Archiv der Kategorie 'Wissenschaftstheorie'

Contra sog. „Praxisrelevanz“ der Wissenschaft

Aus gege­be­nem Anlaß, End­note 1 aus http://​nbn​-resol​ving​.de/​u​r​n​:​n​b​n​:​d​e​:​0​1​6​8​-​s​s​o​a​r​-​70305:

Frü­her wurde die Kri­tik an der angeb­li­chen ‚Pra­xis­ferne‘ der Theo­rie und der Abs­trakt­heit der Wis­sen­schaf­ten, am ana­ly­ti­schen, d.h. zer­le­gen­den, Den­ken – zumin­dest von den­je­ni­gen, die diese Kri­tik damals geführt hat­ten – als ‚links‘ und ‚eman­zi­pa­to­risch‘ ver­stan­den (s. unten die Bemer­kun­gen zum Hegel-​​Marxismus und der Frank­fur­ter Schule sowie Schött­ler 1988a, 176 mit FN 101 zur ‚eman­zi­pa­to­ri­schen Geschichts­wis­sen­schaft‘). Wie diese Posi­tion mitt­ler­weile von der neo-​​liberalen ‚Neuen Mitte‘ assi­mi­lierte wurde, deren Haupt­sorge ist, dem Dik­tat ‚des Mark­tes‘ zu fol­gen, zeigt bspw. eine Rede der sei­ner­zei­ti­gen baye­ri­schen SPD-​​Landtagsfraktions-​​Vorsitzenden und jet­zi­gen Bun­des­frau­en­mi­nis­te­rin, Renate Schmidt, die sie 1997 im Baye­ri­schen Land­tag unter dem Titel „Den ‚Roh­stoff Geist‘ ver­edeln!“ 1997 gehal­ten hat. In einer Zwi­schen­über­schrift pos­tu­liert sie: „An einem ganz­heit­li­chen Bil­dungs­we­sen arbei­ten!“ Dabei gehe es um ‚Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät‘ und die „Ver­zah­nung [des Bil­dungs­we­sens] mit der Technologie-​​, Wirtschafts-​​ und Beschäf­ti­gungs­po­li­tik, also um jene Fel­der, auf denen sich das Schick­sal des Stand­orts Deutsch­land und sei­ner Men­schen ent­schei­den wird. […]. Dafür ist es not­wen­dig, Bar­rie­ren und Berüh­rungs­ängste zwi­schen Theo­rie und Pra­xis, zwi­schen den Bil­dungs­ein­rich­tun­gen und der Wirt­schaft abzu­bauen.“ (Hv. d. Vf​.In) Ein Inter­view mit dem Phy­sik­no­bel­preis­trä­ger Gerd Bin­nig zitie­rend treibt sie die Ver­nei­nung der theo­re­ti­schen Pra­xis wei­ter: „Die Uni­ver­si­tät ist dar­auf aus­ge­rich­tet, die Welt zu ver­ste­hen. Mich hat es immer fas­zi­niert, die Welt zu gestal­ten. Dar­auf wird an der Uni weni­ger Wert gelegt.“ „Es gibt selbst inner­halb der Uni­ver­si­tät eine Kluft zwi­schen Theo­rie und Pra­xis. Theo­re­ti­sche Phy­si­ker sagen über Expe­ri­men­tal­phy­si­ker: Ja, was ver­ste­hen die schon von der Phy­sik, die dre­hen nur am Knöpf­chen. Die Expe­ri­men­tal­phy­si­ker wie­derum glau­ben zum Teil, sie könn­ten nichts von der Indus­trie ler­nen. Unter­schied­li­che Dis­zi­pli­nen reden immer noch sehr zöger­lich mit­ein­an­der.“ Dar­aus schluß­fol­gert Schmidt um „im glo­ba­len Wett­be­werb [zu] beste­hen“, müs­sen „wir […] die Kluft zwi­schen Elfen­bein­turm [!] und Fließ­band über­win­den. Nur dann wer­den wir wie­der in der Lage sein, her­vor­ra­gende For­schung in ebenso her­vor­ra­gende und markt­fä­hige [!] Pro­dukte umzu­set­zen.“ Dafür „brau­chen [wir …] Durch­läs­sig­keit und Gemein­sam­keit.“ „Auch wenn man­che mit die­sem Begriff Pro­bleme haben mögen, unsere Hoch­schu­len sind Dienst­leis­tungs­un­ter­neh­men. Sie müs­sen ihr Ange­bot der Nach­frage anpas­sen […].“ „Des­halb tre­ten wir für ein Höchst­maß an Auto­no­mie und auch Wett­be­werb ein. Die Hoch­schule als Unter­neh­mer­ge­mein­schaft [!] wird für die nötige Trans­pa­renz sor­gen, man­gelnde Unter­richts­leis­tung nicht dul­den und als ‚Ren­dite‘ [!] her­vor­ra­gend aus­ge­bil­dete Absol­ven­ten haben.“ Des­halb „geht [es] nicht an, daß es mehr Alt­phi­lo­lo­gen […] gibt als Japa­neo­lo­gen, Sino­lo­gen und Indo­lo­gen. Wir brau­chen Fach­leute, die die ganze Welt begrei­fen und müs­sen uns die­sen Her­aus­for­de­run­gen stel­len.“ Denn letz­tere benö­ti­gen „wir“, um im – von Samuel P. Hun­ting­ton und mit ihm von Renate Schmidt beschwo­re­nen – „Kampf der Kul­tu­ren“ keine Macht­ver­luste zu erlei­den, und damit Län­der, die jetzt noch Peri­phe­rie sind, nicht zu „Hauptakteur[en] der Welt­po­li­tik“ wer­den. Renate Schmidt fragt: „In wel­cher Weise sind wir denn auf eine sol­che Ent­wick­lung geis­tig vor­be­rei­tet? Wer, wenn nicht an vor­ders­ter Stelle die Wis­sen­schaft, kann hier einen ent­schei­den­den Bei­trag leis­ten? Wel­che Rolle spie­len der­ar­tige Über­le­gun­gen eigent­lich an unse­ren Hoch­schu­len?“ Wis­sen­schaft soll laut Schmidt nicht ana­ly­sie­ren, son­dern nütz­lich sein für die Ver­tei­di­gung des ‚Modell Deutsch­lands‘. Des­halb ist ‚Pra­xis­ori­en­tie­rung‘ auch für die Geistes-​​ und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten gefor­dert, zwar nicht direkt bezo­gen auf ‚die Wirt­schaft‘ (das wäre viel­leicht auch dys­funk­tio­nal), wohl aber auf den Staat bezo­gen. Denn auch deren Auf­gabe hat nicht Ana­lyse (‚die Welt ver­ste­hen‘), son­dern ‚Pra­xis‘ (als ob ana­ly­sie­ren keine Pra­xis ist) – ‚Wer­te­ver­mitt­lung‘ – zu sein: „Den­noch, bei aller Not­wen­dig­keit von For­schung und der Anwen­dung neuer Tech­no­lo­gien hat die Poli­tik dafür zu sor­gen, daß Geistes-​​, Sozial-​​ und Rechts­wis­sen­schaf­ten nicht unter den Tisch fal­len. Gerade die heu­tige Zeit würde ohne sie und die von ihnen ver­mit­tel­ten Werte Gefahr lau­fen, unsere Demo­kra­tie, unser Gemein­we­sen zu gefähr­den.“ (Schmidt 1997 – alle Hv. + Anm. d. Vf​.In). –

Soll­ten ‚sie‘ (d.h. jenes „wir“, das Schmidts Rede spricht) tat­säch­lich auf jede Theo­rie ver­zich­ten oder sich mit den HandwerkerInnen-​​Theorien der ‚Prak­ti­ke­rIn­nen‘ beschei­den (was aber voll­stän­dig und dau­er­haft auch nicht so wahr­schein­lich ist) wird ihren Plä­nen aller­dings nicht all­zu­viel Erfolg beschie­den sein. Denn jede HandwerkerInnen-​​Theorie kommt frü­her oder spä­ter an ihre Grenze – näm­lich, wenn sie auf Pro­bleme stößt, die sie auf­grund ihres Ver­zichts auf Wis­sen­schaft­lich­keit nicht lösen kann (s. bspw. den Zusam­men­bruch der Lys­sen­ko­schen „Pro­le­ta­ri­schen Wis­sen­schaft“ in der Sowjet­union: „Die Tech­ni­ker der Land­wirt­schaft hat­ten Lys­senko zum Sieg ver­hol­fen: gestützt auf die weni­gen spek­ta­ku­lä­ren Erfolge, die er in der Agro­no­mie errin­gen konnte, hatte er sich einen Namen gemacht; […]. Und dies war auch der Ort, wo sich mit der Zeit sein Abstieg abzeich­nete: als die haar­sträu­ben­den Anwen­dun­gen der neuen Ver­er­bungs­theo­rie zu spek­ta­ku­lä­ren Fehl­schlä­gen geführt hat­ten, die sich nicht län­ger ver­ber­gen lie­ßen.“ [Lecourt 1976, 143]). ‚Die Pra­xis‘ mag sich dann zwar noch lange durch­wursch­teln kön­nen, ohne Kri­tik (d.h. ohne „reflektierte[s] Ver­hält­nis“ zu ihrer Theo­rie, s. End­note 5) bleibt sie aber „– ob sie es will oder nicht – den Wir­kun­gen ihrer Ursa­chen aus­ge­lie­fert“ (Lecourt 1976, 148), d.h. sie gerät in eine Krise, die zu ihrem Zusam­men­bruch füh­ren kann, falls es nicht zu einem theo­re­ti­schen Ein­schnitt kommt, der den tat­säch­li­chen Ursa­chen Rech­nung trägt.

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Zum Verhältnis von RechtsWISSENSCHAFT und RechtsPOLITIK

- aus Anlaß eines blog-​​Eintrages beim Beck-​​Verlag zum Thema „Min­dest­lohn“ -

Beim Blog des Beck-​​Verlages gab es am Diens­tag einen Vorab-​​Bericht von Prof. Dr. Chris­tian Rolfs (Uni­ver­si­tät Köln) über die arbeits-​​ und sozi­al­recht­li­che Abtei­lung des nächst­jäh­ri­gen Juris­tIn­nen­ta­ges. Prof. Dr. Rai­mund Wal­ter­mann von der Uni­ver­si­tät Bonn wird dort eines der übli­chen „Gut­ach­ten“ vor­le­gen und zwar zum Thema „Abschied vom Nor­mal­ar­beits­ver­hält­nis? Wel­che arbeits-​​ und sozi­al­recht­li­chen Rege­lun­gen emp­feh­len sich im Hin­blick auf die Zunahme neuer Beschäf­ti­gungs­for­men und die wach­sende Dis­kon­ti­nui­tät von Erwerbs­bio­gra­phien?“.
Rolfs erwar­tet nun, daß Wal­ter­mann als eine der zu tref­fen­den Rege­lun­gen einen Min­dest­lohn von 7,50 Euro/​Stunde emp­feh­len wird. Diese Posi­tion habe Wal­ter­mann bereits in einem Vor­trag bei der Arbeits­gruppe Euro­päi­sches und Inter­na­tio­na­les Arbeits-​​ und Sozi­al­recht (EIAS) des Deut­schen Arbeits­ge­richts­ver­band vor­ge­schla­gen: „Ein all­ge­mei­ner Min­dest­lohn erscheint aus rechts­wis­sen­schaft­li­cher Per­spek­tive auf die Dauer sinn­voll. Er müsste so hoch sein, dass er Wir­kung hat, und er dürfte nicht so hoch sein, dass er sich in die auf Pri­vat­au­to­no­mie und Tarif­au­to­no­mie gegrün­dete Arbeits­rechts­ord­nung nicht ein­fügt. Ein bei rund 7,50 Euro ange­sie­del­ter all­ge­mei­ner gesetz­li­cher Min­dest­lohn als Ant­wort auf das ent­stan­dene Funk­ti­ons­de­fi­zit des Tarif­ver­tra­ges könnte rich­tig zur Siche­rung der Unter­grenze sein“, so zitiert Rolfs die Bei­lage 3/​2009 (S. 110, 119) zur Neuen Zeit­schrift für Arbeits­recht, die im Hause Beck erscheint. Rolfs ver­mu­tet: „Man darf davon aus­ge­hen, dass er [Wal­ter­mann] diese These auch in sei­nem Gut­ach­ten zum DJT ver­tre­ten wird.“

User aloa5 machte beim Beck-​​blog fol­gen­den Ein­wurf:

„Ich frage mich ernst­haft was ein all­ge­mei­ner Min­dest­lohn – gar in einer fixen Grö­ßen­ord­nung – mit Rechts­wis­sen­schaft zu tun hat. Es wäre inter­es­sant die Her­lei­tung des­sen zu lesen. Ich schätze Mal: gar nichts. Aber das ist natür­lich nur eine Ver­mu­tung.“

Autor Rolfs ant­wor­tete dar­auf:

„Doch, das hat sehr viel mit Rechts­wis­sen­schaft zu tun. Zum Bei­spiel mit Sozi­al­staats­prin­zip (Art. 20 Abs. 3 GG), dem Ver­bot sit­ten­wid­ri­ger Löhne (§ 138 BGB) und der Schutz­ge­bots­funk­tion der Grund­rechte (Art. 1 Abs. 3 GG). Natür­lich sind 7,50 Euro eine ‚gegrif­fene Größe‘. Aber die (in der zitier­ten Bei­lage zu Heft 21/​2009 der NZA doku­men­tier­ten) Argu­mente von Herrn Wal­ter­mann erfül­len unzwei­fel­haft wis­sen­schaft­li­che Ansprü­che. Außer­dem ist es ja Auf­gabe des Deut­schen Juris­ten­ta­ges, rechts­po­li­ti­sche Vor­schläge zu ent­wi­ckeln. Und die müs­sen natur­ge­mäß über reine Rechts­dog­ma­tik hin­aus­ge­hen.“

Dies scheint mir den Ein­wurf von aloa5 eher zu bestä­ti­gen als zu wider­le­gen, denn in dem Zitat wird eini­ges in einen Topf gewor­fen, das bes­ser dif­fe­ren­ziert würde:

1. Rolfs spricht von der „Auf­gabe des Deut­schen Juris­ten­ta­ges, rechtspoli­ti­sche Vor­schläge zu ent­wi­ckeln“, wäh­rend Wal­ter­mann in sei­nem NZA-​​Beitrag aus „rechtswis­sen­schaft­li­cher Per­spek­tive“ spricht (meine Hv.).
Ein rechts­po­li­ti­scher Vor­schlag ist aber keine rechts­wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis. Wo das Machen von Vor­schlä­gen beginnnt, endet das wis­sen­schaft­li­che Erken­nen. (Unbe­nom­men ist, daß gewisse wis­sen­schaft­li­che Arbeits­tech­ni­ken [auf Gegen­ar­gu­mente ein­ge­hen, kor­rekt Zitie­ren usw.] auch für das Begrün­den poli­ti­scher Vor­schläge nütz­lich ist, und zumin­dest in die­sem – begrenz­ten – Sinne wird Wal­ter­manns Text, der nicht ver­linkt ist [und von mir nicht gele­sen wurde] sicher­lich „wis­sen­schaft­li­chen Ansprü­chen“ genü­gen. Dies besei­tigt aber nicht den Unter­schied zwi­schen Erken­nen und Vor­schla­gen.)

2. Ist es dem Juris­tIn­nen­tag auch unbe­nom­me­nen, (rechts)politische Vor­schläge zu unter­brei­ten, so ist er doch nicht stär­ker dazu qua­li­fi­ziert, poli­ti­sche Vor­schläge zu unter­brei­ten, als bspw. eine Ver­samm­lung von Müll­män­nern oder Putz­frauen oder Fuß­ball­spie­le­rIn­nen. Die Ver­knüp­fung von „rechts-​​“ und „-poli­tisch“ ist keine Recht­fer­ti­gung dafür, das Unter­brei­ten von poli­ti­schen Vor­schlä­gen – und seien es vom jewei­li­gen Stand­punkt aus noch so rich­tige Vor­schläge – als Arti­ku­la­tion wis­sen­schaft­li­cher Wahr­hei­ten aus­zu­ge­ben.
Die beson­dere Kom­pe­tenz von Juris­tIn­nen besteht nicht darin, zu beur­tei­len, ob die For­de­rung nach 7,50 Euro Min­dest­lohn rich­tig oder falsch ist, son­dern allen­falls darin, die Frage zu beant­wor­ten, mit wel­chen juris­ti­schen Instru­men­ten und For­men sich eine der­ar­tige For­de­rung am bes­ten (am effek­tivs­ten) rea­li­sie­ren läßt. (Diese Frage läßt sich nun – anders als die Frage nach der Rich­tig­keit der For­de­rung – objek­tiv beant­wor­ten – und zwar ganz unab­hän­gig davon, ob jene poli­ti­sche For­de­rung für rich­tig oder falsch gehal­ten wird.) Und nur in die­sem Sinne – i.S.d. der Bezug­nahme auf spe­zi­fisch juris­ti­sche Poli­tik­in­stru­mente – hat die Bil­dung des Kom­po­si­tums „rechts­po­li­tisch“ Berech­ti­gung.

3. Auch für Rolfs – und nicht nur für Wal­ter­mann, der eine „rechts­wis­sen­schaft­li­che Per­spek­tive“ in Anspruch nimmt – scheint das „rechts­po­li­ti­sche Vor­schläge“ Machen nur eine Rück­zugs­li­nie oder – wie die Juris­tIn­nen sagen – ein „Hilfs­ar­gu­ment“ zu sein. Das Haupt­ar­gu­ment dürfte darin beste­hen, daß ein Min­dest­lohn von 7,50 Euro/​Stunde wegen Art. 20 I GG (’sozia­ler Staat‘)1, Art. 1 III GG2 und § 138 BGB (Nich­tig­keit sit­ten­wid­ri­ger Ver­träge)3 recht­lich gebo­ten sei (s. Rolfs‘ Norm­auf­zäh­lung in obi­gem Zitat).

Auch hier sind Dif­fe­ren­zie­rung not­wen­dig:

a) Soll ein Min­dest­lohn von 7,50 Euro/​Std. ver­fas­sungs­recht­lich bereits gebo­ten sein und nur noch der dekla­ra­to­ri­schen Aner­ken­nung durch den ein­fa­chen Gesetz­ge­ber bedür­fen? Oder soll sich ein Min­dest­lohn auch ein­fach­ge­setz­lich bereits aus § 138 BGB erge­ben, sodaß wei­tere gesetz­li­che Rege­lun­gen bes­ten­falls Klar­stel­lungs­funk­tion hät­ten? Oder geht es nur um die Bana­li­tät, daß ein Min­dest­lohn – zwar nicht bereits recht­li­ches Gebot ist, aber –, würde er vom Gesetz­ge­ber beschlos­sen, auch nicht ver­fas­sungs­wid­rig wäre? (Ob es für die Begrün­dung die­ser Bana­li­tät eines Rekur­ses auf Art. 1 und 20 GG sowie § 138 BGB bedarf, ist aller­dings eine ganz andere Frage.)

b) Wie soll sich aus dem Wort „sozial“ in Art. 20 GG und aus der angeb­li­chen „Schutz­ge­bots­funk­tion der Grund­rechte“ aus Art. 1 GG der Betrag von 7,50 Euro/​Stunde erge­ben? Warum nicht 10 Euro? Oder 7,47 Euro? Rolfs gibt selbst eine deut­li­che Ant­wort: „Natür­lich sind 7,50 Euro eine ‚gegrif­fene Größe‘.“
Das, was sich aus den bei­den Nor­men allen­falls begrün­den las­sen dürfte, ist über­haupt ein Min­dest­lohn – bei vol­ler poli­ti­scher Frei­heit des Gesetz­ge­bers, des­sen Höhe in die­ser oder jener Höhe fest­zu­le­gen, womit ein ver­fas­sungs­recht­li­ches Min­dest­lohn­ge­bot unmit­tel­bar kaum mehr als Asche Wert ist.

c) Wie soll aus der Nich­tig­keit sit­ten­wid­ri­ger Ver­trä­gen (+ Scha­den­er­satz für in der Ver­gan­gen­heit dadurch erlit­tene Schä­den) ein Anspruch auf Min­dest­lohn in Zukunft fol­gen?4

4. Mit­tel­bar dürfte aller­dings die Aner­ken­nung jener poli­ti­schen Frei­heit des Gesetz­ge­bers – und damit der Ver­weis auf den poli­ti­schen Kampf – für eine sozi­al­staat­li­che Züge­lung des Kapi­ta­lis­mus oder gar eine Über­win­dung der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise mehr Wert sein, als ein von Ver­fas­sungs wegen bzw. von rechts­wis­sen­schaft­li­chen Volun­ta­ris­mus wegen geschenk­weise aus­ge­schüt­te­ter Min­dest­lohn von 7,50 Euro/​Std.
In der Inter­na­tio­nale heißt es inso­weit sehr rich­tig:
Es ret­tet uns kein höh‘res Wesen,
kein Gott, kein Kai­ser noch Tri­bun
Uns aus dem Elend zu erlö­sen
kön­nen wir nur sel­ber tun!“
Das gilt nicht nur ange­sichts Gott, Kai­ser und Tri­bun, son­dern auch ange­sichts einer über­schweng­li­chen ‚Sozialstaats-​​Religion‘, die die begrenzte Reich­weite der Cha­rak­te­ri­sie­rung der Bun­des­re­pu­blick als „soziale[n] Staat“ ver­kennt.

5. Michel Fou­cault schrieb 1976:

„Man hörte ihn [den auf Sei­ten der sog. Lin­ken ste­hen­den Intel­lek­tu­el­len] als Reprä­sen­tan­ten des Uni­ver­sel­len, oder er bean­spruchte, als sol­cher Gehör zu bekom­men. Intel­lek­tu­el­ler sein hieß ein wenig das Gewis­sen aller zu sein. […]. Es ist eine neue Art der Ver­bin­dung von Theo­rie und Pra­xis ent­stan­den. Die Intel­lek­tu­el­len haben sich ange­wöhnt, ihre Arbeit nicht mehr im Uni­ver­sel­len, im Exem­pla­ri­schen, im ‚Wahren-​​und-​​Gerechten-​​für-​​alle’ anzu­sie­deln, son­dern in bestimm­ten [déter­mi­nés] Berei­chen, an genauen [pré­cis] Punkte, […]. Damit haben sie mit Sicher­heit ein viel kon­kre­te­res, unmit­tel­ba­re­res Bewußt­sein von den Kämp­fen gewon­nen. […]. Und die­sen Typ würde ich im Gegen­satz zum ‚uni­ver­sa­len’ Intel­lek­tu­el­len den ‚spe­zi­fi­schen’ Intel­lek­tu­el­len nen­nen. […]. Es ist zu ver­mu­ten, daß der ‚uni­ver­sale’ Intel­lek­tu­elle, so wie es ihn im 19. und Anfang des 20. Jahr­hun­derts gab, von einer recht eigen­tüm­li­chen his­to­ri­schen Gestalt abstammt, näm­lich dem Mann der Gerech­tig­keit, […], von dem der der Macht, dem Des­po­tis­mus, den Miß­bräu­chen und der Arro­ganz des Reich­tums die Uni­ver­sa­li­tät der Gerech­tig­keit […] ent­ge­gen­stellte. Der uni­ver­sale Intel­lek­tu­elle stammt von dem Rechts­kun­di­gen als Wür­den­trä­ger [juriste-​​notable] ab und fin­det sei­nen voll­kom­mens­ten Aus­druck im Schrift­stel­ler, dem Trä­ger von Bedeu­tun­gen und Wer­ten, in denen sich alle wie­der­er­ken­nen kön­nen. Der spe­zi­fi­sche Intel­lek­tu­elle stammt von einer ande­ren Figur ab, nicht mehr dem Rechts­kun­di­gen als Wür­den­trä­ger [juriste-​​notable], son­dern dem Wis­sen­schaft­ler als Exper­ten [savant-​​expert].“ (1976a, 154, 156 – eigene Über­set­zung)

Diese Ent­wick­lung ist bei den deut­schen Rechts­wis­sen­schaft­le­rIn­nen – egal, ob poli­tisch auf Sei­ten der Lin­ken oder der Rech­ten ste­hend – nahezu gar nicht ange­kom­men. Es reicht den aller­meis­ten von ihnen nicht, als Juris­tIn­nen die gel­ten­den Gesetze, ein­schließ­lich der Ver­fas­sung, zu erken­nen, und als Bür­ge­rIn­nen poli­ti­sche Vor­schläge zu unter­brei­ten, son­dern sie bean­spru­chen für ihre poli­ti­schen Vor­schläge nicht weni­ger, als daß diese ‚das Recht‘ /​ ‚die Gerech­tig­keit‘ seien (und viele Poli­ti­ke­rIn­nen – eben­falls auf Sei­ten der Rech­ten und der Lin­ken – über­tref­fen die Juris­tIn­nen in die­ser JuristInnen-​​Ideologie noch). Rolfs Ver­wi­schung des Unter­schie­des zwi­schen der Inter­pre­ta­tion juris­ti­scher Nor­men und dem Unter­brei­ten und Begrün­den poli­ti­scher Vor­schläge zeigt dies wie­der ein­mal. -

Ange­merkt sei noch, daß mir die Mindestlohn-​​Forderung poli­tisch durch­aus rich­tig zu sein scheint (ich hatte dies kürz­lich im Kon­trast zur Exis­tenz­geld­for­de­rung begrün­det). Weder rich­tig noch zutref­fend erscheint mir dage­gen, eine erst noch durch­zu­set­zende For­de­rung mit dem gel­ten­den Recht zu ver­wech­seln.

Lite­ra­tur­hin­weise: (mehr…)

Konvergenzen des wissenschaftstheoretischen Relativismus

[Ich hatte kürz­lich meine Diplom­ar­beit aus dem Jahre 1996 zum Thema „Plu­ra­lis­mus und Ant­ago­nis­mus. Eine Rekon­struk­tion post­mo­der­ner Les­wei­sen“ online zugäng­lich gemacht. Ich bringe hier einen remix einer Pas­sage von S. 86 f. Ich setze hier die Fuß­note 123, die dort hin­ter dem Dop­pel­punkt am Ende des ers­ten Sat­zes und vor dem fol­gen­den Poulantzas-​​Zitat steht, in den Haupt­text ans Ende der frag­li­chen Pas­sage. In der ursprüng­li­chen Fas­sung ging es dort statt des­sen mit Über­le­gun­gen zu ande­ren Aspek­ten wei­ter. Dies war der Grund dafür, daß der hier ‚auf­ge­wer­tete’ Text dort in die frag­li­che Fuß­note ver­bannt wurde.
Anzu­mer­ken ist noch, daß der hier kri­ti­sierte Rela­ti­vis­mus in Erkennt­nis­fra­gen strikt vom – ange­sichts wider­sprüch­li­cher gesell­schaft­li­cher Ver­hält­nisse: not­wen­di­gen – Rela­ti­vis­mus in poli­ti­schen Bewer­tungs­fra­gen zu unter­schei­den ist.]

Es macht zwar poli­tisch einen bedeu­ten­den Unter­schied, ob man/​frau sich auf den historizistisch-​​relativistischen Wahrheits-​​Begriffs von Bog­da­now, Sta­lin oder auch Lukács einer­seits oder Gramscis ande­rer­seits bezieht; die zugrun­de­lie­gende theo­re­ti­sche Kon­zep­tion bleibt aber (schließ­lich auch in Fou­caults Ver­sion des wis­sen­schafts­theo­re­ti­schen Rela­ti­vis­mus) die glei­che: „Die his­to­ri­zis­ti­sche Ideo­lo­gie­auf­fas­sung ist […] noch kla­rer [als bei Mar­cuse, d. Vf.] bei dem typi­schen Bei­spiel von Lukács und sei­ner Theo­rie von ‚Klas­sen­be­wußt­sein’ und ‚Welt­an­schau­ung’. Es lohnt sich, dabei zu ver­wei­len, da sie klar das Pro­blem der erkennt­nis­theo­re­ti­schen Prä­mis­sen einer his­to­ri­zis­ti­schen Betrach­tungs­weise der Ideo­lo­gie erken­nen läßt. Sie ist um so wich­ti­ger, als infolge Gramscis His­to­ri­zis­mus, […] die Mehr­zahl der mar­xis­ti­schen Theo­re­ti­ker den Begriff der Hege­mo­nie in einer Bedeu­tung gebrau­chen, die mit der Pro­ble­ma­tik Lukács’ ver­wandt ist.“ (Pou­lant­zas 1968, 195 – Hv. d. Vf.).
Diese Posi­tion leug­net die die Rea­li­tät der objek­ti­ven Außen­welt1 und kann des­halb kei­nen Unter­schied zwi­schen ideo­lo­gi­schen und wis­sen­schaft­li­chen Dis­kur­sen machen kann (Alt­hus­ser 1966/​68, 174, 176-​​180); die „beson­dere Geschichte der Wis­sen­schaft [wird] auf die Geschichte der orga­ni­schen Ideo­lo­gien und die ökonomisch-​​politische Geschichte zurück[ge]führt“ (Alt­hus­ser 1966/​68, 178; ähnlich Pou­lant­zas 1968, 195 f. mit FN 5).
Die his­to­ri­zis­ti­sche Ideo­lo­gie­auf­fas­sung beinhal­tet eine „Iden­ti­fi­zie­rung der Ideo­lo­gie und der Wis­sen­schaft, d.h. die Auf­fas­sung, daß sie [die Ideo­lo­gie, d. Vf.] die Wis­sen­schaft umfaßt“. Der „Cha­rak­ter der Ideo­lo­gie als Aus­druck des Sub­jekts“ umfasst nach his­to­ri­zis­ti­scher Auf­fas­sung „in dem Falle die Objek­ti­vi­tät der Wis­sen­schaft, wo die sub­jek­tive Welt­an­schau­ung einer ‚auf­stei­gen­den Klasse’ die Tota­li­tät der Gesell­schafts­for­ma­tion ein­schließt. Bekannt ist der Aspekt des Argu­ments, den Lukács, Korsch u.a. auf das Pro­le­ta­riat und die ‚pro­le­ta­ri­sche Wis­sen­schaft’ anwand­ten: Da das Pro­le­ta­riat sei­nem Wesen nach eine uni­ver­sale Klasse ist, hat sein sub­jek­ti­ves Bewußt­sein uni­ver­sa­len Cha­rak­ter; aber ein uni­ver­sa­les sub­jek­ti­ves Bewußt­sein ist zwangs­läu­fig objek­tiv, also wis­sen­schaft­lich“ – so Lukács, Korsch und andere (Pou­lant­zas 1968, 196, FN 5).
In Ruß­land bzw. der Sowjet­union wurde diese Auf­fas­sung sowohl von dem ‚Links’kommunisten Bog­da­now wie auch von Sta­lin ver­tre­ten:
„Es ist nicht unin­ter­es­sant, daß die Gegen­über­stel­lung von bür­ger­li­cher und pro­le­ta­ri­scher Wis­sen­schaft […] die unbe­wußte, ver­steckte oder ver­leug­nete Rück­kehr eines The­mas ist, daß bereits bei Bog­da­now, […] prä­sent ist und dann in ver­schie­de­nen Publi­ka­tio­nen des Pro­let­kult ent­fal­tet wird. Der Aus­schluß, mit dem der Sta­li­nis­mus diese Strö­mung bestraft hat, aber auch die hef­tige Kri­tik von Lenin und Ple­ch­a­now an Bog­da­now schei­nen nur zum Ver­schwin­den des Wor­tes ‚pro­le­ta­ri­sche Wis­sen­schaft’ geführt zu haben, ohne an der Grund­these zu rüt­teln: […] Die sowje­ti­schen Texte bewe­gen sich dann tat­säch­lich in einer Oppo­si­tion zwi­schen ‚bür­ger­li­cher’ und ‚rei­ner’ Wis­sen­schaft und ent­wi­ckeln dabei die These eines Ver­falls der Wis­sen­schaft wie der Kul­tur im impe­ria­lis­ti­schen Sta­dium des Kapi­ta­lis­mus. […]. Der Kern der Argu­men­ta­tion bleibt dabei in Fäl­len der glei­che. […]: Die Wis­sen­schaft ist his­to­risch rela­tiv, weil das Bewußt­sein der Men­schen sich fort­ent­wi­ckelt […]. […] die his­to­ri­sche Rela­ti­vi­tät der Wis­sen­schaft [spie­gelt] deren Klas­sen­in­halt wider. […]. Die gesellschaftlich-​​historischen Umstände, unter denen eine wis­sen­schaft­li­che Theo­rie ent­stand, wer­den dann als letzte Ursa­che die­ser Theo­rie behan­delt, […]. Die Wis­sen­schaft würde also der ‚auf­stei­gen­den’ Klasse gehö­ren, deren Inter­esse mit der pro­me­t­hei­schen Bestim­mung des Men­schen zusam­men­fällt.“ (Bras 1985, 1083, 1984 – Hv. i.O.; vgl. auch Lecourt 1976, 126 oben, 130, 140-​​142, FN 21).
Schließ­lich folgt auch die Wis­sens­so­zio­lo­gie dem glei­chen Modell. Sie ver­or­tet die ver­meint­li­che Wahr­heit aller­dings nicht bei einer (‚auf­stei­gen­den’) Klasse, son­dern bei der „frei­schwe­ben­den Intel­li­genz, die ‚rela­tiv unre­la­tiv’, d.h. nicht haut­eng mit Klas­sen­in­ter­es­sen ver­floch­ten“ sei (Hau­ser 1987, 74; vgl. Eagle­ton 1991, 129 oben; s.a. außer­dem zum Ver­hält­nis: Lukács – Wis­sens­so­zio­lo­gie: Hau­ser 1987, 74; Eagle­ton 1991, 128, Abs. 2).
S. schließ­lich zur Bedeu­tung von Lukács bzw. des Hegel-​​Marxismus für femi­nis­ti­sche Stand­punkt­theo­rien: Sei­fert 1992, 258; Grimm 1994b, 156 f.; zur Bedeu­tung der Wis­sens­so­zio­lo­gie (Mann­heim, Berger/​Luckmann) für (femi­nis­ti­sche und afro­zen­tri­sche) Standpunkt-​​Epistemologien: Collins, 1989, 20-​​23; 46, FN 16; 47 f., FN 22, 28. (mehr…)

Was war an Butler eigentlich neu? (1)

Das Ende des Sex wies kürz­lich auf mei­nen – ursprüng­lich als Kom­men­tar bei der Mäd­chen­mann­schaft gepos­te­ten – Bei­trag „Gibt es AUS­SCHLIESS­LICH zwei Geschlech­ter?“ hin und merkte dazu an: „Diese Frage wäre zu ergän­zen und in Zwei­fel zu zie­hen, dass es über­haupt zwei Geschlech­ter gibt.“
Da es in der Dis­kus­sion um das sog. bio­lo­gi­sche Geschlecht (engl. sex) ging, ver­stehe die­sen Satz dahin­ge­hend, daß bestrit­ten wird, daß es über­haupt Men­schen mit ein­deu­ti­gen bio­lo­gi­schen Geschlechts­merk­ma­len gibt – oder gar, daß es über­haupt bio­lo­gi­sche Geschlechts­merk­male gibt. Titel und Unter­ti­tel des blogs deu­ten sogar auf die radi­ka­lere Les­art hin: „Das Ende des Sex: Bio­lo­gi­sches Geschlecht ist gemacht. sex: engl., für bio­lo­gi­sches bzw. kör­per­li­ches ‚Geschlecht‘“.
Ein Argu­ment wird für diese (mut­maß­li­che) Auf­fas­sung in dem kur­zen Hin­weis nicht genannt. Die glei­che Frage hatte ich zuvor bei der Mäd­chen­mann­schaft bereits mit kop­fund­herz dis­ku­tiert. Kop­fund­herz ver­trat die Ansicht:

“gute wie schlechte wis­sen­schaft sind situ­ier­tes wis­sen, wie kann man dann einen unter­schied, zwi­schen guten und schlech­tem wis­sen zie­hen, gutes wis­sen, ist wis­sen, dass den mar­gi­na­li­sier­ten (trans, inter­sex, homos etc.) dient, sie sehen die din­ger deut­li­cher, weil sie ihnen nicht gar so natür­lich vor­kom­men, sie kön­nen die kon­struk­tio­nen erken­nen. sie sagen, dass es eine bescheu­erte idee ist, das es zwei geschlech­ter gibt, aber nicht nur das, sie las­sen uns wis­sen, dass unsere zwei geschlech­ter auf ihre kos­ten pro­du­ziert wer­den.”

Dage­gen hatte ich ein­ge­wandt:

„Das setzt ein­fach nur einen (in dem Fall Inter­sex usw.-) Sub­jek­ti­vis­mus gegen den ande­ren (im dor­ti­gen Fall: [hetero/a/]sexistischen) Sub­jek­ti­vis­mus. Das ist keine wis­sen­schaft­li­che Beweis­füh­rung. Eine sol­che ‘Standpunkt-​​Logik’ zer­stört jede ratio­nale Dis­kus­sion. S. dazu:
http://​edoc​.hu​-ber​lin​.de/​d​i​s​s​e​r​t​a​t​i​o​n​e​n​/​s​c​h​u​l​z​e​-​d​e​t​l​e​f​-​g​e​o​r​g​i​a​-​2​0​0​4​-​0​6​-​1​0​/​P​D​F​/​s​c​h​u​l​z​e.pdf, S. 46 – 61 und 131 – 157
und
Domi­ni­que Lecourt, Pro­le­ta­rian Sci­ence? The Case of Lysenko, New Left Books: Lon­don, 1977 (http://www.marx2mao.com/Other/Proletarian%20Science.pdf; dt. Übs. VSA: [West]berlin, 1976)“

Die Ant­wort von kop­fund­herz war die Erset­zung von Wis­sen­schaft durch Ethik:

„ich wollte ja eben gerade klar machen, dass es keine ratio­na­len, objek­ti­ven wis­sen­schaf­ten gibt (da stim­men wir wohl nicht überein) … du wirst nie her­aus fin­den, was die wahr­heit des geschlechts ist, da du auf eine vor­dis­kur­sive natur kei­nen zugriff hast.
die ent­schei­dung über das geschlecht muss also hier und jetzt fal­len, es ist eine kul­tu­relle ent­schei­dung und was dir zur ver­fü­gung steht um zu urtei­len ist ethik.
und woran sollte sich eine ethik ori­en­tie­ren? an der herr­schaft oder an den unter­drück­ten?
das beide zwei sei­ten einer medaille sind (fou­cault) spielt für mich dabei keine rolle.
meine wahl ist klar!“

Darin liegt m.E. aber kein Argu­ment, denn es ver­wech­selt Erkenntnis-​​ mit Bewer­tungs­fra­gen (s. 1 und vgl. 2), und ich wandte außer­dem dage­gen ein:

„Was machst Du denn, wenn Du eine Birne vom Baum pflügst und ißt? Vor­dis­kur­sive Natur undis­kur­siv essen? Oder viel­mehr den Dis­kurs über die Birne dis­kur­siv essen?
Gibt es nicht einen Unter­schied zwi­schen einem Todes­ur­teil (geschrie­ben und/​oder gespro­chen) und des­sen Voll­stre­ckung durch Gift, Kugel, Elek­tri­schem Stuhl o.ä.? Wodurch stirbt die Per­son: Durch das (dis­kur­sive) Urteil? Oder durch des­sen (außer-​​diskursive) Befol­gung?
Ich hatte schon – gegen Sven – auf die Fein­heit hin­ge­wie­sen, daß
– wir zwar unsere Erkennt­nisse nur mit­tels Spra­che pro­du­zie­ren und for­mu­lie­ren kön­nen – dies gegen jeden Empi­ris­mus /​ jede Theo­rie­feind­lich­keit –,
– daß dies aber heißt nicht, daß es die Gegen­stände unse­rer Erkennt­nisse nicht gibt – dies gegen jeden Idea­lis­mus und Sub­jek­ti­vis­mus.“

Diese Argu­mente müßte Das Ende des Sex wider­le­gen, wenn sie den ein­gangs zitier­ten Satz in dem Sinne gemeint haben, in dem ich ihn ver­stan­den haben. – Ich bin gespannt.

Und ein Hilfs­ar­gu­ment sei noch vor­ge­bracht: Auch poli­tisch besteht kei­ner­lei Ver­an­las­sung, die Exis­tenz bio­lo­gi­scher Rea­li­tä­ten zu bestrei­ten. Lesbe kann die volle poli­ti­sche Inno­va­tion, die But­ler i. bes. und der dekon­struk­tive Femi­nis­mus i. allg. bedeu­tet haben /​ wei­ter­hin bedeu­ten, haben, ohne in einen phi­lo­so­phi­schen Idea­lis­mus ver­fal­len zu müs­sen oder bestrei­ten zu müs­sen, daß die Bio­lo­gie eine Wis­sen­schaft ist, also objek­tive Erkennt­nisse pro­du­ziert (auch wenn diese ihre Erkennt­nisse teil­weise ideo­lo­gisch inter­pre­tiert. Um der­ar­tige ideo­lo­gi­sche Ergeb­nis­in­ter­pre­ta­tio­nen zurück­zu­wei­sen reicht Alt­hus­sers Unter­schei­dung zwi­schen Wis­sen­schaf­ten und der spon­ta­nen Phi­lo­so­phie von Wis­sen­schaft­le­rIn­nen völ­lig.).

Was nun jene poli­ti­sche Inno­va­tion anbe­langt, so weise ich auf die­sen fünf­sei­ti­gen (+ 5 Sei­ten FN) Aus­zug aus mei­ner Arbeit Geschlechternormen-​​inkonforme Kör­per­in­sze­nie­run­gen – Demo­kra­ti­sie­rung, De-​​Konstruktion oder Repro­duk­tion des sexis­ti­schen Geschlech­ter­ver­hält­nis­ses?.

In den nächs­ten Tagen werde ich ergän­zend noch einen Text online stel­len, in dem ich dar­stellte, worin m.E. die wich­ti­gen Unter­schiede zwi­schen
Judith But­lers Das Unbe­ha­gen der Geschlech­ter (1991)
und
Ursula Scheus Wir wer­den nicht als Mäd­chen gebo­ren – wir wer­den dazu gemacht (1977)
lie­gen.
[Ist jetzt pas­siert. 02.10.09.]

Was hätte eigentlich (Staats-) „Ableitung“ sinnvollerweise heißen können?

- Zu over­dose, Echte Idea­lis­ten: http://​over​dose​.blog​sport​.de/​2​0​0​8​/​0​7​/​2​2​/​e​c​h​t​e​-​i​d​e​a​l​i​sten/
und
frage – 04. Sep­tem­ber 2009 um 18:58 Uhr: http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​9​/​0​4​/​d​i​a​l​e​k​t​i​k​-​w​a​r​u​m​-​d​a​s​-​l​a​c​h​e​n​-​d​e​r​-​a​n​t​i​d​e​m​o​k​r​a​t​i​s​c​h​e​n​-​a​k​t​i​o​n​-​s​c​h​o​n​-​w​i​e​d​e​r​-​z​u​-​e​i​n​e​m​-​l​a​c​h​e​n​-​u​e​b​e​r​-​s​i​e​-​w​i​r​d​/​#​c​o​m​m​e​n​t-296 -

3.1.1. Der Begriff der „Ablei­tung“ hat sich in der neue­ren mar­xis­ti­schen Dis­kus­sion häu­fig zu einem Mys­ti­zis­mus zurück­ent­wi­ckelt (zur Kri­tik: Kuh­len 1975).
M. E. kann unter Ablei­tung nur zwei­er­lei ver­stan­den wer­den. Ent­we­der „logi­sche Deduk­tion“ aus Prä­mis­sen und Schluß­re­geln oder die Ver­wen­dung die­ses Begriffs als Syn­onym für „Erklä­rung“ bestimm­ter Sach­ver­halte durch Geset­zes­hy­po­the­sen. Im letz­te­ren Sinne kann die Erklä­rungs­leis­tung in Marx’ Kapi­tal einem von Schritt zu Schritt kom­ple­xer wer­den­den Geflecht von Geset­zes­hy­po­the­sen über die Mecha­nis­men kapi­ta­lis­ti­scher Ver­ge­sell­schaf­tung gese­hen wer­den, womit die idea­li­sie­rende Struk­tur der Erfas­sung der empi­ri­schen Rea­li­tät schließ­lich immer näher kommt (vgl. Nowak 1971). Was „Ablei­tung“ des Rechts und/​oder des Staa­tes in mar­xis­ti­schen Theo­rien heißt, kann dabei i.d.R. mit dem Typ einer funk­tio­na­len Erklä­rung bzw. der Annahme funk­tio­na­ler Gesetz­mä­ßig­kei­ten begrif­fen wer­den. Die Fra­ge­stel­lung lau­tet dabei: Wel­che funk­tio­nale Not­wen­dig­keit besteht in einer kapi­ta­lis­ti­schen Ökono­mie für eine außer­halb der Ökono­mie situ­ierte, auf diese Ökono­mie bezo­gene gesell­schaft­li­che Instanz? Wel­che funk­tio­na­len Erfor­der­nisse zwin­gen eine kapi­ta­lis­ti­sche Ökono­mie zur Aus­bil­dung einer sol­chen Instanz?
So etwas wie das „aus sich Her­aus­wer­fen“ neuer Begriffe aus schon ein­ge­führ­ten Begrif­fen, oder in den Wor­ten der Marx­schen Hegel­kri­tik: „des außer oder über der Anschau­ung und Vor­stel­lung den­ken­den und sich selbst gebä­ren­den Begriffs“ (Marx 1953: 22), wonach dem Beob­ach­ter die heu­tige Ablei­tungs­dis­kus­sion oft anmu­tet, ist wis­sen­schafts­lo­gisch unhalt­bar. Es geht hier in Zukunft bei der „Ableitungs“problematik um die Erklä­rung der Rechts­form bzw. der Ver­än­de­rung der Rechts­form staat­li­chen Han­delns durch Anknüp­fen an zen­trale Struk­tur­ge­setze“ der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise.

L. Kuh­len, „Ablei­tung“ und „Ver­dop­pe­lung“ in der neue­ren mar­xis­ti­schen Dis­kus­sion über den Staat, in: H. Rott­leuth­ner (Hg.), Pro­bleme der mar­xis­ti­schen Rechts­theo­rie, Frank­furt am Main, 1975, 312 – 327.
K. Marx, Grund­risse, Ber­lin, 1953.
L. Nowak, Das Pro­blem der Erklä­rung in Marx’ Kapi­tal (1971), in: J. Rits­ert (Hg.), Zur Wis­sen­schafts­lo­gik einer kri­ti­schen Sozio­lo­gie, Frank­furt, 1976, 13 – 45.

(Quelle:
Her­bert Kit­schelt
„Rechts­staat­lich­keit“ – zur Theo­rie des Wan­dels recht­li­cher Pro­gram­mie­rung im Staat der bür­ger­li­chen Gesell­schaft
in: Demo­kra­tie und Recht 1977, 287 – 314 [293 f.])

PS.: (mehr…)

Wissenschaft – Ethik – Politik


- aus Anlaß der Dis­kus­sion über Inter­se­xua­li­tät und die angeb­li­che aus­schließ­li­che Exis­tenz zweier Geschlech­ter -
(mehr…)

Gibt es AUSSCHLIESSLICH zwei Geschlechter?

Der fol­gende Bei­trag erschien zuerst am 24. August als Kom­men­tar bei der Mäd­chen­mann­schaft. Für die hie­sige Ver­öf­fent­li­chung wurde er noch ein­mal Kor­rek­tur gele­sen; die Zwi­schen­über­schrif­ten sind neu ein­ge­fügt. Die dor­tige Dis­kus­sion ist noch am Lau­fen, kam aber etwas aber etwas vom Thema ab, da Quatsch mit Soße auf das zen­trale Argu­ment nicht ant­wor­tete, son­dern in eine Wesens-​​ und Prin­zi­pi­en­phi­lo­so­phie flüch­tete, was dann wie­derum unter metho­do­lo­gi­schen Gesichts­punk­ten kri­ti­siert wer­den mußte (1, 2). Das zen­trale Argu­ment gegen die Behaup­tung es gäbe aus­schließ­lich zwei Geschlech­ter läßt sich wie folgt refor­mu­lie­ren:
1. Es ist unum­strit­ten, daß das Geschlecht nicht anhand eines ein­zi­ges Kri­te­ri­ums fest­ge­stellt wer­den kann. Viel­mehr wer­den sowohl die Chro­mo­so­men­sätze als auch die sog. pri­mä­ren Geschechts­or­gane (das sind die äuße­ren und inne­ren Geschlechts­or­gane und deren Anhang­drüse) her­an­ge­zo­gen.
2. Nun müs­sen aber weder die Geschlechts­merk­male homo­log (i.S. der vor­ge­stell­ten Zwei­ge­schlecht­lich­keit) auf­tre­ten noch müs­sen diese ihrer­seits zu dem jewei­li­gen Chro­mo­so­men­satz homo­log sein.
3. Das heißt: Es gibt zwar die bei­den tyischen Fälle xx-​​Chromosomen + Kli­to­ris (Frauen) sowie xy-​​Chromosomen + Penis (Män­ner), aber es gibt auch die umge­kehr­ten Kom­bi­na­tio­nen und unter Berück­sich­tung der wei­te­ren sog. „pri­mä­ren Geschlechts­merk­male“ wei­tere Vari­an­ten. Und unter Berück­sich­ti­gung der Hor­mon­pro­duk­tion und deren Wirk­sam­keit wird es noch kom­pli­ziert.
4. Das wie­derum heißt nun: Es gibt mehr als zwei Merk­mals­kom­bi­na­tio­nen und das heißt: mehr als zwei Geschlech­ter. Denn „Geschlecht“ ist nicht irgend­eine durch die Natur­phi­lo­so­phie geis­ternde Wesen­heit, son­dern die jewei­lige Merk­mals­kom­bi­na­tion.
Mehr als zwei Merk­mals­kom­bi­na­tio­nen = mehr als zwei Geschlech­ter. Das ist der ent­schei­dende Punkt. Oder in den Wor­ten mei­nes Bei­tra­ges unter http://​maed​chen​mann​schaft​.net/​s​p​o​r​t​l​e​r​-​s​p​o​r​t​l​e​r​i​n​/​#​c​o​m​m​e​n​t​-​17736: (mehr…)

Wissenschaftspluralismus?!

Die Anti­de­mo­kra­ti­sche Aktion schreibt:


http://​greschka​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​8​/​1​7​/​t​h​e​o​r​i​e​-​a​l​s​-​p​r​a​x​i​s​-​s​c​h​l​a​e​g​t​-​z​u​r​u​e​c​k​/​#​c​o​m​m​e​n​t​-2805

„der Quark mit den Begriffs­de­fi­ni­tio­nen, also der gewoll­ten Ver­mi­schung von will­kür­li­cher Benen­nung und sach­li­cher Bestim­mung, folgt aus des­sen wis­sen­schafts­plu­ra­lis­ti­schem Geiste. Wenn ohne­hin alles nur die sub­jek­tive Spin­ne­rei eines ‚Ansat­zes‘ ist, für den aber als Ansatz Aner­ken­nung, Berück­sich­ti­gung und Res­sour­cen ein­ge­for­dert wer­den, dann ist dem die Logik der Begriffs­de­fi­ni­tion‘ schon imma­nent.“

(Daß die „Ver­mi­schung“ viel­mehr auf Sei­ten der Anti­de­mo­kra­ti­schen Aktion liegt, hatte ich schon an ande­rer Stelle1 aus­ge­führt: Es ist die Anti­de­mo­kra­ti­sche Aktion, die die Kon­ti­genz von Wortbedeutungen/​Definitionen mit einer rela­ti­vis­ti­schen oder sub­jek­ti­vis­ti­schen Nega­tion der Objek­ti­vi­tät von Erkennt­nis­sen ver­mengt. Tat­säch­lich ver­hält es sich aber genau umge­kehrt: Erst auf der Grund­lage defi­nier­ter Wort­be­deu­tun­gen läßt sich ent­schie­den, ob eine Aus­sa­gen zutref­fend oder irr­tüm­lich oder z.Z. weder zu bewei­sen noch zu wider­le­gen ist.
Ich dis­ku­tiere daher im fol­gen­den nur das Pro­blem des „wis­sen­schafts­plu­ra­lis­ti­schem Geiste[s]“ und der „subjektive[n] Spin­ne­rei“.
(mehr…)

Heute gesehen (23.8.)

1.a) daß eif­rig über Tests zur Geschlechts­be­stim­mung von Sport­le­rIn­nen dis­ku­tiert wird – bei

-- Eman­zi­pa­tion oder Bar­ba­rei

-- Das Ende des Sex: Bio­lo­gi­sches Geschlecht ist gemacht

-- Kopf und Herz

-- der Mäd­chen­mann­schaft. Dort sei ins­be­son­dere auf den Kom­men­tar von Kopf und Herz hin­ge­wie­sen:

„es ist doch schlicht so, dass es keine zwei geschlech­ter gibt, da es unklar ist, an was man/​frau geschlecht fest machen soll. d.h. selbst biologisch/​medizinisch ist das nicht klar, ganz zu schwie­gen von sozia­len prak­ti­ken (drag, plas­ti­sche chir­ur­gie etc.)… geschlecht ist gemacht und es müsste eigent­lich das recht auf selbst­be­stim­mung gel­ten. […] das geni­tal macht aktu­ell wohl auch nicht das geschlecht aus, was der fall der leicht­ath­le­tin zeigt. […]. also sollte man geschlecht end­lich als kon­ti­nuum begrei­fen, dann bräuchte man auch sol­che tests nicht … in denen letzt­lich auf grund einer viel­zahl von fak­to­ren (die medi­zin ist hier wei­ter als der all­ge­meine men­schen­ver­stand), […].“

Daraf ant­wor­tet Quatsch mit Soße:

„zwei geschlech­ter gibt es laut aktu­el­lem erkennt­nis­stand schon seit 565 mio. jah­ren. sie sind ein uni­ver­sel­les und bewähr­tes prin­zip der bio­lo­gie. in den meis­ten fäl­len haben men­schen keine pro­bleme, män­ner und frauen zu unter­schei­den. das funk­tio­niert auch, wenn man nur ein gesicht sieht, ohne make up und mit neu­tra­ler fri­sur. kleine kin­der und sogar tiere kön­nen treff­si­cher zwi­schen geschlech­tern unter­schei­den. eine mensch­li­che ent­schei­dung kann, soll und muss es geben über die rol­len, die män­ner und frauen ein­neh­men möch­ten. aber davor haben sie einen bio­lo­gi­schen kör­per, der in den aller­meis­ten fäl­len ein­deu­tig einem geschlecht ange­hört.“

Das state­ment von Quatsch mit Soße ent­hält nun aller­dings einen klei­nen, aber ent­schei­den­den Wider­spruch:

„zwei geschlech­ter gibt es laut aktu­el­lem erkennt­nis­stand schon seit 565 mio. jah­ren. sie sind ein uni­ver­sel­les und bewähr­tes prin­zip der bio­lo­gie.“
vs.
Men­schen haben „einen bio­lo­gi­schen kör­per, der in den aller­meis­ten fäl­len ein­deu­tig einem geschlecht ange­hört.“

„in den aller­meis­ten fäl­len“ ist eben nicht „uni­ver­sell“ (auch im Tier­reich ist Zwei­ge­schlecht­lich­keit keine uni­ver­selle Rea­li­tät).

Also: Es gibt zwar (bio­lo­gisch ein­deu­tige) Män­ner und Frauen, aber es gibt nicht aus­schließ­lich zwei Geschlech­ter, was die von Quatsch mit Soße zuge­stan­de­nen – wenn auch zahl­mä­ßig gerin­gen – unein­deu­ti­gen Fälle zei­gen.

„Es gibt keine zufrie­den­stel­lende human­bio­lo­gi­sche Defi­ni­tion der Geschlechts­zu­ge­hö­rig­keit, die die Pos­tu­late der All­tags­theo­rien ein­lö­sen würde.“1 „Klas­si­fi­ka­ti­ons­kri­te­rien kön­nen [… näm­lich] die Geni­ta­lien zum Zeit­punkt der Geburt oder die Chro­mo­so­men sein, die im Zuge vor­ge­burt­li­cher Ana­ly­se­ver­fah­ren fest­ge­stellt wer­den; beide müs­sen nicht not­wen­di­ger­weise überein­stim­men.“2

Die­ser Rea­li­tät ist eine Zuord­nungs­pra­xis, die nur die Alter­na­tive „Mann oder Frau“ zuläßt, auf jeden Fall unan­ge­mes­sen – egal wie wenig unein­deu­tige Fälle es gibt. Auch ein Fall stellt bereits den strik­ten Bina­ris­mus in Frage. Jeder unein­deu­tige ‚Fall‘, der den­noch zu Mann oder Frau erklärt oder per Zwangs-​​OP (eindeutig[er]) gemacht wird, ist kein Fall von bio­lo­gi­scher Erkennt­nis, son­dern von sozia­ler Herr­schafts­pra­xis.

Dage­gen greift auch nicht der Ein­wand3 durch, daß es für sport­li­che Leis­tun­gen (anders als bspw. für die Benut­zung von Toi­let­ten und Umklei­de­ka­bi­nen oder – ein­ver­nehm­li­che oder gewalt­same – sexu­elle Hand­lun­gen) ohne­hin nicht auf die Geni­ta­lien, son­dern allein auf die Chro­mo­so­men ankomme. Denn wie meh­rere Kom­men­ta­to­rIn­nen bei der Mäd­chen­mann­schaft dar­ge­legt haben, garan­tie­ren auch XY-​​Chromosomen keine höhere sport­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit:

Helga schreibt:

„Wenn Semenya eine kom­plette Andro­gen­re­sis­tenz hat, dürfte sie z.B. bei den Olym­pi­schen Spie­len star­ten. Eben weil ihr Kör­per keine männ­li­chen Hor­mone ver­ar­bei­ten kann. Sie wäre kein Mann. Und auch keine nor­male Frau. Das Y-​​Chromosom nützt bei der Andro­gen­re­sis­tenz nichts. die männ­li­chen Sexu­al­hor­mone wer­den ja nicht ver­ar­bei­tet […]. Oder wenn das Y-​​Chromsosom abge­schal­tet ist, dann wür­den nicht mal Hor­mone pro­du­ziert.“

Kasu zitiert einen Spie­gel Online-​​Artikel:

“Nor­ma­ler­weise wei­sen Frauen zwei X-​​Chromosomen in ihren Zel­len auf, Män­ner ein X-​​ und ein Y-​​Chromosom. Man­che mit einem Y-​​Chromosom gebo­re­nen Men­schen ent­wi­ckeln alle kör­per­lich cha­rak­te­ris­ti­schen Merk­male einer Frau – aus­ge­nom­men der inne­ren Sexual-​​Organe. Sie lei­den unter dem Androgen-​​Insuffizienz-​​Syndrom (AIS). Diese Frauen sind XY, aller­dings kein Mann, weil ihr Kör­per nicht auf das pro­du­zierte Tes­to­ste­ron rea­giert. Des­halb dür­fen sie auch bei den Frauen star­ten. Sie­ben der acht Frauen, die 1996 bei Olym­pia in Atlanta posi­tiv auf Y-​​Chromosomen getes­tet wur­den, hat­ten AIS und durf­ten teil­neh­men. ”

und fügt dann hinzu:

„Daher könnte es gut sein, dass Cas­ter Semenya über­haupt kein wett­kampf­recht­li­chen Kon­se­quen­zen hat, auch wenn sich her­aus­stellt, dass sie eine XY-​​Frau ist.“

Für den Bereich des Sports wäre also – im Inter­esse einer Ver­gleich­bar­keit der Leis­tun­gen (wenn denn nicht über­haupt das Kon­zept der „Leis­tung“ und der „Leis­tungs­sport“ in Frage gestellt wer­den sol­len – zwei Fra­gen die an die­ser Stelle nicht dis­ku­tiert wer­den sol­len) – statt einer Kate­go­ri­sie­rung nach „Mann oder Frau“ eine Bil­dung von Leis­tungs­fä­hig­keits­klas­sen nach Kri­te­rien, wie sie Herz und Kopf vor­ge­schla­gen hat, vor­zu­zie­hen:

für den sport gilt es also anstatt der schwam­mi­gen zuord­nung per geschlecht, genaue kri­te­rien fest­zu­le­gen, dies könn­ten sein:
- kör­per­größe
- alter
- gewicht
- lun­gen­vo­lu­men
- bmi
oder was es sonst noch für leis­tun­ges­re­le­vante kri­te­rien gibt.“

In einem Punkt hat aller­dings Quatsch mit Soße recht:

„In fra­gen der bio­lo­gi­schen und kör­per­li­chen tat­sa­chen zäh­len bio­lo­gie und kör­per.“

Dage­gen greift auch der Ein­wand von Sven nicht durch:

„Ich würde behaup­ten, dass jeg­li­che Anbin­dung an vor­dis­kur­sive ‘Tat­sa­chen’ schlicht­weg sinn­los ist; aus unse­rer Spra­che und Kul­tur kom­men wir nicht her­aus.“

aa) ent­wer­tet die­ser Eiwand nicht nur – wie beab­sich­tigt – die hege­mo­niale Behaup­tung eines Tatsachen-​​Charakters der aus­schließ­li­chen Zwei­ge­schlecht­lich­keit, son­dern genauso auch die auf die Tat­sa­che der Inter­se­xua­li­tät gestützte Kri­tik an der hege­mo­nia­len Sicht­weise,

womit sich bb) zeigt, daß ein ‚lin­gus­ti­zis­ti­schen Monis­mus‘ – gegen den sich im übri­gen auch Judith But­ler wen­det4 – nur in Sub­jek­ti­vis­mus = Will­kür enden kann.
Daß wir unsere Erkennt­nisse nur mit­tels Spra­che pro­du­zie­ren und for­mu­lie­ren kön­nen, heißt nicht, daß es die Gegen­stände unse­rer Erkennt­nisse nicht gibt.5

b) Ergän­zend sei – gegen Quatsch mit Soße:

„ich denke, du erfin­dest hier kri­te­rien für eine unhalt­bare these. dass men­schen bio­lo­gisch frauen und män­ner sind und sich als frauen und män­ner fort­pflan­zen, ist eine tat­sa­che, […]“ –

noch dar­auf hin­ge­wie­sen, daß auch das – für den Sport aller­dings nicht beson­ders rele­vante Kri­te­rium der Gebär­fä­hig­keit keine ein­deu­tige Zuord­nung aller Men­schen zu einem von aus­schließ­lich zwei Geschlech­tern erlaubt:

Auch unter dem Gesichts­punkt der Gene­ra­ti­vi­tät, läge es durch­aus nahe, mehr als zwei Haupt­grup­pen – Män­ner (angeb­lich = Nicht-​​Gebärfähige) und Frauen (angeb­lich = Gebär­fä­hige) – zu bil­den. Es läge unter dem Gesichts­punkt der Gene­ra­ti­vi­tät viel­mehr nahe, min­des­tens drei – viel­leicht auch vier, fünf, oder sechs – Haupt­grup­pen zu bil­den:
• Nie-​​Gebärfähige (dar­un­ter sol­che, die trotz­dem gebä­ren wol­len, und sol­che die ohne­hin nicht gebä­ren wol­len);
• Noch-​​Nicht-​​ und Nicht-​​Mehr-​​Gebärfähige;
• (gebär­wil­lige und gebär­un­wil­lige) Gebär­fä­hige.
Und vor allem sind wohl Kul­tu­ren denk­bar, die den Umgang mit den Fol­gen des Gebä­rens so regeln, daß die Tat­sa­che des Gebä­rens nicht mehr aus­schlag­ge­bend für die Posi­tio­nie­rung von Indi­vi­duen in der gesell­schaft­li­chen Struk­tur ist. (Das letzte Argu­ment führt durch­aus nicht zur Restau­ra­tion der Unter­schei­dung zwi­schen sex und gen­der. Denn jeden­falls das Gebä­ren ist [anders als die Gefähr­fä­hig­keit, die aber wie­derum – wie gezeigt – nicht allen Frauen gemein­sam ist!] keine Eigen­schaft (des sex Frau), son­dern eine Tätig­keit. Es bleibt also bei But­ler: Würde von der Tätig­keit des Gebä­rens bzw. Nicht-​​Gebärens – also vom doing gen­der – auf die Exis­tenz zweier sex mit unter­schied­li­chen bio­lo­gi­schen Eigen­schaf­ten geschlos­sen, so wäre dies nur ein neues Argu­ment dafür, daß sex nicht ursprüng­lich, son­dern viel­mehr ein Effekt von gen­der ist.)6

2. Pinky nimmt in FN ** zu den hie­si­gen Kom­men­ta­ren von Anti­fatzke und ♥Tek­knoatze Stel­lung; auch hier gibt es inzwi­schen wei­tere Kom­men­tare zu dem Aus­gangs­bei­trag. Ich werde bei Gele­gen­heit auch noch etwas zur Min­dest­lohn­for­de­rung schrei­ben.
3. Dage­gen ist die Anti­de­mo­kra­ti­sche Aktion in Schwei­gen ver­fal­len. Ein Zei­chen von Ein­sicht? Oder viel­mehr von argu­ment­lo­ser Bei­be­hal­tung der kri­ti­sier­ten Posi­tion?

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Wer/welche zuletzt lacht, lacht am besten – über die ‚patentierten‘ Marxisten von der Antidemokratische Aktion

- Ant­wort auf den Text „Pi mal Dau­men genau getrof­fen“ der Anti­de­mo­kra­ti­schen Aktion - (mehr…)

Pi mal Daumen – Für die Antidemokratische Aktion genug?

Zu: „Theo­rie als Pra­xis schlägt zurück“ (vom 17.08.2009)

1.

„An­wür­fe der Sorte, ich solle mal ‚Be­griffs­de­fi­ni­tio­nen‘ brin­gen, loh­nen dabei den Kon­ter nicht, denn ist oh­ne­hin of­fen­sicht­lich, was das für ein Blöd­sinn ist. Schließ­lich ist es so ziem­lich das Ge­gen­teil vom Be­grei­fen einer Sache, also sich einen Be­griff von ihr zu ma­chen,“

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Gelesen (17.08.)

1. daß TOP und die Inter­na­tio­na­len Kom­mu­nis­tIn­nen kri­tisch auf die Iran-​​Kundgebung am 12. August, an der sie betei­ligt waren, zurück­bli­cken – fragt sich nur, warum nicht bereits in den ursprüng­li­chen Kund­ge­bungs­auf­ruf klipp und klar
-- eine Ableh­nung eines evtl. Krie­ges gegen den Iran
und
-- eine Kri­tik des paternalistisch-​​militärischen Men­schen­rechts­ex­ports geschrie­ben wurde.
Dann hätte sich wahr­schein­lich von vorn­her­ein eine Kund­ge­bungs­teil­nahme der­je­ni­gen poli­ti­schen Kräfte, deren Agie­ren bei der Kund­ge­bung jetzt mit Miß­fal­len auf­ge­nom­men wurde, erüb­rigt. Statt des­sen wurde in dem Auf­ruf ohne klare Stel­lung­nahme über das ira­ni­sche „Atom-​​ und Rake­ten­pro­gramm“ und das angeb­li­che „poli­ti­schen Appeas­e­ment“ gegen­über dem Iran geschrie­ben. Eine Kri­tik am ira­ni­schen Atom­pro­gramm ohne unzwei­deu­ti­ger Abset­zung von einer Ver­tei­dung des beste­hen­den Atom­waf­fe­no­li­go­pols gerät aber zwangs­läu­fig in ein frag­wür­di­ges Fahr­was­ser; genauso eine pau­schale Soli­da­ri­tät mit „den Pro­tes­tie­ren­den“ im Iran – ohne auf Klassen-​​, gen­der etc.-Differenzen und unter­schied­li­che poli­ti­sche Optio­nen ein­zu­ge­hen.
2. der Bekämp­fer der ver­meint­li­chen Bekämp­fe­rIn­nen des ver­meint­lich Bösen zu dem Thema anmerkt:

„Nach­dem nun über eine halbe Woche im Inter­net über die Iran-​​Kundgebung in Ber­lin dis­ku­tiert wurde, mani­fes­tiert T.O.P. mit einer Stel­lung­nahme nur noch­ein­mal, …“

„nun über eine halbe Woche“ – gibt es eigent­lich inzwi­schen eine Stel­lung­nahme von ARAB und JANO zu dem Soli-​​Konzert am 7.8.? Oder sol­len ursprüng­li­che Ein-​​ und spä­tere Aus­la­dung von MaKss Damage dau­er­haft ohne poli­ti­scher Erklä­rung blei­ben? – Wer im Glas­haus sitzt, sollte nicht mit Stei­nen schmei­ßen.

3. die Anti­de­mo­kra­ti­sche Aktion kri­ti­siert, ohne daß das Kri­ti­sierte vor­her zur Kennt­nis zu neh­men:

„Bei TaP, dem Blog für die Ver­wurs­tung von Ge­plap­per strai­ght outta Wis­sen­schafts­be­trieb als Pra­xis, in der man sich weder von ob­jek­ti­ver Wis­sen­schaft noch von Po­li­tik ‚be­vor­mun­den‘ las­sen möch­te, also dar­auf be­harrt, die ei­ge­ne Sub­jek­ti­vi­tät un­ge­trübt von Kri­tik dar­stel­len zu kön­nen, schreibt man den glei­chen Blöd­sinn auf wis­sen­schafts­theo­re­tisch und gleich­zei­tig links­ra­di­kal, d.h. mit dop­pel­ter Jar­go­ni­tis als Ar­gu­men­ter­satz.“

Wie dar­ge­legt kann eine objek­tive Erkennt­nis die poli­ti­sche Bewer­tung des Erkann­ten nicht erset­zen oder vor­weg­neh­men. Die Zurück­wei­sung der Bevor­mung der Poli­tik durch die Wis­sen­schaf­ten tan­giert daher weder den Anspruch der Wis­sen­schaf­ten auf Objek­ti­vi­tät noch deren Objek­ti­vi­tät, soweit sie denn tat­säch­lich gege­ben ist.

„Den Ver­gleich wie De­cker im oben ver­link­ten Text ein­fach zu ma­chen, das ist eines links­ra­di­ka­len Wis­sen­schafts­hei­nis selbst­ver­ständ­lich nicht wür­dig. Statt­des­sen schlägt er sich damit herum, ob man einen sol­chen Ver­gleich ma­chen kann (man kann!) und was man dabei nicht ma­chen kann (gleich­set­zen!).“

Auch die Gleich­set­zung kann gemacht wer­den, nur ist sie (wis­sen­schaft­lich) unzu­tref­fend und (poli­tisch) falsch.

„wes­halb es Quatsch ist, das Re­sul­tat Nich­ti­den­ti­tät als me­tho­di­sche Vor­schrift vor­weg­zu­neh­men.“

‚Vor­weg­nahme‘?! – nach sound­so­viel Jahre For­schung zum Natio­nal­so­zia­lis­mus?

„Womit dann der Moral von der Ge­schich­te der Boden be­rei­tet ist“

Argu­ment? Begriffs-​​Definition? – Ist nach Ansicht der Anti­de­mo­kra­ti­schen Aktion jede poli­ti­sche Bewer­tung des Exis­tie­ren­den oder ehe­mals Exis­tie­ren­den oder poli­ti­scher Ziel­set­zun­gen per se mora­lisch und daher zu unter­las­sen? Ver­folgt die Anti­de­mo­kra­ti­sche Aktion poli­ti­sche Ziele? Drückt „Aktion“ im blog-​​Namen poli­ti­sches Han­deln und „anti­de­mo­kra­tisch“ eine Ziel­be­schrei­bung aus? Und falls ja, wie begrün­det sie ihre Ziel­set­zun­gen? Falls nein, wel­chen Sta­tus haben die Bestand­teile des blog-​​Namens dann statt desen?

„Und schon ist auch der ra­di­ka­len Lin­ken als Dienst­an­wei­sung für gutes ra­di­ka­les Links­sein die Na­tio­nal­moral vom guten de­mo­kra­ti­schen Na­tio­na­lis­mus vs. den schlech­ten (neo-)na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen mal wie­der ins Stamm­buch ge­schrie­ben“

Daß auch das klei­nere Übel ein Übel ist, ändert nichts daran, daß sich Unter­schiede zwi­schen ver­schie­de­nen Übel fest­stel­len und sich diese auch quan­ti­ta­tiv und qua­li­ta­tiv auf den Begriff den Begriff brin­gen las­sen.

Bitte Lenins Linksradikalismus-​​Kritik lesen, dabei und anschlie­ßend den­ken und nächs­tes Mal etwas Durch­dach­tes schrei­ben.

Was macht gute Analysen aus?

Fol­gende Zita­te­samm­lung hatte ich am 17.8. – quasi als Drein­gabe zu mei­nem Text Linke Kapi­ta­lis­mus­kri­tik muss tref­fen­der wer­den – bei links­ak­tiv gepos­ted und rief dort 26 Kom­men­tare her­vor. Da die Zita­te­samm­lung viel­leicht auch im Kon­text der Kon­tro­verse zwi­schen ‚Anti­deut­schen‘ und ‚Anti-​​Antideutschen‘ bzw. ‚Anti­im­pe­ria­lis­tIn­nen‘ und ‚Anti-​​AntiimperialistInnen‘ von Inter­esse ist, sei sie auch hier noch mal ver­öf­fent­licht.

1. Nicht mora­li­sche Fehl­hal­tung von Per­so­nen denun­zie­ren, son­dern gesell­schaft­li­che Ver­hält­nisse ana­ly­sie­ren

Die Gestal­ten von Kapi­ta­list und Grund­ei­gen­tü­mer zeichne ich kei­nes­wegs in rosi­gem Licht. Aber es han­delt sich hier um die Per­so­nen nur, soweit sie die Per­so­ni­fi­ka­tion ökono­mi­scher Kate­go­rien sind, Trä­ger von bestimm­ten Klas­sen­ver­hält­nis­sen und Inter­es­sen. Weni­ger als jeder andere kann mein Stand­punkt, […], den ein­zel­nen ver­ant­wort­lich machen für Ver­hält­nisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, sosehr er sich auch sub­jek­tiv über sie erhe­ben mag.
[Marx: Das Kapi­tal, S. 9. Digi­tale Biblio­thek Band 11: Marx/​Engels, S. 3323 (vgl. MEW Bd. 23, S. 16)]

meine ana­ly­ti­sche Methode, die nicht von dem Men­schen, son­dern der ökono­misch gegeb­nen Gesell­schafts­pe­riode aus­geht,“ (Marx)

2. Nicht über Absich­ten spe­ku­lie­ren, son­dern Hand­lun­gen ana­ly­sie­ren

„Wol­len wir Turati, dem Refor­mis­ten, Turati, dem Anhän­ger Kau­tskys, glau­ben, daß es nicht seine Absicht war, den Krieg zu recht­fer­ti­gen. Wer wüßte aber nicht es in der Poli­tik nicht auf Absich­ten ankommt, son­dern auf Taten? nicht auf fromme Wün­sche, son­dern auf Tat­sa­chen? nicht auf das, was man sich ein­bil­det, son­dern auf das, was wirk­lich ist?“ (LW 23, 187; engl. [1])

Wäh­rend im gewöhn­li­chen Leben jeder Shop­kee­per sehr wohl zwi­schen Dem zu unter­schei­den weiß, was Jemand zu sein vor­gibt, und dem, was er wirk­lich ist, so ist unsre Geschicht­schrei­bung noch nicht zu die­ser tri­via­len Erkennt­nis gekom­men. Sie glaubt jeder Epo­che aufs Wort, was sie von sich selbst sagt und sich ein­bil­det.“ (Marx/​Engels)

3. Der eige­nen Über­zeu­gung wider­spre­chende Auf­fas­sun­gen nicht wegen ver­meint­lich dahin­ter­ste­hen­der Absich­ten und Zwe­cke denun­zie­ren, son­dern sie in der Sache wider­le­gen

„Einen Men­schen aber, der die Wis­sen­schaft einem nicht aus ihr selbst (wie irrt­hüm­lich sie immer sein mag), son­dern von aus­sen, ihr frem­den, äusser­li­chen Inter­esse ent­lehn­ten Stand­punkt zu acco­mo­die­ren sucht, nenne ich ‚gemein‘“ (Marx, Theo­rien über den Mehr­wert, MEW, Bd. 26.2, S. 112 zit. n. [2])

4. Nicht Glau­bens­sätze ver­brei­ten, son­dern Beweise lie­fern

„Der Arti­kel von G[eorg] L[ukács] ist ein sehr radi­ka­ler und sehr schlech­ter Arti­kel. […]. Es fehlt die kon­krete Ana­lyse ganz bestimm­ter his­to­ri­scher Situa­tio­nen.“ (LW 31, 153)

„the most essen­tial thing in Mar­xism, the living soul of Mar­xism, [is] the con­crete ana­ly­sis of con­crete con­di­ti­ons“ (zit n. [3], dt. wie vor­ste­hend S. 154 [?]).

„Viele Genos­sen reden den ganz Tag lang mit geschlos­se­nen Augen ins Blaue hin­ein. Für einen Kom­mu­nis­ten ist das eine Schande. Wie kann denn ein Kom­mu­nist vor der Wirk­lich­keit die Augen ver­schlie­ßen, dafür aber den Mund voll neh­men? Unmög­lich! Aus­ge­schlos­sen! Das Haupt­ge­wicht auf die Unter­su­chun­gen legen! Schluß mit dem Geschwätz!“ (Mao [4])

5. Dabei aber nicht in den Empi­ris­mus ver­fal­len

Es scheint das Rich­tige zu sein, mit dem Rea­len und Kon­kre­ten, der wirk­li­chen Vor­aus­set­zung zu begin­nen, also z.B. in der Ökono­mie mit der Bevöl­ke­rung, die die Grund­lage und das Sub­jekt des gan­zen gesell­schaft­li­chen Pro­duk­ti­ons­akts ist. Indes zeigt sich dies bei nähe­rer Betrach­tung [als] falsch. Die Bevöl­ke­rung ist eine Abs­trak­tion, wenn ich z.B. die Klas­sen, aus denen sie besteht, weg­lasse. Diese Klas­sen sind wie­der ein lee­res Wort, wenn ich die Ele­mente nicht kenne, auf denen sie beruhn, z.B. Lohn­ar­beit, Kapi­tal etc. Diese unter­stel­len Aus­tausch, Tei­lung der Arbeit, Preise etc. Kapi­tal z.B. ohne Lohn­ar­beit ist nichts, ohne Wert, Geld, Preis etc. Finge ich also mit der Bevöl­ke­rung an, so wäre das eine chao­ti­sche Vor­stel­lung des Gan­zen, und durch nähere Bestim­mung würde ich ana­ly­tisch immer mehr auf ein­fa­chere Begriffe kom­men; von dem vor­ge­stell­ten Kon­kre­ten auf immer dün­nere Abs­trakta, bis ich bei den ein­fachs­ten Bestim­mun­gen ange­langt wäre. Von da wäre nun die Reise wie­der rück­wärts anzu­tre­ten, bis ich end­lich wie­der bei der Bevöl­ke­rung anlangte, dies­mal aber nicht als bei einer chao­ti­schen Vor­stel­lung eines Gan­zen, son­dern als einer rei­chen Tota­li­tät von vie­len Bestim­mun­gen und Bezie­hun­gen. Der erste Weg ist <632> der, den die Ökono­mie in ihrer Ent­ste­hung geschicht­lich genom­men hat. […]. Das letztre [= der zweite Weg] ist offen­bar die wis­sen­schaft­lich rich­tige Methode.“ (Marx)

Anzu­neh­men […], nur die sinn­li­che Erkennt­nis sei zuver­läs­sig, die ratio­nale Erkennt­nis aber unzu­ver­läs­sig – das hieße, den aus der Geschichte bekann­ten Feh­ler des ‚Empi­ris­mus‘ zu wie­der­ho­len. Der Feh­ler die­ser Theo­rie liegt in der man­geln­den Kennt­nis des­sen, daß die Sin­ne­san­ga­ben zwar eine Wider­spie­ge­lung gewis­ser Rea­li­tä­ten der objek­ti­ven Außen­welt […], jedoch nur etwas Ein­sei­ti­ges und Ober­fläch­li­ches sind; eine sol­che Wider­spie­ge­lung ist unvoll­stän­dig, […]. Zur voll­stän­di­gen Wider­spie­ge­lung des Din­ges in sei­ner Tota­li­tät, zur Wider­spie­ge­lung sei­nes Wesens und sei­ner inne­ren Gesetz­mä­ßig­kei­ten muß man durch den Denk­pro­zeß man­nig­fal­tige Sin­ne­san­ga­ben ver­ar­bei­ten, […] – muß man den Sprung von der sinn­li­chen Erkennt­nis zur ratio­na­len Erkennt­nis tun. Die so bear­bei­tete Erkennt­nis ist nicht ärmer, nicht unzu­ver­läs­si­ger. Im Gegen­teil, alles, was im Erkennt­nis­pro­zeß auf der Grund­lage der Pra­xis wis­sen­schaft­lich ver­ar­bei­tet wor­den ist, spie­gelt – wie Lenin sagt – die objek­ti­ven Dinge tie­fer, rich­ti­ger und voll­stän­di­ger wider. Gerade das ver­ste­hen die vul­gä­ren Prak­ti­zis­ten nicht: Sie schät­zen die Erfah­rung hoch, ach­ten aber die Theo­rie gering, infol­ge­des­sen kön­nen sie keine Über­sicht über den objek­ti­ven Pro­zeß in sei­ner Gesamt­heit gewin­nen, fehlt ihnen die klare Ori­en­tie­rung, haben sie keine weit­rei­chende Per­spek­tive, berau­schen sie sich an zufäl­li­gen Erfol­gen und an einem Schim­mer von Wahr­heit. Lei­te­ten sol­che Men­schen die Revo­lu­tion an, wür­den sie diese in eine Sack­gasse füh­ren.“ (Mao, Über die Pra­xis).

„der Umweg über die Theo­rie [zwingt …] den wis­sen­schaft­li­chen Geist zu einer Kri­tik der Wahr­neh­mung“

„Die pri­märe Erfah­rung, oder genauer gesagt, die erste Beob­ach­tung ist immer ein ers­tes Hin­der­nis für die wis­sen­schaft­li­che Bil­dung. […]. Das Den­ken muß den unmit­tel­ba­ren Empi­ris­mus über­win­den. […] das erste Sys­tem ist falsch. […].“

Die „Tat­sa­chen [wer­den] im vul­gä­ren Wis­sen zu früh“ – vor der theo­re­ti­schen Refle­xion – „in die Begrün­dung ein­ge­bracht“; „die Ant­wort [wird] gege­ben, bevor man die Frage geklärt hat“(Gaston Bachel­ard zit. n. [5]).

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1. Beitrag: Zum Namen und zur Funktion von „Theorie als Praxis“

I. Zum Namen des blogs
Der Titel des blogs speist sich u.a. aus einer poli­ti­schen Ein­sicht Lenins:

„Ohne revo­lu­tio­näre Theo­rie kann es auch keine revo­lu­tio­näre Bewe­gung geben.“

Hin­zu­kommt eine wis­sen­schafts­theo­re­ti­sche Ein­sicht von Gas­ton Bachel­ard: Auch wis­sen­schaft­li­che Pra­xis kommt nicht ohne Theo­rie aus:

„Die pri­märe Erfah­rung, oder genauer gesagt, die erste Beob­ach­tung ist immer ein ers­tes Hin­der­nis für die wis­sen­schaft­li­che Bil­dung. […]. Das Den­ken muß den unmit­tel­ba­ren Empi­ris­mus über­win­den. […] das erste Sys­tem ist falsch.“ Nur „der Umweg über die Theo­rie [zwingt …] den wis­sen­schaft­li­chen Geist zu einer Kri­tik der Wahr­neh­mung“. Man – frau und lesbe auch – muß nach­den­ken, um zu mes­sen (oder zu beob­ach­ten), und nicht mes­sen, um nach­zu­den­ken. (Bachel­ard 1938, 54, 55, 164, 309).

Hin­zu­kommt schließ­lich noch eine Ein­sicht von Louis Alt­hus­ser: Egal, ob es um poli­ti­sche oder wis­sen­schaft­li­che Pra­xis geht (beide Pra­xis­ar­ten sind aller­dings hin­sicht­lich ihrer ‚Roh­stoffe’, ‚Pro­duk­ti­ons­mit­tel’, Pro­duk­ti­ons­me­tho­den und Pro­dukte zu unter­schei­den), es ist falsch, Theo­rie und Pra­xis über­haupt ent­ge­gen­zu­set­zen. Auch Theo­rie­pro­duk­tion ist eine Pra­xis:

„The cri­ti­que which, in the last instance, coun­ter­po­ses the abstrac­tion it attri­bu­tes to theory and to sci­ence and the con­crete it regards as the real its­elf, […] denies the rea­lity of sci­en­ti­fic prac­tice, […]. Hoping to be ‘con­crete’ and hoping for the ‘con­crete’, this con­cep­tion hopes to be ‚true‘ qua con­cep­tion, so it hopes to be know­ledge, but it starts by deny­ing the rea­lity of pre­ci­sely the prac­tice that pro­du­ces know­ledge!“ (p. 187; vgl. http://​www​.mar​x2​mao​.com/​O​t​h​e​r​/​R​C​6​8​i​.html, p. 40 f.).

In die­sem Sinne wird hier Theo­rie als Pra­xis betrie­ben; Theo­rie ist keine bloße Kon­tem­pla­tion.

II. zu „man – frau und lesbe auch –“

Die vierte Refe­renz (nach Lenin, Bachel­ard und Alt­hus­ser) ist Moni­que Wit­tig zu erwei­sen (sie wird nicht die letzte Lesbe blei­ben, der in die­sem blog die Refe­renz erwie­sen wird). Sie sagte: „it would be incor­rect so say les­bi­ans asso­ciate, make love, live with women, […]. Les­bi­ans are not women.“ (Wit­tig 1980, 32) Und ihre Begrün­dung lau­tet:

„[…] the cate­gory ‚woman‘ as well as the cate­gory ‚man‘ are poli­ti­cal and eco­no­mic cate­go­ries not eter­nal ones.“ (1981, 15). „For what makes a woman is a spe­ci­fic social rela­tion to a man, a rela­tion that we have pre­viously cal­led ser­vitude, a rela­tion which implies per­so­nal and phy­si­cal as well as eco­no­mic obli­ga­ti­ons […], a rela­tion which les­bi­ans escape by refu­sing to become or stay hete­ro­se­xual.“ (20).

Da mir noch keine Schwu­len begeg­net sind, die behaup­ten, daß Schwule keine Män­ner sind, resul­tiert aus Wit­tigs radi­ka­lem Anti-​​Biologismus die asym­me­tri­sche Schreib­weise „man/​frau/​lesbe“ (statt des männ­li­che Hege­mo­nie arti­ku­lie­ren­den „man“ oder statt eines gesell­schaft­li­che Ant­ago­nis­men negie­ren­den „mensch“).

III. Zur Funk­tion von „Theo­rie als Pra­xis“
„Theo­rie als Pra­xis“ ist zunächst ein­mal aus dem Inter­esse ent­stan­den, einige ältere Texte von mir wie­der zugäng­lich zu machen und diese zusam­men mit neue­ren Tex­ten an einem ein­heit­li­chen Ort recher­chier­bar zu machen.
Indem dies öffent­lich geschieht, sol­len diese Texte zugleich zur Dis­kus­sion und Kri­tik gestellt wer­den. Es besteht daher die Mög­lich­keit, die ein­zel­nen Texte durch Nut­zung des „Kom­men­tare“-links (in klei­ner Schrift) unter der Über­schrift jeden Bei­trags zu kom­men­tie­ren. Im Moment ist der blog so ein­ge­stellt, daß die Kom­men­tare nicht erst durch eine Moderations-​​Warteschleife müs­sen, son­dern sogleich online gestellt wer­den. Sofern dies nicht zuviel Spam anzieht, wird das so blei­ben.
Dar­über hin­aus besteht die Mög­lich­keit, sich als ‚Benut­ze­rIn’ (mit­tels des ent­spre­chen­den links im hea­der [Kopf­zeile] des blogs) zu regis­trie­ren. Die Nut­zung die­ser Mög­lich­keit bie­tet sich an, wenn meh­rere Bei­träge auf ein­mal kom­men­tiert wer­den sol­len oder wenn Bei­träge geschickt wer­den sol­len, die eine sinn­volle (auch kri­ti­sche) Ergän­zung der ande­ren Bei­träge dar­stel­len. Neu regis­trierte Benut­ze­rIn­nen müs­sen erst manu­ell mit einer Schreib­be­rech­ti­gung ver­se­hen wer­den, also ggf. bitte etwas Geduld.
Löschung von Bei­trä­gen und Kom­men­ta­ren insb. nach den Kri­te­rien von blog​sport​.de (keine ras­sis­ti­schen, sexis­ti­schen, anti­se­mi­ti­schen, homo­pho­ben, behin­der­ten­feind­li­chen, rechts­ra­di­ka­len Inhalte) bleibt vor­be­hal­ten. Abge­se­hen davon gilt aber auch für die blog-​​Welt, was Lenin, Fer­di­nand Las­salle zitie­rend, über Par­teien sagte:

„Par­tei­kämpfe [geben …] einer Par­tei [gerade] Kraft und Leben […], […] der größte Beweis der Schwä­che einer Par­tei [ist] das Ver­schwim­men der­sel­ben und die Abstump­fung der mar­kier­ten Dif­fe­ren­zen ist“.

In die­sem Sinne wird auch „Theo­rie als Pra­xis“ durch Kon­tro­ver­sen nur gewin­nen.

Soviel für den Anfang.

Alt­hus­ser 1963: Louis Alt­hus­ser, Über mate­ria­lis­ti­sche Dia­lek­tik. Von der Ungleich­heit der Ursprünge (1963), in: ders., Für Marx, Suhr­kamp: Frank­furt am Main, 1968, 100 – 167.
Bachel­ard 1938: Gas­ton Bachel­ard, Die Bil­dung des wis­sen­schaft­li­chen Geis­tes, Suhr­kamp: Frank­furt am Main, 1984 (frz. Ori­gi­nal­aus­gabe: Librai­rie Phi­lo­so­phi­que J. Vrin: Paris, 1938).
Lenin 1902: W.I. Lenin, Was tun? Bren­nende Fra­gen unse­rer Bewe­gung (1902), in: ders., Werke, Bd. 5, Dietz: Berlin/​DDR, 19788, 355 – 551.
Wit­tig 1980: Moni­que Wit­tig, The Strai­ght Mind (1980), in: Wit­tig 1992, 21 – 32.
Wit­tig 1981: dies., One is not born a woman (1981), in: Wit­tig 1992, 9 – 20.
Wit­tig 1992: dies., The Strai­ght Mind, Bea­con Press: Bos­ton, 1992.

[Gegen Empirismus und Idealismus]

Die in die­ser .pdf-​​Datei doku­men­tier­ten Anmer­kun­gen zu dem Auf­satz von

Gideon Sti­e­ning
Am „Urgrund“ oder: Was sind und zu wel­chem Ende stu­diert man ‚Poe­to­lo­gien des Wis­sens‘
in: Zeit­schrift für Kul­tur­peo­to­lo­gie 2007, 234 – 248

ent­stan­den am 4./5.11.2008 für eine Dis­kus­sion am Inter­na­tio­na­len For­schungs­zen­trum Kul­tur­wis­sen­schaf­ten in Wien.

(Für die hie­sige Ver­öf­fent­li­chung ist der Text insb. am Anfang, der kurz auf die Replik von Joseph Vogl [S. 249-​​258 des glei­chen Jahr­gangs der glei­chen Zeit­schrift] ein­ging, gekürzt.)

Zu die­sem Text gehört noch – quasi als Nach­be­mer­kung vom 16.11. – diese Notiz über „Fou­cault und die Wahr­heit“.