Archiv der Kategorie 'Online gelesen & kritisiert'

Ungute Erinnerung an die kommunistische Geschichte

Zur Erklä­rung der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Grie­chen­lands (KKE) zu den Ereig­nis­sen in Athen

Die Erklä­rung ver­mengt unbe­grün­det zwei ver­schie­dene Vor­fälle.

Über einen Vor­fall vor dem Par­la­ment heißt es:

„Als die Demons­tra­tion der PAME vor dem Par­la­ment ange­kom­men ist, waren Mit­glie­der der Chrisi Avgi vor Ort (es han­delt sich um eine rechts­ra­di­kale natio­na­lis­ti­sche Gruppe), ‚bekannte Unbe­kannte‘, die 1994 die Tech­ni­sche Uni­ver­si­tät in Brand gesetzt hat­ten und eine Gruppe, die tat­säch­lich schrie ‚Das Par­la­ment soll bren­nen‘. Wir sind hin­ge­gan­gen, haben sie ent­waff­net und haben ihnen zwei Fah­nen von PAME weg­ge­nom­men.“

Chrysi Avgi (so die Wiki-​​Transkription) ist tat­säch­lich eine Orga­ni­sa­tion, die von der dt. Wiki­pe­dia als „natio­nal­so­zia­lis­tisch und ras­sis­tisch“ bezeich­net wird (http://​de​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​C​h​r​y​s​i​_Avgi). Wenn Mit­glie­der einer sol­chen Orga­ni­sa­tion in einer lin­ken Demons­tra­tion zu Gewalt auf­ru­fen („Das Par­la­ment soll bren­nen“) ist die Bezeich­nung Pro­vo­ka­teure gerech­tigt.

Gleich­zei­tig wer­den aber auch – ohne jede nähere Erläu­te­rung – die­je­ni­gen, die die Mol­lis in die Mar­fin Bank war­fen, als Pro­vo­ka­teure bezeich­net:

„Aleka Papa­riga, Gene­ral­se­kre­tä­rin des ZK der KKE hob die Bedeu­tung des orga­ni­sier­ten poli­ti­schen Kamp­fes her­vor und ver­ur­teilte aus dem grie­chi­schen Par­la­ment die Ver­su­che der Pro­vo­ka­teu­ren, die mit Brand­fla­schen in einer Bank, den Tod von drei Men­schen ver­ur­sacht haben.“

Solange es keine kon­kre­ten Anzei­chen für das Gegen­teil gibt, kann und muß aber zwangs­los davon aus­ge­gan­gen wer­den, daß diese Mol­lis – wie Dut­zende andere Mol­lis auch – von mili­tan­ten Lin­ken gewor­fen wur­den (und sie auf­grund spe­zi­fi­scher örtli­cher Umstände1 Fol­gen hat­ten, die nor­ma­ler­weise mit dem Wer­fen von Mol­lis bei Demons­tra­tio­nen nicht beab­sich­tigt sind und auch nicht ein­tre­ten).

Andere Linke mögen daran eine Kri­tik haben. Diese Dif­fe­renz hin­sicht­lich der ein­zu­set­zen­den Mit­tel recht­fer­tigt aber nicht die Unter­stel­lung feind­li­cher Ziele, wie dies im Provokateurs-​​Begriff impli­ziert ist.
Wenn es dann auch noch heißt, „Wir sagen, dass das Volk […] alle not­wen­di­gen Maß­nah­men ergrei­fen soll, um seine Kämpfe zu schüt­zen.“, dann erweckt das schlech­ter­dings ungute Erin­ne­run­gen daran, wie in der Ver­gan­gen­heit von Kom­mu­nis­ti­schen Par­teien mit inner-​​linken Geg­ne­rIn­nen umge­gan­gen wor­den ist.
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Ist das Patriarchat abgeschafft?

[Noch zwei (30.09; 14:36 h) wei­tere (30.09; 15:31 h) mei­ner Kom­men­tare aus der SM-​​Diskussion beim Mäd­chen­blog]

@ Mira­bella – 30. Sep­tem­ber 2009 um 12:40 Uhr

I. Die Grund­satz­dif­fe­renz

Mir scheint, Du defi­nierst Dis­kri­mi­nie­rung so, daß diese nur vor­liegt, wenn irgend­et­was gegen den Wil­len einer der betei­lig­ten Per­so­nen erfolgt – und alles andere ist Dei­nes Erach­tens auch poli­tisch kein Pro­blem.1
Defi­nie­ren kannst Du natür­lich wie Du willst, aber bei der poli­ti­schen Bewer­tung würde ich Dir wider­spre­chen, und des­halb scheint mir auch ein wei­te­rer Begriff von „Dis­kri­mi­nie­rung“ (wenn wir denn den Aus­druck über­haupt ver­wen­den wol­len) sinn­voll.
Herr­schaft und Aus­beu­tung (diese Begriffe sind m.E. vor­zu­zie­hen) lie­gen auch dann vor, wenn die Beherrsch­ten und Aus­ge­beu­te­ten mit die­sen Ver­hält­nis­sen ein­ver­stan­den sind. Diese Begriffe bezeich­nen objek­tive Sozi­al­struk­tu­ren, nicht die Hal­tung von ein­zel­nen Sub­jek­ten dazu. Skla­ven­ar­beit ist Aus­beu­tung, auch wenn die Skla­vin gerne Skla­vin ist (oder sich nichts ande­res vor­stel­len kann); Leib­ei­ge­nen­ar­beit ist Aus­beu­tung, auch wenn der Leib­ei­gene gerne Leib­eig­ner ist; Lohn­ar­beit ist Aus­beu­tung, auch wenn die Arbei­te­rIn­nen ihre Arbeits­ver­träge frei­wil­lig unter­schrei­ben. Haus­ar­beit, ver­rich­tet von Frauen für Män­ner gegen eine bloße ‚Auf­wand­ent­schä­di­gung‘ (gesetz­li­cher Unter­halt oder sogar nur Taschen­geld oder sogar ganz ohne Gegen­leis­tung, falls die Haus­frau über [geerb­tes] Ver­mö­gen ver­fügt), ist Aneig­nung von Frau­en­ar­beit durch Män­ner; ist Aus­beu­tung. Und es ist immer noch Aus­beu­tung, wenn es sich um eine queere Haus-​​femme und eine queere butch (ob schwul oder les­bisch) han­delt.
Und da Herr­schaft nicht zwangs­läu­fig mit Maschi­nen­ge­weh­ren aus­ge­übt wird, son­dern auch – und in der Regel – mit­tels Ideo­lo­gi­scher Staats­ap­pa­rate, liegt auch Herr­schaft nicht erst dann vor, wenn die Leute mit vor­ge­hal­te­ner Waffe zu etwas gezwun­gen wer­den.2

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Noch einmal zu SM und Politik

Anläß­lich der Dis­kus­sion beim Mäd­chen­blog hat sich Thiel Schwei­ger (1, 2) fol­gen­des vor­ge­nom­men:

„Neben lin­ken Auto­ri­tä­ten wie Adorno sind es etwa Alice Schwar­zer, Robert Kurz, das so genannte Ber­li­ner Insti­ti­tut für Faschis­mus­for­schung und wohl gene­rell die meis­ten Freudomarxist_​innen [, die die Ansicht ver­tre­ten, „dass SM poli­tisch kri­ti­ka­bel ist und die äuße­ren Macht­ver­hält­nisse im Pri­va­ten repro­du­ziert“]. Auch links ori­en­tierte Schriftsteller_​innen wie Hein­rich Mann (Der Unter­tan) und Klaus Mann (Mephisto) dürf­ten in diese Reihe gehö­ren. In der Debatte, auf die ich direkt Bezug nehme, machte der Blog­ger von Theo­rie als Pra­xis diese Posi­tion stark, die er auf sei­nem Blog in zwei Bei­trä­gen expli­ziert. An sei­nem Bei­spiel hoffe ich, die­sen Dis­kurs gene­rell kri­ti­sie­ren zu kön­nen.“ (meine Hv.)

1.

Der Ver­such die genann­ten Posi­tio­nen anhand mei­nes Bei­spiels zu kri­ti­sie­ren, ist von vorn­her­ein auf ziem­li­chen san­di­gem Boden gebaut. Zwar mögen alle Genann­ten SM für poli­tisch kri­ti­sie­rens­wert hal­ten und der Ansicht sei­nen, daß SM dahin ten­diere, gesell­schaft­li­che Machtgefälle repro­du­zie­ren. Nur – soweit ich die von T.S. genann­ten Posi­tio­nen kenne, habe ich ganz andere Vor­stel­lun­gen davon, wie die hie­si­gen gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse funk­tio­nie­ren – und folg­lich auch ganz andere Vor­stel­lun­gen davon, was es heißt, die­ses wür­den durch SM repro­du­ziert. Um es in aller Deut­lich­keit zu sagen:

Ich bin keine Freu­domar­xis­tIn. (Sofern ich über­haupt eine Mei­nung zur Psy­cho­ana­lyse habe, ten­diere ich eher zur ent­ge­gen­ge­setz­ten laca­nis­ti­schen Rich­tung. Aber eigent­lich muß ich sagen: Freud habe ich prak­tisch nicht gele­sen; mein Ver­such vor ca. 15 Jah­ren meine Uni-​​Zwischenprüfungsarbeit über Lacan zu schrei­ben, war in mei­nen Augen ziem­lich geschei­tert [die Prü­fungs­kom­mis­sion ließ mich freund­li­cher­weise trotz­dem ins Haupt­stu­dium]. Und über­haupt ver­stehe ich eigent­lich nicht, worum es bei der Psy­cho­ana­lyse geht. – Ich halte mich eher an boden­stän­di­gere The­men.)

Ich bin auch keine Adorno-​​AnhängerIn. Mit der Frank­fur­ter Schule bin ich rund­her­aus nicht ein­ver­stan­den1, und auch kon­kret mit dem von T.S. ange­führ­ten Adorno-​​Zitat zu SM bin ich nicht ein­ver­stan­den.

Schon gar nicht bin ich mit Robi Kurz ein­ver­stan­den. (Einige Jahre nach mei­ner geschei­ter­ten Zwi­schen­prü­fungs­ar­beit hatte ich mal ein Kri­sis-Heft in der Hand und fest­ge­stellt, daß die­ser Ansatz wei­tere Beschäf­ti­gung nicht lohnt.) Auch das von T.S. kon­kret ange­führte Kurz-​​Zitat ist mir zu eso­te­risch.

► Wer das „so genannte Ber­li­ner Insti­ti­tut für Faschis­mus­for­schung“ ist und warum es ein „so genann­tes“ ist, ist mir nicht bekannt – auch nicht die Posi­tio­nen, die dort ver­tre­ten wer­den.

► Auch mit den Manns kenne ich mich nicht aus. Ich bin wirk­lich unge­bil­det.

► Zutref­fend ist, daß die PorNo-​​Kampagne der Emma vor mehr als 20 Jah­ren meine poli­ti­sche Posi­ti­ons­bil­dung zu die­ser Frage beein­flußt hat. Aber als Theo­re­ti­ke­rin ist Schwar­zer für den Femi­nis­mus nun wirk­lich nicht aus­schlag­ge­bend, und auch ihre poli­ti­sche Posi­tio­nie­rung in vie­len ande­ren Fra­gen finde ich falsch. Das an der alten PorNo-​​Position, was mir rich­tig erscheint (also durch­aus nicht alles), ist m.E. sehr gut auch mit avan­cier­te­ren theo­re­ti­schen femi­nis­ti­schen Posi­tio­nen (vgl. hier) ver­ein­bar.

Ich werde daher auf den gan­zen ers­ten Teil des Tex­tes von T.S. (vor den ers­ten drei ***) nicht wei­ter ein­ge­hen. Auch hin­sicht­lich der vagen Andeu­tun­gen zu Pädo­phi­lie beschränkte ich mich – aus Zeit­grün­den – dar­auf, erheb­li­che Vor­be­halte anzu­mel­den (die von T.S. erwähnte Debatte zu dem Thema habe ich nicht zur Kennt­nis genom­men).

2.

Ich beschränke mich daher im fol­gen­den dar­auf, auf den direkt mir gewid­me­ten zwei­ten Teil ein­zu­ge­hen. Auch da kann ich meine Posi­tion nicht wirk­lich wie­der­er­ken­nen – wahr­schein­lich, weil T.S. meine Stel­lung­nah­men vor einer freu­domar­xis­ti­schen Folie liest, die aber in mei­nem Fall über­haupt nicht pas­send ist.

[TaP:] „Und müs­sen wir dann nicht berech­tig­ter­weise befürch­ten, daß sich die ‚zeit­wei­lig ungleich ver­teilte‘ Macht in SM-​​Beziehungen schnell ver­selb­stän­digt – beson­ders dann, wenn sie (wie oben dar­ge­legt) den gesell­schaft­li­chen Macht­ver­hält­nis­sen folgt?“
[T.S.:] „Dies ist nun etwas, was im SM-​​internen Dis­kurs oft genug pro­ble­ma­ti­siert wird.“

Nur wurde es eben weder in dem sei­ner­zeit von mir kri­ti­sier­ten AK-​​Artikel the­ma­ti­siert, noch in dem jet­zi­gen Bei­trag von Mira­bella beim Mäd­chen­blog. Und auch T.S. wischt das Thema gleich wie­der weg:

„Natür­lich gibt es diese Gefahr – ‚No risk no fun‘ kann man da eigent­lich nur sagen“.

Wei­ter macht T.S. gel­tend:

„Die meis­ten SM-​​Praktiken wei­sen über­haupt kei­nen direk­ten Bezug zu äuße­ren Macht­ver­hält­nis­sen auf.“

Nun hatte ich aber anhand der von mir aus­ge­wer­te­ten SM-​​Annoncen und der Schlag­werk-home­page auf­ge­zeigt, daß es weit über­wie­gend Män­ner sind, die den domi­nan­ten part ein­neh­men wol­len; auch die Wiki­pe­dia nennt eine Zahl von bloß 11 bis 28 Pro­zent weib­li­cher tops.

Gegen diese Ana­lyse wen­det T.S. ein:

„Sinn­vol­ler wäre es gewe­sen, ein­schlä­gige Stu­dien zu dem Thema, die es ja gibt, zu lesen, etwa Nor­bert Elbs Buch SM-​​ Sexua­li­tät: Selbst­or­ga­ni­sa­tion einer sexu­el­len Sub­kul­tur.“

Asche auf mein Haupt. Das war wirk­lich eine schwer­wie­gende wis­sen­schaft­li­che Ver­feh­lung, daß ich im Jahre 2000 ein Buch noch nicht zitiert hatte, das erst 6 Jahre ver­öf­fent­licht wurde…

„SMer_​innen, die sich frei­wil­lig unter­wer­fen, da sie sie sich davon einen Lust­ge­winn ver­spre­chen, sind letzt­end­lich ideo­lo­gisch ver­blen­det und nicht Ernst zu neh­men. […]. SMer_​innen wird abge­spro­chen, ihr Glück selbst beur­tei­len zu kön­nen, sie wer­den patho­lo­gi­siert.“

Die mir unter­stellte Posi­tion ist – was mich betrifft – frei erfun­den. Beim Mäd­chen­blog hatte ich viel­mehr geschrie­ben:

„es wäre anma­ßend und müßig, Dir sagen zu wol­len, daß Du das Fal­sches willst (schließ­lich ist es Dein Wille) – aber es ist schon mög­lich eine eigene poli­ti­sche Mei­nung dazu zu haben, oder?“ (30.09.; 10:59 h)

Auch ansons­ten halte ich die Rede vom „fal­schen Bewußt­sein“ (scil. ‚Ver­blen­dung‘ etc.) für falsch:
http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​9​/​1​5​/​w​a​r​u​m​-​i​d​e​o​l​o​g​i​e​-​k​e​i​n​-​n​o​t​w​e​n​d​i​g​-​f​a​l​s​c​h​e​s​-​b​e​w​u​s​s​t​s​e​i​n​-​i​s​t​-​u​n​d​-​a​u​s​-​e​i​n​e​r​-​e​r​k​e​n​n​t​n​i​s​-​n​i​c​h​t​-​a​u​t​o​m​a​t​i​s​c​h​-​e​i​n​e​-​b​e​s​t​i​m​m​t​e​-​p​o​l​i​t​i​s​c​h​e​-​h​a​l​t​u​n​g​-​f​olgt/.

Und auch die Pathologisierungs-​​Unterstellung gegen­über SM-​​KritikerInnen und -Skep­ti­ke­rIn­nen, die in dem Aus­gangs­text beim Mäd­chen­blog eben­falls ent­hal­ten ist, hatte ich bereits zurück­ge­wie­sen:

[Mira­bella:] „Bei BDSM han­delt es sich um eine Nei­gung und nicht um eine Spie­le­rei oder eine krank­hafte Per­ver­sion.
[TaP:] „Ich würde ja alt­mo­disch sagen: Es han­delt sich um Poli­tik. Das Sexu­elle ist poli­tisch.“ (30.09.; 10:59 h)

Wei­ter geht es bei T.S. wie folgt:

„Auch dass Gewalt per se etwas schlech­tes ist, ist eine Mei­nung, die direkt aus der bür­ger­li­chen Staats­ideo­lo­gie ent­nom­men ist: es gibt nur eine Gewalt – die des Staa­tes – und die ist eben keine. Alle andere Gewalt wird tabui­siert. Eine ratio­nale Gewalt­kri­tik müsste dage­gen die Zwe­cke betrach­ten, denen Gewalt u.U. als ange­mes­se­nes Mit­tel dient.“

a) Auch die mir unter­stellte Posi­tion zur Staats­ge­walt ist frei erfun­den. 1. Ist Staats­ge­walt Gewalt. 2. halte ich es für falsch, staat­li­cher Gewalt­an­wen­dung die These ent­ge­gen­zu­set­zen, Gewalt sei kein Mit­tel der Poli­tik (1 + Kom­men­tar). Doch, Gewalt ist ein Mit­tel der Poli­tik.
b) Gewalt­an­wen­dung gegen andere zur Befrie­dung der eige­nen Lust („dort ist eben der Genuss der Macht pri­mä­rer Trieb“ – Zitat aus einem von T.S. zur Lek­türe emp­foh­le­nen Text) finde ich aller­dings – gelinde gesagt – ziem­lich pro­ble­ma­tisch. Wenn das Frauen im Patri­ar­chat gegen Män­ner machen, und die Män­ner ihrer­seits auch noch damit ein­ver­stan­den sind, regt mich das nicht wei­ter auf. Wenn die Gewalt­an­wen­dung dage­gen typi­scher­weise (und so scheint es in der SM-​​Szene zu sein) der herr­schen­den Gewalt­ver­tei­lung ent­spricht, dann ist das nichts, was ich poli­tisch begrü­ßen will.

„Zudem beinhal­tet seine Argu­men­ta­tion einen recht selt­sa­men Sozi­al­de­ter­mi­nis­mus. Die Deter­mi­na­tion, die die Gesell­schaft auf die SM-​​betreibenden Indi­vi­duen aus­ge­übt, geht dabei recht platt vor sich, im Sinne eines sim­plen, nicht wei­ter erklär­ten, Abbil­dungs­vor­gangs: hier Macht, dort Macht. Nicht erklärt wird, warum dies nur bei so weni­gen Indi­vi­duen funk­tio­niert, warum es nicht wesent­lich mehr SMer_​innen gibt.“

Meine These geht viel­mehr in die Rich­tung, daß SM nur eine Radi­ka­li­sie­rung des­sen ist, was im Rah­men von nor­ma­ler, hetero/​a/​sexueller Sexua­li­tät ohne­hin üblich ist, ist (1, 2, 3, 4, 5 – bei 1 und 2 jew. die Foucault-​​, MacKinnon-​​ und Rich-​​Zitate + Kon­text; die rest­li­chen Stel­len sind Kurz-​​Statements).

Auch seine hier schon als Kom­men­tar gepos­tete Monopoly-​​Analogie bringt T.S. noch ein­mal vor. Dazu hatte ich schon geschrie­ben:

„Naja, ein Brett­spiel ist viel­leicht etwas ande­res als der ‚Spie­len‘ mit frem­den Kör­pern. Und bei Mono­poly wer­den nicht die gesell­schaft­li­chen Rol­len der kon­kret Spie­len­den repro­du­ziert. Die ‚Rol­len‘ im Spiel funk­tio­nie­ren völ­lig unab­hän­gig von der (sons­ti­gen) gesell­schaft­li­chen Rolle der Spie­len­den, wäh­rend es beim SM eine starke Ten­denz gibt, daß wie­derum Män­ner die Domi­nie­ren­den sind – lt. Wiki­pe­dia 72 – 89 %.“

Auch das hier schon gepos­tete Foucault-​​Zitat führt T.S. noch ein­mal an. Hier erneut meine Ant­wort:

Fou­cault: „dass sie neue Mög­lich­kei­ten von Lust erfin­den, indem sie bestimmte eigen­tüm­li­che Par­tien ihrer Kör­per gebrau­chen – indem sie die­sen Kör­per ero­ti­sie­ren.“

T.S.: „Und ihr sub­ver­si­ves Poten­tial liegt eben tat­säch­lich (siehe Fou­cault) in der Erfin­dung neuer Lüste.“

Das ist sehr all­ge­mein. Und in die­ser All­ge­mein­heit gibt es da auch gar nichts ein­zu­wen­den. Dage­gen ist das Nach’spielen‘ von Herr­schaft ein sehr spe­zi­fi­scher Fall. Und ich habe bis­her kein Argu­ment gehört, daß mich über­zeu­gen würde, daß es mög­lich ist, im Falle von SM eine halb­wegs trenn­scharfe Unter­schei­dung zwi­schen ‚Spiel‘ und ‚Ernst‘ zu tref­fen.2
Der hie­sige Aus­gangs­ar­ti­kel von Mira­bella und auch die sei­ner­zeit von mir im AK kri­ti­sier­ten Texte sind viel­mehr ein sehr star­kes Indiz dafür, daß die Unter­schei­dung nicht mög­lich ist – am Ende ist auch der ‚Ernst‘ ein ‚Spiel‘, und das Patri­ar­chat löst sich durch queer-​​sadomaso Volun­ta­ris­mus in Luft auf.

3.

Noch ein­mal kurz zurück zum Anfang und dann direkt zum Ende des Tex­tes von T.S.:

„weil die ‚Per­ver­sen‘ sich unter Druck gesetzt füh­len, den gegen sie ins Feld geführ­ten Dif­fa­mie­run­gen ent­ge­gen­zu­tre­ten,“ /​ „Ver­däch­ti­gun­gen“ /​ „gewohnte links­mo­ra­li­sie­rende Gerüch­te­kü­che im Wind­schat­ten Freuds“

Wel­che „Dif­fa­mie­run­gen“ gab es beim Mäd­chen­blog? Wo ging/​geht es dort um Moral? Es geht um Poli­tik. -
Aber die­ser ‚argu­men­ta­tive‘ Schlen­ker ist durch­aus typisch für sol­che Debat­ten: Erst wird die poli­ti­sche Kri­tik in mora­li­sche und juris­ti­sche Ter­mini ‚über­setzt‘ statt auf der poli­ti­schen Ebene zu erwi­dern – und dann wird in genia­ler Weise der ver­meint­li­che Mora­lis­mus der Gegen­po­si­tion ent­larvt und umge­hauen.

  1. Mit die­sen Kri­ti­ken bin ich weit­ge­hend ein­ver­stan­den:
    Gareth Sted­man Jones, The Mar­xism of the Early Lukács: an Eva­lua­tion, in: New Left Review, Iss. 70, Nov./Dec. 1971, 27 – 64 (wie­der­ab­ge­druckt in: ders. et al., Wes­tern Mar­xism. A Cri­ti­cal Rea­der, NLB: Lon­don, 1977, 11 – 60).

    Göran Ther­born, The Frank­furt School, in: New Left Review H. 63, Sept./Oct. 1970, 65 – 96 (zusam­men mit Ther­born 1971 wie­der­ab­ge­druckt in: Sted­man Jones et al. 1977, 83 – 139).
    ders., Jür­gen Haber­mas: A New Eclec­ticism, in: New Left Review Iss. 67, May/​June 1971, 69 – 83 (zusam­men mit Ther­born 1970 wie­der­ab­ge­druckt in: Sted­man Jones et al. 1977, 83 – 139).

    (Aus Netz­wer­ken von Universitäts-​​ und Staats­bi­blio­the­ken besteht ein kos­ten­freier Zugang zum NLR-Archiv.)

    Rolf Nemitz, Ideo­lo­gie als „not­wen­dig fal­sches Bewußt­sein“ bei Lukács und der Kri­ti­schen Theo­rie, in: Projekt-​​Ideologie-​​Theorie (Hg.), Theo­rien über Ideo­lo­gie (Argument-​​Sonderband AS 40), Argu­ment: [West]berlin, 1. Aufl.: 1979, 3. Aufl.: 1986, 39 – 60.

    Stef­fen Kratz /​ Beate Ver­horst, Frank­fur­ter Schule (Adorno und Mar­cuse), in: Heinz Kim­merle (Hg.), Modelle der Mate­ria­lis­ti­schen Dia­lek­tik. Bei­träge der Bochu­mer Dialektik-​​Arbeitsgemeinschaft, Mar­ti­nus Nijhiff: Den Haag, 1978, 185 – 209; online unter: http://​www​.trend​.info​par​ti​san​.net/​t​r​d​0​5​0​7​/​t​0​3​0​5​0​7​.html.

    Lucio Col­letti, Von Hegel zu Mar­cuse, in: alter­na­tive H. 72/​73: Lite­ra­tur und Revo­lu­tion. Bei­träge aus Ita­lien, Juni/​Aug. 1970, 129 – 149

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  2. S. http://​edoc​.hu​-ber​lin​.de/​d​i​s​s​e​r​t​a​t​i​o​n​e​n​/​s​c​h​u​l​z​e​-​d​e​t​l​e​f​-​g​e​o​r​g​i​a​-​2​0​0​4​-​0​6​-​1​0​/​P​D​F​/​s​c​h​u​l​z​e.pdf, S. 187 – 190. [zurück]

Patriarchat abgeschafft – Das Private ist wieder unpolitisch?!

[Die­sen Kom­men­tar zum Bei­trag:

Femi­nis­mus und BDSM (Sado­ma­so­chis­mus) – unver­ein­bar?

beim Mäd­chen­blog habe ich dort gerade gepos­tet]

Also – mich über­zeugt das nicht.

„Mir scheint, dass oft Dis­kri­mi­nie­rung und Benach­tei­li­gung gesucht wird wo keine ist. Weni­ger Frauen haben einen guten Beruf und mehr Frauen arbei­ten Teil­zeit im Ver­gleich zu Män­nern. Aber das liegt nicht an der aktu­el­len Benach­tei­li­gung von Frauen, son­dern an der Benach­tei­li­gung in der Ver­gan­gen­heit: […]. Aber ältere Frauen, die in jun­gen Jah­ren noch nicht die glei­chen Rechte hat­ten wie die jun­gen Frauen heut­zu­tage, sind natür­lich wei­ter­hin noch benach­tei­ligt, da sie in jun­gen Jah­ren nicht die glei­chen guten Aus­bil­dun­gen genie­ßen konn­ten wie die Män­ner.“

Und warum ver­die­nen auch Frauen, die auf glei­cher Hier­ar­chie­stufe wie Män­ner arbei­ten, im Durch­schnitt weni­ger als die ent­spre­chen­den Män­ner?
Und warum ist Haus­ar­beit immer noch ganz über­wie­gend Frau­en­sa­che – selbst bei jun­gen Paa­ren mit hoher Aus­bil­dung und wo die Frau erwerbs­tä­tig ist (spä­tes­tens zumin­dest, wenn es in der Bezie­hung Kin­der gibt)?1
Warum repro­du­ziert sich die sexis­ti­sche Arbeits­tei­lung selbst in trans­gen­der-Bezie­hun­gen?2
Warum gibt es wei­ter­hin sexuelle/​sexualisierte Gewalt? Und warum ist sie wei­ter­hin in aller ers­ter Linie Män­ner­ge­walt gegen Frauen?
Warum gibt es sol­che Phä­no­mene wie die Kam­pa­gne gegen Ypsi­lanti?3

„Gerade in einer Part­ner­schaft liegt eine gleich­be­rech­tigte Macht­ver­tei­lung vor, die stets die Grund­lage zur frei­wil­li­gen Unter­wer­fung bil­det.“

Ich würde dage­gen die These set­zen wol­len: Die frei­wil­lige Part­ner­wahl macht die Unter­wer­fung attrak­tiv, aber auch die sub­jek­ti­vie­rende Unter­wer­fung (Alt­hus­ser /​ Fou­cault) (hier: die Unter­wer­fung eines lie­ben­den weib­li­chen Sub­jekts) ist immer noch Unter­wer­fung:

„Um die Liebe zwi­schen den Part­nern nicht aufs Spiel zu set­zen, ver­zich­ten die meis­ten Paare über weite Stre­cken auf eine expli­zite Auf­rech­nung, wie sie bei einer genauen Ein­hal­tung der Part­ner­schafts­norm [Gleich­be­rech­ti­gung, d. Vf​.In] erfor­der­lich wäre. Dadurch ent­steht die Situa­tion, daß die Betei­li­gung des Man­nes an der Haus­ar­beit sich auf gele­gent­li­che Hil­fe­stel­lung und außer­or­dent­li­che ‚Son­der­leis­tun­gen‘ […] beschränkt.“ (Koppetsch/​Burkart 1999, 319).

und
wie hier FN 1, S. 73 f., 187-​​189

„Dem­nach gibt es kei­nen Grund, sich bei oder vor den ‚Spie­len‘ Gedan­ken um die äuße­ren Macht­ver­hält­nisse zu machen.“

Und wes­halb wer­den dann beim ‚Spie­len‘ die ‚äuße­ren‘ Macht­ver­hält­nisse haar­ge­nau nach­ge­spielt?
Vgl. meine Kri­tik:
http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​0​/​0​8​/​3​1​/​w​e​s​s​e​n​-​g​e​w​a​l​t​-​h​a​t​-​d​i​e​-​m​a​c​h​t​-​s​e​x​y​-​z​u​-​sein/

„Aber wenn ich maso­chis­tisch bin und einen Mann gefun­den habe, der zu mir passt, mit dem ich mich per­fekt ergänze, den ich liebe, warum sollte aus­ge­rech­net die­ser Mann dann mein Feind sein? Die­ser Mann ist alles andere als mein Feind: Er ist mein Part­ner, mein Gelieb­ter, mein ein und alles. […]. Warum wird immer wie­der – gerade von Femi­nis­tin­nen – gefor­dert, Frauen soll­ten sich eman­zi­pie­ren und nach ihrem eige­nen Wil­len han­deln, wenn es dann doch wie­der falsch ist? Warum darf meine sexu­elle Selbst­be­stim­mung nicht so weit gehen, dass ich für mich ent­scheide, Maso­chis­tin zu sein.“

Ja, es wäre anma­ßend und müßig, Dir sagen zu wol­len, daß Du das Fal­sches willst (schließ­lich ist es Dein Wille) – aber es ist schon mög­lich eine eigene poli­ti­sche Mei­nung dazu zu haben, oder?

„Bei BDSM han­delt es sich um eine Nei­gung und nicht um eine Spie­le­rei oder eine krank­hafte Per­ver­sion.“

Ich würde ja alt­mo­disch sagen: Es han­delt sich um Poli­tik. Das Sexu­elle ist poli­tisch.

„Ich kann stu­die­ren und mei­nen Beruf aus­üben, viel Geld ver­die­nen und sagen, was ich will – und den­noch kann mein Part­ner mich im Bett schla­gen und demü­ti­gen, weil es mir gefällt!“

Das erste Teil des Zita­tes scheint mir latent ein unzu­tref­fen­des Klassen-​​bias zu ent­hal­ten (Sexi­mus sei aus­schließ­lich ein Unter­schicht­sphä­no­men /​ eine Bil­dungs­frage) – und bei dem zwei­ten Teil stellt sich mir schon die Frage (nicht das ich erwarten/​verlangen würde, daß Du das öffent­lich aus­brei­ten willst): Warum gefällt Dir das?

„Also bei Alice Schwar­zer, die sich auch deut­lich gegen jede Por­no­gra­fie wen­det und häu­fig sogar fast män­ner­feind­lich rüber­kommt, war nichts ande­res zu erwar­ten.“

Die Bemü­hun­gen um ‚femi­nis­ti­sche Por­no­gra­phie‘ in allen Ehren4, aber:
a) Warum muß das dann immer noch Por­no­gra­phie hei­ßen, wenn es doch angeb­lich etwas ganz ande­res ist?
Und b): Anfang des Jah­res war ich in Wien bei einem die­ser modi­schen post-​​porn-​​Festivals – mei­nen Ein­druck hatte ich danach wie folgt zusam­men­ge­faßt
„Um noch mal zusam­men­fas­send auf die Filme zurück­zu­kom­men: Soweit nicht ohne­hin Schwänze, son­dern Dil­dos gezeigt wur­den, bestä­tig­ten, sie NICHT die von einer der Refe­ren­tIn­nen aus Pre­cia­dos ‚Kon­t­rase­xu­el­lem Mani­fest‘ refe­rierte These, daß sich Dil­dos in Form, Farbe sowie Positionierungs-​​/​Anbringungs-​​ und Ein­satz­mög­lich­kei­ten von Schwän­zen unter­schei­den statt Schwanz-​​Substitute zu sein. Das, was zu sehen war, schien eher auf getreulich-​​naturalistische Imi­ta­tion in Form, Farbe, Anbrin­gung (zwi­schen den Bei­nen) und Ein­satz (haupsäch­lich in der Vagina: mög­lichst tief, in mög­lichst schnel­lem Ryth­mus, mög­lichst hef­tig bis gewalt­sam) der männlich-​​heterosexuellen Nor­ma­li­tät zu zie­len.“
(mehr…)

(Was) wählen? – Teil IV: Ein Sieg von Schwarz-Geld wäre ein Schritt zurück hinter Seattle!

- Ant­wort auf Bar­ri­cada -

Bar­ri­cada hat sich die Mühe einer aus­führ­li­chen Ant­wort auf meine gest­ri­gen Anmer­kun­gen zu dem vor­her­ge­hen­den Text von Bar­ri­cada gemacht.
Auf die Nacht­ar­beit nun also Sonn­tags­ar­beit zur Frage: Links­par­tei wäh­len? Oder bes­ser nicht?

Ich gehe der Ein­fach­heit hal­ber die Argu­mente von Bar­ri­cada der Reihe nach durch:

1.

„Vor allem muss hier bedacht wer­den, dass DIE LINKE in den nächs­ten Jah­ren gar nichts ande­res tun kann, als ihre poli­ti­schen Posi­tio­nen mehr und mehr auf­zu­wei­chen (ein Pro­zess, der ja ohne­hin bereits in vol­lem Gange ist), um sich den Sozi­al­de­mo­kra­ten und den Grü­nen als ver­läss­li­che Bünd­nis­part­ne­rin zu prä­sen­tie­ren.“

Das halte ich zwar auch eher für wahr­schein­lich, aber nicht für aus­ge­macht. Wenn sich eine starke linke Mas­sen­be­we­gung mit einer Pro­gram­ma­tik links vom Linkspartei-​​main­strean ent­wi­ckeln würde, würde ver­mut­lich auch die Links­par­tei etwas nach links rücken. Und dem Ent­ste­hen einer sol­chen etwai­gen Mas­sen­be­we­gung würde durch das Wäh­len der Links­par­tei nicht gescha­det. Viel­mehr würde ein schwa­ches Abschnei­den der Links­par­tei und ein star­kes Abschnei­den insb. der FDP auch die aller­meis­ten Kräfte – außer die völ­lig wirk­lich­keits­re­sis­ten­ten – links von der Links­par­tei demo­ra­li­sie­ren. Ein Sieg von Schwarz-​​Gelb wäre ten­den­zi­ell ein Schritt zurück zu den ideo­lo­gi­schen Ver­hält­nisse vor Seat­tle.

2.a)

„Dem kann ich inso­weit nicht zustim­men, dass sich das ‚klei­nere Übel‘ bis­lang stets als ebenso gro­ßes Übel her­aus­ge­stellt hat, dass der kapi­ta­lis­ti­schen Gesamt­ma­schi­ne­rie ledig­lich als Alibi die­nen konnte.“

Das wäre nur dann zutref­fend, wenn es his­to­risch zum klei­nere Übel, einem Reform-​​Kapitalismus, jeweils die reale Alter­na­tive ‚Besei­ti­gung der ‚kapi­ta­lis­ti­schen Gesamt­ma­schi­ne­rie'‘ gege­ben hätte. Das hätte m.E. in Deutsch­land selbst 1918 und 1923 mit bes­se­rer Tak­tik der KPD-​​Führung nicht geklappt. Ob es 1968 in Frank­reich mit bes­se­rer Tak­tik der KPF geklappt hätte – keine Ahnung; ver­mut­lich wäre damals aber mehr drin gewe­sen. Trotz­dem dürfte auch das keine revo­lu­tio­näre Situa­tion gewe­sen sein.

b)

„Man sehe sich nur die Hoff­nun­gen an, die 1998 beim Regie­rungs­an­tritt von Rot-​​Grün geherrscht haben.“

Daß rot-​​grün eine neo­li­be­ra­lere Poli­tik als vor­her die Kohl-​​Regierung betrei­ben würde, war aber m.E. nicht abzu­se­hen. Für eine Wie­der­ho­lung die­ses Expe­ri­ments (auch unter Betei­li­gung der Links­par­tei) würde es meine Stim­mun­ter­stüt­zung nicht geben. Aber wie schon in Teil III aus­ge­führt: Die heu­tige Frage ist nicht ‚Rot-​​rot-​​grün – ja oder nein?‘, son­dern ‚Schwarz-​​gelb mit einer schwa­chen Links­par­tei als Oppo­si­tion oder Schwarz-​​Rot mit einer stär­ke­ren Links­par­tei als Oppo­si­tion‘. Da liegt m.E. auf der Hand, was das klei­nere Übel ist.

3.

„Der Kapi­ta­lis­mus hat die Mög­lich­keit sich zeit­wei­lig zu rege­ne­rie­ren, indem er die ent­stan­dene Last auf die unte­ren Schich­ten abwälzt, vor allem auf die Men­schen in de Drit­ten Welt, aber er kann sie nie­mals besie­gen.“

Ja, kapi­ta­lis­ti­sche Ent­wick­lung ist immer Ent­wick­lung in und durch Kri­sen. Aber wahr ist, daß der Kapi­ta­lis­mus nicht nur eine mas­sive Akku­mu­la­tion von Pro­duk­ti­ons­mit­teln, son­dern eine mas­sive Stei­ge­rung der Kon­sum­gü­ter­pro­duk­tion her­vor­ge­bracht hat. (Daß sie im Tri­kont viel­leicht nicht mit dem Bevöl­ke­rungs­wachs­tum Schritt gehal­ten hat, ist noch mal ein ande­res Thema.)
Jeden­falls hatte Lenin mit sei­ner Fäulnis-​​These voll dane­ben gehauen.

4.a)

„Wer immer nur nach sys­tem­im­ma­nen­ten Ant­wor­ten sucht, der wird auch nichts wei­ter als eben diese bür­ger­li­chen Illu­sio­nen vor­fin­den. Viele sagen ‚Man kann ja nach Ant­wor­ten inner­halb des Kapi­ta­lis­mus suchen und den­noch die Revo­lu­tion vor­be­rei­ten‘, aber eben dies ist der Trug­schluss, der den ers­ten Stein auf der Reise in den links­li­be­ra­len Refor­mis­mus mar­kiert, denn unsere Gesell­schaft kennt in ihrem ele­men­ta­ren Wesen nicht viel ande­res, als zwei sich ant­ago­nis­tisch gegen­über­ste­hende Klas­sen. Man kann sich nicht für beide ent­schei­den. Ent­we­der ist man bereit nach Mit­teln und Wegen zu suchen, das Sys­tem der bür­ger­li­chen, der herr­schen­den Klasse zu zer­schla­gen und ein neues auf­zu­bauen oder man ord­net sich den Spiel­re­geln unter, die uns diese Klasse durch ihr Sys­tem auf­er­legt.“

Bei­des (Refor­men und revo­lu­tio­nä­rer Bruch) ent­ge­gen­zu­set­zen ist m.E. wei­ter­hin falsch. Es gibt reale Ver­bes­se­run­gen für die Aus­ge­beu­te­ten und Beherrsch­ten, die inner­halb der beste­hen­den Ver­hält­nisse durch­ge­setzt wer­den kön­nen. Und sie durch­zu­set­zen, ver­schlech­tert nicht die Per­spek­ti­ven für die Ent­wick­lung einer revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung, son­dern ver­bes­sert sie. Sie schon mei­nen Text:
http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​9​/​0​1​/​e​x​i​s​t​e​n​z​g​e​l​d​-​m​i​n​d​e​s​t​l​o​e​h​n​e​-​u​n​d​-​p​o​l​i​t​i​s​i​e​r​u​n​g​-​r​i​c​h​t​i​g​e​-​u​n​d​-​f​a​l​s​c​h​e​-​r​e​f​o​r​m​f​o​r​d​e​r​u​ngen/, Abschnitt II.2. „Warum ist nun aber rich­tig der­ar­tige tat­säch­li­che Reform­for­de­run­gen zu stel­len?“.
Im übri­gen ist m.E. zutref­fend, was solid in sei­ner der ers­ten Fas­sung sei­nes Tex­tes bei den Mons­ters of Göt­tin­gen [die­ser link führt zur neue­ren Fas­sung] geschrie­ben hatte:

Wir müs­sen dafür arbei­ten, das solch eine Über­zeu­gung: ‚Für Ver­bes­se­run­gen strei­ten und für den Sys­tem­wech­sel kämp­fen‘, über­haupt in der Par­tei um sich greift. In der Sozi­al­de­mo­kra­tie konnte sich diese Posi­tion offen­sicht­lich nicht hal­ten. Es ist dabei nicht ziel­füh­rend ‚Reform und Revo­lu­tion‘ gegen­ein­an­der aus­zu­spie­len. Es braucht also Stra­te­gien, wie es für uns (und spe­zi­ell für Abge­ord­nete) sinn­voll kom­mu­ni­zier­bar wird, das wir die­ses und jenes wol­len, das es grund­sätz­li­che Ver­än­de­run­gen /​Verbesserungen aber nur jen­seits des Kapi­ta­lis­mus geben kann.

Die Frage ist also, nicht ob für Refor­men zu kämp­fen, son­dern wie für Refor­men zu kämp­fen ist, damit dies revo­lu­tio­nä­ren Zie­len nicht ent­ge­gen­steht.
Siehe Abschnitt III. mei­nes genann­ten Tex­tes („Kri­te­rien zur Unter­schei­dung zwi­schen rich­ti­gen und fal­schen Reform­for­de­run­gen …“).
Zum Schluß noch zwei Lenin-​​Zitate – wo er Recht hat, hat er Recht:

„Wir sind abso­lut nicht gegen den Kampf um Refor­men. […]. Wir sind Anhän­ger eines Reform­pro­gram­mes, das auch gegen die Oppor­tu­nis­ten gerich­tet wer­den muß. Die Oppor­tu­nis­ten wären nur froh, wenn wir ihnen allein den Kampf um Refor­men über­lie­ßen, uns selbst aber in ein Wol­ken­kucks­heim einer ‚Ent­waff­nung’ vor der schlech­ten Wirk­lich­keit drü­cken.“ (LW 23, 72 – 83 (80) – Das Mili­tär­pro­gramm der pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­tion [1916])

„Die Sozia­lis­ten ver­zich­ten kei­nes­wegs auf den Kampf für die Durch­füh­rung von Refor­men. […]. Es ist aber ein blo­ßer bür­ger­li­cher Betrug, wenn man Refor­men pre­digt für Fra­gen, die die Geschichte und die ganze poli­ti­sche Situa­tion nur als durch die Revo­lu­tion zu lösende stem­pelt.“ (LW 22, 172 – 183 (175) – Vor­schläge des Zen­tral­ko­mi­tees der SDAPR an die zweite Sozia­lis­ti­sche Kon­fe­renz [der sog. ‚Zim­mer­wal­der Lin­ken’] [1916])1

b)

„Einen gol­de­nen Mit­tel­weg, gibt es in die­sem Falle nicht.“

Es geht in der Tat nicht um einen Mit­tel­weg. Es geht darum, daß eine revo­lu­tio­näre Bewe­gung, die nicht auch um Refor­men kämpft, die nicht auch Kom­pro­misse schließt, voll­stän­dig ima­gi­när – ein rei­nes Wol­ken­kucks­heim, wie Lenin sagt – ist.2

PS.:
Nach­trag zur gesam­ten Wahl­se­rie
http://​ipar​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​9​/​2​7​/​d​r​e​i​-​s​t​u​n​d​e​n​-​u​n​d​-​i​m​m​e​r​-​n​o​c​h​-​n​i​c​h​t​-​g​e​w​a​ehlt/ =
http://​de​.indy​me​dia​.org/​2​0​0​9​/​0​9​/​2​6​2​0​4​2​.​shtml (mit lau­fen­der Dis­kus­sion)

  1. Vgl. mein Exzerpt http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​1​9​9​6​/​0​9​/​0​2​/​l​e​n​i​n​s​-​p​a​z​i​f​i​s​m​u​s​-​k​r​itik/. [zurück]
  2. Vgl. http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​9​/​0​3​/​l​e​n​i​n​-​a​n​t​w​o​r​t​-​d​e​r​-​a​n​t​i​d​e​m​o​k​r​a​t​i​s​c​h​e​n​-​a​k​tion/. [zurück]

8 Fehler des Antidemokratischen Gegenstandpunkts (GSP, sorry: ADA)

@ Anti­de­mo­kra­ti­sche Aktion – 05. Sep­tem­ber 2009 um 8:42 Uhr:

„erfolg­rei­che kom­mu­nis­ti­sche Agi­ta­tion – und ob sie erfolg­reich ist, hat man halt nicht in der Hand – ist gleich­be­deu­tend mit einer ‚Ände­rung der Kräf­te­ver­hält­nisse‘, näm­lich der zwi­schen Kapi­ta­lis­mus­fans und Kom­mu­nis­ten.“

1. Feh­ler: Reduk­tion des poli­ti­schen Kamp­fes auf Agi­ta­tion = Reduk­tion des Kräf­te­ver­hält­nis­ses auf ein rein intel­lek­tu­el­les (geis­ti­ges) Ver­hält­nis.

„Und auf diese kommt es ja wohl an, wenn man die Revo­lu­tion machen will. Getrennt davon ‚Kräf­te­ver­hält­nisse ändern‘ zu wol­len heißt daher not­wen­dig, von objek­ti­ver Kri­tik abzu­se­hen“

2. Feh­ler: Nicht-​​Unterscheidung zwi­schen Erkennt­nis und Hal­tung. Eine kri­ti­sche Hal­tung zum und Pra­xis gegen den Kapi­ta­lis­mus ist nicht objek­tiv, son­dern par­tei­lich;
und aus einer objek­ti­ven Erkennt­nis des Kapi­ta­lis­mus folgt nicht auto­ma­tisch eine nega­tive Hal­tung zum Kapi­tali­mus.1
M.a.W.: Ihr blen­det den ideo­lo­gi­schen Klas­sen­kampf, der um Einstellungs-​​/​Haltungsfragen, um die For­mie­rung einer revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gun­gen usw. (was alles nicht nur Erkennt­nis­fra­gen sind) aus.
Euch trifft genau die glei­che Kri­tik, die Alt­hus­ser gegen die Füh­rung der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Frank­reichs rich­tete:

„Das Bewußt­sein, das sind Ideen, und Ideen sind das, was man bekannt machen, d.h. ver­brei­ten muß. Bewußt­sein, Ideen, Ver­brei­tung von Ideen. Hier haben wir eine voll­stän­dig idea­lis­ti­sche Kon­zep­tion der poli­ti­schen Pra­xis.“
„Um mit sol­cher Sicher­heit [wie sie frz. KP hatte, TaP] den Besitz jener Wahr­heit zu bean­spru­chen, […], d.h. den Besitz der Wahr­heit über ihre [der Arbei­te­rIn­nen, TaP] eige­nen Inter­es­sen, deren sie sich ‚bewußt wer­den‘ (und um über­zeugt zu sein, daß die ‚Bewußt­wer­dung‘, […], vor allem aus einem ein­fa­chen ‚Kampf der Ideen‘ her­vor­ge­hen kann, in dem es genügt, dem Bewußt­sein der Arbei­ter unsere Ideen über die Krise und unsere Ideen über die Per­spek­tive der Ver­än­de­rung dar­zu­le­gen), muß man jeden Mate­ria­lis­mus, jede Dia­lek­tik sowie das ele­men­tare und fun­da­men­tale Prin­zip der kon­kre­ten Ana­lyse, das mit der mar­xis­ti­schen Theo­rie zusam­men­fällt, auf­ge­ge­ben haben.“ (meine Hv.).
(Louis Alt­hus­ser, Wie es in der FKP nicht wei­ter­ge­hen kann, ders., Krise des Mar­xis­mus [Reihe Posi­tio­nen. Bd. 6 hrsg. von Peter Schött­ler], VSA: Ham­burg, 1978, 80-​​146 (92, 95); vgl. auch noch: Alt­hus­ser, Ideo­lo­gie und ideo­lo­gi­sche Staats­ap­pa­rate http://​web​.archive​.org/​w​e​b​/​2​0​0​7​0​9​2​9​1​0​2​7​1​5​/​w​w​w​.​m​a​r​x​i​s​t​i​s​c​h​e​-​b​i​b​l​i​o​t​h​e​k​.​d​e​/​l​o​u​i​s​_​a​l​t​h​u​s​s​e​r.pdf)

„und statt­des­sen (erfolg­rei­che) refor­mis­ti­sche Kämpfe als Ände­rung der Kräf­te­ver­hält­nisse zuguns­ten von Kom­mu­nis­ten aus­zu­ge­ben, auch wenn es durch diese kei­nen Kapi­ta­lis­mus­fan weni­ger und kei­nen Kom­mu­nis­ten mehr gibt.“

3., 4. und 5. Feh­ler: Der Glaube, allein das unmit­tel­bare Kräf­te­ver­hält­nis zwi­schen Kapitalismus-​​BefürworterInnen und Anti­ka­pi­ta­lis­tIn­nen sei für Kom­mu­nis­tIn­nen rele­vant und Kom­mu­nis­tIn­nen hät­ten unter­halb des Kom­mu­nis­mus keine Teil­ziele, für die es sich zu kämp­fen lohnt.
Ihr denkt eben in (Gegen)Stand­punk­ten statt in den Kräftever­hält­nis­sen.

„Was es zu deren Recht­fer­ti­gung dann nötig macht, denen etwas ‚im Grunde‘ schon Kom­mu­nis­ti­sches zu unter­stel­len. Wor­auf man die ‚Mas­sen­li­nie‘ dann anpas­sen müsse, um die dum­men Mas­sen, wel­che man nicht für fähig hält, Argu­mente zu begrei­fen, zur Ver­wirk­li­chung des in ihnen ange­leg­ten Kom­mu­nis­mus‘ zu füh­ren, ohne sie dabei durch ‚Links­ex­tre­mis­mus‘ zu ver­schre­cken.“

6. Feh­ler: Zu Unter­stel­lun­gen grei­fen /​ Papp­ka­me­ra­dIn­nen auf­bauen, um sie umhauen zu kön­nen statt sich mit den tat­säch­li­chen Gegen­po­si­tio­nen argu­men­ta­tiv aus­ein­an­der­zu­set­zen.

„Revi­sio­nis­mus halt … egal, ob Du Dich dafür auf Thäl­mann oder auf Alt­hus­ser beziehst.“

7. Feh­ler: Keine Argu­mente vor­brin­gen, son­dern Argument-​​Surrogate wie „halt“ (sehr beein­dru­ckend) ver­wen­den, wenn Ihr nicht wei­ter wißt.

„(Und für Lenin-​​Fans wie Dich: die Erkennt­nis, dass es ohne eine revo­lu­tio­näre Theo­rie auch keine revo­lu­tio­näre Bewe­gung geben kann und dass man daher die revo­lu­tio­näre Theo­rie ver­brei­ten muss, um eine revo­lu­tio­näre Bewe­gung zu schaf­fen, wird somit durch­ge­stri­chen – lei­der auch schon par­ti­ell von Lenin selbst.) „

8. Feh­ler: Wie­der­holt den 6. Feh­ler.

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„Auf kei­nem Fall darf der Mar­xis­mus die (der Groß­bour­geoi­sie und der Sozi­al­de­mo­kra­tie gemein­same) Posi­tion ein­neh­men und die ökono­mi­schen und poli­ti­schen Pro­bleme in Begrif­fen der ‚Ratio­na­li­tät‘ und der ‚Irra­tio­na­li­tät‘, in Begrif­fen der logi­schen Wahl zwi­schen ratio­na­len ‚Model­len‘ der Gesell­schaft statt in Begrif­fen des Klas­sen­kampfs for­mu­lie­ren.“
(Étienne Balibar, Mar­xis­mus, Ratio­na­lis­mus, Irra­tio­na­lis­mus und Soziale Krise und Ideo­lo­gi­sche Krise, in: alter­na­tive, H. 116, Okt. 1977, 225 – 232 und H. 118, Feb. 1978, 18 – 23 [22] (frz. Erst­ver­öff.: La Nou­velle Cri­ti­que Nr. 99, Dez. 1976).

Der Mar­xis­mus ist ratio­nal, aber nicht ratio­na­lis­tisch!

Der Mar­xis­mus träumt nicht den auf­klä­re­ri­schen Traum von der ‚All­macht der wah­ren Ideen‘! (mehr…)

Versuch einiger Entwirrungen in Sachen Solidaritätsarbeit

Auf der Seite des Einstellungs-​​Bündnisse, des Soli-​​Zusammenhangs für die Ange­klag­ten im Ber­li­ner mg-Ver­fah­ren, wurde kürz­lich ein Papier der Gruppe Soli­da­ri­scher Dis­kus­si­ons­be­darf (GSD) mit der Über­schrift „‚Hört auf zu heu­len, es hat gerade erst ange­fan­gen…’ – Irrun­gen und Wir­run­gen der Soli­da­ri­täts­ar­beit“ ver­öf­fent­licht. Da ich mich selbst kri­tisch zur anfäng­li­chen Soli-​​Arbeit in dem genann­ten Ver­fah­ren geäu­ßert hatte, und es auch in die­sem Papier noch mal kurz darum geht, ist es viel­leicht ziem­lich, wenn ich einige Gedan­ken zu dem GSD-​​Papier auf­schreibe und zur Dis­kus­sion stelle.

Vor­be­halt­los zuzu­stim­men ist den Auto­rIn­nen des Papiers, wenn sie vor Panik­ma­che war­nen:

„Wir den­ken, dass wir es nicht mit einer neuen, höhe­ren Stufe der Repres­sion zu tun haben. Ver­än­dert und erwei­tert haben sich die Mit­tel der Repres­si­ons­or­gane, auch auf Grund der ver­bes­ser­ten tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten […]. Para­gra­fen wur­den den ver­än­der­ten Bedin­gun­gen ange­passt (auch inter­na­tio­nal) und neue Feind­bil­der geschaf­fen. Ins­ge­samt gab es aber unse­rer Mei­nung nach in Deutsch­land nach 1968 Zei­ten, in denen die Repres­si­ons­or­gane viel stär­ker agiert haben als heute.“

Und für die Zeit vor ’68 gilt das erst recht. Die KommunistInnen-​​Verfolgung der 50er und 60er Jahre reichte viel wei­ter in die gewalt­freie Linke hin­ein als jede SympathisantInnen-​​Hetze im Rah­men der Anti‚terror’politik der 70er und 80er Jahre – um von der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus und der Mon­ar­chie sowie eini­ger Phase der Wei­ma­rer Repu­blik gar nicht erst zu reden.

Zu allem Wei­te­ren möchte ich paar Dif­fe­ren­zie­run­gen vor­schla­gen: (mehr…)

Diskussion mit der ADA zu Ende

Ich hatte ges­tern drei Bedin­gun­gen für eine Fort­set­zung der Dis­kus­sion gestellt:

1. „Du hörst ab sofort auf, mir Posi­tio­nen zu unter­stel­len, die ich viel­mehr kri­ti­siere“.

2. Statt Fort­set­zung der Unter­stel­lung: Lek­türe und ggf. kon­krete Kri­tik an mei­nen fol­gen­den Bei­trä­gen
a) „Sozia­lis­ti­scher Huma­nis­mus“, auto­no­mer Huma­nis­mus oder gar kein Huma­nis­mus? Kri­ti­sche Anmer­kun­gen zur Renais­sance des Huma­nis­mus in der lin­ken Debatte
b) Braucht Kapitalismus-​​Kritik Moral und Ideale? /​ „Sozia­lis­ti­scher Huma­nis­mus“?.
„Und dann weist Du mir ent­we­der nach, daß ich mich prak­tisch nicht an mei­nen eige­nen Ansprü­che nicht halte,
oder daß ich den ‚ethi­schen Sozia­lis­mus‘ mit fal­schen Argu­men­ten kri­ti­siere,
oder Du hälst ab sofort auf mei­ner Seite die Fresse!“

Mög­lich­keit 3 wird jetzt Wirk­lich­keit. Die Anti­de­mo­kra­ti­sche Aktion wird ab sofort mit neuen Bei­träge auf die­ser Seite nicht mehr zu lesen sein. Ich werde alle fol­gen­den ADA-​​Kommentare löschen.

Heute mor­gen hat die ADA sechs neue Kom­men­tare gepos­tet. Sie ent­hal­ten zwar auf dem ers­ten Blick keine Unter­stel­lun­gen, aber kei­ner geht auf die bei­den genann­ten Texte ein.
Ich lasse mich aber nicht ver­ar­schen. Daß diese Kom­men­tare ver­gleich­weise sach­lich sind, ändert nichts daran, daß sich die ADA wei­ter­hin wei­gert, sich mit mei­nen tat­säch­li­chen Posi­tion zum streit­aus­lö­sen­den Thema der Moral aus­ein­an­der­zu­set­zen. Wenn sie sich nicht mit mei­nen Posi­tio­nen aus­ein­an­der­set­zen will – was ihr gutes Recht ist –, dann muß sie ja auch nicht meine Seite als Ver­öf­fent­li­chungs­platt­form nut­zen. Besitz­rechte sind doch schon eine tolle Sache; gar nicht so schlecht die bür­ger­li­che Gesell­schaft. ;-)

Sollte es sich die Anti­de­mo­kra­ti­sche Aktion irgend­wann anders über­le­gen und sich doch noch mit mei­nen tat­säch­li­chen Posi­tio­nen zum Thema Moral aus­ein­an­der­set­zen, wird sie sicher­lich Mit­tel und Wege fin­den, mir dies mit­zu­tei­len. Viel­leicht wäre lah­ma­cun zur Nach­rich­ten­über­mitt­lung bereit…

PS.:
Ich werde mei­ner­seits noch etwas zum Fehl­ver­ständ­nis von Ideo­lo­gie als „not­wen­dig fal­schem Bewußt­sein“ und der dar­aus abge­lei­te­ten auf­klä­re­ri­schen Politik-​​Strategie von ADA & Co. schrei­ben, die letz­ten noch unbe­ant­wor­te­ten Kom­men­tare beant­wor­te­ten – und dann ist das Thema für mich erle­digt, es sei denn, es gibt andere Inter­es­sierte, die noch Dis­kus­si­ons­be­darf haben.

Dialektik: Warum das Lachen der Antidemokratischen Aktion schon wieder zu einem Lachen über sie wird…

- Ant­wort auf Lacher des Tages – 2. Sep­tem­ber 2009 - (mehr…)

NS und Demokratie verhalten sich zu einander NICHT wie Rosenkohl und Sauerkraut

10 These gegen die Gleich­set­zung von Faschis­men und Demo­kra­tie sowie zum Ver­hält­nis von Moral und Poli­tik

- Zusam­men­fas­sung der Debatte mit der Anti­de­mo­kra­ti­schen Aktion („Gegenstandpunkt“-Freund[inn?]en & Co. KG) –

Der von mir ver­faßte angeb­lich längste Kom­men­tare der blog­sport-Geschichte hat zwar für Furore gesorgt (1, 2). Aber ich wurde auch dar­auf hin­ge­wie­sen, daß Furore und Länge allein noch keine Rezep­tion garan­tie­ren. Daher hier ein Ver­such die Debatte in 10 The­sen (= 2.000 Wör­ter = 15.000 Zei­chen + 8 FN) zusam­men­zu­fas­sen.

Aus­gangs­punkt (1, 2, 3, 4) der Debatte war das Video zu dem MaKss Damage-Stück Kom­In­tern Fla­vour mit einer israe­li­schen und einer US-​​Fahne, in die jeweils Haken­kreuze mon­tiert sind. Aus die­sem Anlaß hatte ich fol­gende These auf­ge­stellt:

„Der Natio­nal­so­zia­lis­mus kann mit ande­ren Herr­schafts­for­men ver­gli­chen wer­den – unzu­tref­fend wäre frei­lich, wenn der Vergleich mit einer Gleichset­zung endet.1 […]. Objek­tiv liegt darin […] eine Ver­harm­lo­sung des NS, denn eine sol­che Gleich­set­zung bedeu­tet eine Negie­rung der Spe­zi­fik des vom NS nicht nur vor­sätz­lich, son­dern mit direk­ter Absicht durch­ge­führ­ten indus­tri­el­len Mas­sen­mor­des an den euro­päi­schen Juden und Jüdin­nen.“

Dem setzte die Anti­de­mo­kra­ti­sche Aktion die These ent­ge­gen:

Ich sei ein „linksradikale[r Uni­me­tho­do­loge …], wel­cher der Moral, dass man den Natio­nal­so­zia­lis­mus zwar mit ande­ren Herr­schafts­for­men ver­glei­chen, aber nicht gleich­set­zen darf, den Schein von Wis­sen­schaft­lich­keit durch Metho­den­ge­plap­per ver­lei­hen will. […]. Und schon ist auch der radi­ka­len Lin­ken als Dienst­an­wei­sung für gutes radi­ka­les Links­sein die Natio­nal­moral vom guten demo­kra­ti­schen Natio­na­lis­mus vs. den schlech­ten (neo-)nationalsozialistischen mal wie­der ins Stamm­buch geschrie­ben – und das dies­mal auf voll gebil­det, sach­lich, neu­tral etc.“ (Hv. i.O., feh­lende Kom­mata hin­zu­ge­fügt).

Daß ich nicht gesagt hatte, eine Gleich­set­zung dürfe nicht statt­fin­den, son­dern sei unzu­tref­fend, ließ sich noch rela­tiv ein­fach klä­ren, und, daß es in der BRD-​​Nationalmoral gar kein Gleichsetzungs-​​Verbot gibt, son­dern die Gleich­set­zung in Form der tota­li­ta­ris­mus­theo­re­ti­schen Rede von den „zwei deut­schen Dik­ta­tu­ren“, von Milo­se­vic und Sad­dam Hus­sein als Wie­der­gän­gern Hit­lers und einer „Wie­der­ho­lung von Ausch­witz“, die im Kosovo angeb­lich drohte, viel­mehr stän­dig prak­ti­ziert wird, fiel der ADA sogar von alleine auf. – Der Moralismus-​​Vorwurf wurde frei­lich bei­be­hal­ten.

Die Debatte, die sich dar­aus ent­wi­ckelte, ist in die­ser .pdf-​​Datei (in Form der erwähn­ten 10 The­sen + 8 Fuß­no­ten) zusam­men­ge­faßt; html-​​Version folgt spä­ter.

PS.: Gerade noch gese­hen, aber noch nicht gele­sen:

  1. Unzu­tref­fend wäre sowohl eine bloße Set­zung (Behaup­tung) der Gleich­heit (Iden­ti­tät) von NS und Demo­kra­tie, ohne über­haupt vor­her einen Ver­gleich durch­zu­füh­ren, als auch – nach allem, was wir zur Zeit über die tat­säch­li­chen Unter­schiede wis­sen – die Behaup­tung einer Gleich­heit (Iden­ti­tät) nach Durch­füh­rung eines par­ti­el­len Ver­gleichs – z.B. auf­grund der schlicht Tat­sa­che, daß es in bei­den Sys­te­men Regie­run­gen gibt oder in bei­den Sys­te­men die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­weise herrscht(e). Um etwas zu erken­nen, ist erfor­der­lich, nicht zu ermit­teln, was die­ses Etwas mit ande­ren Phä­no­men gemein­sam hat, son­dern viel­mehr zu ermit­teln, wel­che dif­fe­ren­tia spe­ci­fica (wel­che spe­zi­fi­sche Unter­schied) die­ses Etwas von ande­ren Phä­no­men unter­schei­det. Zum Inhalt der dif­fe­ren­cia spe­ci­fica zwi­schen NS und allen ande­ren Herr­schafts­for­men, impe­ria­lis­ti­sche Demo­kra­tie ein­ge­schlos­sen, s. These 8. [Die FN war nicht Bestand­teil des zitier­ten Tex­tes, son­dern wurde hier hin­zu­ge­fügt. TaP] [zurück]

Existenzgeld – Mindestlöhne und ‚Politisierung‘ / richtige und falsche Reformforderungen

- zugleich Stel­lung­nahme zu Ofen­schlot, ♥Tek­knoatze und gluck

I. Zur Existenzgeld-​​Forderung

Ofen­schlot weist auf ein Junge Welt-Inter­view mit dem Schrift­stel­ler Die­ter Dath hin und nimmt dies zum Anlaß für eine Stel­lung­nahme zur Existenzgeld-​​Forderung und zum Kon­zept der Poli­ti­sie­rung:

1. Auf­klä­rung eines mut­maß­li­chen Miß­ver­ständ­nis­ses

Los­zu­ge­hen scheint es mir mit einem Miß­ver­ständ­nis. Ofen­schlot zitiert zunächst Dath,

„Ich finde, das wich­tigste Argu­ment für eine Sys­tem­än­de­rung ist das beste­hende Sys­tem selbst. Im Grunde gibt es immer zwei Fra­gen: Ist es schlecht und ist etwas ande­res über­haupt vor­stell­bar? Wenn sich das mit Ja beant­wor­ten läßt, ist der Rest kein Fahr­plan, son­dern ein Pro­zeß. Dann fan­gen wir heute an, und alles andere wird sich im Ver­lauf des Kamp­fes her­aus­stel­len. Ein schö­nes Bei­spiel ist diese Exis­tenz­geld­ge­schichte. Es wird eine Debatte aus­ge­löst und dann geben sich die Leute zu erken­nen, die so der­ma­ßen dage­gen sind, daß du dich irgend­wann fragst: Wieso eigent­lich? Der Kampf, der von jeder neuen For­de­rung aus­ge­löst wird, ist wich­tig. Dabei ler­nen die Leute etwas. Das poli­ti­siert Men­schen.“

und schreibt dann:

„Wer sind denn eigent­lich ‚die Leute‘? In Rech­nung gestellt, dass auf Sei­ten der Lin­ken der Groß­teil indif­fe­rent der Existenzgeld-​​Debatte gegen­über­steht, über­wie­gen unter den­je­ni­gen, die sich damit aus­ein­an­der­set­zen ganz ein­deu­tig die Befür­wor­ter. Gegen das Exis­tenz­geld gab es vor allem eine (eine!) Bro­schüre, die aller­dings ganz her­vor­ra­gend ist, von Rai­ner Roth, es gab die übli­che lau­nige Erle­di­gung von Sei­ten des GSP und dann hier und da einen Arti­kel, Neo­prene hat einen aus der KON­KRET ver­linkt. […]. Dath baut einen Popanz auf. Die kom­mu­nis­ti­schen Geg­ner des BGE sind in der Min­der­heit.“

Dath scheint mir nun aller­dings gar keine lin­ken Kri­ti­ke­rIn­nen der Existenzgeld-​​Forderung zu mei­nen, son­dern die­je­ni­gen die herr­schen­der­seits die Existenzgeld-​​Forderung zurück­wei­sen – und dar­aus erklärt sich dann auch das von Ofen­schlot kri­ti­sierte ‚Politisierungs-​​Modell‘ von Dath. Das tat­säch­lich gemeint Argu­mente von Dath dürfte gewe­sen: Wenn doch das Exis­tenz­geld (angeb­lich – füge ich in Überein­stim­mung mit Ofen­schlot hinzu) eine so gut und plau­si­ble Sache ist, warum wird das dann nicht ein­fach gemacht? Das ist m.E. der Sinn von Daths rhe­to­ri­schem „Wieso eigent­lich?“ in Ver­bin­dung mit dem ers­ten Satz des Zita­tes: „Ich finde, das wich­tigste Argu­ment für eine Sys­tem­än­de­rung ist das beste­hende Sys­tem selbst.“
Die Idee von Dath dürfte sein: Wenn die Leute von der Existenzgeld-​​Forderung über­zeugt sind und dann mer­ken, daß sie inner­halb ‚des Sys­tems‘ nicht durch­zu­set­zen ist, dann schaf­fen ‚die Leute‘ das Sys­tem ab.

2. Läßt sich ein ‚Kampf‘ für die Existenzgeld-​​Forderung über die Sys­tem­grenze hin­aus­trei­ben?

Genau das ist aller­dings zu bezwei­feln: (mehr…)

Luftblase und/oder Aal?

- „Gegen­stand­punkt“ de-​​constructed -

Zugleich Anmer­kun­gen zum Ver­hält­nis von Recht, Moral und Poli­tik, von Faschis­men und bür­ger­li­cher Demo­kra­tie sowie zum Wert (= Nut­zen, bevor es neue Moral-​​Mißverständnisse gibt) demo­kra­ti­scher For­men

In Reak­tion auf mei­nen Text 2 × 4 begrifflich-​​logische Vor­schläge, um nicht an ein­an­der vor­bei­zu­re­den warf mir die Anti­de­mo­kra­ti­sche Aktion (Abschnitt II.) vor, ‚mora­lisch’ zu argu­men­tie­ren. Da ich mei­nen Text nicht im gerings­ten als „mora­lisch“ emp­fand (viel­mehr ging es um Begriffs­klä­run­gen), und da ich auch ansons­ten keinE Anhän­ge­rIn des Mora­lis­mus bin (s. bspw. hier und hier), fragte ich nach, was denn wohl im vor­lie­gen­den Fall mit „mora­lisch“ gemeint sei. Statt eine Ant­wort auf die Frage, bekam ich den Hin­weis, daß Defi­ni­tio­nen eh ‚böse‘ seien, ins Lager der Fein­dIn­nen gehö­ren („bür­ger­li­che Wis­sen­schaft“) (+ div. Kom­men­tare).
Nun ja. Mitt­ler­weile ist die Dis­kus­sion bei poli­ti­sche­ren The­men ange­kom­men. Porada ninfu, der/​die der Anti­de­mo­kra­ti­schen Aktion bei­sprang, ver­tritt fol­gende Posi­tio­nen
a) Er/​sie kri­ti­siert, daß ich „der Demo­kra­tie im fik­ti­ven Not­fall die Stange hal­ten“ will (porada ninfu – 27. August 2009 um 13:34 Uhr, 2. Abs.).
b) „Für Antifa-​​Arbeit bin ich zum Bei­spiel gar nicht, weil Nazi­grüpp­chen mir nicht das Leben schwer machen. Das sind der Kapi­ta­lis­mus und die Demo­kra­tie.“ (porada ninfu – 27. August 2009 um 13:34 Uhr, 3. Abs.)
Außer­dem brachte er die fol­gen­den ‚Moral-​​Theorie‘ in die Dis­kus­sion ein:

„Alle wol­len das Eigen­tum und damit sie ihrem Inter­esse als Eigen­tü­mer nach­ge­hen kön­nen, brau­chen sie einen Staat der sie gegen­sei­tig auf den Aus­schluss vom Reich­tum ver­pflich­tet. Weil sie den Staat als Gewalt­sub­jekt ihres Gemein­in­ter­es­ses wol­len, gibt es Moral über­haupt nur.“

Bei die­sem Stand der Debatte schrieb ich fol­gen­den Text A. als Zwi­schen­re­sü­mee. Danach gab es noch meh­rere Ant­wor­ten der Anti­de­mo­kra­ti­schen Aktion und von porada ninfu. Auch wei­tere Leute schal­te­ten sich in die Debatte ein. Dann schrieb ich als Ant­wort mei­nen anschlie­ßen­den Text B. Außer­dem hatte die Anti­de­mo­kra­ti­sche Aktion (FN 1) noch einen Text über einen Vor­trag von Peter Decker (vom „Gegen­stand“) zur Lek­türe emp­foh­len. Auf die­sen ant­wor­tet mein unten­ste­hen­der Text C.

TEXT A.:
ZWI­SCHEN­RE­SÜ­MEE
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Wissenschaft – Ethik – Politik


- aus Anlaß der Dis­kus­sion über Inter­se­xua­li­tät und die angeb­li­che aus­schließ­li­che Exis­tenz zweier Geschlech­ter -
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Gibt es AUSSCHLIESSLICH zwei Geschlechter?

Der fol­gende Bei­trag erschien zuerst am 24. August als Kom­men­tar bei der Mäd­chen­mann­schaft. Für die hie­sige Ver­öf­fent­li­chung wurde er noch ein­mal Kor­rek­tur gele­sen; die Zwi­schen­über­schrif­ten sind neu ein­ge­fügt. Die dor­tige Dis­kus­sion ist noch am Lau­fen, kam aber etwas aber etwas vom Thema ab, da Quatsch mit Soße auf das zen­trale Argu­ment nicht ant­wor­tete, son­dern in eine Wesens-​​ und Prin­zi­pi­en­phi­lo­so­phie flüch­tete, was dann wie­derum unter metho­do­lo­gi­schen Gesichts­punk­ten kri­ti­siert wer­den mußte (1, 2). Das zen­trale Argu­ment gegen die Behaup­tung es gäbe aus­schließ­lich zwei Geschlech­ter läßt sich wie folgt refor­mu­lie­ren:
1. Es ist unum­strit­ten, daß das Geschlecht nicht anhand eines ein­zi­ges Kri­te­ri­ums fest­ge­stellt wer­den kann. Viel­mehr wer­den sowohl die Chro­mo­so­men­sätze als auch die sog. pri­mä­ren Geschechts­or­gane (das sind die äuße­ren und inne­ren Geschlechts­or­gane und deren Anhang­drüse) her­an­ge­zo­gen.
2. Nun müs­sen aber weder die Geschlechts­merk­male homo­log (i.S. der vor­ge­stell­ten Zwei­ge­schlecht­lich­keit) auf­tre­ten noch müs­sen diese ihrer­seits zu dem jewei­li­gen Chro­mo­so­men­satz homo­log sein.
3. Das heißt: Es gibt zwar die bei­den tyischen Fälle xx-​​Chromosomen + Kli­to­ris (Frauen) sowie xy-​​Chromosomen + Penis (Män­ner), aber es gibt auch die umge­kehr­ten Kom­bi­na­tio­nen und unter Berück­sich­tung der wei­te­ren sog. „pri­mä­ren Geschlechts­merk­male“ wei­tere Vari­an­ten. Und unter Berück­sich­ti­gung der Hor­mon­pro­duk­tion und deren Wirk­sam­keit wird es noch kom­pli­ziert.
4. Das wie­derum heißt nun: Es gibt mehr als zwei Merk­mals­kom­bi­na­tio­nen und das heißt: mehr als zwei Geschlech­ter. Denn „Geschlecht“ ist nicht irgend­eine durch die Natur­phi­lo­so­phie geis­ternde Wesen­heit, son­dern die jewei­lige Merk­mals­kom­bi­na­tion.
Mehr als zwei Merk­mals­kom­bi­na­tio­nen = mehr als zwei Geschlech­ter. Das ist der ent­schei­dende Punkt. Oder in den Wor­ten mei­nes Bei­tra­ges unter http://​maed​chen​mann​schaft​.net/​s​p​o​r​t​l​e​r​-​s​p​o​r​t​l​e​r​i​n​/​#​c​o​m​m​e​n​t​-​17736: (mehr…)

Wissenschaftspluralismus?!

Die Anti­de­mo­kra­ti­sche Aktion schreibt:


http://​greschka​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​8​/​1​7​/​t​h​e​o​r​i​e​-​a​l​s​-​p​r​a​x​i​s​-​s​c​h​l​a​e​g​t​-​z​u​r​u​e​c​k​/​#​c​o​m​m​e​n​t​-2805

„der Quark mit den Begriffs­de­fi­ni­tio­nen, also der gewoll­ten Ver­mi­schung von will­kür­li­cher Benen­nung und sach­li­cher Bestim­mung, folgt aus des­sen wis­sen­schafts­plu­ra­lis­ti­schem Geiste. Wenn ohne­hin alles nur die sub­jek­tive Spin­ne­rei eines ‚Ansat­zes‘ ist, für den aber als Ansatz Aner­ken­nung, Berück­sich­ti­gung und Res­sour­cen ein­ge­for­dert wer­den, dann ist dem die Logik der Begriffs­de­fi­ni­tion‘ schon imma­nent.“

(Daß die „Ver­mi­schung“ viel­mehr auf Sei­ten der Anti­de­mo­kra­ti­schen Aktion liegt, hatte ich schon an ande­rer Stelle1 aus­ge­führt: Es ist die Anti­de­mo­kra­ti­sche Aktion, die die Kon­ti­genz von Wortbedeutungen/​Definitionen mit einer rela­ti­vis­ti­schen oder sub­jek­ti­vis­ti­schen Nega­tion der Objek­ti­vi­tät von Erkennt­nis­sen ver­mengt. Tat­säch­lich ver­hält es sich aber genau umge­kehrt: Erst auf der Grund­lage defi­nier­ter Wort­be­deu­tun­gen läßt sich ent­schie­den, ob eine Aus­sa­gen zutref­fend oder irr­tüm­lich oder z.Z. weder zu bewei­sen noch zu wider­le­gen ist.
Ich dis­ku­tiere daher im fol­gen­den nur das Pro­blem des „wis­sen­schafts­plu­ra­lis­ti­schem Geiste[s]“ und der „subjektive[n] Spin­ne­rei“.
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