poli­ti­sche Kon­se­quenz der Auf­zäh­lungs­lo­gik ist, daß im Ber­li­ner CSD/​Rassismus-​​Streit beide Sei­ten Opfer­kon­kur­renz betrei­ben und sich gegen­sei­tig vor­wer­fen: Judith But­ler und die Grup­pen, die sie – anschnei­nend mit ziem­lich wenig kon­kre­ten Infor­ma­tio­nen (vgl. 1 und 2 [am Anfang]) – brief­ten, wer­fen dem CSD eine Ver­nach­läs­si­gung des Kamp­fes gegen Ras­sis­mus vor oder sogar des­sen Kom­plize zu sein. Die andere Seite kon­tert mit dem Vor­wurf der Ver­nach­läs­si­gung des Kamp­fes gegen Anti­se­mi­tis­mus2, und der Kampf gegen Trans­pho­bie und Inter­se­xu­el­len­pho­bie wird von bei­den Sei­ten bean­sprucht3. Nur am Femi­nis­mus schei­nen beide Sei­ten glei­cher­ma­ßen wenig Inter­esse zu haben.

2. Ich teile den Ein­druck, daß es in Intersektionalitäts-​​Studien eine Ver­nach­läs­si­gung von Gesell­schafts­theo­rie gibt. Es wird eher auf (quan­ti­fi­zier­bare) Effekte geguckt als auf struk­tu­relle Ursa­chen (auch wenn der Anspruch teil­weise ein ande­rer ist):

„Es scheint, und dies ist für mich der eigent­li­che Grund, warum Erkennt­nisse aus dem Feld der Anti­dis­kri­mi­nie­rung nicht tel quel auf Fra­gen der Gesell­schafts­theo­rie über­tra­gen wer­den kön­nen, dass mit dem Wort ‚Kate­go­rie‘ zwei Dinge zugleich benannt wer­den, die kate­go­rial gese­hen nicht auf der­sel­ben Ebene lie­gen. So kann die beschrei­bende Sozio­lo­gie Inter­fe­ren­zen den­ken, weil sie diese als Merk­male kon­zi­piert. Umge­kehrt kann die For­de­rung, kom­plexe Dyna­mi­ken gesell­schaft­li­cher Pro­duk­tion und Repro­duk­tion inter­fe­rent zu den­ken, erheb­li­che Schwie­rig­kei­ten berei­ten und ist auch nicht in jedem Fall sinn­voll resp. kann nur ein­ge­löst wer­den, wenn diese Dyna­mi­ken wie­derum auf ‚Merk­male‘ einer Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit redu­ziert wer­den.“

Beide von Tove Soi­land gemein­ten Sei­ten bean­spru­chen über Kate­go­rien zu reden, wor­un­ter die einen aber beschrei­bende Merk­male ver­ste­hen und die ande­ren analytisch-​​erklärende Begriffe4. – Die wis­sen­schaft­li­che Kon­se­quenz davon, sich mit Merk­ma­len zu beschei­den (statt Begriffe zu erar­bei­ten), wird von Tove Soi­land klar aus­ge­spro­chen:

„Das eigent­li­che Unter­su­chungs­ob­jekt sind damit nicht die Mecha­nis­men der Segre­ga­tion, son­dern deren Effekte und daran anschlie­ßend die Frage, wie Grup­pen zu kon­zep­tua­li­sie­ren sind, um genü­gend kom­plex, das heißt, den rea­len sozio­lo­gi­schen Gege­ben­hei­ten ange­mes­sen zu sein.“ (Hv. d. TaP).

Und die poli­ti­sche Kon­se­quenz des Guckens auf Effekte und der Aufzählungs-​​Logik, die diese beim trans­ge­nia­len CSD hat­ten, hat die taz, wenn auch nicht aus inhalt­li­chem Inter­esse an revo­lu­tio­nä­rer Poli­tik, son­dern allein aus Häme-​​Gründen tref­fend auf den Punkt gebracht:

„Das Poli­ti­sche kam wahr­lich nicht zu kurz, ver­ur­sachte aber vie­len Teil­neh­mern auf­grund der lei­der nicht kom­mer­zi­el­len Laut­spre­cher­an­lage Kopf­schmer­zen. Die Ver­le­sung der Trak­tate kam so mit­un­ter nur als Hin­ter­grund­ka­ko­pho­nie an: ‚Ismus…istisch…Ismus‘. Bei nähe­rem Hin­hö­ren jedoch unter­schie­den sich die For­de­run­gen nicht wirk­lich von jenen, die auch auf den gro­ßen CSDs gestellt wer­den. Etwa dem Auf­ruf zu Soli­da­ri­tät mit Les­ben, Schwu­len, Bise­xu­el­len und Trans­gen­der in Ost­eu­ropa und in der gan­zen Welt und zur Bekämp­fung von Homo­pho­bie – plus einer Extra­por­tion Anti­ras­sis­mus und Kapi­ta­lis­mus­kri­tik.“

Weil auch der tCSD keine Begriffe von Kapi­ta­lis­mus, Ras­sis­mus und Patri­ar­chat hat, wird ver­mein­li­che Radi­ka­li­tät über die Länge von Auf­zäh­lun­gen, das Pathos von Adjek­ti­ven und sich über­schla­gen­der Stim­men sowie die mora­li­sie­rende Kri­tik böser Absich­ten und stra­te­gie­lose „sofort“-Forderungen („Für die sofor­tige Abschaf­fung des hete­ro­nor­ma­ti­ven Zwei­ge­schlech­ter­sys­tems!“ [Auto­trans]) ‚her­ge­stellt‘. So wurde etwa in der Manier links­par­tei­li­cher und gewerk­schaft­li­cher ver­kürz­ter Kapitalismus-​​Kritik gepol­tert: (mehr…)

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • LinkedIn
  • MisterWong
  • MisterWong.DE
  • PDF
  • Tumblr
  • Wikio

Noch einmal zu den Rassismus-Vorwürfen gegen den Berliner CSD

[Die­ser Text als .pdf-Datei]

Mitt­ler­weile gibt es eine ganze Reihe von Stel­lung­nah­men1 zu Judith But­lers Wei­ge­rung von vor rund zehn Tagen, den ihr ange­tra­ge­nen Zivilcourage-​​Preis anzu­neh­men. Außer der Erklä­rung von Sus­pect, die ich am Wochen­ende der geplatz­ten Preis­ver­lei­hung bereits zitiert hatte, die aber auch nicht Bezug nimmt auf kon­krete Äuße­run­gen aus dem CSD-​​Spektrum, wird But­lers Rassismus-​​Vorwurf in kei­ner die­ser zahl­rei­chen Stel­lung­nah­men mit kon­kre­ten Argu­men­ten, geschweige denn Bele­gen unter­mau­ert.

I.

Dies ist umso ver­wun­der­li­cher, als nicht nur mir auf­ge­fal­len ist, daß But­lers Kri­tik – so berech­tigt sie im Grund­satz sein dürfte und so schwie­rig es für sie selbst von Ber­ke­ley aus sein dürfte, ihre Kri­tik mit kon­kre­ten Belegen/​Zitaten zu illus­trie­ren – doch etwas in der Luft hängt.

Auf der Seite der Kam­pa­gne „IWWIT – ich weiß was ich tu“ („Und, wie sieht’s bei dir aus? Weißt du immer, was du tust, wenn es um den Schutz vor HIV und Aids geht?“) heißt es:

„Sie [But­ler] hatte es in ihrer schrift­lich vor­be­rei­te­ten Rede […] bei eher all­ge­mein gehal­te­nen Aus­sa­gen belas­sen. Warum der Ber­li­ner CSD in ihren Augen mit Pro­jek­ten koope­riere, die sich ras­sis­tisch geäu­ßert hät­ten, erklärte sie nicht.
Viele CSD-​​Besucher emp­fan­den But­lers Rede daher als dürf­tig. Von einer renom­mier­ten Den­ke­rin hätte man zumin­dest eine dif­fe­ren­zierte Begrün­dung erwar­tet, hieß es. Zumal But­ler nach der Preis­ver­lei­hung, die keine war, rasch das Weite suchte. Hin­ter­grund des Rassismus-​​Vorwurfs ist ver­mut­lich ein alter Streit in der Ber­li­ner Szene: Das Anti-​​Gewalt-​​Projekt Maneo, das zum schwu­len Info-​​ und Bera­tungs­zen­trum Mann-​​O-​​Meter gehört, hat in sei­nen Anga­ben über die Täter bei anti­sch­wu­ler Gewalt immer wie­der auch Anga­ben über deren Migra­ti­ons­hin­ter­grund gemacht. […]. Aber wie gesagt: Diese Debatte, die eine dif­fe­ren­zierte und ver­ant­wor­tungs­be­wusste Dis­kus­sion ver­langt, wurde auf der CSD-​​Bühne nicht aus­drück­lich erwähnt.“

Inso­fern liegt es nahe, wie Antje Schrupp in ihrem femi­nis­ti­schen blog „Aus Liebe zur Frei­heit“ zu schluß­fol­gern, daß die Sache „leicht auf eine mora­li­sche Schiene hin­aus“ laufe. Antje führt wei­ter aus, das führe „zu einer Kon­kur­renz darum, wer radi­ka­ler ist und mehr Recht hat als die ande­ren.“ Letz­te­res finde ich nun mei­ner­seits durch­aus unpro­ble­ma­tisch.

Aber pro­ble­ma­tisch ist, daß die Ansprü­che auf Radi­ka­li­tät und Recht haben nicht mit mehr Bele­gen und Argu­men­ten unter­mau­ert wer­den.

Judith sagte: „einige der Ver­an­stal­te­rIn­nen haben sich expli­zit ras­sis­tisch geäu­ßert bezie­hungs­weise sich nicht von die­sen Äuße­run­gen dis­tan­ziert.“

Zumin­dest den in die Ber­li­ner Dis­kus­sion invol­vier­ten Grup­pen sollte es doch wohl mög­lich sein, klar zu benen­nen: Wer/​welche hat wann was gesagt? Warum soll das ras­sis­tisch sein? Und wer/​welche hat es ver­säumt, sich von den umstrit­te­nen Äuße­run­gen zu dis­tan­zie­ren? (vgl. Nr. 3. der Anm.). Und in wel­cher Bezie­hung ste­hen diese Leute zum CSD bzw. den Preis­ver­lei­he­rIn­nen? Warum gibt es auch jetzt, rund 1 ½ Wochen nach dem Ereig­nis, immer noch kein Dossier/​Pressemappe o.ä. dazu (vgl. dort)?

II.

Mädchenmannschaft-​​Leser Andreas hat sich jetzt die Mühe gemacht, zumin­dest mal drei links zum Stand der Debatte vor Judith But­lers Inter­ven­tion zusam­men­zu­stel­len: (mehr…)

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • LinkedIn
  • MisterWong
  • MisterWong.DE
  • PDF
  • Tumblr
  • Wikio

Abschrift der Preis-Annahme-Verweigerungsrede von Judith Butler beim CSD in Berlin

Bei YouTube gibt es einen Video-​​Mitschnitt, der aller­dings erst wäh­rend der schon begon­ne­nen Rede ein­setzt1:

„[…] zum Bei­spiel einige der Ver­an­stal­te­rIn­nen haben sich expli­zit ras­sis­tisch geäu­ßert bezie­hungs­weise sich nicht von die­sen Äuße­run­gen dis­tan­ziert. Die ver­an­stal­ten­den Orga­ni­sa­tio­nen wei­gern sich, anti­ras­sis­ti­sche Poli­ti­ken als wesent­li­chen Teil ihrer Arbeit zu ver­ste­hen. In die­sem Sinne muß ich mich von {die­ser Kom­pli­zen­schaft mit? – nicht genau zu ver­ste­hen, TaP} Ras­sis­mus, ein­schließ­lich anti­mus­li­mi­schen Ras­sis­mus, dis­tan­zie­ren. Wir haben alle bemerkt, daß Homo-​​, Bi-​​, Lesbisch-​​, Trans-​​, Queer-​​Leute benutzt wer­den kön­nen von jenen, die Kriege füh­ren wol­len, d.h. kul­tu­relle Kriege gegen Migran­tIn­nen durch for­cierte Isla­mo­pho­bie und mili­tä­ri­sche Kriege gegen Irak und Afgha­nis­tan. Wäh­rend die­ser Zeit und durch diese Mit­tel wer­den wir rekru­tiert für Natio­na­lis­mus und Mili­ta­ris­mus. Gegen­wär­tig behaup­ten viele euro­päi­sche Regie­run­gen, daß unsere schwule, les­bi­sche, queer Frei­heit beschützt wer­den muß, und wir sind gehal­ten, daß der neue Haß gegen Migran­tIn­nen nötig ist, um uns zu schüt­zen. Des­we­gen müs­sen wir nein sagen zu einem sol­chen deal. Und wenn man nein sagen kann unter die­sen Umstän­den, dann nenne ich das Cou­rage. Aber wer sagt nein? Und wer erlebt die­sen Ras­sis­mus? Wer sind die queers, die wirk­lich gegen eine sol­che Poli­tik kämp­fen? Wenn ich also einen Preis für Cou­rage anneh­men würde, dann müßte ich den Preis direkt an jene wei­ter­rei­chen, die wirk­lich Cou­rage demons­trie­ren. Wenn ich so könnte, dann würde ich den Preis wei­ter­rei­chen an fol­gende Grup­pen: […]“

Anmer­kun­gen:
1. Es folgt in der Rede eine Auf­zäh­lung und kurze Vor­stel­lung ver­schie­de­ner Grup­pen. (Viel­leicht habe ich spä­ter noch Muße das Video wei­ter abzu­tip­pen.)
2. Rassismus-​​Vorwürfe zu erhe­ben, ohne ein ein­zi­ges kon­kre­tes Bei­spiel, ein ein­zi­ges kon­kre­tes Zitat zu nen­nen, ist immer und auch im vor­lie­gen­den Fall zu kri­ti­sie­ren. Im vor­lie­gen­den Fall bleibt außer­dem noch in der Schwebe, ob sich die Ver­an­stal­te­rIn­nen selbst ras­sis­tisch geäu­ßert haben sol­len oder sich nur nicht dis­tan­ziert haben.
3. Eine sol­che Vor­ge­hens­weise gießt nur Öl in eine Debatte zwi­schen ‚anti­na­tio­na­len’ (ehe­mals: anti­deut­schen) und ‚anti­im­pe­ria­lis­ti­schen’ Grup­pen, deren sach­li­cher Kern seit Jah­ren immer mehr mit wech­sel­sei­ti­gen Rassismus-​​ und Antisemitismus-​​Vorwürfen, die in der Regel kaum oder nur sehr vage begrün­det wer­den, zuge­schüt­tet wird.
4. Zwei­fels­ohne ist es von Ber­ke­ley aus schwie­rig, sich zu sol­chen Ber­li­ner Lokal­strei­tig­kei­ten fun­diert und mit kon­kre­ten Bele­gen zu äußern. Aber das zeigt nur wie­der ein­mal, wie schwie­rig ist es, welt­weit poli­tisch inter­ve­nie­ren zu wol­len.
Fun­dierte Dis­kus­sio­nen, zumal wenn es um Details kon­kre­ter poli­ti­scher Aus­ein­an­der­set­zun­gen geht, benö­ti­gen den Aus­tausch von Detail-​​Wissen, und die­ser Aus­tausch benö­tigt auch unter heu­ti­gen Bedin­gun­gen erheb­li­che Zeit. Das inter­na­tio­nale Feld sollte auch heute in aller­ers­ter Linie ein Feld der theo­re­ti­schen Dis­kus­sion (ohne Zeit­druck), nicht des direk­ten poli­ti­schen Inter­ve­nie­rens (unter Zeit­druck) sein.
5. Jedes Inter­ve­nie­ren von Ferne beinhal­tet die Gefahr von Pater­na­lis­mus und Alternativ-​​Imperialismus. Wenn auch meine Sym­pa­thien alles andere als bei der refor­mis­ti­schen, kon­su­mis­ti­schen und kom­mer­zia­li­sierte Pra­xis des main­stream-CSD liegt (und erst­recht jede Sorge vor einer Kolo­nia­li­sie­rung deut­scher CSD-​​Veranstaltungen durch us-​​amerikanische Intel­lek­tu­elle fehl am Platze wäre), zeigt dies Bei­spiel von Rassismus-​​Vorwürfen ohne Belege doch, daß diese Methode des Inter­ve­nie­rens von Ferne als sol­che pro­ble­ma­tisch ist. Die fal­sche Methode wird nicht rich­tig, wenn sie für die gute Sache ange­wen­det wer­den.
6. Ohne für Mittellinien-​​Seichtigkeit und öffentlich-​​rechtliche Aus­ge­wo­gen­heit plä­die­ren zu wol­len, weist die Rede, jeden­falls soweit sie in dem ver­link­ten Video auf­ge­zeich­net wurde, doch eine gra­vie­rende Leer­stelle auf: Anti­se­mi­tis­mus in Deutsch­land, Anti­se­mi­tis­mus welt­weit, kommt in dem auf­ge­zeich­ne­ten Rede-​​Teil nicht vor.2 Und auch, daß es tat­säch­lich isla­misch (genauso wie christ­lich) begrün­dete Trans-​​ und Homo­pho­bie gibt, kommt in dem auf­ge­zeich­ne­ten Rede-​​Teil nicht vor.
Lin­ker Anti­im­pe­ria­lis­mus kann nur rekon­stru­iert wer­den, wenn infla­tio­näre Antisemitismus-​​Vorwürfe der einen Seite nicht mit Schwei­gen zu Anti­se­mi­tis­mus von der ande­ren Seite beant­wor­tet wer­den.
Lin­ker Anti­im­pe­ria­lis­mus sollte sich weder impe­ria­lis­ti­schen Natio­na­lis­mus noch anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Gegen-​​Nationalismus zu eigen machen. Lin­ker Anti­im­pe­ria­lis­mus muß von einem anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen, femi­nis­ti­schen, anti­ras­sis­ti­schen und gegen Anti­se­mi­tis­mus gerich­te­ten Stand­punkt aus erfol­gen. Lin­ker Anti­im­pe­ria­lis­mus kann nur rekon­stru­iert wer­den, wenn der Anti­im­pe­ria­lis­mus nicht zu einer Unter­ord­nung unter anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Gegen-​​Nationalismus führt.
7. Zur Reak­tion der Mode­ra­to­ren auf die Preisannahme-​​Verweigerung ist alles nötig im blog im gar­ten mit satie bereits gesagt.
8. Wei­tere Anmer­kun­gen zur Preisannahme-​​Verweigerung und Hin­weise auf wei­ter­füh­rende links fin­den sich dort: http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​1​0​/​0​6​/​2​0​/​e​i​n​e​-​r​a​d​i​k​a​l​e​-​g​e​s​t​e​-​m​i​t​-​s​c​h​a​l​e​m​-​n​e​b​e​n​g​e​s​c​h​mack/.

Nach­trag vom 25.06.2010:
► Offi­zi­elle CSD-​​Stellungnahme zu But­lers Preisannahme-​​Verweigerung [nebst Über­sicht über die bis­he­rige Dis­kus­sion]
http://​maed​chen​blog​.blog​sport​.de/​2​0​1​0​/​0​6​/​2​5​/​o​f​f​i​z​i​e​l​l​e​-​c​s​d​-​s​t​e​l​l​u​n​g​n​a​h​m​e​-​z​u​-​b​u​t​l​e​r​s​-​p​r​e​i​s​a​n​n​a​h​m​e​-​v​e​r​w​e​i​g​e​rung/

  1. Lt. http://​www​.​l​-talk​.de/​g​e​s​e​l​l​s​c​h​a​f​t​e​n​/​j​u​d​i​t​h​-​b​u​t​l​e​r​-​c​s​d​-​n​i​c​h​t​-​a​n​t​i​r​a​s​s​i​s​t​i​s​c​h​-​g​e​n​u​g​.html soll es sich nur um einige Sekun­den han­deln, die feh­len. [zurück]
  2. Vgl. dazu auch bereits zu dem Vor­trag, den Judith But­ler am Frei­tag­abend in der Ber­li­ner Volks­bühne hielt: „Manch­mal wird es ein biss­chen brenz­lig. Etwa dann, wenn But­ler sich eher unkri­tisch mit Paläs­ti­nen­sern soli­da­ri­siert, ohne mit einem Wort auf die eben­falls pre­käre Lage Isra­els ein­zu­ge­hen.“ (http://​thea​ter​.blog​sport​.de/​2​0​1​0​/​0​6​/​1​9​/​j​u​d​i​t​h​-​b​u​t​l​e​r​-​i​n​-​d​e​r​-​v​o​l​k​s​b​u​ehne/ und http://​thea​ter​.blog​sport​.de/​2​0​1​0​/​0​6​/​1​9​/​j​u​d​i​t​h​-​b​u​t​l​e​r​-​i​n​-​d​e​r​-​v​o​l​k​s​b​u​e​h​n​e​/​#​c​o​m​m​ent-3) [zurück]
Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • LinkedIn
  • MisterWong
  • MisterWong.DE
  • PDF
  • Tumblr
  • Wikio

Eine radikale Geste mit schalem Nebengeschmack

Wie ver­schie­dene Medien berich­ten, hat Judith But­ler den ihr ange­tra­ge­nen „Zivilcourage-​​Preis“ auf der Ber­li­ner Chris­to­pher Street Day-​​Veranstaltung aus­ge­schla­gen. „Die Ver­an­stal­tung sei ihr zu kom­mer­zi­ell und ober­fläch­lich.“, so heißt es in der Frank­fur­ter Rund­schau. Diese Kri­tik ist alle mal rich­tig, hat aber einen etwas scha­len Neben­ge­schmack, da sich But­lers Rede bei einer ande­ren Ver­an­stal­tung am Vor­abend in der Ber­li­ner Volks­bühne auch nicht gerade vor Radi­ka­li­tät über­schlug: Eine Anhäu­fung ‚ewi­ger Wahr­hei­ten’ über Frei­heit, Demo­kra­tie und Men­schen­rechte. „Das ist ja wie im Gemein­schafts­kun­de­un­ter­richt“, meinte eine mei­ner Beglei­te­rIn­nen. De-​​Konstruktion wäre in der Tat etwas ande­res gewe­sen.

Wei­ter heißt es in dem FR-​​Bericht: „Die Ver­an­stal­tung […] richte sich nicht genü­gend gegen Pro­bleme wie Ras­sis­mus und dop­pelte Dis­kri­mi­nie­rung von bei­spiels­weise Migran­ten, die homo­se­xu­ell oder trans­se­xu­ell emp­fin­den.“

Nun ja, als ob sich poli­ti­sche Radi­ka­li­tät, das an die Wur­zeln der herr­schen­den gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse Gehen, an der Länge des poli­ti­schen Wunsch­zet­tel mißt, also es damit getan wäre, ein­fach auch noch etwas zu Ras­sis­mus zu sagen – und nicht daran, ob gesell­schaft­li­che Ant­ago­nis­men als sol­che erkannt und benannt wer­den und Stra­te­gien, die dem ant­ago­nis­ti­schen Cha­rak­ter der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse ange­mes­sen sind, ent­wi­ckelt wer­den. Zu kri­ti­sie­ren wäre also nicht (nur) die Rassismus-​​Blindheit der offi­zi­el­len CSD-​​Veranstaltung, son­dern auch schon die inte­gra­tio­nis­ti­sche und rechts-​​zentrierte (Homo-​​Ehe usw.) Art und Weise, in der das den offi­zi­el­len CSD tra­gende Spek­trum queere Poli­tik betreibt. Nur – in die­ser Hin­sicht unter­schied sich das, was Judith But­ler am Frei­tag­abend vor­trug, allen­falls mini­mal vom schwulles­bi­schen main­stream – obwohl gerade aus de-​​konstruktivistischer Per­spek­tive eini­ges Kri­ti­sches zu dem Rechts­idea­lis­mus und Rechts­vol­un­ta­ris­mus zu sagen wäre, der nicht nur queere Poli­tik prägt, son­dern ansons­ten durch­aus scharf ent­ge­gen­ge­setzte linke Strö­mun­gen ver­bin­det (vgl. annä­he­rungs­weise die dort und dort genann­ten Texte).

Etwas genauer berich­tet der blog im gar­ten mit satie über But­lers Aus­füh­run­gen zu dem Rassismus-​​Punkt: „Sie [But­ler] habe […] lei­der […] fest­stel­len müs­sen, dass sich die Veranstalter_​innen des kom­mer­zi­el­len CSDs von ras­sis­ti­schen und isla­mo­pho­ben Äuße­run­gen nicht dis­tan­zier­ten.“ Auch hier bleibt unklar, was genau gemeint ist. Aber das mag weni­ger der Red­ne­rin als viel­leicht viel­mehr der Bericht­er­stat­tung geschul­det sein.1 Gesagt wer­den könnte und sollte bspw. etwas zu der Ten­denz, trans-​​ und homo­phobe Gewalt zu eth­ni­sie­ren. Sus­pect weist in einer Pres­se­er­klä­rung zum hier bespro­che­nen Anlaß dar­auf hin: „Homo­pho­bie und Trans­pho­bie wer­den hier als Pro­bleme von Jugend­li­chen of Colour umde­fi­niert, die anschei­nend nicht rich­tig Deutsch kön­nen, deren Deutsch­sein immer hin­ter­fragt bleibt, und die schlicht nicht dazu­ge­hö­ren.“

Und was die Ver­nach­läs­si­gung der The­ma­ti­sie­rung der „doppelte[n] Dis­kri­mi­nie­rung von bei­spiels­weise Migran­ten, die homo­se­xu­ell oder trans­se­xu­ell emp­fin­den“ (FR – meine Hv.), bzw. von Men­schen, „die in dop­pel­ter oder drei­fa­cher Weise dis­kri­mi­niert wür­den bspw. wegen ihrer Her­kunft, ihrer sexu­el­len Ori­en­tie­rung, ihrer Behin­de­rung, ihrer Reli­gion oder ihres Geschlech­tes“ (im gar­ten mit satie – meine Hv.) anbe­langt – auch dies bleibt zum einen in der Logik des Quan­ti­ta­ti­ven („dop­pelt“, „drei­fach“), hat aber kei­nen begriff­li­chen Zugriff auf gesell­schaft­li­che Struk­tu­ren. Und zum ande­ren: An die­ser Stelle scheint es nicht schwer­punkt­mä­ßig noch ein­mal um Ras­sis­mus zu gehen, son­dern „Migran­ten“ und „Her­kunft“ sind nur bei­spiel­haft genannt. –

Aber: Was ist denn nun mit trans-​​ und homo­se­xu­ell? Und was ist mit Geschlecht? Daß der queere main­stream über ers­te­res zu wenig spricht, läßt sich wohl kaum sagen. Und was ist mit Geschlecht? But­ler selbst redete am Frei­tag­abend 1 ½ Stun­den über trans-​​ und homo­phobe Gewalt und ein biß­chen über Krieg, aber mit kei­nem Wort über Män­ner­ge­walt gegen Frauen. Das ein­zige, was Judith But­ler am Frei­tag­abend zum Thema „Geschlecht“ sagte, war eine Anne­kote über eine Kon­fe­renz, zu der sie ein­ge­la­den war. Nach der Kon­fe­renz woll­ten die Ver­an­stal­te­rin­nen mit ihr in eine Frau­en­bar gehen, wo als „Frau“ jede gel­ten sollte, die die Erfah­rung hatte, auf der Straße als Frau behan­delt zu wer­den. Auch diese durch und durch soziale und poli­ti­sche und kei­nes­falls bio­lo­gis­ti­sche Defi­ni­tion von „Frau“ war But­ler nicht queer genug, nicht trans­freund­lich (?), nicht män­ner­freund­lich (?) genug.

Auch der Auf­ruf zum trans­ge­nia­len CSD, der am kom­men­den Sams­tag (26.6.) statt­fin­det (Route: vom Rat­haus Neu­kölln zum Hein­rich­platz in Kreuz­berg 36) und auf des­sen Seite es wei­tere links zum Thema gibt, kommt ohne die Wör­ter „femi­nis­tisch“ und „Femi­nis­mus“ aus, und „geschlecht“ kommt aus­schließ­lich in die­sem Satz vor: „Noch immer sind Men­schen, die sich nicht in die zwei­ge­schlecht­li­che hete­ro­nor­ma­tive Welt pres­sen las­sen, von homo­pho­ber und trans­pho­ber Gewalt betrof­fen“.

Der A-​​, wenn nicht sogar Anti-​​Feminismus scheint der heim­li­che Kon­sens von kom­mer­zi­el­lem und trans­ge­nia­lem CSD zu sein. Der­ar­ti­gen Ent­wick­lun­gen zuzu­ar­bei­ten war kei­nes­falls das Anlie­gen von Judith But­ler, als sie vor rund 20 Jah­ren gen­der trou­ble schrieb:

„Die Viel­schich­tig­keit der Geschlechts­iden­ti­tät erfor­dert eine inter-​​ und post­dis­zi­pli­näre Serie von Dis­kur­sen, um der Domes­ti­zie­rung der Geschlechter-​​ oder Frau­en­stu­dien an der Uni­ver­si­tät zu wider­ste­hen und den Begriff der femi­nis­ti­schen Kri­tik zu radi­ka­li­sie­ren.“ (S. 13).

Den Femi­nis­mus zu radi­ka­li­sie­ren – die­ses Anlie­gen ist heute noch drin­gen­der als vor 20 Jah­ren. Nach der theo­re­ti­schen De-​​Konstruktion der Kate­go­rie Geschlecht geht es darum, zur poli­ti­schen De-​​Konstruktion der (hetero/a)sexistischen gesell­schaft­li­chen Struk­tu­ren zu schrei­ten. Dafür bedarf es mehr als der libe­ra­len Rede über „Dis­kri­mi­nie­run­gen“, „Men­schen­rechte“ und der all­um­fas­sen­den Dis­tan­zie­rung von Gewalt (tCSD: „Wir wen­den uns gegen jede Form von sexu­el­ler, psy­chi­scher und kör­per­li­cher Gewalt!“). Dafür bedarf es der Rede über Herr­schaft und Aus­beu­tung und dar­über, wie sie besei­tigt wer­den kön­nen.

„patri­ar­chy is a dif­fe­ren­tia­ted, con­tra­dic­tory struc­ture that his­to­ri­cally pro­du­ces iden­ti­cal effects dif­fer­ently. […]. All these various patri­ar­chal arran­ge­ments, in short, pro­duce the same effects: the opp­res­sion and exclu­sion of woman as other, the divi­sion of labor accor­ding to gen­der – spe­ci­fi­cally, the exploi­ta­tion of women’s labor (whe­ther in the public or pri­vate sphere) – and the denial of women’s full access to social resour­ces. Woman thus occupy the ‚same‘ posi­tion wit­hin patri­ar­chy dif­fer­ently, divi­ded by the con­junc­tions of race, class, natio­na­lity, (post)colo­nialism, and so on“ (Teresa L. Ebert, Ludic Femi­nism, the Body, Per­for­mance, and Labor: Brin­ging Mate­ria­lism Back into Femi­nist Cul­tu­ral Stu­dies, in: Cul­tu­ral Cri­ti­que No. 23, Win­ter 1992/​93, 5-​​50 [21, 22] – Hv. i. O.)

„daß in zei­ten all­ge­mei­ner ver-​​gewalt-​​ung aller lebens­be­rei­che es keine revo­lutionäre gewalt geben könne, das ist die ebene der soge­nann­ten ‚sozi­al­part­ner­schaft’. […]. wer so argu­men­tiert, ent­waff­net den auf­stand von unten: direkt und ge­schichtlich, psy­cho­lo­gisch, emo­tio­nal, poli­tisch. […]. ‚gewalt’ wird durch die dau­ernde beru­fung zur schlange, vor der die kanin­chen erstar­ren. jede gesell­schaft­li­che aus­ein­an­der­set­zung soll so auf die soge­nannte ‚demokratisch-​​rechtsstaatli­che’ ebene fixiert wer­den. […]. es ist not­wendig, öffent­lich zu unter­schei­den zwi­schen faschisti­scher gewalt, gewalt­mo­no­pol des staa­tes und rebel­lion von unten; es ist not­wen­dig, posi­tion zu bezie­hen. […]. feminis­mus ist nicht nur selbst­ver­tei­di­gung mit dem rücken zur wand und dem grauen im her­zen. femi­nis­mus ist nicht allein der gesell­schaft­li­che rück­zug in frauengemein­schaften. das empö­ren gegen unge­rech­tig­keit, die wut im bauch, die theo­rie von unter­drü­ckung und ver­än­de­rung. femi­nis­mus ist mehr als die reak­tion auf poli­ti­sche umstände oder mate­ri­elle bedin­gun­gen. femi­nis­mus ist das bewußt­sein, nicht nur von ursa­chen der unter­drü­ckung, son­dern auch von bedin­gun­gen, not­wen­dig­kei­ten, mög­lich­kei­ten der ver­än­de­rung.“
(Eine femi­nis­ti­sche Kri­tik, in: inte­rim, Nr. 229, 25.02.1993, S. 23 – 27).

Vgl. auch noch http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​7​/​0​8​/​1​0​/​d​e​-​k​o​n​s​t​r​u​k​t​i​v​-​o​d​e​r​-​d​e​s​t​r​u​k​t​i​v​-​q​u​e​e​r​-​l​e​s​b​i​a​n​i​smus/.

Nach­trag vom 25.06.2010:
► Offi­zi­elle CSD-​​Stellungnahme zu But­lers Preisannahme-​​Verweigerung [nebst Über­sicht über die bis­he­rige Dis­kus­sion]
http://​maed​chen​blog​.blog​sport​.de/​2​0​1​0​/​0​6​/​2​5​/​o​f​f​i​z​i​e​l​l​e​-​c​s​d​-​s​t​e​l​l​u​n​g​n​a​h​m​e​-​z​u​-​b​u​t​l​e​r​s​-​p​r​e​i​s​a​n​n​a​h​m​e​-​v​e​r​w​e​i​g​e​rung/

  1. Nach­trag:
    Der mitt­ler­weile ver­öf­fent­lichte Rede­mit­schnitt ist aller­dings auch nicht auf­schluß­rei­cher: http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​1​0​/​0​6​/​2​0​/​a​b​s​c​h​r​i​f​t​-​d​e​r​-​p​r​e​i​s​-​a​n​n​a​h​m​e​-​v​e​r​w​e​i​g​e​r​u​n​g​s​r​e​d​e​-​v​o​n​-​j​u​d​i​t​h​-​b​u​t​l​e​r​-​b​e​i​m​-​c​s​d​-​i​n​-​b​e​rlin/ (mit wei­te­ren Anmer­kun­gen von mir). [zurück]
Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • LinkedIn
  • MisterWong
  • MisterWong.DE
  • PDF
  • Tumblr
  • Wikio