Archiv der Kategorie 'Rassismus'

Heute bei Kritisch-lesen.de wiederveröffentlicht: Meine Rezension von 1990 über Anja Meulenbelts Buch über Sexismus, Rassismus und Klassismus

Meine Rezension aus dem Jahre 1990 über Anja Meulenbelts Buch „Scheidelinien. Sexismus, Rassismus und Klassismus“ wurde in der heutigen Ausgabe von Kritisch-lesen.de zum Thema „Überschneidungen von Unterdrückungen“ – leicht gekürzt und um einige Tippfehler bereinigt – wiederveröffentlicht:

http://www.kritisch-lesen.de/2011/10/scheidelinien-anja-meulenbelt-uber-sexismus-rassismus-und-klassismus/

„In dieser Ausgabe geht es um verschiedene Unterdrückungsverhältnisse, den Versuch, ihre unterschiedlichen Funktionsmechanismen zu erfassen, sie trotz ihrer Verwobenheit analytisch zu trennen und sie dann wieder zusammen zu führen, denn eine Unterdrückungsform kommt nicht einzeln vor, sondern ist häufig mit anderen verknüpft. So kann zum Beispiel eine weiße katholische Kassiererin sowohl sexistisch als auch aufgrund ihrer Klassenposition unterdrückt werden. Es handelt sich dabei aber nicht einfach um eine Aufaddierung von Unterdrückungen, sondern vielmehr darum, wie sie ineinander greifen, sich gegenseitig beeinflussen und verstärken.“
http://www.kritisch-lesen.de/2011/10/uberschneidungen-von-unterdruckungen/

Vgl. zu diesem Themenkomplex auch noch die Rezenion von Peter Nowak „Klassismus. Konzept zur Gesellschaftsveränderung oder zur Mittelstandsförderung?“ zum Buch von

Andreas Kemper und Heike Weinbach:
Klassismus. Eine Einführung
Unrast Verlag, Münster 2009.

Von der Philosophie zur Politik

Noch mal zu Postmoderne und Leninismus –

oder: Antwort1 auf das „Quietscheentchen“-Papier (SIBS v. 28.7.)

Dieser wie folgt gegliederte Text wird ab morgen Mittag im „Arsch hoch“-blog zur Organisierungs- und Programmdebatte zur Verfügung stehen: http://arschhoch.blogsport.de/2011/08/20/von-der-philosophie-zur-politik/.

Überblick:

I. Von der ‚postmodernen’ Philosophie …

1. Historischer Materialismus und idealistische Geschichtsphilosophie
2. Die Frage nach dem Gehalt von Theorie
3. Begriff und Wirklichkeit
4. Die Vernunft, die Macht und der Irrationalismus
5. Wertkritik und Postmoderne

II. … zum historischen Materialismus …

1. sex und gender
2. Vom wissenschaftlichen und politischen Nutzen der De-Konstruktion
3. Hauptwidersprüche, Nebenwidersprüche, Grundwidersprüche – und die Perspektiven einer Weltrevolution

III. … zur revolutionären Organisierung

1. Für revolutionäre Politik ohne geschichtsphilosophische Durchhalteparolen
2. Selbstkritisches zum Zeitplan
3. Arbeitskonferenz, Debattenverlauf und Spektrenerweiterung

Themenübersicht – Kritik an der linksliberal-antifeministischen politischen Linie des transgenialen CSD (tCSD) in Berlin und des queeren mainstreams in der BRD überhaupt

I. Zur Programmatik des transgenialen CSD

Eine radikale Geste mit schalem Nebengeschmack:

„Auch der Aufruf zum transgenialen CSD, der am kommenden Samstag (26.6.[2010]) stattfindet […], kommt ohne die Wörter ‚feministisch‘ und ‚Feminismus‘ aus, […]. Der A-, wenn nicht sogar Anti-Feminismus scheint der heimliche Konsens von kommerziellem und transgenialem CSD zu sein. Derartigen Entwicklungen zuzuarbeiten war keinesfalls das Anliegen von Judith Butler, als sie vor rund 20 Jahren gender trouble schrieb“.

Worum geht es eigentlich dem transgenialen CSD?

queere Globalisierung & imperialen Begehrens

„Ich hätte ja nun wirklich gedacht, daß die linke Diskussion – zumal bei Leuten, die im vergangenen Jahr den mainstream-CSD noch als ‚rassistisch‘ kritisierten – über rassistische Strukturen und deren Reproduktion auch in der Linken längst über den psychologisierenden und individualisierenden Begriff der ‚Vorurteile‘ hinaus ist; und daß in Zusammenhängen, die irgendeine Affinität (und sei es bloß als BündnispartnerInnen) zur autonomen Szene haben, nicht nur die Frage gestellt wird ‚Wie lassen sich Konflikte friedlich lösen?‘, sondern auch die Fragen: ‚Ist es immer möglich und wünschenswert Konflikte ‚friedlich’ zu lösen?‘ und: ‚Sind ‚Gewaltsituationen’ immer etwas, in das wir anscheinend irgendwie passiv hineingeraten und wo wir dann Orientierungsschwierigkeiten haben und dann erst fragen müssen was wir ‚in’ ihnen tun können?‘, ‚Kann sich Widerstand auf das Dogma der ‚gewaltfreien Kommunikation’ festlegen lassen?‘
Zu dieser ganzen Fehlorientierung, die den Radikalitätsanspruch des tCSD weder analytisch noch strategisch ausweisen kann, sondern untergräbt und praktisch auf eine Differenz des kulturellen Ausdrucks (Schmuddel-look statt Schickimicki) und des besseren Wollens reduziert, paßt auch noch, daß bei besagtem tCSD-Treffen als Aufgabe der – nach den sexuellen Belästigungen des Vorjahres – für dieses Mal zu schaffenden awareness-Struktur ‚Deeskalation‘ (!) genannt wurde. Deeskalation statt Parteilichkeit! – aber: ach wie radikal sind wir und was für eine Spießer-Organisation ist der LSVD, der nur in der Mitte der Gesellschaft ankommen will.“
Kommentar vom 06. Mai 2011; 17:54 Uhr

Transgenialer CSD 2011 in Berlin ohne offiziellen Aufruf?

„Der strukturelle Begriff ‚Patriarchat‘ ist also weggefallen, und allein der auf einzelne Äußerungen und Handlungen fokussierende Ausdruck ‚Sexismus‘ stehengeblieben. [5] ‚Kapitalismus‘ wurde durch den aus gleichem Grund zweideutigen Ausdruck ‚Klassismus‘ ersetzt. [6] Der immerhin konkrete, materielle Handlungen benennende Begriff ‚Heterosexismus‘ wurde weggelassen; statt dessen wird jetzt mit dem Begriff ‚Heteronormativität‘ allein auf ‚Normen‘ fokusiert.“

Selektive Wahrheiten?

Als queer noch revolutionär, aggressiv und männerfeindlich war – und sein durfte (bisher 27 Kommentare)

Eine „Revolution“, bei der ich nicht denken darf, ist nicht meine – Einige Worte zum Berliner CSD-Wochenende 2011

Für einen feministischen Anti-Humanismus!

II. Zur Praxis des tCSD

Sexuelle Belästigungen beim transgenialen CSD in Berlin (erschienen beim mädchenblog am 28.06.2010)

Umgang bei sexuellen Belästigungen auf transgenialen CSD (erschienen bei scharf-links am 24.06.2011 [!])

► Kommentar bei indymedia (Wo bleiben die Argumente? – TaP 26.06.2011; 00:00 h)

„Wer/welche beansprucht denn auch nur feministisch zu sein?! In den Aufrufen für den transgenialen CSD ist das doch das große Tabu-Wort. Und deshalb kommt es dann nämlich zu solchen Dingen, wie dem laxen Umgang mit sexuellen Belästigungen. Da zeigen sich die ganz praktischen Konsequenzen der politischen Linie des queeren mainstreams.
Und darüber sollten auch diejenigen – wenigen – ins Erschrecken geraten, die nicht feministisch durch queer ersetzen, sondern von ‚queer-feministisch‘ sprechen: Wie feministisch bzw. anti-feministisch die gängige queere Praxis in der BRD ist, ist eine Debatte, die überfällig ist.“

III. Vorschlag für eine feministisch-revolutinäre Ausrichtung

Back to the future: Für einen femo-genialen tCSD 2012!

IV. Zum theoretischen und politichen Kontext der Debatte (mehr…)

Transgenialer CSD 2011 in Berlin ohne offiziellen Aufruf?

-- Dieser Text jetzt als .pdf-Datei und mit einer Korrektur der Fußnote 7 --

Für den heutigen transgenialen CSD (tCSD) [0] scheint [1] es keinen gemeinsam getragenen Aufruf zu geben. Gestern wurde im blog des tCSD in der Rubrik „Presse“ ein „Beitrag zum Motto des Transgenialen CSD 2011“ überschriebener Text veröffentlicht (siehe dort oder auch dort – meine Hv.). Dieser Text weicht an einigen Stellen in inhaltlicher und stilistischer Hinsicht erheblich von dem zuletzt als Aufruf-Entwurf diskutierten Text ab.

Soweit ich direkt an der Formulierung der nun weggelassenen oder umformulierten Stellen beteiligt war, so seien diese hier vermerkt:

► Im Abschnitt „Daten helfen da auch nicht weiter!“ heißt es jetzt – in Bezug auf den Zensus 2011 – „Auf Grundlage der Kategorien wird weiterhin diskriminierende Politik gemacht.“ Zuvor waren an dieser Stelle – statt der vage Rede von „diskriminierende[r] Politik“ [2] – beispielhaft einige gesellschaftliche Gruppen genannt, gegen die in der BRD Politik gemacht wird. In der Aufruf-Diskussion hatte ich in Bezug auf andere Textstellen vorgeschlagen gehabt, den individualisierenden Begriff „Diskriminierung“ durch die strukturelleren Begriffe „Herrschaft und Ausbeutung“ zu ersetzen.

► Im Abschnitt der jetzt die Überschrift „Zwei-Geschlechter-Ordnung abschaffen!“ trägt, steht nun: „Wir stellen uns gegen eine Ordnung, die nur zwei Geschlechter kennt und alle Menschen, die sich nicht einem Geschlecht zuordnen wollen und_oder können, stigmatisiert!“ (meine Hv.) Zuvor stand an dieser Stelle: „Wir stellen uns gegen die Zwei-Geschlechter-Ordnung, welche alle Menschen, die sich nicht einem Geschlecht zuordnen wollen und_oder können, stigmatisiert!“

Die neue Formulierung („die nur zwei Geschlechter kennt“) impliziert im Gegensatz zur alten eine Strategie der Vervielfachung der Geschlechter. Ich plädiere dagegen in Anschluß an Überlegungen von Judith Butler und Monique Wittig für die Anstrebung einer Aufhebung aller Geschlechter.

(mehr…)

Widerstand und Lernen aus „Erfahrungen“ kommt NICHT aus dem Inneren von SUBJEKTEN, sondern aus der Konfrontation von widersprüchlichen Erfahrungen von sub-jekten mit gesellschaftlich produzierten Begriffen und Diskursen

Fortsetzung zu:
„Die Einzelnen sind Geschöpfe der gesellschaftlichen Verhältnisse (NICHT authentische SUBJEKTE), und die gesellschaftlichen Verhältnisse sind widersprüchlich“

Judith Butler:
„The injunction to be a given gender produces necessary failures, a variety of inherent configurations that in their multiplicity exceed and defy the injunction of which they are generated. Further, the injunction to be a given subject takes place trough discursive routes: to be a good mother, to be a heterosexually desirable object, to be a fit worker, in sum, to signify a multiplicity of guarantees in responses to a variety of different demands all at once. The coexistence or convergence of such discursive injunctions produces the possibility of a complex reconfiguration and redeployment; it is not a transcendental subject who enables action in the midst of such a convergence. There is no self that is prior to the convergence or who maintains ‚integrity’ prior to its entrance into the conflictual cultural field. There is only a taking up of the tools where they lie, where the very ‚taking up’ is enabled by the tool lying there.“

(Gender Trouble, New York / London, 1990, 145 / dt. Das Unbehagen der Geschlechter, FfM, 1991, 213 – fette Hv. d. TaP)

Jürgen Link:
Der „wille zur resistenz gegen die hegemonie: kommt er aus einem ‚diskursfreien‘ Subjekt, etwas aus dessen ‚eingeborenen freiheitsverlangen‘ […]? […]. nehmen wir das beispiel der kulturrevolution der ‚68er generation‘: schon die massenerscheinung spricht dagegen, daß damals plötzlich ganz viele (intellektuelle) Subjekte (mit großem S) prädiskursiv (prädiskursiv argumentierend?) den entschluß zum widerstand faßten. alles spricht vielmehr dafür, daß eine kombination von antihegemonialen diskursen (marxismus / psychoanalyse / frankfurter schule) sich im universitären raum explosiv durchsetzte, weil hegemoniale diskurse, die das entsprechende terrain ‚halten‘ sollten, völlig ‚überaltert‘ waren. und daß die neuen diskurse dann als effekt neue subjektvität produzierten.”

(Noch einmal: Diskurs. Interdiskurs. Macht, in: kultuRRevolution Nr. 11: die macht der diskurse?, Feb. 1984, 4 – 7., 6 f. – Hv. i.O.; i.O. fett statt kursiv)

Gareth Stedman Jones:
„[…] wenn man in bestimmten elementaren Lebenssituationen etwas lernt, so lernt man/frau eben nicht ei­gentlich aus der ‚Erfahrung‘, sondern aus der Verarbeitung der Erfahrung, d.h. auf­grund einer Kon­frontation mit Begriffen, die dieser Erfahrung überhaupt erst einen ‚Sinn‘ geben. Wo aber diese Begriffe und Gedanken herkommen, die somit die Erfah­rung strukturieren, ist natürlich eine wichtige und offene Frage, aber sie kommen ganz sicher nicht aus dem Innern des be­treffenden Individuums.“

(in: Peter Schöttler, Interview mit Gareth Stedman Jones, in: Gareth Stedman Jones, Klassen, Politik und Sprache, Für eine theorieorientierte Sozialgeschichte hrsg. u. eingeleitet von Peter Schöttler, Westfälisches Dampfboot: Münster, 1988, 277-317 [308]).

Die Einzelnen sind Geschöpfe der gesellschaftlichen Verhältnisse (NICHT authentische SUBJEKTE), und die gesellschaftlichen Verhältnisse sind widersprüchlich

I.

Karl Marx:
„[…] es handelt sich hier um die Personen nur, soweit sie die Personifikation ökonomischer Kategorien sind, Träger1 von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen. Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt, […], den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse deren Geschöpf er sozial bleibt, sosehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.“ (Das Kapital, MEW 23, 16 – Hv. d. TaP).

Stefanie Gräfe:
„Dieses autonome Subjekt erhebt sich mittels der Vernunft aus dem barbarischen Naturzustand und beansprucht sein ‚Recht‘, dessen Garant der bürgerliche Staat ist. Dieses ursprünglich autonome Individuum wird sozusagen erst im nachhinein vergesellschaftet. Es existiert jenseits von Geschichte und Gesellschaft. Diese Illusion der ursprünglichen Autonomie negiert die real existierenden materiellen, sozialen und leiblichen Abhängigkeiten, denen Menschen nun einmal unterworfen sind, und projiziert sie auf das ‚Andere‘, z.B. auf ‚die Frau‘. Die wiederum wird dann sozusagen zum Gegenteil der Vernunft, ist ganz Biologie und Körper und Reproduktion. Der Mann ohne Unterleib und ohne Verbindung zum Kollektiv ist das Rechtssubjekt, mit dessen Hilfe sich das voraufklärerische Naturrecht zum Staatsbürgerrecht erhebt.“

(Fundamentalistische Fiktionen. Menschenrechtsideal und patriarchale Wirklichkeiten, in: analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 422, 21.1.1999).

Judith Butler:
„Die verbreitete Annahme, daß das ‚Subjekt vor dem Gesetz‘ eine ontologische Integretität besitze [und nur „auf die Repräsentation in oder durch das Gesetz wartet“ (17)] kann als zeitgenössische Spur der Hypothese vom ‚Naturzustand‘ verstanden werden – jener fundierenden/fundamentalitischen Legende, die für die Rechtsstruktur des klassischen Liberalismus konstitutiv war. Die performative Beschwörung2 eines ungeschichtlichen ‚vor‘ wird zur Begründungsprämisse, die eine vorgesellschaftliche Ontologie der Personen sichert, die ihrerseits die Legitimität des Gesellschaftsvertrages begründet, indem sie einwilligen, regiert zu werden.“
(Das Unbehagen der Geschlechter, Suhrkamp: Frankfurt am Main, 1991, 18)

II.

Althusser schließt „unter Hinweis auf die komplexe Struktur des gesellschaftlichen Ganzen, welche sich nicht auf ein vereinheitlichendes Prinzip zurückführen läßt, durch die Einführung der Kategorie der Überdeterminierung jede eindeutige Determinierung des gesellschaftlichen Verlaufs aus[…] und [vertritt] vielmehr die These […], daß in jedem historischen Augenblick unterschiedliche Tendenzen bestehen, wobei es von dem gesellschaftlichen Kräfteverhältnis, d.h. von der Konjunktur“ – nicht nur, wie zu ergänzen ist! – „des Klassenkampfes abhängt, welche dieser Tendenzen sich schließlich durchsetzt. Was daher die gesellschaftlichen Träger betrifft, die unter der Determination durch ihre Existenzbedingungen funktionieren, so ist aufgrund der differentiellen Struktur dieser Bedingungen eine eindeutige Festlegung des individuellen Handelns undenkbar, d.h. die Determinierung des Individuums ist in dem Maße widersprüchlich, wie es die gesellschaftlichen Verhältnisse sind; […].“ (mehr…)

DOKU – Frauen aus der „radikal“ (Nov. 1990): Wir weigern uns das Abklopfen des eigenen Selbst zum Nonplusultra zu erklären

Als Ergänzung zu der kürzlich geposteten Kritik von Jenny Bourne an einer Reduktion von Rassismus auf bloße „Vorurteile“ hier noch ein Auszug aus einem Text von radikal-Frauen von 1990:

Wir haben […] mitbekommen, daß häufig in autonomen Frauenzusammenhängen die Auseinandersetzungen über Rassismus sehr auf der subjektiven Ebene verlaufen – bin ich eine Rassistin, weil ich eben gesagt habe: „Ich hätte gerne einen Negerkuß.“?
Das ist zwar eine wichtige Ebene, sich selber abzuklopfen, aber wir weigern uns, das zum nonplusultra der Diskussion zu machen. Wir halten das für die absolute Luxusposition, wenn nicht gleichzeitig die gesellschaftliche Ebene des Rassismus analysiert wird, wo er sich aus … Weltmarkt… (Der Satz war leider in dem uns vorliegenden Exemplar des Textes unleserlich. Anm. d Hg.)
Alleinstehend macht sie einmal mehr deutlich: Na, die Weißen haben jetzt in Zeiten des offensiven doitschen Machtzuwachses und nationalem Taumel nichts Vesseres zu tun, als wieder mal um ihren Nabel zu kreisen.
Im Ernst: Das wichtigste an unserer Kritik/Selbstkritik ist für uns folgendes: (mehr…)

Auf zu „Schwarze Risse“ in den Mehringhof!

Ich erwähnte neulich das Buch

From Resistance to Rebellion. Texte zur Rassismus-Diskussion
Schwarze Risse / Rote Straße: Berlin/Göttingen, 1992
172 Seiten

mit Texten von Jenny Bourne, A. Sivanandan und Fiz Fekete. Die letzten Exemplare des unbedingt lesenswerten Buches sind z.Z. für nur 3 Euro im Berliner Buchladen „Schwarze Risse“ im Mehringhof (U-Bahnhof Mehringdamm [U 6 und U 7]) erhältlich.

Rückwärtiger Klappentext:

„Endlich hat eine radikale Diskussion um den Antirassismus auch in der hiesigen Linken begonnen. Angestoßen wurde sie nicht zuletzt durch die Selbstorganisierung schwarzer Gruppen in der BRD.
Die Geschichte des antirassistischen Kampfes der Schwarzen (als politischer Begriff) in Britain ist älter und fortgeschrittener.
‚From resistance to rebellion’ beschreibt diese Geschichte in ihren verschiedenen Stadien.
Die anderen Texte geben ein Bild der Debatten um einen radikalen Antirassismusbegriff, einen feministischen Anti-Rassismus und beziehen sich auf militante Praxis.“

Aus dem Vorwort (S. 9-10 [9]):

„Rassismus ist ein sehr viel militanterer Begriff [als „Ausländerfeindlichkeit“, „Diskriminierung“ oder „multinationale Klassenzusammensetzung], der eine Systematik von Ausbeutung und Unterdrückung beschreibt und sie in einen globalen, imperialistischen Kontext setzt.“

Diskussion über Antidiskriminierungspolitik, revolutionärem Feminismus und Nebenwiderspruchs-Marxismus

Seit fast einm Jahr gibt es hier eine ziemlich kontinuierliche Diskussion mit Kommentatorin Zara über fünf Artikel hinweg zum Thema Antidiskriminierungspolitik, revolutionärer Feminsmus und Nebenwiderspruchs-Marxismus – hier ein Überblick:

Bombardiert das Hauptquartier der Philosophen-Könige (vom 27.06.2010 – 14 Kommentare)

Noch einmal zu den Rassismus-Vorwürfen gegen den Berliner CSD (vom 29.06.2010 – 25 Kommentare)

Intersektionalität und Gesellschaftstheorie (vom 03.07.2010 – 3 Kommentare)

Was ist „Geschmack“? (vom 06.11.2919 – 10 Kommentare)

Antikapitalistisch ist nicht revolutionär genug! (vom 15.05.2011 – bisher 11 Kommentare).

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Vgl. zum gleichen Thema auch noch dort:

Gegen den Strom (03.05.2011 – 6 Kommentare) die Fußnoten 5 bis 7

Zur Kritik des marxistisch-gegenstandpunklerischen Kleinredens von Sexismus und Patriarchat (11.10.2009 – 14 Kommentare)

Kurz und bündig: Zwei Einführungen in den Feminismus (17.10.2009 – 3 Kommentare).

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Siehe außerdem die in Fortsetzung befindliche Doku-Serie „Revolutionärer Feminismus“:

► frauen […] aus verschiedenen politischen bereichen, Zur Politik der Frauen aus dem Antirassistischen Zentrum und grundsätzliche Überlegungen zur antirassistischen Politik, aus: interim Nr. 184/185 v. 19.03.1992

Interview mit der Roten Zora, aus: Emma Juni 1984

Eine feministische Kritik, aus: interim Nr. 229, 25.02.1993, S. 23 – 27.

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Siehe schließlich die dort

http://theoriealspraxis.blogsport.de/andere/ in Abschnitt „A. Feminismus“ genannten, ebenfalls dokumentierten Texten

und hier allgemein

► die Kategorie queer & gender (mit bisher 79 Beiträgen).

Rassismus – „Vorurteil“ oder gesellschaftliche Struktur?

Bereits 1984 wandte sich Jenny Bourne unter der Überschrift „Für einen anti-rassistischen Feminismus“ gegen eine Konzeptionierung von Rassismus als Sammlung von „Vorurteilen“. Der Text wurde zunächst auf Englisch in London vom Institute of Race Relations veröffentlicht. Als – ungeheftete – Mini-Broschüre/Flugschrift (ohne Verlagsangabe und Erscheinungsort) wurde er wohl zunächst 1991 ins Deutsche übersetzt und verbreitet. Im Jahr darauf wurde er – zusammen mit einem weiteren Text der Verfasserin in das Buch From Resistance to Rebellion. Texte zur Rassismus-Diskussion (Schwarze Risse / Rote Straße: Berlin/Göttingen, 1992), das außerdem Texte von A. Sivanandan und Fiz Fekete enthält, aufgenommen. Das folgende Zitat dokumentiert mit geringfügigen Auslassungen den Abschnitt „Rassismus – ein individuelles Problem?“ (mehr…)

Heute (5.5.11; 17 h): queere Globalisierung & imperialen Begehrens

Offizielle Veranstaltungsankündigung mit nachfolgenden Anmerkungen von mir sowie einem Veranstaltungsbericht als Kommentar:

Donnerstag 5. Mai 2011 im Audimax der ASH Berlin; “Queer-Globalization”

Queer-Globalization

Zum Thema sprechen und diskutieren María do Mar Castro Varela und Jennifer Petzen.

Moderation: Koray Yilmaz-Günay (mehr…)

Für das Recht auf Lostrennung, aber nicht unbedingt für dessen Ausübung

Im Nachgang zur küzlichen Nationalismus/Antiimperialismus-Diskussion – und in doppelter Abgrenzung sowohl gegen klassenunspezifisch-antiimperialistische Vereinnamung* Lenins als auch gegen antinationale Kritik an Lenin (workshop 3) – folgt hier noch ein Nachtrag in Form eines Auszuges aus einem älteren Text, den ich gerade online gestellt habe.

* „In der imperialistischen Phase des Kapitalismus findet der nationale Klassenkampf seine internationale Entsprechung im antagonistischen Konflikt zwischen Unterdrücker- und unterdrückten Nationen. Den Nationalismus der unterdrückten Nationen betrachtete Lenin als tendenziell fortschrittlich, den der Unterdrücker-Nationen als ausschließlich reaktionär.“ (Werner Pirker) Die gesellschaftlichen Widersprüche innerhalb der verschiedenen Nationen, insb. der „unterdrückten Nationen“, verschwindet und die „unterdrückten Nationen“ werden schlicht zur ‚Entsprechung‘ der ArbeiterInnenklasse erklärt. Aber genau dies war Lenins Position nicht.

Nationale Befreiung oder feministisch-kommunistische Revolution?

Es geht darum, im Rahmen einer revolutionären Strategie handlungsfähig zu werden. Dafür ist es zwar einerseits keinesfalls geboten, die politischen Positionen der PKK1 zu übernehmen.

RevolutionärInnen haben zwar den türkischen Kolonialismus und dessen Unterstützung durch die BRD anzugreifen, bis hin zur Verteidigung des Rechts der KurdInnen auf Lostrennung von Türkei. Dies ist aber «in der Hauptsache eine negative Aufgabe»2, die in der Kritik von Kolonialismus und Imperialismus besteht. Eine positive Stellungnahme zur kurdischen (oder irgendeiner anderen, insbesondere deutschen) Nation kann aber nicht die Aufgabe der RevolutionärInnen sein: Denn «der Nationalstaat [ist] für die kapitalistische Periode das Typische, das Normale»3.


Lenin gegen den Nationalismus

«In jeder Nation gibt es […] eine bürgerliche (und in den meisten Fällen noch dazu eine erzreaktionäre und klerikale) Kultur, und zwar nicht nur in Form von ‘Elementen’, sondern als herrschende Kultur. Deshalb ist die ‘nationale Kultur’ schlechthin die Kultur der Gutsbesitzer, der Pfaffen, der Bourgeoisie. [… Wir] entnehmen […] jeder nationalen Kultur nur ihre […] sozialistischen Elemente; entnehmen sie nur und unbedingt als Gegengewicht zur bürgerlichen Kultur, zum bürgerlichen Nationalismus jeder Nation.»4
RevolutionärInnen dürfen nicht die «Losung der nationalen Kultur» aufstellen, sondern müssen «im Gegensatz zu ihr in allen Sprachen […] die Losung des Internationalismus […] propagieren»5.


Sie propagieren nicht die nationale Abgrenzung, sondern die gemeinsame Organisierung aller RevolutionärInnen innerhalb der jeweils gegebenen (staatlichen) Gebietskörperschaften sowie die Überwindung der nationalen Unterschiede im weltrevolutionären Prozeß.6 (Beides schließt nicht aus [sondern sollte vielmehr einschließen], daß sich die Angehörige spezifisch unterdrückter und ausgebeuteter Gruppen zusätzlich gesondert gegen eine – anderenfalls zu erwartene – Reproduktion dieser Unterdrückungsformen in der revolutionären Bewegung organisieren.).

Die Ausübung des Rechts auf nationale Lostrennung wird für RevolutionärInnen nur unter zwei Voraussetzung7 zur eigenen Losung:

1. Die RevolutionärInnen sind zu schwach (bzw. die Pseudo-RevolutionärInnen sind nicht willens), sämtliche Unterdrückung (einschließlich der nationalen) innerhalb der gegebenen Staatsgrenzen zu überwinden. (Diese Voraussetzung ist in der Türkei/Kurdistan zweifelsohne gegeben).

2. Gleichzeitig hat sich innerhalb der national unterdrückten Gebiete eine starke nationalistische (und das heißt immer: bürgerliche) Bewegung herausgebildet, die gute Erfolgsaussichten hat, zumindest diese Unterdrückung zu beseitigen. (Dies – aber auch nicht mehr – ist in Form der PKK in türkisch Kurdistan ebenfalls gegeben.)

Aber auch in diesem Fall dürfen sich die RevolutionärInnen weder organisatorisch noch politisch den (bürgerlichen) NationalistInnen unterordnen, sondern müssen den Kampf für ihre weitergehenden Ziele fortsetzen.

Andererseits dürfen die – sich aus dieser Position ergebenen – Differenzen zur Politik der PKK aber auch nicht zum Alibi für Nicht-Verhalten werden: «Wichtig ist, die Unterschiede wahrzunehmen […], aber genauso wichtig ist es, aus den die HERRschaft stärkenden Abgrenzungen auszubrechen und ein kämpferisches Miteinander zu entwickeln, das die Durchsetzung alter und neuer patriarchaler Macht und kapitalistischer Verwertungsziele behindert, wo immer wir es schaffen. Unsere Hoffnung auf Frauenbefreiung und unsere Vorstellung von Kommunismus […] kann als Tendenz nur dann sicht- und lebbar werden, wenn wir unsere von einander abgegrenzten und gegeneinander ausspielbaren […U]nterdrückungen und unsere unterschiedlichen Strategien dagegen in eine Kraft vernetzter Widerstandsstrukturen umwandeln.»8

(mehr…)

Doku-Serie: Revolutionärer Feminismus – Teil I

Aus zwei aktuellen Anlässen habe ich ein Papier herausgesucht, das 1992 in der interim. Wöchentliches Berlin-Info erschienen war: Das Papier von „frauen […] aus verschiedenen politischen bereichen“, das in der interim Nr. 184/185 v. 19.03.1992 unter der Überschrift „Zur Politik der Frauen aus dem Antirassistischen Zentrum und grundsätzliche Überlegungen zur antirassistischen Politik“ erschienen war.
Das „Antirassistische Zentrum“ waren Räume der Technischen Universität Berlin (TU), die von v.a. weißen UnterstützerInnen ‚für‘ Flüchtlinge besetzt wurden.
Der Text enthält sicherlich, auch abgesehen vom konkreten Anlaß, einige zeitbedingte Formulierungen. Der Widerspurch zwischen S. II, linke Sp. (affirmative Rede über „unser spezifisch weibliches vermögen“, wenn auch im Rahmen eines Zitates) und S. II rechte Sp. (Kritik an „tendenzen wie ‚neue innerlichkeit‘, ‚mütterlichkeit‘“) fiel aber schon damals auf.
Trotzdem erscheint mir der Text auch heute noch lesenswert. Besonders angetan hatte es mir schon damals folgender Spiegelstrich aus der Kritik der Autorinnen auf S. IV ihres Textes:
„– autonome politik als ‚lückenfüller‘ für funktionen, die kirchen, parteien, humanitäre kräfte nicht mehr besetzen, als autonome sozialarbeiterInnen und lagerverwalterInnen.“
Hat sich daran seitdem wieder etwas geändert? Oder ist die inhaltliche Grundlage der (ehemals) linksradikalen Abgrenzung von reformistischen Parteien und Institutionen – auch in anderen Bereichen als dem antirassistischer Politik – noch dünner geworden und diese also noch mehr als schon früher zu einer kulturalistischen Geste geworden? (Vgl. zu dieser grundsätzlichen Frage auch noch diese Doku und – als aktuelles Beispiel – meine dort [Abschnitt 2. und am Ende] und dort eingestreuten kritischen Anmerkungen zu den Redebeiträge beim diesjährigen transgenialen CSD [tCSD].)

Hier eine .pdf-Bilddatei des dokumentierten Artikels.

PS.: Im Vorwort der interim (S. 2) hieß es damals: „Das Frauenpapier zum Antirassistischen Zentrm ist von den Verfasserinnen für die Interim gekürzt worden. Die ausführliche Version wird demnächst für Frauen (wahrscheinlich) in der AMAZORA) zu finden sein“. Ob es zu dieser angekündigten, weiteren Veröffentlichung damals tatsächlich gekommen war, ist mir nicht bekannt.

Intersektionalität und Gesellschaftstheorie


Theoretische Nachbemerkungen zur CSD/Rassismus-Debatte und zugleich notwendige politische Anmerkungen zum diesjährigen transgenialen CSD

Zara wies in einem Kommentar zu meinem Beitrag „Noch einmal zu den Rassismus-Vorwürfen gegen den Berliner CSD“ auf den Text von Tove Soiland „Die Verhältnisse gingen und die Kategorien kamen. Intersectionality oder Vom Unbehagen an der amerikanischen Theorie“ in der feministischen internet-Zeitschrift querelles-net Nr. 26 aus dem Jahr 2008 hin.

Ich finde den Text auch sehr gut:

1. Ich teile den Eindruck, daß auch der Intersektionalitätsansatz letztlich zu einer bloß additiven Sichtweise tendiert:

„Die Kategorien kritischer Gesellschaftstheorie zeichnen sich […] dadurch aus, dass sie komplexe Mechaniken gesellschaftlicher Produktion und Reproduktion bezeichnen; sie bezeichnen nicht oder nicht in erster Linie Gruppen. Und dies verweist zurück auf das Problem, dass die Forderung nach intersektionellen Analysen in einem Diskriminierungsdiskurs beheimatet ist. Kategorien, die für das Problem von Diskriminierung in Frage kommen, sind nun aber nicht per se auch solche, die maßgeblich an der Organisation gesellschaftlicher Produktion und Reproduktion beteiligt resp. für diese zentral sind. Es geht [bei intersektionalen Analysen, TaP], wie Dietze et al. (2007, S. 10) zu Recht formulieren, um ‚Kategorien der Benachteiligung‘, die weniger komplexe Mechanismen gesellschaftlicher Organisation als die Zuschreibung ‚realer‘ oder vorgestellter Merkmale und die damit verbundenen Vorurteile bezeichnen. So ist denn auch selbstverständlich die Anzahl der Gründe, die zu einer Benachteiligung Anlass geben, in der Tendenz offen (Degele/Winker 2007, S. 11) und macht es – im Bereich der Antidiskriminierung – Sinn, nach diesen zu fragen.“

Damit sind wir dann wieder bei der Logik der Aufzählungen: Es werden ‚Benachteiligungen‘ aufgelistet und deren Gründe aufgezählt – und im Zweifelsfall hilft ein „usw.“ weiter.
Mit der Länge der Liste ist aber zur Adäquatheit der Analyse der Gründe und der darauf aufgebauten politischen Strategie noch nichts gesagt.1
Die politische Konsequenz der Aufzählungslogik ist, daß im Berliner CSD/Rassismus-Streit beide Seiten Opferkonkurrenz betreiben und sich gegenseitig vorwerfen: Judith Butler und die Gruppen, die sie – anschneinend mit ziemlich wenig konkreten Informationen (vgl. 1 und 2 [am Anfang]) – brieften, werfen dem CSD eine Vernachlässigung des Kampfes gegen Rassismus vor oder sogar dessen Komplize zu sein. Die andere Seite kontert mit dem Vorwurf der Vernachlässigung des Kampfes gegen Antisemitismus2, und der Kampf gegen Transphobie und Intersexuellenphobie wird von beiden Seiten beansprucht3. Nur am Feminismus scheinen beide Seiten gleichermaßen wenig Interesse zu haben.

2. Ich teile den Eindruck, daß es in Intersektionalitäts-Studien eine Vernachlässigung von Gesellschaftstheorie gibt. Es wird eher auf (quantifizierbare) Effekte geguckt als auf strukturelle Ursachen (auch wenn der Anspruch teilweise ein anderer ist):

„Es scheint, und dies ist für mich der eigentliche Grund, warum Erkenntnisse aus dem Feld der Antidiskriminierung nicht tel quel auf Fragen der Gesellschaftstheorie übertragen werden können, dass mit dem Wort ‚Kategorie‘ zwei Dinge zugleich benannt werden, die kategorial gesehen nicht auf derselben Ebene liegen. So kann die beschreibende Soziologie Interferenzen denken, weil sie diese als Merkmale konzipiert. Umgekehrt kann die Forderung, komplexe Dynamiken gesellschaftlicher Produktion und Reproduktion interferent zu denken, erhebliche Schwierigkeiten bereiten und ist auch nicht in jedem Fall sinnvoll resp. kann nur eingelöst werden, wenn diese Dynamiken wiederum auf ‚Merkmale‘ einer Gruppenzugehörigkeit reduziert werden.“

Beide von Tove Soiland gemeinten Seiten beanspruchen über Kategorien zu reden, worunter die einen aber beschreibende Merkmale verstehen und die anderen analytisch-erklärende Begriffe4. – Die wissenschaftliche Konsequenz davon, sich mit Merkmalen zu bescheiden (statt Begriffe zu erarbeiten), wird von Tove Soiland klar ausgesprochen:

„Das eigentliche Untersuchungsobjekt sind damit nicht die Mechanismen der Segregation, sondern deren Effekte und daran anschließend die Frage, wie Gruppen zu konzeptualisieren sind, um genügend komplex, das heißt, den realen soziologischen Gegebenheiten angemessen zu sein.“ (Hv. d. TaP).

Und die politische Konsequenz des Guckens auf Effekte und der Aufzählungs-Logik, die diese beim transgenialen CSD hatten, hat die taz, wenn auch nicht aus inhaltlichem Interesse an revolutionärer Politik, sondern allein aus Häme-Gründen treffend auf den Punkt gebracht:

„Das Politische kam wahrlich nicht zu kurz, verursachte aber vielen Teilnehmern aufgrund der leider nicht kommerziellen Lautsprecheranlage Kopfschmerzen. Die Verlesung der Traktate kam so mitunter nur als Hintergrundkakophonie an: ‚Ismus…istisch…Ismus‘. Bei näherem Hinhören jedoch unterschieden sich die Forderungen nicht wirklich von jenen, die auch auf den großen CSDs gestellt werden. Etwa dem Aufruf zu Solidarität mit Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender in Osteuropa und in der ganzen Welt und zur Bekämpfung von Homophobie – plus einer Extraportion Antirassismus und Kapitalismuskritik.“

Weil auch der tCSD keine Begriffe von Kapitalismus, Rassismus und Patriarchat hat, wird vermeinliche Radikalität über die Länge von Aufzählungen, das Pathos von Adjektiven und sich überschlagender Stimmen sowie die moralisierende Kritik böser Absichten und strategielose „sofort“-Forderungen („Für die sofortige Abschaffung des heteronormativen Zweigeschlechtersystems!“ [Autotrans]) ‚hergestellt‘. So wurde etwa in der Manier linksparteilicher und gewerkschaftlicher verkürzter Kapitalismus-Kritik gepoltert: (mehr…)

Noch einmal zu den Rassismus-Vorwürfen gegen den Berliner CSD

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Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Stellungnahmen1 zu Judith Butlers Weigerung von vor rund zehn Tagen, den ihr angetragenen Zivilcourage-Preis anzunehmen. Außer der Erklärung von Suspect, die ich am Wochenende der geplatzten Preisverleihung bereits zitiert hatte, die aber auch nicht Bezug nimmt auf konkrete Äußerungen aus dem CSD-Spektrum, wird Butlers Rassismus-Vorwurf in keiner dieser zahlreichen Stellungnahmen mit konkreten Argumenten, geschweige denn Belegen untermauert.

I.

Dies ist umso verwunderlicher, als nicht nur mir aufgefallen ist, daß Butlers Kritik – so berechtigt sie im Grundsatz sein dürfte und so schwierig es für sie selbst von Berkeley aus sein dürfte, ihre Kritik mit konkreten Belegen/Zitaten zu illustrieren – doch etwas in der Luft hängt.

Auf der Seite der Kampagne „IWWIT – ich weiß was ich tu“ („Und, wie sieht’s bei dir aus? Weißt du immer, was du tust, wenn es um den Schutz vor HIV und Aids geht?“) heißt es:

„Sie [Butler] hatte es in ihrer schriftlich vorbereiteten Rede […] bei eher allgemein gehaltenen Aussagen belassen. Warum der Berliner CSD in ihren Augen mit Projekten kooperiere, die sich rassistisch geäußert hätten, erklärte sie nicht.
Viele CSD-Besucher empfanden Butlers Rede daher als dürftig. Von einer renommierten Denkerin hätte man zumindest eine differenzierte Begründung erwartet, hieß es. Zumal Butler nach der Preisverleihung, die keine war, rasch das Weite suchte. Hintergrund des Rassismus-Vorwurfs ist vermutlich ein alter Streit in der Berliner Szene: Das Anti-Gewalt-Projekt Maneo, das zum schwulen Info- und Beratungszentrum Mann-O-Meter gehört, hat in seinen Angaben über die Täter bei antischwuler Gewalt immer wieder auch Angaben über deren Migrationshintergrund gemacht. […]. Aber wie gesagt: Diese Debatte, die eine differenzierte und verantwortungsbewusste Diskussion verlangt, wurde auf der CSD-Bühne nicht ausdrücklich erwähnt.“

Insofern liegt es nahe, wie Antje Schrupp in ihrem feministischen blog „Aus Liebe zur Freiheit“ zu schlußfolgern, daß die Sache „leicht auf eine moralische Schiene hinaus“ laufe. Antje führt weiter aus, das führe „zu einer Konkurrenz darum, wer radikaler ist und mehr Recht hat als die anderen.“ Letzteres finde ich nun meinerseits durchaus unproblematisch.

Aber problematisch ist, daß die Ansprüche auf Radikalität und Recht haben nicht mit mehr Belegen und Argumenten untermauert werden.

Judith sagte: „einige der VeranstalterInnen haben sich explizit rassistisch geäußert beziehungsweise sich nicht von diesen Äußerungen distanziert.“

Zumindest den in die Berliner Diskussion involvierten Gruppen sollte es doch wohl möglich sein, klar zu benennen: Wer/welche hat wann was gesagt? Warum soll das rassistisch sein? Und wer/welche hat es versäumt, sich von den umstrittenen Äußerungen zu distanzieren? (vgl. Nr. 3. der Anm.). Und in welcher Beziehung stehen diese Leute zum CSD bzw. den PreisverleiherInnen? Warum gibt es auch jetzt, rund 1 ½ Wochen nach dem Ereignis, immer noch kein Dossier/Pressemappe o.ä. dazu (vgl. dort)?

II.

Mädchenmannschaft-Leser Andreas hat sich jetzt die Mühe gemacht, zumindest mal drei links zum Stand der Debatte vor Judith Butlers Intervention zusammenzustellen: (mehr…)