Archiv der Kategorie 'Linke Geschichte'

Gibt es vielleicht wieder Bedarf? – Geamtverzeichnis der Zeitschift „alternative“ (1963-1982)

Ich stelle hier mit das Gesamtverzeichnis der von 1964 bis 1982 von Hildegard Brenner verantworteten Westberliner Zeitschrift alternative als .pdf-Bild-Datei zur Verfügung. Die Zeitschrift spielte u.a. eine wichtige Rolle für die deutschsprachige Rezeption des französischen strukturalen Marxismus (Louis Althusser u.a. [1, 2, 3]) und des französischen Strukturalismus.

alternative-cover, H. 117, 1977

„Als Ansgar Skriver 1963 Berlin verlassen hatte, übernahm Anfang 1964 Hildegard Brenner den Verlag und die Herausgabe der Zeitschrift [alternative], nunmehr unter dem Titel [lies: nunmehr mit dem Untertitel] ‚Zeitschrift für Literatur und Diskussion‘. Die Jahrgänge zählten mit Jahrgang 7 weiter. Der Verlag erhielt den Namen der Zeitschrift. Redaktionsmitglieder waren neben Hildegard Brenner u.a. Georg Fülberth, Helga Gallas, Klaus Laermann, Helmut Lethen, Hartmut Rosshof, Peter B. Schumann; Gestaltung: Ulrich Harsch.
Das erste von Hildegard Brenner verantwortete Heft ‚Schriftsteller in der DDR‘ enthielt als Erstveröffentlichungen Texte von Volker Braun, Peter Hacks, Hartmut Lange, Christa Reinig, Johannes Bobrowski, Wolf Biermann, Günter Kunert, Heiner Müller, Franz Fühmann, Bernd Jentzsch u. a.
Themen waren u.a.: Was ist ein nationalsozialistischer Roman? (Heft 36); die Sammlung tschechoslowakischer Lyrik, Prosa und Dramatik mit Texten von Milan Kundera, Václav Havel u. a. (Heft 42/43); eine Dokumentation zur Strukturalismusdiskussion mit Beiträgen u. a. von Louis Althusser, Roland Barthes, Michel Foucault, Lucien Goldmann, Jacques Lacan, Claude Lévi-Strauss und Jean-Paul Sartre (Heft 54); und die Ausgabe ‚Der andere Blick – feministische Wissenschaft?‘ (Heft 120/121)
Mit dem Heft 145/146 ‚Im Aufriß‘ stellte die Zeitschrift 1982 ihr Erscheinen ein. Dazu die Redaktion: ‚Die linke Theorie, wie ‚Alternative‘ sie mitgetragen hat, hat … keinen Ort und keinen Reflexionsraum mehr. … Und die sich innerhalb der sozialen Protestbewegungen zur Wehr setzen, machen keinen Gebrauch von dem, was wir produzieren. Damit verliert eine Zeitschrift wie ‚Alternative‘ nicht nur ihr Publikum, sondern auch ihre Funktion.‘“

(Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Alternative_%28Zeitschrift%29)

Warum heute noch KommunistIn sein? Und: Was wir am Kommunismus ändern müssen?

Im April hatte ich mein Papier „Worum geht es dem transgenialen CSD eigentlich? Eine feministisch-kommunistische Kritik“ vorgelegt. Damals fragte mich eine Genossin per mail: „Was kommunistisch Heute meinen könnte, […], weil es mich interessiert und ich nach Zugängen suche…
Zugänge, die allgemeinverständlich sind und die NICHt einfach ignorieren, das mit dem Wort geschichtlich schon autoritäre Irrtümer vertreten wurden.“
Ich sah mich zwar im April nicht und ich sehe mich auch jetzt nicht als verpflichtet an, jedesmal, wenn ich das Wort „kommunistisch“ verwende, eine Distanzierung von den mit dessen Wortgeschichte verbundenen „autoritäre Irrtümer[n]“ beizufügen. – Daß mein Kommunismus-Verständnis ein anderes als das realsozialistische ist, ergab sich damals allein schon aus dem damaligen gleichzeitigen Bezug auf den Feminismus. Und auch in den meisten anderen Texten, in denen ich von „Kommunismus“ spreche, dürften sich derartige Unterschiede jeweils erschließen lassen. Von einer Gesamtlektüre meiner diesbgl. Textproduktion (1 und 2) ganz abgesehen. ;-)
Indem heute aber ein Genosse im Rahmen der aktuell laufenden Programm- und Organisierungsdebatte die 21 Aufnahmebedingungen der KomIntern in Erinnerung brachte, brachte er mir in Erinnerung, daß ich mich – vor rund 20 Jahren – auch bereits einmal mit dem KomIntern-Dokument befaßt hatte.
Ich schrieb damals ein Papier „Warum heute noch KommunistIn sein? Und: Was wir am Kommunismus ändern müssen?“. Das Papier war für einen Diskussionszirkel bestimmt, der damals eine Veranstaltung plante, die aber schließlich nicht realisiert wurde. Das Papier blieb damals unveröffentlicht. – Es sei nunmehr als nachträgliche Antwort auf die mir im April gestellte Frage veröffentlicht. (Für die jetzige Veröffentlichung habe ich damalige Tippfehler korrigiert, das Literaturverzeichnis um
links ergänzt, die Fußnote 5 hinzugefügt und in These II.8 eine kleine – gekennzeichnete – inhaltliche Korrektur vorgenommen. Zur damaligen These II.4. sei mittlerweile auf diese beiden [1 und 2] Präzisierungen hingewiesen.)

[der folgende Text als .pdf-Datei]

I. Methodisches

1. Engels sagt: „Es wird die Pflicht (…) sein, sich über alle theoretischen Fragen mehr und mehr aufzuklären (…) und stets im Auge zu behalten, daß der Sozialismus, seitdem er eine Wis­senschaft geworden ist, auch wie eine Wissenschaft betrieben, d.h. studiert werden will“ (Engels 1874, 517). Und Lenin sagt: „Wir betrachten die Theorie von Marx keineswegs als et­was Abge­schlossenes und Unantastbares; wir sind im Gegenteil davon überzeugt, daß sie nur das Funda­ment der Wissenschaft gelegt hat, die die Sozialisten nach allen Richtungen wei­terentwickeln müssen, wenn sie nicht hinter dem Leben zurückbleiben wollen.“ (Lenin 1899, 205 f.1).
Diese Bestimmung der revolutionären Theorie auch als Wissen­schaft bedeutet die Abgrenzung von jedem Dogmatismus und eröff­net die Möglichkeit zur Selbstkorrektur und zur immanent Wei­terentwicklung. Mit dieser Bestimmung der revolutionären Theo­rie ist zum zweiten eine doppelte Abgrenzung abgenommen: 1. ge­genüber jenen, die revolutionäre Theorie ausschließ­lich als Phi­losophie (‚Kritische Theorie’) auffassen und 2. gegenüber je­nen, die revolutionäre Theorie als angeblich wissenschaftliche Weltanschauung, also letztlich ebenfalls Philosophie, (Stalinismus) ausgeben. (Da eine Weltanschauung gerade keine Wissenschaft ist, bedeutet die ge­nannte Wortkombination die Unterordnung der Theorie unter die pragmatischen [Macht]-Notwendigkeiten des politischen Alltags. Wohin dies führt, haben wir alle die letzten Jahr­zehnte gesehen – mit dem schließlichen Er­gebnis des Zusammenbruchs.)2
(Die RAF steht mit ihrer praktizi­stischen (pragmatischen) Auslegung, die sie der marxistischen These vom „Primat der Praxis“ gegeben hat, ebenfalls in dieser wissenschaftsfeindlichen Tradition. Diese Wissenschaftsfeind­lichkeit hat es ihr unmöglich gemacht, die produktiven Ansätze aus dem „Konzept Stadtguerilla“ und aus „Stadtguerilla und Klassenkampf“, auf die Ali Jansen / Bern­hard Rösenkötter und Michi Dietiker jüngst in ihrem „Messerrücken“-Text erneut auf­merksam gemacht haben, weiterzuentwickeln als sich die politi­schen Bedingungen u.a. mit dem Schei­tern der Mai-Offensive 1972 verändert hatten. Statt zu einer solchen produktiven Weiterent­wicklung kam es zu dem bekannten militaristischen Subjektivis­mus, dessen Scheitern im ver­gangenen Jahr nun auch die RAF er­kannt hat. Dieses Mal scheint ihr – mangels der theoreti­schen Waffen der Revolution – nur der Weg in den subjektivistischen Neo-Reformismus zu bleiben.)

2. Rosa Luxemburg sagt: „Es kann keine gröbere Beleidigung, keine ärgere Schmähung gegen die Arbeiterschaft ausgesprochen werden als die Behauptung: theoretische Auseinandersetzun­gen seien lediglich eine Sache der ‚Akademiker‘. (…). Solange die theoretische Erkenntnis bloß das Privilegium einer Handvoll ‚Akademiker’ in der Partei bleibt, droht ihr immer die Gefahr, auf Abwege zu geraten.“ (Luxemburg 1899, 371).
Diesen Ausgangspunkt wählend, sollen im folgenden einige Punkte aufgezeigt werden, in denen der traditionelle Marxismus weiter­hin Recht hat (II.) und einige Punkte, in denen der Marxismus revidiert werden muß (III.). Dabei wird sich dann zeigen, daß auch die ‚Wahrheiten’ unter II. nur die halbe bzw. vielmehr eine Drittel-Wahrheiten sind.

II. Warum heute noch KommunistIn sein?

1. Nach wie vor richtig ist die Erkenntnis, daß die Herrschen­den ihre Macht nicht freiwillig abgeben werden, und daß wir nicht in der Lage sein werden, ihren Widerstand zu brechen, wenn wir abwarten bis uns die Machtfrage von den Herrschenden gestellt wird. Kommuni­stInnen unterlassen es deshalb „keinen Au­genblick, bei den Arbeitern ein möglichst klares Be­wußtsein über den feindlichen Gegen­satz zwi­schen Bour­geoisie und Prole­tariat herauszuar­beiten, (…). Die Kommuni­sten ver­schmähen es, ihre An­sichten und Absichten zu ver­heimlichen. Sie erklären of­fen, daß ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsa­men Umsturz aller bishe­rigen Gesellschafts­ordnung.“ (Marx/Engels 1848, 492 f.). „Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft liegt die Periode der revolu­tionären Umwandlung der einen in die andre. Der entspricht auch eine politische Über­gangsperiode, deren Staat nichts andres sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletari­ats.“ (Marx 1875, 28). Anders als in Stalins Konzeption ist der So­zialismus also keine eigen­ständige Produktionsweise, in der Klas­senkampf abstirbt; vielmehr ist in ihm der Klassen­kampf für den Kommunismus, für die staats- und herrschaftslose Gesell­schaft „in neuer Form und mit neuen Mitteln (fortzusetzen)“ (Lenin 1921, 482). (mehr…)

Themenübersicht – Organisierungsdebatte

Vor kurzem wurde an verschiedenen Stellen im Netz ein Papier eines Diskussionskreises um Michael Prütz (1, 2, 3, 4; vgl. 5) veröffentlicht – Titel: Neue Antikapitalistische Organisation? Na endlich! Worüber müssen wir uns verständigen und worüber nicht. Plädiert wird für eine „solidarische und kontroverse, ergebnisoffene und zielgerichtete Debatte“ zwischen „‚Marxismus’ und ‚Autonomie’, Links-Sozialisten / Links-Kommunisten und Bewegungslinke“.

Mittlerweile ist die Debatte in Gang gekommen und es existiert ein neuer blog, in dem Diskussion gemeinsam fortgesetzt werden kann. – Hier eine Übersicht über meine bisherigen Beiträge direkt zu diesem Thema:

Antikapitalistisch ist nicht revolutionär genug! (Zweitveröffentlichung bei scharf-links),

►►► vgl. dazu auch: Diskussion über Antidiskriminierungspolitik, revolutionärem Feminsmus und Nebenwiderspruchs-Marxismus

Mi., 22. Juni: Diskussionsveranstaltung zum Vorschlag der Gründung einer Neuen Antikapitalistischen Organisation

Zehn Punkte, über die wir diskutieren sollten (Inhaltsverzeichnis zu einem bei trend-online veröffentlichten Text)

Zwei weitere Beiträge zur Organisierungs-Debatte

Eine Antwort an die „Proletarische Plattform“

Lösungen oder Ideologie – ist das die Frage? (Hinweis auf einen bei scharf-links erschienen Beitrag)

„eine kontroverse, aber erfrischend sachliche Diskussion“ – junge Welt bericht über Organisierungsdebatte

Der neue Stern am blogsport-Himmel

vgl. zum inhaltlichen Kontext der Debatte auch noch:

radikal-Interview mit der militanten gruppe zu „organisierung des revolutionären widerstandes“ (Teil IV der Rezension zu radikal Nr. 161)

Realismus statt „Revolutions“-Euphorie

Zusammen kämpfen – oder Frauenorganisierung gegen Männerherrschaft?

Wider den ‚physikalistischen’ Klassenbegriff des Werner Seppmann

Minimalkonsenspolitik oder Freiheit der Agitation und Propaganda?

Raus aus der Sackgasse des festgefahrenen Konflikts zwischen „Antideutschen“ und „AntiimperialistInnen“

und

schließlich meine beiden Dokumentation:

Doku: Stand autonomer Bewegung. Langlauf oder Abfahrt im Sturz; vgl. bei Eyes Wide Shut

„Ich sag‘, wie’s ist!“-Papier und Interventionistische Linke (direkter link zum dokumentierten Papier).

Nulla È Finito! auf feministisch

1

Rummotzen bringt eine aktuelle Bebilderung einiger Zitate aus Texten der feministischen Stadtguerilla-Gruppe Rote Zora:

http://baumderglueckseligkeit.blogsport.de/2011/05/28/nur-mal-nebenbei-die-rote-zora/.

Vgl. auch:
Rote Zora: Mili’s Tanz auf dem Eis.

  1. Fußnote zur Überschrift: http://nullaefinito-ccc.jimdo.com/.[zurück]

Kommende Woche (14.-18.6. – Stuttgart/Magdeburg/Berlin): Was waren die Kämpfenden Kommunistischen Zellen (CCC)?

„Der 19.06 – als Tag der revolutionären Gefangenen – wird bis heute über die europäischen Grenzen hinaus jährlich begangen und ist für uns in diesem Jahr Anlass mit einer Veranstaltung zur belgischen Stadtguerilla CCC, den Kontext zwischen revolutionärem Kampf und politischer Gefangenschaft herzustellen und der Notwendigkeit der Verteidigung revolutionärer Geschichte vor dem anhaltenden Geschichtsrevisionismus zu versuchen gerecht zu werden.“

(Quelle:
http://political-prisoners.net/item/331-informationsveranstaltungen-zu-den-kaempfenden-kommunistischen-zellen-ccc.html)

Stuttgart:
Donnerstag, 16. Juni um 19 Uhr
Linkes Zentrum Lilo Herrmann
Böblinger Str. 105, Stuttgart-Süd
► [… Di.,] 14.6. Filmvorführungen

Madgeburg:
Freitag, 17. Juni um 18.30 Uhr
Infoladen Magdeburg
Alexander-Puschkin Str. 20, Magdeburg

Berlin:
Samstag, 18. Juni um 18 Uhr
Honigstein
Reichenberger Str. 157, 10999 Berlin
► Fr, 17.6., 16 Uhr: Kundgebung vor der belgischen Botschaft“

(Quelle:
http://political-prisoners.net/images/stories/2011_05/19.06./16-19-06_-_Veranstaltungsreihe.pdf)

Texte von und zu den belgischen Kämpfenden Kommunistischen Zellen (CCC):
http://theoriealspraxis.blogsport.de/andere/texte-von-und-zu-den-belgischen-kaempfenden-kommunistischen-zellen-ccc/.

Eine Antwort an die „Proletarische Plattform“

Wie neulich schon erwähnt, hat die trend-Redaktion einen Text zum Thema Klasse & Politik heute der – anscheinend neugegründete – „Proletarische Plattform“ in der Linkspartei in den Kontext der aktuell anlaufenden Organisierungsdebatte gestellt.

Die von der Plattform vorgenommene dreifache Abgrenzung ist mir durchaus sympathisch:

„• Der demokratische Sozialismus steht für sozialistische Marktwirtschaft, d.h. einen demokratisch gebändigten Kapitalismus, eine so genannte ‚gesellschaftliche Kontrolle‘ der Privaten: die Quadratur des Kreises.
• Der platonisierte Stalinismus steht für ein auch künftig in nationaler Beschränkung sich verewigendes und damit als Waffe gegen das Kapital entschärftes Staatsmonopol, mit der Maßgabe, ein (allerdings niemals begriffenes) ‚Wertgesetz‘ und noch ein paar andere Errungenschaften sozialistischer Wissenschaft darin stärker zu berücksichtigen; für (im Falle des Falles) neuerliche Koexistenz also mit dem Kapitalismus und Wettbewerb, diesmal aber nicht so sehr um die größere Portion Gulasch, sondern hauptsächlich um die bessere Moral oder ‚Weltanschauung‘.
• Der hedonistische Kommunismus der reinen Vernunft steht für die sofortige Abschaffung ‚der Arbeit‘, damit des Staates; alle Menschen werden ihrer puren Lust frönende Brüder oder Schwestern – darunter geht gar nichts mehr. Für den Kapitalismus, ‚das Bestehende‘ als das schlechthin Negative, lasse man sich am besten auf keinerlei bestimmte Negation ein, beschränke sich vielmehr auf die Negation schlechthin (‚negative Kritik‘ geheißen).“ (S. 2 – Hv. i.O.)

Was ich aber nicht verstehe, ist, warum es mit dieser dreifachen Abgrenzung sinnvoll sein soll, sich in der Linkspartei zu organisieren. Die Plattform schreibt dazu:

„Seit der Bildung der WASG ab 2004, in deren Folge 2007 die Partei die Linke gegründet wurde, tut sich für Kommunisten eine Option auf, wie es sie seit der Trennung der USPD von der SPD im Verlauf des ersten Weltkrieges auf deutschem Boden nicht mehr gegeben hat. Eine von ihrem Selbstverständnis her sozialistische, ihrem politisch-programmatischen Inhalt nach linkskeynesianistische Partei ermöglicht, zumindest formal, von ihrem pluralistischen Selbstverständnis her, die Organisierung von Kommunisten in einer entstehenden Massenpartei.“ (S. 3)

Mit ziemlich genau der gleichen Stoßrichtung intervenierten ich und einige Genossen 1990/91 in die Linkspartei Vorgängerinorganisation PDS: „Für eine feministische USPD mit revolutionärem Flügel“ – und wir sind kläglich gescheitert (siehe unsere damalige – aus Anlaß des Plattform-Textes jetzt von mir wiederveröffentlichte – Bilanz).

Und mir scheint heute, nachdem sich insbesondere in Berlin ein neo-liberaler Regierungsflügel in der Linkspartei herausgebildet hat, sind die Chancen für ein derartiges Projekt eher noch schlechter als Anfang der 90er Jahre:
-- Auch die Kommunistische Plattform ist gegenüber damals nicht kommunistischer geworden.
-- Und die eher bewegungs-orientierten Teile der Linkspartei sind heute eher weiter vom linken Flügel der sog. Neuen Sozialen Bewegungen der 1980er Jahre entfernt als diese vor rund 20 Jahren der Fall war.

Und vor allem eine Prämisse schon unserer damaligen ‚PDS-Intervention‘, die ich kürzlich im Kontext der aktuellen Organisierungsdebatte wie folgt reformulierte, scheint mir auch heute noch zutreffend zu sein: „Was sich jedenfalls aus dem Schicksal der Z-Fraktion um Rainer Trampert und Thomas Ebermann in den Grünen der 80er Jahre lernen läßt, ist, daß sich RevolutionärInnen auf ein solches Bündnis-Projekt mit GradualistInnen (und vielleicht sogar RadikalreformistInnen) nur einlassen sollten, wenn sie eigene Strukturen außerhalb des Bündnisprojektes behalten und nicht voll und ganz in dem dortigen Fraktionskampf aufgehen.“

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Hingewiesen sei außerdem noch auf die Programmatische Eckpunkte der proletarischen Plattform.

Heute (4.6., 20 h), Berlin: Žižek, Dath, Wissler zur Aktualität des Kommunismus

Ist der Kommunismus noch aktuell?

mit Slavoj Žižek [Kulturphilosoph], Dietmar Dath [Schriftsteller], Janine Wissler [LINKELandtagsabgeordnete in Hessen] und Alex Callinicos [Autor »Die revolutionären Ideen von Karl Marx«].
Diese Veranstaltung findet in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung statt und wird moderiert von Christina Kaindl.

Astra Kulturhauss, Revaler Str. 99
Berlin

Quelle:
https://www.facebook.com/event.php?eid=183242568392383&ref=nf.

Vorab-Auszug aus Žižeks Redebeitrag:

„Die Zeitschrift, in der Gramsci seine Schriften in den frühen 1920er Jahren veröffentlichte, hieß »L‘Ordine nuovo« (Die neue Ordnung) – eine Überschrift, die später von der extremen Rechten vereinnahmt wurde. In dieser späteren Vereinnahmung sollten wir die »Richtigkeit« von Gramscis Wortwahl erkennen und den Begriff nicht als etwas auffassen, das im Widerspruch zum rebellierenden Freiheitswillen der authentischen Linken steht. Vielmehr sollten wir ihn wieder aufgreifen als Messlatte für den steinigen Weg, jene neue Ordnung zu bestimmen, die jede erfolgreiche Revolution zu etablieren haben wird. Kurz gefasst, unsere Zeit können wir am treffendsten mit den Worten charakterisieren, die Stalin auf die Atombombe verwendete: Sie ist nichts für schwache Nerven.“

Vorab-Auszug aus Wisslers Redebeitrag:

„Wir brauchen ein Wirtschaftssystem, in dem die Bedürfnisse der Menschen im Mittelpunkt stehen und nicht das Profitstreben an erster Stelle steht. […]. Die einen spekulieren, die anderen verhungern. Zynischer und menschenverachtender kann eine Ökonomie kaum funktionieren.“

Zur Kritik:
Kommunismus als kritische Praxis –
nicht: Universalismus als männliche Idee
.
Eine Kritik am Philosophen-Kommunismus von Slavoj Žižek und Alain Badiou

„von dem in sich schon unvollständigen antagonismus „proletariat“ – „bourgeoisie“ ist nichts mehr übriggeblieben, die rede ist nur noch von „menschen“. im kontext der „herrschenden verhältnisse“ von „menschen“ zu sprechen, negiert die gesamte ausbeutungs- und gewalthierarchie im imperialistischen patriarchat.“
Eine Feministische Kritik (1993)

„Eine Kritik des Kapitalismus kann nicht bei der Verdammung einzelner Symptome der herrschenden Produktionsverhältnisse stehenbleiben. Geld, Zins oder FinanzspekulantInnen sind nicht Inbegriff des Bösen oder besonders verwerflich. Sie sind lediglich Ausdruck der zugrundeliegenden ökonomischen Verhältnisse. Es ist das ganze kapitalistische System, samt Ausbeutung und Klassengesellschaft, das es zu bekämpfen gilt.“
Sozialistische Linke, Grundsatzpapier (April 2011), S. 7

Gegen den Strom

Versuch einer Aktualisierung der „Feministische[n] Kritik“ von 1993

[Der folgende Text als .pdf-Datei]

Ich dokumentierte hier kürzlich eine „Feministische Kritik“ an der sog. Neuen Politik der RAF seit 1992, die schließlich in nichts anderes als den Zerfall des Gefangenen-Kollektivs und der Selbstauflösung der RAF mündete. Von Neuer Politik keine Spur. Kapitulation auf der einen Seite. Und Hilflosigkeit auf der anderen Seite des antiimperialistischen Spektrums.

(„Antiimperialistischer Widerstand“ oder kurz „Antiimps“ bedeutete im damaligen linken Sprachgebrauch noch nicht [oder jedenfalls nicht in erster Linie] – wie heute zumeist – Orientierung an reaktionären trikontinentalen Regimen und Bewegungen, sondern eine gewisse Affinität zum Versuch der RAF und anderer westeuropäischer Guerillagruppen eine „antiimperialistische Front in Westeuropa“ aufbauen.1 Ich kam mit dieser Szene 1989, während des letzten großen Hungerstreiks der Gefangenen aus der RAF in losen, distanzierten Kontakt, als sich diese Orientierung schon in einer, nun auch von den AkteurInnen selbst als solche erlebten Krise befand.)

Leserin Bäumchen postete zu dem dokumentierten Text von 1993 folgenden Kommentar:

„Vielen Dank! Die Zivilisationstheorie von Norbert Elias könnte erklären, warum mir der Text zu Anfang sehr unangenehm erschien; Gewalt ist verpönt heutzutage und monopolosiert, Zwänge internalisiert; der Mensch zivilisiert. Deswegen würde es mich interessieren, wie du zu diesem Text stehst und welche Schlüsse du daraus für dich oder für den Feminismus ziehst.

Liebe Grüße!“

Auch, wenn ich nicht in der Lage bin, das bekundete Interesse („wie du zu diesem Text stehst und welche Schlüsse du daraus für dich oder für den Feminismus ziehst“) wirklich systematisch zu beantworten, sprengt doch auch schon ein dahingehender Versuch jede vertretbare Kommentar-Länge, sodaß ich daraus hier einen neuen Beitrag mache. Aufgeworfen ist damit nicht weniger als die Frage nach den Perspektiven revolutionärer Politik und eines revolutionären Feminismus – und damit zunächst einmal das Problem, diese überhaupt – und sei es auch nur intellektuell – zu rekonstruieren.

I. Zur Hauptthese des Textes

Bäumchen schreibt, daß ihr der Text zunächst unangenehm erschien – und zwar vielleicht deshalb, weil dort Gewalt – anders als zumeist – nicht verpönt ist. In der Tat, die – unabhängig von der damaligen Diskussion über die RAF – grundlegende These des Textes lautet:

„in einer gesellschaft, in der weltweit frauen und mädchen aufgrund patriarchaler machtordnung unterdrückt werden, vergewaltigt werden, ihre gefühle, ihre kreativität, ihre körper, ihre phantasie, ihre lust, ihre arbeitskraft, ihre intelligenz, ihr wissen ausgebeutet werden, in der frauen eine unterstellte, eine kolonisierte soziale klasse sind, haben frauen individuell und kollektiv die berechtigung, mit jedem mittel gegen das system ihrer unterdrückung und gegen jeden einzelnen unterdrücker vorzugehen!“

Ich kann die Schwierigkeiten von Bäumchen mit dieser klaren Ansage verstehen, denn ich habe es meinerseits bisher nicht einmal bis zu einem Steinwurf auf einer Demo gebracht.2

Eine ernsthafte Diskussion über Gewalt zu führen, wie dies in der feministischen Kritik von 1993 gemacht wurde, setzt allerdings vieles voraus – vieles, was auch für diejenigen an linker und feministischer Politik Beteiligten wichtig ist, die nicht gerne Steine werfen, Mollis basteln oder mit Kalaschnikows raumlaufen.

Der Text von 1993 artikulierte noch eine Einsicht, die heute selbst viele, die ab und an mal bei Demos Steine schmeißen, nicht mehr haben (und die sich statt dessen auf Kindereien wie, „Die Bullen haben doch aber zuerst angefangen.“, stützen) – nämlich die Einsicht, daß ‚wir’ (ich weiß, dieses ‚wir’ existiert heute nicht; und es existierte auch 1993 nicht wirklich) irgendwann diejenigen sein müssen, die ‚anfangen’ müßten, wenn es uns denn die Bullen nicht abnehmen würden. Revolutionäre Politik ist nicht nur Selbstverteidigung; wir müssen mit dem Rücken von der Wand wegkommen, gegen die uns der staatliche, massenmediale und auch von vielen Linken mit einem undifferenzierten und extensiven Gewalt-‚Begriff’ betriebene (Anti-)Gewalt-Diskurs drängt – das ist die These der Feministischen Kritik:

„feminismus ist nicht nur selbstverteidigung mit dem rücken zur wand und dem grauen im herzen. feminismus ist nicht allein der gesellschaftliche rückzug in frauengemeinschaften. das empören gegen ungerechtigkeit, die wut im bauch, die theorie von unterdrückung und veränderung. feminismus ist mehr als die reaktion auf politische umstände oder materielle bedingungen. feminismus ist das bewußtsein, nicht nur von ursachen der unterdrückung, sondern auch von bedingungen, notwendigkeiten, möglichkeiten der veränderung.“

Entsprechend war auch Karl Marx der Ansicht:

„Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht.“ (Das Kapital. Bd. 1, 24. Kap., 6. Genesis des industriellen Kapitalisten; MEW 23, 779).

Und Mao Tse-Tung sagte:

„Für alles Reaktionäre gilt, daß es nicht fällt, wenn man es nicht niederschlägt.“ (Ausgewählte Werke. Bd. IV, 7-23 [17]).

II. Zum damaligen politischen Kontext und den Verschiebungen, die bis heute eingetreten sind

1. Im Kontext der vorgenannten, in den 70er- und 80er-Jahren auch von vielen Feministinnen geteilten Ansicht, gab es auch Anfang der 1990er Jahre noch ganz andere feministische Strukturen als heute. (mehr…)

Doku: EINE FEMINISTISCHE KRITIK

Aus Anlaß dieses Leserin-Kommentars:
Der folgende Text wurde 1993 von FrauenLesben bei einem gemischten, bundesweiten Treffen von Leuten, die in der Solidaritätsarbeit für die Gefangenen aus der RAF aktiv waren, vorgetragen und danach in der Berliner linskradikalen Szene-Zeitschrift
interim (Nr. 229, 25.02.1993, S. 23 – 27) veröffentlicht, wo er in späteren Ausgaben kontrovers diskutiert wurde1.
Außerdem wurde der Text 1994/95 in den beiden Auflagen der folgenden Broschüre nachgedruckt:

Broschürengruppe in Zusammenarbeit mit dem ASTA-FU sowie Frigga Haug, Wolfgang Fritz Haug, Wolf Dieter Narr, Uwe Wesel, Harald Wolf (Hg.)
Für eine neue revolutionäre Praxis.
Triple oppression & bewaffneter Kampf. Eine Dokumentation von antiimperialistischen, feministischen, kommunistischen Beiträgen zur Debatte über die Neubestimmung revolutionärer Politik 1986-1993
Selbstverlag: Berlin, 1. Aufl. 1994, 2. Aufl. 1995, S. 76 – 80.

Der Text stammt mit seinem Inhalt und Sprachduktus aus einer ‚anderen Zeit‘ – noch geprägt vom Zusammenbruch des ‚Real’sozialismus und der Stadtguerillagruppen und bevor die Rezeption der Schriften Judith Butlers und anderer queer TheoretikerInnen eine politische Breitenwirkung auch in der linksradikalen Szene erlangte. Trotz dieser ‚Unzeitgemäßheit‘ scheint mir dieser Text nicht nur weiterhin eine – mich schon damals, noch als ‚überzeugter Mann‘, faszinierende – klare, revolutionäre Haltung von FrauenLesben auszudrücken, sondern auch grundlegende Einsichten zu artikulieren, die auch in der ‚neuen Zeit‘ nicht überholt sind, wenn auch teilweise einer theoretischen Re-Kontextualisierung und politischen Aktualisierung bedürfen.

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im januar 1992 tritt die sogenannte ‚kgt-initiative‘ (kgt = koordinationsgruppe terrorismusbekämpfung)2 an die öffentlichkeit, im april verkündet die rote armee fraktion (raf) die einstellung militärischer aktionen, am 15. mai wird günther sonnenberg nach 15 jahren haft entlassen, im august bekräftigt und begründet die raf die grundsätzliche aufgabe des bewaffneten kampfes, ende oktober erklärt ein teil der gefangenen ihrerseits die prinzipielle abkehr vom bewaffneten kampf, und daß sie persönlich diesen im falle ihrer freilassung nicht wieder aufnehmen werden. mitte november ist entschieden worden, daß bernd rössner, der zuvor im knast in kassel eingesperrt war, seine haft für 18 monate in einer therapeutischen einrichtung unterbrechen darf.
zu fragen bleibt: was geht hier eigentlich vor und wie geht es nun weiter? und davor noch die frage: warum beschäftigen sich feministinnen überhaupt damit? zunächst zur zweiten frage:
die ereignisse des letzten jahres im zusammenhang mit der raf, dem bis dahin existierenden bewaffneten kampf in der brd und den politischen gefangenen in bundesdeutschen gefängnissen sind ein ausdruck der gesamten politischen entwicklung. gleichzeitig bestimmen diese vorgänge die heutigen und zukünftigen politischen und gesellschaftlichen realitäten mit, innerhalb derer wir frauen/lesben leben und uns bewegen. darüber hinaus ist es notwendig, sich sozusagen ‚ins innere‘ dieser auseinandersetzungen zu begeben und zwar aus verschiedenen gründen:
die antiimperialistische bewegung und die raf haben lange zeit auf internationalistischer grundlage gegen staat und kapital gekämpft. gemeint sind hier all diejenigen bewegungen, gruppen, organisationen, die mit grundsätzlich antiimperialistischem anspruch gegen staat, kapital und imperialismus vorgehen.
nicht zufällig kämpften viele frauen/lesben in der antiimperialistischen bewegung. (mehr…)

9. Mai – Todestag von Ulrike Meinhof

Heute vor 34 Jahren starb Ulrike Meinhof. Den Bericht der Internationalen Untersuchungskommission zu ihrem Tod gibt es bei labourhistory.net als .pdf-Bildpartei und bei nadir.org als .html-Datei und ihren ihren Text vom Protest zum Widerstand bei der Ruhr Uni Buchum:

“ »Protest ist, wenn ich sage, das und das paßt mir nicht. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, daß das, was mir nicht paßt, nicht länger geschieht. Protest ist, wenn ich sage, ich mache nicht mehr mit. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, daß alle andern auch nicht mehr mitmachen.« So ähnlich – nicht wörtlich – konnte man es von einem Schwarzen der Black-Power-Bewegung auf der Vietnamkonferenz im Februar in Berlin hören.
Die Studenten proben keinen Aufstand, sie üben Widerstand. Steine sind geflogen, die Fensterscheiben vom Springerhochhaus in Berlin sind zu Bruch gegangen, Autos haben gebrannt, Wasserwerfer sind besetzt worden, eine BILD-Redaktion ist demoliert worden, Reifen sind zerstochen worden, der Verkehr ist stillgelegt worden, Bauwagen wurden umgeworfen, Polizeiketten durchbrochen – Gewalt, physische Gewalt wurde angewendet. Die Auslieferung der Springerpresse konnte trotzdem nicht verhindert werden, die Ordnung im Straßenverkehr war immer nur für Stunden unterbrochen. Die Fensterscheiben wird die Versicherung bezahlen. An Stelle der ausgebrannten Lastautos werden neue ausfahren, der Wasserwerferbestand der Polizei wurde nicht verkleinert, an Gummiknüppeln wird es auch in Zukunft nicht fehlen. Also wird das, was passiert ist, sich wiederholen können: Die Springerpresse wird weiter hetzen können, und Klaus Schütz wird auch in Zukunft dazu auffordern können, »diesen Typen ins Gesicht zu sehen« und die Schlußfolgerung nahelegen, ihnen reinzuschlagen – was am 21. Februar bereits geschehen ist -‚ schließlich zu schießen.
Die Grenze zwischen verbalem Protest und physischem Widerstand ist bei den Protesten gegen den Anschlag auf Rudi Dutschke in den Osterfeiertagen erstmalig massenhaft, von vielen, nicht nur einzelnen, über Tage hin, nicht nur einmalig, vielerorts, nicht nur in Berlin, tatsächlich, nicht nur symbolisch – überschritten worden. Nach dem 2. Juni wurden Springerzeitungen nur verbrannt, jetzt wurde die Blockierung ihrer Auslieferung versucht. Am 2. Juni flogen nur Tomaten und Eier, jetzt flogen Steine. Im Februar wurde nur ein mehr amüsanter und lustiger Film über die Verfertigung von Molotowcocktails gezeigt, jetzt hat es tatsächlich gebrannt. Die Grenze zwischen Protest und Widerstand wurde überschritten, dennoch nicht effektiv, dennoch wird sich das, was passiert ist, wiederholen können; Machtverhältnisse sind nicht verändert worden. Widerstand wurde geübt. Machtpositionen wurden nicht besetzt. War das alles deshalb sinnlose, ausufernde, terroristische, unpolitische, ohnmächtige Gewalt? (… mehr)“

Ex-RAF-Mitglieder: Entpolitisierung durch Personalisierung und Aussagen – ohne uns!


(mit Dank an myspace.com/wildbeeren)

Die Junge Welt dokumentiert heute eine Erklärung ehemaliger, nicht namentlich genannter RAF-Mitglieder zu den Versuchen der Bundesanwaltschaft, zu weiteren Verurteilungen wegen Aktionen der RAF zu kommen:

Von uns keine Aussagen

Neue Prozesse, Zeugenladungen und Beugehaftandrohungen: Etwas zur aktuellen Situation – von einigen, die zu unterschiedlichen Zeiten in der RAF waren

Seit nunmehr drei Jahren spekulieren Staatsschützer und Medien darüber, wer im Einzelnen vor mehr als dreißig Jahren die Schüsse auf Siegfried Buback und Hanns Martin Schleyer abgegeben hat. Ermittlungsbehörden bemühen sich, weitere RAF-Aktionen nach Indizien zur Täterschaft abzuklopfen. Kaum haben die letzten Gefangenen aus der RAF den Knast hinter sich gelassen, sehen sich die einen mit neuen Verfahren konfrontiert, während die anderen mit Zeugenladungen und Beugehaftandrohungen belegt werden. Nach der ersten Welle im Sommer 2007, im Ermittlungsverfahren gegen Stefan Wisniewski, läuft seit Ende 2009 der zweite Versuch, Aussagen von uns zu bekommen, formell im Verfahren gegen Verena Becker. Verena Becker war 1977 in der RAF, 1983 haben wir uns von ihr getrennt. Demnächst wird ihr ein neuer Prozeß gemacht, offensichtlich nur als Auftakt zu weiteren Prozessen. Gegen Stefan Wisniewski und Rolf Heißler wird weiterhin ermittelt.

Vordergründig geht es darum, individuelle »Schuldzuweisungen« zu bekommen, also Beteiligte unter Druck zu setzen und zum Reden darüber zu bringen, wer genau was gemacht hat. Über 30 Jahre war es allen ziemlich egal, wer wofür verurteilt wurde. Hauptsache, sie verschwanden hinter Schloß und Riegel. Seit dem Medienspektakel zum »Deutschen Herbst« in 2007 ist das »Ringen um Klärung« plötzlich zur Gretchenfrage geworden. Es reicht nicht, daß wir uns kollektiv für die Aktionen der RAF verantwortlich erklärt haben. Wir sollen »endlich« einmal auspacken, um, wie es heißt, »aus der Logik der Konspiration auszusteigen«.

Worum es hier wirklich geht, ist, (mehr…)

„Lenin“ – Ernst Busch / Hanns Eisler / Johannes R. Becher

http://www.youtube.com/watch?v=y1iEefiKa1s

(Morgen folgt mehr zum heutigen 140. Geburtstag von Lenin)

Stalin als Verfechter des ‚Staates des ganzen Volkes‘

Vorbemerkung: „Diktatur des Proletariats“ bedeutet im klassischen marxistischen Sprachgebrauch nicht Dikatur im staatsrechtlichen Sinne, sondern Klassenherrschaft. Auch eine parlamentarische Demokratie mit Parteienpluralismus, freien, gleichen und geheimen Wahlen sowie weiteren civil rights & liberties ist im Sinne dieses Sprachgebrauchs eine Diktatur der Bourgeoisie. Entsprechend ist auch mit dem Ausdruck Diktatur des Proletariats nicht vorab entschieden, in welchen juristischen und politischen Formen diese ausgeübt wird.

I. Quellen (mehr…)

Heute früh um 2 Uhr wurde vor 92 Jahren der Sturm des Winterpalais erfolgreich beendet

„On 25 October (7 November GC) 1917, Bolsheviks led their forces in the uprising in Saint Petersburg (then known as Petrograd), the capital of Russia, against the ineffective Kerensky Provisional Government.[1] For the most part, the revolt in Petrograd was bloodless, with the Red Guards led by Bolsheviks taking over major government facilities with little opposition before finally launching an assault on the Winter Palace on the night of 25/26 October. The assault led by Vladimir Antonov-Ovseenko was launched at 9:45 p.m. signaled by a blank shot from the cruiser Aurora. (The Aurora was placed in Petrograd (modern Saint Petersburg) and still stands there now.) The Winter Palace […] was taken at about 2 a.m.“
(http://en.wikipedia.org/wiki/October_Revolution#Events)

GC = Gregorianischer, heute allgemein üblicher Kalender, der 1918 auch in der Sowjetunion eingeführt wurde.

Aus diesem Anlaß gibt es hier: Matrosen von Kronstadt, gesungen von Ernst Busch. -

Hinsichtlich des Textes – zumindest der deutschen Übersetzung – ist kritisch der idealistische Begriff von ‚dem Recht‘, das im Westen noch von Wolken verhüllt sei, zu vermerken.

„Ich sag‘, wie’s ist!“-Papier und Interventionistische Linke

Ich hatte kürzlich eine .pdf-Bild-Datei des Szene-Klassikers „Ich sag‘, wie’s ist!“, der 1988 in den interim Nr. 26, 27 und 28 erschien, online gestellt und dabei die Hoffnung ausgedrückt, daß sich vielleicht jemandE die Mühe macht, die Datei OCR zu behandeln und Korrektur zu lesen. Tatsächlich bekam ich am Wochenende eine word-Datei im erstklassigen Zustand zugeschickt. Vielen Dank!

Ich habe die Datei nun meinerseits noch einmal am Bildschirm Korrektur gelesen (aber nicht Zeile für Zeile mit dem Original vergleichen) und dabei
++ noch die Seitenzahlen der Erstveröffentlichung eingefügt (der Text selbst war mit durchgehender Seitenzählung über alle drei Teile hinweg versehen, während die interim-Hefte keine eigene Seitenzählung hatten)
++ eine handvoll verbliebener Scanfehler entdeckt und beseitigt
und
++ – im Interesse der besseren Lesbarkeit – ebenfalls ungefähr eine handvoll Fehler, die bereits im Original enthalten waren, korrigiert.1
Die Bebilderung des Originals ist der Einfachheit halber nicht in die Textdatei übernommen. Das Ergebnis findet Ihr hier – jetzt als .pdf-Text-Datei.

Die Zusendung wurde mit der Anregung verbunden, auf dem Blog eine Diskussion darüber anzustossen, ob a) die von den AutorInnen des „Ich sag‘, wie’s ist!“-Papieres geforderte festere Organisierung überhaupt der richtige Weg ist und b) ob die Interventionistische Linke perspektivisch diese Organisierung darstellen kann.

Uff. Ich will es versuchen – ob daraus etwas wird, hängt dann allerdings von den LeserInnen ab:

zu a): Ich würde den AutorInnen im Kern Recht geben – auch wenn die Begrifflichkeit von „Kaderorganisation“, „demokratischer Zentralismus“, „Zellenprinzip“ und „Avantgardeanspruch“ schon damals – und heute erst recht – einen etwas altbackenen Klang hat(te). Mit der angeratenen sprachlichen Modernisierung würde ich sagen: Auch heute ist eine Organisation zumindest potentiell politisch wirksamer als bloße autonome Kleingruppen. Sie kann – (eine entsprechende Praxis vorausgesetzt) Wirksamkeitsgrenzen überschreiten, die Kleingruppen oder spontane Bewegungen per se (auch bei der besten Praxis) nicht überschreiten können. Eine kollektive, übergreifende und kontinuierliche Weiterentwicklung von theoretischer und politischer Praxis beinhaltet die Chance, zu besseren Ergebnissen zu kommen. Dies zu erreichen, sollte in der Tat der Anspruch einer solchen Organisation sein – und damit ist dann auch verbunden, in Bewegungen nicht einfach nur mitzuschwimmen, sondern zu versuchen, orientierend zu wirken. Ob derartige Vorschläge dann auch akzeptiert werden – ob also die prätendierte Avantgarde auch tatsächlich Avantgarde ist –, steht dann allerdings auf einem anderen Blatt (wie in dem dokumentierten Text auch schon erkannt wurde). Und eine solche Organisation bedarf auch demokratisch strukturierter verbindlicher Entscheidungsfindung.

zu b): Diese Frage zu beantworten, fällt mir deutlich schwerer. Da ich mich die letzten Jahre überwiegend im Ausland aufgehalten habe, habe ich von IL in erster Linie das mit bekommen, was im ak steht (und auch davon eher nur den kleineren Teil gelesen) und das Hickhack um die – auch m.E. stark verunglückte – Pressearbeit nach der Anti-G8-Demo in Rostock.
Auf dieser völlig unzureichend Informationsgrundlage will ich – ausgehend von dem Anfang des „Ich sag‘, wie’s ist!“-Textes – trotzdem mal versuchen, eine These zur gewünschten Diskussionsanregung zu formulieren:
Das dokumentierte Papier beginnt wie folgt: „Wir, aus der autonomen und antiimperialistischen Szene kommend, haben dieses Papier geschrieben, um eine grundsätzliche politische Diskussion zu führen. Wir sind nämlich der Ansicht, daß unsere eigene politische Arbeit und die der Szene von einer Reihe von Fehlern, Schwächen und Lücken gekennzeichnet war und ist. Diese müssen dringend überwunden werden, wenn wir hier eine wirksame revolutionäre Bewegung aufbauen wollen. Es handelt sich um den fehlenden Klassenstandpunkt, militaristische Tendenzen, Ghetto-Mentalität, freiwillige Desorganisation, zu kurzes und inkonsequentes politisches Denken und eine weitgehende Ignoranz gegenüber dem Marxismus-Leninismus.“
Mir scheint, die IL bemüht sich am effektivsten um Überwindung von „militaristische[n] Tendenzen, Ghetto-Mentalität“ und „freiwillige[r] Desorganisation“. Der Anspruch, eine „revolutionäre Bewegung aufbauen [zu] wollen“, ein „Klassenstandpunkt“ und der „Marxismus-Leninismus“ ist dagegen bei der IL für mich deutlich weniger zu erkennen.
Nun ist es um den – von Stalin, wenn nicht erfundenen, so doch maßgeblich verbreiteten – Ausdruck „Marxismus-Leninismus“ und zumal um die von Stalin dem Ausdruck beigelegten Inhalte (um die ging es auch den Papier-AutorInnen wohl nicht) nicht besonders schade. Und auch zum „Klassenstandpunkt“ wären zahlreiche komplizierende Anmerkungen zu machen. – Nur scheint mir, daß alldas von der IL unkritisiert und ersatzlos einfach fallen gelassen wird – wie sich auch in dem ziemlich unspezifischen Namen (Intervention. Ja, aber wofür?) ausdrückt.
Also: Mir fällt es – abgesehen davon, NSB-/NGO-näher zu sein und sein zu wollen, als die autonome Szene – schwer, eine politische Linie zu erkennen. Der Interventionismus des Kommunistischen Bundes (KB) der 70er und 80er Jahre bspw. in die Anti-AKW-Bewegung oder den grünen Parteibildungsprozeß war da schon spezifischer.
Oder noch mal anders gesagt: „Militarismus“ weg, ohne daß statt dessen besonders viel inhaltliche Butter bei Fische dazukommt – das erweckt bei mir den Eindruck von ‚Entradikalisierung‘, die von den AutorInnen des 1988er Papieres vermutlich nicht intendiert war.

Erinnert sei in dem Zusammenhang noch einmal an den Autonomen Kongress, der vom 8. – 11.10. in Hamburg stattfinden wird, (1, 2 3, 4)
und meine Rezension der Organisierungsdebatte in der radikal:
http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/08/25/radikal-interview-mit-der-militanten-gruppe-zu-organisierung-des-revolutionaeren-widerstandes-teil-iv-der-rezension-zu-radikal-nr-161/
und
http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/08/07/auf-papier-gelesen-radikal-nr-161-t_i/
sowie diese Kommentar-Diskussion:
http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/09/27/was-waehlen-teil-iv-ein-sieg-von-schwarz-geld-waere-ein-schritt-zurueck-hinter-seattle/#comment-454
(Mephisto – 27. September 2009 um 15:40 Uhr) + nachfolgende Antwort. -

Ich fände es auch sinnvoll, wenn eine Diskussion zustandekommt; die Kommentarfunktion steht ohnehin zur Verfügung. Wer/welche etwas längeres schreiben will, kann sich gerne auch als BenutzerIn anmelden und einen eigenen, neuen Beitrag schreiben.
Interessant fände ich auch, falls die seinerzeitigen Papier-AutorInnen, falls sie das hier lesen, mitteilen würde, warum dem seinerzeitigen Papier anscheinend nie etwas Weiteres folgte – weder ein weiteres Papier noch ein Umsetzungsversuch. Und was für ein Grüppchen war eigentlich die in dem Papier zwei- oder dreimal zitierte Proletarische Aktion mit der Zeitung Partisan?

  1. Es handelt sich durchweg um Kleinigkeiten: fehlende Kommata; (richtiges) „daß“ statt (falsches) „das“, ein Buchstabendreher, eine Ersetzung von „m“ durch „n“ (oder was es umgekehrt?), Einfügung eines fehlenden Buchstabens. – Im Original stehen am Satzende vor Fragezeichen immer Leerzeichen. Die haben wir beseitigt. [zurück]