Archiv der Kategorie 'Wissenschaftstheorie'

Leninismus und Irrtum

Am Mon­tag hatte ich Gele­gen­heit, einen ca. 35-​​minütigen Kom­men­tar am Fach­be­reich Phi­lo­so­phie und Geis­tes­wis­sen­schaf­ten der FU Ber­lin zum Thema Radi­kale Phi­lo­so­phie vor­zu­tra­gen. „Radi­kale Phi­lo­so­phie“ ist ein Kon­zept, das Frie­der Otto Wolf 2001 in der ers­ten Auf­lage sei­nes gleich­na­mi­gen Buches1 – u.a. in Anknüp­fung an die bri­ti­sche Zeit­schrift Radi­cal Phi­lo­so­phy2 und die us-​​amerikanische Radi­cal Phi­lo­so­phy Asso­cia­tion3 – ent­wi­ckelte. In die­sem Semes­ter zieht er eine Zwi­schen­bi­lanz, was heute, 15 Jahre spä­ter, aus sei­nen dama­li­gen phi­lo­so­phi­schen Initia­ti­ven gewor­den ist, wozu er auch um kri­ti­sche Kom­men­tare gebe­ten hatte. Ich selbst habe mir die Frei­heit genom­men, den Leni­nis­mus unter „Radi­kale Phi­lo­so­phie“ zu sub­su­mie­ren. – Ein Mit­schnitt fin­det sich auf Frie­der Otto Wolfs home­page:

http://​www​.frie​derot​to​wolf​.de/​6​8​8​/​k​o​n​t​e​x​t​e​-​u​n​d​-​p​e​r​s​p​e​k​t​i​v​e​n​-​r​a​d​i​k​a​l​e​r​-​p​h​i​l​o​s​o​p​h​ie-7/ (ab ca. Min. 51:20; bei ca. Min. 55:38 war mir ein Ver­spre­cher unter­lau­fen [statt „1996″ hätte es dort „1976″ hei­ßen müs­sen)

Dem­nächst wird es außer­dem eine erwei­terte schrift­li­che Fas­sung des Vor­tra­ges geben.

  1. Frie­der Otto Wolf, Radi­kale Phi­lo­so­phie. Auf­klä­rung und Befrei­ung in der neuen Zeit, West­fä­li­sches Dampf­boot: Müns­ter, 20092 [zurück]
  2. „Radi­cal Phi­lo­so­phy is a UK-​​based jour­nal of socia­list and femi­nist phi­lo­so­phy, the first issue of which appeared in Janu­ary 1972.“ (http://​www​.radi​cal​phi​lo​so​phy​.com/​about) [zurück]
  3. „Foun­ded in 1982, RPA mem­bers struggle against capi­ta­lism, racism, sexism, homo­pho­bia, disa­bi­lity dis­cri­mi­na­tion, environ­men­tal ruin, and all other forms of domi­na­tion.“ (http://​www​.radi​cal​phi​lo​so​phyas​so​cia​tion​.org/​m​i​s​s​i​o​n​.html) [zurück]

Warum heißt der „strukturale Marxismus“ „struktural“?

Viel­leicht ist das Fol­gende ja hilf­reich für die vom Gen. sys­tem­crash ange­regte Erar­bei­tung eines Althusser-​​Trotzki-​​Vergleichs – also: Warum heißt der „struk­tu­rale Mar­xis­mus“ „struk­tu­ral“?

1. heißt er des­halb „struk­tu­ral“, weil er wie jeder Struk­tu­ra­lis­mus1 vom Pri­mat der Struk­tu­ren über deren Sym­ptome ein­schließ­lich der Sub­jekte, die in ihnen posi­tio­niert wer­den, aus­geht – die Struk­tur ist das Bedin­gende (die Deter­mi­nante): „Die Struk­tur bedingt die Funk­tio­na­li­tät der Teile im Ver­bund einer Ganz­heit.“ (Wiki­pe­dia)

Dies unter­schei­det den „struk­tu­ra­len Mar­xis­mus“ gar nicht von Marx, son­dern ist ein­fach nur eine Wie­der­ho­lung des­sen, was Marx (und Lenin) selbst schon schrieb(en): (mehr…)

Wikipedia rechnet falsch – @ Wahlumfragen in Griechenland

Die eng­li­sche Wiki­pe­dia ent­hält eine im Prin­zip sehr nütz­li­che Über­sicht, über die poli­ti­sche Mei­nungs­um­fra­gen, die in Grie­chen­land durch­ge­führt wer­den:

https://​en​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​G​r​e​e​k​_​l​e​g​i​s​l​a​t​i​v​e​_​e​l​e​c​t​i​o​n​,​_​S​e​p​t​e​m​b​e​r​_​2​0​1​5​#​O​p​i​n​i​o​n​_​polls (neben „Date“ auf „show“ kli­cken).

Aller­dings ent­hal­ten allein schon die Zei­len zwei bis vier – also zu den drei aktu­ells­ten Umfra­gen eine ganze Reihe von Feh­lern bzw. Unge­nau­ig­kei­ten: (mehr…)

Die Welt schöngesoffen: Joachim Bischoff / Björn Radke / Axel Troost (MdB) zum Griechenland-Memorandum III


Der Ko-​​Herausgeber der Ham­bur­ger Zeit­schrift Sozia­lis­mus, Joa­chim Bisch­off, sein Redak­teur Björn Radke und der Stell­ver­tre­tende Bun­des­vor­sit­zende der Links­par­tei und Bun­des­tags­ab­ge­ord­nete Axel Troost haben eine kleine Kost­probe abge­lie­fert, was sie unter einer „wirk­lich wis­sen­schaft­li­che sozia­lis­ti­sche Zeit­schrift“ ver­ste­hen:

Sie ‚ana­ly­sie­ren‘ das neu­este Griechenland-​​Memorandum wie folgt:

  • „die grie­chi­sche Regie­rung […] setzte […] durch“ -

Herz­li­chen Glück­wunsch dann noch nach­träg­lich…

  • „Die Details über die Ver­ein­ba­rung klin­gen weni­ger schlimm als die Kri­ti­ker befürch­te­ten.“

Sie erken­nen aber immer­hin:

  • „Das neue Pro­gramm ist gewiss nicht auf wachs­tums­för­dernde Impulse aus­ge­legt. [… Viel­mehr] wie bis­her […] ein Mix aus Dere­gu­lie­run­gen und Ein­spa­run­gen“

Sodann behaup­ten sie: (mehr…)

Lenin – ein postmoderner Sprachidealist?

Ein Gesprächs­pro­to­koll in zehn Punk­ten

Gen. sys­tem­crash hatte mich ges­tern Abend auf einen alten Spar­t­a­cist1-Arti­kel mit dem Titel Lenin als Phi­lo­soph hin­ge­wie­sen. Darin ist gegen den Ver­such, Lenin als „ökono­mi­schen Deter­mi­nis­ten“ hin­zu­stel­len, u.a. fol­gen­des Lenin-​​Zitat ange­führt:

„Das Bewusst­sein des Men­schen wider­spie­gelt nicht nur die objek­tive Welt, son­dern schafft sie auch.“ (LW 38, 203)

Dar­aus ent­wi­ckelte sich dann ges­tern Abend eine kleine Plau­de­rei über Spra­che und Welt­ver­än­de­rung /​ Sein und Bewußt­sein:

1.a) Ich sti­chele zunächst: (mehr…)

Es reicht bei weitem nicht, immer nur alles ‚mitzudenken und zu reflektieren‘ und mit allen – oder fast allen – solidarisch zu sein.

Bei linksunten.indymedia begrün­dete ich am Diens­tag meine These:

„Es reicht bei wei­tem nicht, immer nur alles ‚mit[zudenken] und [zu] reflektier[en]‘ und mit allen – oder fast allen – soli­da­risch zu sein. Manch­mal ist es not­wen­dig, eine Wahl zu tref­fen, eine Ent­schei­dung zu tref­fen: und zwar nicht nur gegen­über Mas­ku­lis­ten, Fun­da­men­ta­lis­tIn­nen aller mög­li­chen Reli­gio­nen, Faschis­ten und Faschis­tin­nen (dem dürf­ten sogar Queerfe­mi­nis­tIn­nen zustim­men), son­dern manch­mal – und nur allzu oft – ist es sogar erfor­der­lich, eine Ent­schei­dung, eine Wahl zwi­schen unter­schied­li­chen femi­nis­ti­schen Posi­tio­nen zu tref­fen.“

Außer­dem fragte ich was Links­ra­di­ka­lis­mus eigent­lich von Links­li­be­ra­lis­mus unter­schei­det:

„Ein­fach nur zu for­dern, daß nie­mandE dis­kri­mi­niert wer­den soll, weil er/​sie fett, trans*, inter*, Frau, Sex­ar­bei­te­rIn ist, … ist bil­lig [5]. Das machen auch alle kon­se­quen­ten Libe­ra­len. Und des­halb kommt ein Links­ra­di­ka­lis­mus, der ana­ly­tisch und stra­te­gisch nicht mehr zu bie­ten hat, als sei­ner­seits alle Dis­kri­mi­nie­rung abzu­leh­nen, in die Ver­le­gen­heit, sich nur noch kul­tu­ra­lis­tisch oder – eher frü­her als heute – durch Mili­tanz vom Libe­ra­lis­mus abgren­zen zu kön­nen.“

Des­wei­te­ren kri­ti­siere ich dort das, was ich „Positionierungs-​​Striptease“2 der Autorinnen-​​ und Auto­ren des am Sams­tag bei indy­me­dia erschie­nen Tex­tes „Für eine links­ra­di­kale, queerfe­mi­nis­ti­sche Per­spek­tive auf den 8. März“1 nenne:

„Wir ver­ste­hen uns als Teil einer links­ra­di­ka­len, queer-​​feministischen Szene, sind weiß-​​deutsch, […], sind cis (also nicht trans), abled bodied (der körperlich/​geistigen Norm von ‚gesund’ wei­test­ge­hend entsprechend)und konn­ten alle auf die Uni gehen.“

und die dar­aus von die­sen gezo­gene Kon­se­quenz:

Aus die­sen Posi­tio­nen her­aus möch­ten wir eine Kri­tik an man­chen Auf­ru­fen­den zu die­ser Demo und deren Ver­ständ­nis von ‚Femi­nis­mus’ äußern.“ (meine Hv.)

Außer­dem wage ich am Ende noch eine kleine Pro­gnose, was dem Queerfe­mi­nis­mus eines Tages pas­sie­ren dürfte:

Eine revolutionär-​​feministische Per­spek­tive auf …
https://​links​un​ten​.indy​me​dia​.org/​d​e​/​n​o​d​e​/​1​08153.

Siehe ergän­zend mei­nen Kom­men­tar bei:

http://​lower​class​ma​ga​zine​.blog​sport​.de/​2​0​1​4​/​0​3​/​0​8​/​r​e​c​l​a​i​m​-​f​e​m​i​n​i​s​m​/​#​c​o​m​m​e​n​t-117

sowie

den Aus­zug bei de.indymedia:

http://​de​.indy​me​dia​.org/​2​0​1​4​/​0​3​/​3​5​3​0​2​4​.​shtml.

PS.:
Noch ein Nach­trag direkt zur 8. März-​​Demo:

Die Mäd­chen­mann­schaft ver­linkt drei Foto­stre­cken: (mehr…)

Lenins 22 grundlegenden Einsichten

Die fol­gende Zitate-​​Sammlung ent­stand bereits im April 2010 aus Anlaß des damals bevor­ste­hen­den 140. Geburts­tags Lenins, wurde aber damals nicht recht­zei­tig fer­tig und blieb dann erst ein­mal lie­gen. – Ich ver­öf­fent­li­che sie jetzt aus dem aktu­el­len Anlaß der ‚Leninismus-​​Debatte’ im NaO-​​Prozeß (1 [Abschnitt 4. sowie die fol­gen­den Kom­men­tare], siehe auch 2 und 3).

[Die fol­gende Zitate-​​Sammlung als drei-​​sprachige (Eng­lisch, Deutsch, Kas­ti­lisch [‘Spa­nisch‘] bzw. Fran­zö­sisch) .pdf-Datei]

1. Sta­lin ist zu grob und ten­diert zu Eil­fer­tig­keit und zum Admi­nis­trie­ren

„Gen. Sta­lin hat, nach­dem er Gene­ral­se­kre­tär gewor­den ist, eine uner­mess­li­che Macht in sei­nen Hän­den kon­zen­triert, und ich bin nicht über­zeugt, dass er es immer ver­ste­hen wird, von die­ser Macht vor­sich­tig genug Gebrauch zu machen.“
„Sta­lin ist zu grob, und die­ser Man­gel, der in unse­rer Mitte und im Ver­kehr zwi­schen uns Kom­mu­nis­ten durch­aus erträg­lich ist, kann in der Funk­tion des Gene­ral­se­kre­tärs nicht gedul­det wer­den. Des­halb schlage ich den Genos­sen vor, sich zu über­le­gen, wie man Sta­lin ablö­sen könnte, und jemand ande­ren an diese Stelle zu set­zen“
„Mir scheint, hier haben Sta­lins Eil­fer­tig­keit und sein Hang zum Admi­nis­trie­ren […] eine ver­häng­nis­volle Rolle gespielt. Wut ist in der Poli­tik gewöhn­lich über­haupt von größ­tem Übel.“
http://​www​.mxks​.de/​f​i​l​e​s​/​S​U​/​L​e​n​i​n​.​T​e​s​t​a​m​e​n​t.pdf

2. Marx’ Theo­rie ist nur das Funda­ment der Wis­sen­schaft, die die Sozia­lis­ten nach allen Rich­tun­gen wei­terentwickeln müs­sen

„Wir betrach­ten die Theo­rie von Marx kei­nes­wegs als et­was Abge­schlossenes und Unan­tast­ba­res; wir sind im Gegen­teil davon über­zeugt, daß sie nur das Funda­ment der Wis­sen­schaft gelegt hat, die die Sozia­lis­ten nach allen Rich­tun­gen wei­terentwickeln müs­sen, wenn sie nicht hin­ter dem Leben zurück­blei­ben wol­len.”
LW 4, 205 f.

„revo­lu­tio­näre Theo­rie [… ist] kein Dogma […], son­dern [sie nimmt] nur in engem Zusam­men­hang mit der Pra­xis einer wirk­li­chen Mas­sen­be­we­gung und einer wirk­lich revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung end­gül­tige Gestalt an.”
http://​www​.mar​xists​.org/​d​e​u​t​s​c​h​/​a​r​c​h​i​v​/​l​e​n​i​n​/​1​9​2​0​/​l​i​n​k​s​r​a​d​/​k​a​p​0​2​.html

Die „wis­sen­schaft­li­che Erfor­schung des Impe­ria­lis­mus [… ist] wie die Wis­sen­schaft über­haupt end­los“ (Lenin 1915a, 204)

3. Die kon­krete Ana­lyse einer kon­kre­ten Situa­tion – die leben­dige Seele des Marxis­mus (mehr…)

Noch ein Nachtrag @ Guttenberg: Bildungsaristokratismus und Klassenkampf

Eine ver­lo­gene Debatte – Anja Krü­ger und Pas­cal Beu­cker im ak-Inter­view mit Ingo Stützle:

http://​www​.akweb​.de/​a​k​_​s​/​a​k​5​5​9​/​1​0.htm via http://​www​.stu​etzle​.in​-ber​lin​.de/​2​0​1​1​/​0​4​/​e​i​n​e​-​v​e​r​l​o​g​e​n​e​-​d​e​b​a​t​t​e​-​d​i​e​-​g​u​t​t​e​n​b​e​r​g​-​a​f​f​a​r​e​-​h​a​t​-​d​e​n​-​l​e​i​s​t​u​n​g​s​m​y​t​h​o​s​-​g​e​s​t​arkt/
(ak – ana­lyse & kri­tik – zei­tung für linke Debatte und Pra­xis –

„In der öffent­li­chen Dis­kus­sion hat die Bil­dungsa­ris­to­kra­tie hart darum gefoch­ten, ihre Pri­vi­le­gien und ihr Sozi­al­pres­tige zu ver­tei­di­gen.“

„Die weit ver­brei­tete Auf­fas­sung, von Poli­ti­kern ohne­hin nur belo­gen zu wer­den, wirkt ent­po­li­ti­sie­rend und macht emp­fäng­lich für auto­ri­täre Lösun­gen. […] Das TINA-​​Prinzip [also die Behaup­tung keine Alter­na­ti­ven gebe] dient als Pseu­do­le­gi­ti­ma­tion unso­zia­ler Poli­tik gegen einen gro­ßen Teil der eige­nen Wäh­ler­schaft. Dabei ist es brand­ge­fähr­lich, denn es macht Demo­kra­tie über­flüs­sig. Schließ­lich bliebe keine Wahl: Es würde eine Regie­rung aus Tech­no­kra­ten und Fach­leu­ten rei­chen, die exe­ku­tiert, was not­wen­dig ist. Demo­kra­tie lebt hin­ge­gen davon, über Alter­na­ti­ven dis­ku­tie­ren und ent­schei­den zu kön­nen. Und es gab und gibt immer Alter­na­ti­ven – in der Bildungs-​​, wie auch gerade in der Wirtschafts-​​ und Sozi­al­po­li­tik. Und gegen­über Kriegs­ein­sät­zen alle­mal.“

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Anmer­kung:

„Auf kei­nem Fall darf der Mar­xis­mus die (der Groß­bour­geoi­sie und der Sozi­al­de­mo­kra­tie gemein­same) Posi­tion ein­neh­men und die ökono­mi­schen und poli­ti­schen Pro­bleme in Begrif­fen der ‚Ratio­na­li­tät‘ und der ‚Irra­tio­na­li­tät‘, in Begrif­fen der logi­schen Wahl zwi­schen ratio­na­len ‚Model­len‘ der Gesell­schaft statt in Begrif­fen des Klas­sen­kampfs for­mu­lie­ren.“

(Étienne Balibar, Mar­xis­mus, Ratio­na­lis­mus, Irra­tio­na­lis­mus und Soziale Krise und Ideo­lo­gi­sche Krise, in: alter­na­tive, H. 116, Okt. 1977, 225 – 232 und H. 118, Feb. 1978, 18 – 23 [22] (frz. Erst­ver­öff.: La Nou­velle Cri­ti­que Nr. 99, Dez. 1976).

Nachtrag @ Guttenberg – FAZ: Unkritische Gutachter werden wahrscheinlich geschont

„Auf­schluss­reich bleibt, inwie­fern die Kom­mis­sion die Mit­ver­ant­wor­tung von Gut­ten­bergs Dok­tor­va­ter Peter Häberle bedenkt, der schließ­lich der Uni­ver­si­tät Bay­reuth ange­hört. Die Dienst­auf­sicht im beam­ten­recht­li­chen Sinne besitzt sie zwar nicht, aber sie könnte die offen­kun­di­gen Ver­säum­nisse benen­nen. Wis­sen­schafts­recht­ler rech­nen aller­dings damit, dass es dazu kaum kom­men dürfte. In den meis­ten Fäl­len wer­den die betei­lig­ten Pro­fes­so­ren aus nahe­lie­gen­den Grün­den geschont.“

http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~E227BC962619E44A297070EF30304A0D8~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Gegen Bildungselitismus, für POLITISCHE Kritik an Guttenberg und für SELBSTkritik des Wissenschaftsbetriebs

Über­sicht über meine Texte der letz­ten Tage und einige ‚pas­sende‘, ältere Texte

Glie­de­rung:

I. Hauptext
II. Zum poli­ti­schen Kon­text
III. Zur wis­sen­schaft­li­chen Seite des Pro­blems
IV. Zur straf­recht­li­chen Seite des Pro­blems
V. Klei­nere Neben-​​Texte
VI. Ältere Texte (mehr…)

Moral, Politik und Wissenschaft

- aus einer Face­book-Dis­kus­sion -

zu http://​www​.fr​-online​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​-​w​i​c​h​t​i​g​-​f​u​e​r​-​d​i​e​-​m​o​r​a​l​-​/​-​/​1​4​7​2​5​9​6​/​7​5​0​8​9​7​2​/​-​/​i​n​d​e​x​.html (Inter­view mit dem „Moral-Experte[n] Richard David Precht“)

Theo­rie Als Pra­xis: Wo liegt denn nun das Argu­ment in die­sem Text?

„Es gibt aus­ge­spro­chene und manch­mal unaus­ge­spro­chene Anstands­re­geln der Poli­tik, die man unter ande­rem daran able­sen kann, aus wel­chen Grün­den in Deutsch­land Minis­ter zurück­tre­ten muss­ten. Ich denke an Jür­gen Möl­le­mann, der wegen eines Emp­feh­lungs­schrei­bens für Plas­tik­chips in Ein­kaufs­wa­gen zurück­ge­tre­ten war. Und wenn jetzt ein viel gra­vie­ren­de­rer Ver­stoß gegen die guten Sit­ten und das Recht nicht geahn­det wird, dann ver­schiebt sich die Grenze des­sen, was man für NOR­MAL hält. Kanz­le­rin Mer­kels Hin­weis, sie habe kei­nen wis­sen­schaft­li­chen Assis­ten­ten ein­ge­stellt, bedeu­tet also, sie beur­teilt NICHT MEHR DIE GANZE PER­SON, son­dern nur noch eine Ein­zel­qua­li­fi­ka­tion. Das aber öffnet der Unmo­ral Tür und Tor. Angela Mer­kel hat damit den Ver­such unter­nom­men, eine mora­li­sche Grenze deut­lich zu ver­schie­ben. Und es ist gut, dass das nicht unge­ahn­det geblie­ben ist.“

-- Ist „nor­mal“ ein Argu­ment? Ist das, was nor­mal ist, auch das Gute?

-- Ist „Moral“ und „Unmo­ral“ etwas Ein­deu­ti­ges.? Nein, Precht müßte über­haupt erst ein­mal sei­nen Ver­ständ­nis von Moral und Unmo­ral expli­zie­ren und begrün­den – und dann könnte dis­ku­tiert wer­den, wie gemes­sen daran der Fall Gut­ten­berg zu beur­tei­len ist.

-- Recht hat Precht aber mit: „Sie hat dem Druck der öffent­li­chen Mei­nung nach­ge­ge­ben, ins­be­son­dere dem Druck, der von der Intel­li­genz kam, aus den Uni­ver­si­tä­ten und der Wis­sen­schaft.“ – Aber das ist genau das Pro­blem an der gan­zen der Geschichte, ein aka­de­mi­scher Abschluß ist KEIN poli­ti­sches Argu­ment:
http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​1​1​/​0​3​/​0​3​/​w​e​i​l​-​l​e​s​e​n​-​b​i​l​d​e​n​-​kann/
und
http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​1​1​/​0​3​/​0​1​/​n​a​c​h​-​d​e​m​-​a​b​g​a​n​g​-​d​e​s​-​s​y​m​p​t​o​m​s​-​e​i​n​e​-​o​f​f​e​n​h​e​r​z​i​g​e​-​a​n​t​w​o​r​t​-​a​n​-​3​0​-​0​0​0​-​d​t​-​a​k​a​d​e​m​i​k​e​r​i​nnen/

Theo­rie Als Pra­xis: ‎“Was spricht eigent­lich gegen Moral, ethi­sche Begriffe, Huma­ni­tät usw.?“

http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​1​9​9​1​/​1​2​/​0​1​/​s​o​z​i​a​l​i​s​t​i​s​c​h​e​r​-​h​u​m​a​n​i​s​m​u​s​-​a​u​t​o​n​o​m​e​r​-​h​u​m​a​n​i​s​m​u​s​-​o​d​e​r​-​g​a​r​-​k​e​i​n​-​h​u​m​a​n​i​smus/

use­rin 1, die FR-​​Interview ver­linkte: sorry, aber eure Fra­gen sind teil­weise ein­fach dumm, indem sie ver­su­chen zu negie­ren, dass es so etwas wie gesell­schaft­li­chen Kon­sens gibt. Was als „nor­mal“ erach­tet wird, ver­schiebt sich inner­halb einer Gesell­schaft auf der Zeit­schiene – trotz­dem gibt es immer einen Kon­sens dar­über, wel­ches Spek­trum gerade als nor­mal betrach­tet wird. Durch beson­ders gra­vie­rende Ereig­nisse (oder erfolg­rei­che Tabu­brü­che) kann „nor­mal“ auch mal schnel­ler als im Lauf der Zeit ver­scho­ben wer­den – was dem Zusam­men­le­ben der Gesell­schaft nicht unbe­dingt hilft, trotz­dem manch­mal wich­tig sein kann. Ihr wollt aber jetzt nicht behaup­ten, dass die Auf­nahme von Betrü­gen, Täu­schen und Lügen ins „Nor­male“ wich­tig wäre?

Theo­rie Als Pra­xis: Nein, letz­te­res selbst­ver­ständ­lich nicht.
Aber:
-- Es muß doch mal gefragt wer­den, ob Gut­ten­bergs Poli­tik oder viel­mehr – wie viele zu mei­nen schei­nen – seine Abschrei­be­rei bei sei­ner Diss. poli­tisch kri­ti­sie­rens­wer­ter ist.
-- Und eine auto­ri­täre Beru­fung auf inhalt­lich nicht aus­ge­wie­sene Nor­ma­li­tät oder Moral wird doch als METHODE nicht des­halb rich­tig, weil sie in einem Ein­zel­fall ange­wen­det wird, wo es viel­leicht durch­aus mög­lich wäre, Argu­mente zu nen­nen. – Nur macht das Precht nicht. Precht stellt sich als Moral-​​EXPERTE hin und behaup­tet irgend­et­was, sei unmo­ra­lisch.
-- Die Methode, Behaup­tun­gen als selbst­ver­ständ­lich oder unter Ver­weis auf Experten-​​Status der Dis­kus­sion zu ent­zie­hen, muß doch unab­hän­gig davon kri­ti­siert wer­den, ob einem/​r Gut­ten­berg nun sym­pa­thisch ist oder nicht /​ poli­tisch nahe­steht oder nicht.

user 2: Natür­lich ist ein aka­de­mi­scher Titel kein poli­ti­sches Argu­ment. Von den Kri­ti­kern kann auch kei­ner etwas dage­gen haben, wenn ein Mit­glied der Regie­rung kein Aka­de­mi­ker ist. Die­sen Zusam­men­hang haben auch nicht die Kri­ti­ker, son­dern Frau Mer­kel und der Bou­le­vard her­vor­ge­bracht.
Dies war auch nie der Punkt der Kri­tik. Gut­ten­berg hat fort­ge­setzt gelo­gen, betro­gen, Infor­ma­tio­nen zurück­ge­hal­ten, falsch infor­miert und stets andere geop­fert, wenn der Druck auf ihn – auf­grund eige­ner poli­ti­scher Fehl­leis­tun­gen – zu groß wurde. Für einen Minis­ter, einen Ade­li­gen zumal, dür­fen keine ande­ren Maß­stäbe gel­ten, als für jeden ande­ren sonst auch.

Theo­rie Als Pra­xis: Ja, aber es sagt doch etwas über die ent-​​politisierende Wir­kung der­ar­ti­ger per­so­na­li­sie­ren­der Skandal-​​Diskussionen aus, wenn nicht die Regie­rung wegen ihrer hoch offi­zi­el­len und all­ge­mein bekann­ten Kriegs-​​ und sons­ti­gen Poli­tik gestürzt wird, wenn Gut­ten­berg nicht ein­mal wegen sei­ner Infor­ma­ti­ons­po­li­tik zu Kun­dus usw., son­dern wegen die­ser aka­de­mi­schen Ange­le­gen­heit gestürzt wird.
Und:
Die (wis­sen­schaft­li­chen) Maß­stä­ben sind ja im all­ge­mei­nen gar nicht so streng (was selbst­ver­ständ­lich kri­ti­sie­rens­wert ist), wie jetzt im Fall von Gut­ten­berg getan wird.
DIESE tat­säch­li­che Dop­pel­mo­ral (und viel­leicht auch jene Ver­schie­bung – aber das wohl weni­ger) bringt den Bou­le­vard so gegen die Guttenberg-​​KritikerInnen auf.
Siehe auch noch:
„Und jetzt bitte eine offi­zi­elle Ent­schul­di­gung an die Welt der Wis­sen­schaft, Frau Mer­kel!“,
Abschnitt „Gegen Bil­dungs­eli­tis­mus, für poli­ti­sche Kri­tik an Gut­ten­berg und für Selbst­kri­tik des Wis­sen­schafts­be­triebs“:
http://​de​.gut​ten​plag​.wikia​.com/​w​i​k​i​/​F​o​r​u​m​:​U​n​d​_​j​e​t​z​t​_​b​i​t​t​e​_​e​i​n​e​_​o​f​f​i​z​i​e​l​l​e​_​E​n​t​s​c​h​u​l​d​i​g​u​n​g​_​a​n​_​d​i​e​_​W​e​l​t​_​d​e​r​_​W​i​s​s​e​n​s​c​h​a​f​t​,​_​F​r​a​u​_​M​e​r​k​e​l​!​#​G​e​g​e​n​_​B​i​l​d​u​n​g​s​e​l​i​t​i​s​m​u​s​.​2​C​_​f​.​C​3​.​B​C​r​_​p​o​l​i​t​i​s​c​h​e​_​K​r​i​t​i​k​_​a​n​_​G​u​t​t​e​n​b​e​r​g​_​u​n​d​_​f​.​C​3​.​B​C​r​_​S​e​l​b​s​t​k​r​i​t​i​k​_​d​e​s​_​W​i​s​s​e​n​s​c​h​a​f​t​s​b​e​t​riebs

use­rin 3: ‎@Theorie: die gefälschte Dok­tor­ar­beit war keine Lap­pa­lie und auch keine Neben­sa­che. Außer­dem warte ich immer noch auf eine Auf­ar­bei­tung der Kun­dus und Gorch-​​Fock Affäre! Hier ging es näm­lich um mili­tä­ri­sche Fehl­ent­schei­dun­gen die Men­schen­le­ben for­der­ten! Gut­ten­berg hat es immer wie­der geschafft sich aus den Affä­ren her­aus zu zie­hen indem er sie auf die lange Bank schob. Im gehei­men dachte er, dass die Leute es mit der Zeit ver­ges­sen wer­den! Auch er wollte dem Volk ein „Dummheits-​​Koeffizient“ zuschrei­ben. Mit sei­ner geklau­ten bzw. gekauf­ten Dr. Arbeit war dann aber Schluss!
vor 6 Stun­den · Gefällt mir · 2 Per­so­nen

user 4: Was ist Moral? Gesell­schaft­li­cher Kon­sens oder aber eine tief im Mensch­li­chen ver­wur­zelte Größe, deren Wert, Rele­vanz und Halt­bar­keit zwar nicht wirk­lich zur Dis­po­si­tion ste­hen, sehr wohl aber durch die täg­li­chen Ereig­nisse, den soge­nann­ten Zeit­geist oder durch metho­di­sche Unter­wan­de­rung aus­ge­höhlt und abge­schlif­fen wer­den, um nach­träg­lich in apo­lo­gis­ti­scher Absicht in ihrer atro­phier­ten Form zum Kon­sens sti­li­siert zu wer­den?

Theo­rie Als Pra­xis:„die gefälschte Dok­tor­ar­beit war keine Lap­pa­lie und auch keine Neben­sa­che.“
Ja, wis­sen­schaft­lich war es kein Lap­pa­lie – ver­gli­chen mit der in fast aller Offen­her­zig­keit ver­tre­te­nen offi­zi­el­len Regie­rungs­po­li­tik schon.

„Außer­dem WARTE ich immer noch auf eine Auf­ar­bei­tung der Kun­dus und Gorch-​​Fock Affäre!“
Diese The­men dürf­ten aller­dings FAK­TISCH mit dem Rück­tritt Gut­ten­bergs ent­we­der end­gül­tig vom Tisch sein oder aber – mit der­sel­ben zyni­schen Logik, mit der der Wes­ten mit Mili­tär­dik­ta­to­ren wie Pino­chet abrech­net, NACH­DEM sie ihre pro-​​westliche Schul­dig­keit getan haben – erfol­gen, was auch nicht bes­ser wäre.

„Gut­ten­berg hat es immer wie­der geschafft sich aus den Affä­ren her­aus zu zie­hen indem er sie auf die lange Bank schob.“
Aber wie gesagt: Zum Rück­tritt führte nicht die poli­ti­sche Kri­tik an sei­ner Poli­tik, son­dern Kri­tik auf einem Neben­kriegs­schau­platz.

„Auch er wollte dem Volk ein ‚Dummheits-​​Koeffizient‘ zuschrei­ben. Mit sei­ner geklau­ten bzw. gekauf­ten Dr. Arbeit war dann aber Schluss!“
Nur ist es ten­den­zi­ell das gemeine Volk, das zu Gut­ten­berg hält, wäh­rend es die sich selbst so bezeich­nende „Bil­dungs­elite“* ist, die Gut­ten­bergs Agie­ren auf dem aka­de­mi­schen Feld zum Anlaß einer poli­ti­schen Kam­pa­gne machte.

* http://​de​.gut​ten​plag​.wikia​.com/​w​i​k​i​/​F​o​r​u​m​:​U​n​d​_​j​e​t​z​t​_​b​i​t​t​e​_​e​i​n​e​_​o​f​f​i​z​i​e​l​l​e​_​E​n​t​s​c​h​u​l​d​i​g​u​n​g​_​a​n​_​d​i​e​_​W​e​l​t​_​d​e​r​_​W​i​s​s​e​n​s​c​h​a​f​t​,​_​F​r​a​u​_​M​erkel!

Siehe auch noch zu wei­te­rer Kri­tik an mei­ner Posi­tion:
http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​1​1​/​0​3​/​0​1​/​n​a​c​h​-​d​e​m​-​a​b​g​a​n​g​-​d​e​s​-​s​y​m​p​t​o​m​s​-​e​i​n​e​-​o​f​f​e​n​h​e​r​z​i​g​e​-​a​n​t​w​o​r​t​-​a​n​-​3​0​-​0​0​0​-​d​t​-​a​k​a​d​e​m​i​k​e​r​i​n​n​e​n​/​#​c​o​m​m​e​n​t​-4619 + Ant­wort

Theo­rie Als Pra­xis: ‎@ Wolf­gang Grün­wald: Wenn Du die Frage SO stellst, eher das ers­tere, als das zwei­tere.
Tat­säch­lich ist Moral aber weder ein bloß aktu­el­ler „gesell­schaft­li­cher Kon­sens“ noch eine „tief im Mensch­li­chen ver­wur­zelte Größe“, son­dern immer zwi­schen den ver­schie­de­nen gesell­schaft­li­chen Grup­pen und poli­ti­schen Grup­pie­run­gen UMSTRIT­TEN.
„Moral“ ist also keine Begrün­dung, son­dern selbst begründungs-​​ (argumentations-​​) -bedürf­tig.

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Ergän­zen­der Hin­weis zu stra­te­gi­schen Fra­gen:

http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​1​1​/​0​3​/​0​1​/​n​a​c​h​-​d​e​m​-​a​b​g​a​n​g​-​d​e​s​-​s​y​m​p​t​o​m​s​-​e​i​n​e​-​o​f​f​e​n​h​e​r​z​i​g​e​-​a​n​t​w​o​r​t​-​a​n​-​3​0​-​0​0​0​-​d​t​-​a​k​a​d​e​m​i​k​e​r​i​n​n​e​n​/​#​c​o​m​m​e​n​t​-4625:

„Ich hatte mich hier ja schon mehr­fach als vehe­mente Ver­tei­di­ge­rIn von Bünd­nis­po­li­tik und Kom­pro­mis­sen geou­tet, aber ich hatte auch immer dazu­ge­sagt: bei vol­ler Wah­rung der Frei­heit der eige­nen Agi­ta­tion und Pro­pa­ganda.
Viel bes­ser wäre gewe­sen, einen gemein­sa­men Brief zu ver­fas­sen, der sich auf die schlichte Rück­tritts­for­de­run­gen beschränkt (dann wäre ich sogar als 30.001. hin­zu­ge­kom­men) – und dann gibt es dazu je unter­schied­li­che indi­vi­du­elle oder frak­tio­nelle Begrün­dun­gen.“

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Als refer­rer gefun­den:

http://​www​.for​schungs​ma​fia​.de/​b​l​o​g​/​2​0​1​1​/​0​3​/​0​2​/​g​u​t​t​e​n​b​e​r​g​-​f​a​u​l​e​s​-​z​w​e​i​t​g​u​t​a​c​h​t​e​n​/​#​c​o​m​m​e​n​t​-3478:

„Hier trägt jemand, der noch läng­li­cher schreibt als du ;-) , inter­es­sante Kri­tik an den brie­fe­schrei­ben­den Dok­to­ran­den und am Wis­sen­schafts­be­trieb vor:
http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​1​1​/​0​3​/​0​1​/​n​a​c​h​-​d​e​m​-​a​b​g​a​n​g​-​d​e​s​-​s​y​m​p​t​o​m​s​-​e​i​n​e​-​o​f​f​e​n​h​e​r​z​i​g​e​-​a​n​t​w​o​r​t​-​a​n​-​3​0​-​0​0​0​-​d​t​-​a​k​a​d​e​m​i​k​e​r​i​nnen/“ (link hin­ter „du“ hin­zu­ge­fügt, TaP)

Weil lesen bilden kann…

In der taz von heute:

„‚Ganz erlich alle behin­de­ret da oben, ich will nicht wis­sen wie viel jugend­sün­den die ande­ren poli­ti­ker alle gemacht haben‘, kom­men­tiert ein Super­markt­an­ge­stell­ter auf einer Pro-​​Guttenberg-​​Seite, und schon der Stil die­ses in jeder Hin­sicht typi­schen Ein­trags deu­tet dar­auf, dass Empa­thie und Empö­rung weni­ger zwi­schen Links, Mitte und Rechts, aber umso mehr zwi­schen Oben, Mitte und Unten ver­teilt sind. Die Fri­sö­rin oder der Bau­ar­bei­ter erin­nern sich an die eige­nen Spick­zet­tel, mit denen sie durch man­che Klas­sen­ar­beit kamen und kön­nen in Gut­ten­bergs Abkup­fe­rei kein gro­ßes Ver­ge­hen erken­nen. Das eint sie mit Leu­ten aus groß­bür­ger­li­chem oder aris­to­kra­ti­schem Haus, mit Gut­ten­berg selbst, dem man es getrost abneh­men kann, dass er die Empö­rung nicht wirk­lich ver­steht. Denn für ihn war der Dok­tor nur einer unter meh­re­ren Titeln; einer, den er zwar schon des­halb brauchte, weil Herr Dr. Hinz und Frau Dr. Kunz ihn auch hat­ten, aber nicht der Rit­ter­schlag, den hatte er schon; nicht der Aus­weis, ‚es geschafft‘ zu haben, […].
Das aber unter­schei­det ihn von all jenen, die ihren eige­nen sozia­len Auf­stieg allein oder vor­ran­gig ihrer Aus­bil­dung zu ver­dan­ken haben und die des­halb Bil­dung auch als All­heil­mit­tel für dit und dat hal­ten, egal ob es gerade um Glo­ba­li­sie­rung, Armut oder Rechts­ex­tre­mis­mus geht. Die Bil­dungs­bür­ger sind denn auch die­je­ni­gen, die sich am meis­ten über Gut­ten­berg auf­re­gen – und nicht ver­ste­hen, warum nicht ein jeder ihre Empö­rung teilt. Ihre Sorge gilt nicht ‚der Wis­sen­schaft‘, son­dern sich selbst; sie sind wütend, weil sich einer, noch dazu so einer, das, wofür sie selbst geschwitzt und geackert und geblu­tet haben, ein­fach so ergau­nert hat. Die Auf­re­gung um Gut­ten­berg ist par­ti­ku­la­rer Stan­des­dün­kel des Bil­dungs­bür­ger­tums. Sie ist – im bes­ten wie im schlech­tes­ten Sinn des Wor­tes – bür­ger­lich. Nicht unbe­grün­det, aber eben auch ein wenig lang­wei­lig.
[…]. Sind Leute, die nie etwas im Super­markt geklaut, nie­mals einen Pflas­ter­stein gewor­fen oder ein Amt übers Ohr gehauen haben, nicht furcht­er­re­gen­der als ein trick­sen­der Frei­herr? Wer will sol­che Leute schon zu Nach­barn haben? Oder von ihnen regiert wer­den?
(http://​taz​.de/​1​/​d​e​b​a​t​t​e​/​k​o​m​m​e​n​t​a​r​/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​/​h​e​r​a​k​l​e​s​-​j​e​s​u​s​-​g​u​t​t​e​n​berg/)

Anmer­kun­gen:

1. Würde es den genann­ten Bil­dungs­bür­ge­rIn­nen nicht um sich selbst, son­dern um die ‚die Wis­sen­schaft‘ gehen, dann wür­den nicht Gut­ten­berg (und Mer­kel) als Poli­ti­ke­rIn­nen und Per­so­nen im Mit­tel­punkt der Kri­tik ste­hen, son­dern der Zustand des Wis­sen­schaftsappa­ra­tes, des­sen blo­ßes Sym­ptom Gut­ten­berg ist (s. meine ande­ren Arti­kel aus die­ser Woche).

2. „Auf kei­nem Fall darf der Mar­xis­mus die (der Groß­bour­geoi­sie und der Sozi­al­de­mo­kra­tie gemein­same) Posi­tion ein­neh­men und die ökono­mi­schen und poli­ti­schen Pro­bleme in Begrif­fen der ‚Ratio­na­li­tät‘ und der ‚Irra­tio­na­li­tät‘, in Begrif­fen der logi­schen Wahl zwi­schen ratio­na­len ‚Model­len‘ der Gesell­schaft statt in Begrif­fen des Klas­sen­kampfs for­mu­lie­ren.“
(Étienne Balibar, Mar­xis­mus, Ratio­na­lis­mus, Irra­tio­na­lis­mus und Soziale Krise und Ideo­lo­gi­sche Krise, in: alter­na­tive, H. 116, Okt. 1977, 225 – 232 und H. 118, Feb. 1978, 18 – 23 [22] (frz. Erst­ver­öff.: La Nou­velle Cri­ti­que Nr. 99, Dez. 1976).
Der Mar­xis­mus ist ratio­nal, aber nicht ratio­na­lis­tisch!

Aber – für die­je­ni­gen, die sich mehr für die Wis­sen­schaf­ten als für den Klas­sen­kampf inter­es­sie­ren – noch mal zurück zu den wis­sen­schaft­li­chen Stan­dards. Dazu schreibt Die Zeit:

„Die Affäre wirft auch pein­li­che Fra­gen an die Wis­sen­schaft auf. […].
Schließ­lich hat die Affäre auch blitz­licht­ar­tig erhellt, wie es um die gern hoch­ge­hal­te­nen »Selbst­rei­ni­gungs­kräfte« der Wis­sen­schaft wirk­lich bestellt ist: Sie sind kei­nes­falls selbst­ver­ständ­lich, […].
Das soll und kann zu Gut­ten­bergs Pla­giat zwar nicht ent­schul­di­gen. Aber die Hoch­schu­len müs­sen sich auch fra­gen las­sen, ob sie ihre Stan­dards stets so hoch­hal­ten, wie sie gerne behaup­ten – und wel­che Leh­ren sie nun aus dem Fall zie­hen.
Allen voran gilt das natür­lich für die Uni­ver­si­tät Bay­reuth. Nicht nur der Ruf von zu Gut­ten­bergs Dok­tor­va­ter, Peter Häberle, ist beschä­digt; auch die Prü­fungs­kom­mis­sion, […].
[…] die [wis­sen­schaft­li­chen] Spit­zen­or­ga­ni­sa­tio­nen rea­gier­ten mit win­del­wei­chen Erklä­run­gen, in denen weder die Stadt Bay­reuth noch der Name »Gut­ten­berg« auf­tauch­ten. […]
Mit dem Rück­tritt des Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ters ist der Fall für die Wis­sen­schaft nicht erle­digt. […]. Und die Wis­sen­schaft muss sich fra­gen, wie der Ein­druck ent­ste­hen konnte, in der aka­de­mi­schen Welt werde doch über­all mehr oder weni­ger geschum­melt.“
(http://​www​.zeit​.de/​2​0​1​1​/​1​0​/​A​u​f​s​t​a​n​d​-​d​e​r​-​W​i​s​s​e​n​s​chaft)

Die ent­schei­dende Frage ist aller­dings, ob dies nur ein (fal­scher) Ein­druck ist, der sich mit pla­ka­ti­ve­ren (statt win­del­wei­chen) Erklä­run­gen der Wis­sen­schafts­or­ga­ni­sa­tio­nen kor­ri­gie­ren läßt oder ob es sich nicht in Zei­ten von Auf­trags­for­schung und ‚wis­sen­schaft­li­cher‘ Gut­ach­ten für Staat, Kapi­tal, Gewerk­schaf­ten, Ökover­bände usw., die mehr poli­ti­sche Mei­nung als Erkennt­nis sind1, längst eine Tat­sa­che ist – eine Tat­sa­chen frei­lich, die in einem Wis­sen­schafts­be­trieb, der ohne­hin lie­ber über „Per­spek­ti­ven“, „Sicht­wei­sen“, „Erkennt­nis­in­ter­esse“ und alle die ande­ren Legi­ti­ma­ti­ons­flos­keln des epis­te­mo­lo­gi­schen Rela­ti­vis­mus als über die Ana­lyse von Tat­sa­chen und deren Ursa­chen redet, nicht gese­hen wird.

„Einen Men­schen aber, der die Wis­sen­schaft einem nicht aus ihr selbst (wie irrt­hüm­lich sie immer sein mag), son­dern von aus­sen, ihr frem­den, äusser­li­chen Inter­esse ent­lehn­ten Stand­punkt zu acco­mo­die­ren sucht, nenne ich ‚gemein‘“ (MEW 26.2, S. 112), so hielt Marx Mal­t­hus ent­ge­gen, der meinte einen Kon­tra­hen­ten unter Hin­weis auf die von die­sem ver­folg­ten Analyse-​​Zwecke ‚wider­le­gen’ zu kön­nen. Die Unter­stel­lung einer ‚bösen Absicht’ wird nie­mals ein Argu­ment sein.

Wei­ter­füh­rende links:

  1. Vgl. zur Kri­tik an einem ‚gewerk­schafts­na­hen‘ ‚For­schungs­pro­dukt‘: http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​1​2​/​2​5​/​z​u​m​-​v​e​r​h​a​e​l​t​n​i​s​-​v​o​n​-​r​e​c​h​t​s​w​i​s​s​e​n​s​c​h​a​f​t​-​u​n​d​-​r​e​c​h​t​s​p​o​l​itik/ – (aus Anlaß eines blog-​​Eintrages beim Beck-​​Verlag zum Thema „Min­dest­lohn“). [zurück]

Das vom Himmel gefallene Humboldt-Zitat

Aus mei­ner Nach­be­mer­kung (S. 412-​​418 [412-​​414]) zu dem Bei­trag Die Ent­ge­gen­set­zung von Recht und Gesetz – ein „Son­der­weg“ der deut­schen Sprach­ge­schichte? von Isa­bel Aguirre Sie­mer in dem Buch:
Det­lef Geor­gia Schulze /​ Sabine Berg­hahn /​ Frie­der Otto Wolf (Hg.),
Rechts­staat statt Revo­lu­tion, Ver­recht­li­chung statt Demo­kra­tie? Trans­dis­zi­pli­näre Ana­ly­sen zum deut­schen und spa­ni­schen Weg in die Moderne (StaR P. Neue Ana­lyen zu Staat, Recht und Poli­tik. Serie A. Bd. 2), West­fä­li­sches Dampf­boot: Müns­ter, 2010, 395 – 412:

I.

Die Auto­rin wirft in ihrem Auf­satz die Frage nach den Ursa­chen bzw. dem Kon­text der deut­schen und kas­ti­li­schen Prä­fe­renz für den Begriff des „Estado social“ oder „Sozi­al­staa­tes“ auf und führt in dem Zusam­men­hang aus: „Die Dis­tan­zie­rung vom Ter­mi­nus ‚Wohl­fahrt’ und seine eher nega­tive Kon­no­ta­tion kann sowohl aus einer Ableh­nung des fran­zö­si­schen Wohl­fahrts­aus­schus­ses = Comité du salut public (der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion) als auch aus einer Abgren­zung vom Wohl­fahrts­staat des Abso­lu­tis­mus Begrün­dung fin­den“ (S. 8). Die Ver­mu­tung eines Zusam­men­hangs mit der Ableh­nung der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion kann sich für den heu­ti­gen Sprach­ge­brauch auf Mey­ers Lexi­kon Online und Mario Mar­ti­nis Buch Der Markt als Instru­ment hoheit­li­cher Ver­tei­lungs­len­kung: Mög­lich­kei­ten und Gren­zen einer markt­ge­steu­er­ten staat­li­chen Ver­wal­tung des Man­gels (Mohr Sie­beck: Tübin­gen, 2008, S. 223) stüt­zen.

In dem Mey­ers Lexi­kon heißt es: „Zum sozi­al­phi­lo­so­phi­schen Schlüs­sel­wort wurde Wohl­fahrt im 18. Jahr­hun­dert, geriet jedoch als poli­ti­sches Wohl­fahrts­kon­zept auf­grund der Erfah­run­gen der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion auch in Miss­kre­dit. So ver­wirk­lichte das oberste Exe­ku­tiv­or­gan des fran­zö­si­schen Natio­nal­kon­vents, der Wohl­fahrts­aus­schuss, keine Wohl­fahrt, son­dern wurde zum Instru­ment einer Schre­ckens­herr­schaft. Die in die­sem Zusam­men­hang bereits 1791 von W. von Hum­boldt for­mu­lierte Befürch­tung, ‚dass das Prin­zip, dass die Regie­rung für das Glück und das Wohl, das phy­si­sche und mora­li­sche, der Nation sor­gen muss, unter allen Regie­rungs­for­men, also auch in einer Repu­blik, der ärgste … Des­po­tis­mus ist’, hat seit­her immer neu zu For­de­run­gen nach einer Begren­zung der ‚Staats­sorg­falt’ gegen­über den Ein­zel­men­schen geführt, […].“1

Und Mar­tini schreibt, unter Anfüh­rung der glei­chen Hum­boldt Stelle: „Der Begriff des Gemein­wohls ist anfäl­lig für eine Instru­men­ta­li­sie­rung; er musste sei­ner Aus­beu­tung durch tota­li­täre Regime des 20. Jahr­hun­derts unter dem Leit­mo­tiv ‚Gemein­nutz geht vor Eigen­nutz’ ebenso zuse­hen wie sei­ner Ver­ein­nah­mung durch des­po­ti­sche Herr­scher im Mit­tel­al­ter und der frü­hen Neu­zeit. Johann Jacob Moser ver­spot­tet im 18. Jahr­hun­dert die ste­reo­type Beru­fung der Lan­des­her­ren auf den Topos des Gemein­wohls als ‚Universal-​​Staats-​​Medicin’. Bereits 1791 for­mu­lierte W. von Hum­boldt die Befürch­tung, ‚dass das Prin­zip, dass die Regie­rung für das Glück und das Wohl, das phy­si­sche und mora­li­sche, der Nation sor­gen muss, unter allen Regie­rungs­for­men, also auch in einer Repu­blik, der ärgste (…) Des­po­tis­mus ist’. Und so ver­wirk­lichte das oberste Exe­ku­tiv­or­gan des fran­zö­si­schen Natio­nal­kon­vents, das ‚Comité de Salut Public (1793-​​1795), unter der Füh­rung Robes­pierres alles andere als Wohl­fahrt. Es wurde zum Instru­ment der jako­bi­ni­schen Schre­ckens­herr­schaft.“2

Mey­ers Lexi­kon nennt keine Quelle für das Humboldt-​​Zitat. Mar­tini ver­weist ohne Sei­ten­an­gabe auf Hum­boldts „Ideen über die Staats­ver­fas­sung durch die Fran­zö­si­sche Kon­sti­tu­tion ver­an­laßt, 1792“; auch das Lite­ra­tur­ver­zeich­nis ent­hält an der ent­spre­chen­den Stelle (S. 853) keine wei­te­ren Anga­ben, ändert aber das Jahr in „1791“3. In der Aus­gabe Wil­helm Hum­boldt, Werke in fünf Bän­den hrsg. von Andreas Flit­ner und Klaus Giel, Wis­sen­schaft­li­che Buch­ge­sell­schaft: Darm­stadt, 1960 ist der Auf­satz aller­dings „Ideen über Staats­ver­fas­sung [ohne Arti­kel!, DGS] durch die Fran­zö­si­sche Con­sti­tu­tion ver­an­lasst“ beti­telt und auf den August 1791 datiert. Zu die­sem Zeit­punkt war Frank­reich noch nicht Repu­blik und der König noch nicht hin­ge­rich­tet.

Ein Bezug auf den Wohl­fahrts­aus­schuß der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion fin­det sich dort nicht, was allein schon des­halb unmög­lich war, da der Wohl­fahrts­aus­schuß der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion in der Tat erst 1793 ein­ge­rich­tet wurde (und bis 1795 bestand). Auch die Wör­ter „unter allen Regie­rungs­for­men, also auch in einer Repu­blik“ fin­den sich dort nicht. Viel­mehr han­delt Hum­boldt dort von der ‚Ent­eig­nung’ einer von „gut­müthi­gen Men­schen“ auf­ge­brach­ten Idee, näm­lich des Wohlfahrts-​​Konzeptes, durch die Fürs­ten. –

II.

Wor­aus die Fehl­zi­tie­rung resul­tiert, läßt sich jeden­falls ohne grö­ßere Recher­chen nicht fest­stel­len: (mehr…)

Nach dem Abgang des Symptoms – eine offenherzige Antwort an 30.000 dt. AkademikerInnen

    „von dem den­ken­den, bes­sern Theile des Volks [strömt] das Licht der Weis­heit her­un­ter­strömt“
    Fried­rich Schil­ler pars pro toto für die deut­schen Aka­de­mi­ker1

@ poli­tics

Angeb­lich „30.000 Bür­ge­rin­nen und Bür­ger (Stand, Mon­tag 13:08 Uhr)“2 sor­gen sich in der Affäre-​​Guttenberg „als3 – angeb­li­che oder tat­säch­li­che – „Dok­to­ran­din­nen und Dok­to­ran­den“ um ihre aka­de­mi­sche Stan­des­ehre. Sie wen­den sich aber nicht an ihre Insti­tu­tion, an die Insti­tu­tion Uni­ver­si­tät, die für die Ver­gabe von Dok­tor­ti­teln zu stän­dig ist, son­dern an die Bun­des­kanz­le­rin, die dafür nicht zustän­dig ist. Sie wen­den sich an die Bun­des­kanz­le­rin, da diese 30.000 Bür­ge­rIn­nen „als Dok­to­ran­din­nen und Dok­to­ran­den“ sich von Angela Mer­kel schwer gekränkt füh­len: „Er [Gut­ten­berg] hat dabei [am 23.2. in der Aktu­el­len Stunde des Bun­des­ta­ges] auf eine For­mu­lie­rung von Ihnen ange­spielt, wonach Sie ihn nicht als ‚wis­sen­schaft­li­chen Assis­ten­ten’ ein­ge­stellt hät­ten. Dies ist eine Ver­höh­nung aller wis­sen­schaft­li­chen Hilfs­kräfte sowie aller Dok­to­ran­din­nen und Dok­to­ran­den, die auf ehr­li­che Art und Weise ver­su­chen, ihren Teil zum wis­sen­schaft­li­chen Fort­schritt bei­zu­tra­gen.“

Nur soll­ten diese Her­ren und Damen Aka­de­mi­ke­rIn­nen wis­sen: Gut­ten­berg ist in der Tat nicht der wis­sen­schaft­li­che Bera­ter von Frau Mer­kel und auch kein Beam­ter im Bun­des­kanz­ler­amt, der ggf. bestimmte Lauf­bahn­vor­aus­set­zun­gen erfül­len muß, son­dern Poli­ti­ker. Kriegs­mi­nis­ter. Und diese Her­ren und Damen Aka­de­mi­ke­rIn­nen soll­ten noch aus ihrem Schul­un­ter­richt wis­sen, daß selbst Deutsch­land mitt­ler­weile den Feu­da­lis­mus hin­ter sich gelas­sen hat. Der Zugang zu poli­ti­schen Ämtern ist seit­dem nicht mehr an bestimmte Stan­des­zu­ge­hö­rig­kei­ten und auch nicht das Füh­ren eines Dok­tor­ti­tels gebun­den. Und das ist gut so.

‚Schlimm’ ist nicht, daß auch ein Arbei­ter mit Haupt­schul­ab­schluß und eine Putz­frau ohne Schul­ab­schluß Bun­des­kanz­ler bzw. Bun­des­kanz­le­rin wer­den dürf­ten. ‚Schlimm’ ist, daß sie es fak­tisch nicht kön­nen. Inso­fern wäre es auch nicht ‚schlimm’, wenn Gut­ten­berg ohne Dr.-Titel Minis­ter gewor­den wäre oder es ohne geblie­ben wäre.

Die Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung hat jahr­zehn­te­lang, nahezu ohne jeden Zugang zu aka­de­mi­scher Bil­dung, allein unter­stützt von einer hand­voll bür­ger­li­cher Intel­lek­tu­el­ler, die aber über­wie­gend auch außer­halb der Aka­de­mie stan­den, leid­lich erfolg­reich Poli­tik gemacht.

Die wis­sen­schaft­li­che Qua­li­tät oder viel­mehr Nicht-​​Qualität der Dis­ser­ta­tion Gut­ten­bergs tut also in der Tat nichts zur Sache, wenn es darum geht, ob Gut­ten­berg ein guter Poli­ti­ker, ein guter Kriegs­mi­nis­ter ist. Da hat die Bun­des­kanz­le­rin völ­lig recht.

Allein die Frage der Ehr­lich­keit Gut­ten­bergs ist eine Frage, die auch von außer-​​akademischer, viel­leicht von poli­ti­scher Rele­vanz ist4. Die 30.000 angeb­li­chen „Dok­to­ran­din­nen und Dok­to­ran­den“, die die wis­sen­schaft­li­chen Stan­dards so hoch­hal­ten, behaup­ten: „Sie [die inkri­mi­nierte Assistenten-​​Äußerungen Mer­kels] legt dar­über hin­aus nahe, dass es sich beim Erschlei­chen eines Dok­tor­ti­tels um ein Kava­liers­de­likt han­dele und dass das ‚aka­de­mi­sche Ehren­wort’ im wirk­li­chen Leben belang­los sei.“

Zu den hoch­ge­hal­te­nen Stan­dards würde es aber auch gehö­ren für eine Behaup­tung ein Argu­ment oder einen Beweis vor­zu­brin­gen. Aber Fehl­an­zeige bei unse­ren 30.000 deut­schen Aka­de­mi­ke­rIn­nen. Weder begrün­den sie, warum dies angeb­lich in Mer­kels Äuße­run­gen impli­ziert ist (damit dürf­ten sie aller­dings sogar recht haben), noch (und dies ist der wich­ti­gere Punkt), warum die bei­den impli­zi­ten Behaup­tun­gen Mer­kels falsch sein sol­len – die­ser (sei­ner­seits impli­zite) Vor­wurf wird mit dem Satz ja wohl erho­ben, oder nicht?! – Der Vor­wurf, daß in Wahr­heit das Erschlei­chen eines Dok­tor­ti­tels kein Kava­liers­de­likt sei und das ‚aka­de­mi­sche Ehren­wort’ im wirk­li­chen Leben nicht belang­los sei.

Zu den hoch­ge­hal­te­nen wis­sen­schaft­li­chen Stan­dards würde es des wei­te­ren gehö­ren, die ver­wen­de­ten Begriffe zu defi­nie­ren und nicht politisch-​​journalistische Schlag­wör­ter zu ver­wen­den. Was ist denn mit „Kava­liers­de­likt“, das das „Erschlei­chen eines Dok­tor­ti­tels“ nicht sei, hier genau gemeint? Ist das ein straf­recht­li­ches Urteil? Ein wis­sen­schafts­theo­re­ti­sches Urteil? Ein poli­ti­sches Urteil? Oder doch nur ein mora­li­sches Urteil? – Oder wis­sen die Auto­rIn­nen letzt­lich selbst nicht so genau, warum und wor­über sie empört sind?

Poli­tik ist durch­aus nicht (und kann auch nicht sein, solange Herr­schaft und Aus­beu­tung beste­hen), wie aber Pro­fes­sor Haber­mas meint, ein „herr­schafts­freier Dis­kurs“; und Poli­tik ist auch nicht das Wahre, Schöne und Gute, wie wohl Fried­rich Schil­ler meinte5, son­dern die For­mie­rung von Inter­es­sen und der Kampf um deren Durch­set­zung. Dafür sind wis­sen­schaft­li­che Exper­tise und auch Ehr­lich­keit häu­fig nütz­lich. Aber auch List und Tücke gehö­ren zum poli­ti­schen Geschäft – und zum Kriege füh­ren zumal – dazu. Was Gut­ten­berg als Kriegs­mi­nis­ter dis­qua­li­fi­ziert, ist weni­ger, daß er bei sei­ner Diss. betro­gen hat, als das er sich hat dabei erwi­schen las­sen.

Im übri­gen: Nichts dage­gen, wenn 30.000 Bür­ge­rIn­nen oder mehr die Ent­las­sung Gut­ten­bergs gefor­dert hät­ten – sei es wegen sei­ner Unehr­lich­keit oder (was der viel bes­sere Grund wäre) wegen sei­ner leid­lich erfolg­rei­chen Poli­tik für die fal­schen Inter­es­sen. Die­ses Anlie­gen wäre dann aller­dings nicht „als Dok­to­ran­din­nen und Dok­to­ran­den“, son­dern als Bür­ge­rIn­nen zu for­mu­lie­ren. Denn kul­tu­rel­les (hier: Bildungs)kapital in poli­ti­schen Mehr­wert umzu­set­zen, ver­letzt den Grund­satz one (wo)man, one vote nicht weni­ger als ökono­mi­sches Kapi­tal in poli­ti­schen Mehr­wert umzu­set­zen. –

Was sich in dem Offe­nen Brief der 30.000 fort­setzt ist die als sol­che kei­nes­falls neue Bean­spru­chung einer pri­vi­le­gier­ten Sprech­po­si­tion qua aka­de­mi­schem Titel. Was uns hier in Form der Inter­ven­tion von 30.000 Aka­de­mi­ke­rIn­nen bei Angela Mer­kel wegen der ‚causa Gut­ten­berg’ mit etwas ver­scho­be­nen Fron­ten (aber glei­chem ‚klas­sen­po­li­ti­schen Gehalt’ – wenn es erlaubt ist, daß ich mich die­ser dem heu­ti­gen aka­de­mi­schen Sprach­ge­brauch so inad­äqua­ten Ter­mi­no­lo­gie bediene) begeg­net, ist das, was uns nicht erst, aber ver­schärft seit dem Auf­stieg des Neo­li­be­ra­lis­mus begeg­net: „Sach­ver­stän­dige“, „Exper­ten“ – zumeist sind es in der Tat wei­ter­hin Män­ner – sagen als Aka­de­mi­ker den Bür­ge­rIn­nen, was angeb­lich rich­tig und not­wen­dige poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen sind. Sie bean­spru­chen als Aka­de­mi­ker eine pri­vi­le­gierte poli­ti­sche Sprech­po­si­tion, was sub spe­cie demo­cra­tiae nicht akzep­ta­bel ist.

@ Wis­sen­schaft:

Außer zur Poli­tik, von der sie ent­we­der keine Ahnung haben oder aber in der sie sehen­den Auges ihre aka­de­mi­schen Stan­des­in­ter­es­sen ver­tre­ten, äußern sich diese 30.000 „Dok­to­ran­din­nen und Dok­to­ran­den“ zur Wis­sen­schaft, von der sie anschei­nend auch nicht viel mehr Ahnung haben. (mehr…)

Rubbish und Rechtswissenschaft

Aus aktu­el­lem Anlaß, aus mei­nem dort1 genann­ten Auf­satz in der Fest­schrift für Frie­der Otto Wolf:

Nach John Locke soll die Phi­lo­so­phie nicht eine Wahr­heit über den Wis­sen­schaf­ten bean­spru­chen, son­dern sich bes­ser als deren ‚under-​​labourer’ ver­ste­hen. Eine Phi­lo­so­phie, die radi­kal sein will, müsste sich in die­sem Sinne auch radi­kal über ihre Gren­zen Rechen­schaft able­gen. Locke beschreibt sein Vor­ha­ben in dem Epistle to the Rea­der, der sei­nem Essay Con­cerning Human Under­stan­ding vor­an­ge­stellt ist, beschei­den als „remo­ving some of the rub­bish that lies in the way of our know­ledge“ (1690, 13) […].

I. Weg mit dem ‚nutz­lo­sen Bal­last son­der­ba­rer, eit­ler oder unver­ständ­li­cher Aus­drü­cke’ (Locke)

Wenn die Auf­gabe der Phi­lo­so­phie nach Witt­gen­stein darin besteht, „Miß­ver­ständ­nisse, die den Gebrauch von Wor­ten betref­fen“ (1949, 292, Nr. 90), aus dem Weg zu räu­men, so schei­nen es vor allem zwei (mit ein­an­der zusam­men­hän­gende) ‚Miss­ver­ständ­nisse’ zu sein, die mas­sive Erkennt­nis­hin­der­nisse dar­stel­len und in Deutsch­land bis­her die Kon­sti­tu­ie­rung einer Wis­sen­schaft vom Juri­di­schen ver­hin­dert haben: zum einen das Nicht-​​Sehen (oder Ver­wi­schen) des Unter­schie­des zwi­schen der Pro­duk­tion von Erkennt­nis und der Pro­duk­tion eines Erkennt­nisobjek­tes (eines Objek­tes, das erkannt wer­den kann); zum ande­ren der unklare Sta­tus des Wor­tes ‚nor­ma­tiv’ in der deut­schen Rechts­wis­sen­schaft. In einem vagen Sinn lässt sich sicher­lich sagen, dass die Rechts­wis­sen­schaft ‚nor­ma­tiv’ ist, weil sie sich mit Nor­men beschäf­tigt; sie beschäf­tigt sich – von Rand­dis­zi­pli­nen wie Rechts­so­zio­lo­gie und Kri­mi­no­lo­gie abge­se­hen – nicht damit, wie die gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse sind oder wie sich die Men­schen tat­säch­lich ver­hal­ten, son­dern damit wie sie sein sol­len bzw. wie sie sich ver­hal­ten sol­len. Im Rah­men jenes wei­ten Ver­ständ­nis­ses von ‚nor­ma­tiv’ wird aber über­se­hen, dass aus der nor­ma­ti­ven Beschaf­fen­heit eines Gegen­stan­des nicht schon folgt, dass auch des­sen Erkennt­nis nor­ma­tiv statt ana­ly­tisch zu sein hat. In dem Maß, in dem die deut­sche Rechts­wis­sen­schaft den Unter­schied zwi­schen Erkennt­nis und Gegen­stand ver­wischt, ist sie tat­säch­lich selbst nor­ma­tiv, normen-​​produzierend – statt normen-​​erkennend.2 Sie ist nicht Wis­sen­schaft (vom Juri­di­schen), son­dern eine idea­lis­ti­sche (Rechts-)Philosophie. Sie stellt ein Hin­der­nis für die Erkennt­nis der tat­säch­li­chen Nor­men, des Jus­tiz­sys­tems sowie ihrer eige­nen Pra­xis und Funk­tion dar. Sie pro­du­ziert (an Stelle des Gesetz­ge­bers) Nor­men und behaup­tet den­noch, dass ihre Sätze gel­tende Nor­men sind, dass ihre Sätze Rechtserkennt­nis, das wahre Recht, sind. Aber wie soll es mög­lich sein, etwas zu ‚erken­nen’, was dem ver­meint­li­chen Erkennt­nis­akt gar nicht vor­aus­ging?! Was hier allen­falls erkannt wer­den könnte (wenn das Real­ob­jekt und des­sen Erkennt­nis nicht ver­wech­selt wür­den), ist der Pro­zess der Pro­duk­tion einer Norm durch eine unzu­stän­dige Instanz, eben durch die Rechts‚wissenschaft’ statt dem Gesetz­ge­ber; was erkannt wer­den könnte, ist die Pro­duk­tion einer Norm unter dem Deck­man­tel ihrer Erkennt­nis.

Lite­ra­tur:
John Locke, An Essay con­cerning Humane Under­stan­ding (1690), Lon­don, 1997.
Wolf-​​Dieter Narr, Theo­rie­be­griffe und Sys­tem­theo­rie, Mainz, 1969.
Det­lef Geor­gia Schulze, , Leh­ren und Leer­stel­len, in: ders./dies. /​ Sabine Berg­hahn /​ Frei­der Otto Wolf (Hg.), StaR P. Neue Ana­ly­sen zu Staat, Recht und Poli­tik. Serie W: working papers des DFG-​​Projektes „Der Rechts­staat in Deutsch­land und Spa­nien“. Bd. 3, Ber­lin, 2006, 211-​​275; im Inter­net unter der Adresse: http://​edocs​.fu​-ber​lin​.de/​d​o​c​s​/​r​e​c​e​i​v​e​/​F​U​D​O​C​S​_​d​o​c​u​m​e​n​t​_​0​0​0​0​0​0​0​04705.
Lud­wig Witt­gen­stein, Phi­lo­so­phi­sche Unter­su­chun­gen (1949), Frankfurt/​M., 10. Aufl.: 1995, 225-​​580.

  1. ‚Remo­ving some rub­bish’. Radi­kale Phi­lo­so­phie und die Kon­sti­tu­ie­rung einer Wis­sen­schaft vom Juri­di­schen. in: Pia Paust Las­sen /​ Jörg Nowak /​ Urs Lind­ner (Hg.), Phi­lo­so­phie­ren unter ande­ren. Bei­träge zum Pala­ver der Mensch­heit (Fest­schrift für Frie­der Otto Wolf), West­fä­li­sches Dampf­boot: Müns­ter, 2008, 332 – 352 (332, 334 f. mit FN 4; wei­tere FN zu die­ser Pas­sage fin­den sich in der Druck­fas­sung die­ses Tex­tes).

    Abschnitts-​​Überschriften mei­nes Auf­sat­zes:

    I. Weg mit dem ‚nutz­lo­sen Bal­last son­der­ba­rer, eit­ler oder unver­ständ­li­cher Aus­drü­cke’ (Locke)
    1. Rechts‚erkenntnis’ als rub­bish pro­duc­tion
    a) Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt
    b) Die Lehre
    2. Kann die Pro­duk­tion einer Erkennt­nis genauso funk­tio­nie­ren wie die Pro­duk­tion einer Ent­schul­di­gung oder Ehe? Oder: Über die Vor­aus­set­zun­gen des Glü­ckens per­for­ma­ti­ver Sprech­akte
    3. Rechts­wis­sen­schaft als Pseu­do­wis­sen­schaft ohne Gegen­stand
    4. Was radi­kale Phi­lo­so­phie für wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nisse leis­ten kann
    II. Zu den poten­ti­el­len poli­ti­schen Wir­kun­gen der Kri­tik des Rechts­idea­lis­mus und der even­tu­el­len Kon­sti­tu­ie­rung einer Wis­sen­schaft vom Juri­di­schen.

    Inhalts­ver­zeich­nis des gesam­ten Buches: http://​dampf​boot​-ver​lag​.de/​d​o​w​n​l​o​a​d​/​i​n​h​a​l​t​-​7​5​2​-​2.pdf [zurück]

  2. (mehr…)