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Eine Antwort an die „Proletarische Plattform“

Wie neulich schon erwähnt, hat die trend-Redaktion einen Text zum Thema Klasse & Politik heute der – anscheinend neugegründete – „Proletarische Plattform“ in der Linkspartei in den Kontext der aktuell anlaufenden Organisierungsdebatte gestellt.

Die von der Plattform vorgenommene dreifache Abgrenzung ist mir durchaus sympathisch:

„• Der demokratische Sozialismus steht für sozialistische Marktwirtschaft, d.h. einen demokratisch gebändigten Kapitalismus, eine so genannte ‚gesellschaftliche Kontrolle‘ der Privaten: die Quadratur des Kreises.
• Der platonisierte Stalinismus steht für ein auch künftig in nationaler Beschränkung sich verewigendes und damit als Waffe gegen das Kapital entschärftes Staatsmonopol, mit der Maßgabe, ein (allerdings niemals begriffenes) ‚Wertgesetz‘ und noch ein paar andere Errungenschaften sozialistischer Wissenschaft darin stärker zu berücksichtigen; für (im Falle des Falles) neuerliche Koexistenz also mit dem Kapitalismus und Wettbewerb, diesmal aber nicht so sehr um die größere Portion Gulasch, sondern hauptsächlich um die bessere Moral oder ‚Weltanschauung‘.
• Der hedonistische Kommunismus der reinen Vernunft steht für die sofortige Abschaffung ‚der Arbeit‘, damit des Staates; alle Menschen werden ihrer puren Lust frönende Brüder oder Schwestern – darunter geht gar nichts mehr. Für den Kapitalismus, ‚das Bestehende‘ als das schlechthin Negative, lasse man sich am besten auf keinerlei bestimmte Negation ein, beschränke sich vielmehr auf die Negation schlechthin (‚negative Kritik‘ geheißen).“ (S. 2 – Hv. i.O.)

Was ich aber nicht verstehe, ist, warum es mit dieser dreifachen Abgrenzung sinnvoll sein soll, sich in der Linkspartei zu organisieren. Die Plattform schreibt dazu:

„Seit der Bildung der WASG ab 2004, in deren Folge 2007 die Partei die Linke gegründet wurde, tut sich für Kommunisten eine Option auf, wie es sie seit der Trennung der USPD von der SPD im Verlauf des ersten Weltkrieges auf deutschem Boden nicht mehr gegeben hat. Eine von ihrem Selbstverständnis her sozialistische, ihrem politisch-programmatischen Inhalt nach linkskeynesianistische Partei ermöglicht, zumindest formal, von ihrem pluralistischen Selbstverständnis her, die Organisierung von Kommunisten in einer entstehenden Massenpartei.“ (S. 3)

Mit ziemlich genau der gleichen Stoßrichtung intervenierten ich und einige Genossen 1990/91 in die Linkspartei Vorgängerinorganisation PDS: „Für eine feministische USPD mit revolutionärem Flügel“ – und wir sind kläglich gescheitert (siehe unsere damalige – aus Anlaß des Plattform-Textes jetzt von mir wiederveröffentlichte – Bilanz).

Und mir scheint heute, nachdem sich insbesondere in Berlin ein neo-liberaler Regierungsflügel in der Linkspartei herausgebildet hat, sind die Chancen für ein derartiges Projekt eher noch schlechter als Anfang der 90er Jahre:
-- Auch die Kommunistische Plattform ist gegenüber damals nicht kommunistischer geworden.
-- Und die eher bewegungs-orientierten Teile der Linkspartei sind heute eher weiter vom linken Flügel der sog. Neuen Sozialen Bewegungen der 1980er Jahre entfernt als diese vor rund 20 Jahren der Fall war.

Und vor allem eine Prämisse schon unserer damaligen ‚PDS-Intervention‘, die ich kürzlich im Kontext der aktuellen Organisierungsdebatte wie folgt reformulierte, scheint mir auch heute noch zutreffend zu sein: „Was sich jedenfalls aus dem Schicksal der Z-Fraktion um Rainer Trampert und Thomas Ebermann in den Grünen der 80er Jahre lernen läßt, ist, daß sich RevolutionärInnen auf ein solches Bündnis-Projekt mit GradualistInnen (und vielleicht sogar RadikalreformistInnen) nur einlassen sollten, wenn sie eigene Strukturen außerhalb des Bündnisprojektes behalten und nicht voll und ganz in dem dortigen Fraktionskampf aufgehen.“

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Hingewiesen sei außerdem noch auf die Programmatische Eckpunkte der proletarischen Plattform.

Doku-Serie: Revolutionärer Feminismus – Teil I

Aus zwei aktuellen Anlässen habe ich ein Papier herausgesucht, das 1992 in der interim. Wöchentliches Berlin-Info erschienen war: Das Papier von „frauen […] aus verschiedenen politischen bereichen“, das in der interim Nr. 184/185 v. 19.03.1992 unter der Überschrift „Zur Politik der Frauen aus dem Antirassistischen Zentrum und grundsätzliche Überlegungen zur antirassistischen Politik“ erschienen war.
Das „Antirassistische Zentrum“ waren Räume der Technischen Universität Berlin (TU), die von v.a. weißen UnterstützerInnen ‚für‘ Flüchtlinge besetzt wurden.
Der Text enthält sicherlich, auch abgesehen vom konkreten Anlaß, einige zeitbedingte Formulierungen. Der Widerspurch zwischen S. II, linke Sp. (affirmative Rede über „unser spezifisch weibliches vermögen“, wenn auch im Rahmen eines Zitates) und S. II rechte Sp. (Kritik an „tendenzen wie ‚neue innerlichkeit‘, ‚mütterlichkeit‘“) fiel aber schon damals auf.
Trotzdem erscheint mir der Text auch heute noch lesenswert. Besonders angetan hatte es mir schon damals folgender Spiegelstrich aus der Kritik der Autorinnen auf S. IV ihres Textes:
„– autonome politik als ‚lückenfüller‘ für funktionen, die kirchen, parteien, humanitäre kräfte nicht mehr besetzen, als autonome sozialarbeiterInnen und lagerverwalterInnen.“
Hat sich daran seitdem wieder etwas geändert? Oder ist die inhaltliche Grundlage der (ehemals) linksradikalen Abgrenzung von reformistischen Parteien und Institutionen – auch in anderen Bereichen als dem antirassistischer Politik – noch dünner geworden und diese also noch mehr als schon früher zu einer kulturalistischen Geste geworden? (Vgl. zu dieser grundsätzlichen Frage auch noch diese Doku und – als aktuelles Beispiel – meine dort [Abschnitt 2. und am Ende] und dort eingestreuten kritischen Anmerkungen zu den Redebeiträge beim diesjährigen transgenialen CSD [tCSD].)

Hier eine .pdf-Bilddatei des dokumentierten Artikels.

PS.: Im Vorwort der interim (S. 2) hieß es damals: „Das Frauenpapier zum Antirassistischen Zentrm ist von den Verfasserinnen für die Interim gekürzt worden. Die ausführliche Version wird demnächst für Frauen (wahrscheinlich) in der AMAZORA) zu finden sein“. Ob es zu dieser angekündigten, weiteren Veröffentlichung damals tatsächlich gekommen war, ist mir nicht bekannt.

Heute gelesen (5.8.)

1. daß im Moment vorbei verfolgt hat, was der SPD-Spitzenkandidaten für die sächsische Landtagswahl, Thomas Jurk, im chat der Freien Presse sagte: „Wenn wir gegen das Grundgesetz verstossen, weil wir Pädophilen unmöglich machen kinderpornografische Bilder aus dem Internet herunterzuladen, dann nehme ich das in Kauf.“ -
Eine durch und durch absurde Position,
► (1.) weil SPD und Union das Grundgesetz zu diesem Zwecke ändern könnten (schließlich verfügen sie zusammen noch über eine 2/3-Mehrheit im Bundestag, die sie – aus ihrer Sicht – nutzen sollten, bevor sie sie im Herbst vielleicht verlieren; die 2/3 im Bundesrat dürften sich sicherlich auch wieder irgendwie zusammenbekommen lassen)
und
► (2.) weil alles andere als klar ist, daß die internet-Sperren tatsächlich grundgesetzwidrig sind. Das in populärer Sicht herangezogene Zensurverbot hat damit nämlich gar nichts zu tun. Denn Zensur im juristischen Sinne ist – wie bereits an früherer Stelle gesagt – Vor-Zensur: die staatliche Kontrolle von Werken / Äußerungen, bevor sie überhaupt veröffentlicht werden dürfen. Hier geht es – wenn überhaupt – (aus Perspektive der Anbieter) um die Unterbindung der Verbreitung von „Meinungen“, nachdem sie erstmals das Licht der Öffentlichkeit erblickt haben, und (aus Perspektive der Konsumenten und Konsumentinnen) um die Informationsfreiheit. Beide Freiheiten (die Meinungsäußerungsfreiheit und die Informationsfreiheit) unterliegen aber – wie an wiederum anderer Stelle schon gesagt – dem Vorbehalt des Jugendschutzes. Was Jugendschutz genau bedeutet und wie es sich mit Maßnahmen verhält, die im Namen des Jugendschutzes ergriffen werden, aber nur mäßig wirksam sind, soll an dieser Stelle nicht erörtert werden.
2. critique aujourd‘hui eine Blüte des sexistischen Tierschutzes aufgelesen hat (zu befürchten sein dürfte aber, daß derartige Blüten die zwangsläufige Begleiterscheinung eines modischen Diskurses sind, der Sexarbeit als ‚ganz normale‘ Lohnarbeit adressiert).
3. die Argumentation der GenossInnen, die sich für die Freiheit von Alex engagieren, leider schon wieder mehr Fragen aufwirft als überzeugt. Diesmal schreiben sie:

„Laut einem Artikel der BZ soll unsere Freundin und Genossin Alex weiter als Geisel gehalten werden! ‚Als Geisel? Ist doch übertrieben.‘ Finden wir nicht!!! […]. Das Landgericht hat der Beschwerde der Staatsanwaltschaft zugestimmt, mit der Begründung[,] das[s] weiterhin Fluchtgefahr besteht. […]. Wikipedia: ‚Von einer Geiselhaft spricht man, wenn eine Geisel durch Terroristen gefangen gehalten wird, um damit eine bestimmte Forderung durchzusetzen… ‘ Das[s] Alex in dem Satz die Geisel, der Staat der Terrorist und die Forderung, die Schmach der Berliner Polizei bei der Bekämpfung der Autozündelei ist[,] sollte logisch erscheinen.“

Wie kann bitte sehr eine Schmach eine Forderung sein?! Was fordert der Staat Eures Erachtens als Gegenleistung für die Freilassung??? Die Schmach der Berliner Polizei wird es ja nicht sein. – Was es statt dessen ist / sein soll, geht leider weder aus der Stellungnahme der GenossInnen noch aus dem von ihnen verlinkten BZ-Bericht hervor. In Anbetracht dieser Konfusion dürfte leider auch die abschließende martiale Äußerung, „Wir werden es nicht hinnehmen[,] das[s] unsere Freundin und Genossin Alex weiterhin festgehalten wird!“, nicht besonders viel Eindruck auf den Staatsapparat machen.

4. daß die Diskussion über MaKss Damage mittlerweile – kurz vor ihrem Ende – auch Lampe erreicht hat. Lampe hält das Ganze allerdings eher für ein ästhetisches als ein politisches Problem und bescheinigt nebenbei der Linken von Ästhetik keine Ahnung zu haben:

„da treten holger burner und masks damage auf. also veranstalten sie sozusagen ein sammelbecken des schlechten geschmacks. ja genau geschmack. denn wenn man sich diese rapper mal anhört, und schonmal qualitativ hochwertigen hiphop gehört hat, weis man, dass es sich hier nicht um politik sondern einfach um schlechte musik handeln sollte. ein rapper hat mehere möglichkeiten. […]. und linke haben (zumindest mehrheitlich) nie so richtig verstanden dass rap mehr ist als die ‚message‘ aus der arbeiterklasse oder von den rassistisch unterdrückten. und dann kommt sowas bei raus. ihgitt.“

5. in dem Eingangsordner meines eigenen mail-Programms: daß Leute, wenn ihnen die Argumente ausgehen, sich anscheinend auf Albernheiten verlegen und dafür den Beifall eines trans-/queer-phoben Publikums finden. – Jemand machte beim Wagendorf-Forum einen Eintrag in meinem Namen und rief damit u.a. diese Reaktion hervor:

„Detlef Georgia Schulze! Ein klasse Name! So was wie Rainer Maria Rilke? Was hat Er-sie-es damit bezwecken wollen? Das wir uns totlachen über diese Anzeige?“

Mit derartigen Späßen wird der angemaßte antiimperialistische Kampf sicherlich riesige Fortschritte machen.
Dank noch mal an die Leute von wagendorf.de für den Hinweis auf den Eintrag. – Und alle andere: Nicht wundern, falls sich irgendwo noch weitere merkwürdige mir in den Mund gelegte Wörter finden. Im Zweifelsfall einfach mal nachfragen.

Das historische Dokument: RZ/Rote Zora: Die BRD – „Geisel“ oder die Nr. 2 der NATO?

Ich will eine – vielleicht allzu waghalsige – These wagen: Seit dem Erscheinen des historischen Dokuments, das im folgenden präsentiert wird, hat weder die reformistische noch die revolutionäre Linke in der BRD eine treffendere Analyse der internationalen Lage vorgelegt. Analye meint hier: nicht militär- oder wirtschaftswissenschaftliche Erbsenzählerei – sondern Blick auf das strategisch Entscheidende.
Wie waghalsig die These ist, zeigt sich daran, daß der Text aus dem Jahr 1983 stammt – und seitdem ja nun wahrlich einiges die weltpolitische Lage verändert hat. – Ich lasse mich gerne von der Irrtümlichkeit meiner These überzeugen und nehme gerne Belobigungen für seitdem erschiene Papiere entgegen.
Es handelt sich um das Papier „Krieg – Krise – Friedensbewegung“ mit dem Untertitel „In Gefahr und höchster Not bringt der Mittelweg den Tod“, das im Dezember 1983 von der Roten Zora und den Revolutionären Zellen vorgelegt wurde. Es wird hier hervorgekramt wegen der aktuellen Diskussion über richtige und falsche Kritik an den USA.

Unser historisches Dokument zeigt einmal mehr, daß es nicht erst der Herausbildung einer Strömung der ‚Anti-Deutschen‘ nach 1989 bedurfte, um eine Imperialismus-Kritik, die allein oder nahezu vollständig auf die USA (und Israel) zugespitzt ist, zurückzuweisen. RZ & Rote Zora kritisierten die Ansicht, die BRD sei eine Geisel der USA und zeigten auf, daß die BRD vielmehr schon damals die Nr. 2 der NATO war. Sie wiesen des weiteren – wenn auch unter Investierung übertriebener linksradikaler Hoffnungen in Hungerrevolten – auf die Grenzen des Modells nationaler Befreiung hin:

„Es geht nicht mehr um trügerische nationale Souveränität, an die sich so viele Hoffnungen knüpften, die den Massen aber meist nichts einbrachte außer einem Staat, der nur kostete und den sie nicht brauchen, einer Armee, Verwaltung, Wahlen, Kleinfamilie usw. alles Dinge, die kein Mensch braucht und eine Bäuerin oder ein Arbeiter in der 3. Welt schon gar nicht. Was sie brauchen, nämlich die stofflichen Grundlagen für ein menschenwürdiges und gutes Leben, hat ihnen die nationale Befreiung allein nirgends gebracht. Die von den nationalen Eliten betriebenen Entwicklungsmodelle sind auf ihrem Rücken und auf ihre Kosten organisiert worden.“

Sie kritisierten den Euro-Imperialismus und deutschen Nationalismus des mainstreams der Friedensbewegung:

„Und da in Europa nichts läuft, ohne daß an der deutschen Frage gerührt wird, ist von links das Problem der Wiedervereinigung aufgeworfen worden. Im vorgeblichen Interesse der Abrüstung wird so an der Fiktion eines progressiven deutschen Nationalismus gewerkelt eines Nationalismus, in dessen Namen nicht nur zwei verheerende Weltkriege entfesselt, sondern auch jene Endlösung, jener Holocaust inszeniert wurden, als deren zukünftiges Opfer die Friedensbewegung heute demonstratives Massensterben veranstaltet. Geschichte verkehrt!“

Aber auch linksradikale Gruppen wurden nicht von Kritik verschont:

„Und selbst in linksradikalen Gruppen wurde unter Antiimperialismus vor allem Anti-US-Imperialismus verstanden, während die Aufrüstung der westeuropäischen Staaten und ihre zunehmende Bedeutung auf dem Weltmarkt praktisch unter den Tisch gefallen sind. Auf einem solchen Boden konnte die Legende von der ‚besetzten‘ BRD, konnte der ‚linke Patriotismus‘ prächtig gedeihen.“

Und apokalyptische Argumentationsmuster, die die Welt von einem Kampf zwischen Gut und Böse geprägt sehen, wurde kritisiert. – Nebenbei enthält der Text eine unbedingt lesenswerte, geradezu ‚leninistisch-avangardistische‘ Kritik an der spontaneiistischen Bewegungshuberei der autonomen Szene:

„Wieder einmal hat sich die falsche Hoffnung, daß die Bewegung vielleicht doch alles und das Ziel nur zweitrangig ist, als Trugschluß erwiesen, dessen Folgen in erster Linie wir alle auszubaden haben. Hinterher ist man meistens schlauer: eine falsche Politik wird nicht dadurch richtiger, daß man sie von innen her zu radikalisieren versucht.“

Kritisch sei allein das Kapitel „Neue Formen der Reichstumsakkumulation und Herrschaftssicherung“, das doch arg sozialrevolutionär-operaistisch und – in den auf das Geschlechterverhältnis bezogenen Passagen – arg ‚Bielefelderisch‘ ausfiel, vermerkt. Es sah einerseits die seit 1983 erfolgte ‚Postmodernisierung‘ des Geschlechterverhältnisses in keiner Weise voraus und lag auch mit seiner These vom Verschwinden der Arbeitskraft danehmen (statt dessen erleben wir heute eine Politik der massiven Ausweitung der Erwerbsbeteiligung [u.a. zum Zwecke der Lohndrückung]). Genau in diesem Kapitel wäre wohl auch die Kapitalismusanalyse von RZ/Rote Zora unter dem Gesichtspunkt der im hiesigen Kontext interessierenden Frage (richtige und falsche Kapitalismus-Kritik: angeblicher Gegensatz von Finanz- und Industriekapital) zu kritisieren; auch an einzelnen anderen Halbsätze ließe herummackeln. – Trotzdem hat der Text einen Qualitätsmaßstab vorgegeben, der von heutigen ‚Anti-Deutschen‘ und ‚AntiimperialistInnen‘ erst einmal zu erreichen wäre.
Ergänzend seien noch zwei Passagen aus dem RZ-Papier „Beethoven gegen MacDonald“ aus dem April des gleichen Jahres zitiert, das aus Anlaß von Neonazi-Anschläge gegen Angehörige der US-Streitkräfte in Deuschland geschrieben wurde:

„Nicht wir, sondern insbesondere Teile der Friedensbewegung ergehen sich in einem diffusen Nationalismus, verbreiten den Unsinn von der BRD als einem besetzten Land, machen die Perspektive eines wiedererwachten deutschen Patriotismus schmackhaft und verlassen den Boden linker Politik, wenn sie die Frage der Raketenstationierung zur Frage nationaler Identität hochstilisieren. Die Grenzen zwischen Antiimperialismus und Mobilisierung antiamerikanischer Ressentiments müssen zwangsläufig zerfließen, wenn die Matadore der Friedensbewegung ihren Protest gegen Nachrüstung und Pershing II darauf stützen, daß sie an das deutsche Ehrgefühl gegen quasi koloniale Unterjochung appellieren. Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob wir MacDonald als einen US-Ernährungskonzern begreifen, der Maßstäbe für die Organisation arbeitsintensiver Niedriglohnarbeit wie auch weltweites Agro-Business gesetzt hat oder aber als Ausdruck einer wie auch immer verstandenen Yankee-Kultur. Wer Coca-Cola hier schon fast als Völkermord und Haupterscheinungsform eines kulturellen Imperialismus ausmacht und auf eine Stufe stellt mit der Unterstützung fast aller Militärdiktaturen durch die US-Regierung, beraubt sich selbst der Möglichkeit, den faschistischen Ursprung nationalistischer oder antiamerikanischer Aktionen zu begreifen. Der politische Skandal besteht nicht darin, daß die Faschisten diese auch in der Friedenbewegung geläufige Position in militärische Aktion umgemünzt haben. Der Skandal besteht darin, daß es diese Position überhaupt gibt und daß sie unter Ausgrenzung und Bekämpfung sozialrevolutionärer und antiimperialistischer Positionen von linken Reformisten jeglicher Schattierung, vom Unterschriftenkartell über die TAZ bis zu den Grünen durchgesetzt werden konnte und die Bündnisfähigkeit der Friedensbewegung damit bis hin zu nationalistischen oder faschistischen Positionen teils bewußt, teils naiv betrieben wurde.“

Im übrigen erkannten die RZ in dem Text den Unterschied zwischen „institutionalisierter Herrschaft und verrechtlicher Gewalt“ einerseits und „staatlich inszenierten Terrorismus“ andererseits (http://www.nadir.org/nadir/archiv/PolitischeStroemungen/Stadtguerilla+RAF/rz/fruechte_des_zorns/zorn_1_33.html).


Der Text „Krieg – Krise- Friedensbewegung“ vom Dez. 1983 gliedert sich in folgende Abschnitt:

Bewegung ist nicht alles!
Die „Probleme“ des US-Imperialismus und die „Wunderwaffe“
Die BRD – „Geisel“ oder die Nr. 2 der NATO
Imperialismms und 3. Welt: der Bankrott nationaler Entwicklungsmodelle
Der Ostblock – ein blinder Fleck in der politischen Geographie der Linken
Die Entspannungspolitik – ein Lehrbeispiel politökonomischer Ruinierung
Neue Formen der Reichstumsakkumulation und Herrschaftssicherung
Lauer Herbst – und kalter Winter?
Fragen – keine Konzepte.

###### (mehr…)

Neuigkeiten in Sachen MaKss Damage / NS-Vergleiche / Antisemitismus-Vorwürfe

1. unter

http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/07/30/heute-gelesen-3007/#comment-80 und http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/07/30/heute-gelesen-3007/#comment-88

sowie 2.

http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/07/31/indymedia-die-naechste-loeschung/#comment-84 und http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/07/31/indymedia-die-naechste-loeschung/#comment-87 sowie http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/07/31/indymedia-die-naechste-loeschung/#comment-91.


Eine Übersicht über die bisherige Diskussion gibt es im vorhergehenden Beitrag.

(Un)rechtstaat DDR?

Im Nachgang zu dem Beitrag Rechts-Staat gegen Rechts-Staat: Mythos 20. Juli sei hier noch kurz darauf eingegangen, daß nach der herrschenden BRD-Doktrin nicht nur der NS, sondern auch die DDR ein „Unrechtsstaat“ war. Dazu heißt in einem von Ascetonym dokumentierten Text zunächst treffend:

Am Recht hat es in ihr keinesfalls gefehlt. Staatlich verfaßt war die politische Herrschaft des Realen Sozialismus schon auch; rechtsförmige Gebote und Verbote waren daher auch das Mittel der Staatsmacht, ihre Bürger zu den Diensten anzuhalten, die von ihnen verlangt waren.

Dann geht es dort (aber) wie folgt weiter:

weil das sozialistische Regime mit seiner Gesetzlichkeit andere gesellschaftliche Interessen freisetzte und beschränkte als diejenigen, die mit der hier herrschenden Freiheit von Person und Eigentum als gesamtgesellschaftlich verbindlich dekretiert werden – deshalb war nach der hierzulande vertretenen Auffassung das Recht der DDR ein einziges ‚Unrecht‘.

und:

Danach mag es in der DDR Gesetz und Recht gegeben haben„.

Daran ist zwar zutreffend, daß „Gesetz und Recht“ der DDR nach den in der BRD herrschenden Maßstäben als „Unrecht“ bezeichnet werden, weil sie (Recht und Gesetz der DDR) inhaltlich nicht gefielen, weil ihnen die – wie in dem Text durchaus erkannt wird1 – die moralische Güte abgesprochen wird, die das BRD-Recht beansprucht. Trotzdem übersieht diese Rede vom „sozialistische Regime mit seiner Gesetzlichkeit“ sowie von „Gesetz und Recht“, das es in der DDR gegegeben habe, das Allerwichtigste am deutschen Rechtsstaat: Das deutsche Recht ist nämlich ein Chamäleon: Während „das Recht“ in dem einen Moment schlicht ein Synonym für „die Gesetze“ ist, ist es im nächsten Moment ein Ideal-Recht, das gerade das Gegenteil der bloßen Gesetze ist.
Die Ideologie des moralischen (in der BRD-Rechtswissenschaft wird statt dessen von: „materiellen“ gesprochen, was aber nichts mit Materialismus im philosophisch-wissenschaftstheoretischen oder gar marxistischen Sinne zu tun hat) Rechtsstaats legitimiert gerade den Bruch der parlamentarischen (‚bloß formell‘ genannten) Gesetze durch Exekutive und Justiz (im NS exzessiv; in der BRD strikt verhältnismäßig).2 Und da der reale Staatsapparat der realen DDR durchaus so einige Problem mit der Einhaltung seiner „sozialistischen Gesetzlichkeit“ hatte und sich auch nicht vor moralischen Prätentionen scheute, war auch die DDR alles anderes als ein Unrechtsstaat, sondern ein weiterer deutscher Rechtsstaat, der diese Rechts-Metaphysik allerdings wegen seiner – wenn auch prekären Bindung – an den Marxismus nicht ganz so schwelgerisch auslebten konnte (und wollte) wie die anderen deutschen Rechtsstaaten. (mehr…)

Wissenschaftliche Wahrheit und politische Richtigkeit –


… eine Unterscheidung, an der festgehalten werden sollte

erschien in: ak. analyse & kritik, Nr. 527, 18.04.2008, S. 33;

online zugänglich unter: http://www.linksnet.de/de/artikel/21141.

Kleiner Katechismus zur Beantwortung der Frage: Was ist die linksleninistische Postmoderne?

erschien in: Thomas Heinrichs / Frieder Otto Wolf / Heike Weinbach (Hg.), Die Tätigkeit der Philosophen. Beiträge zur radikalen Philosophie, Westfälisches Dampfboot: Münster, 2003, S. 83 – 121.

Abschnittsüberschriften meines Beitrages:

These 1: Die linksleninistische Postmoderne ist eine theoretische Praxis, die sich auf den Kampf für die Abschaffung der Rassen, Klassen und Geschlechter bezieht!

These 2: Revolutionäre politische Praxis gibt es nur mit revolutionäre theoretischer Praxis!

These 3: Revolutionäre Politik muß anti-essentialistisch sein!

These 3.1: Es gibt kein menschliches Wesen!
These 3.2: Es gibt kein individuelles Wesen (Authentizität)!
These 3.3: Es ist nicht das Wesen der ArbeiterInnenklasse, die kommunistische Revolution zu machen!
These 3.4: Völker und Rassen sind ideologische und soziale Konstruktionen!
These 3.5: Die Zweigeschlechtlichkeit ist nicht naturgegeben!

These 4: Revolutionäre Theorie muß anti-humanistisch sein!

These 5: Revolutionäre Politik muß in den herrschenden Formen gegen sie praktiziert werden!

These 5.1: Die inneren Widersprüche sind der Motor der Geschichte!
These 5.2: Revolutionäre Politik muß eine Politik der Ent-Identifizierung sein!

These 6: Die linksleninistische Postmoderne ist kein Pluralismus!

Die Phasen des Kampfes der Roten Armee Fraktion gegen das Gesellschaftssystem der BRD (1971 – 1996)

Der Text entstand 1996 als Thesenpapier für meine mündliche Diplomprüfung.

Erst ist nunmehr sowohl als .html- als auch als .pdf-Version zugänglich.

„Sozialistischer Humanismus“, autonomer Humanismus oder gar kein Humanismus?


Kritische Anmerkungen zur Renaissance des Humanismus in der linken Debatte

[Die Text wurde zuerst im Dez. 1991 in der PROWO. Linke Monatszeitung gegen die Verhältnisse, Nr. 20, S. 6 veröffentlicht. Bleibt noch anzumerken, daß ich heute in konsequenterer Umsetzung der damaligen Überlegungen statt „mensch“ bzw. – bei Eingriff in Zitaten „mensch“ – nun vielmehr „man/frau/lesbe“ schreibe. S. dazu: 1. Beitrag: Zum Namen und zur Funktion von „Theorie als Praxis“. Mich selbst würde ich mittlerweile nicht mehr als „Verfasser“, sondern als „VerfasserIn“ adressieren. Auch ansonsten könnte an ein paar Stellen noch leicht nachgebessert werden, worauf ich aber im Moment aus Zeitgründen verzichte.
Zu Res Strehle, von dem das erste vorgestellte Zitat stammt, s. auch noch:
-- http://theoriealspraxis.blogsport.de/1991/09/20/autonome-politoekokonomie/
-- http://theoriealspraxis.blogsport.de/1991/11/16/wo-viel-licht-ist-ist-auch-viel-schatten/
und
-- http://theoriealspraxis.blogsport.de/1991/10/15/defizite-sind-dazu-da-um-behoben-zu-werden/. Folgenden Text gibt es darüber hinaus hier als .pdf-Text-Datei und hier als .pdf-Bild-Datei.]

„(…) es gibt doch eine humanistische Position, die deshalb fundamental gegen den Kapitalismus ist, weil Kapitalismus alles, also menschliches Leben, Subjektivität, Natur, Sinn usw. auf Kapitalverwertung hin faßt.“
Res Strehle in: PROWO 18, 8

„Unsere Vorschläge für die alternativen Vorstellungen der PDS und für ihre praktische Politik beziehen sich auf die Inhumanität vieler Aspekte des konkreten Alltags in der kapitalistischen Bundesrepublik (…).“
André Brie u.a. in: ND, 30.09.1991, 9

Diese beiden Zitate sind nur zwei Beispiele für die jüngste Renaissance des Humanismus in der Linken. Viele werden fragen: Worauf soll denn diese Kritik hinaus laufen? Was spricht eigentlich gegen Moral, ethische Begriffe, Humanität usw.? Ist das nicht genau das, was wir als Linke wollen – zumal mit dem „real existierenden Sozialismus“ gerade ein inhumanes, pseudo-linkes System zusammengebrochen ist? Schreibt nicht Marx in der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, daß „alle Verhältnisse umzuwerfen (sind), in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“[1]? Haben wir diesen Satz nicht selber schon zitiert?

Der Weg zur Hölle

Ja, und auch der Verfasser hat diesen Marx-Satz schon verschiedentlich zitiert. Und es war falsch! Denn der „Weg zur Hölle ist“ bekanntlich „breit, bequem und mit den besten Vorsätzen gepflastert“[2]. Dafür nur zwei Beispiele: Die Zeit des Siegeszuges von bürgerlicher Aufklärung und Humanismus war gleichzeitig eine Zeit brutaler Frauenunterdrückung und die Zeit der Kolonialisierung: So beteiligte sich bspw. der französische Humanist und Rechtsgelehrte Jean Bodin (1529 – 1596) „selbst an den Folterungen der Hexen“[3]. Und Voltaire meinte: „Es gibt in jeder Menschenrasse wie bei Pflanzen ein Prinzip, das sie differenziert. Deshalb sind Neger Sklaven der anderen Menschen.“[4] Das zweite Beispiel: „Ab 1935 lanciert(e) Stalin den ‚sozialistischen Humanismus’: (…)“[5]. Er sah die Klassengegensätze in der Sowjetunion sich „verwischen“. Dies sei „die Grundlage der moralisch-politischen Einheit der Gesellschaft“[6]. Die Periode der „Diktatur des Proletariats“ sei beendet, die SU der „Staat ganzen Volkes“[7]. Zeitgleich tobte bekanntlich die Massenrepression.[8]
Aber ist es nicht trotzdem richtig, derartige moralische Ansprüche beim Wort zu nehmen, sie gegen die gegenteilige Praxis einzuklagen? (mehr…)