Archiv der Kategorie 'Fragen der Strategie'

Warum heute noch KommunistIn sein? Und: Was wir am Kommunismus ändern müssen?

Im April hatte ich mein Papier „Worum geht es dem transgenialen CSD eigentlich? Eine feministisch-kommunistische Kritik“ vorgelegt. Damals fragte mich eine Genossin per mail: „Was kommunistisch Heute meinen könnte, […], weil es mich interessiert und ich nach Zugängen suche…
Zugänge, die allgemeinverständlich sind und die NICHt einfach ignorieren, das mit dem Wort geschichtlich schon autoritäre Irrtümer vertreten wurden.“
Ich sah mich zwar im April nicht und ich sehe mich auch jetzt nicht als verpflichtet an, jedesmal, wenn ich das Wort „kommunistisch“ verwende, eine Distanzierung von den mit dessen Wortgeschichte verbundenen „autoritäre Irrtümer[n]“ beizufügen. – Daß mein Kommunismus-Verständnis ein anderes als das realsozialistische ist, ergab sich damals allein schon aus dem damaligen gleichzeitigen Bezug auf den Feminismus. Und auch in den meisten anderen Texten, in denen ich von „Kommunismus“ spreche, dürften sich derartige Unterschiede jeweils erschließen lassen. Von einer Gesamtlektüre meiner diesbgl. Textproduktion (1 und 2) ganz abgesehen. ;-)
Indem heute aber ein Genosse im Rahmen der aktuell laufenden Programm- und Organisierungsdebatte die 21 Aufnahmebedingungen der KomIntern in Erinnerung brachte, brachte er mir in Erinnerung, daß ich mich – vor rund 20 Jahren – auch bereits einmal mit dem KomIntern-Dokument befaßt hatte.
Ich schrieb damals ein Papier „Warum heute noch KommunistIn sein? Und: Was wir am Kommunismus ändern müssen?“. Das Papier war für einen Diskussionszirkel bestimmt, der damals eine Veranstaltung plante, die aber schließlich nicht realisiert wurde. Das Papier blieb damals unveröffentlicht. – Es sei nunmehr als nachträgliche Antwort auf die mir im April gestellte Frage veröffentlicht. (Für die jetzige Veröffentlichung habe ich damalige Tippfehler korrigiert, das Literaturverzeichnis um
links ergänzt, die Fußnote 5 hinzugefügt und in These II.8 eine kleine – gekennzeichnete – inhaltliche Korrektur vorgenommen. Zur damaligen These II.4. sei mittlerweile auf diese beiden [1 und 2] Präzisierungen hingewiesen.)

[der folgende Text als .pdf-Datei]

I. Methodisches

1. Engels sagt: „Es wird die Pflicht (…) sein, sich über alle theoretischen Fragen mehr und mehr aufzuklären (…) und stets im Auge zu behalten, daß der Sozialismus, seitdem er eine Wis­senschaft geworden ist, auch wie eine Wissenschaft betrieben, d.h. studiert werden will“ (Engels 1874, 517). Und Lenin sagt: „Wir betrachten die Theorie von Marx keineswegs als et­was Abge­schlossenes und Unantastbares; wir sind im Gegenteil davon überzeugt, daß sie nur das Funda­ment der Wissenschaft gelegt hat, die die Sozialisten nach allen Richtungen wei­terentwickeln müssen, wenn sie nicht hinter dem Leben zurückbleiben wollen.“ (Lenin 1899, 205 f.1).
Diese Bestimmung der revolutionären Theorie auch als Wissen­schaft bedeutet die Abgrenzung von jedem Dogmatismus und eröff­net die Möglichkeit zur Selbstkorrektur und zur immanent Wei­terentwicklung. Mit dieser Bestimmung der revolutionären Theo­rie ist zum zweiten eine doppelte Abgrenzung abgenommen: 1. ge­genüber jenen, die revolutionäre Theorie ausschließ­lich als Phi­losophie (‚Kritische Theorie’) auffassen und 2. gegenüber je­nen, die revolutionäre Theorie als angeblich wissenschaftliche Weltanschauung, also letztlich ebenfalls Philosophie, (Stalinismus) ausgeben. (Da eine Weltanschauung gerade keine Wissenschaft ist, bedeutet die ge­nannte Wortkombination die Unterordnung der Theorie unter die pragmatischen [Macht]-Notwendigkeiten des politischen Alltags. Wohin dies führt, haben wir alle die letzten Jahr­zehnte gesehen – mit dem schließlichen Er­gebnis des Zusammenbruchs.)2
(Die RAF steht mit ihrer praktizi­stischen (pragmatischen) Auslegung, die sie der marxistischen These vom „Primat der Praxis“ gegeben hat, ebenfalls in dieser wissenschaftsfeindlichen Tradition. Diese Wissenschaftsfeind­lichkeit hat es ihr unmöglich gemacht, die produktiven Ansätze aus dem „Konzept Stadtguerilla“ und aus „Stadtguerilla und Klassenkampf“, auf die Ali Jansen / Bern­hard Rösenkötter und Michi Dietiker jüngst in ihrem „Messerrücken“-Text erneut auf­merksam gemacht haben, weiterzuentwickeln als sich die politi­schen Bedingungen u.a. mit dem Schei­tern der Mai-Offensive 1972 verändert hatten. Statt zu einer solchen produktiven Weiterent­wicklung kam es zu dem bekannten militaristischen Subjektivis­mus, dessen Scheitern im ver­gangenen Jahr nun auch die RAF er­kannt hat. Dieses Mal scheint ihr – mangels der theoreti­schen Waffen der Revolution – nur der Weg in den subjektivistischen Neo-Reformismus zu bleiben.)

2. Rosa Luxemburg sagt: „Es kann keine gröbere Beleidigung, keine ärgere Schmähung gegen die Arbeiterschaft ausgesprochen werden als die Behauptung: theoretische Auseinandersetzun­gen seien lediglich eine Sache der ‚Akademiker‘. (…). Solange die theoretische Erkenntnis bloß das Privilegium einer Handvoll ‚Akademiker’ in der Partei bleibt, droht ihr immer die Gefahr, auf Abwege zu geraten.“ (Luxemburg 1899, 371).
Diesen Ausgangspunkt wählend, sollen im folgenden einige Punkte aufgezeigt werden, in denen der traditionelle Marxismus weiter­hin Recht hat (II.) und einige Punkte, in denen der Marxismus revidiert werden muß (III.). Dabei wird sich dann zeigen, daß auch die ‚Wahrheiten’ unter II. nur die halbe bzw. vielmehr eine Drittel-Wahrheiten sind.

II. Warum heute noch KommunistIn sein?

1. Nach wie vor richtig ist die Erkenntnis, daß die Herrschen­den ihre Macht nicht freiwillig abgeben werden, und daß wir nicht in der Lage sein werden, ihren Widerstand zu brechen, wenn wir abwarten bis uns die Machtfrage von den Herrschenden gestellt wird. Kommuni­stInnen unterlassen es deshalb „keinen Au­genblick, bei den Arbeitern ein möglichst klares Be­wußtsein über den feindlichen Gegen­satz zwi­schen Bour­geoisie und Prole­tariat herauszuar­beiten, (…). Die Kommuni­sten ver­schmähen es, ihre An­sichten und Absichten zu ver­heimlichen. Sie erklären of­fen, daß ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsa­men Umsturz aller bishe­rigen Gesellschafts­ordnung.“ (Marx/Engels 1848, 492 f.). „Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft liegt die Periode der revolu­tionären Umwandlung der einen in die andre. Der entspricht auch eine politische Über­gangsperiode, deren Staat nichts andres sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletari­ats.“ (Marx 1875, 28). Anders als in Stalins Konzeption ist der So­zialismus also keine eigen­ständige Produktionsweise, in der Klas­senkampf abstirbt; vielmehr ist in ihm der Klassen­kampf für den Kommunismus, für die staats- und herrschaftslose Gesell­schaft „in neuer Form und mit neuen Mitteln (fortzusetzen)“ (Lenin 1921, 482). (mehr…)

Zum Stand der Organisierungs- und Programmdebatte

Ende März hatte die Sozialistische Initiative Berlin (damals noch mit dem Zusatz: „-Schöneberg“) mit ihrem Papier „Neue antikapitalistische Organisation? Neue antikapitalistische Organisation? Na endlich!“ eine – auch hier schon öfters Thema gewesene – Programm- und Organisierungsdebatte ausgelöst. Mittlerweile hat die Debatte – insbesondere durch die Beiträge des Kreises der AutorInnen eines „Bochumer Programm“-Entwurfes – deutlich an Fahrt aufgenommen.
Strittig ist im Moment insbesondere, ob das Konzept des „revolutionären Bruchs“ tatsächlich zur Grundlage der Arbeit der eventuell zu gründenden Organisation gemacht werden soll (wie in dem „Na endlich“-Papier vorgeschlagen und sogar als „unverhandelbar“ bezeichnet wurde) oder ob die Organisation auch für gradualistische Konzeptionen, die eine schrittweise Änderung der Gesellschaftsstruktur ohne revolutionären Bruch anstreben, offen sein soll, und ob das „Bochumer Programm“ in die zweitgenannte Kategorie fällt.

Meine letzten Beiträge zu diesem Thema finden sich dort:

und

sowie
schon etwas älter:

Außerdem gibt es eine Übersicht über dieses und 19 weitere Themen, die bisher strittig diskutiert wurden und weiter diskutiert werden sollen:

.

Reformistischer Voluntarismus – Zum Grundsatzprogramm-Entwurf der Linkspartei

Gestern wurde im blog Lafontaines Linke eine von mir verfaßte ausführliche Auseinandersetzung mit dem Grundsatzprogramm-Entwurf der Linkspartei (mit bisher 7 LeserInnen-Kommentaren) veröffentlicht:

http://www.lafontaines-linke.de/2011/10/das-blaue-vom-himmel-schulze-programm-debatte/.

Vgl. zum gleichen Themenkreis auch noch von mir bzw. unter meiner Beteiligung entstanden:

zur vorhergehenden Fassung des Grundsatzrogramm-Entwurfes:

Verschiedene Geschmäcker
http://theoriealspraxis.blogsport.de/2010/05/11/verschiedene-geschmaecker/

zum Linkspartei-Wahlprogramm von 2009:

Linke Kapitalismuskritik muss treffender werden – Geht eine Kritik an Geiz, Gier und Verantwortungslosigkeit wirklich an die Wurzel – oder am Ziel vorbei?
http://www.trend.infopartisan.net/trd7809/t107809.html

eine Diskussion von Anfang der 1990er Jahre:

Moderner Kapitalismus – ArbeiterInnenklasse – politisches Subjekt
http://theoriealspraxis.blogsport.de/koproduktionen/moderner-kapitalismus-arbeiterinnenklasse-politisches-subjekt/

Hehre Ansprüche, naive Strategie
http://theoriealspraxis.blogsport.de/koproduktionen/hehre-ansprueche-naive-strategie/

Transformation oder Revolution?
http://theoriealspraxis.blogsport.de/koproduktionen/transformation-oder-revolution/

ansonsten zur Linkspartei:
http://theoriealspraxis.blogsport.de/tag/linkspartei

von anderen:

a)

Lucy Redler
Sozialismus statt Marktwirtschaft. Eine Auseinandersetzung mit Sahra Wagenknechts „Freiheit statt Kapitalismus“
Broschüre, A5, 44 Seiten
3 Euro
http://shop.sozialismus.info/shop/article_662/Sozialismus-statt-Marktwirtschaft.html?sessid=LWnGL8ViKOpke5IRqIEpsTMkKHz12RfLYwFUyGJi00hkM73LFxBO6QYbY6TicfzY&shop_param=cid%3D1%26aid%3D662%26

Diskussionsveranstaltung über das Buch „Freiheit statt Kapitalismus“ von Sarah Wagenknecht
Montag, 10. Oktober, 19 Uhr im Ver­an­stal­tungs­raum DIE LINKE, Schwanenstr. 30, Dortmund
http://sav-ruhr.blogspot.com/2011/09/sozialismus-statt-marktwirtschaft-mit.html

b)

Guenther Sandleben
Finanzmarktkrise – Mythos und Wirklichkeit. Wie die ganz reale Wirtschaft die Krise kriegt
(proletarischen Texte Band 1)
121 Seiten. 7,90 €
ISBN 978-3-8423-3654-4
http://www.proletarische-plattform.org/proletarische-texte/

c)

August Thalheimer (vgl. zu diesem: http://de.wikipedia.org/wiki/Kommunistische_Partei-Opposition)
Über die sogenannte Wirtschafts-Demokratie
http://www.marxists.org/deutsch/archiv/thalheimer/1928/xx/wirtdem.html

Mal wieder: Queer contra Feminismus – Offener Brief an das Lesbenarchiv „Spinnboden“

In Nachbereitung zur Veranstaltung vom Montag zum Thema „Perspektiven der feministischen Organisierung nach dem Slutwalk“ (vgl. dazu: 1, 2 und 3) sollte am Freitag im Lesbenarchiv „Spinnboden“ ein Nachbereitungs-Treffen stattfinden. Nachdem bei Facebook gegen die Veranstaltungsankündigung Transphobie-Vorwürfe erhoben wurden, weil dort die Frage aufgeworfen wurde, ob das Treffen mit oder ohne Beteiligung von Trans* stattfinden soll, entschloß sich der „Spinnboden“ die Raumzusage zurückzuziehen.
Darauf antwortete ich mit untenstehendem Offener Brief.
Das Treffen wird nun statt dessen im Hinterzimmer des Restaurants Nepal-Mandal (Brunnenstr. 164) stattfinden, was immerhin den Vorteil hat u-bahn-näher gelegen zu sein (alternativ zum U-Bhf. Rosenthaler Plart kommt im übrigen auch der U-Bhf. Bernauer Str. in Betracht).
Das Treffen wird nun u.a. der Vorbereitung einer Veranstaltung zum Thema „Ist Cis-FrauenLesben-Separatismus transphob?“ dienen. Personen, die eine Veranstaltung mit diesem Thema für illegitim halten, sind zu dem Treffen genauso wenig eingeladen, wie Leute, deren politischer Horizont bis zum – bei Facebook gepflegten – um das Wort „Kackscheisse“ kreisenden Fäckaljargon reicht.

[Der folgende Offene Brief als .pdf-Datei]

Liebe Gabriele,
liebe Spinnboden-Geschäftsführung,

wenn dies meine Ebene der politischen Auseinandersetzung wäre, würde ich als erstes den Transphobie-Vorwurf an Euch zurückgeben.
Nach den in der Berliner queer-Szene etablierten Maßstäben ist, mich als Trans- oder Indergender-Wesen, das einen weiblichen und einen männlichen Vornamen führt, ausschließlich mit meinem männlichen Vornamen anzureden, „transphob“, weil eine derartige Adressierung angeblich in mein Recht auf Selbstbezeichnung eingreift.
Da ich aber nicht zu denen gehöre, denen der Unterschied zwischen Selbstverständnis und Fremdwahrnehmung unbekannt ist, könnt Ihr mich gerne weiterhin so anreden, wie es Euch beliebt.

Was den Transphobie-Vorwurf wegen der Ankündigung des Treffens und der zugehörigen Facebook-Diskussion betrifft, so weise ich ihn zurück:

1. Das Treffen ist nicht einmal als Cis-FrauenLesben-Treffen angekündigt (wäre ja auch absurd, wenn ich selbst zu den Einladenden gehöre…).
Was wir allein machen, ist: Bekannt geben, daß wir für zulässig halten, daß Cis-FrauenLesben ihren etwaigen Wunsch, sich ohne Trans*-Beteiligung zu treffen, bekunden, und ich selbst mich diesem Wunsch beugen würde.
Daß allein das Zulassen des Bekundens eines solchen Wunsches zu Transphobie-Vorwürfen führt und Euch zur Rückname der Raumzusage veranlaßt, zeigt allein, welch undemokratische Diskussionsstruktur zu Lasten von (bestimmten) Cis-FrauenLesben in der Berliner queer-Szene mittlerweile Standard geworden ist.
Queer wirkt hier alles anderes als eine Abschwächung des Patriarchats, sondern als eine Verstärkung des Patriarchats – als Hinderung für Cis-FrauenLesben, ihre ggf. bestehenden Bedürfnisse und politischen Ansichten auszusprechen.

2. Für jeden und jeder, der/die nicht völlig von individualistisch-idealistischer, queerer Ideologie verbohrt ist, liegt auf der Hand, daß (mehr…)

HEUTE (Mo., 3.10.): Disk.-VA über feministische Organisierung

Veranstaltung, Mo., 3.10.: Perspektiven feministischer Organisierung nach dem Slutwalk

In zwei Wochen: Disk.-VA über feministische Organisierung

Am Montag, den 3. Oktober diskutieren ab 19 h im Tristeazza (Pannierstraße 5, 12047 Berlin)
-- Nadine Lantzsch (Mitorganisatorin des Berliner Slutwalks und Autorin der AK-Serie zum Thema „queer“: http://www.akweb.de/ak_s/ak561/27.htm; Serien-Übersicht: http://www.akweb.de/ak_s/ak563/11.htm – am Ende)
-- eine Vertreterin der Hamburger antimilitaristischen FrauenLesben-Gruppe AMIGA
(http://kein-trialog.so36.net/hinter/pdf/fem_posi_gg_mil_amiga_hh.pdf)
und
-- Barbara Suhr-Bartsch (Verfasserin des Papiers „Eine wirklich ‚Neue Linke‘ muss emanzipatorisch sein – oder sie wird nicht sein“: http://arschhoch.blogsport.de/2011/06/27/eine-wirklich-neue-linke-muss-emanzipatorisch-sein-oder-sie-wird-nicht-sein/)
über „Perspektiven der feministischen Organisierung nach dem Slutwalk“.

Mehr Infos :
http://arschhoch.blogsport.de/2011/09/14/va-3-10-perspektiven-feministischer-organisierung-nach-dem-slutwalk/

Diskussion zwischen Schweizer und deutschen Feministinnen (1990)

Ich dokumentiere im Folgenden zwei Texte, die im Nov. 1990 in der radikal Nr. 141, Teil I erschienen –
► zum einen: Schweizer Feministinnen,
Ein Stein in der Sonne (S. 6 – 10) (= ein Brief an die Gefangene aus der RAF, Eva Haule, und die Gefangene aus dem antiimperialistischen Widerstand, Gisela Dutzi)
► und zum anderen: eine Stellungnahme von „Frauen aus der
radikal“ dazu (S. 10 – 14).
Beide Texte wurde – unter leichten Kürzungen, die hier übernommen werden – 1994/95 in den beiden Auflagen der folgenden Broschüre nachgedruckt:
Broschürengruppe in Zusammenarbeit mit dem ASTA-FU sowie Frigga Haug, Wolfgang Fritz Haug, Wolf Dieter Narr, Uwe Wesel, Harald Wolf (Hg.)
Für eine neue revolutionäre Praxis.
Triple oppression & bewaffneter Kampf.
Eine Dokumentation von antiimperialistischen, feministischen, kommunistischen Beiträgen zur Debatte über die Neubestimmung revolutionärer Politik 1986-1993

Selbstverlag: Berlin, 1. Aufl. 1994, 2. Aufl. 1995, 66 – 70 und 70 – 74.

Ein Stein in der Sonne

Feminismus ist der Klassenkampf von ganz unten gegen das ganze System

Liebe Eva und Gisel,

[…] Wir sagen Nein zum scheinbar so basisdemokratischen „alle gleichzeitig voran“, weil es immer auf die selbstmörderische Illusion hinausläuft, der Sieg über die ausgezeichnet vorbereiteten, feindlichen Kräfte könne ein spontaner Akt nicht-vorbereiteter Massen sein. Wir halten daran fest, daß ein Teil der Klasse (eine „Avant-Garde“!) den Kampf um die Macht in nicht-revolutionärer Periode vorbereiten muß, und daß der bewaffnete Kampf zugleich die wirksamste Form der politischen Propaganda in nicht-revolutionärer Periode ist. All diese Tatsachen werden nicht dadurch außer Kraft gesetzt, daß das der Situation angemessene, technologische Niveau heute in der Schweiz tief ist. Entscheidend ist das bewußte und gezielte Vorantreiben.

Nachdem Ihr nun aber so klar und offen zum Feminismus Stellung genommen habt, wollen wir als Feministinnen ebenso klar und offen Stellung nehmen. Wir müssen dazu etwas ausholen.

Das imperialistische Patriarchat und seine aktuellen Projekte

Das System – wir nennen es imperialistisches Patriarchat – beruht auf der Ausbeutung und Gewalt gegen Frauen weltweit. Alle einzelnen Projekte sind Angriffe gegen Frauen, die neben und in geringerem Maß auch Männer treffen.

„im kampf der frauen wird ein zentraler nerv des herrschenden systems freigelegt“, schreibt Ihr. Wir meinen, da untertreibt Ihr maßlos: Frauen leisten konservativ geschätzt (durch die UNO) weltweit 2/3 der gesellschaftlichen Arbeit und bekommen dafür 1/10 der direkten oder indirekten Lohneinkommen. Dabei ist gesellschaftlich notwendige Arbeit wie Schwangerschaft, Geburt, Stillen, Verhütung, Abtreibung, emotionale und sexuelle Dienste noch nicht einmal mitgerechnet. Frauenarbeit ist der Nerv des Systems! (mehr…)

Von der Philosophie zur Politik

Noch mal zu Postmoderne und Leninismus –

oder: Antwort1 auf das „Quietscheentchen“-Papier (SIBS v. 28.7.)

Dieser wie folgt gegliederte Text wird ab morgen Mittag im „Arsch hoch“-blog zur Organisierungs- und Programmdebatte zur Verfügung stehen: http://arschhoch.blogsport.de/2011/08/20/von-der-philosophie-zur-politik/.

Überblick:

I. Von der ‚postmodernen’ Philosophie …

1. Historischer Materialismus und idealistische Geschichtsphilosophie
2. Die Frage nach dem Gehalt von Theorie
3. Begriff und Wirklichkeit
4. Die Vernunft, die Macht und der Irrationalismus
5. Wertkritik und Postmoderne

II. … zum historischen Materialismus …

1. sex und gender
2. Vom wissenschaftlichen und politischen Nutzen der De-Konstruktion
3. Hauptwidersprüche, Nebenwidersprüche, Grundwidersprüche – und die Perspektiven einer Weltrevolution

III. … zur revolutionären Organisierung

1. Für revolutionäre Politik ohne geschichtsphilosophische Durchhalteparolen
2. Selbstkritisches zum Zeitplan
3. Arbeitskonferenz, Debattenverlauf und Spektrenerweiterung

Slutwalk – noch eine Antwort auf Kritik an unserem Transpi

Antwort auf einen persiflierenden Kommentar bei lesarion1

Also – neuer Versuch:

Wir leben in einem System, das – unter Berufung auf die Biologie, die aber selbst gar nicht so eindeutig binär ist, wie der Gesetzgeber behauptet und der Alltagsverstand meint2 – alle Individuen einem von zwei Geschlechtern zuordnet. Die binäre Zweigeschlechtlichkeit wird durch diesen Zuordnungsprozeß überhaupt erst geschaffen.

Der Zuordnungsvorgang geht zugleich mit der ungleichen Zuweisung von Arbeit, Einkommen, Lebensqualität und Verhaltensanforderungen (beim Sex, auf Arbeit, auf dem Sportplatz, beim Politik machen, beim Konzertbesuch etc.) einher. Dies ist der gesellschaftlich ‚Sinn’ jener Zuordnung aller Individuen zu einem von zwei Geschlechtern. (Ob die Leute blaue oder grüne Augen haben, ist dagegen unter heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen egal.)

++ Eine ‚richtige Frau zu sein’, heißt nicht, eine Vulva und xx-Chromosomen zu haben, sondern die für Frauen geltenden Zuweisungen hinzunehmen und die entsprechenden Verhaltensanforderungen zu erfüllen. Anderenfalls ist sie eine „Schlampe“, ein „Mannweib“ oder ähnliches.
++ Und: Ein ‚richtiger Mann zu sein’, heißt nicht einen Schwanz und xy-Chromosomen zu haben, sondern die für Männer geltenden Zuweisungen zu genießen und sich gemäß der entsprechenden Verhaltensregeln zu verhalten. Anderenfalls ist er ein „Weichei“, „schwul“ (auch wenn er noch nie mit einem Mann Sex hatte und auch niemals haben will) oder ähnliches.

Konkret erfolgen jene ungleichen Zuweisungen in der Weise, daß Männer das herrschende und ausbeutende Geschlecht und Frauen das beherrschte und ausgebeutete Geschlecht sind. (mehr…)

Ein Symptom mit seiner Ursache bekämpfen? – Slutwalks und Perspektiven des Feminismus

[Der folgende Text als .pdf-Datei (2 Seiten)]

In der taz von heute werden zwei Teilnehmerinnen des Berliner Slutwalks zitiert. Sie machen deutlich, daß die Slutwalks nicht nur eine Ein-Punkt-Bewegungen sind, sondern daß es um weit mehr geht. Die taz schreibt: „Die Kunstgeschichts- und die Tiermedizinstudentin wollen aber nicht nur für die ursprüngliche Idee des Schlampenmarsches – das Recht auf selbstbestimmte Kleidungswahl, ohne im Falle einer demütigenden Anmache oder einer Vergewaltigung dafür verantwortlich gemacht zu werden – demonstrieren. Sie protestieren auch, weil sich bei den Frauen ihrer Generation wieder ein Gefühl von ‚Heim an den Herd’ breitmache. Sie berichten von Altersgenossinnen, die ‚einfach nur geheiratet werden’ wollen, und über ihr Unverständnis darüber. […]. Es sei ‚eine Katastrophe’, dass Frauen bei gleicher Qualifikation in Deutschland immer noch weniger verdienen und die junge Generation das einfach so hinnehme oder sich aus Resignation wieder in die Hausfrauen- und Mutterrolle flüchte.“
Auch in der ARD-Kultursendung „titel, thesen, tempramente“ sprach gestern Abend eine Teilnehmerin von einem backlash, der zu verzeichnen sei.
Mit diesen hellsichtigen Lageanalyse kontrastiert aber ein anderes in dem taz-Artikel angeführtes Zitates der beiden Demo-Teilnehmerinnen: „‚Dieser Männerhass ist total überholt, […]’, sagt Annika […].“

Wieso ist denn nun aber der „Männerhass“ überholt, wenn gleichzeitig gesehen wird, daß sich das Patriarchat verschärft? – Letzteres kann doch logischerweise nur zwei Gründe haben:
► Entweder sind ‚die Männer’ heute ‚schlimmer’ als vor – sagen wir – 20 Jahren. Warum sollte dann aber „Männerhass“ fehlt am Platze sein (außer, daß anzumerken ist, daß auch einzelne Männer nichts als große geschichtsmächtige SUBJEKTE, sondern als Träger gesellschaftlicher Strukturen handeln)?
► Oder aber ‚die Frauen’ waren in der letzten – sagen wir – 15 Jahren zu nachgiebig. Auch dann liegt es alles andere als nahe, zum x-Male zu beteuern, daß Feminismus doch nicht mit „Männerhaß“ zu tun habe, wie es in eben diesen 15 Jahre zur Standard-Floskel von neoliberalem „gender mainstreaming“, grüner „Geschlechterdemokratie“, linksparteilicher „Geschlechtergerechtigkeit“ und sog. „queer-Feminismus“ wurde.

Auch, wenn es analytisch und politisch zu begrüßen1 ist, daß in den 90er Jahre (mehr…)

Antworten auf Kritik

Der indymedia-Bericht über unsere Transpi- und Flugi-Aktion beim Berliner Stutwalk löste – neben kruder Pöbelei (siehe dazu dort) – einige ernsthafte Einwände und Bedenken gegen unsere Parole von der ‚Abschaffung der Männer‘ aus. Der besseren Lesbarkeit und Übersichtlichkeit wegen werden hier im folgenden die sich direkt auf einander beziehendenen indymedia-“Ergänzungen“ (Kommentare) direkt gegenübergestellt und zwar zu folgenden Themen:

Nur Männer abschaffen? – Oder: Alle Geschlechter abschaffen?
Zum Verhältnis von ‚Männlichkeit’ und ‚Mannsein’
Verständnisschwierigkeiten und Erklärungsversuche (evtl. bietet es sich an, die Lektüre mit dieser Diskussion zu beginnen, statt der Chronologie der Kritiken zu folgen)
Wessen „dogmatische Engstirnigkeit“?
Hartes Faktum „Muttermilch“?

Wie revolutionär und provozierend ‚darf‘ Feminismus sein?

Revolution

konsequent & radikal

„Kurze Röcke, fette Bässe, Macker kriegen auf die Fresse“:
http://www.flickr.com/photos/pm_cheung/6039792939/in/set-72157627302664367/

Männer abschaffen
vgl. dazu den Bericht: http://de.indymedia.org/2011/08/313935.shtml. (mehr…)

Aktions- und Demobericht (Slutwalk Berlin): ‚umgedrehter Sexismus’?

bei indymedia erschienen:

http://de.indymedia.org/2011/08/313935.shtml.

Für diejenigen, die bezweifeln, daß wir immer noch in einem Patriarchat leben – was der indymedia-Stammtisch dazu zu sagten hat(te) (vieles wurde zurecht von den Mods zurecht gelöscht – warum der Kommentar vom 14.08.2011; 00:17 h dagegen stehenblieb [die Slutwalks sind doch eine deutliche Antwort auf die dortige rhetorische Frage], erschließt sich mir dagegen nicht so richtig):

[Nachträgliche Zwischenbemerkung:
Eine bebilderte Kritik der Medienberichterstattung über die Slutwalks findet sich dort:
https://puzzlestuecke.wordpress.com/2011/08/14/slutwalk-berlin-1-eindruck/
]

Trigger-Warnung: (mehr…)

Die ‚Leseanleitung‘ zu den Transpis

Die ‚Leseanleitung‘ zu den beiden Transpis („Vergewaltigen ist männliches doing gender“ / „Geschlechter abschaffen – Männer zuerst abschaffen.“) ist jetzt auch gedruckt: .pdf-Datei. (Am Text des Entwurfes1 hat sich nichts Relevantes mehr geändert; zum Einfügen der Transpi-Fotos reichte die Zeit auch nicht mehr – aber lilaner ist die endgültige Fassung immerhin geworden…)
Treffpunkt: 14:45 h, vor DGB-Haus [obwohl wir durchaus nicht nur für den Geschlechter-, sondern auch für den Klassenkampf etwas übrig haben: nicht ganz ohne Hintersinn ;-)], Kleist-/Keithstraße.
Wir werden uns dann – wie uns das für eine gemischte Gruppe bei einer feministischen Demo angemessen erscheint – in den hinteren Bereich der Demo einreihen.
Weil wir noch Farbe und Stoff übrig hatten, ist außerdem ein drittes Transpi fast fertig: „Schlampen contra Patriarchat.“ – Falls welche Samstagmittag noch kurzfristig etwas Malen wollen, hätten wir sogar immer noch Stoff und lila Farbe zu spenden.
Bei lesarion hat sich mittlerweile eine umfangreiche Diskussion zu den Transpi-Texten entwickelt:
http://de.lesarion.com/forum/forum_antwort_ver3.php?block=1&id=314032.

  1. http://theoriealspraxis.blogsport.de/2011/08/08/nach-vorne-zurueck-zu-einem-kaempferischen-feminismus/ [zurück]

Geschlechter abschaffen!

Sa., 13.8., 14:45 h – vor dem DGB-Haus

„Einstweilen hat die Dekonstruktion der Geschlechterkategorie die Diskussionen auf die unsinnige Frage gebracht: Gibt es die Frauen oder gibt es sie nicht?, während die sexistischen Gewaltverhältnisse weitgehend aus dem Blickfeld geraten sind. Als könnte das Zauberwort soziale Konstruktion die Herrschaftsverhältnisse auflösen und die Kategorie Frau überwinden, bevor die Frauen den alltäglichen Sexismus zurückgedrängt haben.“
(Cornelia Eichhorn / Sabine Grimm;
http://www.nadir.org/nadir/archiv/Feminismus/GenderKiller/gender_1.html)

„[…] the category ‚woman‘ as well as the category ‚man‘ are political and economic categories not eternal ones. Our fight aims to suppress men as a class, not through genocidal, but a political struggle. Once the class ‚men‘ disappears, ‚women‘ as a class will disappear as well, for there are no slaves without masters.“ (Monique Wittig; http://www.geocities.com/saidyoungman/wittig01.htm)

Weiterlesen – zur Kritik des reformistischen, neoliberalismus-kompatibel queeren Geschlechterpluralismus und anderer Irrtümer der letzten 15 Jahre:

Kuschelsex oder Kuschelpolitik? Lesbisch-kommunistische De-Konstruktion oder ex-autonom-postmoderner Liberalismus?
erschien in: interim Nr. 440, 18.12.1997, 10 – 20 und Nr. 441, 08.01.1998, 18 – 26

Selektive Wahrheiten?
Selektive Wahrheiten?

Gegen den Strom
http://theoriealspraxis.blogsport.de/2011/05/03/gegen-den-strom/

Seven simple, basic and political questions, which all queer comrades should answer
http://theoriealspraxis.blogsport.de/2011/06/29/seven-simple-basic-and-political-questions-which-all-queer-comrades-should-answer/

und von anderen:

► Beate Selders und Christian Quadflieg
Beate Selders, Und immer: „Was bin ich?“ Über Butches und Femmes, Rollenspiele und Roll-Backs und Christiane Quadflieg, Butch und Femme. „Männlichen Machen“ auf Lesbenart?, in: Blau, Winter/Frühjahr 1997/98, 4 – 6 und 7 – 12
als .pdf-Bild-Datei.

► Andrea Baier / Stefanie Soine
Sex ohne Grenzen: Die lesbische Variante des Neoliberalismus
in: beiträge zur feministischen theorie und praxis H. 45, 1997, 71 – 79.
als .pdf-Datei.