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Didier Che­vo­let, Pas­cale Van­de­ge­erde, Bertrand Sas­soye & Pierre Carette
Gefan­ge­nen­kol­lek­tiv der Kämp­fen­den Kom­mu­nis­ti­schen Zel­len

Eine nicht zu recht­fer­ti­gende Erklä­rung
(Zum Brief der RAF vom 10. April 1992)

Im Früh­ling die­ses Jah­res hat die Rote Armee Frak­tion ein wich­ti­ges poli­ti­sches Doku­ment ver­öf­fent­licht. In die­sem Text stellt die revo­lu­tio­näre deut­sche Orga­ni­sa­tion ver­schie­dene Gedan­ken dar, wel­che die inter­na­tio­nale Situa­tion und die soziale, mili­tante und poli­ti­sche Lage in ihrem Land be­treffen (mit beson­de­rem Augen­merk auf die Frage der inhaf­tier­ten Genos­sin­nen und Genos­sen); sie zieht eine Art Bilanz ihrer Akti­vi­tät und schließt mit der Ent­schei­dung, den bewaff­ne­ten Kampf auf­zu­ge­ben.
In einer bestimm­ten Art und Weise hat uns die­ser Schritt nicht über­rascht. Seit lan­ger Zeit verste­hen wir nicht mehr, aus wel­chen his­to­ri­schen, poli­ti­schen und stra­te­gi­schen Ana­ly­sen die RAF ihre kämp­fende Vita­li­tät schöp­fen konnte. Aber das heißt, daß uns die­ser Schluß beson­ders verabscheu­ungswürdig erscheint: Er drückt nicht die Eröff­nung einer kri­ti­schen und selbst­kri­ti­schen Über­le­gung aus, die auf ei­ne theoretisch-​​politische Rich­tig­stel­lung zuguns­ten der revo­lu­tio­nä­ren Sache be­dacht ist, wohl aber das liqui­da­to­ri­sche Resul­tat des Pro­zes­ses von Abwei­chung und poli­ti­scher Degra­die­rung, den die RAF wäh­rend der zwan­zig Jahre ihrer Exis­tenz erfah­ren hat.
Wir wis­sen, daß viele Mili­tante der soge­nann­ten „anti­im­pe­ria­lis­ti­schen“ Bewe­gung in Deutsch­land es für extrem unan­ge­bracht hal­ten, von auf­ein­an­der­fol­gen­den Etap­pen in der Geschichte der RAF zu spre­chen. Trotz­dem, wenn man sich auf den Dis­kurs und die Pra­xis der Orga­ni­sa­tion seit An­fang der 70er Jahre bezieht, ist un­bestreitbar, daß die RAF von 1972, 77 oder 82 drei ver­schie­dene, sehr unterschied­liche Gesich­ter zeigt.
Ursprüng­lich bezog sich die Orga­ni­sa­tion teil­weise auf mar­xis­ti­sche Prin­zi­pien und auf die marxi­stische Ana­lyse, bewies poli­ti­sche Krea­ti­vi­tät und Initia­tive im revo­lu­tio­nä­ren Kampf. 1977 befand sie sich auf dem Gip­fel stra­te­gisch defen­si­ver Optio­nen. 1982 bestä­tigte sie – durch den Text „gue­rilla, wider­stand und anti­im­pe­ria­lis­ti­sche front“ – die kom­plette Preis­gabe ihrer anfäng­li­chen mar­xis­ti­schen Refe­ren­zen und ihr gänz­li­ches Ein­schrei­ben in den Sub­jek­ti­vis­mus und den Mili­ta­ris­mus. Wäh­rend der fol­gen­den zehn Jahre hat sich die RAF immer wei­ter in diese Sack­gasse ver­rannt. Aus­ge­hend von der sehr auf­fäl­li­gen Pro­kla­ma­tion einer „west­eu­ro­päi­schen Gue­ril­la­front“ mit A.D. im Jahre 1985 und der nicht weni­ger medi­en­wirk­sa­men gemein­sa­men Unter­zeichnung einer For­de­rung mit den B.R./P.C.C. im Jahre 1988 bis hin zu einer gro­ßen Zahl bemer­kens­wer­ter Gue­ril­laak­tio­nen (ganz beson­ders die Exe­ku­tion des Treuhand-​​Chefs, Roh­wed­der), konnte sich die deut­sche Orga­ni­sa­tion, mit gutem Wil­len zwar, nur in ver­lo­re­nen Illu­sio­nen erschöp­fen. Heute scheint die RAF nicht mehr zu ver­ste­hen, gegen wen sie kämpft und wes­halb. Dies ist auf Zeit unvermeid­bar, wenn man den his­to­ri­schen Mate­ria­lis­mus und den wis­sen­schaft­li­chen Sozia­lis­mus, das Ziel der Klas­sen­re­vo­lu­tion und der Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats auf­ge­ge­ben hat.
Das von der RAF im April ver­öf­fent­lichte Doku­ment und beson­ders seine Schluß­fol­ge­rung des „Abschieds von den Waf­fen“ haben unter der deut­schen mili­tan­ten Bewe­gung wich­tige Erschütte­rungen pro­vo­ziert; sie haben zahl­rei­che Dis­kus­sio­nen und Stel­lung­nah­men bis auf inter­na­tio­na­ler Ebene her­vor­ge­ru­fen. So hat­ten wir die Gele­gen­heit, den sehr zutref­fen­den Bei­trag des Zentral­komi­tees der P.C.E.(r.) mit dem Titel „Replanta­mi­ento estra­te­gico o liqui­da­cion?“ [in die­ser Bro­schüre S. Anm. d. Hg.] {die kor­rekte Schreib­weise wäre „Replan­tea­mi­ento estra­té­gico o liqui­da­ción?“ gewe­sen. TaP} zu lesen. Auch wir wol­len zu die­sem Thema bei­tra­gen, wenn wir auch die Ver­spä­tung bedau­ern. Wir den­ken, daß es um unsere Ver­ant­wor­tung und poli­ti­sche Soli­da­ri­tät gegen­über der gesam­ten revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung geht.

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Bevor wir zum Inhalt des Doku­ments der RAF kom­men, möch­ten wir einige Worte zu die­sem Brief selbst sagen. Seit vie­len Jah­ren ent­wi­ckelt sich in der revo­lu­tio­nä­ren euro­päi­schen Bewe­gung eine kri­ti­sche Debatte. Inter­es­sante Bei­träge, beson­ders aus Spa­nien und Ita­lien, sind im Umlauf, und von unse­rer Seite bemü­hen wir uns, an dem Aus­tausch mit unse­ren beschei­de­nen Kapa­zi­tä­ten teil­zu­nehmen. Ein gro­ßer Teil der The­men und Ana­ly­sen die­ser Debatte auf inter­na­tio­na­ler Ebene be­zieht sich beson­ders auf die anti-​​marxistischen, sub­jek­ti­vis­ti­schen und mili­ta­ris­ti­schen Posi­tio­nen, wel­che in ers­ter Linie die RAF seit Anfang der 80er Jahre ver­tritt. Nun hat aber, soviel wir wis­sen, die RAF es nie­mals für sinn­voll erach­tet, diese politi­schen Kri­ti­ken zu beach­ten oder sich den Ar­gumenten zu stel­len, auf denen sie ba­sieren. Und der Brief vom 10. April igno­riert diese noch im­mer in groß­ar­ti­ger Weise.
Obwohl die RAF heute erklärt, daß ein Grund des Schei­terns ihrer Ideen in der Tat­sa­che besteht, daß sie sich iso­liert hat, weil sie keine wirk­li­che politisch-​​organische Bezie­hung mit den­je­ni­gen auf­ge­baut hat, die sich in die revo­lu­tio­näre Perspek­tive ein­rei­hen. Sie ruft zu neuen Bezie­hun­gen, zu neuen gemein­sa­men Diskussio­en und Pro­jek­ten etc. auf. Aber kon­kret fährt sie fort, die De­batte zu ver­hin­dern und die Fra­gen und Ant­wor­ten so zu for­mu­lie­ren, wie sie alleine sie ver­steht. Zum Beweis die fol­gende merk­wür­dige Hand­lungs­weise: Um bes­sere Bedin­gun­gen für eine Grund­über­le­gung – die sehr weit die mili­tante Bewe­gung in Deutsch­land durch­zieht – über den bewaff­ne­ten revolutionä­ren Kampf zu schaf­fen, gibt die RAF die­sen auf. Anders gesagt, um eine Refle­xion über ein Thema zu begüns­ti­gen und dabei die Rich­tig­keit der Schluß­fol­ge­run­gen zu garan­tie­ren, beginnt sie damit, das frag­li­che Thema eigen­mäch­tig zu liqui­die­ren. Unse­rer Mei­nung nach und in die­sem beson­de­ren Fall drückt eine sol­che Hand­lungs­weise keine Suche nach revo­lu­tio­nä­rem Fort­schritt aus, son­dern zeigt einen Ver­such, im Nach­hin­ein eine Ent­schei­dung zu recht­fertigen, die im Zusam­men­hang mit ande­ren, nicht zuge­ge­be­nen Inter­es­sen getrof­fen wurde.
Ein ande­rer Aspekt des Doku­ments der RAF ver­dient, her­vor­ge­ho­ben zu wer­den. Wir haben ge­hört, daß er sehr ver­schie­den ver­stan­den wurde: Einige sehen darin ein geris­se­nes tak­ti­sches Ma­növer, andere die Aner­ken­nung der Unan­ge­mes­sen­heit der revo­lu­tio­nä­ren Gewalt, etc. Schließ­lich fin­den viele darin die Gele­gen­heit, sich von dem, wor­auf sie gerade Lust haben, zu über­zeu­gen und ein unend­li­ches und unge­naues Geplau­der zu betrei­ben. Wir den­ken, daß der RAF in die­ser Ange­le­gen­heit ein Groß­teil der Ver­ant­wor­tung zukommt. Seit lan­ger Zeit ent­wi­ckelt sie in ihrem Dis­kurs wie in ihrer Pra­xis viele Zusam­men­hang­lo­sig­kei­ten und Verwirrun­gen, was ein Zei­chen für den unbe­streit­ba­ren Man­gel an ideo­lo­gi­scher Klar­heit ist. So etwas greift all­mäh­lich um sich.
Die kon­fuse Aus­drucks­weise des Brie­fes vom 10. April hält einer stren­gen Ana­lyse nicht stand. Die all­ge­meine Posi­tion im gesam­ten Text läßt weder meh­rere Inter­pre­ta­tio­nen noch Zwei­fel zu. Sie ist weder zwei­deu­tig noch unbe­stimmt, und daß sie sehr unge­schickt for­mu­liert ist, reicht nicht, um den „Abschied von den Waf­fen“, den sie in sich birgt, unter einem Schleier von Ehren­haf­tig­keit zu ver­ber­gen.
Übri­gens müs­sen wir die­sem Doku­ment ein gro­ßes (aber ein­zi­ges) Ver­dienst aner­ken­nen: Es be­leuchtet die Ste­ri­li­tät des sub­jek­ti­vis­ti­schen Vor­ha­bens der RAF seit zehn Jah­ren und gibt sie zu. Ach, es ist wirk­lich schade, daß diese Auf­klä­rung und die­ses Zuge­ständ­nis nicht aus einer Annähe­rung an den Marxismus-​​Leninismus her­vor­ge­hen, also aus einer Ent­fer­nung vom Sub­jek­ti­vis­mus (zum Bei­spiel durch eine Ableh­nung des Mili­ta­ris­mus, die wir begrü­ßen könn­ten), son­dern im Ge­genteil aus einer erneu­ten Demons­tra­tion des Sub­jek­ti­vis­mus, dies­mal im all­ge­mei­nen Rah­men eines oppor­tu­nis­ti­schen Deba­kels. Wenn sie sich in die Über­le­gun­gen und Kon­zep­tio­nen, die in die­sem Brief dar­ge­stellt sind, ver­steigt, wird die RAF die revo­lu­tio­näre Bühne ver­las­sen und alle poli­ti­schen und ideo­lo­gi­schen Feh­ler kon­ser­vie­ren, die wir von ihr ken­nen und die wir bereits kri­ti­siert haben – und sie wird diese Bühne ohne Hoff­nung auf Wie­der­kehr ver­las­sen.
Es geht also darum, prä­zise und klar über die ver­schie­de­nen Punkte nach­zu­den­ken, die im Doku­ment vom April ange­schnit­ten wur­den. Denn den „Abschied von den Waf­fen“, der in die­sem Text beschlos­sen wurde, poli­tisch und ideo­lo­gisch zu bekämp­fen, heißt in ers­ter Linie, den Subjektivis­mus und sei­nen Nach­fol­ger, den Oppor­tu­nis­mus, beide in all ihren For­men zu bekämp­fen, seien sie bewaff­net oder nicht. Ist denn schließ­lich der aktu­elle „Abschied von den Waf­fen“ etwas ande­res als die aller­letzte und spek­ta­ku­läre Etappe einer lan­gen poli­ti­schen Abwei­chung? Stammt der schlimm­ste Fehl­tritt, der von der RAF began­gen wurde, nicht aus der Mitte der 70er Jahre, als die Organisa­tion begann, sich offen vom Mar­xis­mus und einer sie­ges­ge­wis­sen Stra­te­gie los­zu­sa­gen?

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Der Brief vom 10. April beginnt mit einer Art lascher stra­te­gi­scher Refle­xion/​Bilanz. Es ist die Re­de vom Schei­tern der von der RAF in den letz­ten Jah­ren ent­wi­ckel­ten Stra­te­gie, aber nichts von den Urhe­bern des Kamp­fes, der Art der Aus­ein­an­der­set­zung, der kurz-​​ oder lang­fris­tig angestreb­ten Ziele etc. wird näher bestimmt. Es ist immer nur die Rede von „wir“, von der „kraft, die wir ge­gen­macht von unten genannt haben“, einer „gesell­schaft­li­chen alter­na­tive hier und heute“, „um befrei­ung kämp­fen“, was eher unge­nü­gend ist, um eine ernst­hafte revolutio­näre stra­te­gi­sche Re­flexion anzu­stel­len. Jedoch ist dies für die RAF voll­kom­men aus­rei­chend, um der Ansicht zu sein, ihre Erfah­rung zeige, daß „die gue­rilla in die­sem pro­zeß (wir ver­mu­ten, daß es sich um den revolutio­nären pro­zeß han­delt] (…) nicht im mit­tel­punkt ste­hen kann“. Noch selbst­kri­ti­scher präzi­siert die RAF sogar, daß „gezielt töd­li­che aktio­nen (…) die gesamte situa­tion alles, was in den anfän­gen da ist und für alle (…) eska­lie­ren.“
Die­ser erste Teil setzt sich in einem zwei­ten fort.
Das berühmte „alles, was in den anfän­gen da ist und für alle, die auf der suche sind“ impli­ziert „als ganz wesent­li­chen teil den kampf für die frei­heit der poli­ti­schen gefan­ge­nen“. Nach Mei­nung der RAF eine in bestimm­tem Maße glaubwür­dige Per­spek­tive. Der Jus­tiz­mi­nis­ter hätte sich tat­säch­lich zum Reprä­sen­tan­ten ei­ner Frak­tion der Bour­geoi­sie gemacht, die ver­stan­den hat, daß sie die sozia­len Wider­sprü­che nicht durch Repres­sion lösen kann. Sich still­schwei­gend an diese auf­ge­klärte Frakti­on wen­dend, fügt die RAF der Liste noch andere For­de­run­gen hinzu: Die Gefäng­nisse müs­sen an­ge­messen sein, alle müs­sen über einen Wohn-​​ und Lebens­raum ver­fü­gen, die Bür­ger der Ex-​​DDR müs­sen über eine Selbst­be­stim­mung ver­fü­gen, der herr­schende Dis­kurs darf nicht mehr ras­sistisch sein etc. etc.
Das Doku­ment endet mit einem drit­tem Teil, des­sen Nai­vi­tät und Logik zu den­ken geben: Die Ant­wort, die der deut­sche Staat auf diese For­de­run­gen gibt, wird zei­gen, ob der poli­ti­sche Refor­mismus prak­ti­ka­bel ist oder nicht! Und dar­auf bedacht, die­sen Schritt, der ebenso platt reformisti­sch wie anma­ßend ist und gemünzt auf den „pro­zess von dis­kus­sion und auf­bau“, zu schüt­zen, kün­digt die RAF an, ihre „eska­la­tion“ auf­zu­ge­ben. Aber Vor­sicht, wenn der Staat sei­ner­seits den besag­ten Pro­zeß nicht ernst nimmt, nun, dann wird die RAF besagte Eska­la­tion wie­der auf­neh­men … obwohl diese einige Abschnitte wei­ter oben als, stra­te­gisch unheil­voll betrach­tet wurde. Der letzte Satz des Brie­fes schließt mit einer über­wäl­ti­gen­den Rede­kunst: „auch wenn es nicht unser inter­esse ist (wir unter­strei­chen dies]: krieg kann nur mit krieg beant­wor­tet wer­den“. In etwa ist dies Rache bis zum Tod.
Es ist seit lan­gem offen­sicht­lich, daß der Haupt­feh­ler der RAF in ihrer Fehl­ein­schät­zung – ihrer Ab­lehnung? – des his­to­ri­schen Mate­ria­lis­mus besteht. Beispielhaf­ten Mut und revo­lu­tio­näre Selbstauf­opferung ver­bin­den die deut­schen Genos­sin­nen und Genos­sen mit einem unerschütterli­chen Sub­jektivismus. Lei­der rei­chen He­roismus und Hin­gabe nicht aus, um den revo­lu­tio­nä­ren Erfolg zu garan­tie­ren. Die Revo­lu­tion ist nicht nur eine Sache von Per­so­nen und des guten Wil­lens. Sie ist ein his­to­ri­sches Phä­no­men, das auf die objek­tiv sozial Bestim­men­den ant­wor­tet.
Es wäre höchste Zeit für die RAF, über diese wesent­li­che Dimen­sion des revo­lu­tio­nä­ren Kamp­fes nach­zu­den­ken und ihre all­ge­mei­nen Vor­ha­ben, ihre Ana­lyse der objek­ti­ven Rea­li­tät, ihr Verständ­nis der his­to­ri­schen Mecha­nis­men, ihre stra­te­gi­schen und tak­ti­schen Auf­fas­sun­gen, ihre kurz-​​ und lang­fris­ti­gen Ziele etc. darzule­gen. Kurz, all das, was tra­di­ti­ons­ge­mäß abhän­gig aus einer Platt­form, aus The­sen und aus einem Orga­ni­sa­ti­ons­pro­gramm her­vor­geht. Wer könnte denn ohne dies jemals über­haupt wirk­lich und genau wis­sen, was die RAF denkt und will? Wie könnte die RAF selbst wis­sen, was sie denkt und will? Wie könnte sie ihren Kampf orga­ni­sie­ren und füh­ren?
Was für einen Sinn hat es, von revo­lu­tio­nä­rer Stra­te­gie zu spre­chen ohne über­haupt klar defi­niert zu haben:
- was die kon­kre­ten Vor­ha­ben des revo­lu­tio­nä­ren Pro­zes­ses sind (z.B. was denkt die RAF von der Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats, vom sozia­lis­ti­schen Auf­bau?)
- was darin der Haupt­ge­gen­stand ist (z.B. was denkt die RAF über das Pro­le­ta­riat? Wie defi­niert sie es? Wel­che Rolle erkennt sie ihm zu?)
- wie die­ser sich ent­wi­ckelt (z.B. wie geht die RAF das Pro­blem der objek­ti­ven und sub­jek­ti­ven Be­dingungen des revo­lu­tio­nä­ren Pro­zes­ses an? Die Rolle der Par­tei?). Dies ist unse­rer Mei­nung nach die erste Arbeit, die die RAF zu leis­ten hätte und die sie der deut­schen revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung und dem deut­schen Pro­le­ta­riat unter­brei­ten müßte.
Die RAF stellt ehr­lich fest, daß sie sich in der Sack­gasse befin­det. Sie bringt für diese Sach­lage ver­schiedene Erklä­run­gen vor, die uns nur ihre Schwä­che in der Ana­lyse zu zei­gen schei­nen. Zu­erst der Zusam­men­bruch des Revi­sio­nis­mus und das aktu­elle Deba­kel des ehe­ma­li­gen Ost­blocks in der in­nerimperialistischen Auseinan­dersetzung … Aber wer konnte noch glau­ben, daß diese Län­der – in irgend­ei­ner Art – Trä­ger einer authen­ti­schen Dyna­mik oder eines authen­ti­schen revo­lu­tio­nä­ren Ein­flusses waren? Dar­auf­hin das Schei­tern des Pro­jekts, „im gemein­sa­men inter­na­tio­na­len Kampf ei­nen durch­bruch zur befrei­ung zu schaf­fen“… Wenn es um anti-​​imperialistische Bewe­gung in der Drit­ten Welt geht, so weicht sie seit bald fünf­zehn Jah­ren zurück, und wenn es um die illu­so­ri­sche „West­eu­ro­päi­sche Gue­ril­la­front“ geht, so hat sie nur durch das jour­na­lis­ti­sche Sen­sa­ti­ons­be­stre­ben gelebt.
So sehr wir also mit dem Schluß, den die RAF gezo­gen hat, überein­stim­men, daß näm­lich der re­vo­lutionäre Kampf sich nur auf den objek­ti­ven sozia­len Bedin­gun­gen eines jeden Vol­kes grün­den kann, so sehr glau­ben wir auch, daß sie in die­sen beson­de­ren Fall eher zu die­sem Schluß gekom­men wäre, hätte sie ein­fach einen Klas­sen­stand­punkt ein­ge­nom­men oder den Reich­tum an Ana­lyse und Erfah­rung der Inter­na­tio­na­len Kom­mu­nis­ti­schen Bewe­gung stu­diert.
Dies ist ein Punkt, der umso ent­schei­den­der ist, als die Rich­tig­stel­lung, die von der RAF vorge­nom­men wird, mit einer Abwei­chung ein­her­geht, die ihr jeden Vor­teil rui­niert. Wenn sie ihr Hirn­gespinst der inter­na­tio­na­len „Front“ auf­gibt, indem sie sich der natio­na­len sozia­len Rea­li­tät zuwen­det, so hat die RAF bei der glei­chen Gele­gen­heit ihren revo­lu­tio­nä­ren Grund und ihre politisch-​​militärische revo­lu­tio­näre Ver­ant­wor­tung als Avant­garde preis­ge­ge­ben.
Wir haben bereits wei­ter oben in unse­rer Kri­tik auf das Feh­len einer all­ge­mei­nen Defi­ni­tion sei­tens der RAF hin­ge­wie­sen, ein Feh­len von Bezug­nah­men, das einen wirk­li­chen poli­ti­schen Aus­tausch prak­tisch unmög­lich macht. Das Pro­blem taucht wie­der auf, wenn man ent­deckt, daß die RAF un­bekümmert das revo­lu­tio­näre Ziel auf­gibt und gelas­sen ihre Avant­gar­de­rolle (und Gott weiß, wie­weit sie diese Rolle 1972 für die gesamte revo­lu­tio­näre Bewe­gung der Metro­po­len aus­füllte … bis zu dem Punkt, an dem sie [die RAF, A.d.Ü.] noch heute deren Aura aus­kos­tet!) aus­tauscht gegen ein Mit­läufertum in der „alter­na­ti­ven“ Bewe­gung.
Der wirk­li­che Inhalt der von der RAF im Moment ver­tre­te­nen Posi­tio­nen ist der fol­gende: Weil sie ihre mili­ta­ris­ti­schen Illu­sio­nen sich nicht erfül­len sah, sucht die RAF eine neue Art, mit dem „alter­na­ti­ven“ Sumpf zu fusio­nie­ren, eine Fusion, nach der sie offen seit 1982 strebt. Damals – die Sache mußte statt­fin­den, indem der Sumpf liqui­diert wurde – schrieb die RAF zu die­sem Thema in „gue­rilla, wider­stand und anti­im­pe­ria­lis­ti­sche front“: „da ist nichts mehr von sys­tem­ver­än­de­rung und ‚alter­na­ti­ven model­len’ im staat. sie sind nur noch skur­ril.“ Zehn Jahre spä­ter sind die Militan­ten der RAF für die glei­che Sache bereit, die Liqui­die­rung ihrer Orga­ni­sa­tion anzu­bie­ten. Dies ist das logi­sche Ergeb­nis ihrer frontistisch-​​strategi­schen und gegen die Par­tei gerich­te­ten Abwei­chung. Anstatt sich mit Unabhängig­keit und Bestimmt­heit an die Avant­garde des revo­lu­tio­nä­ren Kamp­fes zu hal­ten, dadurch, daß:
- eine Selbst­kri­tik und eine offen­sive Neu­ori­en­tie­rung auf der Basis des Marxismus-​​Leninismus vor­genommen wer­den;
- die Stra­te­gie und die Tak­tik, die zur Erhe­bung des all­ge­mei­nen Niveaus des Kamp­fes in Deutsch­land not­wen­dig sind, ange­nom­men wer­den;
- mehr und mehr kämp­fe­ri­sche Pro­le­ta­rier und Revo­lu­tio­näre mobi­li­siert, rekru­tiert und orga­ni­siert wer­den, etc.; beab­sich­tigt die RAF eher, sich in der mar­gi­na­len Masse auf­zu­lö­sen und vor den ak­tuellen Wün­schen und Gren­zen des „alter­na­ti­ven“ Sump­fes zu kapi­tu­lie­ren.
Natür­lich muß die revo­lu­tio­näre Orga­ni­sa­tion nie­mals von den (pro­le­ta­ri­schen!) Mas­sen abge­schnit­ten sein, aber dies darf sie nie­mals dahin füh­ren, auf ihre poli­ti­sche Unab­hän­gig­keit zu ver­zichten und sich von einer auto­no­men Akti­vi­tät loszusa­gen.
Nun kön­nen wir im Doku­ment vom April lesen, daß die RAF das Pro­blem ihrer Rolle und ihres Ein­flus­ses mit den fol­gen­den Wor­ten dar­stellt: „wir hat­ten unsere poli­tik ganz stark auf angriffe gegen die stra­te­gien der impe­ria­lis­ten redu­ziert und gefehlt hat die Suche nach unmit­tel­ba­ren posi­tiven zie­len und danach, wie eine gesell­schaft­li­che Alter­na­tive hier und heute schon anfan­gen kann zu exis­tie­ren.“ Was bedeu­tet das? Daß, weit davon ent­fernt, die Kri­tik anzu­neh­men, die schon hun­dert Mal an der „anti-​​anti„-Stra­te­gie der „anti­im­pe­ria­lis­ti­schen„‘ Strö­mung geübt wurde, deren mili­taristischer Fah­nen­trä­ger sie war („unsere stra­te­gie ist es, gegen ihre stra­te­gie zu sein“ etc.), die RAF die Kon­struk­tion und die Struk­tur einer star­ken kom­mu­nis­ti­schen Bewe­gung nicht als „posi­ti­ves Vor­ha­ben“ betrach­tet. Dahin­ge­gen erscheint die vul­gärste Art von Refor­mis­mus, der als „posi­tiv“ nur die­je­ni­gen Ziele ansieht, die kurz­fris­tig und im kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tem erreich­bar sind den Au­gen der RAF als die ver­lo­ckendste stra­te­gi­sche Option. Und der voll­kom­mene Oppor­tu­nis­mus setzt dem Gan­zen die Krone auf: Hört man nicht, daß die RAF dar­auf bedacht ist, „eigene so­ziale werte in ihren all­tag“ der­je­ni­gen sich ent­fal­ten zu las­sen, die Ihr nahe­ste­hen? Und dann noch, daß sie be­absichtigt, sich umzu­stel­len auf eine „zeit, in der es für alle, um ein sich-​​finden auf neuer grund­lage geht“? Der re­volutionäre Pro­zeß ver­langt also kei­nen Pro­zeß der Aneig­nung von Klas­senbewußt­sein mehr? Ist es also nicht mehr die Ver­ant­wor­tung der Revo­lutionäre, die­ses Be­wußt­sein aufrechtzuer­halten und dadurch der Aneig­nung durch die Bil­dung zu die­nen – gegen die Entfal­tung einer „Spon­ta­nei­tät“, die unver­meid­lich nach den Katego­rien der herr­schen­den Ideo­lo­gie gestal­tet ist?
Mit ihrem Brief vom 10. April ver­stärkt die RAF frü­her als erwar­tet ihren phi­lo­so­phi­schen Idealis­mus und ihren poli­ti­schen Sub­jek­ti­vis­mus. Betrach­ten wir nun ihren Stand­punkt und ihre konkre­ten Pro­jekte im Rah­men der aktu­el­len sozia­len und po­litischen Situa­tion in Deutsch­land. Die RAF ist der Mei­nung, daß sie einer „gesell­schaft­li­chen alter­na­tive hier und heute“ keine Auf­merk­sam­keit geschenkt hat. Eine Alter­na­tive, die, so glaubt man, griff­be­reit ist, denn „... daß das hier mög­lich ist, daß es geht, so etwas anzu­fan­gen, haben uns die erfah­run­gen, die andere er­kämpft haben, ge­zeigt“. Wei­ter noch prä­sen­tiert die Orga­ni­sa­tion eine Liste von sozia­len Refor­men, die zu ver­wirk­li­chen sie den Staat auf­for­dert. Wir den­ken, daß all dies von einem phä­no­me­na­len Unver­ständ­nis der Wirk­lichkeit her­rührt.
Zuerst die Frage nach einer „alter­na­tive“ zur Gesell­schaft; worum han­delt es sich? Es han­delt sich um eine zwangs­läu­fige Rand­po­si­tion. Ein Rand, der nur von Klein­bür­gern oder deklas­sierten Ele­menten besetzt wer­den kann. Wie kön­nen diese Kate­go­rie und ihr Rah­men – spe­zi­fi­sche Bestre­bun­gen und Inter­es­sen – eine zu ver­all­ge­mei­nernde revo­lu­tio­näre Ent­wick­lung bil­den? Die Re­volution ist eine Sache sozia­ler Klas­sen, „hier und heute“ eine pro­le­ta­ri­sche Sache. Die Revo­lu­tion hat nichts mit einer Alter­na­tive zur Gesell­schaft inner­halb der Gesell­schaft zu tun, aber alles mit einer Um­wand­lung der Gesell­schaft, der gesam­ten Gesell­schaft. Die Art, mit der die bür­ger­li­che Macht gelegent­lich auf die beson­de­ren For­de­run­gen des alter­na­ti­ven Sump­fes ein­ge­hen kann, ist mit dem Klas­senwi­derspruch, der die ganze Gesell­schaft durch­zieht, nicht zu ver­glei­chen. Sich auf den Erfolg beim er­sten Mal zu bezie­hen, um vor­zu­ge­ben, daß andere ebenso erreich­bar sind, ist ganz ein­fach irrig. Würde man jemals die Bour­geoi­sie sehen, wie sie die Inter­es­sen der Unter­drückten ein­räumt oder ver­tei­digt? Es ist ab­surd, sich so etwas vor­zu­stel­len, weil diese Verteidi­gung eben über die EIiminie­rung (und nicht die „alter­na­tive“ Aus­rich­tung) der Bour­geoi­sie und ihres sozia­len Sy­stems geschieht.
Der phi­lo­so­phi­sche Idea­lis­mus und der oppor­tu­nis­ti­sche Sub­jek­ti­vis­mus der RAF haben sie dahin geführt, zu glau­ben, daß die bür­ger­li­che Macht frei sei zu tun, was sie wolle, und daß sie sogar für eine Art ratio­na­len, über­le­ge­nen Ver­stand zugäng­lich sei. Zu ihrer Liste sozia­ler For­de­run­gen er­klärt die RAF, daß die Ant­wort, wel­che die Macht erbringt, zei­gen wird, „wie weit hier ein politi­scher raum für lösun­gen erkämpft wer­den kann“. Aber wer könnte jemals glau­ben, daß es interklassisti­sche Lösun­gen für den Kapi­ta­lis­mus, seine ant­ago­nis­ti­schen Wider­sprü­che, für den Anstieg der Aus­beu­tung und die durch seine Krise indu­zierte soziale Degradie­rung gibt? Die Bour­geoi­sie hat nicht die Wahl zwi­schen einer aus­glei­chen­den Intel­ligenz und einer „pro­vo­zie­ren­den und drauf­gän­ge­ri­schen“ Hal­tung; sie ist die herr­schende Klasse im Kapi­ta­lis­mus, die aus der kapi­ta­lis­ti­schen Aus­beu­tung Pro­fit zieht und diese ver­tei­digt, – eine Klasse, die weder etwas ande­res sein, noch au­ßer­halb des Rah­mens ihrer eige­nen Gesetze han­deln kann. Wenn es eine Lösung für die Widersprü­che gäbe, die den Kapi­ta­lis­mus unter­mi­nie­ren und dazu füh­ren, daß er gestürzt wird, wenn es inter­klas­sis­ti­sche Lösun­gen für die ökono­mi­sche Krise gäbe, glaubt die RAF nicht, daß die bür­ger­li­chen Herr­scher diese nicht längst ent­deckt und ange­wandt hät­ten?
Was bleibt in dem neuen Schritt der RAF vom dia­lek­ti­schen mate­ria­lis­ti­schen Ver­ständ­nis der Ge­schichte, vom wis­sen­schaft­li­chen, auf­rich­ti­gen Ver­trauen in die revo­lu­tio­näre Zukunft? Nichts, ein­fach nichts. Wenn man den deut­schen Genos­sin­nen und Genos­sen glaubt, wäre das kapitalisti­sche Sys­tem von innen her refor­mier­bar; dazu würde aus­rei­chen, daß die Bour­geoi­sie dies ver­steht, – und natür­lich macht es nichts, wenn dies ihren eige­nen Inter­es­sen ent­ge­gen­steht. Die sozia­len Refor­men wären zu allen Zei­ten erreich­bar, von dem Augen­blick an, in dem die Bour­geoi­sie die Intel­li­genz da­für besäße (oder muß man ihr viel­leicht hel­fen?); der soziale Frie­den wäre zu allen Zei­ten erreich­bar, von dem Augen­blick an, in dem die Bour­geoi­sie den Wil­len dazu besäße (idem)! Schließ­lich faßt die RAF nun den Kapi­ta­lis­mus als ein Pro­dukt der Bour­geoi­sie auf und nicht die Bour­geoi­sie als ein Pro­dukt des Kapi­ta­lis­mus.
Ein spe­zi­el­ler Punkt ver­dient, geson­dert behan­delt zu wer­den. Es han­delt sich um die Frage der Ge­fangenen und even­tu­el­ler Ent­las­sun­gen oder Haft­ver­bes­se­run­gen. Wir den­ken, daß wir bei die­sem Thema äußerst vor­sich­tig sein müs­sen. Die tak­ti­schen Manö­ver sind häu­fig kom­plex und kön­nen nur mit­tels der gesam­ten Kennt­nis aller ihrer Ver­hält­nisse rich­tig bewer­tet wer­den; auch enthal­ten wir uns jeg­li­cher kate­go­ri­scher Beur­tei­lung. Trotz­dem ver­ste­cken wir unsere Ver­wir­rung nicht und wol­len einige Über­le­gun­gen dar­le­gen.
Wir den­ken natür­lich, daß es nicht unwe­sent­lich ist, sich um die Ent­las­sung der Genos­sin­nen und Genos­sen zu bemü­hen, und daß es rich­tig ist, daß eine kämp­fende Orga­ni­sa­tion alle Mög­lich­kei­ten und Gele­gen­hei­ten zu die­sem Zweck aus­schöpft, al­so auch die Ver­hand­lung, wenn sie glaub­wür­dig ist. Aber zu kei­nem Zeit­punkt kann dies auf Kos­ten des Kamp­fes, sei­ner Zukunft und sei­ner grund­le­gen­den Vor­haben gesche­hen. Der revo­lu­tio­näre Kampf ver­ur­sacht zwangs­läu­fig eine Repres­sion: der revo­lu­tio­näre Sieg wird immense Opfer erfor­dern, dies ist ein his­to­ri­sches Gesetz und sich davor vor­ran­gig zu schüt­zen suchen, führt zwangs­läu­fig zur Auf­gabe des Kamp­fes.
Der Jus­tiz­mi­nis­ter habe Anfang des Jah­res ange­kün­digt, die Ent­las­sung eini­ger sehr lang Inhaftier­ter oder Gefan­ge­ner, deren Gesund­heits­zu­stand sich ver­schlech­tert habe, sei in Betracht zu zie­hen. In Wirk­lich­keit nichts Beweis­kräf­ti­ges, im Gegen­teil, per­fi­der Druck auf die geweckte Hoff­nung. Ana­lysiert die RAF klar die Situa­tion? Über­schätzt sie in die­sem Fall nicht ihre Kraft, ihr Gewicht? Wird sie nicht dort­hin gelenkt, wohin zu len­ken sie glaubt?
Daß eine bür­ger­li­che Frak­tion, die eupho­risch ist, weil sie denkt, sie habe noch ein­mal die Grundla­gen eines „Tau­send­jäh­ri­gen Rei­ches“ gelegt (dies­mal heißt es „Neue Welt­ord­nung“) die sich hu­manistischem und – publi­kums­wirk­sa­mem! – Sanft­mut gegen­über einer Hand­voll erfah­re­ner Ge­nos­sinnen und Genos­sen hin­gibt, darf nicht mit einem defen­si­ven Rück­zug des Fein­des ver­wechselt wer­den. Im Gegen­teil! Übri­gens, soviel wir wis­sen, ist der Minis­ter damit beschäf­tigt, die Repres­sion gegen andere Gefan­gene zu ver­schär­fen (beson­ders dank der Kol­la­bo­ra­tion ehemali­ger Mili­tan­ter, heute Kol­la­bo­ra­teure, die in der Ex-​​DDR fest­ge­nom­men wur­den). Die – ver­bale – Eröff­nung von Kin­kel, beab­sich­tigt sie schließ­lich etwas ande­res, als eine noch grau­sa­mere Repres­sion gegen die­je­ni­gen zu recht­fer­ti­gen, die ihre Ideen und ihre kämp­fe­ri­sche Inte­gri­tät behal­ten? Ist sie nicht eine Täu­schung, um die authen­ti­schen revo­lu­tio­nä­ren Kräfte zu schwä­chen? Ist sie nicht ein wirkungs­vol­ler Betrug, der schon Resul­tate zeigt, weil man fest­stellt, daß er die RAF schon dahin geführt hat, ihre Sache, ihre Unab­hän­gig­keit und ihre Waf­fen am Rande des Sump­fes zu­rückzulas­sen? Für vage, barm­her­zige Ver­sprechungen, die schon durch eine repres­sive Ver­schär­fung demen­tiert wur­den, hat die RAF nicht gezö­gert, öffent­lich ihr Erbe von zwan­zig Jah­ren des Kamp­fes zu liqui­die­ren.
Wir wer­den jetzt schlie­ßen. Wir hof­fen, daß der Brief vom 10. April nicht die Gedan­ken aller deut­schen Genos­sin­nen und Genos­sen und beson­ders der Gefan­ge­nen wie­der­gibt, die sicher nicht er­freut dar­über sind, daß man dem Preis, den sie zah­len, die Nega­tion ihres poli­ti­schen Engage­ments und die Liqui­die­rung ihrer Orga­nisation hin­zu­fügt. Der Weg der RAF ist seit ihren Ursprün­gen so gewun­den, daß es schwie­rig ist, den Gedan­ken zu akzep­tie­ren, daß alle mit jeder ein­zel­nen sei­ner poli­ti­schen Win­dun­gen direkt ver­bun­den waren. Wir hof­fen, daß – ist die Rauch­wolke einer kon­fu­sen For­mu­lie­rung ein­mal auf­ge­löst – die Genos­sin­nen und Genos­sen der RAF Kennt­nis von der sub­jek­ti­vis­ti­schen und oppor­tu­nis­ti­schen Na­tur der Posi­tio­nen neh­men wer­den, die sie in ihrem Doku­ment vom April vorge­bracht ha­ben; daß sie es als einen Feh­ler auf ihrem Weg anse­hen, es als null und nich­tig be­trachten und schließ­lich die rea­len Pro­bleme meis­tern wer­den, die sich ihrer Orga­nisation und der deut­schen revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung stel­len. Und dies auf einer wirk­lich revo­lu­tio­nä­ren Grund­lage, die den selbst­kri­ti­schen Ver­stand verbin­det mit dem Wil­len, den Reich­tum der Inter­na­tio­na­len Kom­mu­nis­ti­schen Bewe­gung, der im Marxismus-​​Leninismus zusam­men­ge­faßt ist, in sei­nem Wert zu er­kennen und zur Gel­tung zu brin­gen.
Anfang der 70er Jahre hat die RAF im Wie­der­auf­bau der euro­päi­schen revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung eine unschätz­bare und uner­setz­bare Rolle gespielt. Auch wenn zum Ende die­ser Jahre immer schwe­rere Feh­ler gemacht wur­den, ver­ges­sen wir nie­mals, wie viel wir ihr schul­den, ihr und ihren helden­haften Grün­de­rin­nen und Grün­dern, die auf Befehl des­je­ni­gen Staa­tes mas­sa­kriert wur­den, mit dem zusam­men­zu­ar­bei­ten der Brief vom 10. April ein­lädt … Wir haben genug Ver­trauen in die Dyna­mik der deut­schen revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung, um eine ener­gi­sche Reak­tion gegen diese ver­hee­rende und nicht zu recht­fer­ti­gende Erklä­rung abzu­war­ten, gegen den Pro­zeß der poli­ti­schen und ideo­lo­gi­schen Abwei­chung, dem sie die Krone auf­setzt und hof­fen, daß die Mili­tan­ten der RAF ihren alten und ruhm­vol­len Platz in den ers­ten Rän­gen der euro­päi­schen revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung wie­der einneh­men kön­nen.

Für die Ein­rei­hung der Roten Armee Frak­tion in die Erfah­rung der Inter­na­tio­na­len Kom­mu­nistischen Bewe­gung, die im Marxismus-​​Leninismus zusam­mengefaßt ist!
Ehren­volle Erin­ne­rung an die Genos­sin­nen und Genos­sen, die im Kampf und in den Ge­fäng­nissen getö­tet wur­den!
Ehren­volle Erin­ne­rung an die Genos­sen vom Kom­mando Mar­tyr Haly­meh, die in Mogadi­schu getö­tet wur­den!
Es lebe der pro­le­ta­ri­sche Inter­na­tio­na­lis­mus!

17. Okto­ber 1992

Quelle:
Bro­schü­ren­gruppe in Zusam­men­ar­beit mit dem ASTA-​​FU sowie Frigga Haug, Wolf­gang Fritz Haug, Wolf Die­ter Narr, Uwe Wesel, Harald Wolf (Hg.)
Für eine neue revo­lu­tio­näre Pra­xis. Triple opp­res­sion & bewaff­ne­ter Kampf. Eine Doku­men­ta­tion von anti­im­pe­ria­lis­ti­schen, femi­nis­ti­schen, kom­mu­nis­ti­schen Bei­trä­gen zur Debatte über die Neu­be­stim­mung revo­lu­tio­nä­rer Poli­tik 1986-​​1993
Selbst­ver­lag: Ber­lin, 1. Aufl. 1994, 2. Aufl. 1995, S. 110 – 113.

Auf S. 207 der Bro­schüre heißt es zur Her­kunft des Tex­tes:
„Der Text wurde von der inte­rim (s. Nr. 233, 25.03.1993, S. 2) in ihre in ver­schie­de­nen Ber­li­ner Info-​​Läden zur Ver­fü­gung ste­hen­den Ord­ner mit von ihr nicht ver­öf­fent­lich­ten Text auf­ge­nom­men. Spä­ter erschien der Text in: Agi­tare Bene (Hg.), Doku­men­ta­tion zur Aus­ein­an­der­set­zung RAF<>politische Gefangene<>Widerstand, Selbst­ver­lag: Köln, 1993, 31 – 36.“

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