Tag-Archiv für 'autonome'

Zum Stand der Organisierungs- und Programmdebatte

Ende März hatte die Sozia­lis­ti­sche Initia­tive Ber­lin (damals noch mit dem Zusatz: „-Schö­ne­berg“) mit ihrem Papier „Neue anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Orga­ni­sa­tion? Neue anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Orga­ni­sa­tion? Na end­lich!“ eine – auch hier schon öfters Thema gewe­sene – Programm-​​ und Orga­ni­sie­rungs­de­batte aus­ge­löst. Mitt­ler­weile hat die Debatte – ins­be­son­dere durch die Bei­träge des Krei­ses der Auto­rIn­nen eines „Bochu­mer Programm“-Entwurfes – deut­lich an Fahrt auf­ge­nom­men.
Strit­tig ist im Moment ins­be­son­dere, ob das Kon­zept des „revo­lu­tio­nä­ren Bruchs“ tat­säch­lich zur Grund­lage der Arbeit der even­tu­ell zu grün­den­den Orga­ni­sa­tion gemacht wer­den soll (wie in dem „Na endlich“-Papier vor­ge­schla­gen und sogar als „unver­han­del­bar“ bezeich­net wurde) oder ob die Orga­ni­sa­tion auch für gra­dua­lis­ti­sche Kon­zep­tio­nen, die eine schritt­weise Ände­rung der Gesell­schafts­struk­tur ohne revo­lu­tio­nä­ren Bruch anstre­ben, offen sein soll, und ob das „Bochu­mer Pro­gramm“ in die zweit­ge­nannte Kate­go­rie fällt.

Meine letz­ten Bei­träge zu die­sem Thema fin­den sich dort:

und

sowie
schon etwas älter:

Außer­dem gibt es eine Über­sicht über die­ses und 19 wei­tere The­men, die bis­her strit­tig dis­ku­tiert wur­den und wei­ter dis­ku­tiert wer­den sol­len:

.

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Gegen den Strom

Ver­such einer Aktua­li­sie­rung der „Feministische[n] Kri­tik“ von 1993

[Der fol­gende Text als .pdf-Datei]

Ich doku­men­tierte hier kürz­lich eine „Femi­nis­ti­sche Kri­tik“ an der sog. Neuen Poli­tik der RAF seit 1992, die schließ­lich in nichts ande­res als den Zer­fall des Gefangenen-​​Kollektivs und der Selbst­auf­lö­sung der RAF mün­dete. Von Neuer Poli­tik keine Spur. Kapi­tu­la­tion auf der einen Seite. Und Hilf­lo­sig­keit auf der ande­ren Seite des anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Spek­trums.

(„Anti­im­pe­ria­lis­ti­scher Wider­stand“ oder kurz „Anti­imps“ bedeu­tete im dama­li­gen lin­ken Sprach­ge­brauch noch nicht [oder jeden­falls nicht in ers­ter Linie] – wie heute zumeist – Ori­en­tie­rung an reak­tio­nä­ren tri­kon­ti­nen­ta­len Regi­men und Bewe­gun­gen, son­dern eine gewisse Affi­ni­tät zum Ver­such der RAF und ande­rer west­eu­ro­päi­scher Gue­ril­la­grup­pen eine „anti­im­pe­ria­lis­ti­sche Front in West­eu­ropa“ auf­bauen.1 Ich kam mit die­ser Szene 1989, wäh­rend des letz­ten gro­ßen Hun­ger­streiks der Gefan­ge­nen aus der RAF in losen, dis­tan­zier­ten Kon­takt, als sich diese Ori­en­tie­rung schon in einer, nun auch von den Akteu­rIn­nen selbst als sol­che erleb­ten Krise befand.)

Lese­rin Bäum­chen pos­tete zu dem doku­men­tier­ten Text von 1993 fol­gen­den Kom­men­tar:

„Vie­len Dank! Die Zivi­li­sa­ti­ons­theo­rie von Nor­bert Elias könnte erklä­ren, warum mir der Text zu Anfang sehr unan­ge­nehm erschien; Gewalt ist ver­pönt heut­zu­tage und mono­po­lo­siert, Zwänge inter­na­li­siert; der Mensch zivi­li­siert. Des­we­gen würde es mich inter­es­sie­ren, wie du zu die­sem Text stehst und wel­che Schlüsse du dar­aus für dich oder für den Femi­nis­mus ziehst.

Liebe Grüße!“

Auch, wenn ich nicht in der Lage bin, das bekun­dete Inter­esse („wie du zu die­sem Text stehst und wel­che Schlüsse du dar­aus für dich oder für den Femi­nis­mus ziehst“) wirk­lich sys­te­ma­tisch zu beant­wor­ten, sprengt doch auch schon ein dahin­ge­hen­der Ver­such jede ver­tret­bare Kommentar-​​Länge, sodaß ich dar­aus hier einen neuen Bei­trag mache. Auf­ge­wor­fen ist damit nicht weni­ger als die Frage nach den Per­spek­ti­ven revo­lu­tio­nä­rer Poli­tik und eines revo­lu­tio­nä­ren Femi­nis­mus – und damit zunächst ein­mal das Pro­blem, diese über­haupt – und sei es auch nur intel­lek­tu­ell – zu rekon­stru­ie­ren.

I. Zur Haupt­these des Tex­tes

Bäum­chen schreibt, daß ihr der Text zunächst unan­ge­nehm erschien – und zwar viel­leicht des­halb, weil dort Gewalt – anders als zumeist – nicht ver­pönt ist. In der Tat, die – unab­hän­gig von der dama­li­gen Dis­kus­sion über die RAF – grund­le­gende These des Tex­tes lau­tet:

„in einer gesell­schaft, in der welt­weit frauen und mäd­chen auf­grund patri­ar­cha­ler macht­ord­nung unter­drückt wer­den, ver­ge­wal­tigt wer­den, ihre gefühle, ihre krea­ti­vi­tät, ihre kör­per, ihre phan­ta­sie, ihre lust, ihre arbeits­kraft, ihre intel­li­genz, ihr wis­sen aus­ge­beu­tet wer­den, in der frauen eine unter­stellte, eine kolo­ni­sierte soziale klasse sind, haben frauen indi­vi­du­ell und kol­lek­tiv die berech­ti­gung, mit jedem mit­tel gegen das sys­tem ihrer unter­drü­ckung und gegen jeden ein­zel­nen unter­drü­cker vor­zu­ge­hen!“

Ich kann die Schwie­rig­kei­ten von Bäum­chen mit die­ser kla­ren Ansage ver­ste­hen, denn ich habe es mei­ner­seits bis­her nicht ein­mal bis zu einem Stein­wurf auf einer Demo gebracht.2

Eine ernst­hafte Dis­kus­sion über Gewalt zu füh­ren, wie dies in der femi­nis­ti­schen Kri­tik von 1993 gemacht wurde, setzt aller­dings vie­les vor­aus – vie­les, was auch für die­je­ni­gen an lin­ker und femi­nis­ti­scher Poli­tik Betei­lig­ten wich­tig ist, die nicht gerne Steine wer­fen, Mol­lis bas­teln oder mit Kalasch­ni­kows raum­lau­fen.

Der Text von 1993 arti­ku­lierte noch eine Ein­sicht, die heute selbst viele, die ab und an mal bei Demos Steine schmei­ßen, nicht mehr haben (und die sich statt des­sen auf Kin­de­reien wie, „Die Bul­len haben doch aber zuerst ange­fan­gen.“, stüt­zen) – näm­lich die Ein­sicht, daß ‚wir’ (ich weiß, die­ses ‚wir’ exis­tiert heute nicht; und es exis­tierte auch 1993 nicht wirk­lich) irgend­wann die­je­ni­gen sein müs­sen, die ‚anfan­gen’ müß­ten, wenn es uns denn die Bul­len nicht abneh­men wür­den. Revo­lu­tio­näre Poli­tik ist nicht nur Selbst­ver­tei­di­gung; wir müs­sen mit dem Rücken von der Wand weg­kom­men, gegen die uns der staat­li­che, mas­sen­me­diale und auch von vie­len Lin­ken mit einem undif­fe­ren­zier­ten und exten­si­ven Gewalt-‚Begriff’ betrie­bene (Anti-)Gewalt-Diskurs drängt – das ist die These der Femi­nis­ti­schen Kri­tik:

„femi­nis­mus ist nicht nur selbst­ver­tei­di­gung mit dem rücken zur wand und dem grauen im her­zen. femi­nis­mus ist nicht allein der gesell­schaft­li­che rück­zug in frau­en­ge­mein­schaf­ten. das empö­ren gegen unge­rech­tig­keit, die wut im bauch, die theo­rie von unter­drü­ckung und ver­än­de­rung. femi­nis­mus ist mehr als die reak­tion auf poli­ti­sche umstände oder mate­ri­elle bedin­gun­gen. femi­nis­mus ist das bewußt­sein, nicht nur von ursa­chen der unter­drü­ckung, son­dern auch von bedin­gun­gen, not­wen­dig­kei­ten, mög­lich­kei­ten der ver­än­de­rung.“

Ent­spre­chend war auch Karl Marx der Ansicht:

„Die Gewalt ist der Geburts­hel­fer jeder alten Gesell­schaft, die mit einer neuen schwan­ger geht.“ (Das Kapi­tal. Bd. 1, 24. Kap., 6. Gene­sis des indus­tri­el­len Kapi­ta­lis­ten; MEW 23, 779).

Und Mao Tse-​​Tung sagte:

„Für alles Reak­tio­näre gilt, daß es nicht fällt, wenn man es nicht nie­der­schlägt.“ (Aus­ge­wählte Werke. Bd. IV, 7-​​23 [17]).

II. Zum dama­li­gen poli­ti­schen Kon­text und den Ver­schie­bun­gen, die bis heute ein­ge­tre­ten sind

1. Im Kon­text der vor­ge­nann­ten, in den 70er-​​ und 80er-​​Jahren auch von vie­len Femi­nis­tin­nen geteil­ten Ansicht, gab es auch Anfang der 1990er Jahre noch ganz andere femi­nis­ti­sche Struk­tu­ren als heute. (mehr…)

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Einig, stark und – breit?

- noch zwei Facebook-​​posts zum Insti­tut Soli­da­ri­sche Moderne -

In Ant­wort auf mei­nen gest­ri­gen post (s. den dor­ti­gen Nach­trag) schrieb ein Dis­ku­tant u.a.:

Sorry, aber ich finde das hier die reinste Kataa­s­tro­phe gleich wie­der anzu­fan­gen mit irgend­wel­chen Kri­ti­ken an … Mehr anzei­gen irgend­was. Statt irgend­wel­che Begriffe in irgend eine Ecke zu stel­len, sie wären 50er Jahre oder ähnli­ches, halte ich es für demo­kra­tisch, wenn Ihr zuerst über alles offen und ehr­lich dis­ku­tiert und nicht gleich am Anfang zu kri­ti­sie­ren anfangt und das her­vor­hebt, was Euch miß­fällt.

Einer­seits:

halte ich es für demo­kra­tisch, wenn Ihr zuerst über alles offen und ehr­lich dis­ku­tiert

und ande­rer­seits:

reinste Kataa­s­tro­phe gleich wie­der anzu­fan­gen mit irgend­wel­chen Kri­ti­ken an irgend­was

Ist das nicht ein klei­ner Wider­spruch: „offen und ehr­lich“ über „alles … diskutier[en]“ – aber bitte nicht zu kri­tisch…????

Aus der dar­auf fol­gen­den Ant­wort des Mit-​​Diskutanten zitierte ich wie folgt:

anspre­chen was wich­tig ist ohne zu kri­ti­sie­ren …. Damit erreicht man dass alle Mei­nun­gen gehört wer­den und nicht eine Dis­kus­sion anfängt bevor über­haupt alle wich­ti­gen Punkte genannt sind.

und ant­wor­tete dar­auf so:

Nun ja, der Grün­dungs­auf­ruf ist auch nicht nur eine The­men­liste, über die fer­ner­hin dis­ku­tiert wer­den soll – was ich in soweit auch völ­lig okay finde.
Wer/​welche Posi­tion bezieht, sollte aller­dings auch Kri­tik ertra­gen.

Ande­rer­seits sei auch völ­lig zuge­stan­den, daß kein Pro­jekt belie­big offen sein kann, son­dern viel­mehr auch Gren­zen zie­hen muß.
Wenn der Grün­dungs­auf­ruf kein Ange­bot zur Dis­kus­sion, das auch kri­ti­siert wer­den kann, sein soll, son­dern die defi­ni­tive Grund­lage, AUF DER fer­ner­hin dis­ku­tiert wer­den soll – jeden­falls inner­halb des Insti­tuts und der Web-​​Präsens des Insti­tuts –, dann sollte auch das ein­fach klar gesagt wer­den.
Das fände ich metho­disch völ­lig legi­tim, wenn auch inhalt­lich nicht über­zeu­gend. Aber klar, das kann so gemacht wer­den.

+++

Aber noch ein­mal grund­sätz­lich:

Die­ses Lamento über die Dis­kus­sion über Begriffe, die Angst vor dem „Zer­re­den“ (Gerold Ger­ber; auch Du: „Wenn man sich aber schon beim Bauen des Kel­lers in Dis­kus­sio­nen ver­liert, kann man es gleich sein las­sen.“), der Appell, das Gemein­same in den Vor­der­grund und die Kri­tik zurück­zu­stel­len (oder zumin­dest leise zu for­mu­lie­ren) -

bei dem Gan­zen schwinkt auch noch mit: die Pro­bleme drän­gen; wir müs­sen end­lich han­deln; die Pra­xis ist wich­ti­ger als die Theo­rie; gegen den gemein­sa­men Geg­ner (den Neo­li­be­ra­lis­mus) müs­sen wir um JEDEN Preis zusam­men­hal­ten – ---

sol­che Ein­heits­ap­pelle gibt’s nun in jeder der exis­tie­ren­den, als ‚links‘ klas­si­fi­zier­ten Par­teien (von MLPD bis SPD) und auch in links­ra­di­ka­len Auto­no­men Voll­ver­samm­lun­gen (und mit ande­rem Geg­ner in ande­ren Par­teien ganz ent­spre­chend) zu Genüge. Dafür braucht es kein Insti­tut, kei­nen Think Tank.

Und wie­viele Feh­ler hat die Linke dadurch gemacht – und sogar unnütze Tote pro­du­ziert –, daß Kri­tik mit der­ar­ti­gen Appel­len zur Gemein­sam­keit, zur ‚Kon­struk­ti­vi­tät‘, abge­bürs­tet wurde und Kri­ti­ke­rIn­nen sich dem viel­fach – mur­rend oder schwei­gend – gebeugt haben? Wie­vi­eiel Feh­ler wur­den gemacht, wie­viele fal­sche Wege wur­den gegan­gen, weil einige Hau­de­gen zur ‚Pra­xis‘ dräng­ten, ohne vor­her eine genaue Dis­kus­sion über das rich­tige Ziele, über die Lage und geeig­nete Stra­te­gie zuzu­las­sen?
Das ist doch ein fata­les Mus­ter, das sich durch so ziem­lich jede der lin­ken Frak­tio­nen durch­zieht.

Für die poli­ti­sche Pra­xis ist das – mittel-​​ und lang­fris­tig – ver­hee­rend. Für die theo­re­ti­sche Arbeit eines Insti­tuts wäre das sui­zia­dal.

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„Ich sag‘, wie’s ist!“-Papier und Interventionistische Linke

Ich hatte kürz­lich eine .pdf-​​Bild-​​Datei des Szene-​​Klassikers „Ich sag‘, wie’s ist!“, der 1988 in den inte­rim Nr. 26, 27 und 28 erschien, online gestellt und dabei die Hoff­nung aus­ge­drückt, daß sich viel­leicht jemandE die Mühe macht, die Datei OCR zu behan­deln und Kor­rek­tur zu lesen. Tat­säch­lich bekam ich am Wochen­ende eine word-Datei im erst­klas­si­gen Zustand zuge­schickt. Vie­len Dank!

Ich habe die Datei nun mei­ner­seits noch ein­mal am Bild­schirm Kor­rek­tur gele­sen (aber nicht Zeile für Zeile mit dem Ori­gi­nal ver­glei­chen) und dabei
++ noch die Sei­ten­zah­len der Erst­ver­öf­fent­li­chung ein­ge­fügt (der Text selbst war mit durch­ge­hen­der Sei­ten­zäh­lung über alle drei Teile hin­weg ver­se­hen, wäh­rend die inte­rim-Hefte keine eigene Sei­ten­zäh­lung hat­ten)
++ eine hand­voll ver­blie­be­ner Scan­feh­ler ent­deckt und besei­tigt
und
++ – im Inter­esse der bes­se­ren Les­bar­keit – eben­falls unge­fähr eine hand­voll Feh­ler, die bereits im Ori­gi­nal ent­hal­ten waren, kor­ri­giert.1
Die Bebil­de­rung des Ori­gi­nals ist der Ein­fach­heit hal­ber nicht in die Text­da­tei über­nom­men. Das Ergeb­nis fin­det Ihr hier – jetzt als .pdf-​​Text-​​Datei.

Die Zusen­dung wurde mit der Anre­gung ver­bun­den, auf dem Blog eine Dis­kus­sion dar­über anzu­stos­sen, ob a) die von den Auto­rIn­nen des „Ich sag‘, wie’s ist!“-Papieres gefor­derte fes­tere Orga­ni­sie­rung über­haupt der rich­tige Weg ist und b) ob die Inter­ven­tio­nis­ti­sche Linke per­spek­ti­visch diese Orga­ni­sie­rung dar­stel­len kann.

Uff. Ich will es ver­su­chen – ob dar­aus etwas wird, hängt dann aller­dings von den Lese­rIn­nen ab:

zu a): Ich würde den Auto­rIn­nen im Kern Recht geben – auch wenn die Begriff­lich­keit von „Kader­or­ga­ni­sa­tion“, „demo­kra­ti­scher Zen­tra­lis­mus“, „Zel­len­prin­zip“ und „Avant­gar­de­an­spruch“ schon damals – und heute erst recht – einen etwas alt­ba­cke­nen Klang hat(te). Mit der ange­ra­te­nen sprach­li­chen Moder­ni­sie­rung würde ich sagen: Auch heute ist eine Orga­ni­sa­tion zumin­dest poten­ti­ell poli­tisch wirk­sa­mer als bloße auto­nome Klein­grup­pen. Sie kann – (eine ent­spre­chende Pra­xis vor­aus­ge­setzt) Wirk­sam­keits­gren­zen über­schrei­ten, die Klein­grup­pen oder spon­tane Bewe­gun­gen per se (auch bei der bes­ten Pra­xis) nicht über­schrei­ten kön­nen. Eine kol­lek­tive, überg­rei­fende und kon­ti­nu­ier­li­che Wei­ter­ent­wick­lung von theo­re­ti­scher und poli­ti­scher Pra­xis beinhal­tet die Chance, zu bes­se­ren Ergeb­nis­sen zu kom­men. Dies zu errei­chen, sollte in der Tat der Anspruch einer sol­chen Orga­ni­sa­tion sein – und damit ist dann auch ver­bun­den, in Bewe­gun­gen nicht ein­fach nur mit­zu­schwim­men, son­dern zu ver­su­chen, ori­en­tie­rend zu wir­ken. Ob der­ar­tige Vor­schläge dann auch akzep­tiert wer­den – ob also die prä­ten­dierte Avant­garde auch tat­säch­lich Avant­garde ist –, steht dann aller­dings auf einem ande­ren Blatt (wie in dem doku­men­tier­ten Text auch schon erkannt wurde). Und eine sol­che Orga­ni­sa­tion bedarf auch demo­kra­tisch struk­tu­rier­ter ver­bind­li­cher Ent­schei­dungs­fin­dung.

zu b): Diese Frage zu beant­wor­ten, fällt mir deut­lich schwe­rer. Da ich mich die letz­ten Jahre über­wie­gend im Aus­land auf­ge­hal­ten habe, habe ich von IL in ers­ter Linie das mit bekom­men, was im ak steht (und auch davon eher nur den klei­ne­ren Teil gele­sen) und das Hick­hack um die – auch m.E. stark ver­un­glückte – Pres­se­ar­beit nach der Anti-​​G8-​​Demo in Ros­tock.
Auf die­ser völ­lig unzu­rei­chend Infor­ma­ti­ons­grund­lage will ich – aus­ge­hend von dem Anfang des „Ich sag‘, wie’s ist!“-Textes – trotz­dem mal ver­su­chen, eine These zur gewünsch­ten Dis­kus­si­ons­an­re­gung zu for­mu­lie­ren:
Das doku­men­tierte Papier beginnt wie folgt: „Wir, aus der auto­no­men und anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Szene kom­mend, haben die­ses Papier geschrie­ben, um eine grund­sätz­li­che poli­ti­sche Dis­kus­sion zu füh­ren. Wir sind näm­lich der Ansicht, daß unsere eigene poli­ti­sche Arbeit und die der Szene von einer Reihe von Feh­lern, Schwä­chen und Lücken gekenn­zeich­net war und ist. Diese müs­sen drin­gend über­wun­den wer­den, wenn wir hier eine wirk­same revo­lu­tio­näre Bewe­gung auf­bauen wol­len. Es han­delt sich um den feh­len­den Klas­sen­stand­punkt, mili­ta­ris­ti­sche Ten­den­zen, Ghetto-​​Mentalität, frei­wil­lige Des­or­ga­ni­sa­tion, zu kur­zes und inkon­se­quen­tes poli­ti­sches Den­ken und eine weit­ge­hende Igno­ranz gegen­über dem Marxismus-​​Leninismus.“
Mir scheint, die IL bemüht sich am effek­tivs­ten um Über­win­dung von „militaristische[n] Ten­den­zen, Ghetto-​​Mentalität“ und „freiwillige[r] Des­or­ga­ni­sa­tion“. Der Anspruch, eine „revo­lu­tio­näre Bewe­gung auf­bauen [zu] wol­len“, ein „Klas­sen­stand­punkt“ und der „Marxismus-​​Leninismus“ ist dage­gen bei der IL für mich deut­lich weni­ger zu erken­nen.
Nun ist es um den – von Sta­lin, wenn nicht erfun­de­nen, so doch maß­geb­lich ver­brei­te­ten – Aus­druck „Marxismus-​​Leninismus“ und zumal um die von Sta­lin dem Aus­druck beige­leg­ten Inhalte (um die ging es auch den Papier-​​AutorInnen wohl nicht) nicht beson­ders schade. Und auch zum „Klas­sen­stand­punkt“ wären zahl­rei­che kom­pli­zie­rende Anmer­kun­gen zu machen. – Nur scheint mir, daß all­das von der IL unkri­ti­siert und ersatz­los ein­fach fal­len gelas­sen wird – wie sich auch in dem ziem­lich unspe­zi­fi­schen Namen (Inter­ven­tion. Ja, aber wofür?) aus­drückt.
Also: Mir fällt es – abge­se­hen davon, NSB-​​/​NGO-​​näher zu sein und sein zu wol­len, als die auto­nome Szene – schwer, eine poli­ti­sche Linie zu erken­nen. Der Inter­ven­tio­nis­mus des Kom­mu­nis­ti­schen Bun­des (KB) der 70er und 80er Jahre bspw. in die Anti-​​AKW-​​Bewegung oder den grü­nen Par­tei­bil­dungs­pro­zeß war da schon spe­zi­fi­scher.
Oder noch mal anders gesagt: „Mili­ta­ris­mus“ weg, ohne daß statt des­sen beson­ders viel inhalt­li­che But­ter bei Fische dazu­kommt – das erweckt bei mir den Ein­druck von ‚Ent­ra­di­ka­li­sie­rung‘, die von den Auto­rIn­nen des 1988er Papie­res ver­mut­lich nicht inten­diert war.

Erin­nert sei in dem Zusam­men­hang noch ein­mal an den Auto­no­men Kon­gress, der vom 8. – 11.10. in Ham­burg statt­fin­den wird, (1, 2 3, 4)
und meine Rezen­sion der Orga­ni­sie­rungs­de­batte in der radi­kal:
http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​8​/​2​5​/​r​a​d​i​k​a​l​-​i​n​t​e​r​v​i​e​w​-​m​i​t​-​d​e​r​-​m​i​l​i​t​a​n​t​e​n​-​g​r​u​p​p​e​-​z​u​-​o​r​g​a​n​i​s​i​e​r​u​n​g​-​d​e​s​-​r​e​v​o​l​u​t​i​o​n​a​e​r​e​n​-​w​i​d​e​r​s​t​a​n​d​e​s​-​t​e​i​l​-​i​v​-​d​e​r​-​r​e​z​e​n​s​i​o​n​-​z​u​-​r​a​d​i​k​a​l​-​n​r​-161/
und
http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​8​/​0​7​/​a​u​f​-​p​a​p​i​e​r​-​g​e​l​e​s​e​n​-​r​a​d​i​k​a​l​-​n​r​-​1​6​1​-t_i/
sowie diese Kommentar-​​Diskussion:
http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​9​/​2​7​/​w​a​s​-​w​a​e​h​l​e​n​-​t​e​i​l​-​i​v​-​e​i​n​-​s​i​e​g​-​v​o​n​-​s​c​h​w​a​r​z​-​g​e​l​d​-​w​a​e​r​e​-​e​i​n​-​s​c​h​r​i​t​t​-​z​u​r​u​e​c​k​-​h​i​n​t​e​r​-​s​e​a​t​t​l​e​/​#​c​o​m​m​e​n​t-454
(Mephisto – 27. Sep­tem­ber 2009 um 15:40 Uhr) + nach­fol­gende Ant­wort. -

Ich fände es auch sinn­voll, wenn eine Dis­kus­sion zustan­de­kommt; die Kom­men­tar­funk­tion steht ohne­hin zur Ver­fü­gung. Wer/​welche etwas län­ge­res schrei­ben will, kann sich gerne auch als Benut­ze­rIn anmel­den und einen eige­nen, neuen Bei­trag schrei­ben.
Inter­es­sant fände ich auch, falls die sei­ner­zei­ti­gen Papier-​​AutorInnen, falls sie das hier lesen, mit­tei­len würde, warum dem sei­ner­zei­ti­gen Papier anschei­nend nie etwas Wei­te­res folgte – weder ein wei­te­res Papier noch ein Umset­zungs­ver­such. Und was für ein Grüpp­chen war eigent­lich die in dem Papier zwei-​​ oder drei­mal zitierte Pro­le­ta­ri­sche Aktion mit der Zei­tung Par­ti­san?

  1. Es han­delt sich durch­weg um Klei­nig­kei­ten: feh­lende Kom­mata; (rich­ti­ges) „daß“ statt (fal­sches) „das“, ein Buch­staben­dre­her, eine Erset­zung von „m“ durch „n“ (oder was es umge­kehrt?), Ein­fü­gung eines feh­len­den Buch­sta­bens. – Im Ori­gi­nal ste­hen am Satz­ende vor Fra­ge­zei­chen immer Leer­zei­chen. Die haben wir besei­tigt. [zurück]
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