Tag-Archiv für 'aus-anlaăŸ-guttenbergs'

Noch ein Nachtrag @ Guttenberg: Bildungsaristokratismus und Klassenkampf

Eine verlogene Debatte – Anja KrĂŒger und Pascal Beucker im ak-Interview mit Ingo StĂŒtzle:

http://www.akweb.de/ak_s/ak559/10.htm via http://www.stuetzle.in-berlin.de/2011/04/eine-verlogene-debatte-die-guttenberg-affare-hat-den-leistungsmythos-gestarkt/
(ak – analyse & kritik – zeitung fĂŒr linke Debatte und Praxis –

„In der öffentlichen Diskussion hat die Bildungsaristokratie hart darum gefochten, ihre Privilegien und ihr Sozialprestige zu verteidigen.“

„Die weit verbreitete Auffassung, von Politikern ohnehin nur belogen zu werden, wirkt entpolitisierend und macht empfĂ€nglich fĂŒr autoritĂ€re Lösungen. […] Das TINA-Prinzip [also die Behauptung keine Alternativen gebe] dient als Pseudolegitimation unsozialer Politik gegen einen großen Teil der eigenen WĂ€hlerschaft. Dabei ist es brandgefĂ€hrlich, denn es macht Demokratie ĂŒberflĂŒssig. Schließlich bliebe keine Wahl: Es wĂŒrde eine Regierung aus Technokraten und Fachleuten reichen, die exekutiert, was notwendig ist. Demokratie lebt hingegen davon, ĂŒber Alternativen diskutieren und entscheiden zu können. Und es gab und gibt immer Alternativen – in der Bildungs-, wie auch gerade in der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Und gegenĂŒber KriegseinsĂ€tzen allemal.“

#

Anmerkung:

„Auf keinem Fall darf der Marxismus die (der Großbourgeoisie und der Sozialdemokratie gemeinsame) Position einnehmen und die ökonomischen und politischen Probleme in Begriffen der ‚RationalitĂ€t‘ und der ‚IrrationalitĂ€t‘, in Begriffen der logischen Wahl zwischen rationalen ‚Modellen‘ der Gesellschaft statt in Begriffen des Klassenkampfs formulieren.“

(Étienne Balibar, Marxismus, Rationalismus, Irrationalismus und Soziale Krise und Ideologische Krise, in: alternative, H. 116, Okt. 1977, 225 – 232 und H. 118, Feb. 1978, 18 – 23 [22] (frz. Erstveröff.: La Nouvelle Critique Nr. 99, Dez. 1976).

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Nachtrag @ Guttenberg – FAZ: Unkritische Gutachter werden wahrscheinlich geschont

„Aufschlussreich bleibt, inwiefern die Kommission die Mitverantwortung von Guttenbergs Doktorvater Peter HĂ€berle bedenkt, der schließlich der UniversitĂ€t Bayreuth angehört. Die Dienstaufsicht im beamtenrechtlichen Sinne besitzt sie zwar nicht, aber sie könnte die offenkundigen VersĂ€umnisse benennen. Wissenschaftsrechtler rechnen allerdings damit, dass es dazu kaum kommen dĂŒrfte. In den meisten FĂ€llen werden die beteiligten Professoren aus naheliegenden GrĂŒnden geschont.“

http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~E227BC962619E44A297070EF30304A0D8~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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Gegen Bildungselitismus, fĂŒr POLITISCHE Kritik an Guttenberg und fĂŒr SELBSTkritik des Wissenschaftsbetriebs

Übersicht ĂŒber meine Texte der letzten Tage und einige ‚passende‘, Ă€ltere Texte

Gliederung:

I. Hauptext
II. Zum politischen Kontext
III. Zur wissenschaftlichen Seite des Problems
IV. Zur strafrechtlichen Seite des Problems
V. Kleinere Neben-Texte
VI. Ältere Texte (mehr…)

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Moral, Politik und Wissenschaft

- aus einer Facebook-Diskussion -

zu http://www.fr-online.de/politik/-wichtig-fuer-die-moral-/-/1472596/7508972/-/index.html (Interview mit dem „Moral-Experte[n] Richard David Precht“)

Theorie Als Praxis: Wo liegt denn nun das Argument in diesem Text?

„Es gibt ausgesprochene und manchmal unausgesprochene Anstandsregeln der Politik, die man unter anderem daran ablesen kann, aus welchen GrĂŒnden in Deutschland Minister zurĂŒcktreten mussten. Ich denke an JĂŒrgen Möllemann, der wegen eines Empfehlungsschreibens fĂŒr Plastikchips in Einkaufswagen zurĂŒckgetreten war. Und wenn jetzt ein viel gravierenderer Verstoß gegen die guten Sitten und das Recht nicht geahndet wird, dann verschiebt sich die Grenze dessen, was man fĂŒr NORMAL hĂ€lt. Kanzlerin Merkels Hinweis, sie habe keinen wissenschaftlichen Assistenten eingestellt, bedeutet also, sie beurteilt NICHT MEHR DIE GANZE PERSON, sondern nur noch eine Einzelqualifikation. Das aber öffnet der Unmoral TĂŒr und Tor. Angela Merkel hat damit den Versuch unternommen, eine moralische Grenze deutlich zu verschieben. Und es ist gut, dass das nicht ungeahndet geblieben ist.“

-- Ist „normal“ ein Argument? Ist das, was normal ist, auch das Gute?

-- Ist „Moral“ und „Unmoral“ etwas Eindeutiges.? Nein, Precht mĂŒĂŸte ĂŒberhaupt erst einmal seinen VerstĂ€ndnis von Moral und Unmoral explizieren und begrĂŒnden – und dann könnte diskutiert werden, wie gemessen daran der Fall Guttenberg zu beurteilen ist.

-- Recht hat Precht aber mit: „Sie hat dem Druck der öffentlichen Meinung nachgegeben, insbesondere dem Druck, der von der Intelligenz kam, aus den UniversitĂ€ten und der Wissenschaft.“ – Aber das ist genau das Problem an der ganzen der Geschichte, ein akademischer Abschluß ist KEIN politisches Argument:
http://theoriealspraxis.blogsport.de/2011/03/03/weil-lesen-bilden-kann/
und
http://theoriealspraxis.blogsport.de/2011/03/01/nach-dem-abgang-des-symptoms-eine-offenherzige-antwort-an-30-000-dt-akademikerinnen/

Theorie Als Praxis: ‎“Was spricht eigentlich gegen Moral, ethische Begriffe, HumanitĂ€t usw.?“

http://theoriealspraxis.blogsport.de/1991/12/01/sozialistischer-humanismus-autonomer-humanismus-oder-gar-kein-humanismus/

userin 1, die FR-Interview verlinkte: sorry, aber eure Fragen sind teilweise einfach dumm, indem sie versuchen zu negieren, dass es so etwas wie gesellschaftlichen Konsens gibt. Was als „normal“ erachtet wird, verschiebt sich innerhalb einer Gesellschaft auf der Zeitschiene – trotzdem gibt es immer einen Konsens darĂŒber, welches Spektrum gerade als normal betrachtet wird. Durch besonders gravierende Ereignisse (oder erfolgreiche TabubrĂŒche) kann „normal“ auch mal schneller als im Lauf der Zeit verschoben werden – was dem Zusammenleben der Gesellschaft nicht unbedingt hilft, trotzdem manchmal wichtig sein kann. Ihr wollt aber jetzt nicht behaupten, dass die Aufnahme von BetrĂŒgen, TĂ€uschen und LĂŒgen ins „Normale“ wichtig wĂ€re?

Theorie Als Praxis: Nein, letzteres selbstverstÀndlich nicht.
Aber:
-- Es muß doch mal gefragt werden, ob Guttenbergs Politik oder vielmehr – wie viele zu meinen scheinen – seine Abschreiberei bei seiner Diss. politisch kritisierenswerter ist.
-- Und eine autoritĂ€re Berufung auf inhaltlich nicht ausgewiesene NormalitĂ€t oder Moral wird doch als METHODE nicht deshalb richtig, weil sie in einem Einzelfall angewendet wird, wo es vielleicht durchaus möglich wĂ€re, Argumente zu nennen. – Nur macht das Precht nicht. Precht stellt sich als Moral-EXPERTE hin und behauptet irgendetwas, sei unmoralisch.
-- Die Methode, Behauptungen als selbstverstĂ€ndlich oder unter Verweis auf Experten-Status der Diskussion zu entziehen, muß doch unabhĂ€ngig davon kritisiert werden, ob einem/r Guttenberg nun sympathisch ist oder nicht / politisch nahesteht oder nicht.

user 2: NatĂŒrlich ist ein akademischer Titel kein politisches Argument. Von den Kritikern kann auch keiner etwas dagegen haben, wenn ein Mitglied der Regierung kein Akademiker ist. Diesen Zusammenhang haben auch nicht die Kritiker, sondern Frau Merkel und der Boulevard hervorgebracht.
Dies war auch nie der Punkt der Kritik. Guttenberg hat fortgesetzt gelogen, betrogen, Informationen zurĂŒckgehalten, falsch informiert und stets andere geopfert, wenn der Druck auf ihn – aufgrund eigener politischer Fehlleistungen – zu groß wurde. FĂŒr einen Minister, einen Adeligen zumal, dĂŒrfen keine anderen MaßstĂ€be gelten, als fĂŒr jeden anderen sonst auch.

Theorie Als Praxis: Ja, aber es sagt doch etwas ĂŒber die ent-politisierende Wirkung derartiger personalisierender Skandal-Diskussionen aus, wenn nicht die Regierung wegen ihrer hoch offiziellen und allgemein bekannten Kriegs- und sonstigen Politik gestĂŒrzt wird, wenn Guttenberg nicht einmal wegen seiner Informationspolitik zu Kundus usw., sondern wegen dieser akademischen Angelegenheit gestĂŒrzt wird.
Und:
Die (wissenschaftlichen) MaßstĂ€ben sind ja im allgemeinen gar nicht so streng (was selbstverstĂ€ndlich kritisierenswert ist), wie jetzt im Fall von Guttenberg getan wird.
DIESE tatsĂ€chliche Doppelmoral (und vielleicht auch jene Verschiebung – aber das wohl weniger) bringt den Boulevard so gegen die Guttenberg-KritikerInnen auf.
Siehe auch noch:
„Und jetzt bitte eine offizielle Entschuldigung an die Welt der Wissenschaft, Frau Merkel!“,
Abschnitt „Gegen Bildungselitismus, fĂŒr politische Kritik an Guttenberg und fĂŒr Selbstkritik des Wissenschaftsbetriebs“:
http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/Forum:Und_jetzt_bitte_eine_offizielle_Entschuldigung_an_die_Welt_der_Wissenschaft,_Frau_Merkel!#Gegen_Bildungselitismus.2C_f.C3.BCr_politische_Kritik_an_Guttenberg_und_f.C3.BCr_Selbstkritik_des_Wissenschaftsbetriebs

userin 3: ‎@Theorie: die gefĂ€lschte Doktorarbeit war keine Lappalie und auch keine Nebensache. Außerdem warte ich immer noch auf eine Aufarbeitung der Kundus und Gorch-Fock AffĂ€re! Hier ging es nĂ€mlich um militĂ€rische Fehlentscheidungen die Menschenleben forderten! Guttenberg hat es immer wieder geschafft sich aus den AffĂ€ren heraus zu ziehen indem er sie auf die lange Bank schob. Im geheimen dachte er, dass die Leute es mit der Zeit vergessen werden! Auch er wollte dem Volk ein „Dummheits-Koeffizient“ zuschreiben. Mit seiner geklauten bzw. gekauften Dr. Arbeit war dann aber Schluss!
vor 6 Stunden · GefÀllt mir · 2 Personen

user 4: Was ist Moral? Gesellschaftlicher Konsens oder aber eine tief im Menschlichen verwurzelte GrĂ¶ĂŸe, deren Wert, Relevanz und Haltbarkeit zwar nicht wirklich zur Disposition stehen, sehr wohl aber durch die tĂ€glichen Ereignisse, den sogenannten Zeitgeist oder durch methodische Unterwanderung ausgehöhlt und abgeschliffen werden, um nachtrĂ€glich in apologistischer Absicht in ihrer atrophierten Form zum Konsens stilisiert zu werden?

Theorie Als Praxis: ‎„die gefĂ€lschte Doktorarbeit war keine Lappalie und auch keine Nebensache.“
Ja, wissenschaftlich war es kein Lappalie – verglichen mit der in fast aller Offenherzigkeit vertretenen offiziellen Regierungspolitik schon.

„Außerdem WARTE ich immer noch auf eine Aufarbeitung der Kundus und Gorch-Fock AffĂ€re!“
Diese Themen dĂŒrften allerdings FAKTISCH mit dem RĂŒcktritt Guttenbergs entweder endgĂŒltig vom Tisch sein oder aber – mit derselben zynischen Logik, mit der der Westen mit MilitĂ€rdiktatoren wie Pinochet abrechnet, NACHDEM sie ihre pro-westliche Schuldigkeit getan haben – erfolgen, was auch nicht besser wĂ€re.

„Guttenberg hat es immer wieder geschafft sich aus den AffĂ€ren heraus zu ziehen indem er sie auf die lange Bank schob.“
Aber wie gesagt: Zum RĂŒcktritt fĂŒhrte nicht die politische Kritik an seiner Politik, sondern Kritik auf einem Nebenkriegsschauplatz.

„Auch er wollte dem Volk ein ‚Dummheits-Koeffizient‘ zuschreiben. Mit seiner geklauten bzw. gekauften Dr. Arbeit war dann aber Schluss!“
Nur ist es tendenziell das gemeine Volk, das zu Guttenberg hĂ€lt, wĂ€hrend es die sich selbst so bezeichnende „Bildungselite“* ist, die Guttenbergs Agieren auf dem akademischen Feld zum Anlaß einer politischen Kampagne machte.

* http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/Forum:Und_jetzt_bitte_eine_offizielle_Entschuldigung_an_die_Welt_der_Wissenschaft,_Frau_Merkel!

Siehe auch noch zu weiterer Kritik an meiner Position:
http://theoriealspraxis.blogsport.de/2011/03/01/nach-dem-abgang-des-symptoms-eine-offenherzige-antwort-an-30-000-dt-akademikerinnen/#comment-4619 + Antwort

Theorie Als Praxis: ‎@ Wolfgang GrĂŒnwald: Wenn Du die Frage SO stellst, eher das erstere, als das zweitere.
TatsĂ€chlich ist Moral aber weder ein bloß aktueller „gesellschaftlicher Konsens“ noch eine „tief im Menschlichen verwurzelte GrĂ¶ĂŸe“, sondern immer zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und politischen Gruppierungen UMSTRITTEN.
„Moral“ ist also keine BegrĂŒndung, sondern selbst begrĂŒndungs- (argumentations-) -bedĂŒrftig.

###

ErgÀnzender Hinweis zu strategischen Fragen:

http://theoriealspraxis.blogsport.de/2011/03/01/nach-dem-abgang-des-symptoms-eine-offenherzige-antwort-an-30-000-dt-akademikerinnen/#comment-4625:

„Ich hatte mich hier ja schon mehrfach als vehemente VerteidigerIn von BĂŒndnispolitik und Kompromissen geoutet, aber ich hatte auch immer dazugesagt: bei voller Wahrung der Freiheit der eigenen Agitation und Propaganda.
Viel besser wĂ€re gewesen, einen gemeinsamen Brief zu verfassen, der sich auf die schlichte RĂŒcktrittsforderungen beschrĂ€nkt (dann wĂ€re ich sogar als 30.001. hinzugekommen) – und dann gibt es dazu je unterschiedliche individuelle oder fraktionelle BegrĂŒndungen.“

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Als referrer gefunden:

http://www.forschungsmafia.de/blog/2011/03/02/guttenberg-faules-zweitgutachten/#comment-3478:

„Hier trĂ€gt jemand, der noch lĂ€nglicher schreibt als du ;-) , interessante Kritik an den briefeschreibenden Doktoranden und am Wissenschaftsbetrieb vor:
http://theoriealspraxis.blogsport.de/2011/03/01/nach-dem-abgang-des-symptoms-eine-offenherzige-antwort-an-30-000-dt-akademikerinnen/“ (link hinter „du“ hinzugefĂŒgt, TaP)

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Weil lesen bilden kann…

In der taz von heute:

„‚Ganz erlich alle behinderet da oben, ich will nicht wissen wie viel jugendsĂŒnden die anderen politiker alle gemacht haben‘, kommentiert ein Supermarktangestellter auf einer Pro-Guttenberg-Seite, und schon der Stil dieses in jeder Hinsicht typischen Eintrags deutet darauf, dass Empathie und Empörung weniger zwischen Links, Mitte und Rechts, aber umso mehr zwischen Oben, Mitte und Unten verteilt sind. Die Frisörin oder der Bauarbeiter erinnern sich an die eigenen Spickzettel, mit denen sie durch manche Klassenarbeit kamen und können in Guttenbergs Abkupferei kein großes Vergehen erkennen. Das eint sie mit Leuten aus großbĂŒrgerlichem oder aristokratischem Haus, mit Guttenberg selbst, dem man es getrost abnehmen kann, dass er die Empörung nicht wirklich versteht. Denn fĂŒr ihn war der Doktor nur einer unter mehreren Titeln; einer, den er zwar schon deshalb brauchte, weil Herr Dr. Hinz und Frau Dr. Kunz ihn auch hatten, aber nicht der Ritterschlag, den hatte er schon; nicht der Ausweis, ‚es geschafft‘ zu haben, […].
Das aber unterscheidet ihn von all jenen, die ihren eigenen sozialen Aufstieg allein oder vorrangig ihrer Ausbildung zu verdanken haben und die deshalb Bildung auch als Allheilmittel fĂŒr dit und dat halten, egal ob es gerade um Globalisierung, Armut oder Rechtsextremismus geht. Die BildungsbĂŒrger sind denn auch diejenigen, die sich am meisten ĂŒber Guttenberg aufregen – und nicht verstehen, warum nicht ein jeder ihre Empörung teilt. Ihre Sorge gilt nicht ‚der Wissenschaft‘, sondern sich selbst; sie sind wĂŒtend, weil sich einer, noch dazu so einer, das, wofĂŒr sie selbst geschwitzt und geackert und geblutet haben, einfach so ergaunert hat. Die Aufregung um Guttenberg ist partikularer StandesdĂŒnkel des BildungsbĂŒrgertums. Sie ist – im besten wie im schlechtesten Sinn des Wortes – bĂŒrgerlich. Nicht unbegrĂŒndet, aber eben auch ein wenig langweilig.
[…]. Sind Leute, die nie etwas im Supermarkt geklaut, niemals einen Pflasterstein geworfen oder ein Amt ĂŒbers Ohr gehauen haben, nicht furchterregender als ein tricksender Freiherr? Wer will solche Leute schon zu Nachbarn haben? Oder von ihnen regiert werden?
(http://taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/herakles-jesus-guttenberg/)

Anmerkungen:

1. WĂŒrde es den genannten BildungsbĂŒrgerInnen nicht um sich selbst, sondern um die ‚die Wissenschaft‘ gehen, dann wĂŒrden nicht Guttenberg (und Merkel) als PolitikerInnen und Personen im Mittelpunkt der Kritik stehen, sondern der Zustand des Wissenschaftsapparates, dessen bloßes Symptom Guttenberg ist (s. meine anderen Artikel aus dieser Woche).

2. „Auf keinem Fall darf der Marxismus die (der Großbourgeoisie und der Sozialdemokratie gemeinsame) Position einnehmen und die ökonomischen und politischen Probleme in Begriffen der ‚RationalitĂ€t‘ und der ‚IrrationalitĂ€t‘, in Begriffen der logischen Wahl zwischen rationalen ‚Modellen‘ der Gesellschaft statt in Begriffen des Klassenkampfs formulieren.“
(Étienne Balibar, Marxismus, Rationalismus, Irrationalismus und Soziale Krise und Ideologische Krise, in: alternative, H. 116, Okt. 1977, 225 – 232 und H. 118, Feb. 1978, 18 – 23 [22] (frz. Erstveröff.: La Nouvelle Critique Nr. 99, Dez. 1976).
Der Marxismus ist rational, aber nicht rationalistisch!

Aber – fĂŒr diejenigen, die sich mehr fĂŒr die Wissenschaften als fĂŒr den Klassenkampf interessieren – noch mal zurĂŒck zu den wissenschaftlichen Standards. Dazu schreibt Die Zeit:

„Die AffĂ€re wirft auch peinliche Fragen an die Wissenschaft auf. […].
Schließlich hat die AffĂ€re auch blitzlichtartig erhellt, wie es um die gern hochgehaltenen »SelbstreinigungskrĂ€fte« der Wissenschaft wirklich bestellt ist: Sie sind keinesfalls selbstverstĂ€ndlich, […].
Das soll und kann zu Guttenbergs Plagiat zwar nicht entschuldigen. Aber die Hochschulen mĂŒssen sich auch fragen lassen, ob sie ihre Standards stets so hochhalten, wie sie gerne behaupten – und welche Lehren sie nun aus dem Fall ziehen.
Allen voran gilt das natĂŒrlich fĂŒr die UniversitĂ€t Bayreuth. Nicht nur der Ruf von zu Guttenbergs Doktorvater, Peter HĂ€berle, ist beschĂ€digt; auch die PrĂŒfungskommission, […].
[…] die [wissenschaftlichen] Spitzenorganisationen reagierten mit windelweichen ErklĂ€rungen, in denen weder die Stadt Bayreuth noch der Name »Guttenberg« auftauchten. […]
Mit dem RĂŒcktritt des Verteidigungsministers ist der Fall fĂŒr die Wissenschaft nicht erledigt. […]. Und die Wissenschaft muss sich fragen, wie der Eindruck entstehen konnte, in der akademischen Welt werde doch ĂŒberall mehr oder weniger geschummelt.“
(http://www.zeit.de/2011/10/Aufstand-der-Wissenschaft)

Die entscheidende Frage ist allerdings, ob dies nur ein (falscher) Eindruck ist, der sich mit plakativeren (statt windelweichen) ErklĂ€rungen der Wissenschaftsorganisationen korrigieren lĂ€ĂŸt oder ob es sich nicht in Zeiten von Auftragsforschung und ‚wissenschaftlicher‘ Gutachten fĂŒr Staat, Kapital, Gewerkschaften, ÖkoverbĂ€nde usw., die mehr politische Meinung als Erkenntnis sind1, lĂ€ngst eine Tatsache ist – eine Tatsachen freilich, die in einem Wissenschaftsbetrieb, der ohnehin lieber ĂŒber „Perspektiven“, „Sichtweisen“, „Erkenntnisinteresse“ und alle die anderen Legitimationsfloskeln des epistemologischen Relativismus als ĂŒber die Analyse von Tatsachen und deren Ursachen redet, nicht gesehen wird.

„Einen Menschen aber, der die Wissenschaft einem nicht aus ihr selbst (wie irrthĂŒmlich sie immer sein mag), sondern von aussen, ihr fremden, Ă€usserlichen Interesse entlehnten Standpunkt zu accomodieren sucht, nenne ich ‚gemein‘“ (MEW 26.2, S. 112), so hielt Marx Malthus entgegen, der meinte einen Kontrahenten unter Hinweis auf die von diesem verfolgten Analyse-Zwecke ‚widerlegen’ zu können. Die Unterstellung einer ‚bösen Absicht’ wird niemals ein Argument sein.

WeiterfĂŒhrende links:

  1. Vgl. zur Kritik an einem ‚gewerkschaftsnahen‘ ‚Forschungsprodukt‘: http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/12/25/zum-verhaeltnis-von-rechtswissenschaft-und-rechtspolitik/ – (aus Anlaß eines blog-Eintrages beim Beck-Verlag zum Thema „Mindestlohn“). [zurĂŒck]
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Das vom Himmel gefallene Humboldt-Zitat

Aus meiner Nachbemerkung (S. 412-418 [412-414]) zu dem Beitrag Die Entgegensetzung von Recht und Gesetz – ein „Sonderweg“ der deutschen Sprachgeschichte? von Isabel Aguirre Siemer in dem Buch:
Detlef Georgia Schulze / Sabine Berghahn / Frieder Otto Wolf (Hg.),
Rechtsstaat statt Revolution, Verrechtlichung statt Demokratie? TransdisziplinĂ€re Analysen zum deutschen und spanischen Weg in die Moderne (StaR P. Neue Analyen zu Staat, Recht und Politik. Serie A. Bd. 2), WestfĂ€lisches Dampfboot: MĂŒnster, 2010, 395 – 412:

I.

Die Autorin wirft in ihrem Aufsatz die Frage nach den Ursachen bzw. dem Kontext der deutschen und kastilischen PrĂ€ferenz fĂŒr den Begriff des „Estado social“ oder „Sozialstaates“ auf und fĂŒhrt in dem Zusammenhang aus: „Die Distanzierung vom Terminus ‚Wohlfahrt’ und seine eher negative Konnotation kann sowohl aus einer Ablehnung des französischen Wohlfahrtsausschusses = ComitĂ© du salut public (der Französischen Revolution) als auch aus einer Abgrenzung vom Wohlfahrtsstaat des Absolutismus BegrĂŒndung finden“ (S. 8). Die Vermutung eines Zusammenhangs mit der Ablehnung der Französischen Revolution kann sich fĂŒr den heutigen Sprachgebrauch auf Meyers Lexikon Online und Mario Martinis Buch Der Markt als Instrument hoheitlicher Verteilungslenkung: Möglichkeiten und Grenzen einer marktgesteuerten staatlichen Verwaltung des Mangels (Mohr Siebeck: TĂŒbingen, 2008, S. 223) stĂŒtzen.

In dem Meyers Lexikon heißt es: „Zum sozialphilosophischen SchlĂŒsselwort wurde Wohlfahrt im 18. Jahrhundert, geriet jedoch als politisches Wohlfahrtskonzept aufgrund der Erfahrungen der Französischen Revolution auch in Misskredit. So verwirklichte das oberste Exekutivorgan des französischen Nationalkonvents, der Wohlfahrtsausschuss, keine Wohlfahrt, sondern wurde zum Instrument einer Schreckensherrschaft. Die in diesem Zusammenhang bereits 1791 von W. von Humboldt formulierte BefĂŒrchtung, ‚dass das Prinzip, dass die Regierung fĂŒr das GlĂŒck und das Wohl, das physische und moralische, der Nation sorgen muss, unter allen Regierungsformen, also auch in einer Republik, der Ă€rgste … Despotismus ist’, hat seither immer neu zu Forderungen nach einer Begrenzung der ‚Staatssorgfalt’ gegenĂŒber den Einzelmenschen gefĂŒhrt, [
].“1

Und Martini schreibt, unter AnfĂŒhrung der gleichen Humboldt Stelle: „Der Begriff des Gemeinwohls ist anfĂ€llig fĂŒr eine Instrumentalisierung; er musste seiner Ausbeutung durch totalitĂ€re Regime des 20. Jahrhunderts unter dem Leitmotiv ‚Gemeinnutz geht vor Eigennutz’ ebenso zusehen wie seiner Vereinnahmung durch despotische Herrscher im Mittelalter und der frĂŒhen Neuzeit. Johann Jacob Moser verspottet im 18. Jahrhundert die stereotype Berufung der Landesherren auf den Topos des Gemeinwohls als ‚Universal-Staats-Medicin’. Bereits 1791 formulierte W. von Humboldt die BefĂŒrchtung, ‚dass das Prinzip, dass die Regierung fĂŒr das GlĂŒck und das Wohl, das physische und moralische, der Nation sorgen muss, unter allen Regierungsformen, also auch in einer Republik, der Ă€rgste (…) Despotismus ist’. Und so verwirklichte das oberste Exekutivorgan des französischen Nationalkonvents, das ‚ComitĂ© de Salut Public’ (1793-1795), unter der FĂŒhrung Robespierres alles andere als Wohlfahrt. Es wurde zum Instrument der jakobinischen Schreckensherrschaft.“2

Meyers Lexikon nennt keine Quelle fĂŒr das Humboldt-Zitat. Martini verweist ohne Seitenangabe auf Humboldts „Ideen ĂŒber die Staatsverfassung durch die Französische Konstitution veranlaßt, 1792“; auch das Literaturverzeichnis enthĂ€lt an der entsprechenden Stelle (S. 853) keine weiteren Angaben, Ă€ndert aber das Jahr in „1791“3. In der Ausgabe Wilhelm Humboldt, Werke in fĂŒnf BĂ€nden hrsg. von Andreas Flitner und Klaus Giel, Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt, 1960 ist der Aufsatz allerdings „Ideen ĂŒber Staatsverfassung [ohne Artikel!, DGS] durch die Französische Constitution veranlasst“ betitelt und auf den August 1791 datiert. Zu diesem Zeitpunkt war Frankreich noch nicht Republik und der König noch nicht hingerichtet.

Ein Bezug auf den Wohlfahrtsausschuß der Französischen Revolution findet sich dort nicht, was allein schon deshalb unmöglich war, da der Wohlfahrtsausschuß der Französischen Revolution in der Tat erst 1793 eingerichtet wurde (und bis 1795 bestand). Auch die Wörter „unter allen Regierungsformen, also auch in einer Republik“ finden sich dort nicht. Vielmehr handelt Humboldt dort von der ‚Enteignung’ einer von „gutmĂŒthigen Menschen“ aufgebrachten Idee, nĂ€mlich des Wohlfahrts-Konzeptes, durch die FĂŒrsten. –

II.

Woraus die Fehlzitierung resultiert, lĂ€ĂŸt sich jedenfalls ohne grĂ¶ĂŸere Recherchen nicht feststellen: (mehr…)

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Akademiker und Politik – Erinnerung an einen anderen Fall problematischer Berufung auf den Akademiker-Status

„Die Argumentations-Strategie ‚Ohne intellektuelle HintermĂ€nner keine terroristische Vereinigung und kein §129a-Verfahren gegen die drei in Brandenburg Festgenommenen‘ war von Anfang an kurzschlĂŒssig; sie mußte eine bestimmte Arbeitsteilungshypothese unterstellen; sie mußte unterstellen, gegen die in Brandenburg Festgenommenen könne es keine ‚intellektuellen Beweise’ geben, da sie keine Akademiker sind. Die Domino-Theorie konnte als realistische Strategie nur vorschlagen, wer selbst an eine solche Karikatur von militanter Politik glaubt. Wer/welche dagegen davon ausging, daß auch die drei in Brandenburg Festgenommenen denkende, politische Aktivisten sind, der/die mußte davon ausgehen, daß es der BAW ein Leichtes ist, auch die ‚Brandenburger’ in einen vagen intellektuellen Zusammenhang zur mg zu rĂŒcken – und folglich davon ausgehen, daß die Gleichung ‚keine HintermĂ€nner = kein mg-Vorwurf’ naiv ist.
Wir mĂŒssen also resĂŒmieren: Es war die linke Öffentlichkeitsarbeit selbst, die die gerade erwĂ€hnte Karikatur militanter Politik (die einen schreiben die ErklĂ€rungen, und die anderen zĂŒnden Autos an) eine aktuelle Relevanz fĂŒr das Verfahren zugesprochen hat, wĂ€hrend sie sich in den BAW-Akten wohl allenfalls fĂŒr die Zeit vor den Festnahmen findet. FĂŒr die BAW gab es nur die Situation, daß sie keine Tatbeteiligungsbeweise gegen die Akademiker hatte (und hat). Und weil die Arbeitsteilungshypothese – wohl spĂ€testens seit Anfang August – nicht (mehr) die tatsĂ€chliche Theorie der BAW war, jedenfalls weitere Indizien hinzugekommen sind, die die BAW von einer Arbeitsteilungshypothese unabhĂ€ngig machten, konnte die Domino-Strategie gegen den mg-Vorwurf gegen die drei ‚Brandenburger’ nichts ausrichten.“

„Das entscheidende Problem ist, daß der Arbeitsteilungstheorie an dem politisch entscheidenden Punkt (an der hierarchischen, klassistischen Politikvorstellung, die dahintersteht; an einer Vorstellung, die ignoriert, daß nicht nur Akademiker, sondern alle Menschen Intellektuelle sein können; daß alle Menschen denken können, daß alle Menschen AnschlagserklĂ€rungen schreiben können) nicht widersprochen wurde – weil man versuchte – ich wiederhole mich –, blind (oder vielleicht sogar wissend um den politischen Preis) einen juristischen Erfolg zu erzielen.“

Zitate aus:
http://interkomm.so36.net/archiv/2008-08-30/nse.pdf, S. 29 und 33,

siehe dort die Abschnitte (mehr…)

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Nach dem Abgang des Symptoms – eine offenherzige Antwort an 30.000 dt. AkademikerInnen

    „von dem denkenden, bessern Theile des Volks [strömt] das Licht der Weisheit herunterströmt“
    Friedrich Schiller pars pro toto fĂŒr die deutschen Akademiker1

@ politics

Angeblich „30.000 BĂŒrgerinnen und BĂŒrger (Stand, Montag 13:08 Uhr)“2 sorgen sich in der AffĂ€re-Guttenberg „als“3 – angebliche oder tatsĂ€chliche – „Doktorandinnen und Doktoranden“ um ihre akademische Standesehre. Sie wenden sich aber nicht an ihre Institution, an die Institution UniversitĂ€t, die fĂŒr die Vergabe von Doktortiteln zu stĂ€ndig ist, sondern an die Bundeskanzlerin, die dafĂŒr nicht zustĂ€ndig ist. Sie wenden sich an die Bundeskanzlerin, da diese 30.000 BĂŒrgerInnen „als Doktorandinnen und Doktoranden“ sich von Angela Merkel schwer gekrĂ€nkt fĂŒhlen: „Er [Guttenberg] hat dabei [am 23.2. in der Aktuellen Stunde des Bundestages] auf eine Formulierung von Ihnen angespielt, wonach Sie ihn nicht als ‚wissenschaftlichen Assistenten’ eingestellt hĂ€tten. Dies ist eine Verhöhnung aller wissenschaftlichen HilfskrĂ€fte sowie aller Doktorandinnen und Doktoranden, die auf ehrliche Art und Weise versuchen, ihren Teil zum wissenschaftlichen Fortschritt beizutragen.“

Nur sollten diese Herren und Damen AkademikerInnen wissen: Guttenberg ist in der Tat nicht der wissenschaftliche Berater von Frau Merkel und auch kein Beamter im Bundeskanzleramt, der ggf. bestimmte Laufbahnvoraussetzungen erfĂŒllen muß, sondern Politiker. Kriegsminister. Und diese Herren und Damen AkademikerInnen sollten noch aus ihrem Schulunterricht wissen, daß selbst Deutschland mittlerweile den Feudalismus hinter sich gelassen hat. Der Zugang zu politischen Ämtern ist seitdem nicht mehr an bestimmte Standeszugehörigkeiten und auch nicht das FĂŒhren eines Doktortitels gebunden. Und das ist gut so.

‚Schlimm’ ist nicht, daß auch ein Arbeiter mit Hauptschulabschluß und eine Putzfrau ohne Schulabschluß Bundeskanzler bzw. Bundeskanzlerin werden dĂŒrften. ‚Schlimm’ ist, daß sie es faktisch nicht können. Insofern wĂ€re es auch nicht ‚schlimm’, wenn Guttenberg ohne Dr.-Titel Minister geworden wĂ€re oder es ohne geblieben wĂ€re.

Die ArbeiterInnenbewegung hat jahrzehntelang, nahezu ohne jeden Zugang zu akademischer Bildung, allein unterstĂŒtzt von einer handvoll bĂŒrgerlicher Intellektueller, die aber ĂŒberwiegend auch außerhalb der Akademie standen, leidlich erfolgreich Politik gemacht.

Die wissenschaftliche QualitÀt oder vielmehr Nicht-QualitÀt der Dissertation Guttenbergs tut also in der Tat nichts zur Sache, wenn es darum geht, ob Guttenberg ein guter Politiker, ein guter Kriegsminister ist. Da hat die Bundeskanzlerin völlig recht.

Allein die Frage der Ehrlichkeit Guttenbergs ist eine Frage, die auch von außer-akademischer, vielleicht von politischer Relevanz ist4. Die 30.000 angeblichen „Doktorandinnen und Doktoranden“, die die wissenschaftlichen Standards so hochhalten, behaupten: „Sie [die inkriminierte Assistenten-Äußerungen Merkels] legt darĂŒber hinaus nahe, dass es sich beim Erschleichen eines Doktortitels um ein Kavaliersdelikt handele und dass das ‚akademische Ehrenwort’ im wirklichen Leben belanglos sei.“

Zu den hochgehaltenen Standards wĂŒrde es aber auch gehören fĂŒr eine Behauptung ein Argument oder einen Beweis vorzubringen. Aber Fehlanzeige bei unseren 30.000 deutschen AkademikerInnen. Weder begrĂŒnden sie, warum dies angeblich in Merkels Äußerungen impliziert ist (damit dĂŒrften sie allerdings sogar recht haben), noch (und dies ist der wichtigere Punkt), warum die beiden impliziten Behauptungen Merkels falsch sein sollen – dieser (seinerseits implizite) Vorwurf wird mit dem Satz ja wohl erhoben, oder nicht?! – Der Vorwurf, daß in Wahrheit das Erschleichen eines Doktortitels kein Kavaliersdelikt sei und das ‚akademische Ehrenwort’ im wirklichen Leben nicht belanglos sei.

Zu den hochgehaltenen wissenschaftlichen Standards wĂŒrde es des weiteren gehören, die verwendeten Begriffe zu definieren und nicht politisch-journalistische Schlagwörter zu verwenden. Was ist denn mit „Kavaliersdelikt“, das das „Erschleichen eines Doktortitels“ nicht sei, hier genau gemeint? Ist das ein strafrechtliches Urteil? Ein wissenschaftstheoretisches Urteil? Ein politisches Urteil? Oder doch nur ein moralisches Urteil? – Oder wissen die AutorInnen letztlich selbst nicht so genau, warum und worĂŒber sie empört sind?

Politik ist durchaus nicht (und kann auch nicht sein, solange Herrschaft und Ausbeutung bestehen), wie aber Professor Habermas meint, ein „herrschaftsfreier Diskurs“; und Politik ist auch nicht das Wahre, Schöne und Gute, wie wohl Friedrich Schiller meinte5, sondern die Formierung von Interessen und der Kampf um deren Durchsetzung. DafĂŒr sind wissenschaftliche Expertise und auch Ehrlichkeit hĂ€ufig nĂŒtzlich. Aber auch List und TĂŒcke gehören zum politischen GeschĂ€ft – und zum Kriege fĂŒhren zumal – dazu. Was Guttenberg als Kriegsminister disqualifiziert, ist weniger, daß er bei seiner Diss. betrogen hat, als das er sich hat dabei erwischen lassen.

Im ĂŒbrigen: Nichts dagegen, wenn 30.000 BĂŒrgerInnen oder mehr die Entlassung Guttenbergs gefordert hĂ€tten – sei es wegen seiner Unehrlichkeit oder (was der viel bessere Grund wĂ€re) wegen seiner leidlich erfolgreichen Politik fĂŒr die falschen Interessen. Dieses Anliegen wĂ€re dann allerdings nicht „als Doktorandinnen und Doktoranden“, sondern als BĂŒrgerInnen zu formulieren. Denn kulturelles (hier: Bildungs)kapital in politischen Mehrwert umzusetzen, verletzt den Grundsatz one (wo)man, one vote nicht weniger als ökonomisches Kapital in politischen Mehrwert umzusetzen. –

Was sich in dem Offenen Brief der 30.000 fortsetzt ist die als solche keinesfalls neue Beanspruchung einer privilegierten Sprechposition qua akademischem Titel. Was uns hier in Form der Intervention von 30.000 AkademikerInnen bei Angela Merkel wegen der ‚causa Guttenberg’ mit etwas verschobenen Fronten (aber gleichem ‚klassenpolitischen Gehalt’ – wenn es erlaubt ist, daß ich mich dieser dem heutigen akademischen Sprachgebrauch so inadĂ€quaten Terminologie bediene) begegnet, ist das, was uns nicht erst, aber verschĂ€rft seit dem Aufstieg des Neoliberalismus begegnet: „SachverstĂ€ndige“, „Experten“ – zumeist sind es in der Tat weiterhin MĂ€nner – sagen als Akademiker den BĂŒrgerInnen, was angeblich richtig und notwendige politische Entscheidungen sind. Sie beanspruchen als Akademiker eine privilegierte politische Sprechposition, was sub specie democratiae nicht akzeptabel ist.

@ Wissenschaft:

Außer zur Politik, von der sie entweder keine Ahnung haben oder aber in der sie sehenden Auges ihre akademischen Standesinteressen vertreten, Ă€ußern sich diese 30.000 „Doktorandinnen und Doktoranden“ zur Wissenschaft, von der sie anscheinend auch nicht viel mehr Ahnung haben. (mehr…)

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Leitlinien / GrundsĂ€tze / Prinzipien – die „wissenschaftlichen“ Sprechblasen des Bundesverfassungsgerichts

Wie das Bundesverfassungsgericht das Rechtsstaatsprinzip erfand

Anfangs hatte auch das Bundesverfassungsgericht deutlich benannt, daß ein Rechtsstaatsprinzip nicht Bestandteil der geschriebenen Verfassung ist – allerdings ein solches dennoch bereits damals seiner Rechtsprechung zugrunde gelegt: „Das Verfassungsrecht besteht nicht nur aus den einzelnen SĂ€tzen der geschriebenen Verfassung, sondern auch aus gewissen [
] GrundsĂ€tzen und Leitideen, die der Verfassungsgesetzgeber [
] nicht in einem besonderen Rechtssatz konkretisiert hat. Zu diesen“ – d.h.: den ungeschriebenen! – „Leitideen gehört, [
], das Rechtsstaatsprinzip.“ (BVerfG 2, 380-406 [381] – HaftentschĂ€digung).

Zur BegrĂŒndung schreibt das Gericht: Der Verfassungsgeber sei von einem „vorverfassungsmĂ€ĂŸigen Gesamtbild [
] ausgegangen“, das wiederum von „GrundsĂ€tzen und Leitideen“ wie dem Rechtsstaatsprinzip „geprĂ€gt“ worden sei (ebd.). Die Herleitung dieser Auffassung bleibt ungeklĂ€rt, denn es werden weder Materialien aus den Beratungen des Parlamentarischen Rates noch sonstige Äußerungen von Mitgliedern des Rates, bspw. in der Presse oder in wissenschaftlichen Veröffentlichungen zitiert. Wie anders ließe sich aber klĂ€ren, wovon der Verfassungsgeber ausgegangen ist?! Das BVerfG bekrĂ€ftigt lediglich, daß das Rechtsstaatsprinzip zu diesen Leitideen gehöre, ergebe „sich aus einer Zusammenschau der Bestimmungen des Art. 20 Abs. 3 GG ĂŒber die Bindung der Einzelgewalten und der Art. 1 Abs. 3, 19 Abs. 4, 28 Abs. 1 Satz 1 GG sowie der Gesamtkonzeption des Grundgesetzes.“

Dies ist aber nur die eigene Auffassung des BVerfG. DafĂŒr, daß auch der Verfassungsgesetzgeber – wie das BVerfG behauptet1 – von dieser Auffassung ausgegangen ist, fĂŒhrt das Gericht weder ein Argument noch einen Anhaltspunkt an. Warum soll der Grundgesetzgeber ein ‚Prinzip’ gemeint haben, obwohl er konkrete Normen statuiert hat? Allenfalls die Alliierten hĂ€tten ihn hindern können, bspw. in Art. 20 I GG zu formulieren, ‚Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Rechts- und Bundesstaat.“, oder in Art. 20 II 2 GG zu schreiben: „Sie [die Staatsgewalt] wird [
] unter Beachtung des Rechtsstaatsprinzips [oder der GrundsĂ€tze des Rechtsstaats o.Ă€.] ausgeĂŒbt.“ Beides ist nicht geschehen.

Im ĂŒbrigen zeugt der zitierte Satz des BVerfG ĂŒber die „Leitideen“ etc. von argumentativer Konfusion: Die verwendeten Begriffe werden nicht definiert; warum das eine (Prinzipien) aus dem anderen (GrundsĂ€tze und Leitideen) und nicht das andere (GrundsĂ€tze) aus dem einen (Prinzipien) folgen soll, wird nicht begrĂŒndet; ob das BVerfG deduktiv, induktiv oder noch anders argumentiert, bleibt unklar.

Ø Zur Erinnerung – das BVerfG sagt: (mehr…)

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Rubbish und Rechtswissenschaft

Aus aktuellem Anlaß, aus meinem dort1 genannten Aufsatz in der Festschrift fĂŒr Frieder Otto Wolf:

Nach John Locke soll die Philosophie nicht eine Wahrheit ĂŒber den Wissenschaften beanspruchen, sondern sich besser als deren ‚under-labourer’ verstehen. Eine Philosophie, die radikal sein will, mĂŒsste sich in diesem Sinne auch radikal ĂŒber ihre Grenzen Rechenschaft ablegen. Locke beschreibt sein Vorhaben in dem Epistle to the Reader, der seinem Essay Concerning Human Understanding vorangestellt ist, bescheiden als „removing some of the rubbish that lies in the way of our knowledge“ (1690, 13) […].

I. Weg mit dem ‚nutzlosen Ballast sonderbarer, eitler oder unverstĂ€ndlicher AusdrĂŒcke’ (Locke)

Wenn die Aufgabe der Philosophie nach Wittgenstein darin besteht, „MißverstĂ€ndnisse, die den Gebrauch von Worten betreffen“ (1949, 292, Nr. 90), aus dem Weg zu rĂ€umen, so scheinen es vor allem zwei (mit einander zusammenhĂ€ngende) ‚MissverstĂ€ndnisse’ zu sein, die massive Erkenntnishindernisse darstellen und in Deutschland bisher die Konstituierung einer Wissenschaft vom Juridischen verhindert haben: zum einen das Nicht-Sehen (oder Verwischen) des Unterschiedes zwischen der Produktion von Erkenntnis und der Produktion eines Erkenntnisobjektes (eines Objektes, das erkannt werden kann); zum anderen der unklare Status des Wortes ‚normativ’ in der deutschen Rechtswissenschaft. In einem vagen Sinn lĂ€sst sich sicherlich sagen, dass die Rechtswissenschaft ‚normativ’ ist, weil sie sich mit Normen beschĂ€ftigt; sie beschĂ€ftigt sich – von Randdisziplinen wie Rechtssoziologie und Kriminologie abgesehen – nicht damit, wie die gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse sind oder wie sich die Menschen tatsĂ€chlich verhalten, sondern damit wie sie sein sollen bzw. wie sie sich verhalten sollen. Im Rahmen jenes weiten VerstĂ€ndnisses von ‚normativ’ wird aber ĂŒbersehen, dass aus der normativen Beschaffenheit eines Gegenstandes nicht schon folgt, dass auch dessen Erkenntnis normativ statt analytisch zu sein hat. In dem Maß, in dem die deutsche Rechtswissenschaft den Unterschied zwischen Erkenntnis und Gegenstand verwischt, ist sie tatsĂ€chlich selbst normativ, normen-produzierend – statt normen-erkennend.2 Sie ist nicht Wissenschaft (vom Juridischen), sondern eine idealistische (Rechts-)Philosophie. Sie stellt ein Hindernis fĂŒr die Erkenntnis der tatsĂ€chlichen Normen, des Justizsystems sowie ihrer eigenen Praxis und Funktion dar. Sie produziert (an Stelle des Gesetzgebers) Normen und behauptet dennoch, dass ihre SĂ€tze geltende Normen sind, dass ihre SĂ€tze Rechtserkenntnis, das wahre Recht, sind. Aber wie soll es möglich sein, etwas zu ‚erkennen’, was dem vermeintlichen Erkenntnisakt gar nicht vorausging?! Was hier allenfalls erkannt werden könnte (wenn das Realobjekt und dessen Erkenntnis nicht verwechselt wĂŒrden), ist der Prozess der Produktion einer Norm durch eine unzustĂ€ndige Instanz, eben durch die Rechts‚wissenschaft’ statt dem Gesetzgeber; was erkannt werden könnte, ist die Produktion einer Norm unter dem Deckmantel ihrer Erkenntnis.

Literatur:
John Locke, An Essay concerning Humane Understanding (1690), London, 1997.
Wolf-Dieter Narr, Theoriebegriffe und Systemtheorie, Mainz, 1969.
Detlef Georgia Schulze, , Lehren und Leerstellen, in: ders./dies. / Sabine Berghahn / Freider Otto Wolf (Hg.), StaR P. Neue Analysen zu Staat, Recht und Politik. Serie W: working papers des DFG-Projektes „Der Rechtsstaat in Deutschland und Spanien“. Bd. 3, Berlin, 2006, 211-275; im Internet unter der Adresse: http://edocs.fu-berlin.de/docs/receive/FUDOCS_document_000000004705.
Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen (1949), Frankfurt/M., 10. Aufl.: 1995, 225-580.

  1. ‚Removing some rubbish’. Radikale Philosophie und die Konstituierung einer Wissenschaft vom Juridischen. in: Pia Paust Lassen / Jörg Nowak / Urs Lindner (Hg.), Philosophieren unter anderen. BeitrĂ€ge zum Palaver der Menschheit (Festschrift fĂŒr Frieder Otto Wolf), WestfĂ€lisches Dampfboot: MĂŒnster, 2008, 332 – 352 (332, 334 f. mit FN 4; weitere FN zu dieser Passage finden sich in der Druckfassung dieses Textes).

    Abschnitts-Überschriften meines Aufsatzes:

    I. Weg mit dem ‚nutzlosen Ballast sonderbarer, eitler oder unverstĂ€ndlicher AusdrĂŒcke’ (Locke)
    1. Rechts‚erkenntnis’ als rubbish production
    a) Das Bundesverfassungsgericht
    b) Die Lehre
    2. Kann die Produktion einer Erkenntnis genauso funktionieren wie die Produktion einer Entschuldigung oder Ehe? Oder: Über die Voraussetzungen des GlĂŒckens performativer Sprechakte
    3. Rechtswissenschaft als Pseudowissenschaft ohne Gegenstand
    4. Was radikale Philosophie fĂŒr wissenschaftliche Erkenntnisse leisten kann
    II. Zu den potentiellen politischen Wirkungen der Kritik des Rechtsidealismus und der eventuellen Konstituierung einer Wissenschaft vom Juridischen.

    Inhaltsverzeichnis des gesamten Buches: http://dampfboot-verlag.de/download/inhalt-752-2.pdf [zurĂŒck]

  2. (mehr…)

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Contra sog. „Praxisrelevanz“ der Wissenschaft

Aus gegebenem Anlaß, Endnote 1 aus http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-70305:

FrĂŒher wurde die Kritik an der angeblichen ‚Praxisferne‘ der Theorie und der Abstraktheit der Wissenschaften, am analytischen, d.h. zerlegenden, Denken – zumindest von denjenigen, die diese Kritik damals gefĂŒhrt hatten – als ‚links‘ und ‚emanzipatorisch‘ verstanden (s. unten die Bemerkungen zum Hegel-Marxismus und der Frankfurter Schule sowie Schöttler 1988a, 176 mit FN 101 zur ‚emanzipatorischen Geschichtswissenschaft‘). Wie diese Position mittlerweile von der neo-liberalen ‚Neuen Mitte‘ assimilierte wurde, deren Hauptsorge ist, dem Diktat ‚des Marktes‘ zu folgen, zeigt bspw. eine Rede der seinerzeitigen bayerischen SPD-Landtagsfraktions-Vorsitzenden und jetzigen Bundesfrauenministerin, Renate Schmidt, die sie 1997 im Bayerischen Landtag unter dem Titel „Den ‚Rohstoff Geist‘ veredeln!“ 1997 gehalten hat. In einer ZwischenĂŒberschrift postuliert sie: „An einem ganzheitlichen Bildungswesen arbeiten!“ Dabei gehe es um ‚InterdisziplinaritĂ€t‘ und die „Verzahnung [des Bildungswesens] mit der Technologie-, Wirtschafts- und BeschĂ€ftigungspolitik, also um jene Felder, auf denen sich das Schicksal des Standorts Deutschland und seiner Menschen entscheiden wird. [
]. DafĂŒr ist es notwendig, Barrieren und BerĂŒhrungsĂ€ngste zwischen Theorie und Praxis, zwischen den Bildungseinrichtungen und der Wirtschaft abzubauen.“ (Hv. d. Vf.In) Ein Interview mit dem PhysiknobelpreistrĂ€ger Gerd Binnig zitierend treibt sie die Verneinung der theoretischen Praxis weiter: „Die UniversitĂ€t ist darauf ausgerichtet, die Welt zu verstehen. Mich hat es immer fasziniert, die Welt zu gestalten. Darauf wird an der Uni weniger Wert gelegt.“ „Es gibt selbst innerhalb der UniversitĂ€t eine Kluft zwischen Theorie und Praxis. Theoretische Physiker sagen ĂŒber Experimentalphysiker: Ja, was verstehen die schon von der Physik, die drehen nur am Knöpfchen. Die Experimentalphysiker wiederum glauben zum Teil, sie könnten nichts von der Industrie lernen. Unterschiedliche Disziplinen reden immer noch sehr zögerlich miteinander.“ Daraus schlußfolgert Schmidt um „im globalen Wettbewerb [zu] bestehen“, mĂŒssen „wir [
] die Kluft zwischen Elfenbeinturm [!] und Fließband ĂŒberwinden. Nur dann werden wir wieder in der Lage sein, hervorragende Forschung in ebenso hervorragende und marktfĂ€hige [!] Produkte umzusetzen.“ DafĂŒr „brauchen [wir 
] DurchlĂ€ssigkeit und Gemeinsamkeit.“ „Auch wenn manche mit diesem Begriff Probleme haben mögen, unsere Hochschulen sind Dienstleistungsunternehmen. Sie mĂŒssen ihr Angebot der Nachfrage anpassen [
].“ „Deshalb treten wir fĂŒr ein Höchstmaß an Autonomie und auch Wettbewerb ein. Die Hochschule als Unternehmergemeinschaft [!] wird fĂŒr die nötige Transparenz sorgen, mangelnde Unterrichtsleistung nicht dulden und als ‚Rendite‘ [!] hervorragend ausgebildete Absolventen haben.“ Deshalb „geht [es] nicht an, daß es mehr Altphilologen [
] gibt als Japaneologen, Sinologen und Indologen. Wir brauchen Fachleute, die die ganze Welt begreifen und mĂŒssen uns diesen Herausforderungen stellen.“ Denn letztere benötigen „wir“, um im – von Samuel P. Huntington und mit ihm von Renate Schmidt beschworenen – „Kampf der Kulturen“ keine Machtverluste zu erleiden, und damit LĂ€nder, die jetzt noch Peripherie sind, nicht zu „Hauptakteur[en] der Weltpolitik“ werden. Renate Schmidt fragt: „In welcher Weise sind wir denn auf eine solche Entwicklung geistig vorbereitet? Wer, wenn nicht an vorderster Stelle die Wissenschaft, kann hier einen entscheidenden Beitrag leisten? Welche Rolle spielen derartige Überlegungen eigentlich an unseren Hochschulen?“ Wissenschaft soll laut Schmidt nicht analysieren, sondern nĂŒtzlich sein fĂŒr die Verteidigung des ‚Modell Deutschlands‘. Deshalb ist ‚Praxisorientierung‘ auch fĂŒr die Geistes- und Sozialwissenschaften gefordert, zwar nicht direkt bezogen auf ‚die Wirtschaft‘ (das wĂ€re vielleicht auch dysfunktional), wohl aber auf den Staat bezogen. Denn auch deren Aufgabe hat nicht Analyse (‚die Welt verstehen‘), sondern ‚Praxis‘ (als ob analysieren keine Praxis ist) – ‚Wertevermittlung‘ – zu sein: „Dennoch, bei aller Notwendigkeit von Forschung und der Anwendung neuer Technologien hat die Politik dafĂŒr zu sorgen, daß Geistes-, Sozial- und Rechtswissenschaften nicht unter den Tisch fallen. Gerade die heutige Zeit wĂŒrde ohne sie und die von ihnen vermittelten Werte Gefahr laufen, unsere Demokratie, unser Gemeinwesen zu gefĂ€hrden.“ (Schmidt 1997 – alle Hv. + Anm. d. Vf.In). –

Sollten ‚sie‘ (d.h. jenes „wir“, das Schmidts Rede spricht) tatsĂ€chlich auf jede Theorie verzichten oder sich mit den HandwerkerInnen-Theorien der ‚PraktikerInnen‘ bescheiden (was aber vollstĂ€ndig und dauerhaft auch nicht so wahrscheinlich ist) wird ihren PlĂ€nen allerdings nicht allzuviel Erfolg beschieden sein. Denn jede HandwerkerInnen-Theorie kommt frĂŒher oder spĂ€ter an ihre Grenze – nĂ€mlich, wenn sie auf Probleme stĂ¶ĂŸt, die sie aufgrund ihres Verzichts auf Wissenschaftlichkeit nicht lösen kann (s. bspw. den Zusammenbruch der Lyssenkoschen „Proletarischen Wissenschaft“ in der Sowjetunion: „Die Techniker der Landwirtschaft hatten Lyssenko zum Sieg verholfen: gestĂŒtzt auf die wenigen spektakulĂ€ren Erfolge, die er in der Agronomie erringen konnte, hatte er sich einen Namen gemacht; [
]. Und dies war auch der Ort, wo sich mit der Zeit sein Abstieg abzeichnete: als die haarstrĂ€ubenden Anwendungen der neuen Vererbungstheorie zu spektakulĂ€ren FehlschlĂ€gen gefĂŒhrt hatten, die sich nicht lĂ€nger verbergen ließen.“ [Lecourt 1976, 143]). ‚Die Praxis‘ mag sich dann zwar noch lange durchwurschteln können, ohne Kritik (d.h. ohne „reflektierte[s] VerhĂ€ltnis“ zu ihrer Theorie, s. Endnote 5) bleibt sie aber „– ob sie es will oder nicht – den Wirkungen ihrer Ursachen ausgeliefert“ (Lecourt 1976, 148), d.h. sie gerĂ€t in eine Krise, die zu ihrem Zusammenbruch fĂŒhren kann, falls es nicht zu einem theoretischen Einschnitt kommt, der den tatsĂ€chlichen Ursachen Rechnung trĂ€gt.

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[Gegen Empirismus und Idealismus]

Die in dieser .pdf-Datei dokumentierten Anmerkungen zu dem Aufsatz von

Gideon Stiening
Am „Urgrund“ oder: Was sind und zu welchem Ende studiert man ‚Poetologien des Wissens‘
in: Zeitschrift fĂŒr Kulturpeotologie 2007, 234 – 248

entstanden am 4./5.11.2008 fĂŒr eine Diskussion am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien.

(FĂŒr die hiesige Veröffentlichung ist der Text insb. am Anfang, der kurz auf die Replik von Joseph Vogl [S. 249-258 des gleichen Jahrgangs der gleichen Zeitschrift] einging, gekĂŒrzt.)

Zu diesem Text gehört noch – quasi als Nachbemerkung vom 16.11. – diese Notiz ĂŒber „Foucault und die Wahrheit“.

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