Tag-Archiv für 'balibar'

Einige Überlegungen im Nachgang zur Europa-Veranstalltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit Étienne Balibar am 24.6. (Brexit + 1)

Für den Tag nach der Brexit-​​Abstimmung hatte die Rosa-​​Luxemburg-​​Stiftung Étienne Balibar ein­ge­la­den, sein jüngs­tes Buch

Europa: Krise und Ende?

West­fä­li­sches Dampf­boot: Müns­ter, 2016

http://​www​.dampf​boot​-ver​lag​.de/​s​h​o​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​e​u​r​o​p​a​-​k​r​i​s​e​-​u​n​d​-​ende-

vor­zu­stel­len. Einen Mit­schnitt des Ein­füh­rungs­vor­tra­ges gibt es dort:

http://​www​.rosa​lux​.de/​m​e​d​i​a​t​h​e​k​/​m​e​d​i​a​t​h​e​k​s​l​a​y​e​r​.​h​t​m​l​?​t​x​_​c​b​m​e​d​i​a​c​e​n​t​e​r​[​e​l​e​m​e​n​t​_​i​d​]​=​7​0​3​&​a​m​p​;​t​x​_​c​b​m​e​d​i​a​c​e​n​t​e​r​[​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​_​i​d​]​=​3​3​0​&​a​m​p​;​c​H​a​s​h​=​9​0​c​1​9​5​5​0​a​f​a​c​5​c​9​b​2​f​c​e​8​c​8​5​0​7​3​6​d​6​b​b​&​a​m​p​;​t​y​p​e=501.

Und einige daran anschlie­ßende Über­le­gun­gen von mir selbst unter der Über­schrift

Eins teilt sich in sechs

Oder: Warum die Ein­heit der Aus­ge­beu­te­ten und Beherrsch­ten nur eine pro­gram­ma­ti­sche, aber keine soziale sein kann

und warum eine „Demo­kra­ti­sie­rung“ der Euro­päi­schen Union nicht aus­rei­chend ist

gibt es seit heute dort:

http://​ifg​.rosa​lux​.de/​f​i​l​e​s​/​2​0​1​6​/​0​7​/​E​i​n​s​_​t​e​i​l​t​_​s​i​c​h​_​i​n​_​s​e​c​h​s​_​_​F​I​N​-​K.pdf

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Warum ich keinE TrotzkistIn bin…

Gen. sys­tem­crash regte ges­tern – auf­grund mei­nes an die FT-​​CI (‚RIO-​​Internationale‘) gerich­te­ten ‚Werbe-​​posts‘ für den struk­tu­ra­len Mar­xis­mus (‚Mao­is­mus‘) – an:

könn­test du die, aus dei­ner sicht, vor­teile der „struk­tu­ra­len“ Marx-​​Interpretation gegen­über den „orthodox-​​trotzkistischen“ auf­as­sun­gen in einem kna­cki­gen the­sen­pa­pier zusam­men­fas­sen und vlt in bezug setz­ten zur aktu­el­len dis­kus­sion über grie­chen­land? das könnte vlt die dis­kus­sion dei­nes anlie­gens etwas erleich­tern ;)

Auf die Schnelle ist mir das – auf­grund der damit ver­bun­de­nen Kom­pli­ka­tio­nen (1, 2) – lei­der nicht mög­lich; aber mir fiel aus die­sem Anlaß wie­der ein, daß ich vor ziem­lich genau 2 Jah­ren einen Text schrieb, in dem ich aus­führte, was mir jeden­falls am Trotz­kis­mus der (von Ernest Man­del stark gepräg­ten) IV. Inter­na­tio­nale nicht behagt.

Ich habe den Text jetzt noch ein­mal Kor­rek­tur gele­sen und mit 2, 3 Ergän­zun­gen in geschweif­ten Klam­mern ver­se­hen und stelle ihn hier­mit online (der Text war damals nicht für eine Ver­öf­fent­li­chung, son­dern für eine pri­vate Dis­kus­sion geschrie­ben):

http://​Theo​rie​als​Pra​xis​.blog​sport​.de/​i​m​a​g​e​s​/​A​n​m​_​z​u​r​_​P​r​a​m​b​e​l​_​d​e​r​_​I​V​_​I​n​t​e​r​n​a​t​_​R​E​V​_​9​1​5.pdf

Der Text ist zwar aus zwei Grün­den ziem­lich weit von dem ent­fernt, was Gen. sys­tem­crash anregte:

Zum einen ist die ‚man­de­lis­ti­sche‘ IV. Inter­na­tio­nale gerade nicht das, was Gen. sys­tem­crash – so wie ich ihn kenne – unter „orthodox-​​trotzkistisch“ ver­steht… – Aber viel­leicht wer­den zumin­dest einige Auf­fas­sung der IV. Inter­na­tio­nale, die ich kri­ti­siere, auch von ande­ren trotz­kis­ti­schen Strö­mun­gen mit­ver­tre­ten. Falls dem so ist, seien sie ein­ge­la­den, sich eben­falls kri­ti­siert zu füh­len… :-)

Zum zwei­ten ist mein Text nicht als Trotzkismus-​​Althusser-​​Vergleich ange­legt; vie­les von dem, was ich am Trotz­kis­mus kri­ti­siere, würde ich ver­mut­lich auch kri­ti­sie­ren, wenn ich Alt­hus­ser nie gele­sen hätte.

Trotz­dem geht mein Text von 2013 viel­leicht zumin­dest ein biß­chen in die von sys­tem­crash ange­regte Rich­tung. Denn auf S. 2 (in dem Absatz um FN 3 herum) sowie 12 f. argu­men­tiere ich aus­drück­lich mit Mao(, Fou­cault) und Alt­hus­ser. Auch das Frie­der Otto Wolf-​​Zitat (von 1983) auf S. 7 f. ist in einem alt­hus­ser­schen Kon­text zu ver­or­ten, wie von den nach­fol­gen­den Ver­wei­sen auf Alt­hus­ser und Balibar unter­stri­chen wird.

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Und noch ein kleiner samstäglicher Versuch die trotzkistische FT-CI (‚RIO-Internationale‘) für den struktualen Maoismus Althussers zu gewinnen…

Ich selbst hatte bei FB die Frage auf­ge­wor­fen:

„Weißt Du dann, warum aus­ge­rech­net die Alt­hus­se­ris­tIn­nen, die bis­her bei ANT­AR­SYA waren, auf LAE abfah­ren? – Hat das etwas mit deren Althusser-​​Lesart zu tun? Oder liegt das nur (via Alt­hus­ser) an Maos manch­ma­li­ger Volks­tü­me­lei (die ja aber bei Alt­hus­ser keine spielte)? Oder ist das gar nicht theo­re­tisch moti­viert?“

Dort konnte mir aber bis­her nie­mandE wei­ter­hel­fen – statt des­sen fand ich ges­tern bei der FT-​​CI:

Ich habe jetzt gefun­den: „They are stron­gly influ­enced by the theo­ries of Alt­hus­ser, Pou­lant­zas and Gramsci.“ (http://​www​.left​voice​.org/​W​h​o​-​s​-​W​h​o​-​i​n​-​t​h​e​-​G​r​e​e​k​-Left)

Ich habe das gleich mal mit einem klei­nem theo­re­ti­schen Agi­ta­ti­ons­ver­such beant­wor­tet:

Dann gibt es viel­leicht ja tat­säch­lich theo­re­ti­sche Gründe – wenn sie die drei zusam­men­mi­xen, statt Alt­hus­ser von den ande­ren bei­den abzu­set­zen, wie ich es vor­zie­hen würde.

Die TF-​​CI scheint jeden­falls einen Zusam­men­hang zu sehen – gleich nach dem bereits zitier­ten Satz geht es wie folgt wei­ter: „ARAN was part of the right wing of ANT­AR­SYA. Most of this group has deci­ded to join the elec­to­ral cam­paign of Popu­lar Unity.“ -

Ich würde dage­gen als Ein­stieg in eine revo­lu­tio­näre Althusser-​​Lesart emp­feh­len:

  • Reply to John Lewis

http://​mar​x2​mao​.net/​O​t​h​e​r​/​E​S​C​7​6​i​.html

Und als Parallel-​​Lektüre statt des spä­ten Pou­lant­zas‘ und so man­cher zwei­deu­ti­ger Äuße­run­gen Gramscis lie­ber:

  • Balibar: On the Dic­ta­tor­ship of the Pro­le­ta­riat (mit in der dt. Aus­gabe nicht ent­hal­te­nen, aber auf Dt. als Zeitschriften-​​Artikel exis­tie­ren­dem Vor­wort von Gra­hame Lock1)

http://​mar​x2​mao​.net/​O​t​h​e​r​/​O​D​P​7​7​N​B​.html

und

  • Bet­tel­heim: Class Strugg­les in the USSR

http://​mar​x2​mao​.net/​O​t​h​e​r​/​C​S​S​U​i​7​6​N​B​.html

Vgl. auch noch:

„Das Kapi­tal lesen“ von Althusser/​Balibar/​Establet /​Macherey/​Rancière erst­mals voll­stän­dig auf Deutsch

http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​1​5​/​0​7​/​2​8​/​d​a​s​-​k​a​p​i​t​a​l​-​l​e​s​e​n​-​v​o​n​-​a​l​t​h​u​s​s​e​r​b​a​l​i​b​a​r​e​s​t​a​b​l​e​t​-​m​a​c​h​e​r​e​y​r​a​n​c​i​e​r​e​-​e​r​s​t​m​a​l​s​-​v​o​l​l​s​t​a​e​n​d​i​g​-​a​u​f​-​d​e​u​tsch/

  1. http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​1​1​/​1​2​/​s​t​a​l​i​n​-​a​l​s​-​v​e​r​f​e​c​h​t​e​r​-​d​e​s​-​s​t​a​a​t​e​s​-​d​e​s​-​g​a​n​z​e​n​-​v​o​l​k​e​s​/​#​f​n​1​2​5​8​0​5​7​9​5​9799n.[zurück]
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Gibt es vielleicht wieder Bedarf? – Geamtverzeichnis der Zeitschift „alternative“ (1963-1982)

Ich stelle hier mit das Gesamt­ver­zeich­nis der von 1964 bis 1982 von Hil­de­gard Bren­ner ver­ant­wor­te­ten West­ber­li­ner Zeit­schrift alter­na­tive als .pdf-​​Bild-​​Datei zur Ver­fü­gung. Die Zeit­schrift spielte u.a. eine wich­tige Rolle für die deutsch­spra­chige Rezep­tion des fran­zö­si­schen struk­tu­ra­len Mar­xis­mus (Louis Alt­hus­ser u.a. [1, 2, 3]) und des fran­zö­si­schen Struk­tu­ra­lis­mus.

alternative-cover, H. 117, 1977

„Als Ans­gar Skri­ver 1963 Ber­lin ver­las­sen hatte, über­nahm Anfang 1964 Hil­de­gard Bren­ner den Ver­lag und die Her­aus­gabe der Zeit­schrift [alter­na­tive], nun­mehr unter dem Titel [lies: nun­mehr mit dem Untertitel] ‚Zeit­schrift für Lite­ra­tur und Dis­kus­sion‘. Die Jahr­gänge zähl­ten mit Jahr­gang 7 wei­ter. Der Ver­lag erhielt den Namen der Zeit­schrift. Redak­ti­ons­mit­glie­der waren neben Hil­de­gard Bren­ner u.a. Georg Fül­berth, Helga Gal­las, Klaus Laer­mann, Hel­mut Lethen, Hart­mut Ross­hof, Peter B. Schu­mann; Gestal­tung: Ulrich Harsch.
Das erste von Hil­de­gard Bren­ner ver­ant­wor­tete Heft ‚Schrift­stel­ler in der DDR‘ ent­hielt als Erst­ver­öf­fent­li­chun­gen Texte von Vol­ker Braun, Peter Hacks, Hart­mut Lange, Christa Rei­nig, Johan­nes Bobrow­ski, Wolf Bier­mann, Gün­ter Kunert, Hei­ner Mül­ler, Franz Füh­mann, Bernd Jentzsch u. a.
The­men waren u.a.: Was ist ein natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Roman? (Heft 36); die Samm­lung tsche­cho­slo­wa­ki­scher Lyrik, Prosa und Dra­ma­tik mit Tex­ten von Milan Kun­dera, Václav Havel u. a. (Heft 42/​43); eine Doku­men­ta­tion zur Struk­tu­ra­lis­mus­dis­kus­sion mit Bei­trä­gen u. a. von Louis Alt­hus­ser, Roland Bart­hes, Michel Fou­cault, Lucien Gold­mann, Jac­ques Lacan, Claude Lévi-​​Strauss und Jean-​​Paul Sartre (Heft 54); und die Aus­gabe ‚Der andere Blick – femi­nis­ti­sche Wis­sen­schaft?‘ (Heft 120/​121)
Mit dem Heft 145/​146 ‚Im Auf­riß‘ stellte die Zeit­schrift 1982 ihr Erschei­nen ein. Dazu die Redak­tion: ‚Die linke Theo­rie, wie ‚Alter­na­tive‘ sie mit­ge­tra­gen hat, hat … kei­nen Ort und kei­nen Refle­xi­ons­raum mehr. … Und die sich inner­halb der sozia­len Pro­test­be­we­gun­gen zur Wehr set­zen, machen kei­nen Gebrauch von dem, was wir pro­du­zie­ren. Damit ver­liert eine Zeit­schrift wie ‚Alter­na­tive‘ nicht nur ihr Publi­kum, son­dern auch ihre Funk­tion.‘“

(Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Alternative_%28Zeitschrift%29)

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Weil lesen bilden kann…

In der taz von heute:

„‚Ganz erlich alle behin­de­ret da oben, ich will nicht wis­sen wie viel jugend­sün­den die ande­ren poli­ti­ker alle gemacht haben‘, kom­men­tiert ein Super­markt­an­ge­stell­ter auf einer Pro-​​Guttenberg-​​Seite, und schon der Stil die­ses in jeder Hin­sicht typi­schen Ein­trags deu­tet dar­auf, dass Empa­thie und Empö­rung weni­ger zwi­schen Links, Mitte und Rechts, aber umso mehr zwi­schen Oben, Mitte und Unten ver­teilt sind. Die Fri­sö­rin oder der Bau­ar­bei­ter erin­nern sich an die eige­nen Spick­zet­tel, mit denen sie durch man­che Klas­sen­ar­beit kamen und kön­nen in Gut­ten­bergs Abkup­fe­rei kein gro­ßes Ver­ge­hen erken­nen. Das eint sie mit Leu­ten aus groß­bür­ger­li­chem oder aris­to­kra­ti­schem Haus, mit Gut­ten­berg selbst, dem man es getrost abneh­men kann, dass er die Empö­rung nicht wirk­lich ver­steht. Denn für ihn war der Dok­tor nur einer unter meh­re­ren Titeln; einer, den er zwar schon des­halb brauchte, weil Herr Dr. Hinz und Frau Dr. Kunz ihn auch hat­ten, aber nicht der Rit­ter­schlag, den hatte er schon; nicht der Aus­weis, ‚es geschafft‘ zu haben, […].
Das aber unter­schei­det ihn von all jenen, die ihren eige­nen sozia­len Auf­stieg allein oder vor­ran­gig ihrer Aus­bil­dung zu ver­dan­ken haben und die des­halb Bil­dung auch als All­heil­mit­tel für dit und dat hal­ten, egal ob es gerade um Glo­ba­li­sie­rung, Armut oder Rechts­ex­tre­mis­mus geht. Die Bil­dungs­bür­ger sind denn auch die­je­ni­gen, die sich am meis­ten über Gut­ten­berg auf­re­gen – und nicht ver­ste­hen, warum nicht ein jeder ihre Empö­rung teilt. Ihre Sorge gilt nicht ‚der Wis­sen­schaft‘, son­dern sich selbst; sie sind wütend, weil sich einer, noch dazu so einer, das, wofür sie selbst geschwitzt und geackert und geblu­tet haben, ein­fach so ergau­nert hat. Die Auf­re­gung um Gut­ten­berg ist par­ti­ku­la­rer Stan­des­dün­kel des Bil­dungs­bür­ger­tums. Sie ist – im bes­ten wie im schlech­tes­ten Sinn des Wor­tes – bür­ger­lich. Nicht unbe­grün­det, aber eben auch ein wenig lang­wei­lig.
[…]. Sind Leute, die nie etwas im Super­markt geklaut, nie­mals einen Pflas­ter­stein gewor­fen oder ein Amt übers Ohr gehauen haben, nicht furcht­er­re­gen­der als ein trick­sen­der Frei­herr? Wer will sol­che Leute schon zu Nach­barn haben? Oder von ihnen regiert wer­den?
(http://​taz​.de/​1​/​d​e​b​a​t​t​e​/​k​o​m​m​e​n​t​a​r​/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​/​h​e​r​a​k​l​e​s​-​j​e​s​u​s​-​g​u​t​t​e​n​berg/)

Anmer­kun­gen:

1. Würde es den genann­ten Bil­dungs­bür­ge­rIn­nen nicht um sich selbst, son­dern um die ‚die Wis­sen­schaft‘ gehen, dann wür­den nicht Gut­ten­berg (und Mer­kel) als Poli­ti­ke­rIn­nen und Per­so­nen im Mit­tel­punkt der Kri­tik ste­hen, son­dern der Zustand des Wis­sen­schaftsappa­ra­tes, des­sen blo­ßes Sym­ptom Gut­ten­berg ist (s. meine ande­ren Arti­kel aus die­ser Woche).

2. „Auf kei­nem Fall darf der Mar­xis­mus die (der Groß­bour­geoi­sie und der Sozi­al­de­mo­kra­tie gemein­same) Posi­tion ein­neh­men und die ökono­mi­schen und poli­ti­schen Pro­bleme in Begrif­fen der ‚Ratio­na­li­tät‘ und der ‚Irra­tio­na­li­tät‘, in Begrif­fen der logi­schen Wahl zwi­schen ratio­na­len ‚Model­len‘ der Gesell­schaft statt in Begrif­fen des Klas­sen­kampfs for­mu­lie­ren.“
(Étienne Balibar, Mar­xis­mus, Ratio­na­lis­mus, Irra­tio­na­lis­mus und Soziale Krise und Ideo­lo­gi­sche Krise, in: alter­na­tive, H. 116, Okt. 1977, 225 – 232 und H. 118, Feb. 1978, 18 – 23 [22] (frz. Erst­ver­öff.: La Nou­velle Cri­ti­que Nr. 99, Dez. 1976).
Der Mar­xis­mus ist ratio­nal, aber nicht ratio­na­lis­tisch!

Aber – für die­je­ni­gen, die sich mehr für die Wis­sen­schaf­ten als für den Klas­sen­kampf inter­es­sie­ren – noch mal zurück zu den wis­sen­schaft­li­chen Stan­dards. Dazu schreibt Die Zeit:

„Die Affäre wirft auch pein­li­che Fra­gen an die Wis­sen­schaft auf. […].
Schließ­lich hat die Affäre auch blitz­licht­ar­tig erhellt, wie es um die gern hoch­ge­hal­te­nen »Selbst­rei­ni­gungs­kräfte« der Wis­sen­schaft wirk­lich bestellt ist: Sie sind kei­nes­falls selbst­ver­ständ­lich, […].
Das soll und kann zu Gut­ten­bergs Pla­giat zwar nicht ent­schul­di­gen. Aber die Hoch­schu­len müs­sen sich auch fra­gen las­sen, ob sie ihre Stan­dards stets so hoch­hal­ten, wie sie gerne behaup­ten – und wel­che Leh­ren sie nun aus dem Fall zie­hen.
Allen voran gilt das natür­lich für die Uni­ver­si­tät Bay­reuth. Nicht nur der Ruf von zu Gut­ten­bergs Dok­tor­va­ter, Peter Häberle, ist beschä­digt; auch die Prü­fungs­kom­mis­sion, […].
[…] die [wis­sen­schaft­li­chen] Spit­zen­or­ga­ni­sa­tio­nen rea­gier­ten mit win­del­wei­chen Erklä­run­gen, in denen weder die Stadt Bay­reuth noch der Name »Gut­ten­berg« auf­tauch­ten. […]
Mit dem Rück­tritt des Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ters ist der Fall für die Wis­sen­schaft nicht erle­digt. […]. Und die Wis­sen­schaft muss sich fra­gen, wie der Ein­druck ent­ste­hen konnte, in der aka­de­mi­schen Welt werde doch über­all mehr oder weni­ger geschum­melt.“
(http://​www​.zeit​.de/​2​0​1​1​/​1​0​/​A​u​f​s​t​a​n​d​-​d​e​r​-​W​i​s​s​e​n​s​chaft)

Die ent­schei­dende Frage ist aller­dings, ob dies nur ein (fal­scher) Ein­druck ist, der sich mit pla­ka­ti­ve­ren (statt win­del­wei­chen) Erklä­run­gen der Wis­sen­schafts­or­ga­ni­sa­tio­nen kor­ri­gie­ren läßt oder ob es sich nicht in Zei­ten von Auf­trags­for­schung und ‚wis­sen­schaft­li­cher‘ Gut­ach­ten für Staat, Kapi­tal, Gewerk­schaf­ten, Ökover­bände usw., die mehr poli­ti­sche Mei­nung als Erkennt­nis sind1, längst eine Tat­sa­che ist – eine Tat­sa­chen frei­lich, die in einem Wis­sen­schafts­be­trieb, der ohne­hin lie­ber über „Per­spek­ti­ven“, „Sicht­wei­sen“, „Erkennt­nis­in­ter­esse“ und alle die ande­ren Legi­ti­ma­ti­ons­flos­keln des epis­te­mo­lo­gi­schen Rela­ti­vis­mus als über die Ana­lyse von Tat­sa­chen und deren Ursa­chen redet, nicht gese­hen wird.

„Einen Men­schen aber, der die Wis­sen­schaft einem nicht aus ihr selbst (wie irrt­hüm­lich sie immer sein mag), son­dern von aus­sen, ihr frem­den, äusser­li­chen Inter­esse ent­lehn­ten Stand­punkt zu acco­mo­die­ren sucht, nenne ich ‚gemein‘“ (MEW 26.2, S. 112), so hielt Marx Mal­t­hus ent­ge­gen, der meinte einen Kon­tra­hen­ten unter Hin­weis auf die von die­sem ver­folg­ten Analyse-​​Zwecke ‚wider­le­gen’ zu kön­nen. Die Unter­stel­lung einer ‚bösen Absicht’ wird nie­mals ein Argu­ment sein.

Wei­ter­füh­rende links:

  1. Vgl. zur Kri­tik an einem ‚gewerk­schafts­na­hen‘ ‚For­schungs­pro­dukt‘: http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​1​2​/​2​5​/​z​u​m​-​v​e​r​h​a​e​l​t​n​i​s​-​v​o​n​-​r​e​c​h​t​s​w​i​s​s​e​n​s​c​h​a​f​t​-​u​n​d​-​r​e​c​h​t​s​p​o​l​itik/ – (aus Anlaß eines blog-​​Eintrages beim Beck-​​Verlag zum Thema „Min­dest­lohn“). [zurück]
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Stalin als Verfechter des ‚Staates des ganzen Volkes‘

Vor­be­mer­kung: „Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats“ bedeu­tet im klas­si­schen mar­xis­ti­schen Sprach­ge­brauch nicht Dika­tur im staats­recht­li­chen Sinne, son­dern Klas­sen­herr­schaft. Auch eine par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tie mit Par­tei­en­plu­ra­lis­mus, freien, glei­chen und gehei­men Wah­len sowie wei­te­ren civil rights & liber­ties ist im Sinne die­ses Sprach­ge­brauchs eine Dik­ta­tur der Bour­geoi­sie. Ent­spre­chend ist auch mit dem Aus­druck Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats nicht vorab ent­schie­den, in wel­chen juris­ti­schen und poli­ti­schen For­men diese aus­ge­übt wird.

I. Quel­len (mehr…)

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Fachbegriffe des strukturalen Marxismus von Louis Althusser u.a.

Ich doku­men­tiere hier das von Peter Schött­ler erstellte Glos­sar zur deut­schen Über­set­zung des Auf­satz von Eti­enne Balibar Sur la Dialec­tique his­to­ri­que (Über his­to­ri­sche Dia­lek­tik) sowie das von Ben Brews­ter zur eng­li­schen Aus­gabe des Buches von Louis Alt­hus­ser Pour Marx (For Marx; die dt. Aus­gabe Für Marx ent­hält kein Glos­sar).
Vor­an­ge­stellt ist eine inte­grierte Liste der Stich­wör­ter des von Schött­ler erstell­ten Glos­sars sowie der deut­schen Äqui­va­lente der Stich­wör­ter des eng­li­schen Glos­sars.

Abs­trakt ----> Abstract
All­ge­mein­heit I, II und III ----> Gene­ra­li­ties I, II and III
Auf­he­bung ----> Super­ses­sion

Bewußt­sein ----> Con­scious­ness

dezen­trierte Struk­tur ----> Struc­ture, decent­red
Dia­lek­tik des Bewußt­seins ----> Dialec­tic of Con­scious­ness
Dia­lek­ti­scher und his­to­ri­scher Mate­ria­lis­mus ----> Mate­ria­lism, Dialec­tical and his­to­ri­cal

Empi­ri­zis­mus ----> Empi­ri­cism
Ent­frem­dung ----> Alie­na­tion
Epis­te­mo­lo­gi­scher Bruch ----> Break, epis­te­mo­lo­gi­cal
Erkennt­nis ----> Know­ledge

Gan­zes vgl. Tota­lity
Gedanken-​​Konkretum /​ Real-​​Konkretum ----> Concrete-​​in-​​thought /​ Real-​​Concrete
Gesell­schafts­for­ma­tion ----> For­ma­tion, social

Huma­nis­mus ----> Huma­nism

Ideo­lo­gie ----> Ideo­logy
Ideo­lo­gi­sche Appa­rate, ideo­lo­gi­scher Effekt
immer-​​schon-​​Gegebenes /​ ‚schon gege­be­nes’, kom­ple­xes, struk­tu­rier­tes Gan­zes vgl. Struc­ture, ever-​​pre-​​given (aus­schließ­lich Ver­weis auf: Struc­ture in Domi­nance)

Kon­junk­tur ----> Con­junc­ture und Kon­junk­tur, theo­re­ti­sche, poli­ti­sche, his­to­ri­sche

Lektüre/​Lesen ----> Rea­ding

Marx’ Werke der Jugend (Jugend­werke), der Rei­fung und der Reife ----> Works of Marx, early, tran­si­tio­nal, mature

Nega­tion der Nega­tion ----> Nega­tion of the nega­tion

‚Phi­lo­so­phie’ /​ Phi­lo­so­phie ----> ‘Phi­lo­so­phy’ /​ phi­lo­so­phy
Pra­xis, ökono­mi­sche, poli­ti­sche, ideo­lo­gi­sche, theo­re­ti­sche ----> Prac­tice, eco­no­mic, poli­ti­cal, ideo­lo­gi­cal, theo­re­ti­cal und Prak­ti­zie­ren, Pra­xen.
Pro­ble­ma­tik ----> Pro­ble­ma­tic
Pro­du­zie­ren

spe­zi­fi­sche Wirk­sam­keit ----> Effec­tivity, spe­ci­fic
Spon­ta­nei­tät ----> Spon­ta­n­eity
Struk­tur mit Domi­nante ----> Struc­ture in Domi­nance
Superstruktur/​Suprastruktur siehe: Über­bau (die frz. Über­set­zung für „Über­bau“ [super­struc­ture] wurde in deut­schen Althusser-​​Ausgaben teil­weise falsch als „Super­struk­tur“ ins Deut­sche zurück­über­setzt [z.B.: Für Marx, Suhr­kamp: FfM, 1968, 79; Althusser/​Balibar, Das Kapi­tal lesen, Rein­bek, 1972, 445: Sach­re­gis­ter])

Theo­rie, ‚Theo­rie’, THEO­RIE ----> Theory, ‚theory’, THEORY
Tota­li­tät ----> Tota­lity

Überbau/​Struktur ----> Superstructure/​Structure
Über­de­ter­mi­nie­rung ----> Over­de­ter­mi­na­tion
unglei­che Ent­wick­lung /​ unglei­cher Pro­zeß ----> Deve­lop­ment, uneven und unglei­cher Pro­zeß

Ver­dich­tung, Ver­schie­bung und Fusion von Wider­sprü­chen ----> Con­tra­dic­tions, Con­den­sa­tion, dis­pla­ce­ment and fusion of

Wider­spruch ----> Con­tra­dic­tion

Wis­sen­schaft ----> Sci­ence (aus­schließ­lich Ver­weis auf: Ideo­logy und Prac­tice)

.pdf-​​Datei mit den bei­den Glossa­ren.

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Vier Zitate zum Krisen-Begriff

1. Eine Krise für die Arbei­te­rIn­nen­klasse oder für das Kapi­tal?

„[…] erlaubt, die Frage des Übergangs zu einer Gesell­schaft ohne Aus­beu­tung und des Bruchs mit dem Kapi­ta­lis­mus end­lich von der Frage der Gren­zen der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise zu tren­nen. Soll­ten der­ar­tige ‚Gren­zen’ exis­tie­ren – was zwei­fel­haft ist, da es, wie man gese­hen hat, eine unauf­hör­li­che Dia­lek­tik zwi­schen den For­men der sozia­len Inte­gra­tion der Arbeit und ihrer Pro­le­ta­ri­sie­rung, den tech­no­lo­gi­schen Inno­va­tio­nen und der Inten­si­vie­rung der Mehr­ar­beit gibt –, so haben sie nicht direkt etwas mit dem revo­lu­tio­nä­ren Bruch zu tun, der nur dann ein­tre­ten kann, wenn die Desta­bi­li­sie­rung des Klas­sen­ver­hält­nis­ses selbst, d.h. des ökonomisch-​​staatlichen Kom­ple­xes, eine güns­tige poli­ti­sche Gele­gen­heit für Ver­än­de­run­gen bie­tet. Wie­der muß also die Frage gestellt wer­den, für wen es eine ‚Krise’ gibt und was in der ‚Krise’ ist.“
(Eti­enne Balibar, Vom Klas­sen­kampf zum Kampf ohne Klas­sen?, in: ders. /​ Imma­nuel Wal­ler­stein, Rasse. Klasse. Nation. Ami­va­lente Iden­ti­tä­ten, Argu­ment: [West]berlin, 1990, 190 – 224 [220 f.]).

2. Wachstums-​​ oder Zusam­men­bruchs­krise?

a) „Mor­pho­lo­gie des ent­wi­ckel­ten Kapi­ta­lis­mus“ = „ein bestimm­tes Anpas­sungs­ver­mö­gen, wel­ches der Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräfte eigen ist, eine bestimmte Plas­ti­zi­tät, die es ihnen in Kri­sen­zei­ten ermög­licht, ihre eigene Neu­struk­tu­rie­rung zu leis­ten“
(Chris­tine Buci-​​Glucksmann, Über die poli­ti­schen Pro­bleme des Übergangs: Arbei­ter­klasse, Staat und pas­sive Revo­lu­tion, in: SOPO. Sozia­lis­ti­sche Poli­tik [das euro­päi­sche buch: West­ber­lin], Vol. 41, Sept. 1977, 13 – 35 [15, anknüp­fend an Gramscis Begriff der „pas­si­ven Revo­lu­tion“]).

b) „Das Wort ‚Krise’, ein medi­zi­ni­scher Aus­druck, der die akute Phase eines Krank­heits­ver­laufs bezeich­net, wo über Hei­lung, Tod oder Auf­schub ent­schie­den wird, wurde nicht erst von Mar­xis­ten auf Poli­tik und Ökono­mie ange­wen­det. Der mar­xis­ti­sche Bei­trag dazu ist eine mate­ria­lis­ti­sche und dia­lek­ti­sche Kon­zep­tion der Geschichte, die es ermög­licht, sie als einen Pro­zeß zu den­ken, wo Pha­sen struk­tu­rel­ler Sta­bi­li­tät (in denen sich die gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse mit nur quan­ti­ta­ti­ven Ver­än­de­run­gen repro­du­zie­ren) und durch Kri­sen ein­ge­lei­tete Pha­sen qua­li­ta­ti­ver Ver­än­de­rung ein­an­der ablö­sen. […]. Man kann ‚nicht mehr in der alten Weise wei­ter­ma­chen’. Es eröff­nen sich dann ver­schie­dene mög­li­che Aus­wege: Wie­der­her­stel­lung der Ver­hält­nisse in mehr oder weni­ger modi­fi­zier­ter Form, und sei es durch Kon­ter­re­vo­lu­tion und Krieg, oder revo­lu­tio­näre Ein­rich­tung neuer gesell­schaft­li­cher Ver­hält­nisse.“
(Alain Lipietz, Stich­wort „Krise“, in: Geor­ges Labica /​ Gér­ard Bensus­san (Hg.), Kri­ti­sches Wör­ter­buch des Mar­xis­mus. Dt. Fas­sung hrsg. von Wolf­gang Fritz Haug, Bd. 8, Argu­ment, [West]berlin, 1986 [frz. Ori­gi­nal­aus­gabe: 1982: 1. Auf­lage, 1984/​85: 2. Auf­lage], 712 – 719 [712 f.]).

Anmer­kung:
Diese begriff­li­chen Dif­fe­ren­zie­run­gen haben zwar den Vor­teil, daß sie Krise und Zusam­men­bruch des Kapi­ta­lis­mus nicht gleich­set­zen. Gleich­zei­tig löschen sie aber damit aber unter den Ober­be­grif­fen „Krise“ und „qua­li­ta­tive Ver­än­de­rung“ (statt „Sta­bi­li­tät“ und „quantitative[r] Ver­än­de­rung“) ten­den­zi­ell den Unter­schied zwi­schen einer modi­fi­zier­ten „Wie­der­her­stel­lung“ (Erneue­rung, Moder­ni­sie­rung) der gege­be­nen gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse und deren revo­lu­tio­nä­ren Umsturz – zwi­schen ‚pas­si­ver’ und ‚akti­ver’ Revo­lu­tion – aus. Wel­chen ana­ly­ti­schen Wert hat dann der Begriff „Krise“ noch? Ist der Kapi­ta­lis­mus dann nicht immer in der ‚Krise’? Modi­fi­ziert er sich nicht stän­dig „mehr oder weni­ger“?

3. Krise – immer nur Krise? – eine Ana­lo­gie (zwi­schen moral eco­nomy und Kapi­ta­lis­mus)

„Auch der Begriff ‚moral eco­nomy’ scheint mir gefähr­lich, weil er dazu füh­ren kann, einen unver­än­der­li­chen Tra­di­tio­na­lis­mus zu unter­stel­len; in Wirk­lich­keit han­delt es sich um eine Art bauch­red­ne­ri­sche Kate­go­rie, die sich nie genau fest­ma­chen läßt und sofort ver­schwin­det, wenn man ihr näher tritt: Die ‚moral eco­nomy‘ hat sozu­sa­gen immer 20 Jahre oder 50 Jahre Vor­sprung, und ist immer gerade ‚am Zusam­men­bre­chen’.“
(Gareth Sted­man Jones, in: Peter Schött­ler, Inter­view mit Gareth Sted­man Jones, in: G. St.J., Klasse, Poli­tik und Spra­che. Für eine theo­rie­ori­en­tierte Sozi­al­ge­schichte, West­fä­li­sches Dampf­boot: Müns­ter, 1988, 277 – 317 [299]).

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Zur Kritik der libertären Ideologie vom „Streben nach Selbstverwaltung“, das allen ‚Subjekten‘ inhärent sei

[lange ver­geb­lich gesucht und nun end­lich zufäl­lig wie­der­ge­fun­den:]

„die bei­den Ideo­lo­gien […], die in der poli­ti­schen Tra­di­tion der fran­zö­si­schen Lin­ken wur­zeln, […]: die sozia­lis­ti­sche oder kom­mu­nis­ti­sche Tra­di­tion des Zen­tra­lis­mus (irre­füh­rend als ‚Jako­bi­nis­mus’ bezeich­net) und die ‚liber­täre’ Tra­di­tion, die heute als Selbst­ver­wal­tungs­ideo­lo­gie des Pri­mats der ‚neuen sozia­len Bewe­gun­gen’ wie­der­auf­taucht (zu wel­chen man unter­schieds­los Frau­en­be­we­gung, Ökolo­gie und Pazi­fis­mus zählt und so auf eine Ebene stellt). Beide Tra­di­tio­nen sind völ­lig unfä­hig, aus­ge­hend von der Erfah­rung und mit ange­mes­se­ner Begriff­lich­keit das Pro­blem zu ana­ly­sie­ren, das ansteht: das Pro­blem einer demo­kra­ti­schen Mas­sen­po­li­tik, die die Volks­in­itia­ti­ven, gemein­sam erar­beite kon­krete Ana­ly­sen und zu dis­ku­tie­ren­den Akti­ons­pro­gramme gleich­zei­tig auf den Ebe­nen der Unter­neh­men und der Arbeits­ver­hält­nisse, der Lebens­weise und Kul­tur, der örtli­chen Insti­tu­tio­nen zusam­men­faßt. Und para­do­xer­weise unter­stel­len beide meta­phy­sisch, daß ‚die Gesell­schaft’, oder zumin­dest, was sie für ihr leben­di­ges und dyna­mi­sches Ele­ment hal­ten (die ‚Pro­duk­tiv­kräfte’), von Natur aus zum Sozia­lis­mus strebt und ihn her­bei­ruft, sei es, weil die Arbei­ter­klasse (so, wie Par­tei und Gewerk­schaft sie ver­tre­ten) eine zen­trale Stel­lung hat, oder (wenn man ‚Abschied vom Pro­le­ta­riat’ genom­men hat), weil das Stre­ben nach Selbst­ver­wal­tung angeb­lich allen ‚Sub­jek­ten’ der sozia­len Bewe­gung gemein­sam ist: Arbei­tern, Bau­ern, Tech­ni­kern, Ver­brau­chern, Frauen, Jugend­li­chen, Aus­län­dern und Umwelt­schüt­zern.“

Quelle: Eti­enne Balibar, Die Krise der Par­tei­form in der Arbei­ter­be­we­gung, in: Das Argu­ment H. 133, Mai/​Juni 1982, 347-​​362 (361)

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[Gegen Empirismus und Idealismus]

Die in die­ser .pdf-​​Datei doku­men­tier­ten Anmer­kun­gen zu dem Auf­satz von

Gideon Sti­e­ning
Am „Urgrund“ oder: Was sind und zu wel­chem Ende stu­diert man ‚Poe­to­lo­gien des Wis­sens‘
in: Zeit­schrift für Kul­tur­peo­to­lo­gie 2007, 234 – 248

ent­stan­den am 4./5.11.2008 für eine Dis­kus­sion am Inter­na­tio­na­len For­schungs­zen­trum Kul­tur­wis­sen­schaf­ten in Wien.

(Für die hie­sige Ver­öf­fent­li­chung ist der Text insb. am Anfang, der kurz auf die Replik von Joseph Vogl [S. 249-​​258 des glei­chen Jahr­gangs der glei­chen Zeit­schrift] ein­ging, gekürzt.)

Zu die­sem Text gehört noch – quasi als Nach­be­mer­kung vom 16.11. – diese Notiz über „Fou­cault und die Wahr­heit“.

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Herrschaft oder Kommunismus – eine falsche Frage?

[Der fol­gende Text ist die Lang­fas­sung eines Bei­tra­ges in ak 445 vom 21.12.2000; vgl. die Vor­be­mer­kung zu: http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​0​/​0​8​/​3​1​/​w​e​s​s​e​n​-​g​e​w​a​l​t​-​h​a​t​-​d​i​e​-​m​a​c​h​t​-​s​e​x​y​-​z​u​-​sein/. Nach einer wei­te­ren Replik schrieb ich schließ­lich noch einen drit­ten Text zum Thema.]

Ich möchte im fol­gen­den die seit meh­re­ren Aus­ga­ben in ak geführte Debatte über Sexua­li­tät und ins­be­son­dere Herr­schaft fort­füh­ren. Da die post-​​feministische Legende von bösen 70ern, in den böse Les­ben arme Heteras unter­drückt haben sol­len, mit dem Arti­kel von Chris­tian Klesse nun auch ak erreicht hat , da ein­mal mehr mit lin­ker, femi­nis­ti­scher Poli­tik als ein „repres­si­ves Klima“ schaf­fend (ak 443, 26) abge­rech­net wird, erscheint es mir aller­dings als not­wen­dig, diese Debatte nicht in der bis­he­ri­gen Weise fort­zu­set­zen, son­dern die grund­sätz­li­che Frage auf­zu­wer­fen: Wel­che Bedeu­tung kann/​soll Herr­schafts­kri­tik für heu­tige linke Poli­tik noch haben?

Voll­stän­di­ger Text als .pdf-​​Datei.

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Staat, Gesellschaft und revolutionäre Neubestimmung

Anmer­kun­gen zu
Jens Chris­tian Mül­ler /​ Sebas­tian Rein­feldt /​ Richard Schwarz /​ Manon Tuck­feld, Der Staat in den Köp­fen, Deca­ton: Mainz, 1994

Der fol­gende Text wurde Anfang Juli 1994 geschrie­ben und blieb damals ver­öf­fent­licht.

Manon Tuck­feld u.a. bezie­hen sich in ihrem Buch auf den Ansatz des fran­zö­si­schen, kom­mu­nis­ti­schen Phi­lo­so­phen Louis Alt­hus­ser (1918 – 1990). Dies ist – nach­dem Alt­hus­sers Schrif­ten lange Zeit in Ver­ges­sen­heit gera­ten waren – geeig­net zur Neu­be­stim­mung revo­lu­tio­nä­rer Poli­tik bei­zu­tra­gen. Die­ser mög­li­che Bei­trag wird aller­dings – wie im fol­gen­den gezeigt wer­den soll – dadurch geschmä­lert, daß sie Alt­hus­sers Bezug auf Lenin durch ihren eige­nen Bezug auf Fou­cault, Deleuze u.a. nicht-​​marxistische, (post)strukturalistische Theo­re­ti­ker erset­zen. Dies führt dazu, auch heute noch rich­tige (und von Alt­hus­ser ver­tei­digte) Eck­punkte revo­lu­tio­nä­rer Poli­tik in eine ziem­lich nebu­löse Belie­big­keit auf­zu­lö­sen.

Auto­nome und andere Staats­theo­rien:
Der Dua­lis­mus von Staat und Gesell­schaft

Zu Beginn ihres Buches unter­zie­hen die Ver­fas­se­rIn­nen die kon­ser­va­tive, die sozialdemokratisch/​stalinistische sowie die liberal/​autonom-​​antiimperialistische Staats­theo­rie einer Kri­tik. Ihnen allen sei gemein­sam, daß sie eine „spe­zi­fi­sche Äußer­lich­keit von Staat und Gesell­schaft“ behaup­ten (95):
++ In der kon­ser­va­ti­ven Ver­sion wird der Staat als die Instanz, die den gesell­schaft­li­chen Krieg aller gegen alle (Tho­mas Hob­bes) ver­hin­dert, begrüßt (17 f., 92 f.). Der Staat wird als das „All­ge­meine“ (Hegel) bestimmt, das über den Ein­zel­in­ter­es­sen steht (18, 20).
++ In der libe­ra­len und autonom-​​antiimperialistischen (anar­chis­ti­schen) Ver­sion wird der Staat als „Usur­pa­tor“, der die „in der (…) Gesell­schaft exis­tie­ren­den Poten­tiale an Selbst­ver­wal­tung, Krea­ti­vi­tät etc. unter­drückt“, mehr oder min­der radi­kal abge­lehnt (95): So sahen die Anti­imps auf ihrem Wider­stands­kon­greß 1986, die ant­ago­nis­ti­sche Art zu kämp­fen in der „Rück­er­obe­rung von Iden­ti­tät“ gegen den „Staat, der sich in sei­nem tota­len Macht­an­spruch über alles, was sich selbst bestimmt, orga­ni­sie­ren will, drü­ber­stülpt“ (zit. n. 14 f., FN 1). Und der auto­nome Theo­re­ti­ker Det­lef Hart­mann sieht den Staat als „gigan­ti­sche Maschine“, die die „Spra­che, Spiele, Gefühle, (… den) Reich­tum“ der Men­schen negiert (zit. n. 14, FN 1). Links­li­be­rale Zivil­ge­sell­schafts­theo­re­ti­ker plä­die­ren ganz ähnlich für eine „Aus­tra­gung von Kon­flik­ten in der Gesell­schaft (…), wenn nötig auch unab­hän­gig von und gegen die repres­si­ven Organe der Macht­aus­übung“ (zit. n. 13).1 Die Auto­rIn­nen des Buches ergän­zend sei noch auf die rechts­li­be­rale For­de­rung nach Zurück­drän­gung des Staats (aus der Wirt­schaft) ver­wie­sen.
++ In der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen und sta­li­nis­ti­schen Ver­sion erscheint der Staat schließ­lich als neu­tra­les (nicht in sei­ner Struk­tur, son­dern nur in sei­nen kon­kre­ten Hand­lun­gen von den gesell­schaft­li­chen Herr­schafts­ver­hält­nis­sen deter­mi­nier­tes) Instru­ment, mit dem nicht nur bür­ger­li­che Poli­tik betrie­ben wer­den kann, son­dern mit dem auch – wahl­weise – Refor­men oder als revo­lu­tio­när aus­ge­ge­bene Maß­nah­men durch­ge­setzt wer­den kön­nen. In die­ser Sicht­weise dürfte kon­se­quen­ter­weise nicht von einer „Klas­sen­na­tur, son­dern nur (…) von einer Klas­sen­ver­wen­dung des Staats gespro­chen wer­den“ (94). Die stra­te­gi­sche Schluß­fol­ge­rung, die dar­aus gezo­gen wurde, ist bekannt: friedlicher/​parlamentarischer Übergang zum Sozia­lis­mus (86 f.)

Vom idea­len Staat zum Staat als
Pro­dukt der gesell­schaft­li­chen Wider­sprü­che

Zur Kri­tik die­ser Staats­theo­rie rekon­stru­ie­ren die Ver­fas­se­rIn­nen die Ent­wick­lung der Staats­auf­fas­sung von Marx und Engels2: In sei­nen jun­gen Jah­ren hatte Marx noch – nach dem bekann­ten links-​​hegelianischen Motto: „Das Ver­nüf­tige soll wirk­lich wer­den“ – ver­sucht, den All­ge­mein­heits­an­spruch des Staa­tes beim Wort zu neh­men (ein­zu­kla­gen) (23-​​26). Spä­ter dann erkannte Marx [mit sei­nem Übergang von geschichts­phi­lo­so­phi­schen und huma­nis­ti­schen zu Klas­sen­kampf­po­si­tio­nen (26 f.)] den Staat als Orga­ni­sa­ti­ons­form der herr­schen­den Klasse (31). Marx bestimmte damit seine Staats­kri­tik nicht mehr – wie noch in sei­nen Früh­schrif­ten – von „der Idee aus“ (zit. n. 23), son­dern von der rea­len geschicht­li­chen Ent­wick­lung aus. Aber seine Staats­kri­tik war immer noch halb­her­zig. Die Per­spek­tive des Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fes­tes war: „Das Pro­le­ta­riat wird seine poli­ti­sche Herr­schaft (die zuvor als „Erkämp­fung der Demo­kra­tie“ defi­niert wurde, d. Vf.) dazu benut­zen, der Bour­geoi­sie nach und nach alles Kapi­tal zu ent­rei­ßen, alle Pro­duk­ti­ons­mit­tel in die Hände des Staa­tes, d.h. des als herr­schende Klasse orga­ni­sier­ten Pro­le­ta­ri­ats, zu zen­tra­li­sie­ren (…).“ (MEW 4, 481 – Hv. d. Vf.).
Ihre jetzt nicht mehr geschichtsphi­lo­so­phi­sche (spe­ku­la­tive). son­dern geschichtswis­sen­schaft­li­che Her­an­ge­hens­weise ermög­lichte Marx und Engels aber auch hier eine Kor­rek­tur (31): „(…) gegen­über den prak­ti­schen Erfah­run­gen, zuerst der Februar-​​Revolution und noch mehr der Pari­ser Kom­mune, (…), ist heute die­ses Pro­gramm stel­len­weise ver­al­tet. Nament­lich hat die Kom­mune den Beweis gelie­fert, daß ‚die Arbei­ter­klasse nicht die fer­tige Staats­ma­schine ein­fach in Besitz neh­men kann und sie für ihre eige­nen Zwe­cke in Bewe­gung set­zen kann‘.“ (MEW 4, 573 f. – Vor­wort von 1872). Damit wird erkannt, daß das kom­mu­nis­ti­sche Ziel weder ein ‚all­ge­mei­ner‘ noch ein pro­le­ta­ri­scher Staat sein kann, da der Staat – als „Pro­dukt“ der gesell­schaft­li­chen Wider­sprü­che, wie Engels es aus­drückt – nur solange not­wen­dig ist, wie diese Wider­sprü­che exis­tie­ren (34 f.). Gelingt es nun die revo­lu­tio­nä­ren Kämpfe bis zur Abschaf­fung von Aus­beu­tung und Unter­drü­ckung, die sich in der Gesell­schaft voll­zie­hen, vor­an­zu­trei­ben, so stirbt in die­sem Pro­zeß auch der Staat ab. Diese Erkennt­nis der Ver­bin­dung zwi­schen Staat und gesell­schaftlichen Wider­sprü­chen führt den Mar­xis­mus zur Zurück­wei­sung des Dua­lis­mus von Staat und Gesell­schaft.

Alt­hus­sers Theo­rie der Ideo­lo­gi­schen Staats­ap­pa­rate

Mit der Frage, warum – trotz die­ser theo­re­ti­schen Bestim­mung – der Staat im ‚real exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus‘ nicht abge­stor­ben ist, bezie­hen sich die Auto­rIn­nen auf Alt­hus­ser. Alt­hus­ser sieht einen Grund darin, daß es „eigent­lich keine tat­säch­lich ‚mar­xis­ti­sche‘ Staats­theo­rie“ gibt, son­dern nur eine „nega­tive Abgren­zung“ von „bür­ger­li­chen Kon­zep­tio­nen des Staa­tes“ (zit. n. 39, s.a. 41 f.). Diese Anknüp­fung mün­det in eine Dar­stel­lung der staats­theo­re­ti­schen Arbei­ten Alt­hus­sers: Die­ser hatte – in Anknüp­fung an Gramsci – schon 1969/​70 die Bedeu­tung nicht nur der repres­si­ven, son­dern auch der Ideo­lo­gi­schen Staats­ap­pa­rate betont (42 f.). Da Alt­hus­ser auch Insti­tu­tio­nen wie Fami­lie, Kir­chen, Par­teien etc. als Ideo­lo­gi­sche Staatsappa­rate bezeich­net, trägt seine Theo­rie dazu bei, den o.g. Dua­lis­mus von Staat und Gesell­schaft zu über­win­den (43 f.). Des wei­te­ren defi­niert Alt­hus­ser – im Unter­schied zu Ansät­zen, die den herr­schen­den Kon­sens als ‚fal­sches Bewußt­sein‘ oder als Pro­dukt einer ‚Mani­pu­la­tion‘ durch Staat und Medien betrach­ten – nicht „als pure Illu­sion, rei­ner Traum, als Nichts“ (zit. n. 46). Im vor­lie­gen­den Buch wird auf den S. 46 – 69 Alt­hus­sers eige­ner, an die struk­tu­ra­lis­ti­sche Lin­gu­is­tik und die lacan­sche Psy­cho­ana­lyse anknüp­fen­der Ideologie-​​Begriff erläu­tert. Eine Kern­these ist dabei, daß Ideo­lo­gien die Indi­vi­duen als Sub­jekte ‚anru­fen‘ (kon­sti­tu­ie­ren). Alt­hus­ser bezieht sich dabei auf die Dop­pelb­e­deu­tung von Sub­jekt (1. ent­schei­dungs­frei, auto­nom 2. unter­wor­fen; Bei­spiel: das Rechts­sub­jekt kann im Rah­men der Rechts­ord­nung frei han­deln). Mit die­sem Effekt von Ideo­lo­gien (bspw. der Rechts­ideo­lo­gie) erklärt Alt­hus­ser die frei­wil­lige Unter­wer­fung (55 – 57). Schließ­lich unter­su­chen die Auto­rInn­nen, wie sich das Kräf­te­ver­hält­nis zwi­schen ver­schie­de­nen ‚regio­na­len‘ Ideo­lo­gien und deren Appa­ra­ten seit Alt­hus­sers Auf­satz ver­scho­ben hat. Die Pro­duk­ti­vi­tät Alt­hus­sers Ansatz zeigt sich dabei an der von den Ver­fas­se­rIn­nen vor­ge­nom­me­nen Ana­lyse des Ent­ste­hens eines Ideo­lo­gi­schen Staats­ap­pa­ra­tes Gesund­heit. Dabei fas­sen sie das Auf­kom­men der Fitness-​​Ideologie etc. nicht als „neu­este und per­fi­deste Erfin­dung der Herr­schen­den“, son­dern rekon­stru­ie­ren deren Ent­ste­hung aus den Kämp­fen seit ’68 (Ökolo­gie­be­we­gung, Medizin-​​/​Psychiatrie-​​Kritik) und den Reak­tio­nen dar­auf (Indi­vi­dua­li­sie­rung der Frage nach einer gesun­den Lebens­weise) (zuvor habe sich das Gesund­heits­sys­tem ledig­lich ande­rer regio­na­ler Ideo­lo­gien [Reli­gion, Wohl­fahrts­staat] bedient). Die Ideo­lo­gi­schen Staats­ap­pa­rate wer­den also als Kampf­feld ana­ly­siert (76-​​79).

Die Staats­theo­rie von Nicos Pou­lant­zas

Daran anschlie­ßend wird die Staats­theo­rie von Nicos Pou­lant­zas dar­ge­stellt: Auch Pou­lant­zas lehnt vor­der­grün­dig eine dua­lis­ti­sche Gegen­über­stel­lung von Staat und Gesell­schaft ab und geht ebenso so wie Alt­hus­ser und Gramsci von einem erwei­ter­ten Staats­be­griff aus (106). Aller­dings schlei­chen sich bei Pou­lant­zas und bei den Ver­fas­se­rIn­nen des vor­lie­gen­den Buches unter der Hand hier wie­der die libe­rale Vor­stel­lung vom Staat, der die Gesell­schaft beherr­sche, und ent­spre­chende refor­mis­ti­sche Gegen­stra­te­gien ein.
Dies hängt damit zusam­men, daß Pou­lant­zas neben den repres­si­ven und ideo­lo­gi­schen auch noch die ökono­mi­schen Auf­ga­ben des Staa­tes sehr stark betont (118-​​123). Die Bedeu­tung der Pla­nungs­funk­tio­nen des Staa­tes spitzt er auf die These vom „auto­ri­tä­ren Eta­tis­mus“ zu. Die Auto­rIn­nen schrei­ben inso­fern zustim­mend:

„Kon­sti­tu­tiv für den kapi­ta­lis­ti­schen Staat ist (… seine) Ver­knüp­fung (… mit) der Sphäre der (…) Tren­nung von geis­ti­ger und manu­el­ler Arbeit. Der Mensch/​Körper wird (…) ‚Anhäng­sel der Maschine‘. Hier­für wird das ‚Anhäng­sel‘ Mensch ver­mes­sen, jede sei­ner Bewe­gun­gen erforscht, um sie spä­ter nutz­brin­gend ein­set­zen zu kön­nen. Die Aneig­nung des Wis­sens über unter­schied­li­che Prak­ti­ken der Arbeit und die sich daran anschlie­ßende Nor­mie­rung nennt Michel Fou­cault – und im Anschluß an ihn Pou­lant­zas – Nor­ma­li­sie­rung. (…) Diese Ten­denz zur Nor­ma­li­sie­rungs­macht, die die Gesamt­re­geln des guten und rich­ti­gen Funk­tio­nie­rens fest­legt, durch­zieht alle Fasern der Gesell­schaft.“ (109 f.- Hv. d. Vf.).

Vor­der­grün­dig im Wider­spruch zur These vom „auto­ri­tä­ren Eta­tis­mus“ steht Pou­lant­zas erwei­ter­ter (offe­ner) Staats­be­griff. Nach die­sem Staats­be­griff fin­den die (Klassen-)Kämpfe nicht nur außer­halb des Staa­tes (nicht nur in der Gesell­schaft), son­dern auch ihm Staat statt, und diese Kämpfe prä­gen den Staat (118); der Staat wird inso­fern als „Ver­dich­tung eines Kräf­te­ver­hält­nis­ses“ (116) auf­ge­faßt. „Der Staat (…) sta­bi­li­siert sich (…) nicht funk­tio­nal und auto­ma­tisch, son­dern als Resul­tante vie­ler Dis­kurse in den ver­schie­dens­ten Staats­ap­pa­ra­ten, (…). Zudem sind eben auch die ein­zel­nen Appa­rate von Kämp­fen durch­zo­gen.“ (108).

Der Staat – neu­tra­les Instru­ment oder ver­mach­te­ter Kampf­platz?

Die Kon­se­quenz, die sich aus die­sen bei­den Ten­den­zen (These vom „auto­ri­tä­ren Eta­tis­mus“ /​ offe­ner Staats­be­griff) bei Pou­lant­zas ergibt, wol­len die Ver­fas­se­rIn­nen aber nicht zie­hen:
Pou­lant­zas Theo­rie „kon­se­quent zu Ende gedacht, würde den Staat zu einem belie­bi­gen Kampf­platz machen, zu einem Instru­ment in den Kämp­fen. Die­ser ‚offe­nen‘ Staats­kon­zep­tion bringt Pou­lant­zas“ – als Gegen­bild /​ zur Abwehr des „auto­ri­tä­ren Eta­tis­mus“ – „immer mehr poli­ti­sche Sym­pa­thie ent­ge­gen. Er rückt ab von einer revo­lu­tio­nä­ren Stra­te­gie, die von der Not­wen­dig­keit der Zer­schla­gung beste­hen­der Zustände aus­geht und ent­wi­ckelt dage­gen ein Kon­zept der Trans­for­ma­tion.“ (133). Pou­lant­zas scheine „im zwei­ten Teil sei­ner ‚Staats­theo­rie‘ das Pro­gramm der Regie­rungs­mehr­heit von fran­zö­si­schen Kom­mu­nis­ten und Sozia­lis­ten schrei­ben zu wol­len, so daß er die Ein­sich­ten über die Not­wen­dig­keit der Ver­än­de­rung der Struk­tu­ren in den Kämp­fen, statt der alter­na­ti­ven Beset­zung der Appa­rate rela­ti­viert und diese immer wider­sprüch­li­cher und schwam­mi­ger wer­den.“ (134). Dem­ge­gen­über sind die Ver­fas­se­rIn­nen im Anschluß an den Althusser-​​Schüler Balibar der Ansicht, daß das Pro­le­ta­riat „den beste­hen­den Staats­ap­pa­rat zerstör(en)“ und durch „etwas ganz anders als einen Staats­ap­pa­rat“ erset­zen muß. Des­halb wei­sen sie (137, FN 5) die Kri­tik von Pou­lant­zas (1979, 138 f.)3 an Alt­hus­ser und Balibar wegen deren Ver­tei­di­gung der Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats, die sie als Halb-​​Staat, als Pro­zeß des Abster­bens des Staa­tes kon­zi­pie­ren, zurück. Die Unter­drü­ckung der ehe­mals herr­schen­den Klasse soll nach die­ser Kon­zep­tion mög­lichst wenig durch beson­dere Organe, son­dern viel­mehr durch die Mas­sen selbst erfol­gen.
Diese Erkennt­nis wird aber auch von den Ver­fas­se­rIn­nen selbst in ihrem Abschluß­ka­pi­tel wie­der ziem­lich ver­wischt: In Zurück­wei­sung des gegen die Staats­theo­rie Alt­hus­sers und Pou­lant­zas erho­ben Vor­wurf, sie würde den Staat als „all­ge­gen­wär­tig (…) und damit unüber­wind­bar“ dar­stel­len (139), beto­nen sie zwar noch ein­mal die Wider­sprüch­lich­keit der herr­schen­den Ver­hält­nisse und den Kampf­platzcha­rak­ter auch der Staats­ap­pa­rate (143 – 147). Auch erken­nen sie, daß Kämpfe kol­lek­ti­viert wer­den müs­sen, um „wir­kungs­mäch­tig zu wer­den“ (148). Diese Erkennt­nis wird jedoch anschlie­ßend mit einem „Ja, Nein, Nein“ gleich wie­der rela­ti­viert (148), um am Ende die „erneute Ver­wur­ze­lung in eine Iden­ti­tät, sei es eine indi­vi­du­elle, sei es eine kom­mu­ni­täre“, abzu­leh­nen. Auf ein­mal bezie­hen sie sich doch auf den „Ruf von Außen“, „die Bewe­gung“, die sich nicht an die „Spiel­re­geln“ gehal­ten hat (Deleuze): „Es ist zum Bei­spiel ein­fach, nicht mehr ‚Ich‘ zu sagen, (…); umge­kehrt kann man wei­ter­hin Ich sagen, nur zum Spaß, (…).“ (Deleuze/​Guattari zit n. n. 155).
Haben wir es hier nicht mit einem Rück­fall in die von den Ver­fas­se­rIn­nen eigent­lich kri­ti­sierte Vor­stel­lung vom Staat als Usur­pa­tor der Gesell­schaft (s. den oben zitier­ten Bezug auf Fou­cault zur Frage der „Nor­ma­li­sie­rung“) und die dage­gen gerich­tete liberal-​​autonome Stra­te­gie der Ent­fal­tung der gesell­schaft­li­chen Krea­ti­vi­tät (s. hier den Bezug auf Deleuze und obige Dar­stel­lung der liberal-​​autonomen Staats­theo­rie) zu tun?
Im Gegen­satz zu der von den Ver­fas­se­rIn­nen for­mu­lier­ten Absage an Iden­ti­tä­ten erkannte Alt­hus­ser sehr genau, daß es eine revo­lu­tio­näre Pra­xis nur in einer revo­lu­tio­nä­ren Ideo­lo­gie (vgl. 49, 52) geben kann, die die Indi­vi­duen als revo­lu­tio­näre KämpferInnen-​​Subjekte anruft (Alt­hus­ser 1977, 164 f.). Dabei ist Alt­hus­ser durch­aus klar, daß der Rück­griff auf die Subjekt-​​Form nicht unpro­ble­ma­tisch ist. Diese Ein­sicht in die Ambi­va­lenz der Subjekt-​​Form ermög­licht ihm aber gerade die Skiz­zie­rung einer stra­te­gi­schen Ori­en­tie­rung die eine Über­win­dung der dem Dua­lis­mus von Staat und Gesell­schaft ent­spre­chen­den Stra­te­gien ermög­licht: Wäh­rend die evo­lu­tio­näre Stra­te­gie den Staat für eine neu­trale Form hält, die auch zur Errei­chung gesell­schafts­trans­for­mie­rende Zwe­cke aus­reicht, will die links­ra­di­kale Stra­te­gie den Staat ‚nur von außen‘ angrei­fen (s. dazu Schulze/​Wiegrefe 1991, 54 f., 57 f.). Dem­ge­gen­über betont Alt­hus­ser 1977, 168):
„(…) die Arbei­ter­klasse (kann) ihre Auto­no­mie nur dann erkämp­fen, wenn sie sich von der herr­schen­den Ideo­lo­gie befreit, sich von ihr abgrenzt, um sich Organisations-​​ und Akti­ons­for­men zu geben, die ihre eigene Ideo­lo­gie – die pro­le­ta­ri­sche Ideo­lo­gie – rea­li­sie­ren. Das Beson­dere an die­sem Bruch, an die­ser radi­ka­len Dis­tan­zie­rung ist, daß sie sich nur in einem lang­an­dau­ern­den Kampf voll­zie­hen kön­nen, der gezwun­gen ist, die For­men der bür­ger­li­chen Herr­schaft zu berück­sich­ti­gen und die Bour­geoi­sie inner­halb ihrer eige­nen Herr­schafts­for­men zu bekämp­fen, ohne sich jemals in die­sen For­men zu ‚ver­lie­ren‘, die keine blo­ßen neu­tra­len ‚For­men‘ sind, son­dern Appa­rate, die die Exis­tenz der herr­schen­den Ideo­lo­gie rea­li­sie­ren.“ (vgl. hin­sicht­lich des femi­nis­ti­schen Kamp­fes: Kolkenbrock-​​Netz 1983, 36).
Und Michel Pêcheux bezieht sich mit sei­nem Kon­zept der „Ent-​​Identifizierung“, das die Ver­fas­se­rIn­nen von ihm über­neh­men (155), immer­hin auf Lenins Parole der Umwand­lung des (ers­ten impe­ria­lis­ti­schen Welt-​​) Krie­ges in einen revo­lu­tio­nä­ren Bür­ge­rIn­nen­krieg. Pêcheux bezeich­net diese Parole als revo­lu­tio­näre Alter­na­tive sowohl zur Iden­ti­fi­zie­rung mit dem impe­ria­lis­ti­schen Krieg als auch zur reformistisch-​​pazifistischen Gegen-​​Identifizierung mit dem Frie­den. (Pêcheux 1984a, 65). … sicher­lich ein etwas hand­greif­li­che­res Kon­zept als „‚Ich‘ zu sagen“ oder auch nicht!

Mit Fou­cault statt Lenin zurück zum eigent­lich kri­ti­sier­ten libe­ra­len Aus­gangs­punkt?

Das vage Ergeb­nis der Ver­fas­se­rIn­nen führt uns noch ein­mal zu der Frage nach deren Lenin-​​Rezeption zurück. Sie lesen Alt­hus­ser so, daß sie den „Argu­men­ta­ti­ons­strang Alt­hus­sers (gestärkt haben), der unse­rer Auf­fas­sung nach eine Kon­zep­tion des politisch-​​ideologischen Kamp­fes ent­hält, die sich den gän­gi­gen mar­xis­ti­schen Ökono­mis­men ent­klei­det hat“ (59). Da die Ver­fas­se­rIn­nen Lenins Ökonomismus-​​Kritik nicht zur Kennt­nis genom­men haben4, kann die­ser Satz wohl als Abgren­zung vom Leni­nis­mus gele­sen wer­den.

Dar­auf deu­ten auch einige wei­tere For­mu­lie­run­gen in dem Buch hin: „Wer also die extreme Linie des ‚lin­ken Eta­tis­mus‘ ver­fol­gen will, der sollte sich mit Hegel, der Sozi­al­de­mo­kra­tie und den Bol­sche­wiki befas­sen, bevor er die ver­meint­li­chen ‚Wur­zeln‘ bei Marx zu fin­den glaubt.“ (32). „Mar­xis­ti­sche Intel­lek­tu­elle und Funk­tio­näre redu­zier­ten eine Theo­rie, die sich sys­te­ma­tisch auf die kon­kre­ten Kämpfe bezie­hen wollte, in Gebrauchs­an­wei­sun­gen für par­tei­zen­trierte Orga­ni­sa­ti­ons­fra­gen zur ‚Bün­de­lung die­ser Kämpfe‘ durch einen Appa­rat, der außer­halb der­sel­ben in die ‚Volks­mas­sen‘ als Erzie­her hin­ein agiert. Im Zuge der stra­te­gi­schen Option der ‚Erobe­rung der Staats­macht‘ in Ruß­land wurde erfolg­reich ver­sucht, den Kämp­fen der Mas­sen die Staats­per­spek­tive auf­zu­zwin­gen. (…). Die der­art zuge­rich­tete Theo­rie (…) bil­dete den regu­la­ti­ven Faden poli­ti­scher und sozia­ler Prak­ti­ken von Staa­ten und Staats-​​Parteien, ein Fak­tum, das sich nicht als Lese­feh­ler der einen oder ande­ren Text­stelle erklä­ren läßt, son­dern unse­rer Mei­nung nach direkt mit einem Ver­ständ­nis des Mar­xis­mus als ‚in sich geschlos­sene Theo­rie‘ (Lenin), deren Rein­heit per­ma­nent über­wacht und gege­be­nen­falls von ‚Abwei­chun­gen‘ gesäu­bert wer­den müsse, ver­knüpft ist.“ (38)5 „Die Theo­rie des Sta­mo­kap basierte auf der Imperialismus-​​Theorie Lenins und begrün­dete nicht nur die zen­trale Staats­theo­rie der kom­mu­nis­ti­schen Par­teien (…).“ (85).6 „In die­ser, der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen wie der leni­nis­ti­schen Arbei­ter­be­we­gung weit­ge­hend gemein­sa­men ökono­mis­ti­schen, ja tech­ni­zis­ti­schen Les­art, scheint die Ent­wick­lung der Tech­no­lo­gie, der Arbeits­tei­lung, der Arbeits­for­men im Kern gesell­schafts­neu­tral. Die Len­in­sche Begeis­te­rung für den Tay­lo­ris­mus ist dafür para­dig­ma­tisch.“ (88).7

Nun legte aber Alt­hus­ser selbst gro­ßen Wert dar­auf, seine Inter­ven­tio­nen als Ver­tei­di­gung der Tra­di­tion von Marx und Lenin gegen den sta­li­nis­ti­schen und sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Revi­sio­nis­mus zu bestim­men (s. bspw. die vie­len Lenin-​​Bezüge in Für Marx oder Alt­hus­sers Ant­wort an John Lewis) – auch gerade in der Frage des Staa­tes (s. Alt­hus­ser 1978, 12). Auch andere von den Ver­fas­se­rIn­nen zustim­mend zitierte Auto­ren (Balibar, Le Bec, Pêcheux, Robe­lin)8 beschei­ni­gen Lenin eine im Kern anti-​​etatistische Posi­tion (s. Lenins Kon­zep­tion der Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats als ‚halb-​​Staat‘, als Staat, der „eigent­lich kein Staat mehr ist“ [LW 25, 432] in Staat und Revo­lu­tion).9 Nun ist es sicher­lich legi­tim, sich selek­tiv auf andere Auto­rIn­nen zu bezie­hen – aber zumin­dest mit deren Argu­men­ten sollte sich doch wohl aus­ein­an­der­ge­setzt wer­den.
Wenn wir nun wis­sen, daß die Ver­fas­se­rIn­nen Alt­hus­ser so gele­sen haben, daß sie den Leni­nis­mus in Alt­hus­sers Wer­ken abge­schwächt haben, und sich statt des­sen neben Alt­hus­ser und Pou­lant­zas (beson­ders auf den letz­ten Sei­ten ihres Buches) auf Michel Fou­cault bezie­hen, dann wun­dert das vage, wider­sprüch­li­che Ergeb­nis nicht mehr.
Denn die Ver­fas­se­rIn­nen berück­sich­ti­gen bei ihrer von Fou­cault über­nom­me­nen Staats­ana­lyse nicht, daß Fou­cault teil­weise zu Recht ein „struk­tu­ra­lis­ti­scher Tota­li­ta­ris­mus“ vor­ge­wor­fen wor­den ist, da er auch bei „getrennt von­ein­an­der ver­lau­fen­den“ Ent­wick­lun­gen eine „geheime Kohä­renz“ behaup­tete (Plumpe/​Kammler 1980, 191). Wird Alt­hus­ser durch die Brille Fou­caults gele­sen, dann liegt also in der Tat der Vor­wurf nahe, den Staat als unüber­wind­bar dazu­stel­len (s. oben).
Und ande­rer­seits (dies zur Stra­te­gie der Auto­rIn­nen) insis­tiert Fou­cault „auf einer strikt regio­na­len Poli­tik, die keine gesamt­ge­sell­schaft­li­che Syn­these anvi­siert, son­dern auf sek­to­ra­len und spe­zi­fi­schen Erfah­run­gen beruht, die sich heute in viel­fäl­ti­gen Pro­test­be­we­gun­gen unter­schied­lichs­ter Pro­ve­ni­enz arti­ku­lie­ren“. Die­ses Insis­tie­ren „ver­steht sich als kri­ti­sche Alter­na­tive zu die­ser mar­xis­ti­schen Theo­rie und Pra­xis. (…). Indes­sen führ­ten sie (die Werke Alt­hus­sers, d. Verf.) zu einem völ­lig ande­ren Ergeb­nis, (…), indem sie die Kon­zepte der ’struk­tu­ra­len‘ oder ‚met­o­ny­mi­schen‘ Kau­sa­li­tät und der Über­de­ter­mi­nie­rung ein­füh­ren, die ihnen erlau­ben, sich dem Pro­blem der kom­ple­xen Glie­de­rung sozia­ler For­ma­tio­nen zu nähern, ohne sie reduk­tio­nis­tisch auf­zu­lö­sen oder dem ‚Spiel‘ der Kon­tin­gen­zen zu über­las­sen. Damit deu­tet sich die Mög­lich­keit einer Poli­tik an, die weder der ‚rei­nen‘ Spon­ta­nei­tät ver­traut noch auf die Instanz einer (Staats)-Partei setzt, die sich des ‚Welt­geis­tes‘ inne wähnte.“ (Plumpe/​Kammler 1980, 215).
Denn Alt­hus­ser ging der Frage nach, „wie gesell­schaft­li­che Ver­än­de­rung zu den­ken ist, ohne daß wir das abso­lute hegel­sche Wis­sen (…) vor­aus­set­zen“ und „Ansätze“ dafür „fin­den sich in der Tat bei Lenin“ (Wolf 1982, 209). Denn es war Lenin, der im Gegen­satz zum Hegel-​​Marxismus Lukács‘ immer wie­der die Not­wen­dig­keit der „kon­kre­ten Ana­lyse der kon­kre­ten Situa­tion“ (LW 31, 154) betonte. „Glau­ben wir“ also im Gegen­satz zu den land­läu­fi­gen Vor­ur­tei­len „nicht, daß die Ortho­do­xie gestatte, irgend etwas auf Treu und Glau­ben anzu­neh­men, daß die Ortho­do­xie eine kri­ti­sche Wen­dung und Wei­ter­ent­wick­lung aus­schließe, daß sie es gestatte, his­to­ri­sche Fra­gen durch abs­trakte Sche­mata zu ver­dun­keln.“ (LW 4, 83). Glau­ben wir aller­dings auch nicht, daß es die „kri­ti­sche Wen­dung und Wei­ter­ent­wick­lung“ recht­fer­tigt, revo­lu­tio­näre Poli­tik mit Deleuze dar­auf zu beschrän­ken, „‚Ich‘ zu sagen“ oder es sein zu las­sen, und sie dem „‚Spiel‘ der Kon­ti­gen­zen zu über­las­sen“! (mehr…)

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