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Zwei (+ 7 + 8) von 149… – die SYRIZA-Linke

251 der 300 Mit­glie­der des grie­chi­schen Par­la­ments stimm­ten am frü­hen Sonn­abend Mor­gen (11. Juli 2015) für die neu­es­ten Spar­vor­schläge der grie­chi­schen Regie­rung an die inter­na­tio­na­len Gläu­bi­ger. 32 Parlamentarier(innen?) stimm­ten mit „Nein“1; die rest­li­chen 17 ent­hiel­ten sich oder waren abwe­send.

Bei der Par­la­ments­wahl im Jan. hat­ten ND (76), Potami (17) und PASOK (13) zusam­men 106 Sitze errun­gen; auf Gol­dene Mor­gen­röte (17) und KKE (15) ent­fie­len zusam­men 32 Sitze. SYRIZA (149) und ANEL (13) gewan­nen zusam­men 162 Sitze.2

Obwohl auch (aller­dings: nur) zwei SYRIZA-​​Abgeordnete mit „Nein“ stimm­ten3, war die Zahl der Nein-​​Stimmen also nicht höher als die Summe von Morgenröte-​​ und KKE-​​Abgeordneten. Also waren viel­leicht zwei Abge­ord­nete aus Morgenröte-​​ oder KKE-​​Reihen ver­hin­dert (oder ent­hiel­ten sich, was jeden­falls für KKE-​​Abgeordnete eher unwahr­schein­lich sein dürfte).

Zu den 32 „Nein“-Stimmen kom­men also noch 17 Abwe­sen­hei­ten und Ent­hal­tun­gen hinzu; davon stam­men 15 aus den SYRIZA-​​Reihen4.

Dadurch, daß 7 Abge­ord­nete aus den Rei­hen von SYRIZA – und wahr­schein­lich 2 Abge­ord­nete aus KKE-​​ und Morgenröte-​​Reihen (s. vor­ste­hend) und viel­leicht noch wei­tere Abge­ord­nete5 – abwe­send waren, redu­zierte sich die abso­lute Mehr­heit der abge­ge­be­nen Stim­men auf maxi­mal 147 Stim­men (293/​2 = 146,5). Zie­hen wir nun also von 251 Ja-​​Stimmen die mut­maß­li­chen 106 Ja-​​Stimmen aus den Rei­hen von ND, Potami und POSAK ab, so ver­blei­ben immer noch 145 Ja-​​Stimmen aus den Regie­rungs­par­teien.

Dies ver­fehlte zwar die abso­lute Mehr­heit der abge­ge­be­nen Stim­men even­tu­ell um 2 Stim­men, wäre aber – ange­sichts der Ent­hal­tun­gen – auf alle Fälle immer noch eine sichere rela­tive Mehr­heit gewe­sen, auch wenn ND, Potami und PASOK aus tak­ti­schen Anti-​​SYRIZA-​​Gründen mit „Nein“ gestimmt hät­ten (106 hypo­the­ti­sche Nein-​​Stimmen + 32 tat­säch­li­che Nein-​​Stimmen = 138). -

Soviel zur Rele­vanz der SYRIZA-​​Linken… – unge­fähr so groß, wie die von Chris­tian Strö­bele bei den GRÜ­NEN.

  1. http://​www​.faz​.net/​a​k​t​u​e​l​l​/​w​i​r​t​s​c​h​a​f​t​/​e​u​r​o​k​r​i​s​e​/​g​r​i​e​c​h​e​n​l​a​n​d​/​k​o​m​m​t​-​d​e​r​-​g​r​e​x​i​t​-​n​a​c​h​-​d​e​m​-​r​e​f​e​r​e​n​d​u​m​-​l​i​v​e​-​b​l​o​g​-​g​r​i​e​c​h​e​n​l​a​n​d​-​1​3​6​7​1​3​4​9​.html (11. Juli 2015 2:59 – Fre­de­ric Spohr). SZ dage­gen: 250 (http://​www​.sued​deut​sche​.de/​w​i​r​t​s​c​h​a​f​t​/​s​c​h​u​l​d​e​n​k​r​i​s​e​-​g​r​i​e​c​h​i​s​c​h​e​s​-​p​a​r​l​a​m​e​n​t​-​b​i​l​l​i​g​t​-​r​e​f​o​r​m​p​l​a​e​n​e​-​1​.​2​5​59884) [zurück]
  2. https://​en​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​G​r​e​e​k​_​l​e​g​i​s​l​a​t​i​v​e​_​e​l​e​c​t​i​o​n​,​_​2​0​1​5​#​R​e​sults [zurück]
  3. http://​www​.sued​deut​sche​.de/​w​i​r​t​s​c​h​a​f​t​/​s​c​h​u​l​d​e​n​k​r​i​s​e​-​g​r​i​e​c​h​i​s​c​h​e​s​-​p​a​r​l​a​m​e​n​t​-​b​i​l​l​i​g​t​-​r​e​f​o​r​m​p​l​a​e​n​e​-​1​.​2​5​59884 [zurück]
  4. http://​www​.sued​deut​sche​.de/​w​i​r​t​s​c​h​a​f​t​/​s​c​h​u​l​d​e​n​k​r​i​s​e​-​g​r​i​e​c​h​i​s​c​h​e​s​-​p​a​r​l​a​m​e​n​t​-​b​i​l​l​i​g​t​-​r​e​f​o​r​m​p​l​a​e​n​e​-​1​.​2​5​59884 (8 Ent­hal­tun­gen und 7 Abwe­sen­hei­ten) [zurück]
  5. Die SZ spricht von zehn Abwe­sen­den insg. (http://​www​.sued​deut​sche​.de/​w​i​r​t​s​c​h​a​f​t​/​s​c​h​u​l​d​e​n​k​r​i​s​e​-​g​r​i​e​c​h​i​s​c​h​e​s​-​p​a​r​l​a​m​e​n​t​-​b​i​l​l​i​g​t​-​r​e​f​o​r​m​p​l​a​e​n​e​-​1​.​2​5​59884), also drei außer­halb von SYRIZA. [zurück]

Eine Antwort an die „Proletarische Plattform“

Wie neu­lich schon erwähnt, hat die trend-Redak­tion einen Text zum Thema Klasse & Poli­tik heute der – anschei­nend neu­ge­grün­dete – „Pro­le­ta­ri­sche Platt­form“ in der Links­par­tei in den Kon­text der aktu­ell anlau­fen­den Orga­ni­sie­rungs­de­batte gestellt.

Die von der Platt­form vor­ge­nom­mene drei­fa­che Abgren­zung ist mir durch­aus sym­pa­thisch:

„• Der demo­kra­ti­sche Sozia­lis­mus steht für sozia­lis­ti­sche Markt­wirt­schaft, d.h. einen demo­kra­tisch gebän­dig­ten Kapi­ta­lis­mus, eine so genannte ‚gesell­schaft­li­che Kon­trolle‘ der Pri­va­ten: die Qua­dra­tur des Krei­ses.
• Der pla­to­ni­sierte Sta­li­nis­mus steht für ein auch künf­tig in natio­na­ler Beschrän­kung sich ver­ewi­gen­des und damit als Waffe gegen das Kapi­tal ent­schärf­tes Staats­mo­no­pol, mit der Maß­gabe, ein (aller­dings nie­mals begrif­fe­nes) ‚Wert­ge­setz‘ und noch ein paar andere Errun­gen­schaf­ten sozia­lis­ti­scher Wis­sen­schaft darin stär­ker zu berück­sich­ti­gen; für (im Falle des Fal­les) neu­er­li­che Koexis­tenz also mit dem Kapi­ta­lis­mus und Wett­be­werb, dies­mal aber nicht so sehr um die grö­ßere Por­tion Gulasch, son­dern haupt­säch­lich um die bes­sere Moral oder ‚Welt­an­schau­ung‘.
• Der hedo­nis­ti­sche Kom­mu­nis­mus der rei­nen Ver­nunft steht für die sofor­tige Abschaf­fung ‚der Arbeit‘, damit des Staa­tes; alle Men­schen wer­den ihrer puren Lust frö­nende Brü­der oder Schwes­tern – dar­un­ter geht gar nichts mehr. Für den Kapi­ta­lis­mus, ‚das Beste­hende‘ als das schlecht­hin Nega­tive, lasse man sich am bes­ten auf kei­ner­lei bestimmte Nega­tion ein, beschränke sich viel­mehr auf die Nega­tion schlecht­hin (‚nega­tive Kri­tik‘ gehei­ßen).“ (S. 2 – Hv. i.O.)

Was ich aber nicht ver­stehe, ist, warum es mit die­ser drei­fa­chen Abgren­zung sinn­voll sein soll, sich in der Links­par­tei zu orga­ni­sie­ren. Die Platt­form schreibt dazu:

„Seit der Bil­dung der WASG ab 2004, in deren Folge 2007 die Par­tei die Linke gegrün­det wurde, tut sich für Kom­mu­nis­ten eine Option auf, wie es sie seit der Tren­nung der USPD von der SPD im Ver­lauf des ers­ten Welt­krie­ges auf deut­schem Boden nicht mehr gege­ben hat. Eine von ihrem Selbst­ver­ständ­nis her sozia­lis­ti­sche, ihrem politisch-​​programmatischen Inhalt nach links­keyne­sia­nis­ti­sche Par­tei ermög­licht, zumin­dest for­mal, von ihrem plu­ra­lis­ti­schen Selbst­ver­ständ­nis her, die Orga­ni­sie­rung von Kom­mu­nis­ten in einer ent­ste­hen­den Mas­sen­par­tei.“ (S. 3)

Mit ziem­lich genau der glei­chen Stoß­rich­tung inter­ve­nier­ten ich und einige Genos­sen 1990/​91 in die Links­par­tei Vor­gän­ge­rin­or­ga­ni­sa­tion PDS: „Für eine femi­nis­ti­sche USPD mit revo­lu­tio­nä­rem Flü­gel“ – und wir sind kläg­lich geschei­tert (siehe unsere dama­lige – aus Anlaß des Plattform-​​Textes jetzt von mir wie­der­ver­öf­fent­lichte – Bilanz).

Und mir scheint heute, nach­dem sich ins­be­son­dere in Ber­lin ein neo-​​liberaler Regie­rungs­flü­gel in der Links­par­tei her­aus­ge­bil­det hat, sind die Chan­cen für ein der­ar­ti­ges Pro­jekt eher noch schlech­ter als Anfang der 90er Jahre:
-- Auch die Kom­mu­nis­ti­sche Platt­form ist gegen­über damals nicht kom­mu­nis­ti­scher gewor­den.
-- Und die eher bewegungs-​​orientierten Teile der Links­par­tei sind heute eher wei­ter vom lin­ken Flü­gel der sog. Neuen Sozia­len Bewe­gun­gen der 1980er Jahre ent­fernt als diese vor rund 20 Jah­ren der Fall war.

Und vor allem eine Prä­misse schon unse­rer dama­li­gen ‚PDS-​​Intervention‘, die ich kürz­lich im Kon­text der aktu­el­len Orga­ni­sie­rungs­de­batte wie folgt refor­mu­lierte, scheint mir auch heute noch zutref­fend zu sein: „Was sich jeden­falls aus dem Schick­sal der Z-​​Fraktion um Rai­ner Tram­pert und Tho­mas Eber­mann in den Grü­nen der 80er Jahre ler­nen läßt, ist, daß sich Revo­lu­tio­nä­rIn­nen auf ein sol­ches Bündnis-​​Projekt mit Gra­dua­lis­tIn­nen (und viel­leicht sogar Radi­kal­re­for­mis­tIn­nen) nur ein­las­sen soll­ten, wenn sie eigene Struk­tu­ren außer­halb des Bünd­nis­pro­jek­tes behal­ten und nicht voll und ganz in dem dor­ti­gen Frak­ti­ons­kampf auf­ge­hen.“

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Hin­ge­wie­sen sei außer­dem noch auf die Pro­gram­ma­ti­sche Eck­punkte der pro­le­ta­ri­schen Platt­form.

Doku-Serie: Revolutionärer Feminismus – Teil I

Aus zwei aktu­el­len Anläs­sen habe ich ein Papier her­aus­ge­sucht, das 1992 in der inte­rim. Wöchent­li­ches Berlin-​​Info erschie­nen war: Das Papier von „frauen […] aus ver­schie­de­nen poli­ti­schen berei­chen“, das in der inte­rim Nr. 184/​185 v. 19.03.1992 unter der Über­schrift „Zur Poli­tik der Frauen aus dem Anti­ras­sis­ti­schen Zen­trum und grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen zur anti­ras­sis­ti­schen Poli­tik“ erschie­nen war.
Das „Anti­ras­sis­ti­sche Zen­trum“ waren Räume der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Ber­lin (TU), die von v.a. wei­ßen Unter­stüt­ze­rIn­nen ‚für‘ Flücht­linge besetzt wur­den.
Der Text ent­hält sicher­lich, auch abge­se­hen vom kon­kre­ten Anlaß, einige zeit­be­dingte For­mu­lie­run­gen. Der Wider­spurch zwi­schen S. II, linke Sp. (affir­ma­tive Rede über „unser spe­zi­fisch weib­li­ches ver­mö­gen“, wenn auch im Rah­men eines Zita­tes) und S. II rechte Sp. (Kri­tik an „ten­den­zen wie ‚neue inner­lich­keit‘, ‚müt­ter­lich­keit‘“) fiel aber schon damals auf.
Trotz­dem erscheint mir der Text auch heute noch lesens­wert. Beson­ders ange­tan hatte es mir schon damals fol­gen­der Spie­gel­strich aus der Kri­tik der Auto­rin­nen auf S. IV ihres Tex­tes:
„– auto­nome poli­tik als ‚lücken­fül­ler‘ für funk­tio­nen, die kir­chen, par­teien, huma­ni­täre kräfte nicht mehr beset­zen, als auto­nome sozi­al­ar­bei­te­rIn­nen und lager­ver­wal­te­rIn­nen.“
Hat sich daran seit­dem wie­der etwas geän­dert? Oder ist die inhalt­li­che Grund­lage der (ehe­mals) links­ra­di­ka­len Abgren­zung von refor­mis­ti­schen Par­teien und Insti­tu­tio­nen – auch in ande­ren Berei­chen als dem anti­ras­sis­ti­scher Poli­tik – noch dün­ner gewor­den und diese also noch mehr als schon frü­her zu einer kul­tu­ra­lis­ti­schen Geste gewor­den? (Vgl. zu die­ser grund­sätz­li­chen Frage auch noch diese Doku und – als aktu­el­les Bei­spiel – meine dort [Abschnitt 2. und am Ende] und dort ein­ge­streu­ten kri­ti­schen Anmer­kun­gen zu den Rede­bei­träge beim dies­jäh­ri­gen trans­ge­nia­len CSD [tCSD].)

Hier eine .pdf-Bild­da­tei des doku­men­tier­ten Arti­kels.

PS.: Im Vor­wort der inte­rim (S. 2) hieß es damals: „Das Frau­en­pa­pier zum Anti­ras­sis­ti­schen Zen­trm ist von den Ver­fas­se­rin­nen für die Inte­rim gekürzt wor­den. Die aus­führ­li­che Ver­sion wird dem­nächst für Frauen (wahr­schein­lich) in der AMA­ZORA) zu fin­den sein“. Ob es zu die­ser ange­kün­dig­ten, wei­te­ren Ver­öf­fent­li­chung damals tat­säch­lich gekom­men war, ist mir nicht bekannt.

Heute gelesen (5.8.)

1. daß im Moment vor­bei ver­folgt hat, was der SPD-​​Spitzenkandidaten für die säch­si­sche Land­tags­wahl, Tho­mas Jurk, im chat der Freien Presse sagte: „Wenn wir gegen das Grund­ge­setz ver­stos­sen, weil wir Pädo­phi­len unmög­lich machen kin­der­por­no­gra­fi­sche Bil­der aus dem Inter­net her­un­ter­zu­la­den, dann nehme ich das in Kauf.“ -
Eine durch und durch absurde Posi­tion,
► (1.) weil SPD und Union das Grund­ge­setz zu die­sem Zwe­cke ändern könn­ten (schließ­lich ver­fü­gen sie zusam­men noch über eine 2/​3-​​Mehrheit im Bun­des­tag, die sie – aus ihrer Sicht – nut­zen soll­ten, bevor sie sie im Herbst viel­leicht ver­lie­ren; die 2/​3 im Bun­des­rat dürf­ten sich sicher­lich auch wie­der irgend­wie zusam­men­be­kom­men las­sen)
und
► (2.) weil alles andere als klar ist, daß die internet-​​Sperren tat­säch­lich grund­ge­setz­wid­rig sind. Das in popu­lä­rer Sicht her­an­ge­zo­gene Zen­sur­ver­bot hat damit näm­lich gar nichts zu tun. Denn Zen­sur im juris­ti­schen Sinne ist – wie bereits an frü­he­rer Stelle gesagt – Vor-​​Zen­sur: die staat­li­che Kon­trolle von Wer­ken /​ Äuße­run­gen, bevor sie über­haupt ver­öf­fent­licht wer­den dür­fen. Hier geht es – wenn über­haupt – (aus Per­spek­tive der Anbie­ter) um die Unter­bin­dung der Ver­brei­tung von „Mei­nun­gen“, nach­dem sie erst­mals das Licht der Öffent­lich­keit erblickt haben, und (aus Per­spek­tive der Kon­su­men­ten und Kon­su­men­tin­nen) um die Infor­ma­ti­ons­frei­heit. Beide Frei­hei­ten (die Mei­nungs­äu­ße­rungs­frei­heit und die Infor­ma­ti­ons­frei­heit) unter­lie­gen aber – wie an wie­derum ande­rer Stelle schon gesagt – dem Vor­be­halt des Jugend­schut­zes. Was Jugend­schutz genau bedeu­tet und wie es sich mit Maß­nah­men ver­hält, die im Namen des Jugend­schut­zes ergrif­fen wer­den, aber nur mäßig wirk­sam sind, soll an die­ser Stelle nicht erör­tert wer­den.
2. cri­ti­que aujourd‘hui eine Blüte des sexis­ti­schen Tier­schut­zes auf­ge­le­sen hat (zu befürch­ten sein dürfte aber, daß der­ar­tige Blü­ten die zwangs­läu­fige Begleit­er­schei­nung eines modi­schen Dis­kur­ses sind, der Sex­ar­beit als ‚ganz nor­male‘ Lohn­ar­beit adres­siert).
3. die Argu­men­ta­tion der Genos­sIn­nen, die sich für die Frei­heit von Alex enga­gie­ren, lei­der schon wie­der mehr Fra­gen auf­wirft als über­zeugt. Dies­mal schrei­ben sie:

„Laut einem Arti­kel der BZ soll unsere Freun­din und Genos­sin Alex wei­ter als Gei­sel gehal­ten wer­den! ‚Als Gei­sel? Ist doch über­trie­ben.‘ Fin­den wir nicht!!! […]. Das Land­ge­richt hat der Beschwerde der Staats­an­walt­schaft zuge­stimmt, mit der Begrün­dung[,] das[s] wei­ter­hin Flucht­ge­fahr besteht. […]. Wiki­pe­dia: ‚Von einer Gei­sel­haft spricht man, wenn eine Gei­sel durch Ter­ro­ris­ten gefan­gen gehal­ten wird, um damit eine bestimmte For­de­rung durch­zu­set­zen… ‘ Das[s] Alex in dem Satz die Gei­sel, der Staat der Ter­ro­rist und die For­de­rung, die Schmach der Ber­li­ner Poli­zei bei der Bekämp­fung der Auto­zün­de­lei ist[,] sollte logisch erschei­nen.“

Wie kann bitte sehr eine Schmach eine For­de­rung sein?! Was for­dert der Staat Eures Erach­tens als Gegen­leis­tung für die Frei­las­sung??? Die Schmach der Ber­li­ner Poli­zei wird es ja nicht sein. – Was es statt des­sen ist /​ sein soll, geht lei­der weder aus der Stel­lung­nahme der Genos­sIn­nen noch aus dem von ihnen ver­link­ten BZ-​​Bericht her­vor. In Anbe­tracht die­ser Kon­fu­sion dürfte lei­der auch die abschlie­ßende mar­tiale Äuße­rung, „Wir wer­den es nicht hin­neh­men[,] das[s] unsere Freun­din und Genos­sin Alex wei­ter­hin fest­ge­hal­ten wird!“, nicht beson­ders viel Ein­druck auf den Staats­ap­pa­rat machen.

4. daß die Dis­kus­sion über MaKss Damage mitt­ler­weile – kurz vor ihrem Ende – auch Lampe erreicht hat. Lampe hält das Ganze aller­dings eher für ein ästhe­ti­sches als ein poli­ti­sches Pro­blem und beschei­nigt neben­bei der Lin­ken von Ästhe­tik keine Ahnung zu haben:

„da tre­ten hol­ger bur­ner und masks damage auf. also ver­an­stal­ten sie sozu­sa­gen ein sam­mel­be­cken des schlech­ten geschmacks. ja genau geschmack. denn wenn man sich diese rap­per mal anhört, und schon­mal qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­gen hip­hop gehört hat, weis man, dass es sich hier nicht um poli­tik son­dern ein­fach um schlechte musik han­deln sollte. ein rap­per hat mehere mög­lich­kei­ten. […]. und linke haben (zumin­dest mehr­heit­lich) nie so rich­tig ver­stan­den dass rap mehr ist als die ‚mes­sage‘ aus der arbei­ter­klasse oder von den ras­sis­tisch unter­drück­ten. und dann kommt sowas bei raus. ihgitt.“

5. in dem Ein­gangs­ord­ner mei­nes eige­nen mail-​​Programms: daß Leute, wenn ihnen die Argu­mente aus­ge­hen, sich anschei­nend auf Albern­hei­ten ver­le­gen und dafür den Bei­fall eines trans-​​/​queer-​​phoben Publi­kums fin­den. – Jemand machte beim Wagendorf-​​Forum einen Ein­trag in mei­nem Namen und rief damit u.a. diese Reak­tion her­vor:

„Det­lef Geor­gia Schulze! Ein klasse Name! So was wie Rai­ner Maria Rilke? Was hat Er-​​sie-​​es damit bezwe­cken wol­len? Das wir uns tot­la­chen über diese Anzeige?“

Mit der­ar­ti­gen Spä­ßen wird der ange­maßte anti­im­pe­ria­lis­ti­sche Kampf sicher­lich rie­sige Fort­schritte machen.
Dank noch mal an die Leute von wagen​dorf​.de für den Hin­weis auf den Ein­trag. – Und alle andere: Nicht wun­dern, falls sich irgendwo noch wei­tere merk­wür­dige mir in den Mund gelegte Wör­ter fin­den. Im Zwei­fels­fall ein­fach mal nach­fra­gen.

Das historische Dokument: RZ/Rote Zora: Die BRD – „Geisel“ oder die Nr. 2 der NATO?

Ich will eine – viel­leicht allzu wag­hal­sige – These wagen: Seit dem Erschei­nen des his­to­ri­schen Doku­ments, das im fol­gen­den prä­sen­tiert wird, hat weder die refor­mis­ti­sche noch die revo­lu­tio­näre Linke in der BRD eine tref­fen­dere Ana­lyse der inter­na­tio­na­len Lage vor­ge­legt. Ana­lye meint hier: nicht militär-​​ oder wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­che Erb­sen­zäh­le­rei – son­dern Blick auf das stra­te­gisch Ent­schei­dende.
Wie wag­hal­sig die These ist, zeigt sich daran, daß der Text aus dem Jahr 1983 stammt – und seit­dem ja nun wahr­lich eini­ges die welt­po­li­ti­sche Lage ver­än­dert hat. – Ich lasse mich gerne von der Irr­tüm­lich­keit mei­ner These über­zeu­gen und nehme gerne Belo­bi­gun­gen für seit­dem erschiene Papiere ent­ge­gen.
Es han­delt sich um das Papier „Krieg – Krise – Frie­dens­be­we­gung“ mit dem Unter­ti­tel „In Gefahr und höchs­ter Not bringt der Mit­tel­weg den Tod“, das im Dezem­ber 1983 von der Roten Zora und den Revo­lu­tio­nä­ren Zel­len vor­ge­legt wurde. Es wird hier her­vor­ge­kramt wegen der aktu­el­len Dis­kus­sion über rich­tige und fal­sche Kri­tik an den USA.

Unser his­to­ri­sches Doku­ment zeigt ein­mal mehr, daß es nicht erst der Her­aus­bil­dung einer Strö­mung der ‚Anti-​​Deutschen‘ nach 1989 bedurfte, um eine Imperialismus-​​Kritik, die allein oder nahezu voll­stän­dig auf die USA (und Israel) zuge­spitzt ist, zurück­zu­wei­sen. RZ & Rote Zora kri­ti­sier­ten die Ansicht, die BRD sei eine Gei­sel der USA und zeig­ten auf, daß die BRD viel­mehr schon damals die Nr. 2 der NATO war. Sie wie­sen des wei­te­ren – wenn auch unter Inves­tie­rung über­trie­be­ner links­ra­di­ka­ler Hoff­nun­gen in Hun­ger­re­vol­ten – auf die Gren­zen des Modells natio­na­ler Befrei­ung hin:

„Es geht nicht mehr um trü­ge­ri­sche natio­nale Sou­ve­rä­ni­tät, an die sich so viele Hoff­nun­gen knüpf­ten, die den Mas­sen aber meist nichts ein­brachte außer einem Staat, der nur kos­tete und den sie nicht brau­chen, einer Armee, Ver­wal­tung, Wah­len, Klein­fa­mi­lie usw. alles Dinge, die kein Mensch braucht und eine Bäue­rin oder ein Arbei­ter in der 3. Welt schon gar nicht. Was sie brau­chen, näm­lich die stoff­li­chen Grund­la­gen für ein men­schen­wür­di­ges und gutes Leben, hat ihnen die natio­nale Befrei­ung allein nir­gends gebracht. Die von den natio­na­len Eli­ten betrie­be­nen Ent­wick­lungs­mo­delle sind auf ihrem Rücken und auf ihre Kos­ten orga­ni­siert wor­den.“

Sie kri­ti­sier­ten den Euro-​​Imperialismus und deut­schen Natio­na­lis­mus des main­streams der Frie­dens­be­we­gung:

„Und da in Europa nichts läuft, ohne daß an der deut­schen Frage gerührt wird, ist von links das Pro­blem der Wie­der­ver­ei­ni­gung auf­ge­wor­fen wor­den. Im vor­geb­li­chen Inter­esse der Abrüs­tung wird so an der Fik­tion eines pro­gres­si­ven deut­schen Natio­na­lis­mus gewer­kelt eines Natio­na­lis­mus, in des­sen Namen nicht nur zwei ver­hee­rende Welt­kriege ent­fes­selt, son­dern auch jene End­lö­sung, jener Holo­caust insze­niert wur­den, als deren zukünf­ti­ges Opfer die Frie­dens­be­we­gung heute demons­tra­ti­ves Mas­sen­ster­ben ver­an­stal­tet. Geschichte ver­kehrt!“

Aber auch links­ra­di­kale Grup­pen wur­den nicht von Kri­tik ver­schont:

„Und selbst in links­ra­di­ka­len Grup­pen wurde unter Anti­im­pe­ria­lis­mus vor allem Anti-​​US-​​Imperialismus ver­stan­den, wäh­rend die Auf­rüs­tung der west­eu­ro­päi­schen Staa­ten und ihre zuneh­mende Bedeu­tung auf dem Welt­markt prak­tisch unter den Tisch gefal­len sind. Auf einem sol­chen Boden konnte die Legende von der ‚besetz­ten‘ BRD, konnte der ‚linke Patrio­tis­mus‘ präch­tig gedei­hen.“

Und apo­ka­lyp­ti­sche Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter, die die Welt von einem Kampf zwi­schen Gut und Böse geprägt sehen, wurde kri­ti­siert. – Neben­bei ent­hält der Text eine unbe­dingt lesens­werte, gera­dezu ‚leninistisch-​​avangardistische‘ Kri­tik an der spon­ta­n­ei­is­ti­schen Bewe­gungs­hu­be­rei der auto­no­men Szene:

„Wie­der ein­mal hat sich die fal­sche Hoff­nung, daß die Bewe­gung viel­leicht doch alles und das Ziel nur zweit­ran­gig ist, als Trug­schluß erwie­sen, des­sen Fol­gen in ers­ter Linie wir alle aus­zu­ba­den haben. Hin­ter­her ist man meis­tens schlauer: eine fal­sche Poli­tik wird nicht dadurch rich­ti­ger, daß man sie von innen her zu radi­ka­li­sie­ren ver­sucht.“

Kri­tisch sei allein das Kapi­tel „Neue For­men der Reichs­tums­ak­ku­mu­la­tion und Herr­schafts­si­che­rung“, das doch arg sozialrevolutionär-​​operaistisch und – in den auf das Geschlech­ter­ver­hält­nis bezo­ge­nen Pas­sa­gen – arg ‚Bie­le­fel­de­risch‘ aus­fiel, ver­merkt. Es sah einer­seits die seit 1983 erfolgte ‚Post­mo­der­ni­sie­rung‘ des Geschlech­ter­ver­hält­nis­ses in kei­ner Weise vor­aus und lag auch mit sei­ner These vom Ver­schwin­den der Arbeits­kraft daneh­men (statt des­sen erle­ben wir heute eine Poli­tik der mas­si­ven Aus­wei­tung der Erwerbs­be­tei­li­gung [u.a. zum Zwe­cke der Lohn­drü­ckung]). Genau in die­sem Kapi­tel wäre wohl auch die Kapi­ta­lis­mus­ana­lyse von RZ/​Rote Zora unter dem Gesichts­punkt der im hie­si­gen Kon­text inter­es­sie­ren­den Frage (rich­tige und fal­sche Kapitalismus-​​Kritik: angeb­li­cher Gegen­satz von Finanz-​​ und Indus­trie­ka­pi­tal) zu kri­ti­sie­ren; auch an ein­zel­nen ande­ren Halb­sätze ließe herum­ma­ckeln. – Trotz­dem hat der Text einen Qua­li­täts­maß­stab vor­ge­ge­ben, der von heu­ti­gen ‚Anti-​​Deutschen‘ und ‚Anti­im­pe­ria­lis­tIn­nen‘ erst ein­mal zu errei­chen wäre.
Ergän­zend seien noch zwei Pas­sa­gen aus dem RZ-​​Papier „Beet­ho­ven gegen Mac­Do­nald“ aus dem April des glei­chen Jah­res zitiert, das aus Anlaß von Neonazi-​​Anschläge gegen Ange­hö­rige der US-​​Streitkräfte in Deu­sch­land geschrie­ben wurde:

„Nicht wir, son­dern ins­be­son­dere Teile der Frie­dens­be­we­gung erge­hen sich in einem dif­fu­sen Natio­na­lis­mus, ver­brei­ten den Unsinn von der BRD als einem besetz­ten Land, machen die Per­spek­tive eines wie­der­er­wach­ten deut­schen Patrio­tis­mus schmack­haft und ver­las­sen den Boden lin­ker Poli­tik, wenn sie die Frage der Rake­ten­sta­tio­nie­rung zur Frage natio­na­ler Iden­ti­tät hoch­sti­li­sie­ren. Die Gren­zen zwi­schen Anti­im­pe­ria­lis­mus und Mobi­li­sie­rung anti­ame­ri­ka­ni­scher Res­sen­ti­ments müs­sen zwangs­läu­fig zer­flie­ßen, wenn die Mata­dore der Frie­dens­be­we­gung ihren Pro­test gegen Nach­rüs­tung und Pers­hing II dar­auf stüt­zen, daß sie an das deut­sche Ehr­ge­fühl gegen quasi kolo­niale Unter­jo­chung appel­lie­ren. Es macht einen gewal­ti­gen Unter­schied, ob wir Mac­Do­nald als einen US-​​Ernährungskonzern begrei­fen, der Maß­stäbe für die Orga­ni­sa­tion arbeits­in­ten­si­ver Nied­rig­lohn­ar­beit wie auch welt­wei­tes Agro-​​Business gesetzt hat oder aber als Aus­druck einer wie auch immer ver­stan­de­nen Yankee-​​Kultur. Wer Coca-​​Cola hier schon fast als Völ­ker­mord und Haupter­schei­nungs­form eines kul­tu­rel­len Impe­ria­lis­mus aus­macht und auf eine Stufe stellt mit der Unter­stüt­zung fast aller Mili­tär­dik­ta­tu­ren durch die US-​​Regierung, beraubt sich selbst der Mög­lich­keit, den faschis­ti­schen Ursprung natio­na­lis­ti­scher oder anti­ame­ri­ka­ni­scher Aktio­nen zu begrei­fen. Der poli­ti­sche Skan­dal besteht nicht darin, daß die Faschis­ten diese auch in der Frie­den­be­we­gung geläu­fige Posi­tion in mili­tä­ri­sche Aktion umge­münzt haben. Der Skan­dal besteht darin, daß es diese Posi­tion über­haupt gibt und daß sie unter Aus­gren­zung und Bekämp­fung sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­rer und anti­im­pe­ria­lis­ti­scher Posi­tio­nen von lin­ken Refor­mis­ten jeg­li­cher Schat­tie­rung, vom Unter­schrif­ten­kar­tell über die TAZ bis zu den Grü­nen durch­ge­setzt wer­den konnte und die Bünd­nis­fä­hig­keit der Frie­dens­be­we­gung damit bis hin zu natio­na­lis­ti­schen oder faschis­ti­schen Posi­tio­nen teils bewußt, teils naiv betrie­ben wurde.“

Im übri­gen erkann­ten die RZ in dem Text den Unter­schied zwi­schen „insti­tu­tio­na­li­sier­ter Herr­schaft und ver­recht­li­cher Gewalt“ einer­seits und „staat­lich insze­nier­ten Ter­ro­ris­mus“ ande­rer­seits (http://​www​.nadir​.org/​n​a​d​i​r​/​a​r​c​h​i​v​/​P​o​l​i​t​i​s​c​h​e​S​t​r​o​e​m​u​n​g​e​n​/​S​t​a​d​t​g​u​e​r​i​l​l​a​+​R​A​F​/​r​z​/​f​r​u​e​c​h​t​e​_​d​e​s​_​z​o​r​n​s​/​z​o​r​n​_​1​_​3​3​.html).


Der Text „Krieg – Krise-​​ Frie­dens­be­we­gung“ vom Dez. 1983 glie­dert sich in fol­gende Abschnitt:

Bewe­gung ist nicht alles!
Die „Pro­bleme“ des US-​​Imperialismus und die „Wun­der­waffe“
Die BRD – „Gei­sel“ oder die Nr. 2 der NATO
Impe­ria­lis­mms und 3. Welt: der Bank­rott natio­na­ler Ent­wick­lungs­mo­delle
Der Ost­block – ein blin­der Fleck in der poli­ti­schen Geo­gra­phie der Lin­ken
Die Ent­span­nungs­po­li­tik – ein Lehr­bei­spiel polit­öko­no­mi­scher Rui­nie­rung
Neue For­men der Reichs­tums­ak­ku­mu­la­tion und Herr­schafts­si­che­rung
Lauer Herbst – und kal­ter Win­ter?
Fra­gen – keine Kon­zepte.

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Neuigkeiten in Sachen MaKss Damage / NS-Vergleiche / Antisemitismus-Vorwürfe

1. unter

http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​7​/​3​0​/​h​e​u​t​e​-​g​e​l​e​s​e​n​-​3​0​0​7​/​#​c​o​m​m​e​nt-80 und http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​7​/​3​0​/​h​e​u​t​e​-​g​e​l​e​s​e​n​-​3​0​0​7​/​#​c​o​m​m​e​nt-88

sowie 2.

http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​7​/​3​1​/​i​n​d​y​m​e​d​i​a​-​d​i​e​-​n​a​e​c​h​s​t​e​-​l​o​e​s​c​h​u​n​g​/​#​c​o​m​m​e​nt-84 und http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​7​/​3​1​/​i​n​d​y​m​e​d​i​a​-​d​i​e​-​n​a​e​c​h​s​t​e​-​l​o​e​s​c​h​u​n​g​/​#​c​o​m​m​e​nt-87 sowie http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​7​/​3​1​/​i​n​d​y​m​e​d​i​a​-​d​i​e​-​n​a​e​c​h​s​t​e​-​l​o​e​s​c​h​u​n​g​/​#​c​o​m​m​e​nt-91.


Eine Über­sicht über die bis­he­rige Dis­kus­sion gibt es im vor­her­ge­hen­den Bei­trag.

(Un)rechtstaat DDR?

Im Nach­gang zu dem Bei­trag Rechts-​​Staat gegen Rechts-​​Staat: Mythos 20. Juli sei hier noch kurz dar­auf ein­ge­gan­gen, daß nach der herr­schen­den BRD-​​Doktrin nicht nur der NS, son­dern auch die DDR ein „Unrechts­staat“ war. Dazu heißt in einem von Asce­t­o­nym doku­men­tier­ten Text zunächst tref­fend:

Am Recht hat es in ihr kei­nes­falls gefehlt. Staat­lich ver­faßt war die poli­ti­sche Herr­schaft des Rea­len Sozia­lis­mus schon auch; rechts­för­mige Gebote und Ver­bote waren daher auch das Mit­tel der Staats­macht, ihre Bür­ger zu den Diens­ten anzu­hal­ten, die von ihnen ver­langt waren.

Dann geht es dort (aber) wie folgt wei­ter:

weil das sozia­lis­ti­sche Regime mit sei­ner Gesetz­lich­keit andere gesell­schaft­li­che Inter­es­sen frei­setzte und beschränkte als die­je­ni­gen, die mit der hier herr­schen­den Frei­heit von Per­son und Eigen­tum als gesamt­ge­sell­schaft­lich ver­bind­lich dekre­tiert wer­den – des­halb war nach der hier­zu­lande ver­tre­te­nen Auf­fas­sung das Recht der DDR ein ein­zi­ges ‚Unrecht‘.

und:

Danach mag es in der DDR Gesetz und Recht gege­ben haben„.

Daran ist zwar zutref­fend, daß „Gesetz und Recht“ der DDR nach den in der BRD herr­schen­den Maß­stä­ben als „Unrecht“ bezeich­net wer­den, weil sie (Recht und Gesetz der DDR) inhalt­lich nicht gefie­len, weil ihnen die – wie in dem Text durch­aus erkannt wird1 – die mora­li­sche Güte abge­spro­chen wird, die das BRD-​​Recht bean­sprucht. Trotz­dem über­sieht diese Rede vom „sozia­lis­ti­sche Regime mit sei­ner Gesetz­lich­keit“ sowie von „Gesetz und Recht“, das es in der DDR gege­ge­ben habe, das Aller­wich­tigste am deut­schen Rechts­staat: Das deut­sche Recht ist näm­lich ein Cha­mä­leon: Wäh­rend „das Recht“ in dem einen Moment schlicht ein Syn­onym für „die Gesetze“ ist, ist es im nächs­ten Moment ein Ideal-​​Recht, das gerade das Gegen­teil der blo­ßen Gesetze ist.
Die Ideo­lo­gie des mora­li­schen (in der BRD-​​Rechtswissenschaft wird statt des­sen von: „mate­ri­el­len“ gespro­chen, was aber nichts mit Mate­ria­lis­mus im philosophisch-​​wissenschaftstheoretischen oder gar mar­xis­ti­schen Sinne zu tun hat) Rechts­staats legi­ti­miert gerade den Bruch der par­la­men­ta­ri­schen (‚bloß for­mell‘ genann­ten) Gesetze durch Exe­ku­tive und Jus­tiz (im NS exzes­siv; in der BRD strikt ver­hält­nis­mä­ßig).2 Und da der reale Staats­ap­pa­rat der rea­len DDR durch­aus so einige Pro­blem mit der Ein­hal­tung sei­ner „sozia­lis­ti­schen Gesetz­lich­keit“ hatte und sich auch nicht vor mora­li­schen Prä­ten­tio­nen scheute, war auch die DDR alles ande­res als ein Unrechts­staat, son­dern ein wei­te­rer deut­scher Rechts­staat, der diese Rechts-​​Metaphysik aller­dings wegen sei­ner – wenn auch pre­kä­ren Bin­dung – an den Mar­xis­mus nicht ganz so schwel­ge­risch aus­leb­ten konnte (und wollte) wie die ande­ren deut­schen Rechts­staa­ten. (mehr…)

Wissenschaftliche Wahrheit und politische Richtigkeit –


… eine Unter­schei­dung, an der fest­ge­hal­ten wer­den sollte

erschien in: ak. ana­lyse & kri­tik, Nr. 527, 18.04.2008, S. 33;

online zugäng­lich unter: http://​www​.links​net​.de/​d​e​/​a​r​t​i​k​e​l​/​21141.

Kleiner Katechismus zur Beantwortung der Frage: Was ist die linksleninistische Postmoderne?

erschien in: Tho­mas Hein­richs /​ Frie­der Otto Wolf /​ Heike Wein­bach (Hg.), Die Tätig­keit der Phi­lo­so­phen. Bei­träge zur radi­ka­len Phi­lo­so­phie, West­fä­li­sches Dampf­boot: Müns­ter, 2003, S. 83 – 121.

Abschnitts­über­schrif­ten mei­nes Bei­tra­ges:

These 1: Die links­le­ni­nis­ti­sche Post­mo­derne ist eine theo­re­ti­sche Pra­xis, die sich auf den Kampf für die Abschaf­fung der Ras­sen, Klas­sen und Geschlech­ter bezieht!

These 2: Revo­lu­tio­näre poli­ti­sche Pra­xis gibt es nur mit revo­lu­tio­näre theo­re­ti­scher Pra­xis!

These 3: Revo­lu­tio­näre Poli­tik muß anti-​​essentialistisch sein!

These 3.1: Es gibt kein mensch­li­ches Wesen!
These 3.2: Es gibt kein indi­vi­du­el­les Wesen (Authen­ti­zi­tät)!
These 3.3: Es ist nicht das Wesen der Arbei­te­rIn­nen­klasse, die kom­mu­nis­ti­sche Revo­lu­tion zu machen!
These 3.4: Völ­ker und Ras­sen sind ideo­lo­gi­sche und soziale Kon­struk­tio­nen!
These 3.5: Die Zwei­ge­schlecht­lich­keit ist nicht natur­ge­ge­ben!

These 4: Revo­lu­tio­näre Theo­rie muß anti-​​humanistisch sein!

These 5: Revo­lu­tio­näre Poli­tik muß in den herr­schen­den For­men gegen sie prak­ti­ziert wer­den!

These 5.1: Die inne­ren Wider­sprü­che sind der Motor der Geschichte!
These 5.2: Revo­lu­tio­näre Poli­tik muß eine Poli­tik der Ent-​​Identifizierung sein!

These 6: Die links­le­ni­nis­ti­sche Post­mo­derne ist kein Plu­ra­lis­mus!

Die Phasen des Kampfes der Roten Armee Fraktion gegen das Gesellschaftssystem der BRD (1971 – 1996)

Der Text ent­stand 1996 als The­sen­pa­pier für meine münd­li­che Diplom­prü­fung.

Erst ist nun­mehr sowohl als .html- als auch als .pdf-Ver­sion zugäng­lich.

„Sozialistischer Humanismus“, autonomer Humanismus oder gar kein Humanismus?


Kri­ti­sche Anmer­kun­gen zur Renais­sance des Huma­nis­mus in der lin­ken Debatte

[Die Text wurde zuerst im Dez. 1991 in der PROWO. Linke Monats­zei­tung gegen die Ver­hält­nisse, Nr. 20, S. 6 ver­öf­fent­licht. Bleibt noch anzu­mer­ken, daß ich heute in kon­se­quen­te­rer Umset­zung der dama­li­gen Über­le­gun­gen statt „mensch“ bzw. – bei Ein­griff in Zita­ten „mensch“ – nun viel­mehr „man/​frau/​lesbe“ schreibe. S. dazu: 1. Bei­trag: Zum Namen und zur Funk­tion von „Theo­rie als Pra­xis“. Mich selbst würde ich mitt­ler­weile nicht mehr als „Ver­fas­ser“, son­dern als „Ver­fas­se­rIn“ adres­sie­ren. Auch ansons­ten könnte an ein paar Stel­len noch leicht nach­ge­bes­sert wer­den, wor­auf ich aber im Moment aus Zeit­grün­den ver­zichte.
Zu Res Strehle, von dem das erste vor­ge­stellte Zitat stammt, s. auch noch:
-- http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​1​9​9​1​/​0​9​/​2​0​/​a​u​t​o​n​o​m​e​-​p​o​l​i​t​o​e​k​o​k​o​n​omie/
-- http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​1​9​9​1​/​1​1​/​1​6​/​w​o​-​v​i​e​l​-​l​i​c​h​t​-​i​s​t​-​i​s​t​-​a​u​c​h​-​v​i​e​l​-​s​c​h​a​tten/
und
-- http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​1​9​9​1​/​1​0​/​1​5​/​d​e​f​i​z​i​t​e​-​s​i​n​d​-​d​a​z​u​-​d​a​-​u​m​-​b​e​h​o​b​e​n​-​z​u​-​w​e​rden/. Fol­gen­den Text gibt es dar­über hin­aus hier als .pdf-​​Text-​​Datei und hier als .pdf-​​Bild-​​Datei.]

„(…) es gibt doch eine huma­nis­ti­sche Posi­tion, die des­halb fun­da­men­tal gegen den Kapi­ta­lis­mus ist, weil Kapi­ta­lis­mus alles, also mensch­li­ches Leben, Sub­jek­ti­vi­tät, Natur, Sinn usw. auf Kapi­tal­ver­wer­tung hin faßt.“
Res Strehle in: PROWO 18, 8

„Unsere Vor­schläge für die alter­na­ti­ven Vor­stel­lun­gen der PDS und für ihre prak­ti­sche Poli­tik bezie­hen sich auf die Inhu­ma­ni­tät vie­ler Aspekte des kon­kre­ten All­tags in der kapi­ta­lis­ti­schen Bun­des­re­pu­blik (…).“
André Brie u.a. in: ND, 30.09.1991, 9

Diese bei­den Zitate sind nur zwei Bei­spiele für die jüngste Renais­sance des Huma­nis­mus in der Lin­ken. Viele wer­den fra­gen: Wor­auf soll denn diese Kri­tik hin­aus lau­fen? Was spricht eigent­lich gegen Moral, ethi­sche Begriffe, Huma­ni­tät usw.? Ist das nicht genau das, was wir als Linke wol­len – zumal mit dem „real exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus“ gerade ein inhu­ma­nes, pseudo-​​linkes Sys­tem zusam­men­ge­bro­chen ist? Schreibt nicht Marx in der Kri­tik der Hegel­schen Rechts­phi­lo­so­phie, daß „alle Ver­hält­nisse umzu­wer­fen (sind), in denen der Mensch ein ernied­rig­tes, ein geknech­te­tes, ein ver­las­se­nes, ein ver­ächt­li­ches Wesen ist“[1]? Haben wir die­sen Satz nicht sel­ber schon zitiert?

Der Weg zur Hölle

Ja, und auch der Ver­fas­ser hat die­sen Marx-​​Satz schon ver­schie­dent­lich zitiert. Und es war falsch! Denn der „Weg zur Hölle ist“ bekannt­lich „breit, bequem und mit den bes­ten Vor­sät­zen gepflastert“[2]. Dafür nur zwei Bei­spiele: Die Zeit des Sie­ges­zu­ges von bür­ger­li­cher Auf­klä­rung und Huma­nis­mus war gleich­zei­tig eine Zeit bru­ta­ler Frau­en­un­ter­drü­ckung und die Zeit der Kolo­nia­li­sie­rung: So betei­ligte sich bspw. der fran­zö­si­sche Huma­nist und Rechts­ge­lehrte Jean Bodin (1529 – 1596) „selbst an den Fol­te­run­gen der Hexen“[3]. Und Vol­taire meinte: „Es gibt in jeder Men­schen­rasse wie bei Pflan­zen ein Prin­zip, das sie dif­fe­ren­ziert. Des­halb sind Neger Skla­ven der ande­ren Menschen.“[4] Das zweite Bei­spiel: „Ab 1935 lanciert(e) Sta­lin den ‚sozia­lis­ti­schen Huma­nis­mus’: (…)“[5]. Er sah die Klas­sen­ge­gen­sätze in der Sowjet­union sich „ver­wi­schen“. Dies sei „die Grund­lage der moralisch-​​politischen Ein­heit der Gesellschaft“[6]. Die Periode der „Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats“ sei been­det, die SU der „Staat gan­zen Volkes“[7]. Zeit­gleich tobte bekannt­lich die Massenrepression.[8]
Aber ist es nicht trotz­dem rich­tig, der­ar­tige mora­li­sche Ansprü­che beim Wort zu neh­men, sie gegen die gegen­tei­lige Pra­xis ein­zu­kla­gen? (mehr…)