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Fachbegriffe des strukturalen Marxismus von Louis Althusser u.a.

Ich dokumentiere hier das von Peter Schöttler erstellte Glossar zur deutschen Übersetzung des Aufsatz von Etienne Balibar Sur la Dialectique historique (Über historische Dialektik) sowie das von Ben Brewster zur englischen Ausgabe des Buches von Louis Althusser Pour Marx (For Marx; die dt. Ausgabe Für Marx enthält kein Glossar).
Vorangestellt ist eine integrierte Liste der Stichwörter des von Schöttler erstellten Glossars sowie der deutschen Äquivalente der Stichwörter des englischen Glossars.

Abstrakt ----> Abstract
Allgemeinheit I, II und III ----> Generalities I, II and III
Aufhebung ----> Supersession

Bewußtsein ----> Consciousness

dezentrierte Struktur ----> Structure, decentred
Dialektik des Bewußtseins ----> Dialectic of Consciousness
Dialektischer und historischer Materialismus ----> Materialism, Dialectical and historical

Empirizismus ----> Empiricism
Entfremdung ----> Alienation
Epistemologischer Bruch ----> Break, epistemological
Erkenntnis ----> Knowledge

Ganzes vgl. Totality
Gedanken-Konkretum / Real-Konkretum ----> Concrete-in-thought / Real-Concrete
Gesellschaftsformation ----> Formation, social

Humanismus ----> Humanism

Ideologie ----> Ideology
Ideologische Apparate, ideologischer Effekt
immer-schon-Gegebenes / ‚schon gegebenes’, komplexes, strukturiertes Ganzes vgl. Structure, ever-pre-given (ausschließlich Verweis auf: Structure in Dominance)

Konjunktur ----> Conjuncture und Konjunktur, theoretische, politische, historische

Lektüre/Lesen ----> Reading

Marx’ Werke der Jugend (Jugendwerke), der Reifung und der Reife ----> Works of Marx, early, transitional, mature

Negation der Negation ----> Negation of the negation

‚Philosophie’ / Philosophie ----> ‘Philosophy’ / philosophy
Praxis, ökonomische, politische, ideologische, theoretische ----> Practice, economic, political, ideological, theoretical und Praktizieren, Praxen.
Problematik ----> Problematic
Produzieren

spezifische Wirksamkeit ----> Effectivity, specific
Spontaneität ----> Spontaneity
Struktur mit Dominante ----> Structure in Dominance
Superstruktur/Suprastruktur siehe: Überbau (die frz. Übersetzung für „Überbau“ [superstructure] wurde in deutschen Althusser-Ausgaben teilweise falsch als „Superstruktur“ ins Deutsche zurückübersetzt [z.B.: Für Marx, Suhrkamp: FfM, 1968, 79; Althusser/Balibar, Das Kapital lesen, Reinbek, 1972, 445: Sachregister])

Theorie, ‚Theorie’, THEORIE ----> Theory, ‚theory’, THEORY
Totalität ----> Totality

Überbau/Struktur ----> Superstructure/Structure
Überdeterminierung ----> Overdetermination
ungleiche Entwicklung / ungleicher Prozeß ----> Development, uneven und ungleicher Prozeß

Verdichtung, Verschiebung und Fusion von Widersprüchen ----> Contradictions, Condensation, displacement and fusion of

Widerspruch ----> Contradiction

Wissenschaft ----> Science (ausschließlich Verweis auf: Ideology und Practice)

.pdf-Datei mit den beiden Glossaren.

Doing Gender und die Hergestelltheit und Variabilität unserer Identitäten

Vorschläge für korrigierte Übersetzungen zweier Butler-Zitaten aus Gender Trouble sowie eines Zitates aus Doing Gender von West/Zimmermann

Butler-Zitat 1:

a) us-amerikanisches Original

„[…], gender is always a doing, though not a doing by a subject who might be said to preexist the deed. […]. There is no gender identity behind the expressions of gender; that identity is performatively constituted by the very ‚expressions‘ that are said to be its results.” (Judith Butler, Gender trouble, New York / London, 1990, 25).

b) Übersetzung in der deutschen Ausgabe

„[…] die Geschlechtsidentität [ist] ein Tun, wenn auch nicht das Tun eines Subjekts, von dem sich sagen ließe, daß es der Tat vorausginge. […]. Hinter den Äußerungen der Geschlechtsidentität (gender) liegt keine geschlechtlich bestimmte Identität (gender identity). Vielmehr wird diese Identität gerade performativ durch diese ‚Äußerungen‘ konstituiert, die angeblich ihr Resultat sind.“ (Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Suhrkamp: Frankfurt am Main, 1990, 49 – Hv. i.O.).

c) Vorschlag für eine korrigierte Übersetzung

„[…] gender ist ein Tun, wenn auch nicht das Tun eines Subjekts, von dem sich sagen ließe, daß es bereits vor der Tat existierte. […]. Hinter den Äußerungen von Geschlecht* liegt keine Geschlechtsidentität, vielmehr wird diese Identität gerade performativ durch diese ‚Äußerungen‘ konstituiert, von denen gesagt wird, daß sie das Resultat jener Identität seien.“

* gemeint sind: vergeschlechtliche Handlungen, kulturelle Codes etc.

Anmerkung:

Soll gender überhaupt übersetzt werden und nicht einfach der englische Ausdruck auch im Deutschen verwendet werden, so ist meiner Auffassung nach generell die Übersetzung „soziales Geschlecht“ (im Unterschied zu: sex = biologisches Geschlecht) der in der Suhrkamp-Ausgabe gewählten Übersetzung „Geschlechtsidentität“ vorzuziehen. Der Begriff gender bezieht sich in der feministischen Diskussion keineswegs nur auf Identitätsfragen.
„expressions of gender“ übersetze ich dagegen schlicht als „Äußerungen von Geschlecht“, da ohnehin klar ist, daß es sich um nicht biologische Phänomene handelt, sondern um das, was im sexistisch-biologistischen Diskurs als – notwendige – soziale Konsequenzen des biologischen Geschlechts angesehen wird.
An der vorliegenden Stelle ist die Suhrkamp-Übersetzung von gender als „Geschlechtsidentität“ besonders absurd, weil dies dann in der Konsequenz dazu führt, gender identity nicht als Geschlechtsidentität zu übersetzen.

Butler-Zitat 2

a) us-amerikanisches Original

„If gender attributes, however, are not expressive but performative*, then theses attributes effectively constitute the identity they are said to express or reveal. The distinction between expression and performativiness is crucial. If gender attributes and acts, the various ways, in which a body shows or produces its cultural signification, are performative, then there is no preexisting identity by which an act or attribute might be measured; […]“ (Judith Butler, Gender Trouble, Routledge: New York, 1990, 141).

* performative (≈ hervorbringend) ‹ lat. per- (= durch und durch, völlig, von Grund auf) + lat. formare (= gestalten, bilden).

b) Übersetzung in der deutschen Ausgabe

„Wenn die Attribute der Geschlechtsidentität nicht expressiv, sondern performativ sind, wird die Identität, die sie angeblich nur ausdrücken oder offenbaren sollen, in Wirklichkeit durch diese Attribute konstituiert. Die Unterscheidung zwischen Ausdruck und Performanz ist zentral: Wenn die Attribute und Akte der Geschlechtsidentität, die verschiedenen Formen, in denen ein Körper seine kulturellen Bezeichnungen zum Vorschein bringt oder produziert, performativ sind, gibt es keine vorgängig existierende Identität, an der ein Akt oder Attribut gemessen werden könnte.“ (Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Suhrkamp: Frankfurt am Main, 1990, 207).

c) Vorschlag für eine korrigierte Übersetzung

„Wenn die Eigenschaften der Geschlechter nicht ausdrückend, sondern hervorbringend [präziser: hervorgebracht, TaP] sind, dann konstituieren diese Eigenschaften die Identität, von der behauptet wird, daß sie sie ausdrücken oder offenbaren würden. Die Unterscheidung zwischen Ausdruck und Performativität [Hervorbringung] ist zentral: Wenn die Eigenschaften der Geschlechter und die geschlechtlichen Handlungen, die verschiedenen Formen, in denen ein Körper seine kulturelle Bedeutung zeigt oder produziert, performativ sind, dann gibt es keine vorgängig existierende Identität, an der diese Eigenschaften oder Handlungen gemessen werden könnten, […].“

Das Zitat von West/Zimmermann

a) englisches Original

„Doing gender involves a complex of socially guided perceptual, interactional, and micropolitical activities […]. When we view gender as an accomplishment, an achieved property of situated conduct, our attention shifts from matters internal to the individual and focuses on interactional and, ultimately, institutional arenas. Gender […] is the activity of managing situated conduct in the light of normative conceptions of attitudes and activities […].“ (Candace West / Don H. Zimmermann, Doing gender, in: Judith Lorber / Susan A. Farell (Hg.), The Social Construction of Gender, Sage: Newbury Park / London / New Dehli, 1991, 13 – 37 [14] – Hv. i.O.). /

b) deutsche Übersetzung durch Regine Gildemeister und Angelika Wetter (Wie Geschlechter gemacht werden. Die soziale Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit und ihre Reifizierung in der Frauenforschung, in: Gudrun-Axeli Knapp / Angelika Wetterer [Hg.], Traditionen. Brüche. Entwicklungen feministischer Theorie, Kore: Freiburg i. Br., 1992, 201-254 [212] – Hv. getilgt; der letzte Satz des hier angeführten Zitates ist dort nicht mit zitiert bzw. übersetzt)

„Das Herstellen von Geschlecht (doing gender) umfaßt eine gebündelte Vielfalt sozial gesteuerter Tätigkeiten auf der Ebene der Wahrnehmung, der Interaktion und der Alltagspolitik, […]. Wenn wir das Geschlecht (gender) als eine Leistung ansehen, als ein erworbenes Merkmal des Handelns in sozialen Situationen, wendet sich unsere Aufmerksamkeit von Faktoren ab, die im Individuum verankert sind, und konzentriert sich auf interaktive und letztlich institutionelle Bereiche.“

c) Vorschlag für eine korrigierte Übersetzung

Doing gender ist ein gegliedertes Ganzes1 [eine Struktur] von sozial gesteuerten, wahrnehmungs-bezogenen und mikropolitischen Tätigkeiten und Interaktionen […]. Wenn wir gender als etwas Hergestelltes2 ansehen, als ein produziertes Merkmal [gesellschaftlich] situierten Verhaltens, dann verschiebt sich unsere Aufmerksamkeit weg von Dingen im Innern von Individuen und richtet sich [statt dessen] auf institutionalisierte Kampfplätze3, an denen interagiert wird. […]. Gender ist Bewältigung4 [Erledigung] [gesellschaftlich] situierten Verhaltens im Lichte von normativen Konzeptionen für Haltungen und Handlungen.“

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Vorschlag zur korrigierten Übersetzung eines Foucault-Zitates: Universale vs. spezifische Intellektuelle

Ich möchte vorschlagen, dieses Foucault-Zitat

„On l1’écoutait, ou il prétendait se faire écouter comme représentant de l’universel. Être intellectuel, c’était être un peu la conscience de tous. Un nouveau mode de liaison entre la théorie et la pratique s’est établi. Les intellectuels ont pris l’habitude de travailler non pas dans l’universel, l’exemplaire, le juste-er-vrai-pour-tous, mais dans de secteurs déterminés, en des points précis […]. Ils y ont gagné à coup sûr une conscience beaucoup plus concrète et immédiate des luttes. […] ; c’est ce que j’appellerais l’intellectuel spécifique par opposition à l’intellectuel universel. […]. On peut supposer que l’intellectuel universel tell qu’il a fonctionné au XIXe siècle est en fait dérivé d’une figure historique bien particulière : l’homme de justice, […], celui qui au pouvoir, au despotisme, aux abus, à l’arrogance de la richesse oppose l’universalité de la justice […]. L’intellectuel universel dérive du juriste-notable et trouve son expression la plus pleine dans l’écrivain, porteur de significations et de valeurs où tous peuvent se reconnaître. L’intellectuel spécifique dérive d’une toute figure, non plus le juriste-notable, mais le savant-expert.“
(Entretien avec Michel Foucault, in Michel Foucault, Dits et Écrits. Tome III, Gallimard : Paris, 1994, 140 – 160 [154, 156]).

fernerhin wie folgt zu übersetzen:

„Man hörte ihn [den auf Seiten der sog. Linken stehenden Intellektuellen] als Repräsentanten des Universellen, oder er beanspruchte, als solcher Gehör zu bekommen. Intellektueller sein hieß ein wenig das Gewissen aller zu sein. […]. Es ist eine neue Art der Verbindung von Theorie und Praxis entstanden. Die Intellektuellen haben sich angewöhnt, ihre Arbeit nicht mehr im Universellen, im Exemplarischen, im ‚Wahren-und-Gerechten-für-alle’ anzusiedeln, sondern in bestimmten [déterminés] Bereichen, an genauen [précis] Punkte, […]. Damit haben sie mit Sicherheit ein viel konkreteres, unmittelbareres Bewußtsein von den Kämpfen gewonnen. […]. Und diesen Typ würde ich im Gegensatz zum ‚universalen’ Intellektuellen den ‚spezifischen’ Intellektuellen nennen. […]. Es ist zu vermuten, daß der ‚universale’ Intellektuelle, so wie es ihn im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gab, von einer recht eigentümlichen historischen Gestalt abstammt, nämlich dem Mann der Gerechtigkeit, […], von dem der der Macht, dem Despotismus, den Mißbräuchen und der Arroganz des Reichtums die Universalität der Gerechtigkeit […] entgegenstellte. Der universale Intellektuelle stammt von dem Rechtskundigen als Würdenträger [juriste-notable] ab und findet seinen vollkommensten Ausdruck im Schriftsteller, dem Träger von Bedeutungen und Werten, in denen sich alle wiedererkennen können. Der spezifische Intellektuelle stammt von einer anderen Figur ab, nicht mehr dem Rechtskundigen als Würdenträger [juriste-notable], sondern dem Wissenschaftler als Experten [savant-expert].“

Dieser Vorschlag entstand im Jan. 2009 mit Unterstützung von Anne Chalard-Fillaudeau. In dieser .pdf-Datei finden sich Hinweise zu den Abweichungen von den bereits existierenden Übersetzungen.

Inhaltliche Anmerkung:

Wenn Foucault nach dem „Mann der Justiz“ den „Mann des Gesetzes“ unter die ‚universellen Intellektuellen’ einreiht, so sei hier dagegen gefragt, ob die Frau (?) des Gesetzes nicht vielmehr – im Gegensatz zum Mann (!) der Gerechtigkeit – in die Kategorie der ‚spezifischen Intellektuellen’ fällt. Diese Hypothese wird bei anderer Gelegenheit zu überprüfen sein.

  1. Der vorstehende Satz lautet: „On l’écoutait, ou il prétendait se faire écouter comme représentant de l’universel.“ [zurück]