Den Reader hatte ich im Frühjahr 1995 für meinen seinerzeitigen politischen Zusammenhang aus Anlaß des damaligen Autonomie-Kongresses (Ostern 1995) zusammengestellt. Da wir uns dann mit anderen Themen in den Kongress einbrachten, blieb der Reader damals unveröffentlicht. Auch das im Inhaltsverzeichnis erwähnte Vorwort wurde nicht geschrieben.

Der Reader enthielt folgende Texte:

I. Autonome Politik
Ich sag‘, wie’s ist, aus: interim Nr. 26 – 28, 28.10., 04.11. und 11.11.1988

II. Autonome Ökonomie
1. Das reformistische Schaf im autonomen Wolfspelz – Autonome Theorie(n) zwischen vorkapitalistischer Idylle und spätkapitalistischem Reformismus, in: Revolutionäre Sozialisten (Hg.), Oktober Nr. 25, Sept. 1988.
2. Ein Leser, Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten! Anmerkungen zu Res Strehles „Einführung in die politische Ökonomie“ (Herbst 1991) – Originalbeitrag -

III. Autonomer Feminismus
1. Ilse Lenz, Subsistenzproduktion, Moderne und Freiheit. Einige Thesen, in: Frauen & Ökologie. Gegen den Machbarkeitswahn, Kölner Volksblatt Verlag, 1987, 71 – 74.
2. Steffi Engert, (Grün-)Feministische Postmoderne – oder Krise als Chance, in: Grün-Alternatives Jahrbuch, Kölner Volksblatt Verlag, 1988, 223 – 230.

IV. Autonome Philosophie
Frank Schöbel, Ein Kessel Rotes, aus: interim Nr. 174, 19.12.1991, S. 38 – 39.

Wie unschwer zu erkennen sein dürfte, ist der Text zu Res Strehles Buch im Kontext meiner Kurz-Rezension des fraglichen Buches im Neuen Deutschland und meines für die PROWO mit dem Autor geführten Interviews entstanden. Da ich nur noch eine Datei mit zerschossenem Layout besitze, gibt es auch von diesem Text erst einmal nur eine .pdf-Bild-Datei sowie eine .html-Version weitgehend ohne Formatierung, die aber (im Ggs. zur Bilddatei) zumindest durchsuchbar ist.
Bei dem in dem Text erwähnten Papier zur Kritik der Kategorie der „Entfremdung“ sowie zum „epistemologischen Bruch“ im Werk von Marx handelt es sich um diesen Text.
Beim – eher flüchtigen – erneuten Lesen meines Textes ist mir ansonsten jetzt noch diese Stelle aufgefallen: Auf S. 9 schreibe ich:

„Nicht durchgreifend ist leider auch die auf den ersten Blick interessante These, den spezifischen Charakter der Ware Arbeitskraft (die im Produktionsprozeß nicht nur ihren eigenen Wert überträgt, sondern Mehrwert schafft) damit zu erklären, daß sie im wesentlichen nicht lohnarbeitsförmig, sondern – im Patriarchat im wesentlichen von Frauen – kostenlos (re)produziert wird (40 f.). […]. Solange diese Arbeiten außerhalb des Lohnarbeitsverhältnisses geleistet werden drücken sie ’sich nicht in Geld aus‘ und sind ’somit wertlos‘ (Wert ist hier keine moralische, sondern eine ökonomische Kategorie).“

Dieses „kostenlos“ hat mich jetzt doch stark irritiert. Ich habe das Buch z.Z. nicht greifbar, kann also nicht nachschlagen, ob Res selbst auf S. 40 wörtlich von „kostenlos“ sprich; von S. 95 des Buches zitiere ich jedenfalls auf S. 7 meines Textes wörtlich Res‘ Worte „unbezahlte Hausfrauenarbeit“.
Dazu möchte ich jetzt noch folgendes anmerken: Zwar trifft zu, daß Hausarbeit nicht als Arbeit in Form eines Lohnes bezahlt wird. – Allerdings gewährt das (deutsche) bürgerlich-patriarchale Eherecht EhepartnerInnen bekanntlich gegeneinander (und entsprechendes gilt mittlerweile für gleichgeschlechtliche eingetragene LebenspartnerInnen) einen Unterhaltsanspruch (im Falle von Bedürftigkeit auf der einen und Zahlungsfähigkeit auf der anderen Seite).
Die Unterhaltszahlungen, die im Patriarchat – aufgrund der geschlechtsspezifischen Aufteilung von Lohn- und Hausarbeit sowie der Frauenlohndiskriminierung im Bereich der Lohnarbeit – üblicherweise von Männer an Frauen geleistet werden, sind nicht „versteckt“, sondern drücken sich ganz offfen „in Geld aus“. Diese Unterhaltszahlungen gehen in den durchschnittlichen Wert männlicher und weiblicher Arbeitskraft ein: Der Lohn für männliche Lohnarbeit ist (traditionellerweise) ein Familienernährer-Lohn, während der Lohn für Frauenrbeit (traditionellerweise) ein ‚Dazuverdienst‘ ist. Dies ändert nichts daran, daß auch männliche Arbeitskraft mehrwertproduzierend ist. – Zu den Veränderungen, die z.Z. im Rahmen neoliberaler Familienpolitik eintreten, werde ich in einen separaten Beitrag eingehen.
Wenn Res nun (und die Autorinnen, auf die er sich bezog) in seinem Buch davon sprach, daß Hausfrauenarbeit „unbezahlt“ sei, dann kann entweder nur gemeint,
-- daß a) Unterhaltszahlungen juristisch kein Lohn sind.
oder
-- daß b) die üblichen Unterhaltszahlungen in Anbetracht des Umfangs und der Wichtigkeit von Hausarbeit unangemessen niedrig sind.

Beides kann aber Res‘ These, daß die unbezahlte Hausarbeit die wahre Quelle des Mehrwerts sei, nicht stützen.

► Daß a) (also die juristische Differenz zwischen Lohn und Unterhalt) – aufgrund des üblicherweise gezahlten männlichen Familienernährer-Lohns – werttheoretisch unproblematisch ist, hatte ich gerade schon gezeigt: Um die vorhandene (männliche) Arbeitskraft zu reproduzieren, ist nicht nur das erforderlich, was die jeweilige Person unmittelbar konsumiert, sondern darüber hinaus,
aa) die damit zusammenhängende Reproduktionsarbeit (Einkaufen, Zubereiten, Abwaschen etc.), und soweit dies Kosten verursacht (Unterhalt, familienexterne Dienstleistungen), geht dies in den Wert der auf diese Weise reproduzierten Arbeitskraft ein,
und
bb) die Produktion von Ersatzarbeitskräften (Kindern) für den Todes- bzw. Verrentungsfall.
Das alles (die Unterhaltszahlungen an die Familienangehörigen und die Kosten des Einkaufs von Lebensmitteln etc.) gehen (auch) im patriarchalen Kapitalismus in den Wert durchschnittlicher männlicher Arbeitskraft ein. Hier ist nichts versteckt oder geheimnisvoll oder besonders erklärungsbedürftig. Hier reicht Marx‘ Werttheorie vollständig.

► Und hinsichtlich Punkt b) – also hinsichtlich der Unterbezahlungs-These, also der These, daß quasi nur ein Teil der Hausarbeit in Form von Unterhalt bezahlt werde und der Rest aber unbezahlt sei – gilt weiterhin, das in meinem ursprünglichen Text Ausgeführte: Soweit tatsächlich keine Kosten für die Reproduktion der Arbeitskraft entstehen, gehen diese ersparten ‚Kosten‘ logischerweise auch nicht in den Wert der Arbeitskraft ein. Res (und die Autorinnen, auf die er sich bezog) sag(t)en nun aber: Doch, diese ersparten ‚Kosten‘ gehen sehr wohl in den Wert der (männlichen) Arbeitskraft ein, aber ‚versteckt‘: Die männliche Arbeitskraft sei – aufgrund der in sie eingehenden unbezahlten Reproduktionsarbeit von Frauen – in Wirklichkeit mehr wert als dies auf dem Markt erscheine (das Kapital erstatte nur die tatsächlichen, geldlichen Reproduktionskosten, aber nicht die unbezahlten Reproduktionsleistungen, die aber in die Leistungsfähigkeit der männlichen Arbeitskraft eingingen). Daß sei nun die Quelle des Mehrwertes: Daß Kapital bekomme mehr als es bezahle, weil es nicht nur den Wert der Reproduktionskosten, sondern auch den Wert der unbezahlten Reproduktionsleistungen bekomme.
Dagegen greifen nun weiterhin meine beiden Einwände in meinem ursprünglichen Text durch:

1. „Wenn es richtig wäre, daß der Mehrwert nur dadurch entsteht, daß ein Teil des Wertes der Ware Arbeitskraft in der kostenlosen Reproduktionsarbeit von v.a. Frauen versteckt ist , würde dies bedeuten, daß es sich real gar nicht um Mehrwert handeln würde. Die Ware Arbeitskraft wäre dann tatsächlich eine Ware wie jede andere, würde nur ihren eigenen tatsächlichen Wert übertragen. Am Ende eines Produktionszyklus stände der gleiche Werte wie am Beginn. ‚Der Mehrwert wäre dann rein nominell, (…) eine bloße Phrase.‘ Frauen würden tatsächlich nicht für die Männer, sondern für das Kapital arbeiten – und: es gäbe keine erweiterte Reproduktion (jetzt im marxschen Sinne verstanden). Die erweiterte Reproduktion, die ständige (zyklenübergreifende) Ausweitung der Menge der vorhandenen Güter, ist aber eine unbestreitbare Realität. […]. Solange diese [jetzt im feministischen Sinne: Reproduktions-] Arbeiten außerhalb des Lohnarbeitsverhältnisses geleistet werden drücken sie ’sich nicht in Geld aus‘ und sind ’somit wertlos‘ (Wert ist hier keine moralische, sondern eine ökonomische Kategorie). Sie kommen nicht dem Kapital, sondern den Männern zugute.“

(Ich hatte schon damals zur Vermeidung etwaiger Mißverständnisse hinsichtlich letzten Satzes vorsichtshalber hinzugefügt: „Damit ist nicht gesagt, daß die Kommerzialisierung von Hausarbeit automatisch das Patriarchat untergräbt.“)

2. „selbst wenn die These richtig wäre, daß der Mehrwert der (m.E.: zwar nicht in den Wert, aber) in die Leistungsfähigkeit der Arbeitskraft eingehenden unbezahlten Hausarbeit entspräche, wäre damit noch nicht erklärt, warum letztere von Frauen geleistet wird. Res äußert sich dazu nicht.“ -

Die anderen Texte in dem Reader habe ich jetzt nicht noch einmal erneut gelesen. Da ich sie aber Ende der 80er und in den 90er Jahren jeweils mehrfach mit Gewinn gelesen habe, sind sie vielleicht für den einen oder die andere, die sie noch nicht oder nicht mehr kennen, vielleicht von Interesse – sei es bspw. im Kontext des Autonomen Kongresses, der vom 09. – 11.10.2009 in Hamburg stattfinden wird, oder im Rahmen der von der radikal angestoßen neuen Organisierungsdebatte (vgl. die hiesige Rezensions-Reihe vom 07.08., 09.08. und 10.08.).

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