Archiv der Kategorie 'Staatstheorie'

@ GSP: Zur Kritik der gegenstandpunktlerischen Übel-Indifferenz

Im blog von Neo­prene ent­wi­ckelte sich im Nach­gang zu dem „Demokratie“-Workshop der Inter­Komms vom ver­gan­ge­nen Sonn­tag eine mun­tere Debatte über Demo­kra­tie und Faschis­mus, über (Geschichts)determinismus, gesell­schaft­li­che Wider­sprü­che und die Rele­vanz von Poli­tik sowie über Reich­weite und Gren­zen der Ver­samm­lungs­frei­heit. Auch sys­ten­crash nahm zu die­ser Debatte Stel­lung:

Vom Sinn der „Herr­schafts­kri­tik“
http://​sys​tem​crash​.word​press​.com/​2​0​1​4​/​0​2​/​0​1​/​v​o​m​-​s​i​n​n​-​d​e​r​-​h​e​r​r​s​c​h​a​f​t​s​k​r​itik/

[Zur Kri­tik vom Gegen­stand­punkt am Demokratie-​​Begriff]
http://​sys​tem​crash​.word​press​.com/​2​0​1​4​/​0​1​/​2​0​/​d​e​m​o​k​r​a​t​i​e​-​u​n​d​-​r​e​v​o​l​u​t​i​o​n​a​r​e​r​-​b​r​u​c​h​/​#​c​o​m​m​e​n​t​-5037

Die Debatte bei Neo­prene nahm Aus­gang von dem, was ein Gegen­stand­punkt (GSP)-Genossen bei dem InterKomm-​​Workshop-​​Tag gesagt hatte. In die­sem Bei­trag hieß es u.a.:

„ich [will] ganz klar sagen: Ich lehne alles an die­sem Ver­fah­ren, ich lehne das Ideal und die Uto­pie von einer Herr­schaft, die mir Rechte gibt, die mich immer­hin ver­sam­meln und spre­chen läßt, die lehne ich ab. Ich bin Anti­dem­krat! So kannst du doch auch mal in den Dis­kurs um die Begriffe inter­ve­nie­ren. Demo­kra­tie hat einen guten Ruf, ich bin dage­gen. Da kannst du dann in ein kla­re­res und leb­haf­te­res Gespräch kom­men.

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Für eine rätesozialistische De-Konstruktion des Demokratie-Begriff

In einer Bro­schüre der Gruppe *andere zustände ermög­li­chen (*aze) ist jetzt – am Anfang des ver­gan­ge­nen Jah­res ent­stan­de­ner – gemein­sa­mer Text von Micha Schilwa und mir mit dem Titel

Für eine räte­so­zia­lis­ti­sche De-​​Konstruktion des Demokratie-​​Begriff

erschie­nen.

Außer­dem sind in der Bro­schüre Bei­träge von *aze selbst, von einem Genos­sen der Inter­ven­tio­nis­ti­schen Lin­ken (IL) sowie der Gruppe never­go­ing­home.

Die Bro­schüre ist in digi­ta­ler Form auf der home­page von *aze und (in Kürze) in gut sor­tier­ten Info-​​ und Buch­lä­den kos­ten­los erhält­lich.

Wer war Amadeo Bordiga?

Hier noch ein paar Lese­mög­lich­kei­ten zur Vor­be­rei­tung auf den Demokratie-​​Workshop der Inter­Komms (s. z.B.: 1, 2, 3, 4) am Sonn­tag (26.1.):

In der deutsch­spra­chi­gen Wiki­pe­dia gibt es einen Arti­kel über den ita­lie­ni­schen Links­kom­mu­nis­ten Bordiga:

http://​de​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​A​m​a​d​e​o​_​B​o​rdiga


(Quelle: https://​it​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​F​i​l​e​:​B​o​r​d​i​g​a.gif; Datei­for­mat umge­wan­delt)

Der aus­führ­li­chere Arti­kel in der eng­lisch­spra­chige Wiki­pe­dia ent­hält auch einen Abschnitt zur Posi­tion von Bordiga zur Demo­kra­tie:

Bordiga proudly defined him­self as „anti-​​democratic“ and belie­ved him­self at one with Marx and Engels on this. Bordiga’s hos­ti­lity toward demo­cracy had not­hing to do with Sta­li­nist idea­lism. Indeed, he saw fascism and Sta­li­nism as the cul­mi­na­tion of bour­geois demo­cracy. Demo­cracy to Bordiga meant above all the mani­pu­la­tion of society as a form­less mass. To this he coun­ter­po­sed the „dic­ta­tor­ship of the pro­le­ta­riat“, imple­men­ted by the com­mu­nist party foun­ded in 1847, based on the prin­ci­ples and pro­gram enun­cia­ted in the mani­festo. He often refer­red to the spi­rit of Engels‘ remark that „on the eve of the revo­lu­tion all the forces of reac­tion will be against us under the ban­ner of ‚pure demo­cracy“. (As, indeed, every fac­tio­nal oppo­nent of the Bols­he­viks in 1921 from the mon­ar­chists to the anar­chists cal­led for „soviets wit­hout Bolsheviks“--or soviet workers coun­cils not domi­na­ted by Bols­he­viks.) Bordiga oppo­sed the idea of revo­lu­tio­nary con­tent being the pro­duct of a demo­cra­tic pro­cess of plu­ra­list views; wha­te­ver its pro­blems, in light of the history of the past 70 years, this per­spec­tive has the merit of unders­co­ring the fact that com­mu­nism (like all social for­ma­ti­ons) is above all about pro­gram­ma­tic con­tent expres­sed through forms. It unders­cores the fact that for Marx, com­mu­nism is not an ideal to be achie­ved but a „real move­ment“ born from the old society with a set of pro­gram­ma­tic tasks.
http://​en​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​A​m​a​d​e​o​_​B​o​rdiga

Bordi­gas Arti­kel Das demo­kra­ti­sche Prin­zip fin­det sich auf der Seite http://​www​.sinis​tra​.net/:

http://​www​.sinis​tra​.net/​l​i​b​/​u​p​t​/​k​o​m​p​r​o​/​c​i​p​o​/​c​i​p​o​b​f​i​b​u​d​.html

Lenin hat sich in (mehr…)

Karl Marx über Demokratie und Demokraten

Aus­züge aus sei­ner Kri­tik des Gothaer Pro­gramms

MEW 19, 21 f.:
„Ich bin weit­läu­fi­ger auf den ‚unver­kürz­ten Arbeits­er­trag’ einer­seits, ‚das glei­che Recht’, ‚die gerechte Ver­tei­lung’ and­rer­seits ein­ge­gan­gen, um zu zei­gen, wie sehr man fre­velt, wenn man einer­seits Vor­stel­lun­gen, die zu einer gewis­sen Zeit einen Sinn hat­ten, jetzt aber zu ver­al­te­tem Phra­sen­kram gewor­den, uns­rer Par­tei wie­der als Dog­men auf­drän­gen will, and­rer­seits aber die rea­lis­ti­sche Auf­fas­sung, die der Par­tei so müh­voll beige­bracht wor­den, aber Wur­zeln in ihr geschla­gen, wie­der durch ideo­lo­gi­sche Rechts-​​ und andre, den Demo­kra­ten und fran­zö­si­schen Sozia­lis­ten so geläu­fige Flau­sen ver­dreht.“

MEW 19, 22:
„Die jedes­ma­lige Ver­tei­lung der Kon­sum­ti­ons­mit­tel ist nur Folge der Ver­tei­lung der Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen selbst. Die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­weise z.B. beruht dar­auf, daß die sach­li­chen Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen Nicht­ar­bei­tern zuge­teilt sind unter der Form von Kapi­tal­ei­gen­tum und Grund­ei­gen­tum, wäh­rend die Masse nur Eigen­tü­mer der per­sön­li­chen Pro­duk­ti­ons­be­din­gung, der Arbeits­kraft, ist. Sind die Ele­mente der Pro­duk­tion der­art ver­teilt, so ergibt sich von selbst die heu­tige Ver­tei­lung der Kon­sum­ti­ons­mit­tel. Sind die sach­li­chen Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen genos­sen­schaft­li­ches Eigen­tum der Arbei­ter selbst, so ergibt sich ebenso eine von der heu­ti­gen ver­schiedne Ver­tei­lung der Kon­sum­ti­ons­mit­tel. Der Vul­gär­so­zia­lis­mus (und von ihm wie­der ein Teil der Demo­kra­tie) hat es von den bür­ger­li­chen Ökono­men über­nom­men, die Dis­tri­bu­tion als von der Pro­duk­ti­ons­weise unab­hän­gig zu betrach­ten und zu behan­deln, daher den Sozia­lis­mus haupt­säch­lich als um die Dis­tri­bu­tion sich dre­hend dar­zu­stel­len.“ (mehr…)

Mit Lenin den Demokratie-Essentialismus kritisieren

Heute in einer Woche – also am Sonn­tag, den 26.01. werde ich im B-​​Lage beim Workshop-​​Tag „Demo­kra­tie – die süßeste Ver­su­chung seit es Poli­tik gibt?“ der Inter­na­tio­na­len Kommunist_​innen zum Thema „Warum die Form immer noch wesent­lich ist. – Mit Lenin (1870 – 1924) den Demokratie-​​Essentialismus kri­ti­sie­ren“ spre­chen.

Kapitalismus abschaffen – geht das demokratisch?

Gen. sys­tem­crash und ich haben eine kleine Bro­schüre geschrie­ben:

Vgl. dazu:
http://​www​.nao​-pro​zess​.de/​b​l​o​g​/​e​i​n​e​-​n​e​u​e​-​t​o​l​l​e​-​n​a​o​-​i​d​e​e​-​d​e​n​-​k​a​p​i​t​a​l​i​s​m​u​s​-​d​e​m​o​k​r​a​t​i​s​c​h​-​a​b​s​c​h​a​ffen/.

Zuspitzung im NaO-Prozeß: SIB und GAM gegen fast alle!

Im NaO-​​Prozeß ist mit als­bal­di­gen Ent­schei­dun­gen zu rech­nen: Ich selbst ver­öf­fent­lichte am ver­gan­ge­nen Sams­tag – in Ant­wort auf einen Text von Micha Prütz – einen Arti­kel mit dem Titel Dann doch lie­ber IL!
Heute nimmt nun Mar­tin Sucha­nek (GAM) unter der Über­schrift NaO-​​Prozess am Wen­de­punkt Stel­lung.
Da ich im NaO-​​Prozeß-​​blog das dor­tige Zei­chen­li­mit nicht ganz ein­hal­ten konnte, ver­öf­fent­li­che mei­nen voll­stän­di­gen Kom­men­tar zu Mar­tins Arti­kel hier – den Anfang wird es nach Frei­schal­tung auch im NaO-​​Prozeß-​​blog geben.

Danke für die ziem­lich gelun­gene Zusam­men­fas­sung der poli­ti­schen Dif­fe­ren­zen im NaO-​​Prozeß!

Frei­lich sind einige Prä­zi­sie­run­gen anzu­brin­gen:

1. Zwar hat ein Ver­tre­ter des RSB in der sog. „3er-​​AG“ für das Mani­fest mit­ge­ar­bei­tet. Aber anders als im Falle von GAM & SIB han­delt es sich bei dem ent­stan­de­nen Text nicht um einen Text auch „des RSB“ als Gruppe. Der RSB stimmte zwar bei dem 7. bw. Tref­fen zum NaO-​​Prozeß im April in Kas­sel dafür, daß der 3er-​​Entwurf und nicht der Bera­tungs­grund­la­gen-Vor­schlag von IBT, Inter­Komm & [pae­ris] Leit­an­trag der wei­te­ren Manifest-​​Erstellung wer­den solle. Aber der RSB erklärte dort zugleich, sich zur Frage des Mani­fes­tes noch nicht abschlie­ßend ent­schie­den zu haben.

2. Die Unter­schiede hin­sicht­lich der Lage­ein­schät­zung las­sen sich ziem­lich gut daran illus­trie­ren, daß sich ein ähnli­cher Gedanke, wie der fol­gende aus dem Papier der RSB-​​Genossen Jakob und Linus vom ver­gan­ge­nen Okt. in dem 3er-​​Entwurf nicht fin­det: „Schauen wir […] nach Grie­chen­land, dann müs­sen wir bei nüch­ter­ner Betrach­tung fest­stel­len, dass selbst dort – also nach min­des­tens 3 Jah­ren ver­schärf­ter Krise – keine grö­ßere revo­lu­tio­näre Strö­mung auf der Matte steht. Der Pro­zess der Rekon­struk­tion revo­lu­tio­nä­rer klas­sen­kämp­fe­ri­scher, wirk­lich sozia­lis­ti­scher (oder auch anar­chis­ti­scher) Strö­mun­gen, die im Klas­sen­kampf ein gewis­ses Gewicht haben, ist offen­bar sehr kom­plex, lang­wie­rig und nicht am grü­nen Tisch zu beschlie­ßen oder umzu­set­zen. […] in lin­ken Krei­sen (domi­nie­ren) Vor­stel­lun­gen, die letzt­lich den Kapi­ta­lis­mus gerade nicht infrage stel­len: ‚sozia­lis­ti­sche Markt­wirt­schaft’ usw. Die Vor­stel­lung von einer bedürf­nis­ori­en­tier­ten, nicht Waren pro­du­zie­ren­den Gesell­schafts­ord­nung ist selbst in lin­ken Krei­sen kaum ver­brei­tet.“
Der 3er-​​Entwurf gelangt dage­gen zu einer deut­lich opti­mis­ti­sche­ren Ein­schät­zung der Lage.

3. Zur Pra­xis, die SIB & GAM in Ber­lin im Namen des NaO-​​Prozesses in letz­ter Zeit gemacht haben: Sowohl zur Form (Start­block od. Klas­sen­kampf­block?) der Betei­li­gung an der revo­lu­tio­nä­ren 1. Mai-​​Demonstration als auch zur Ver­an­stal­tung „Die kom­men­den Auf­stände in Süd­eu­ropa“ gab es NaO-​​prozeß-​​interne poli­ti­sche und kon­zep­tio­nelle Dif­fe­ren­zen. So tei­len durch­aus nicht alle im NaO-​​Prozeß die Pro­gnose von „kom­men­den Auf­stän­den“; auch die Ter­mi­nie­rung der Ver­an­stal­tung war umstrit­ten. Da SIB und GAM die Ver­an­stal­tung ohne Rück­sicht auf die Beden­ken der ande­ren Grup­pen durch­führ­ten, ist es schon nicht ohne Pikan­te­rie zu for­mu­lie­ren: „wobei GAM und SIB zuneh­mend zu den Moto­ren der Akti­vi­tä­ten wur­den“…

4. Für eine Kri­tik der Kri­tik bloß an ein­zel­nen Kapi­ta­lis­tIn­nen und Kapi­tal­frak­tio­nen (statt an der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise als gan­zer) bedarf es kei­ner „Wert­kri­tik“ (mehr…)

Revolutionäre Essentials

Seit März letz­ten Jah­res dis­ku­tie­ren mitt­ler­weile – mit unter­schied­lich inten­si­ver Betei­li­gung – ein gutes Dut­zend (siehe die dor­tige side­bar) Grup­pen und Klein-​​Organisationen sowie einige Ein­zel­per­so­nen der revo­lu­tio­nä­ren Lin­ken in der BRD über die Schaf­fung einer gemein­sa­men Orga­ni­sa­tion. Im blog, der zu die­ser Debatte ein­ge­rich­tet wurde, pos­tete ich gerade einen Vor­schlag für eine „Erklä­rung über die theoretisch-​​strategischen Grund­la­gen des NaO-​​Prozesses“. („NaO“ steht für „neue anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Orga­ni­sa­tion“, was der etwas euphe­mis­ti­sche vor­läu­fige Arbeitsti­ti­tel für das ist, was eigent­lich eine neue revo­lu­tio­näre Orga­ni­sa­tion wer­den soll. „NaO-​​Prozeß“ bezeich­net den Dis­kus­si­ons­pro­zeß über die Schaf­fung einer sol­chen Orga­ni­sa­tion.):

http://​www​.nao​-pro​zess​.de/​b​l​o​g​/​e​s​s​e​n​t​i​a​l​-​v​o​r​s​c​h​l​a​g​-​a​l​s​-​e​i​n​-​f​o​r​t​l​a​u​f​e​n​d​e​r​-​text/. -

Im glei­chen Kon­text argu­men­tierte ich ges­tern bei scharf-​​links, daß

-- zwar Lenin mit sei­nem Satz, die Lohn­ab­hän­gi­gen sind die Klasse, die „Herr­schaft der Bour­geoi­sie stür­zen kann (meine Hv.) Recht hatte,

-- aber Satz, „Das Pro­le­ta­riat ist das revo­lu­tio­näre Sub­jekt“, (empi­risch) unzu­tref­fend und (als Ver­klei­dung einer poli­ti­schen Hoff­nung in eine schein­bar empi­ri­sche Aus­sage) poli­tisch unnütz ist.

Stalin als Verfechter des ‚Staates des ganzen Volkes‘

Vor­be­mer­kung: „Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats“ bedeu­tet im klas­si­schen mar­xis­ti­schen Sprach­ge­brauch nicht Dika­tur im staats­recht­li­chen Sinne, son­dern Klas­sen­herr­schaft. Auch eine par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tie mit Par­tei­en­plu­ra­lis­mus, freien, glei­chen und gehei­men Wah­len sowie wei­te­ren civil rights & liber­ties ist im Sinne die­ses Sprach­ge­brauchs eine Dik­ta­tur der Bour­geoi­sie. Ent­spre­chend ist auch mit dem Aus­druck Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats nicht vorab ent­schie­den, in wel­chen juris­ti­schen und poli­ti­schen For­men diese aus­ge­übt wird.

I. Quel­len (mehr…)

Warum Ideologie kein „notwendig falsches Bewußtsein“ ist und aus einer Erkenntnis nicht automatisch eine bestimmte politische Haltung folgt

- Noch ein­mal zur Debatte mit der Anti­de­mo­kra­ti­schen Aktion & ande­ren GSP-​​Sümpfis; – aber die fol­gende Kri­tik trifft auch alle ande­ren, die „fal­sches Bewußt­sein“ für eine ana­ly­tisch und/​oder stra­te­gisch sinn­volle Kate­go­rie hal­ten –

[Kor­ri­gierte sowie um einen Satz bei FN 13 und sel­bige Fuß­note ergänzte Fas­sung vom 15.09.2009; vgl. auch mei­nen älte­ren Text zu einer ähnli­chen Fra­ge­stel­lung]

noID (01. Sep­tem­ber 2009 um 19:54 Uhr) ant­wor­tete bei der Anti­de­mo­kra­ti­schen Aktion auf meine Frage,

„Ist es richtig/​zutreffend die wirk­li­chen gesell­schaft­li­chen Wider­sprü­che zwi­schen den Klas­sen und ande­ren gesell­schaft­li­chen Grup­pen durch einen ideo­lo­gi­schen Wider­spruch zwi­schen Staat/​Gemeininteresse und Ein­zel­in­ter­esse zu erset­zen? Oder ist das nicht zutreffend/​richtig?“,

wie folgt:

„Es ist nicht rich­tig, also unzu­tref­fend, dass es sich beim Gegen­satz Staat/​Untertan bloß um Ideo­lo­gie han­deln würde – Staa­ten ver­schwin­den ja nicht ein­fach, wenn man nicht mehr an sie denkt.“

Der Feh­ler liegt frei­lich auf Sei­ten von noID: Nicht ich bin der Ansicht, daß etwas durch Nicht-​​Denken an es ver­schwin­den würde, son­dern Ideo­lo­gie ist nicht auf Den­ken zu redu­zie­ren.

Noch weni­ger ist Ideo­lo­gie auf fal­sches Den­ken, auf „fal­sches Bewußt­sein“, zu redu­zie­ren, wie dies wohl porada ninfu /​ Krimli usw. (der Name wurde wg. Spam-​​Filter-​​Problemen öfters geän­dert) ver­tritt: …

[Der kom­plette Text als .pdf-​​Datei; Fort­set­zung in html: (mehr…)

Was hätte eigentlich (Staats-) „Ableitung“ sinnvollerweise heißen können?

- Zu over­dose, Echte Idea­lis­ten: http://​over​dose​.blog​sport​.de/​2​0​0​8​/​0​7​/​2​2​/​e​c​h​t​e​-​i​d​e​a​l​i​sten/
und
frage – 04. Sep­tem­ber 2009 um 18:58 Uhr: http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​9​/​0​4​/​d​i​a​l​e​k​t​i​k​-​w​a​r​u​m​-​d​a​s​-​l​a​c​h​e​n​-​d​e​r​-​a​n​t​i​d​e​m​o​k​r​a​t​i​s​c​h​e​n​-​a​k​t​i​o​n​-​s​c​h​o​n​-​w​i​e​d​e​r​-​z​u​-​e​i​n​e​m​-​l​a​c​h​e​n​-​u​e​b​e​r​-​s​i​e​-​w​i​r​d​/​#​c​o​m​m​e​n​t-296 -

3.1.1. Der Begriff der „Ablei­tung“ hat sich in der neue­ren mar­xis­ti­schen Dis­kus­sion häu­fig zu einem Mys­ti­zis­mus zurück­ent­wi­ckelt (zur Kri­tik: Kuh­len 1975).
M. E. kann unter Ablei­tung nur zwei­er­lei ver­stan­den wer­den. Ent­we­der „logi­sche Deduk­tion“ aus Prä­mis­sen und Schluß­re­geln oder die Ver­wen­dung die­ses Begriffs als Syn­onym für „Erklä­rung“ bestimm­ter Sach­ver­halte durch Geset­zes­hy­po­the­sen. Im letz­te­ren Sinne kann die Erklä­rungs­leis­tung in Marx’ Kapi­tal einem von Schritt zu Schritt kom­ple­xer wer­den­den Geflecht von Geset­zes­hy­po­the­sen über die Mecha­nis­men kapi­ta­lis­ti­scher Ver­ge­sell­schaf­tung gese­hen wer­den, womit die idea­li­sie­rende Struk­tur der Erfas­sung der empi­ri­schen Rea­li­tät schließ­lich immer näher kommt (vgl. Nowak 1971). Was „Ablei­tung“ des Rechts und/​oder des Staa­tes in mar­xis­ti­schen Theo­rien heißt, kann dabei i.d.R. mit dem Typ einer funk­tio­na­len Erklä­rung bzw. der Annahme funk­tio­na­ler Gesetz­mä­ßig­kei­ten begrif­fen wer­den. Die Fra­ge­stel­lung lau­tet dabei: Wel­che funk­tio­nale Not­wen­dig­keit besteht in einer kapi­ta­lis­ti­schen Ökono­mie für eine außer­halb der Ökono­mie situ­ierte, auf diese Ökono­mie bezo­gene gesell­schaft­li­che Instanz? Wel­che funk­tio­na­len Erfor­der­nisse zwin­gen eine kapi­ta­lis­ti­sche Ökono­mie zur Aus­bil­dung einer sol­chen Instanz?
So etwas wie das „aus sich Her­aus­wer­fen“ neuer Begriffe aus schon ein­ge­führ­ten Begrif­fen, oder in den Wor­ten der Marx­schen Hegel­kri­tik: „des außer oder über der Anschau­ung und Vor­stel­lung den­ken­den und sich selbst gebä­ren­den Begriffs“ (Marx 1953: 22), wonach dem Beob­ach­ter die heu­tige Ablei­tungs­dis­kus­sion oft anmu­tet, ist wis­sen­schafts­lo­gisch unhalt­bar. Es geht hier in Zukunft bei der „Ableitungs“problematik um die Erklä­rung der Rechts­form bzw. der Ver­än­de­rung der Rechts­form staat­li­chen Han­delns durch Anknüp­fen an zen­trale Struk­tur­ge­setze“ der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise.

L. Kuh­len, „Ablei­tung“ und „Ver­dop­pe­lung“ in der neue­ren mar­xis­ti­schen Dis­kus­sion über den Staat, in: H. Rott­leuth­ner (Hg.), Pro­bleme der mar­xis­ti­schen Rechts­theo­rie, Frank­furt am Main, 1975, 312 – 327.
K. Marx, Grund­risse, Ber­lin, 1953.
L. Nowak, Das Pro­blem der Erklä­rung in Marx’ Kapi­tal (1971), in: J. Rits­ert (Hg.), Zur Wis­sen­schafts­lo­gik einer kri­ti­schen Sozio­lo­gie, Frank­furt, 1976, 13 – 45.

(Quelle:
Her­bert Kit­schelt
„Rechts­staat­lich­keit“ – zur Theo­rie des Wan­dels recht­li­cher Pro­gram­mie­rung im Staat der bür­ger­li­chen Gesell­schaft
in: Demo­kra­tie und Recht 1977, 287 – 314 [293 f.])

PS.: (mehr…)

Luftblase und/oder Aal?

- „Gegen­stand­punkt“ de-​​constructed -

Zugleich Anmer­kun­gen zum Ver­hält­nis von Recht, Moral und Poli­tik, von Faschis­men und bür­ger­li­cher Demo­kra­tie sowie zum Wert (= Nut­zen, bevor es neue Moral-​​Mißverständnisse gibt) demo­kra­ti­scher For­men

In Reak­tion auf mei­nen Text 2 × 4 begrifflich-​​logische Vor­schläge, um nicht an ein­an­der vor­bei­zu­re­den warf mir die Anti­de­mo­kra­ti­sche Aktion (Abschnitt II.) vor, ‚mora­lisch’ zu argu­men­tie­ren. Da ich mei­nen Text nicht im gerings­ten als „mora­lisch“ emp­fand (viel­mehr ging es um Begriffs­klä­run­gen), und da ich auch ansons­ten keinE Anhän­ge­rIn des Mora­lis­mus bin (s. bspw. hier und hier), fragte ich nach, was denn wohl im vor­lie­gen­den Fall mit „mora­lisch“ gemeint sei. Statt eine Ant­wort auf die Frage, bekam ich den Hin­weis, daß Defi­ni­tio­nen eh ‚böse‘ seien, ins Lager der Fein­dIn­nen gehö­ren („bür­ger­li­che Wis­sen­schaft“) (+ div. Kom­men­tare).
Nun ja. Mitt­ler­weile ist die Dis­kus­sion bei poli­ti­sche­ren The­men ange­kom­men. Porada ninfu, der/​die der Anti­de­mo­kra­ti­schen Aktion bei­sprang, ver­tritt fol­gende Posi­tio­nen
a) Er/​sie kri­ti­siert, daß ich „der Demo­kra­tie im fik­ti­ven Not­fall die Stange hal­ten“ will (porada ninfu – 27. August 2009 um 13:34 Uhr, 2. Abs.).
b) „Für Antifa-​​Arbeit bin ich zum Bei­spiel gar nicht, weil Nazi­grüpp­chen mir nicht das Leben schwer machen. Das sind der Kapi­ta­lis­mus und die Demo­kra­tie.“ (porada ninfu – 27. August 2009 um 13:34 Uhr, 3. Abs.)
Außer­dem brachte er die fol­gen­den ‚Moral-​​Theorie‘ in die Dis­kus­sion ein:

„Alle wol­len das Eigen­tum und damit sie ihrem Inter­esse als Eigen­tü­mer nach­ge­hen kön­nen, brau­chen sie einen Staat der sie gegen­sei­tig auf den Aus­schluss vom Reich­tum ver­pflich­tet. Weil sie den Staat als Gewalt­sub­jekt ihres Gemein­in­ter­es­ses wol­len, gibt es Moral über­haupt nur.“

Bei die­sem Stand der Debatte schrieb ich fol­gen­den Text A. als Zwi­schen­re­sü­mee. Danach gab es noch meh­rere Ant­wor­ten der Anti­de­mo­kra­ti­schen Aktion und von porada ninfu. Auch wei­tere Leute schal­te­ten sich in die Debatte ein. Dann schrieb ich als Ant­wort mei­nen anschlie­ßen­den Text B. Außer­dem hatte die Anti­de­mo­kra­ti­sche Aktion (FN 1) noch einen Text über einen Vor­trag von Peter Decker (vom „Gegen­stand“) zur Lek­türe emp­foh­len. Auf die­sen ant­wor­tet mein unten­ste­hen­der Text C.

TEXT A.:
ZWI­SCHEN­RE­SÜ­MEE
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Radikale Demokratie

[Rez. zu: Rein­hard Heil /​ Andreas Het­zel (Hg.), Die unend­li­che Auf­gabe. Kri­tik und Per­spek­ti­ven der Demo­kra­ti­e­theo­rie, Tran­script: Bie­le­feld, 2006]

erschien in: Neue Poli­ti­sche Lite­ra­tur 2007, 303 – 304; online Bestel­lung unter: http://​www​.peter​lang​.com/​I​n​d​e​x​.​c​f​m​?​v​I​D​=​9​1​4​7​3​&​a​m​p​;​v​H​R​=​1​&​a​m​p​;​v​U​R​=​2​&​a​m​p​;​v​U​U​R​=​1​&​a​m​p​;​v​L​ang=D

Analysen zu Staat, Recht und Politik

Das Geleit­wort der Her­aus­ge­be­rIn­nen zur Reihe erschien:

Det­lef Geor­gia Schulze /​ Sabine Berg­hahn /​ Frie­der Otto Wolf (Hg.),
Der Rechts­staat in Deutsch­land und Spa­nien. Pro­jekt­be­schrei­bung /​ El Estado de Derecho en España y Ale­ma­nia. Descrip­ción del proyecto (deutsch und kas­ti­lisch). Stand: Frühjahr/​Sommer 2003

(StaR P. Neue Ana­ly­sen zu Staat, Recht und Poli­tik. Serie W: working papers des DFG-​​Projektes „Der Rechts­staat in Deutsch­land und Spa­nien“. Bd. 1), Freie Uni­ver­si­tät: Ber­lin, 2006, 7 – 14.

Voll­stän­di­ger Text:

http://userpage.fu-berlin.de/~dgsch/docs/StaR-P_w_1_Projektbesch.pdf

Staat, Gesellschaft und revolutionäre Neubestimmung

Anmer­kun­gen zu
Jens Chris­tian Mül­ler /​ Sebas­tian Rein­feldt /​ Richard Schwarz /​ Manon Tuck­feld, Der Staat in den Köp­fen, Deca­ton: Mainz, 1994

Der fol­gende Text wurde Anfang Juli 1994 geschrie­ben und blieb damals ver­öf­fent­licht.

Manon Tuck­feld u.a. bezie­hen sich in ihrem Buch auf den Ansatz des fran­zö­si­schen, kom­mu­nis­ti­schen Phi­lo­so­phen Louis Alt­hus­ser (1918 – 1990). Dies ist – nach­dem Alt­hus­sers Schrif­ten lange Zeit in Ver­ges­sen­heit gera­ten waren – geeig­net zur Neu­be­stim­mung revo­lu­tio­nä­rer Poli­tik bei­zu­tra­gen. Die­ser mög­li­che Bei­trag wird aller­dings – wie im fol­gen­den gezeigt wer­den soll – dadurch geschmä­lert, daß sie Alt­hus­sers Bezug auf Lenin durch ihren eige­nen Bezug auf Fou­cault, Deleuze u.a. nicht-​​marxistische, (post)strukturalistische Theo­re­ti­ker erset­zen. Dies führt dazu, auch heute noch rich­tige (und von Alt­hus­ser ver­tei­digte) Eck­punkte revo­lu­tio­nä­rer Poli­tik in eine ziem­lich nebu­löse Belie­big­keit auf­zu­lö­sen.

Auto­nome und andere Staats­theo­rien:
Der Dua­lis­mus von Staat und Gesell­schaft

Zu Beginn ihres Buches unter­zie­hen die Ver­fas­se­rIn­nen die kon­ser­va­tive, die sozialdemokratisch/​stalinistische sowie die liberal/​autonom-​​antiimperialistische Staats­theo­rie einer Kri­tik. Ihnen allen sei gemein­sam, daß sie eine „spe­zi­fi­sche Äußer­lich­keit von Staat und Gesell­schaft“ behaup­ten (95):
++ In der kon­ser­va­ti­ven Ver­sion wird der Staat als die Instanz, die den gesell­schaft­li­chen Krieg aller gegen alle (Tho­mas Hob­bes) ver­hin­dert, begrüßt (17 f., 92 f.). Der Staat wird als das „All­ge­meine“ (Hegel) bestimmt, das über den Ein­zel­in­ter­es­sen steht (18, 20).
++ In der libe­ra­len und autonom-​​antiimperialistischen (anar­chis­ti­schen) Ver­sion wird der Staat als „Usur­pa­tor“, der die „in der (…) Gesell­schaft exis­tie­ren­den Poten­tiale an Selbst­ver­wal­tung, Krea­ti­vi­tät etc. unter­drückt“, mehr oder min­der radi­kal abge­lehnt (95): So sahen die Anti­imps auf ihrem Wider­stands­kon­greß 1986, die ant­ago­nis­ti­sche Art zu kämp­fen in der „Rück­er­obe­rung von Iden­ti­tät“ gegen den „Staat, der sich in sei­nem tota­len Macht­an­spruch über alles, was sich selbst bestimmt, orga­ni­sie­ren will, drü­ber­stülpt“ (zit. n. 14 f., FN 1). Und der auto­nome Theo­re­ti­ker Det­lef Hart­mann sieht den Staat als „gigan­ti­sche Maschine“, die die „Spra­che, Spiele, Gefühle, (… den) Reich­tum“ der Men­schen negiert (zit. n. 14, FN 1). Links­li­be­rale Zivil­ge­sell­schafts­theo­re­ti­ker plä­die­ren ganz ähnlich für eine „Aus­tra­gung von Kon­flik­ten in der Gesell­schaft (…), wenn nötig auch unab­hän­gig von und gegen die repres­si­ven Organe der Macht­aus­übung“ (zit. n. 13).1 Die Auto­rIn­nen des Buches ergän­zend sei noch auf die rechts­li­be­rale For­de­rung nach Zurück­drän­gung des Staats (aus der Wirt­schaft) ver­wie­sen.
++ In der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen und sta­li­nis­ti­schen Ver­sion erscheint der Staat schließ­lich als neu­tra­les (nicht in sei­ner Struk­tur, son­dern nur in sei­nen kon­kre­ten Hand­lun­gen von den gesell­schaft­li­chen Herr­schafts­ver­hält­nis­sen deter­mi­nier­tes) Instru­ment, mit dem nicht nur bür­ger­li­che Poli­tik betrie­ben wer­den kann, son­dern mit dem auch – wahl­weise – Refor­men oder als revo­lu­tio­när aus­ge­ge­bene Maß­nah­men durch­ge­setzt wer­den kön­nen. In die­ser Sicht­weise dürfte kon­se­quen­ter­weise nicht von einer „Klas­sen­na­tur, son­dern nur (…) von einer Klas­sen­ver­wen­dung des Staats gespro­chen wer­den“ (94). Die stra­te­gi­sche Schluß­fol­ge­rung, die dar­aus gezo­gen wurde, ist bekannt: friedlicher/​parlamentarischer Übergang zum Sozia­lis­mus (86 f.)

Vom idea­len Staat zum Staat als
Pro­dukt der gesell­schaft­li­chen Wider­sprü­che

Zur Kri­tik die­ser Staats­theo­rie rekon­stru­ie­ren die Ver­fas­se­rIn­nen die Ent­wick­lung der Staats­auf­fas­sung von Marx und Engels2: In sei­nen jun­gen Jah­ren hatte Marx noch – nach dem bekann­ten links-​​hegelianischen Motto: „Das Ver­nüf­tige soll wirk­lich wer­den“ – ver­sucht, den All­ge­mein­heits­an­spruch des Staa­tes beim Wort zu neh­men (ein­zu­kla­gen) (23-​​26). Spä­ter dann erkannte Marx [mit sei­nem Übergang von geschichts­phi­lo­so­phi­schen und huma­nis­ti­schen zu Klas­sen­kampf­po­si­tio­nen (26 f.)] den Staat als Orga­ni­sa­ti­ons­form der herr­schen­den Klasse (31). Marx bestimmte damit seine Staats­kri­tik nicht mehr – wie noch in sei­nen Früh­schrif­ten – von „der Idee aus“ (zit. n. 23), son­dern von der rea­len geschicht­li­chen Ent­wick­lung aus. Aber seine Staats­kri­tik war immer noch halb­her­zig. Die Per­spek­tive des Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fes­tes war: „Das Pro­le­ta­riat wird seine poli­ti­sche Herr­schaft (die zuvor als „Erkämp­fung der Demo­kra­tie“ defi­niert wurde, d. Vf.) dazu benut­zen, der Bour­geoi­sie nach und nach alles Kapi­tal zu ent­rei­ßen, alle Pro­duk­ti­ons­mit­tel in die Hände des Staa­tes, d.h. des als herr­schende Klasse orga­ni­sier­ten Pro­le­ta­ri­ats, zu zen­tra­li­sie­ren (…).“ (MEW 4, 481 – Hv. d. Vf.).
Ihre jetzt nicht mehr geschichtsphi­lo­so­phi­sche (spe­ku­la­tive). son­dern geschichtswis­sen­schaft­li­che Her­an­ge­hens­weise ermög­lichte Marx und Engels aber auch hier eine Kor­rek­tur (31): „(…) gegen­über den prak­ti­schen Erfah­run­gen, zuerst der Februar-​​Revolution und noch mehr der Pari­ser Kom­mune, (…), ist heute die­ses Pro­gramm stel­len­weise ver­al­tet. Nament­lich hat die Kom­mune den Beweis gelie­fert, daß ‚die Arbei­ter­klasse nicht die fer­tige Staats­ma­schine ein­fach in Besitz neh­men kann und sie für ihre eige­nen Zwe­cke in Bewe­gung set­zen kann‘.“ (MEW 4, 573 f. – Vor­wort von 1872). Damit wird erkannt, daß das kom­mu­nis­ti­sche Ziel weder ein ‚all­ge­mei­ner‘ noch ein pro­le­ta­ri­scher Staat sein kann, da der Staat – als „Pro­dukt“ der gesell­schaft­li­chen Wider­sprü­che, wie Engels es aus­drückt – nur solange not­wen­dig ist, wie diese Wider­sprü­che exis­tie­ren (34 f.). Gelingt es nun die revo­lu­tio­nä­ren Kämpfe bis zur Abschaf­fung von Aus­beu­tung und Unter­drü­ckung, die sich in der Gesell­schaft voll­zie­hen, vor­an­zu­trei­ben, so stirbt in die­sem Pro­zeß auch der Staat ab. Diese Erkennt­nis der Ver­bin­dung zwi­schen Staat und gesell­schaftlichen Wider­sprü­chen führt den Mar­xis­mus zur Zurück­wei­sung des Dua­lis­mus von Staat und Gesell­schaft.

Alt­hus­sers Theo­rie der Ideo­lo­gi­schen Staats­ap­pa­rate

Mit der Frage, warum – trotz die­ser theo­re­ti­schen Bestim­mung – der Staat im ‚real exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus‘ nicht abge­stor­ben ist, bezie­hen sich die Auto­rIn­nen auf Alt­hus­ser. Alt­hus­ser sieht einen Grund darin, daß es „eigent­lich keine tat­säch­lich ‚mar­xis­ti­sche‘ Staats­theo­rie“ gibt, son­dern nur eine „nega­tive Abgren­zung“ von „bür­ger­li­chen Kon­zep­tio­nen des Staa­tes“ (zit. n. 39, s.a. 41 f.). Diese Anknüp­fung mün­det in eine Dar­stel­lung der staats­theo­re­ti­schen Arbei­ten Alt­hus­sers: Die­ser hatte – in Anknüp­fung an Gramsci – schon 1969/​70 die Bedeu­tung nicht nur der repres­si­ven, son­dern auch der Ideo­lo­gi­schen Staats­ap­pa­rate betont (42 f.). Da Alt­hus­ser auch Insti­tu­tio­nen wie Fami­lie, Kir­chen, Par­teien etc. als Ideo­lo­gi­sche Staatsappa­rate bezeich­net, trägt seine Theo­rie dazu bei, den o.g. Dua­lis­mus von Staat und Gesell­schaft zu über­win­den (43 f.). Des wei­te­ren defi­niert Alt­hus­ser – im Unter­schied zu Ansät­zen, die den herr­schen­den Kon­sens als ‚fal­sches Bewußt­sein‘ oder als Pro­dukt einer ‚Mani­pu­la­tion‘ durch Staat und Medien betrach­ten – nicht „als pure Illu­sion, rei­ner Traum, als Nichts“ (zit. n. 46). Im vor­lie­gen­den Buch wird auf den S. 46 – 69 Alt­hus­sers eige­ner, an die struk­tu­ra­lis­ti­sche Lin­gu­is­tik und die lacan­sche Psy­cho­ana­lyse anknüp­fen­der Ideologie-​​Begriff erläu­tert. Eine Kern­these ist dabei, daß Ideo­lo­gien die Indi­vi­duen als Sub­jekte ‚anru­fen‘ (kon­sti­tu­ie­ren). Alt­hus­ser bezieht sich dabei auf die Dop­pelb­e­deu­tung von Sub­jekt (1. ent­schei­dungs­frei, auto­nom 2. unter­wor­fen; Bei­spiel: das Rechts­sub­jekt kann im Rah­men der Rechts­ord­nung frei han­deln). Mit die­sem Effekt von Ideo­lo­gien (bspw. der Rechts­ideo­lo­gie) erklärt Alt­hus­ser die frei­wil­lige Unter­wer­fung (55 – 57). Schließ­lich unter­su­chen die Auto­rInn­nen, wie sich das Kräf­te­ver­hält­nis zwi­schen ver­schie­de­nen ‚regio­na­len‘ Ideo­lo­gien und deren Appa­ra­ten seit Alt­hus­sers Auf­satz ver­scho­ben hat. Die Pro­duk­ti­vi­tät Alt­hus­sers Ansatz zeigt sich dabei an der von den Ver­fas­se­rIn­nen vor­ge­nom­me­nen Ana­lyse des Ent­ste­hens eines Ideo­lo­gi­schen Staats­ap­pa­ra­tes Gesund­heit. Dabei fas­sen sie das Auf­kom­men der Fitness-​​Ideologie etc. nicht als „neu­este und per­fi­deste Erfin­dung der Herr­schen­den“, son­dern rekon­stru­ie­ren deren Ent­ste­hung aus den Kämp­fen seit ’68 (Ökolo­gie­be­we­gung, Medizin-​​/​Psychiatrie-​​Kritik) und den Reak­tio­nen dar­auf (Indi­vi­dua­li­sie­rung der Frage nach einer gesun­den Lebens­weise) (zuvor habe sich das Gesund­heits­sys­tem ledig­lich ande­rer regio­na­ler Ideo­lo­gien [Reli­gion, Wohl­fahrts­staat] bedient). Die Ideo­lo­gi­schen Staats­ap­pa­rate wer­den also als Kampf­feld ana­ly­siert (76-​​79).

Die Staats­theo­rie von Nicos Pou­lant­zas

Daran anschlie­ßend wird die Staats­theo­rie von Nicos Pou­lant­zas dar­ge­stellt: Auch Pou­lant­zas lehnt vor­der­grün­dig eine dua­lis­ti­sche Gegen­über­stel­lung von Staat und Gesell­schaft ab und geht ebenso so wie Alt­hus­ser und Gramsci von einem erwei­ter­ten Staats­be­griff aus (106). Aller­dings schlei­chen sich bei Pou­lant­zas und bei den Ver­fas­se­rIn­nen des vor­lie­gen­den Buches unter der Hand hier wie­der die libe­rale Vor­stel­lung vom Staat, der die Gesell­schaft beherr­sche, und ent­spre­chende refor­mis­ti­sche Gegen­stra­te­gien ein.
Dies hängt damit zusam­men, daß Pou­lant­zas neben den repres­si­ven und ideo­lo­gi­schen auch noch die ökono­mi­schen Auf­ga­ben des Staa­tes sehr stark betont (118-​​123). Die Bedeu­tung der Pla­nungs­funk­tio­nen des Staa­tes spitzt er auf die These vom „auto­ri­tä­ren Eta­tis­mus“ zu. Die Auto­rIn­nen schrei­ben inso­fern zustim­mend:

„Kon­sti­tu­tiv für den kapi­ta­lis­ti­schen Staat ist (… seine) Ver­knüp­fung (… mit) der Sphäre der (…) Tren­nung von geis­ti­ger und manu­el­ler Arbeit. Der Mensch/​Körper wird (…) ‚Anhäng­sel der Maschine‘. Hier­für wird das ‚Anhäng­sel‘ Mensch ver­mes­sen, jede sei­ner Bewe­gun­gen erforscht, um sie spä­ter nutz­brin­gend ein­set­zen zu kön­nen. Die Aneig­nung des Wis­sens über unter­schied­li­che Prak­ti­ken der Arbeit und die sich daran anschlie­ßende Nor­mie­rung nennt Michel Fou­cault – und im Anschluß an ihn Pou­lant­zas – Nor­ma­li­sie­rung. (…) Diese Ten­denz zur Nor­ma­li­sie­rungs­macht, die die Gesamt­re­geln des guten und rich­ti­gen Funk­tio­nie­rens fest­legt, durch­zieht alle Fasern der Gesell­schaft.“ (109 f.- Hv. d. Vf.).

Vor­der­grün­dig im Wider­spruch zur These vom „auto­ri­tä­ren Eta­tis­mus“ steht Pou­lant­zas erwei­ter­ter (offe­ner) Staats­be­griff. Nach die­sem Staats­be­griff fin­den die (Klassen-)Kämpfe nicht nur außer­halb des Staa­tes (nicht nur in der Gesell­schaft), son­dern auch ihm Staat statt, und diese Kämpfe prä­gen den Staat (118); der Staat wird inso­fern als „Ver­dich­tung eines Kräf­te­ver­hält­nis­ses“ (116) auf­ge­faßt. „Der Staat (…) sta­bi­li­siert sich (…) nicht funk­tio­nal und auto­ma­tisch, son­dern als Resul­tante vie­ler Dis­kurse in den ver­schie­dens­ten Staats­ap­pa­ra­ten, (…). Zudem sind eben auch die ein­zel­nen Appa­rate von Kämp­fen durch­zo­gen.“ (108).

Der Staat – neu­tra­les Instru­ment oder ver­mach­te­ter Kampf­platz?

Die Kon­se­quenz, die sich aus die­sen bei­den Ten­den­zen (These vom „auto­ri­tä­ren Eta­tis­mus“ /​ offe­ner Staats­be­griff) bei Pou­lant­zas ergibt, wol­len die Ver­fas­se­rIn­nen aber nicht zie­hen:
Pou­lant­zas Theo­rie „kon­se­quent zu Ende gedacht, würde den Staat zu einem belie­bi­gen Kampf­platz machen, zu einem Instru­ment in den Kämp­fen. Die­ser ‚offe­nen‘ Staats­kon­zep­tion bringt Pou­lant­zas“ – als Gegen­bild /​ zur Abwehr des „auto­ri­tä­ren Eta­tis­mus“ – „immer mehr poli­ti­sche Sym­pa­thie ent­ge­gen. Er rückt ab von einer revo­lu­tio­nä­ren Stra­te­gie, die von der Not­wen­dig­keit der Zer­schla­gung beste­hen­der Zustände aus­geht und ent­wi­ckelt dage­gen ein Kon­zept der Trans­for­ma­tion.“ (133). Pou­lant­zas scheine „im zwei­ten Teil sei­ner ‚Staats­theo­rie‘ das Pro­gramm der Regie­rungs­mehr­heit von fran­zö­si­schen Kom­mu­nis­ten und Sozia­lis­ten schrei­ben zu wol­len, so daß er die Ein­sich­ten über die Not­wen­dig­keit der Ver­än­de­rung der Struk­tu­ren in den Kämp­fen, statt der alter­na­ti­ven Beset­zung der Appa­rate rela­ti­viert und diese immer wider­sprüch­li­cher und schwam­mi­ger wer­den.“ (134). Dem­ge­gen­über sind die Ver­fas­se­rIn­nen im Anschluß an den Althusser-​​Schüler Balibar der Ansicht, daß das Pro­le­ta­riat „den beste­hen­den Staats­ap­pa­rat zerstör(en)“ und durch „etwas ganz anders als einen Staats­ap­pa­rat“ erset­zen muß. Des­halb wei­sen sie (137, FN 5) die Kri­tik von Pou­lant­zas (1979, 138 f.)3 an Alt­hus­ser und Balibar wegen deren Ver­tei­di­gung der Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats, die sie als Halb-​​Staat, als Pro­zeß des Abster­bens des Staa­tes kon­zi­pie­ren, zurück. Die Unter­drü­ckung der ehe­mals herr­schen­den Klasse soll nach die­ser Kon­zep­tion mög­lichst wenig durch beson­dere Organe, son­dern viel­mehr durch die Mas­sen selbst erfol­gen.
Diese Erkennt­nis wird aber auch von den Ver­fas­se­rIn­nen selbst in ihrem Abschluß­ka­pi­tel wie­der ziem­lich ver­wischt: In Zurück­wei­sung des gegen die Staats­theo­rie Alt­hus­sers und Pou­lant­zas erho­ben Vor­wurf, sie würde den Staat als „all­ge­gen­wär­tig (…) und damit unüber­wind­bar“ dar­stel­len (139), beto­nen sie zwar noch ein­mal die Wider­sprüch­lich­keit der herr­schen­den Ver­hält­nisse und den Kampf­platzcha­rak­ter auch der Staats­ap­pa­rate (143 – 147). Auch erken­nen sie, daß Kämpfe kol­lek­ti­viert wer­den müs­sen, um „wir­kungs­mäch­tig zu wer­den“ (148). Diese Erkennt­nis wird jedoch anschlie­ßend mit einem „Ja, Nein, Nein“ gleich wie­der rela­ti­viert (148), um am Ende die „erneute Ver­wur­ze­lung in eine Iden­ti­tät, sei es eine indi­vi­du­elle, sei es eine kom­mu­ni­täre“, abzu­leh­nen. Auf ein­mal bezie­hen sie sich doch auf den „Ruf von Außen“, „die Bewe­gung“, die sich nicht an die „Spiel­re­geln“ gehal­ten hat (Deleuze): „Es ist zum Bei­spiel ein­fach, nicht mehr ‚Ich‘ zu sagen, (…); umge­kehrt kann man wei­ter­hin Ich sagen, nur zum Spaß, (…).“ (Deleuze/​Guattari zit n. n. 155).
Haben wir es hier nicht mit einem Rück­fall in die von den Ver­fas­se­rIn­nen eigent­lich kri­ti­sierte Vor­stel­lung vom Staat als Usur­pa­tor der Gesell­schaft (s. den oben zitier­ten Bezug auf Fou­cault zur Frage der „Nor­ma­li­sie­rung“) und die dage­gen gerich­tete liberal-​​autonome Stra­te­gie der Ent­fal­tung der gesell­schaft­li­chen Krea­ti­vi­tät (s. hier den Bezug auf Deleuze und obige Dar­stel­lung der liberal-​​autonomen Staats­theo­rie) zu tun?
Im Gegen­satz zu der von den Ver­fas­se­rIn­nen for­mu­lier­ten Absage an Iden­ti­tä­ten erkannte Alt­hus­ser sehr genau, daß es eine revo­lu­tio­näre Pra­xis nur in einer revo­lu­tio­nä­ren Ideo­lo­gie (vgl. 49, 52) geben kann, die die Indi­vi­duen als revo­lu­tio­näre KämpferInnen-​​Subjekte anruft (Alt­hus­ser 1977, 164 f.). Dabei ist Alt­hus­ser durch­aus klar, daß der Rück­griff auf die Subjekt-​​Form nicht unpro­ble­ma­tisch ist. Diese Ein­sicht in die Ambi­va­lenz der Subjekt-​​Form ermög­licht ihm aber gerade die Skiz­zie­rung einer stra­te­gi­schen Ori­en­tie­rung die eine Über­win­dung der dem Dua­lis­mus von Staat und Gesell­schaft ent­spre­chen­den Stra­te­gien ermög­licht: Wäh­rend die evo­lu­tio­näre Stra­te­gie den Staat für eine neu­trale Form hält, die auch zur Errei­chung gesell­schafts­trans­for­mie­rende Zwe­cke aus­reicht, will die links­ra­di­kale Stra­te­gie den Staat ‚nur von außen‘ angrei­fen (s. dazu Schulze/​Wiegrefe 1991, 54 f., 57 f.). Dem­ge­gen­über betont Alt­hus­ser 1977, 168):
„(…) die Arbei­ter­klasse (kann) ihre Auto­no­mie nur dann erkämp­fen, wenn sie sich von der herr­schen­den Ideo­lo­gie befreit, sich von ihr abgrenzt, um sich Organisations-​​ und Akti­ons­for­men zu geben, die ihre eigene Ideo­lo­gie – die pro­le­ta­ri­sche Ideo­lo­gie – rea­li­sie­ren. Das Beson­dere an die­sem Bruch, an die­ser radi­ka­len Dis­tan­zie­rung ist, daß sie sich nur in einem lang­an­dau­ern­den Kampf voll­zie­hen kön­nen, der gezwun­gen ist, die For­men der bür­ger­li­chen Herr­schaft zu berück­sich­ti­gen und die Bour­geoi­sie inner­halb ihrer eige­nen Herr­schafts­for­men zu bekämp­fen, ohne sich jemals in die­sen For­men zu ‚ver­lie­ren‘, die keine blo­ßen neu­tra­len ‚For­men‘ sind, son­dern Appa­rate, die die Exis­tenz der herr­schen­den Ideo­lo­gie rea­li­sie­ren.“ (vgl. hin­sicht­lich des femi­nis­ti­schen Kamp­fes: Kolkenbrock-​​Netz 1983, 36).
Und Michel Pêcheux bezieht sich mit sei­nem Kon­zept der „Ent-​​Identifizierung“, das die Ver­fas­se­rIn­nen von ihm über­neh­men (155), immer­hin auf Lenins Parole der Umwand­lung des (ers­ten impe­ria­lis­ti­schen Welt-​​) Krie­ges in einen revo­lu­tio­nä­ren Bür­ge­rIn­nen­krieg. Pêcheux bezeich­net diese Parole als revo­lu­tio­näre Alter­na­tive sowohl zur Iden­ti­fi­zie­rung mit dem impe­ria­lis­ti­schen Krieg als auch zur reformistisch-​​pazifistischen Gegen-​​Identifizierung mit dem Frie­den. (Pêcheux 1984a, 65). … sicher­lich ein etwas hand­greif­li­che­res Kon­zept als „‚Ich‘ zu sagen“ oder auch nicht!

Mit Fou­cault statt Lenin zurück zum eigent­lich kri­ti­sier­ten libe­ra­len Aus­gangs­punkt?

Das vage Ergeb­nis der Ver­fas­se­rIn­nen führt uns noch ein­mal zu der Frage nach deren Lenin-​​Rezeption zurück. Sie lesen Alt­hus­ser so, daß sie den „Argu­men­ta­ti­ons­strang Alt­hus­sers (gestärkt haben), der unse­rer Auf­fas­sung nach eine Kon­zep­tion des politisch-​​ideologischen Kamp­fes ent­hält, die sich den gän­gi­gen mar­xis­ti­schen Ökono­mis­men ent­klei­det hat“ (59). Da die Ver­fas­se­rIn­nen Lenins Ökonomismus-​​Kritik nicht zur Kennt­nis genom­men haben4, kann die­ser Satz wohl als Abgren­zung vom Leni­nis­mus gele­sen wer­den.

Dar­auf deu­ten auch einige wei­tere For­mu­lie­run­gen in dem Buch hin: „Wer also die extreme Linie des ‚lin­ken Eta­tis­mus‘ ver­fol­gen will, der sollte sich mit Hegel, der Sozi­al­de­mo­kra­tie und den Bol­sche­wiki befas­sen, bevor er die ver­meint­li­chen ‚Wur­zeln‘ bei Marx zu fin­den glaubt.“ (32). „Mar­xis­ti­sche Intel­lek­tu­elle und Funk­tio­näre redu­zier­ten eine Theo­rie, die sich sys­te­ma­tisch auf die kon­kre­ten Kämpfe bezie­hen wollte, in Gebrauchs­an­wei­sun­gen für par­tei­zen­trierte Orga­ni­sa­ti­ons­fra­gen zur ‚Bün­de­lung die­ser Kämpfe‘ durch einen Appa­rat, der außer­halb der­sel­ben in die ‚Volks­mas­sen‘ als Erzie­her hin­ein agiert. Im Zuge der stra­te­gi­schen Option der ‚Erobe­rung der Staats­macht‘ in Ruß­land wurde erfolg­reich ver­sucht, den Kämp­fen der Mas­sen die Staats­per­spek­tive auf­zu­zwin­gen. (…). Die der­art zuge­rich­tete Theo­rie (…) bil­dete den regu­la­ti­ven Faden poli­ti­scher und sozia­ler Prak­ti­ken von Staa­ten und Staats-​​Parteien, ein Fak­tum, das sich nicht als Lese­feh­ler der einen oder ande­ren Text­stelle erklä­ren läßt, son­dern unse­rer Mei­nung nach direkt mit einem Ver­ständ­nis des Mar­xis­mus als ‚in sich geschlos­sene Theo­rie‘ (Lenin), deren Rein­heit per­ma­nent über­wacht und gege­be­nen­falls von ‚Abwei­chun­gen‘ gesäu­bert wer­den müsse, ver­knüpft ist.“ (38)5 „Die Theo­rie des Sta­mo­kap basierte auf der Imperialismus-​​Theorie Lenins und begrün­dete nicht nur die zen­trale Staats­theo­rie der kom­mu­nis­ti­schen Par­teien (…).“ (85).6 „In die­ser, der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen wie der leni­nis­ti­schen Arbei­ter­be­we­gung weit­ge­hend gemein­sa­men ökono­mis­ti­schen, ja tech­ni­zis­ti­schen Les­art, scheint die Ent­wick­lung der Tech­no­lo­gie, der Arbeits­tei­lung, der Arbeits­for­men im Kern gesell­schafts­neu­tral. Die Len­in­sche Begeis­te­rung für den Tay­lo­ris­mus ist dafür para­dig­ma­tisch.“ (88).7

Nun legte aber Alt­hus­ser selbst gro­ßen Wert dar­auf, seine Inter­ven­tio­nen als Ver­tei­di­gung der Tra­di­tion von Marx und Lenin gegen den sta­li­nis­ti­schen und sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Revi­sio­nis­mus zu bestim­men (s. bspw. die vie­len Lenin-​​Bezüge in Für Marx oder Alt­hus­sers Ant­wort an John Lewis) – auch gerade in der Frage des Staa­tes (s. Alt­hus­ser 1978, 12). Auch andere von den Ver­fas­se­rIn­nen zustim­mend zitierte Auto­ren (Balibar, Le Bec, Pêcheux, Robe­lin)8 beschei­ni­gen Lenin eine im Kern anti-​​etatistische Posi­tion (s. Lenins Kon­zep­tion der Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats als ‚halb-​​Staat‘, als Staat, der „eigent­lich kein Staat mehr ist“ [LW 25, 432] in Staat und Revo­lu­tion).9 Nun ist es sicher­lich legi­tim, sich selek­tiv auf andere Auto­rIn­nen zu bezie­hen – aber zumin­dest mit deren Argu­men­ten sollte sich doch wohl aus­ein­an­der­ge­setzt wer­den.
Wenn wir nun wis­sen, daß die Ver­fas­se­rIn­nen Alt­hus­ser so gele­sen haben, daß sie den Leni­nis­mus in Alt­hus­sers Wer­ken abge­schwächt haben, und sich statt des­sen neben Alt­hus­ser und Pou­lant­zas (beson­ders auf den letz­ten Sei­ten ihres Buches) auf Michel Fou­cault bezie­hen, dann wun­dert das vage, wider­sprüch­li­che Ergeb­nis nicht mehr.
Denn die Ver­fas­se­rIn­nen berück­sich­ti­gen bei ihrer von Fou­cault über­nom­me­nen Staats­ana­lyse nicht, daß Fou­cault teil­weise zu Recht ein „struk­tu­ra­lis­ti­scher Tota­li­ta­ris­mus“ vor­ge­wor­fen wor­den ist, da er auch bei „getrennt von­ein­an­der ver­lau­fen­den“ Ent­wick­lun­gen eine „geheime Kohä­renz“ behaup­tete (Plumpe/​Kammler 1980, 191). Wird Alt­hus­ser durch die Brille Fou­caults gele­sen, dann liegt also in der Tat der Vor­wurf nahe, den Staat als unüber­wind­bar dazu­stel­len (s. oben).
Und ande­rer­seits (dies zur Stra­te­gie der Auto­rIn­nen) insis­tiert Fou­cault „auf einer strikt regio­na­len Poli­tik, die keine gesamt­ge­sell­schaft­li­che Syn­these anvi­siert, son­dern auf sek­to­ra­len und spe­zi­fi­schen Erfah­run­gen beruht, die sich heute in viel­fäl­ti­gen Pro­test­be­we­gun­gen unter­schied­lichs­ter Pro­ve­ni­enz arti­ku­lie­ren“. Die­ses Insis­tie­ren „ver­steht sich als kri­ti­sche Alter­na­tive zu die­ser mar­xis­ti­schen Theo­rie und Pra­xis. (…). Indes­sen führ­ten sie (die Werke Alt­hus­sers, d. Verf.) zu einem völ­lig ande­ren Ergeb­nis, (…), indem sie die Kon­zepte der ’struk­tu­ra­len‘ oder ‚met­o­ny­mi­schen‘ Kau­sa­li­tät und der Über­de­ter­mi­nie­rung ein­füh­ren, die ihnen erlau­ben, sich dem Pro­blem der kom­ple­xen Glie­de­rung sozia­ler For­ma­tio­nen zu nähern, ohne sie reduk­tio­nis­tisch auf­zu­lö­sen oder dem ‚Spiel‘ der Kon­tin­gen­zen zu über­las­sen. Damit deu­tet sich die Mög­lich­keit einer Poli­tik an, die weder der ‚rei­nen‘ Spon­ta­nei­tät ver­traut noch auf die Instanz einer (Staats)-Partei setzt, die sich des ‚Welt­geis­tes‘ inne wähnte.“ (Plumpe/​Kammler 1980, 215).
Denn Alt­hus­ser ging der Frage nach, „wie gesell­schaft­li­che Ver­än­de­rung zu den­ken ist, ohne daß wir das abso­lute hegel­sche Wis­sen (…) vor­aus­set­zen“ und „Ansätze“ dafür „fin­den sich in der Tat bei Lenin“ (Wolf 1982, 209). Denn es war Lenin, der im Gegen­satz zum Hegel-​​Marxismus Lukács‘ immer wie­der die Not­wen­dig­keit der „kon­kre­ten Ana­lyse der kon­kre­ten Situa­tion“ (LW 31, 154) betonte. „Glau­ben wir“ also im Gegen­satz zu den land­läu­fi­gen Vor­ur­tei­len „nicht, daß die Ortho­do­xie gestatte, irgend etwas auf Treu und Glau­ben anzu­neh­men, daß die Ortho­do­xie eine kri­ti­sche Wen­dung und Wei­ter­ent­wick­lung aus­schließe, daß sie es gestatte, his­to­ri­sche Fra­gen durch abs­trakte Sche­mata zu ver­dun­keln.“ (LW 4, 83). Glau­ben wir aller­dings auch nicht, daß es die „kri­ti­sche Wen­dung und Wei­ter­ent­wick­lung“ recht­fer­tigt, revo­lu­tio­näre Poli­tik mit Deleuze dar­auf zu beschrän­ken, „‚Ich‘ zu sagen“ oder es sein zu las­sen, und sie dem „‚Spiel‘ der Kon­ti­gen­zen zu über­las­sen“! (mehr…)