Der fol­gende Text beschäf­tigt sich u.a. mit der Bedeu­tung der For­de­rung nach einem Recht auf Arbeit für eine Stra­te­gie grund­le­gen­der gesell­schaft­li­cher Ver­än­de­run­gen. Er schien zuerst – redak­tio­nell stark gekürzt – im Neuen Deutsch­land vom 05./06.10.1991, S. 10 unter der Über­schrift „Ant­wor­ten auf Fra­gen von Klaus Stei­nitz. Tak­tik der Refor­mis­ten“.
Ver­faßt wurde er – gemein­sam mit ande­ren Mit­glie­dern des damals exis­tie­ren­den
Pro­jek­tes Wochen­zei­tung (PROWO) – in einer spe­zi­fi­schen his­to­ri­schen Situa­tion: näm­lich nach dem geschei­ter­ten Putsch­ver­such in der unter­ge­hen­den Sowjet­union. Der Text ant­wor­tete auf einen Arti­kel von Klaus Stei­nitz, der 14 Tage zuvor erschien. Titel: „Eine linke sozia­lis­ti­sche Par­tei kann nicht bei der Kri­tik der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft ste­hen­blei­ben. Neben Aktio­nen bedarf’s auch alter­na­ti­ver Kon­zepte“. Klaus Stei­nitz ant­wor­tete sei­ner­seits auf einem Text von Sonja Kem­nitz und Tho­mas Kuczyn­ski, die zu einer damals exis­tie­ren­den, schlicht „Strö­mung“ genann­ten PDS-​​Störmung gehör­ten. Diese for­der­ten damals die Ein­be­ru­fung eines Par­tei­ta­ges um „Grund­fra­gen unse­res Partei-​​ und Poli­tik­ver­ständ­nis­ses“ zu dis­ku­tie­ren. Sie selbst plä­dier­ten – statt der Erset­zung der Ana­lyse poli­ti­scher und gesell­schaft­li­cher Ver­hält­nisse durch ein Den­ken in Rechts­ka­te­go­rien – für ein Poli­tik­ver­ständ­nis, daß die ‚eigene Logik sozia­ler Erup­tio­nen’ berück­sich­tigt. Dem hielt Klaus Stei­nitz seine For­de­rung nach „Kon­zep­ten“ ent­ge­gen. – Die Über­schrift des Tex­tes von Kemnitz/​Kuczynski lau­tete: „Das Ende des Real­so­zia­lis­mus in der UdSSR, die Auf­lö­sung der KPdSU und die orga­ni­sierte Linke in Deutsch­land. Sechs Tage, die die Welt erschüt­ter­ten“.
In diese Debatte inter­ve­nierte damals der fol­gende Text. Mag auch die Begriff­lich­keit von „
Sturz des bür­ger­li­chen Staa­tes“ in dem vor­an­ge­stell­ten Zitat sowie von „revolutionäre[r] Macht­über­nahme“ zahl­rei­che wei­ter­rei­chende Fra­gen impli­zie­ren, so ist die Frage nach einer lin­ken Poli­tik, die sich nicht auf das Ver­wal­ten – seien es von bür­ger­li­chen oder real­so­zia­lis­ti­schen – Staa­ten beschränkt, heute nicht weni­ger aktu­ell als damals.

Ant­wor­ten auf Fra­gen von Klaus Stei­nitz

Trans­for­ma­tion oder Revo­lu­tion?

Eine kom­mu­nis­ti­sche Par­tei kann nie­mals in die Regie­rung eines bür­ger­li­chen Staa­tes ein­tre­ten (auch wenn diese Regie­rung eine ‚linke’ Regie­rung der Volks­ein­heit ist, ent­schlos­sen demo­kra­ti­sche Refor­men durch­zu­füh­ren), um die Ange­le­gen­hei­ten eines bür­ger­li­chen Staa­tes zu „ver­wal­ten“. Sie tritt ihr allen­falls bei, um den Klas­sen­kampf zu ver­stär­ken und um den Sturz des bür­ger­li­chen Staa­tes vor­zu­be­rei­ten. Aber sie kann auch nicht in eine Regie­rung der Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats ein­tre­ten in der Annahme, daß es ihre eigent­li­che Auf­gabe sei, die Ange­le­gen­hei­ten die­ses Staa­tes zu „ver­wal­ten“, obwohl sie des­sen Abster­ben und des­sen Ende vor­be­rei­ten muß.
Louis Alt­hus­ser 1976

Klaus Stei­nitz fragt im ND-​​Forum vom 21./22. Sep­tem­ber nach der Kri­tik der neuen PDS-​​Strömung an Gysis Trans­for­ma­ti­ons­kon­zept sowie an dem dort beschlos­se­nen wirt­schafts­po­li­ti­schen Sofort­pro­gramm. Nun sind nicht die Strö­mung und auch nicht Mit­glied der Strö­mung. Denn anders als diese sind wir, Genos­sen vom West­ber­li­ner PRO­jekt WOchen­zei­tung (PROWO), die wir vor über einem Jahr begon­nen hat­ten, in auch orga­ni­sa­ti­ons­po­li­ti­schen Bezug zur PDS zu tre­ten, zu der Ein­sicht gelangt, daß die PDS in ihrer gro­ßen Mehr­heit nicht bereit und/​oder in der Lage ist, mit ihrer Tra­di­tion als Staats­par­tei kon­se­quent zu bre­chen (PROWO 16, S. 4; PROWO 17, S. 7). Arti­kel wie die von Stei­nitz bestä­ti­gen dies. Dies schließt ein, daß es bei einer Min­der­heit in der PDS anders ist und daß die kon­tro­verse Dis­kus­sion über die Per­spek­ti­ven lin­ker Poli­tik wei­ter­hin not­wen­dig ist. Dies vor­aus­ge­setzt, wol­len wir aus unse­rer Sicht auf Klaus Stei­nitz’ Fra­gen ant­wor­ten. Wir fol­gen dabei der Dar­stel­lung der PDS-​​Mehrheits-​​Position in sei­nem Arti­kel.

[I. Zum Recht auf Arbeit]

Ein zen­tra­les Ele­ment der wirt­schafts­po­li­ti­schen Kon­zep­tion der PDS ist die For­de­rung nach dem Recht auf Arbeit. Ein tat­säch­lich ein­klag­ba­res Recht auf Arbeit kann damit nicht gemeint sein. Denn dies würde den sofor­ti­gen Tod jeder kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaft bedeu­ten (Geil/​Günther, in: Mar­xis­ti­sche Blät­ter Sept./Okt. 1978, 77 [79]). Denn um Ratio­na­li­sie­run­gen durch­füh­ren zu kön­nen bedarf sie der Mög­lich­keit, Arbei­te­rIn­nen zu ent­las­sen. Und die Kon­kur­renz auf dem Arbeits­markt ist not­wen­dig, damit die Lohn­for­de­run­gen nicht allzu sehr die Pro­fite tan­gie­ren. Des­halb bleibt es in der ver­fas­sungs­po­li­ti­schen Pra­xis bloß bei einem abs­trak­ten ‚Bekennt­nis’ zum Recht auf Arbeit, wäh­rend an kon­kre­ten Rechts­re­ge­lun­gen allen­falls eine soziale Absi­che­rung für den Fall, daß das Recht auf Arbeit – erwar­tungs­ge­mäß – nicht rea­li­siert wer­den kann, nor­miert wird. Ver­bun­den ist dies dann noch mit einer Ver­pflich­tung des Staa­tes auf eine Poli­tik der „Voll­be­schäf­ti­gung“ (s. für die Ver­fas­sungs­dis­kus­sion in der Ex-​​DDR: Riege/​Berg, in: UTO­PIE krea­tiv Vol. 13, Sept. 1991, 20; vgl. für [West]berlin Art. 12 der jetzt in ganz Ber­lin gel­ten­den Ver­fas­sung). Wenn diese kon­krete Aus­beute mit der For­de­rung nach einem Recht auf Arbeit gemeint ist, dann sollte das auch so deut­lich gesagt wer­den und nicht das Blaue vom Him­mel ver­spro­chen wer­den. Bes­ten­falls ist eine der­ar­tige Pro­pa­ganda nutz­los – sehr wahr­schein­lich ist aber, daß sich die zwangs­läu­fig ein­tre­tende „Ent­täu­schung (…) gegen die­je­ni­gen wen­det, die jene Illu­sio­nen auf­ge­baut haben“ (Peter Römer, in: Demo­kra­tie und Recht 1986, 16 [22]). Ein prak­ti­sches Bei­spiel dafür ist die „sozialistisch-​​kommunistische“ Regie­rung in Frank­reich in der ers­ten Hälfte der 80er Jahre. Nach­dem deren Reform­hoff­nun­gen an Kapi­tal­flucht und Inves­ti­ti­ons­streik zer­bro­chen waren, gab es einen mas­si­ven Rechts­ruck in der Bevöl­ke­rung – nicht nur zurück zu den alten bür­ger­li­chen Regie­rungs­par­teien, son­dern zur faschis­ti­schen Front Natio­nal. Selbst Lucien Sève, der Ideo­loge des huma­nis­ti­schen KPF-​​Kurses mußte nach dem Bruch der Koali­tion mit den „Sozia­lis­ten“ fest­stel­len, daß „die Abgren­zung zwi­schen sozia­lis­ti­scher und kom­mu­nis­ti­scher Poli­tik in den Köp­fen vie­ler Arbei­ter nicht genü­gend deut­lich (ist). Es herr­schen zu viele Illu­sio­nen über den Cha­rak­ter des Sozi­al­de­mo­kra­tis­mus.“ (Düs­sel­dor­fer DEBATTE 4/​1984, 23 [25]). Von die­ser Krise hat sich die KPF nie mehr erholt.
Das heißt nicht, daß Rechts­for­de­run­gen prin­zi­pi­ell abzu­leh­nen sind. Dafür sind aber zwei Vor­aus­set­zun­gen wich­tig: 1. Sie dür­fen keine Illu­sio­nen schü­ren. 2. Sie müs­sen im Falle ihrer Durch­set­zung eine reale Kampf­po­si­tion für die Unter­drück­ten bedeu­ten. Ein Recht auf Arbeit bedeu­tet aber nicht ein­mal ein zusätz­li­ches Argu­ment (denn im Prin­zip sind ja alle für die Besei­ti­gung der Erwerbs­lo­sig­keit), geschweige denn eine Kampf­po­si­tion (Geil/​Günther, a.a.O., 80).

[II. Ver­staat­li­chung sozia­ler Bewe­gun­gen?]

Abge­stützt wer­den soll das Recht auf Arbeit nach Klaus Stei­nitz mit Gysis „Trans­for­ma­ti­ons­kon­zept“. Der Name ist kein Zufall, denn es geht um eine „schritt­weise Ver­än­de­rung“ (K. St.) – also nicht ein­mal Über­win­dung! – des Kapi­ta­lis­mus. Gedacht wird dies als bruch­lo­ser Pro­zeß von immer mehr Demo­kra­ti­sie­rung. Das ganze läuft heute unter dem Stich­wort „Insti­tu­tio­na­li­sie­rung von Gegen­mäch­ten“ (Gysi), also Ver­staat­li­chung von sozia­len Bewe­gun­gen. Der­ar­tige Bei­spiele zei­gen prak­tisch, daß die PDS ent­ge­gen ihrem Anspruch immer noch nicht mit ihrer Ver­gan­gen­heit als Staats­par­tei gebro­chen hat. Statt auf eine klassen-​​ und staats­lose Gesell­schaft zu ori­en­tie­ren und in die­ser Per­spek­tive heu­tige Poli­tik zu betrei­ben, ist die PDS schon wie­der mit­ten dabei, den nächs­ten Staat zu ver­voll­komm­nen. Dies kann machen, wer/​welche den Kampf zwi­schen Herr­schen­den und Beherrsch­ten als Trieb­kraft des Fort­schritts ersetzt durch gemein­sa­men ‚guten Wil­len’ von Unter­drü­ckern und Unter­drück­ten. Wer/​welche dies macht, muß in der Tat eine Ant­wort auf die libe­rale Frage nach dem klas­sen­in­dif­fe­rent gedach­ten ‚Span­nungs­ver­hält­nis von Staat und Gesell­schaft’ haben und mög­lichst viele Wah­len, Abstim­mun­gen, Insti­tu­tio­nen, Gre­mien etc. vor­schla­gen – sonst kom­men die Leute noch auf dumme-​​schlaue Gedan­ken und neh­men ihre Inter­es­sen in die eige­nen Hände. Mit mate­ria­lis­ti­scher (= wis­sen­schaft­li­cher) Geschichts­auf­fas­sung sowie sozia­lis­ti­scher Poli­tik hat das aller­dings nichts mehr zu tun. Des­halb wäre es kon­se­quent, würde gleich auch noch vor­ge­schla­gen wer­den, das S im Par­tei­kür­zel durch ein L zu erset­zen.
Wir wol­len diese Kri­tik an einem kon­kre­ten Bei­spiel aus Gysis Refe­rat deut­lich machen, das auch Klaus Stei­nitz in sei­nem Arti­kel erwähnt: Gysis Vor­schlag, eine dritte Stimme für Bür­ge­rIn­nen­an­lie­gen ein­zu­füh­ren. „Ent­spre­chend den Abstim­mungs­er­geb­nis­sen erhiel­ten die Mehr­heits­the­men dann unab­hän­gig von par­la­men­ta­ri­scher Par­tei­en­herr­schaft einen bestimm­ten Pro­zent­satz aus dem Staats­haus­halt, des­sen Ver­fü­gung in die Hände von ent­spre­chen­den Bewe­gun­gen gege­ben wer­den könnte“ (Gysi). Wel­che Grup­pen wer­den denn als Sach­wal­te­rIn­nen für wel­che The­men aner­kannt? Wie wird das Geld auf die jewei­li­gen Grup­pen auf­ge­teilt? Wie wer­den die The­men­ge­biete geschnit­ten? Diese wesent­li­chen Fra­gen wer­den vor und nach der Abstim­mung ent­schie­den. Gysis Vor­schlag läuft also auf Schein-​​Demokratie hin­aus.
Ähnli­ches gilt für Gysis Vor­schlag Betroffenen-​​Parlamente zu schaf­fen (wieso nicht auch ein UnternehmerInnen-​​Parlament?!) und diese zu einer stän­di­schen drit­ten Kam­mer zusam­men­zu­fas­sen.
Die zen­trale Prä­misse all die­ser Vor­schläge scheint – genauso wie bei dem unten zu behan­deln­den Wunsch der PDS, zu jeder Frage „Kon­zepte“ vor­zu­le­gen – zu sein, daß die Regie­rungs­pra­xis als Pro­blem unzu­rei­chen­der Infor­miert­heit und Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung ver­stan­den wird. Die ein­zi­gen die in der „Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft“ nicht infor­miert zu sein schei­nen, sind die Regie­ren­den. Ist es wirk­lich so wahr­schein­lich, daß Kohl und Co. nichts über Arbeits­lo­sig­keit und Woh­nungs­not, Frau­en­un­ter­drü­ckung und Ras­sis­mus wis­sen? Ist es nicht eher wahr­schein­lich, daß diese Pro­bleme unter den herr­schen­den Ver­hält­nisse zumin­dest nicht dau­er­haft zu lösen sind? Und daß es Herr­schafts­in­ter­es­sen gibt, genauso diese Ver­hält­nisse auf­recht­zu­er­hal­ten?

[III. Wer ist denn hier rea­lis­tisch?]

Beglei­tet wer­den sol­len das Recht auf Arbeit sowie Gysis Trans­for­ma­ti­ons­kon­zept von dem Wort-​​Ungetüm „aktive Industrie-​​, Struktur-​​ und Beschäf­ti­gungs­po­li­tik“ (K. St.). Zum einen wie­der­holt sich hier ein Feh­ler, den wir schon oben zum Recht auf Arbeit ange­spro­chen habe: Es wer­den Hoff­nun­gen geweckt, die die PDS nicht ein­hal­ten kann (denn die Macht­frage [Gren­zen der Umver­tei­lung] wird außer acht gelas­sen): Klaus Stei­nitz betrach­tet wirt­schafts­po­li­ti­sche „Kon­zepte“ der PDS nicht für die Kom­mu­nen, son­dern auch für „die Bun­des­ebene, spe­zi­ell die ost­deut­schen Bun­des­län­der,“ als not­wen­dig. Auch damit nicht genug: Die PDS soll „kon­krete Vor­schläge“ machen für die „Poli­tik der west­li­chen Indus­trie­län­der“ und deren Bezie­hun­gen zur sog. Drit­ten Welt, ja die ganze Welt­wirt­schaft soll „demo­kra­ti­siert“ wer­den. Und zwar all dies mit der Maß­gabe, „eine wirt­schaft­li­che, soziale und ökolo­gi­sche Per­spek­tive auf(zu)zeigen“ – nur der Kapi­ta­lis­mus soll dabei nicht über­wun­den, son­dern allen­falls „ver­än­dert“ wer­den. Wer ist denn hier rea­lis­tisch? Klaus Stei­nitz, der in sei­nem Bei­trag Rea­lis­mus ein­klagt? Oder die­je­ni­gen, die dar­auf hin­wei­sen, daß der PDS für der­ar­tige Global-​​Konzepte sowohl die theo­re­ti­sche als auch gesellschaftlich-​​machtpolitische Grund­lage fehlt?
Diese Schwie­rig­kei­ten wer­den von der PDS in ihren Wirt­schafts­pro­gram­men mit Pseudo-​​Wissenschaftlichkeit und objektivistisch-​​moralisierenden For­de­run­gen – ver­meint­lich – über­sprun­gen. Es ist doch absurd, wenn die PDS der Bun­des­re­gie­rung immer wie­der vor­wirft, sie habe „kein Kon­zept“. Selbst­ver­ständ­lich hat die Bun­des­re­gie­rung eins – nur ein ande­res als die PDS. (Dabei ist es eben­falls falsch – wie es aber in imma­nen­ter Wider­sprüch­lich­keit gleich­falls von der PDS gemacht wird –, der Bun­des­re­gie­rung eine bewußte Zer­stö­rung der Indus­trie­stand­orte in der Ex-​​DDR vor­zu­wer­fen. Dies mag aus politisch-​​ideologischen Grün­den für wis­sen­schaft­li­che und kul­tu­relle Ein­rich­tun­gen gel­ten. Aber Betriebe, mit denen noch Pro­fite gemacht wer­den kön­nen, läßt das Kapi­tal nicht vor die Hunde gehen. Auch spricht nichts dafür, daß sich die BRD als füh­rende impe­ria­lis­ti­sche Macht nach ita­lie­ni­schem Vor­bild einen stän­di­gen Unru­he­herd im eige­nen Land leis­ten will. Viel­mehr las­sen sich das BRD-​​Staat und -Kapi­tal ‚Ruhe und Ord­nung’ im Osten jede Menge kos­ten – und die sozi­al­staat­li­che Inte­gra­tion funk­tio­niert.) Des­halb würde die PDS, wenn sie in die Ver­le­gen­heit käme, ihre Vor­stel­lun­gen in der Regie­rung umset­zen zu müs­sen, sehr schnell von ihren pro­gram­ma­ti­schen Höhen­flü­gen wie­der zurück auf den Boden der Tat­sa­chen kom­men. … und Klaus Stei­nitz & Co. wären ver­mut­lich die ers­ten, die von den alten Pro­gram­men nichts mehr wis­sen wol­len wür­den.
Am kon­kre­ten Bei­spiel: Die PDS hat in Ber­lin im Wahl­kampf – auf der Grund­lage eines „wis­sen­schaft­li­chen Gut­ach­tens“ – 350.000 neue Arbeits­plätze ver­spro­chen. Hät­ten es nicht – mit etwas mehr Beschei­den­heit – auch 250.000 oder – nach dem Motto „Viel hilft viel“ – auch 450.000 neue Arbeits­plätze sein kön­nen?!
Ein letz­ter – bereits ange­deu­te­ter – Aspekt dazu: Da die PDS Herr­schafts­in­ter­es­sen und Inter­es­sens­ge­gen­sätze außer acht läßt und immer nur auf der Ebene der bes­se­ren Kon­zepte und bes­se­ren Argu­mente agiert, wer­den die sub­jek­ti­ven – und meist kraft­lo­sen – Wün­sche der PDS in objek­ti­vis­ti­sche For­mu­lie­run­gen gegos­sen: Im wirt­schafts­po­li­ti­schen Par­tei­tags­be­schluß wim­melt es nur so vor For­mu­lie­run­gen wie „Es geht um…“ (47), „Unab­ding­bare Vor­aus­set­zun­gen … sind…“ (48 f.), „Es darf nicht zuge­las­sen wer­den…“ (50) usw. usw. (zit. n. Reden, Beschlüsse, Doku­mente. 2. Par­tei­tag. 2. Tagung).

[IV. Theo­re­ti­sche reflek­tierte Kampf­fä­hig­keit als Kri­te­rium für All­tags­kämpfe und Reform­for­de­run­gen]

So zei­gen dann die kon­kre­ten Vor­schläge von Stei­nitz, daß sein abs­trak­tes ‚Bekennt­nis’ zur Selbst­or­ga­ni­sie­rung fol­gen­los bleibt. Aller­dings müs­sen wir gleich dazu­sa­gen – und das ist auch eine Kri­tik an der neuen PDS-​​Strömung –, daß jede Selbst­or­ga­ni­sie­rung, jeder Frei­raum und jede Gegen­macht für sich allein genom­men in einem gra­dua­lis­ti­schen Reform­pro­jekt befan­gen bleibt. Eine sinn­volle Stra­te­gie für den Weg zu einer sozia­lis­ti­schen Gesell­schaft stellt die­ses Kon­zept nur daran, wenn es unter dem Pri­mat der revo­lu­tio­nä­ren Macht­über­nahme dis­ku­tiert wird.
Die revo­lu­tio­näre Macht­über­nahme ist selbst­ver­ständ­lich keine Tages­lo­sung. Aber: „Man sollte die Wider­stände im Bewußt­sein der abhän­gig Beschäf­tig­ten ernst neh­men. Das Miß­trauen gegen­über poli­ti­schen Pro­gram­men und Uto­pien bedeu­tet auch, dem allzu leich­ten Weg, den glät­ten­den Ver­spre­chun­gen, dem lau­ten Opti­mis­mus derer zu miß­trauen, die mei­nen, die Rea­li­tät mache mut­los, des­halb müsse sie für die Masse geschminkt wer­den. Der Arbei­ter­klasse ist in ihrer Geschichte allzu häu­fig der Unter­gang des Kapi­ta­lis­mus, ihre Unbe­sieg­bar­keit – oder in der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Vari­ante – die fried­li­che Unter­wan­de­rung des Kapi­ta­lis­mus durch Mit­be­stim­mung, Gemein­wirt­schaft und staat­li­che Pla­nung vor­aus­ge­sagt wor­den.“ (Fran­ziska Wiet­hold, in: Düs­sel­dor­fer Debatte 2/​1985, 21 [29]).
Unter dem Pri­mat der revo­lu­tio­nä­ren Macht­über­nahme las­sen sich dann auch sinn­volle Kri­te­rien für Reform­po­li­tik ent­wi­ckeln: Sie muß zur Erhö­hung der Selb­stän­dig­keit, der Bewußt­heit und der Kampf­fä­hig­keit der klas­sis­tisch, sexis­tisch und ras­sis­tisch Unter­drück­ten bei­tra­gen. „Nur durch diese Tak­tik machen wir die stets halb­schläch­ti­gen, stets heuch­le­ri­schen, stets mit bür­ger­li­chen oder poli­zei­li­chen Fuß­an­geln aus­ge­stat­te­ten Refor­men von oben unschäd­lich. Mehr noch. Nur durch diese Tak­tik brin­gen wir den Kampf um ernste Refor­men wirk­lich vor­wärts. (…) die Tak­tik der Refor­mis­ten gewähr­leis­tet die Durch­füh­rung von Refor­men und ihre Rea­li­tät am schlech­tes­ten. (…) In der Pra­xis wer­den die Refor­men eben durch den revo­lu­tio­nä­ren (…) Kampf, seine Selb­stän­dig­keit, seine mas­sierte Kraft, seine Hart­nä­ckig­keit erzwun­gen“ (LW 4, 55 [57 f.]).

Teile der PROWO-​​Redaktion

[Über­schrif­ten in ecki­gen Klam­mern nach­träg­lich hin­zu­ge­fügt. DGS 01.07.2009]

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