Bertrand Sas­soye /​ Pierre Carette /​ Pas­cale Van­de­ge­erde /​ Didier Che­vo­let

AN DIE MILI­TAN­TEN DER „INTER­NA­TIO­NA­LEN INFO­LÄ­DEN“

(Ant­wort auf den offe­nen Brief vom Som­mer 1990)
AN ALLE GENOS­SIN­NEN UND GENOS­SEN

Okto­ber 1991

EIN­LEI­TUNG

A. Zur Erin­ne­rung: der Ursprung der Debatte
Im Okto­ber 1988 ist eine kleine Bro­schüre mit dem Titel „Front­line Info /​ Neues von Front­line“, (*) ver­teilt wor­den, in der ver­schie­dene Doku­mente und Kom­mu­ni­qués (in fran­zö­si­scher Über­set­zung oder in eng­li­scher Ver­sion) zusam­men­ge­stellt waren. Sie stammte von der Buch­hand­lung ‚Sla­ger­zicht“, vom „Inter­na­tio­na­len Infor­ma­ti­ons­zen­trum Front­line’, von der „Ste­de­lijk Over­leg Ams­ter­dam“ und von der „Revo­lu­tio­när Initief Ams­ter­dam“. Auf diese Weise beab­sich­tig­ten die Auto­rIn­nen, die Ele­mente der Infor­ma­tion und Ana­lyse bezüg­lich der dama­li­gen schwe­ren Krise zwi­schen den mili­tan­ten Kräf­ten der Nie­der­lande auf die inter­na­tio­nale Ebene zu brin­gen. Sie haben damit ver­sucht, eine Ver­ur­tei­lung der ihnen ent­ge­gen­ge­setz­ten Ten­denz zu ver­an­las­sen, haupt­säch­lich gegen „Poli­tieke Vleu­gel van de Kraak­be­we­ging“ und gegen­über der Zei­tung „Knip­sel­krant“ – zu deren Boy­kott sie übri­gens auf­rie­fen.
Durch diese Ver­öf­fent­li­chung und die darin genann­ten Zusam­men­hänge und Schluß­fol­ge­run­gen ent­schie­den wir uns, an der Debatte teil­zu­neh­men, und dies umso gewis­sen­haf­ter, da uns außer­dem die Mili­tan­ten von „Knip­sel­krant“ und vom „Poli­tieke Vleu­gel van de Kraak­be­we­ging“ direkt dazu auf­ge­for­dert haben. Im Juli 1989 haben wir mit ande­ren Genos­sIn­nen ein Doku­ment mit dem Titel „Betref­fend die aktu­elle Krise zwi­schen den revo­lu­tio­nä­ren kämp­fe­ri­schen Kräf­ten in den Nie­der­lan­den“(*) ver­öf­fent­licht. Wir den­ken, daß die Kennt­nis der Bro­schüre „Front­line Info“ vom Oktober/​November 1988 und unse­res eige­nen Bei­trags vom Juli 1989 für ein gutes Ver­ständ­nis der Debatte, wie sie sich zu Beginn dar­stellte, nütz­lich ist.

B. Die Ent­wick­lung der Debatte
Unser Doku­ment vom Juli 1989 hat ver­schie­dene Reak­tio­nen her­vor­ge­ru­fen. Im Sep­tem­ber des glei­chen Jah­res hat der „Poli­tieke Vleu­gel van de Kraak­be­we­ging“ einen offe­nen Brief mit dem Titel ‚De kri­sis bin­nen de links rai­fi­kale bui­ten­par­le­men­taire bewe­ging in Neder­land’(*) an uns gerich­tet. Der „P.V.K“ stellte darin seine Ana­lyse der Krise, ihres Ursprungs, ihrer Ent­wick­lun­gen und Per­spek­ti­ven, der sich gegen­über­ste­hen­den Par­teien etc. dar. Er prä­sen­tierte auch die Geschichte und die Rolle der Haus­be­set­zer­be­we­gung in den Nie­der­lan­den. Wir fin­den hier die Gele­gen­heit, den Genos­sIn­nen des „Poli­tieke Vleu­gel van de Kraak­be­we­ging“ für ihr Mit­wir­ken zu dan­ken.
Im Juli 1990 erhiel­ten wir eine impo­sante Bro­schüre in deut­scher Spra­che mit dem Titel „Doku­men­ta­tion der Dis­kus­sion um den Boy­kott der Knip­sel­krant“, her­aus­ge­ge­ben von den „Inter­na­tio­na­len Info­lä­den“(*). Unter den Doku­men­ten die­ser Publi­ka­tion war im Namen eines „Teils der inter­na­tio­na­len Struk­tur der Info­shops“ ein offe­ner Brief an uns gerich­tet.
Ein Aspekt die­ses Brie­fes ist der Mühe wert, her­vor­ge­ho­ben zu wer­den, denn wir fin­den hier die Gele­gen­heit, an einen wich­ti­gen Punkt unse­rer eige­nen Posi­tion in der anfäng­li­chen Debatte zu erin­nern. In bezug auf die Krise zwi­schen den mili­tan­ten Kräf­ten in den Nie­der­lan­den haben wir von Anfang an die Gren­zen und das Wesen unse­rer Inter­ven­tion fest­ge­legt. Unser kon­kre­tes Außen­vor­blei­ben vor der nie­der­län­di­schen Bühne (und dazu die Inhaf­tie­rung eini­ger von uns) löste unsere Auto­ri­tät in nichts auf und räumte uns nur eine poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung ein. Übri­gens hat sich in die­sem Zusam­men­hang unser Bei­trag vom Juli 1989 streng auf theo­re­ti­schem Ter­rain gehal­ten und neben der Fra­ge­stel­lung nur auf den poli­ti­schen Rat­schlag oder die poli­ti­sche Kri­tik gestützt, in deren Abschluß wir den Boy­kott von „Knip­sel­krant“ ver­ur­tei­len.
Die Genos­sIn­nen der „Info­lä­den“ schei­nen, zumin­dest in dem an uns gerich­te­ten Brief, die glei­che Zurück­hal­tung an den Tag zu legen. Die­ser Text erwähnt nur kurz die Ereig­nisse in Ams­ter­dam und bestä­tigt, daß es vor allem den direkt betrof­fe­nen Par­teien zukommt, Stel­lung zu bezie­hen. Das Wesent­li­che die­ses offe­nen Brie­fes besteht also aus einer Reihe von Refle­xio­nen, Fra­ge­stel­lun­gen, Auf­for­de­run­gen, auf die wir ant­wor­ten möch­ten, aber auch aus Behaup­tun­gen, die wir gänz­lich ableh­nen. Einer­seits ist dies die Eröff­nung einer Debatte, von der wir uns wün­schen, daß sie sich auf poli­ti­schem Gebiet ent­wi­ckelt und qua­li­fi­ziert, ande­rer­seits aber eine Art Streit, den wir unbe­grün­det fin­den. Wir hof­fen, daß sich die Debatte in Zukunft streng auf die Fra­gen des theoretisch-​​politischen Inter­es­ses für den Fort­schritt der revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung beschränkt. In die­ser Bezie­hung behal­ten wir vol­les Ver­trauen und dan­ken an die­ser Stelle den Genos­sIn­nen der „Info­lä­den“ für ihren Brief.
Nach­dem die Bei­träge, die bis heute im Ver­lauf der Debatte erstellt wur­den, ange­führt wor­den sind, drängt es sich auf, die Abwe­sen­den zu einer Stel­lung­nahme auf­zu­for­dern… mit Ernst­haf­tig­keit, aber genauso mit Vor­sicht. Wir kön­nen nicht akzep­tie­ren, daß zwei zen­trale Teil­neh­mer der Anfangs­de­batte, näm­lich die „Revo­lu­tio­när Initia­tief Ams­ter­dam“ und „Knip­sel­krant“, es bis zum heu­ti­gen Tage nicht für nötig gehal­ten haben, sich zu äußern. Wir sind der Ansicht, daß ein sol­cher Rück­tritt, wenn er sich bestä­tigt und als unge­recht­fer­tigt erweist, die Betrof­fe­nen sehr stark in Miß­kre­dit bringt. Aber wir haben gesagt, daß wir vor­sich­tig sein möch­ten. Zu der Zeit, als wir die­ses Doku­ment fer­tig­stell­ten, ent­deck­ten wir zum Bei­spiel eine Bro­schüre in deut­scher Spra­che mit dem Titel „Bei­trag für die Debatte… Mai ’91“, unter­schrie­ben mit „Kom­mu­nis­ti­sche Bri­ga­den“(*), die beson­ders die Begriffe der Dis­kus­sion, die uns beschäf­tigt, zu berück­sich­ti­gen scheint und sich ihren poli­ti­schen The­sen zuwen­det. In der Erwar­tung, mehr dar­über zu erfah­ren und unter ande­rem die­sen neuen Bei­trag ein­ord­nen zu kön­nen, begnü­gen wir uns damit, jeden an seine poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung zu erin­nern, in der Hoff­nung, daß dies von allen geach­tet wird.

C. Die Fort­set­zung der Debatte
Mit unse­rer Inter­ven­tion vom Juli 1989 waren drei Kol­lek­tive aus unse­rem Land, „Classe contre classe“, die Zeit­schrift „Cor­re­spon­dan­ces Revo­lu­ti­onn­ai­res“ und die vier mili­tan­ten Gefan­ge­nen der Kämp­fen­den Kom­mu­nis­ti­schen Zel­len (CCC), beschäf­tigt. Sie brachte folg­lich die jedem Kol­lek­tiv eigene mili­tante Vor­ge­hens­weise zum Aus­druck. Der hier vor­lie­gende Text unter­schei­det sich von den vor­her­ge­hen­den inso­fern, als er aus­schließ­lich von den Gefan­ge­nen ver­faßt wurde. Warum? Was „Classe contre classe“ betrifft, so hat sich diese Struk­tur Ende 1989 selbst auf­ge­löst. Was die Zeit­schrift „Cor­re­spon­dan­ces Revo­lu­ti­onn­ai­res“ betrifft, so macht sie eine Periode der inter­nen Refle­xion bzw. Neu­de­fi­ni­tion durch, deren Ergeb­nis Vor­rang vor allen kol­lek­ti­ven öffent­li­chen Stel­lung­nah­men hat.
Die vor­lie­gende Ant­wort auf den offe­nen Brief der Mili­tan­ten der „Info­lä­den“ stammt aus­schließ­lich von den Gefan­ge­nen; sie drängt noch mehr dar­auf, die Debatte streng auf den theoretisch-​​politischen Bereich zu beschrän­ken. Wir strei­ten nicht ab, daß dies eine genau vor­ge­ge­bene Grenze ist, was man­che unter Umstän­den bekla­gen wer­den. Unse­rer­seits aber glau­ben wir, daß man auch sagen kann: die Debatte auf die theoretisch-​​politische Ebene erhe­ben. Uns scheint, daß bei einer Erklä­rung der zahl­rei­chen aktu­el­len Sack­gas­sen sub­jek­tive Ori­en­tie­run­gen und Ver­hal­tens­wei­sen vor­herr­schen über die wis­sen­schaft­li­che Ana­lyse und die revo­lu­tio­näre Moral. Wir hof­fen, daß der vor eini­ger Zeit begon­nene Aus­tausch sich auf inter­na­tio­na­ler Ebene ver­grö­ßern und ver­bes­sern wird. In dem Wil­len, ein ganz klein wenig die­sem Fort­schritt zu die­nen, prä­sen­tie­ren wir diese Arbeit. Für die Ver­spä­tung ent­schul­di­gen wir uns.

D. Vor­stel­lung
Unsere Ant­wort besteht aus zwei Tei­len. Der erste, unse­rer Mei­nung nach der wesent­li­che Teil, behan­delt poli­ti­sche Pro­bleme von Bedeu­tung. Wie wir glau­ben, sind diese für die mili­tante Bewe­gung in Deutsch­land oder in den Nie­der­lan­den beson­ders bedeu­tungs­voll. Die­ser erste Teil besteht aus zwei Tex­ten:
- EIN BISS­CHEN ÜBER POLI­TIK
- ANT­WORT AUF ZWEI PRÄ­ZISE FRA­GEN.
Wie stellt ihr euch den Kampf gegen das Patri­ar­chat vor? Wel­che Bedeu­tung hat die­ser Kampf für euch?
Der zweite Teil, der zwar neben­säch­lich, unse­rer Mei­nung nach aber not­wen­dig ist, lie­fert einige zusätz­li­che Prä­zi­sie­run­gen zu unse­rem Doku­ment vom Juli 1989, ebenso wie er mit den Behaup­tun­gen der Mili­tan­ten der „Info­lä­den“ auf­räumt. Die Texte des zwei­ten Teils tra­gen die Titel:
- „Fal­sche Zitate“?!
- Ver­rat, Kon­fron­ta­tion und Gewalt
- Die „Ätze­rin­nen“ (sic)
- Das Doku­ment der „Revo­lu­tio­när Initia­tief Ams­ter­dam“
Die Doku­mente, auf die in den Tex­ten des zwei­ten Teils Bezug genom­men wird, wer­den im Nach­trag in Form von Pho­to­ko­pien prä­sen­tiert.
Muß dar­auf hin­ge­wie­sen wer­den, daß wir Reak­tio­nen nur auf die bei­den Texte des ers­ten Teils erwar­ten? Was uns betrifft, so betrach­ten wir den zwei­ten Teil als end­gül­tig abge­schlos­sen.
Alle Doku­mente mit Stern­chen kön­nen bestellt wer­den bei:
„COR­RE­SPON­DAN­CES REVO­LU­TI­ONN­AI­RES“
BP 1310, 1000 BRU­XEL­LES 1, BEL­GI­QUE

ERS­TER TEIL
EIN BISS­CHEN ÜBER POLI­TIK

„Wie soll man die Wahr­heit über den Faschis­mus sagen, als des­sen Geg­ner man sich bezeich­net, wenn man nichts über den Kapi­ta­lis­mus sagen will, der ihn erzeugt?
Wie könnte eine sol­che Wahr­heit ein prak­ti­sches Ver­mö­gen haben?“

BER­TOLT BRECHT

In unse­rem Doku­ment vom Juli 1989 bestand das Wesent­li­che der Kri­tik am Auf­ruf zum Boy­kott von „Knip­sel­krant“ in zwei Punk­ten. Ers­tens: Wir wie­sen dar­auf hin, wie sehr sich die Ankla­ge­schrift als von Arg­list auf­ge­bla­sen her­aus­stellte. Zwei­tens: Wir beklag­ten die sys­te­ma­tisch unpo­li­ti­sche Hal­tung der Äuße­run­gen, die die Denun­zia­tion von „KK“ unter­stütz­ten, und dies um so mehr, als der Grund und der Ein­satz der offe­nen Krise in aller Offen­sicht­lich­keit höchst­gra­dig poli­tisch waren.
Folg­lich bedau­ern wir, fest­stel­len zu müs­sen, daß sich auch der offene Brief der Genos­sIn­nen der „Info­lä­den“ durch eine Ten­denz zur Fest­set­zung sehr rela­ti­ver Inter­es­sen­punkte cha­rak­te­ri­siert, bei Ver­nach­läs­si­gung – bewußt oder nicht – der poli­ti­schen Sub­stanz und der poli­ti­schen Mög­lich­kei­ten.
Wir hoff­ten, Gesprächs­part­ner auf einem vor­nehm­lich poli­ti­schen Ter­rain zu tref­fen, aber es wäre unbe­grün­det, für unsere Ent­täu­schung aus­schließ­lich die Mili­tan­ten der „Info­lä­den“ ver­ant­wort­lich zu machen. Wir sag­ten bereits, daß die „Debatte“ in ihrem Ursprung unge­sunde Merk­male barg. Und in unse­rem Bei­trag vom Juli 1989 waren wir gezwun­gen, Punkte zu unter­su­chen, die quasi gänz­lich ohne reel­les Inter­esse waren (um so mehr in der Form, wie die „R.I.A.“ diese aus­ge­wer­tet hat). Aber wir ver­such­ten gleich­zei­tig, die­sen Stand der Dinge zu ver­än­dern, um dem Mei­nungs­aus­tausch eine neue gesunde und kon­struk­tive Ori­en­tie­rung zu geben: eine poli­ti­sche, im wah­ren Sinne des Wor­tes. Die Mili­tan­ten der „Info­lä­den“ schei­nen die Dring­lich­keit unse­rer Sorge nicht zu tei­len: ihr offe­ner Brief küm­mert sich nicht mehr um Fra­gen, die für die euro­päi­sche revo­lu­tio­näre Bewe­gung und ihre Zukunft lebens­wich­tig sind, er erör­tert allzu oft nur die Rand­punkte ihrer ent­schei­den­den Inter­es­sen.
Doch wir wol­len unsere Kri­tik dort, wo sie per­sön­lich wird, noch ein­mal rela­ti­vie­ren. Denn es scheint uns, daß die Hal­tung und die Vor­stel­lun­gen, von denen der erhal­tene Brief zeugt, in einer gro­ßen Frak­tion der revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung in Deutsch­land oder in den Nie­der­lan­den sehr weit ver­brei­tet sind. In die­ser Hin­sicht hat uns die Erfah­rung immer wie­der gezeigt, daß die Nei­gung besteht, den Haupt­fra­gen, die von der his­to­ri­schen Theo­rie abhän­gen, sorg­fäl­tig aus­zu­wei­chen; Fra­gen, deren kor­rekte Reso­lu­tion [d.h.: Lösung, Anm. d. Hg.] den gesetz­mä­ßi­gen Weg der sozia­lis­ti­schen Revo­lu­tion beschreibt.
Das sehr häu­fige Feh­len von Refle­xio­nen, bezüg­lich der Per­spek­ti­ven der revo­lu­tio­nä­ren Akti­vi­tät – selbst im Her­zen der Bewe­gung, die diese für sich bean­sprucht – kann uns ärgern, über­rascht uns jedoch nicht.
Damit sich sol­che Refle­xio­nen in zen­tra­ler und unmit­tel­ba­rer Art und Weise durch­set­zen, muß der objek­tive Nut­zen des revo­lu­tio­nä­ren Pro­zes­ses als grund­le­gend ange­se­hen wer­den. Ein solch vor­ran­gi­ges Inter­esse mag einem revo­lu­tio­nä­ren Mili­tan­ten nur natür­lich erschei­nen; in Wirk­lich­keit ist die­ser Zusam­men­hang jedoch viel sel­te­ner, als man glau­ben könnte. Die­ser beträcht­li­che Man­gel stammt vom äußerst schäd­li­chen Ein­fluß des Sub­jek­ti­vis­mus.
Eine wich­tige Demons­tra­tion von Sub­jek­ti­vis­mus besteht – genau gesagt – darin, die poli­ti­schen, ideo­lo­gi­schen, stra­te­gi­schen und tak­ti­schen Ent­schei­dun­gen von der revo­lu­tio­nä­ren Sache abhän­gig zu machen; nicht von der wis­sen­schaft­li­chen Ana­lyse der Rea­li­tät, son­dern von der Geis­tes­ver­fas­sung der Mili­tan­ten. Das heißt diese Ent­schei­dun­gen nicht von einer glo­ba­len Refle­xion abhän­gig zu machen, son­dern von dem, was eine beson­dere Situa­tion oder Erfah­rung zu sein scheint.
The­sen wie „Selbst­be­stim­mung der Kampf­pole“, Optio­nen wie „anti­im­pe­ria­lis­ti­sche Front“ sind nichts ande­res als die Über­tra­gung spe­zi­fi­scher Eigen­schaf­ten des Sub­jek­ti­vis­mus, die eng ver­bun­den sind mit dem klein­bür­ger­li­chen Indi­vi­dua­lis­mus, auf eine – for­mell und in Anspruch genom­mene – grüpp­chen­hafte Stufe. Von dem Moment an, wo sich jeder gemäß sei­nen eige­nen Bezie­hun­gen, aus­ge­hend von sei­nen eige­nen Erfah­run­gen, bestimmt, wo jeder nur mit dem Teil der Erfah­rung ande­rer überein­stimmt, der wie­derum auf die eigene Erfah­rung paßt, erweist sich eine authen­ti­sche Maß­nahme der Syn­these – also der Ver­ei­ni­gung und der Orga­ni­sa­tion – als unmög­lich.
Auf diese Weise kann die revo­lu­tio­näre Bewe­gung die nebu­löse Form eines viel­sei­ti­gen Bin­de­mit­tels von stark unter­schied­li­chen „Polen“ anneh­men, die aus einer gro­ßen Man­nig­fal­tig­keit sozia­ler Kate­go­rien stam­men, ihre jewei­li­gen Wege ver­fol­gen (wel­che bei Gele­gen­heit durch­aus überein­stim­men kön­nen), stark mit ihren spe­zi­fi­schen Pro­ble­men beschäf­tigt sind und so eine Unzahl von Prio­ri­tä­ten eta­blie­ren. Einige wer­den sich auf das Pro­blem des Sexis­mus pola­ri­sie­ren, andere auf die Soli­da­ri­tät mit irgend­ei­nem Volk im Kampf, andere auf den Anti­ras­sis­mus, andere auf den Anti­mi­li­ta­ris­mus, andere auf die Woh­nungs­frage, die Haus­be­set­zer, andere auf den anti­fa­schis­ti­schen Kampf, wie­der andere auf die Unter­stüt­zung poli­ti­scher Gefan­ge­ner, und die Liste ist end­los. Inner­halb eines sol­chen Mosa­iks kön­nen Brü­cken geschla­gen wer­den, Ver­bin­dun­gen und Koope­ra­tio­nen sich eta­blie­ren, jedoch wird dies nie­mals ver­hin­dern, daß Hete­ro­ge­ni­tät und Zer­split­te­rung struk­tu­rell vor­han­den sind. Die Unfä­hig­keit, sich ein­zu­brin­gen, sich in ein glo­ba­les, syn­the­ti­sches und zusam­men­hän­gen­des Pro­jekt zu inte­grie­ren und sich in einer zen­tra­len, ver­ei­nig­ten Kraft zu orga­ni­sie­ren, ver­ur­teilt folg­lich die revo­lu­tio­näre mili­tante Bewe­gung dazu, in revo­lu­tio­nä­rer Hin­sicht nichts zu haben, als den Traum, den Anspruch oder, schlim­mer, den sich wider­recht­lich ange­eig­ne­ten Titel.
DER SUB­JEK­TI­VIS­MUS SPIELT EINE ROLLE IM VOR­DER­GRUND DER ENT­AR­TUNG VON KRÄF­TEN, DIE POTEN­TI­ELL REVO­LU­TIO­NÄR ODER SOGAR REVO­LU­TIO­NÄR AN ALTER­NA­TI­VEN KRÄF­TEN SIND, dazu ver­ur­teilt, ewig am Rande des Sys­tem zu vege­tie­ren, das zu bekämp­fen sie vor­ge­ben (vor­ga­ben).
Daß die Frage des Sexis­mus die Genos­sin­nen, die direkt mit ihm kon­fron­tiert sind, sehr stark beschäf­tigt, ist nor­mal, genauso wie ein immi­grier­ter Genosse in der Frage des Ras­sis­mus beson­ders wach­sam sein wird. Oder mehr noch, daß die einer dra­ma­ti­schen ökono­mi­schen Unsi­cher­heit unter­wor­fe­nen Genos­sIn­nen per­sön­lich gegen die Ungleich­hei­ten, die Ver­schwen­dung und die Spe­ku­la­tion revol­tie­ren wer­den. Und wir könn­ten noch hun­dert ebenso unleug­bare Fälle auf­zäh­len. Denn wir beab­sich­ti­gen bestimmt nicht, bis zu wel­chem Grad auch immer, die Legi­ti­mi­tät des Kamp­fes gegen den Sexis­mus, den Ras­sis­mus, die Degra­die­rung der Lebens­be­din­gun­gen etc. in Abrede zu stel­len; so wie es auch nicht darum geht, eine Hier­ar­chie von mehr oder weni­ger wider­wär­ti­gen Phä­no­me­nen zu erstel­len und diese stu­fen­weise anzu­grei­fen.
Wovon zumin­dest von einem revo­lu­tio­nä­ren Stand­punkt aus die Rede ist, ist, alle unsere Kräfte zusam­men­zu­neh­men, um eine starke Kriegs­ma­schine gegen das kapi­ta­lis­ti­sche Sys­tem (und all seine sozia­len Äuße­run­gen, wie Ras­sis­mus, Sexis­mus etc.) auf­zu­bauen, die homo­gen und zusam­men­hän­gend ist; eine Kriegs­ma­schine, die ihre Anstren­gun­gen auf Punkte kon­zen­triert, an denen das Sys­tem ver­wund­bar ist, an denen der revo­lu­tio­näre Hebel es am sichers­ten und schnells­ten ins Wan­ken brin­gen kann (und nicht dort, wo die­ses Sys­tem für die­sen oder jenen Genos­sen am wider­lichs­ten ist).
Wir lesen in dem offe­nen Brief der Genos­sIn­nen der „Info­lä­den“, daß als Ant­wort auf eine angeb­lich vom „P.V.K.“ gemachte Äuße­rung – „Erst die Revo­lu­tion, dann die Frauen“ – der Auf­ruf zum Boy­kott der „Knip­sel­krant“, aus­ge­hend von Deutsch­land, fol­gen­den Abschnitt ent­hielt: „Ein revo­lu­tio­nä­rer Kampf kann nur anti­im­pe­ria­lis­tisch und anti­pa­tri­ar­chal sein. Es gilt im Kampf um Selbst­be­stim­mung und Kol­lek­ti­vi­tät gegen Unter­drü­ckung und Aus­beu­tung in allen Punk­ten zu kämp­fen und sich selbst darin zu ver­än­dern, sich selbst als Sub­jekt. Nicht einen Bereich auf spä­ter oder irgend­wann zu ver­schie­ben. Ent­we­der wir packen es an und kämp­fen gegen Unter­drü­ckung und Aus­beu­tung, oder wir blei­ben Unter­drü­cker, Aus­beu­ter, Schwein. Um die HERR­schaft des Men­schen über den Men­schen zu been­den, ist es not­wen­dig, den anti­pa­tri­ar­cha­len Kampf zu füh­ren. Ein Kampf, der nicht anti­pa­tri­ar­chal ist, ist KEIN revo­lu­tio­nä­rer Kampf.“ Ja, ein Kampf, der nicht anti­pa­tri­ar­cha­lisch ist, ist kein revo­lu­tio­nä­rer Kampf. Und ein Kampf, der nicht anti­ras­sis­tisch ist, ist kein revo­lu­tio­nä­rer Kampf. Und ein Kampf, der nicht anti­fa­schis­tisch ist, ist kein revo­lu­tio­nä­rer Kampf. Und ein Kampf, der nicht das Ökosys­tem ver­tei­digt, ist kein revo­lu­tio­nä­rer Kampf. Und ein Kampf, der nicht soli­da­risch mit ande­ren Völ­kern im Kampf ist, ist kein revo­lu­tio­nä­rer Kampf. Etc. etc. etc.
Die For­mu­lie­rung, mit der der oben zitierte Abschnitt schließt, ist schön und legi­tim, aber sie birgt nicht das geringste prak­ti­sche Ele­ment einer Ant­wort auf die Frage nach dem revo­lu­tio­nä­ren Kampf heute in Europa. Was tun? Dort liegt die wahre Frage. Die sub­jek­ti­vis­ti­sche Kon­zep­tion der Welt ist abso­lut unfä­hig, die­ser Frage auch nur einen Deut an Lösung zu geben: bes­ten­falls erzeugt sie nur eine illu­so­ri­sche und ste­reo­type Ein­stim­mig­keit (wir sind alle gegen Sexis­mus, Ras­sis­mus, Mili­ta­ris­mus etc.), in kei­nem Fall aber erlaubt sie der revo­lu­tio­nä­ren Akti­vi­tät, sich in ratio­nel­ler Art und Weise zu ori­en­tie­ren. Die Marxisten-​​Leninisten ihrer­seits sind der Ansicht, daß das Pro­blem auf zwei Ebe­nen unter­sucht wer­den muß. Da ist einer­seits das interne Pro­blem inner­halb der revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung und ande­rer­seits das Pro­blem der Ver­hält­nisse zwi­schen revo­lu­tio­nä­rer Bewe­gung und dem Rest der Gesell­schaft.
Es scheint uns rich­tig und not­wen­dig, daß inner­halb der revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung größte ideo­lo­gi­sche Strenge herrscht, und daß man dort keine sexis­ti­sche, ras­sis­ti­sche, indi­vi­dua­lis­ti­sche etc. Äuße­rung tole­riert. Hier müs­sen die Mili­tan­ten auf genau­este Art und Weise den sozia­len Ver­hält­nis­sen der Gesell­schaft, die sie zu kon­stru­ie­ren beab­sich­ti­gen, vor­grei­fen. Aber man darf dabei nicht aus den Augen ver­lie­ren, daß es Auf­gabe der revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung ist, die Revo­lu­tion zu machen, daß die Revo­lu­tion die gesamte pro­le­ta­ri­sche Klasse betrifft und daß in der Bezie­hung zwi­schen revo­lu­tio­nä­rer Bewe­gung und Pro­le­ta­riat es der Erfolg der Revo­lu­tion ist, der alle Kräfte und Auf­merk­sam­kei­ten mobi­li­sie­ren muß.
Es besteht durch­aus eine Rei­hen­folge zwi­schen den bei­den Ebe­nen, die gleich­zei­tig deren stärkste und unge­teilte Ein­heit begrün­det. Der Sinn der revo­lu­tio­nä­ren Akti­vi­tät, also der Bewe­gung, die Anspruch auf die Ver­ant­wor­tung die­ser Akti­vi­tät erhebt, ist die revo­lu­tio­näre Umwand­lung der Gesell­schaft und nicht die Erobe­rung einer Enklave neuer Ver­hält­nisse inner­halb der alten Gesell­schaft. Die Ver­drän­gung eines sozia­len Sys­tems durch ein ande­res ist ein historisch-​​objektives Phä­no­men, das beson­ders stren­gen Geset­zen gehorcht, die durch die historisch-​​materialistische Ana­lyse, rela­tiv zur Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräfte und zu den Rol­len der sozia­len Klas­sen etc. auf­ge­deckt wer­den. In die­ser Hin­sicht hat die revo­lu­tio­näre Bewe­gung in ers­ter Linie die Auf­gabe, diese Gesetze zu ken­nen, sie zu ver­ste­hen und sie in all ihren Ori­en­tie­run­gen und Taten zu berück­sich­ti­gen; bei der Strafe, auf ewig zum Schei­tern ver­ur­teilt zu sein oder in der Jau­che der Alter­na­tive (sei sie auch bewaff­net) zu dege­ne­rie­ren.
Man muß sich von der beschränk­ten, ego­zen­tri­schen und typisch sub­jek­ti­vis­ti­schen Sicht­weise befreien, die der revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung vor allem die Ver­ant­wor­tung zuschreibt, einen für die per­sön­li­che und kol­lek­tive Ent­fal­tung der Mili­tan­ten güns­ti­gen Bereich abzu­ste­cken. Die Revo­lu­tio­näre ver­wirk­li­chen sich, indem sie zur Umwand­lung der Gesell­schaft bei­tra­gen (also direkt und indi­rekt zur eige­nen Umwand­lung) und nicht, indem sie auf einer selbst­be­ob­ach­ten­den und nar­ziß­ti­schen Suche vom Weg abkom­men, was um so unfrucht­ba­rer und suspek­ter ist, als es uto­pisch – falsch – ist, eine reale Befrei­ung von bürgerlich-​​ideologischen Kate­go­rien ins Auge zu fas­sen, außer­halb des objek­ti­ven Rah­mens der sozia­lis­ti­schen Revo­lu­tion und ihrer Kul­tur­re­vo­lu­tio­nen. Der revo­lu­tio­näre Kampf ist zwar ein Befrei­ungs­fak­tor für die­je­ni­gen, die sich ihm ver­schrei­ben, aber er ist es nur soweit, als man sein Ziel nicht aus den Augen ver­liert: die Revo­lu­tion, die Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats und den sozia­lis­ti­schen Auf­bau in Rich­tung des Kom­mu­nis­mus.
Abge­se­hen davon, daß es eine abscheu­li­che Unge­schick­lich­keit ist, „Erst die Revo­lu­tion, dann die Frauen“ zu ver­kün­den, ist es eine Dumm­heit. Eine Dumm­heit, denn die Revo­lu­tion hat nur einen Sinn als Befrei­ung der Frauen, der Män­ner, der unter­drück­ten Völ­ker und schließ­lich der gesam­ten Mensch­heit. Eine Dumm­heit, weil die For­mu­lie­rung glau­ben macht, daß ein mecha­ni­sches Ver­hält­nis dort besteht, wo ein dia­lek­ti­sches ist. Das revo­lu­tio­näre Vor­ha­ben kann nur ein glo­ba­les Vor­ha­ben sein, das die Gesamt­heit aller Bestre­bun­gen des gan­zen Vol­kes in sei­ner Ver­schie­den­heit ver­ei­nigt und in der Pra­xis den Weg für die Ver­wirk­li­chung die­ser Bestre­bun­gen öffnet (so auch die Bestre­bun­gen nach Gleich­heit zwi­schen den Geschlech­tern, zwi­schen den Ras­sen etc.).
Aber „Erst die Revo­lu­tion“ zu pro­kla­mie­ren, ist das Grund­le­gende, weil es für die revo­lu­tio­näre Bewe­gung nicht darum geht, eine Unmenge ein­zel­ner Inter­es­sen vor­an­zu­brin­gen (seien sie auch legi­tim und lebens­wich­tig), son­dern den Gang ihrer Glo­ba­li­tät, einer Glo­ba­li­tät der­je­ni­gen Klasse, die allein es erlau­ben wird, daß sich diese Inter­es­sen durch den Sturz des Kapi­ta­lis­mus end­lich rea­li­sie­ren und har­mo­nisch mit­ein­an­der überein­stim­men. (Könnte man nicht übri­gens den­ken, daß dies die Genos­sIn­nen vom „P.V.K.“ wirk­lich aus­zu­drü­cken ver­such­ten?)
Das Prin­zip „Erst die Revo­lu­tion“ ist wesent­lich; es muß gut ver­stan­den und dann ver­ar­bei­tet wer­den. Wir als Marxisten-​​Leninisten beab­sich­ti­gen eine per­ma­nente Wach­sam­keit in bezug auf unser Ver­hal­ten und unsere Bezie­hun­gen; wir ach­ten dar­auf, daß sowohl per­sön­lich als auch kol­lek­tiv kein Keim sexis­ti­scher, ras­sis­ti­scher, indi­vi­dua­lis­ti­scher etc. Fäul­nis auf­taucht. Aber wir neh­men diese Ver­hal­tens­weise als Revo­lu­tio­näre an, aus­ge­hend von einer objek­ti­ven Posi­tion der Revo­lu­tio­näre und mit revo­lu­tio­nä­rer Ziel­set­zung. Wir glau­ben, daß Wach­sam­keit und kol­lek­tive Kon­trolle, revo­lu­tio­näre Dis­zi­plin, Respekt der kom­mu­nis­ti­schen Moral nur im Rah­men eines glo­ba­len, zen­tra­lis­ti­schen Vor­ge­hens mög­lich ist, das sich für eine ein­heit­li­che Linie, in einer organisatorisch-​​einheitlichen Kraft für das ein­zige Ziel, den Sturz der Bour­geoi­sie und ihres Staa­tes und für den Auf­bau des Sozia­lis­mus, ein­setzt. Wir glau­ben, nur auf diese Art und Weise einen Anspruch auf den Ein­fluß der Gesell­schaft und ihrer Ent­wick­lung erhe­ben zu kön­nen.
Dar­aus geht her­vor, daß wir das Recht auf Selbst­be­stim­mung eines anti­pa­tri­ar­cha­li­schen Kampf­pols ableh­nen, wie wir die­ses Recht für alle Kampf­pole ableh­nen, (daß diese unver­meid­lich als spon­ta­ner Aus­druck der Gegen­sätze exis­tie­ren, ist eine andere Sache). Wir bemü­hen uns immer um die theo­re­ti­sche, poli­ti­sche und orga­ni­sa­to­ri­sche Ein­heit der revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung, mit­tels der wider­spruchs­vol­len Debatte, in der sich die rich­ti­gen Gedan­ken gegen­über den fal­schen durch­set­zen, und durch die Kon­struk­tion der Par­tei.
Das Beson­dere muß ins All­ge­meine über­ge­hen! Die Erfah­rung eines jeden sollte in der kol­lek­ti­ven Erfah­rung auf­ge­hen, damit sich die kol­lek­tive Linie in jeder ein­zel­nen Kampf­front aus­drückt (und diese in der Rei­hen­folge der Prio­ri­tä­ten und der Unter­ord­nung, die die wis­sen­schaft­li­che Ana­lyse her­vor­he­ben wird, orga­ni­siert) und damit sie unauf­hör­lich stär­ker wird durch den Reich­tum aller Erfah­run­gen und die Über­prü­fung der Ana­lyse. Außer­halb die­ser Maß­nahme schrei­tet nichts fort, ist nichts erreich­bar.
Auch wenn wir in dem offe­nen Brief Abschnitte lesen wie: „Wir wol­len, daß eine Orga­ni­sie­rung unse­res Kamp­fes gegen das patriarchal-​​kapitalistische Sys­tem in den wesent­li­chen Momen­ten des sozia­len Zusam­men­le­bens, wie wir es uns für die zu erkämp­fende Gesell­schaft vor­stel­len, schon ent­hal­ten ist“, den­ken wir, es mit einer (im nicht-​​materialistischen Sinne) völ­lig idea­lis­ti­schen Kon­zep­tion zu tun zu haben; mit einer sub­jek­ti­vis­ti­schen Abwei­chung, die den Anspruch erhebt auf radi­kal neue soziale Ver­hält­nisse „in den wesent­li­chen Momen­ten des sozia­len Zusam­men­le­bens“, vor und/​oder unab­hän­gig von einer revo­lu­tio­nä­ren Umwand­lung der Gesell­schaft.
Dies ist die Art von Über­le­gung, die im beson­de­ren Sinn zur Auf­gabe einer „revo­lu­tio­nä­ren“ Posi­tion zuguns­ten einer alter­na­ti­ven Posi­tion führt. Denn schließ­lich, wenn es wirk­lich mög­lich ist, „in den wesent­li­chen Momen­ten des sozia­len Zusam­men­le­bens“ soziale Ver­hält­nisse zu schaf­fen, die voll­stän­dig zum Res­sort der „zu erkämp­fen­den Gesell­schaft“ gehö­ren, warum muß besagte Gesell­schaft dann noch erkämpft wer­den? Man sieht hier, wie­viel Keime des Links­ra­di­ka­lis­mus mit sei­nen unver­nünf­ti­gen For­de­run­gen der Sub­jek­ti­vis­mus auf ein­mal in sich trägt; dazu noch Keime des Refor­mis­mus (wenn auch radi­kal oder bewaff­net) mit sei­nem Wunsch, das Sys­tem zu ver­bes­sern und sogar eine Nische in sei­nen Inne­rem aus­zu­höh­len. Es ist unbe­streit­bar, daß der revo­lu­tio­näre Kampf für die­je­ni­gen, die ihn füh­ren, befrei­end ist, aber er ist es nur inso­fern, als er wirk­lich revo­lu­tio­när ist, das heißt, in der objek­ti­ven Funk­tion der über­ge­ord­ne­ten Inter­es­sen der sozia­lis­ti­schen Revo­lu­tion; und in den Rah­men die­ser Funk­tion müs­sen sich die inter­nen ideo­lo­gi­schen Kämpfe der revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung ein­fü­gen, wenn man nicht in den alter­na­ti­ven Typus der alter­na­ti­ven Gesel­lig­keit oder den Sekten­ty­pus ver­fal­len will.
Lenin bestand auf der Tat­sa­che, daß der Klas­sen­kampf, im genauen Sinn, nicht begänne, ehe sich die Pro­le­ta­rier Ziele gesetzt hät­ten (seien sie auch nur ökono­mi­scher Art), die ihre Klasse in der Gesamt­heit betref­fen (sich also der Klasse der Kapi­ta­lis­ten in ihrer Gesamt­heit wider­setz­ten). Die Ein­zel­kämpfe (so auch der eine oder andere Streik in dem einen oder ande­ren Unter­neh­men), die unver­meid­lich auf­tau­chen, bevor diese glo­ba­li­sie­rende Maß­nahme erscheint, stel­len, um Lenins Aus­druck wie­der auf­zu­grei­fen, nur eine „schwa­che Keim­zelle“ des Klas­sen­kamp­fes dar. Nun, wir wol­len auf der Tat­sa­che beste­hen, daß man ebenso nicht von revo­lu­tio­nä­ren Kampf spre­chen kann, bevor man es mit einem glo­ba­len, zen­tra­li­sie­ren­den Kampf für die Zer­stö­rung des Kapi­ta­lis­mus und für den Auf­bau des sozia­lis­ti­schen Sys­tems zu tun hat. Die par­ti­el­len und ver­streu­ten Kämpfe, die exis­tie­ren, bevor die­ses glo­bale Pro­jekt erscheint, kön­nen in der Tat (d.h. wenn sie For­de­run­gen authentisch-​​proletarischer Natur aus­drü­cken) nur als „schwa­che Keim­zel­len“ des revo­lu­tio­nä­ren Kamp­fes bezeich­net wer­den.
Ein glo­ba­les revo­lu­tio­nä­res Pro­jekt impli­ziert eine theo­re­ti­sche Ver­ei­ni­gung (weil die Maß­nahme der Syn­these eine der gesam­ten revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung gemein­same Vision der Welt erfor­dert, eine Vision der Welt, die unse­rer Mei­nung nach der Marxismus-​​Leninismus sein muß); dies impli­ziert eine poli­ti­sche, stra­te­gi­sche und pro­gram­ma­ti­sche Ver­ei­ni­gung (damit die Kräfte den objek­ti­ven Bedürf­nis­sen ent­spre­chend sinn­voll kon­zen­triert und ver­teilt wer­den und der Zusam­men­halt und die Gewicht ihrer Demons­tra­tio­nen das Ver­trauen der Mas­sen gewin­nen); dies impli­ziert schließ­lich eine orga­ni­sa­to­ri­sche Ver­ei­ni­gung (die den ande­ren Ansprü­chen an Ein­heit die Krone auf­setzt und aus der das Kon­zept der Par­tei seine his­to­ri­sche Legi­ti­mi­tät schöpft).
Wir sind nicht naiv: Wir wis­sen, daß aus den Rei­hen derer, die sich als „die revo­lu­tio­näre euro­päi­sche Bewe­gung“ bezeich­nen, viele einem his­to­ri­schen revo­lu­tio­nä­ren Schritt – der Klasse – fern­blei­ben wer­den. Viele wer­den die „Selbst­be­stim­mung der Kampfpole“ ver­tei­di­gen und den Schritt der theo­re­ti­schen, poli­ti­schen, stra­te­gi­schen, pro­gram­ma­ti­schen und orga­ni­sa­to­ri­schen Ver­ei­ni­gung ableh­nen; den Schritt der Unter­ord­nung des Teils unter das Ganze, des Zweit­ran­gi­gen unter das Vor­ran­gige, der ein­zel­nen (oder frak­tio­nel­len) Inter­es­sen unter das kol­lek­tive (oder par­tei­li­che) Inter­esse.
Wir wis­sen, daß das sub­jek­ti­vis­ti­sche, klein­bür­ger­li­che Gift der­ar­tig in der euro­päi­schen mili­tan­ten Bewe­gung ver­brei­tet ist, daß viele Genos­sIn­nen noch lange darin ver­har­ren wer­den, sich vor­ran­gig in ihren eige­nen Inter­es­sen­po­len und nicht gemäß der über­ge­ord­ne­ten Inter­es­sen des revo­lu­tio­nä­ren Kamp­fes zu posi­tio­nie­ren und zu enga­gie­ren, wie sie der his­to­ri­sche und dia­lek­ti­sche Mate­ria­lis­mus und die Erfah­rung der inter­na­tio­na­len kom­mu­nis­ti­schen Bewe­gung offen­ba­ren. So wer­den auch die Genos­sIn­nen zahl­reich sein, die gegen­über der historisch-​​zentralen Rolle des Klas­sen­kamp­fes blind blei­ben (Klas­sen, die – erin­nern wir daran – sich objek­tiv aus der poli­ti­schen Ökono­mie her­aus defi­nie­ren und auf keine andere Weise), dem Wider­spruch zwi­schen Pro­le­ta­riat – und beson­ders der Arbei­ter­klasse – einer­seits und der Bour­geoi­sie ande­rer­seits, genauso, wie sie blind blei­ben gegen­über dem wis­sen­schaft­li­chen Wert der marxistisch-​​leninistischen Leh­ren.
Unsere Pflicht als Kom­mu­nis­ten ist es, diese Genos­sIn­nen instän­dig zu bit­ten, sich von dem schäd­li­chen Ein­fluß des Sub­jek­ti­vis­mus zu befreien, der sie ver­wirrt. Auch, wenn wir nicht igno­rie­ren, daß eine große Zahl dies nicht kann oder nicht will, solange es stimmt, daß die soziale und kul­tu­relle Her­kunft vie­ler revo­lu­tio­nä­rer Mili­tan­ter ein gro­ßes Hin­der­nis dar­stellt, die Abwei­chun­gen zu über­win­den, die genauso klein­bür­ger­lich sind wie der Sub­jek­ti­vis­mus (und seine fron­tis­ti­sche Folge), und Einig­keit unter einer authentisch-​​proletarischen Posi­tion her­zu­stel­len.
Diese Befrei­ung kann einen noch här­te­ren und dau­er­haf­te­ren Kampf erfor­dern, als die Kämpfe, die nötig sind, um sexis­ti­sche, ras­sis­ti­sche, chau­vi­nis­ti­sche etc. Ver­hal­tens­wei­sen in den Rei­hen der revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung aus­zu­rot­ten. Denn es ver­hält sich so, daß Antise­xis­mus, Anti­ras­sis­mus etc. als sol­che, außer­halb eines vor­ran­gi­gen Klas­sen­zu­sam­men­hangs gänz­lich mit einer (klein)-bürgerlichen Posi­tion überein­stim­men kön­nen; es reicht, an die huma­nis­ti­schen Grund­la­gen der Sozi­al­de­mo­kra­tie zu den­ken, in denen sich das euro­päi­sche, intel­lek­tu­elle und „pro­gres­sis­ti­sche“ Klein­bür­ger­tum unver­fälscht wie­der­er­kennt… und auf die es auch sei­nen fana­ti­schen Anti­kom­mu­nis­mus stützt. Die Wahl von wirk­lich pro­le­ta­ri­schen Posi­tio­nen und Schrit­ten hin­ge­gen erfor­dert – mit allem, was dies in Begrif­fen von Enga­ge­ment, Moral, Dis­zi­plin, Par­tei­geist, Unter­wer­fung des Teils unter das Ganze, des Opfers an das über­ge­ord­nete Klas­sen­in­ter­esse etc. bedeu­tet – einen fun­da­men­ta­len und bestän­di­gen, defi­ni­ti­ven Bruch mit den Inter­es­sen und dem indi­vi­dua­lis­ti­schen Gepäck des Klein­bür­ger­tums. Es ist wesent­lich, den Indi­vi­dua­lis­mus und den Sub­jek­ti­vis­mus zu ver­wer­fen; es ist ein har­ter Kampf, den wir in unse­ren Rei­hen, unse­ren Köp­fen, unse­ren Ent­schei­dun­gen, über­all und für alle, unun­ter­bro­chen und ohne Zögern füh­ren müs­sen. Die Kapa­zi­tät der euro­päi­schen revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung hat einen davon abhän­gi­gen, reel­len revo­lu­tio­nä­ren Kampf ent­wi­ckelt.

ANT­WORT AUF ZWEI PRÄ­ZISE FRA­GEN

Wie stellt ihr euch den Kampf gegen das Patri­ar­chat vor? Wel­che Bedeu­tung hat die­ser Kampf für euch?

„Die Bour­geoi­sie, wo sie zur Herr­schaft gekom­men, hat alle feu­da­len, patri­ar­cha­len (…) Ver­hält­nisse zer­stört.“
KARL MARX & FRIED­RICH ENGELS
Mani­fest der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei

Zual­ler­erst, bevor wir zu unse­rer eigent­li­chen Posi­tion kom­men, erscheint es uns sinn­voll, über den Gebrauch des Begrif­fes Patri­ar­chat nach­zu­den­ken, um das Wesen der Ungleich­heit zwi­schen den Geschlech­tern, das dem sozia­len Gebilde unse­rer heu­ti­gen Län­der eigen ist, dar­zu­stel­len. Wir den­ken, daß, wenn es auch noch erlaubt ist, in bezug auf bestimmte Län­der auf dem Weg der Ent­wick­lung oder peri­phere Län­der (auf ver­schie­de­nen Stu­fen) von Patri­ar­chat zu spre­chen, es in bezug auf die ent­wi­ckel­ten Län­der der impe­ria­lis­ti­schen Zen­tren unzweck­mä­ßig ist; ganz ein­fach, weil, unge­ach­tet der Bestän­dig­keit von beson­de­ren For­men ökono­mi­scher Aus­beu­tung, sozia­ler, ideo­lo­gi­scher und kul­tu­rel­ler Unter­drü­ckung, die Gleich­heit der Rechte zwi­schen Män­nern und Frauen erwor­ben ist.
Das Patri­ar­chat beruht auf der Fami­lie, deren Ver­mö­gens­be­sit­zer der Mann ist und in der die Über­tra­gung des Ver­mö­gens der Abstam­mung in väter­li­cher Linie folgt. Allen ande­ren Aspek­ten des Patri­ar­chats und ins­be­son­dere sei­nen ideo­lo­gi­schen Fol­gen ist es daran gele­gen, die Unter­drü­ckung der Frau auf die eine oder andere Art zu recht­fer­ti­gen, was von der Frage des Besit­zes des Fami­li­en­ver­mö­gens, sei­ner Aus­deh­nung und sei­ner Über­tra­gung her­rührt. Des­halb erlaubt unse­rer Mei­nung nach die Gleich­heit der Rechte zwi­schen den Geschlech­tern in der zeit­ge­nös­si­schen Fami­lie und ins­be­son­dere die recht­li­che Gleich­heit auf dem Gebiet des Besit­zes und des Erbes nicht, die moderne kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft als patri­ar­cha­lisch zu bezeich­nen; und dies, wir wie­der­ho­len es aus­drück­lich, trotz der unleug­ba­ren Bestän­dig­keit von spe­zi­fi­schen Äuße­run­gen ökono­mi­scher Aus­beu­tung, sozia­ler, ideo­lo­gi­scher, kul­tu­rel­ler etc. Unter­drü­ckung der Frauen. Wir den­ken, daß es kor­rek­ter ist, unsere aktu­el­len Gesell­schaf­ten als fort­ge­schrit­te­nen Kapi­ta­lis­mus und die bür­ger­li­che Demo­kra­tie als sexis­tisch zu beschrei­ben.
Es scheint uns noch wich­ti­ger, den Begriff Patri­ar­chat in sei­nen exak­ten his­to­ri­schen Zusam­men­hang zu stel­len. Denn es ist gänz­lich absurd und falsch, zu behaup­ten, daß das Patri­ar­chat die Gebär­mut­ter des Kapi­ta­lis­mus sei oder, wie es die Genos­sIn­nen der „Info­lä­den“ schrei­ben, „eine den Kapi­ta­lis­mus – mit bedin­gende Herrschafts-​​ und Unter­drü­ckungs­form“.
In einer all­ge­mei­nen Form beruht eine sol­che Kon­zep­tion auf dem phi­lo­so­phi­schen Idea­lis­mus: sie behaup­tet, daß der Über­bau die Struk­tur kre­iert; sie ver­si­chert in der Fina­li­tät, daß der Mensch die Gesell­schaft und die Geschichte kre­iert, statt ein his­to­ri­sches und sozia­les Pro­dukt zu sein. Eine sol­che Kon­zep­tion ver­wirft in abso­lu­ter Art und Weise den gesam­ten his­to­ri­schen und dia­lek­ti­schen Mate­ria­lis­mus. Sie ist falsch.
Noch genauer, das Patri­ar­chat ist das Ergeb­nis der Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräfte, die, indem sie das nie­dere Sta­dium der Bar­ba­rei über­hol­ten, mit dem pri­mi­ti­ven (stäm­mi­schen, klanhaf­ten) Kom­mu­nis­mus bra­chen, in dem die Abstam­mung nach Mut­ter­recht herrschte. Es ist das Wachs­tum der Pro­duk­ti­vi­tät der Arbeit, das (dank der Züch­tung, der Agrar­kul­tur, der Her­stel­lung von Werk­zeu­gen) die neuen Reich­tü­mer ins Leben rief und die Akku­mu­la­tion erlaubte. Es maß dem Pri­vat­ei­gen­tum eine neue Dimen­sion bei und wurde dadurch zum Schlüs­sel für die Ver­nich­tung der tra­di­tio­nel­len Ver­hält­nisse, die von der Haus­wirt­schaft des pri­mi­ti­ven Kom­mu­nis­mus abstamm­ten.
Engels: „In dem Ver­hält­nis also, wie die Reich­tü­mer sich mehr­ten, gaben sie einer­seits dem Mann eine wich­ti­gere Stel­lung in der Fami­lie als der Frau und erzeug­ten ande­rer­seits den Antrieb, diese ver­stärkte Stel­lung zu benut­zen, um her­ge­brachte Erfolge zuguns­ten der Kin­der umzu­sto­ßen. Dies ging aber nicht, solange die Abstam­mung nach Mut­ter­recht galt. Diese mußte also umge­sto­ßen wer­den und sie wurde umge­sto­ßen. (…) Damit war die Abstam­mungs­rech­nung in weib­li­cher Linie und das müt­ter­li­che Erbrecht umge­sto­ßen, männ­li­che Erbli­nie und väter­li­ches Erbrecht ein­ge­setzt. (…) Die erste Wir­kung der nun begrün­de­ten Allein­herr­schaft der Män­ner zeigt sich in der nun auf­tau­chen­den Zwi­schen­form der patri­ar­cha­li­schen Fami­lie.“ (aus: „Der Ursprung der Fami­lie, des Pri­vat­ei­gen­tums und des Staa­tes“)
Auch der Kapi­ta­lis­mus ent­steht aus der Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräfte, aber einige Jahr­tau­sende spä­ter. Das ist der ökono­mi­sche Rah­men in (und aus) dem der Kapi­ta­lis­mus zum Vor­schein kommt, bzw. die feu­da­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­weise, die unbe­streit­bar patri­ar­chia­lisch ist. Dar­aus kann man den­noch nicht den logi­schen Schluß zie­hen, daß das Patri­ar­chat der Ursprung des Kapi­ta­lis­mus wäre. Das Wich­tigste ist der Pri­vat­be­sitz an Pro­duk­ti­ons­mit­teln, und es ist belang­los – zumin­dest aus [dem, Einf. d. Hg.] his­to­ri­schen Gesichts­punkt des Auf­tau­chens des Kapi­ta­lis­mus – ob er inner­halb der Fami­lie von dem einen oder ande­ren Geschlecht mono­po­li­siert ist oder sich durch die eine oder andere Abstam­mung über­trägt. Dies wird bestä­tigt durch die ein­fa­che Tat­sa­che, daß heute die kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nisse fort­be­ste­hen, wo doch die Gleich­heit der Rechte zwi­schen den Geschlech­tern fest­steht, was den Besitz, seine Wert­stei­ge­rung und seine Über­tra­gung betrifft.
Über­dies wäre es sinn­voll zu unter­strei­chen, daß es die kapi­ta­lis­ti­sche Ent­wick­lung selbst ist (und beson­ders die indus­tri­elle Revo­lu­tion, die die Frau aus dem Kreis­lauf des Haus­halts her­aus­holt und sie in die Lohn­pro­duk­tion stürzt), der man die soziale Basis schul­det, die der Bewe­gung der Frau­en­be­frei­ung erlaubt hat, zu ent­ste­hen und zu Ergeb­nis­sen zu kom­men.
Das Patri­ar­chat hin­ter sich gelas­sen zu haben, ist einer der his­to­ri­schen revo­lu­tio­nä­ren Ver­dienste des Kapi­ta­lis­mus.
Dies alles um zu erklä­ren, daß wir in kei­ner Weise die spe­zi­fi­sche Unter­drü­ckung der Frau in der impe­ria­lis­ti­schen Gesell­schaft abstrei­ten (wie auch ihre Aus­beu­tung in der ehe­li­chen Fami­lie als ökono­mi­sche Ein­heit, ihre größte fak­ti­sche Unsi­cher­heit, ihre Ver­sach­li­chung etc.) und noch weni­ger die bru­talste Unter­drü­ckung, die sie in zahl­rei­chen peri­phe­ren Dritt­welt­län­dern erdul­det. Wir beab­sich­ti­gen weder, die­ses Pro­blem zu baga­tel­li­sie­ren, noch ihm einen Platz in der his­to­ri­schen Evo­lu­tion der Mensch­heit ein­zu­räu­men, den es nicht hat. Der Kampf für die Gleich­heit der Geschlech­ter schließt sich dem Kampf für die Befrei­ung aller Unter­drück­ten und Aus­ge­beu­te­ten die­ser Welt an, aber er ist nicht der wesent­li­che Hebel. Die­ser wesent­li­che Hebel, wir brach­ten es kurz in unse­rem Text „Ein biß­chen über Poli­tik“ zur Spra­che, ist der uni­ver­selle und ant­ago­nis­ti­sche Wider­spruch zwi­schen inter­na­tio­na­lem Pro­le­ta­riat und impe­ria­lis­ti­scher Bour­geoi­sie. Allein die revo­lu­tio­näre Lösung wird die­sem Wider­spruch einen wirk­li­chen sozia­len, ökono­mi­schen, poli­ti­schen und ideo­lo­gi­schen Fort­schritt der Mensch­heit ermög­li­chen: Der Marsch zu der kom­mu­nis­ti­schen Gesell­schaft.
Wir möch­ten nun über einen fun­da­men­ta­len Unter­schied zwi­schen der Ansicht spre­chen, die einer­seits bei einer gro­ßen Mehr­heit der für die Befrei­ung der Frau kämp­fen­den Bewe­gun­gen besteht und ande­rer­seits der Ansicht, die von den revo­lu­tio­nä­ren Kom­mu­nis­ten ver­tre­ten wird, zu denen wir gehö­ren. Die­ser Unter­schied besteht in der Posi­tion und beruht auf der Klas­sen­ana­lyse. Unse­rer Ansicht nach kön­nen in einer Gesell­schaft, die in sozial-​​antagonistische Klas­sen geteilt ist, keine Rechte oder Frei­hei­ten exis­tie­ren, die dem Klas­sen­kampf über­ge­ord­net sind.
Es ist voll­kom­men rich­tig, daß in der Ver­gan­gen­heit Bour­geoi­sie und Pro­le­ta­riat manch­mal ihre Kräfte ver­ei­nigt haben (in wider­spre­chen­der Form inso­fern beide selbst Pro­dukte der herr­schen­den Pro­duk­ti­ons­weise sind), um den Feu­da­lis­mus end­gül­tig zu liqui­die­ren.
In die­sem sehr all­ge­mei­nen Rah­men hat der Kampf gegen das Patri­ar­chat und für die recht­li­che Gleich­heit der Geschlech­ter die Bewe­gun­gen der bür­ger­li­chen, klein­bür­ger­li­chen und pro­le­ta­ri­schen Frauen ver­ei­ni­gen kön­nen (bis vor nicht allzu lan­ger Zeit, das ist wahr). Aber heute ist es unbe­dingt nötig zu ver­ste­hen, daß diese Zei­ten durch die bür­ger­li­chen Demo­kra­tien der impe­ria­lis­ti­schen Zen­tren ein Ende gefun­den haben. Es gibt gegen­wär­tig über­aus mehr gegen­sätz­li­che als gemein­same Inter­es­sen einer Bür­ger­li­chen und einer Pro­le­ta­rie­rin; die Inten­si­tät der ers­ten löscht die zwei­ten völ­lig aus.
Tat­säch­lich hängt alles von den rea­len Zie­len ab, die man zu errei­chen sucht. Ent­we­der eine radi­kale und kom­plette Ver­än­de­rung der sozia­len Ver­hält­nisse, hin zu der Gesell­schaft der Gleich­heit; die Abschaf­fung der Aus­beu­tung und der Unter­drü­ckung des Men­schen durch den Men­schen, die Besei­ti­gung des Sexis­mus, der Phal­lok­ra­tie etc.; oder antise­xis­ti­sche, anti­phal­lok­ra­ti­sche Refor­men, die aber im Rah­men der glo­bal unver­än­der­ten sozia­len Ver­hält­nisse, in der die Tei­lung in Klas­sen und die Unter­drü­ckung des Men­schen durch den Men­schen fort­be­ste­hen, zwangs­läu­fig unbe­frie­di­gend sind. Das erste Ziel ist das der revo­lu­tio­nä­ren Kom­mu­nis­tIn­nen, das zweite das der refor­mis­ti­schen, bür­ger­li­chen und klein­bür­ger­li­chen Femi­nis­tIn­nen.
Wel­che Hal­tung muß die kom­mu­nis­ti­sche Avant­garde gegen­über den Kampf­be­we­gun­gen pro­le­ta­ri­scher Frauen (gegen Über­aus­beu­tung, Sexis­mus etc.) ein­neh­men? Natür­lich eine unge­bro­chene Unter­stüt­zung, die aber in eine poli­ti­sche Arbeit inte­griert sein muß, wel­che dar­auf abzielt, die­sen Bewe­gun­gen ihren natür­li­chen Rah­men – den Klas­sen­kampf – bewußt zu machen und somit in Rich­tung des revo­lu­tio­nä­ren Kamp­fes zu qua­li­fi­zie­ren. Und wel­che Hal­tung muß die kom­mu­nis­ti­sche Avant­garde gegen­über dem bür­ger­li­chen und klein­bür­ger­li­chen Femi­nis­mus ein­neh­men? Eine Kri­tik ohne Zuge­ständ­nisse an sei­nen refor­mis­ti­schen und anti­pro­le­ta­ri­schen Cha­rak­ter.
Abschlie­ßend den­ken wir: wenn es rich­tig ist, den Sexis­mus und die Phal­lok­ra­tie, dort, wo und in der Form wie sie sich zei­gen, zu bekämp­fen (auch im Pro­le­ta­riat und ganz beson­ders unter den Kom­mu­nis­ten, die bei­spiel­haft sein müs­sen, wo sie doch bloß die schwie­ri­gen Ent­würfe der neuen Mensch­heit und ihrer sozia­len Har­mo­nie sind); dann wird nur die Revo­lu­tion ermög­li­chen, alle sozia­len, ökono­mi­schen und poli­ti­schen und auch die ideo­lo­gi­schen, eng mit dem Kapi­ta­lis­mus ver­bun­de­nen, Pro­bleme zu lösen und mit der Aus­beu­tung des Men­schen durch den Men­schen, der Unter­drü­ckung des Men­schen durch den Men­schen völ­lig Schluß zu machen. Für die Pro­le­ta­rie­rIn­nen der gan­zen Welt ist die­ser Ein­satz die dop­pelte Mühe wert.
[Wir las­sen an die­ser Stelle die Abschnitte A. „Fal­sche Zitate“?! und B. Ver­rat, Kon­fron­ta­tion und Gewalt des zwei­ten Teils des Tex­tes der CCC-​​Gefangenen aus. Denn diese beschäf­ti­gen sich kaum auf theoretisch-​​grundsätzlicher Art und Weise mit der Frage des Patri­ar­chats, son­dern mit Ein­zel­fra­gen des ein­gangs ange­spro­che­nen Kon­flikts in der Ams­ter­da­mer Szene und der dar­aus ent­stan­de­nen Debatte. Anm. d. Hg.]

C. Die „Ätze­rin­nen“ (sic)
In der von den „Inter­na­tio­na­len Info-​​Läden“ her­aus­ge­ge­be­nen Bro­schüre fin­det man natür­lich unser Doku­ment vom Juli 1989. Was wir weni­ger natür­lich fin­den ist, daß bei der Gele­gen­heit die­ser Publi­ka­tion sich unser Text gespickt mit acht­zehn in Klam­mern gesetz­ten Kom­men­ta­ren wie­der­fin­det, bean­sprucht von anony­men „Ätze­rin­nen“. Wir wol­len dies­be­züg­lich rea­gie­ren, erst auf den Haupt­in­halt der Kom­men­tare und dann auf das Ver­fah­ren als sol­ches.
Die Mehr­zahl der Kom­men­tare betrifft die Abwe­sen­heit von lexi­ko­lo­gisch, ortho­gra­phisch oder gram­ma­ti­ka­lisch femi­ni­nen For­men in bestimm­ten Pas­sa­gen unse­rer Abfas­sung. Eine unab­hän­gige Notiz am Ende unse­res Doku­ments scheint den all­ge­mei­nen Sinn die­ser Kom­men­tare zu reka­pi­tu­lie­ren: „Zur femi­ni­nen Form, die so oft in die­sem Text nicht vor­han­den ist: es ist uns nicht klar, ob das ein Pro­blem der Über­set­zun­gen ist und zu Anfang haben wir noch ver­sucht das im gan­zen Text zu ver­än­dern, zum Ende hin haben wir es auf­ge­ge­ben, das es ein­fach zu viel war“.
Tat­säch­lich ist der Ursprung der Schwie­rig­kei­ten lin­gu­is­tisch und besteht in der Tat­sa­che, daß die gesamte Spra­che nach der domi­nan­ten Ideo­lo­gie gestal­tet ist. Neh­men wir fol­gen­des Bei­spiel: vier Inter­ven­tio­nen der „Ätze­rin­nen“ beste­hen in dem Zusatz von „und frau“ hin­ter „man“. Nun exis­tiert das Pro­blem „man/​Mann“ im Fran­zö­si­schen nicht. „Man“ heißt „on“ (unbe­stimm­tes Für­wort), ohne daß da die geringste Erin­ne­rung an sei­nen latei­ni­schen Ursprung „homo“ wäre. Daher kommt es, daß im Fran­zö­si­schen nie­mand je die Idee hätte, „et elle(s)“ oder „et Ia/​les femme(s)“ nach dem Gebrauch von „on“ hin­zu­zu­fü­gen, des­sen Geschlecht gänz­lich als unbe­stimmt eta­bliert und aner­kannt ist. Was konnte der Über­set­zer tun, kon­fron­tiert mit all den „on“ in unse­rer Abhand­lung, als sie mit­tels ihres deut­schen Ersat­zes zu über­set­zen? Wir kön­nen doch trotz allem nicht von unse­rem Über­set­zer ver­lan­gen, daß er des Sexis­mus der deut­schen Spra­che schul­dig sei!
Wir sind übri­gens umso weni­ger geneigt, die Über­set­zungs­ar­beit zu kri­ti­sie­ren, als sie von einem ver­nünf­ti­gen antise­xis­ti­schen Bemü­hen zeugt. Zum Bei­spiel beschreibt im Fran­zö­si­schen das Wort „cama­rade“ (Genosse/​Genossin, d.Ü.) beide Geschlech­ter, sowohl im Sin­gu­lar als auch im Plu­ral, wäh­rend im Deut­schen vier unter­schied­li­che For­men exis­tie­ren. Nun, die Über­set­zung löst die­ses Pro­blem mit dem Begriff „Genoss/​innen“, um „des cama­ra­des (des deux sexes)“ (Genos­sen [bei­der Geschlech­ter], d.Ü.) zu erset­zen.
Ist es nun mög­lich, sys­te­ma­tisch alle lexi­ko­lo­gi­schen, ortho­gra­phi­schen oder gram­ma­ti­ka­li­schen Fälle zu behe­ben, die auf einem Vor­rang des männ­li­chen Genus beru­hen, in einer durch eine uralte patri­ar­cha­li­sche, sexis­ti­sche Kul­tur gestal­te­ten Spra­che? Im Fran­zö­si­schen ist dies unmög­lich, zumin­dest wenn man die Spra­che als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel betrach­tet. Die Prä­zi­sion der Begriffe, die Überein­stim­mung der Adjek­tive, der Par­ti­zi­pien der Ver­gan­gen­heit, die Wahl der Für­wor­ter etc. sind zu viel­fäl­tig und kom­plex, um die ver­all­ge­mei­nerte Ver­wei­ge­rung der Vor­herr­schaft des männ­li­chen Genus oder sei­nes Vor­ran­ges in Fäl­len der Mischung zu erlau­ben.
Wir müs­sen uns mit der his­to­ri­schen Rea­li­tät der Kom­mu­ni­ka­tion abfin­den, immer dar­auf ach­tend, soweit wie mög­lich – d.h. ohne die Kom­mu­ni­ka­tion selbst zu gefähr­den – sexis­ti­sche Äuße­run­gen einer sexis­ti­schen Kul­tur zu ver­wer­fen. Zum Bei­spiel opfern wir einen Teil unse­rer Les­bar­keit, indem wir „les militant(e)s“ (die Mili­tan­ten, d.Ü.) schrei­ben oder wir ver­dop­peln die Überein­stim­mung des Prä­di­kats­no­mens hin­ter „cama­ra­des“, wir ver­wen­den die Wie­der­ho­lung „les tra­vail­leurs et les tra­vai­leu­ses“ (die Arbei­ter und die Arbei­te­rin­nen, d. Ü.), wir prä­zi­sie­ren „les pro­le­taires, hom­mes et femmes“ (die Pro­le­ta­rier, Män­ner und Frauen, d.Ü.) etc. Aber wir ver­mei­den auch den Gebrauch von erfun­de­nen Wor­ten, deren antise­xis­ti­sche Ortho­do­xie ihres­glei­chen nur in der Sel­ten­heit der Ein­ge­weih­ten fin­det; so ver­bin­den wir „fra­ter­nel“ und „fra­ter­nite“ (bür­ger­lich und Brü­der­lich­keit, d.Ü.) nicht mit „sororal“ oder „soro­rite“ (schwes­ter­lich und Schwes­ter­lich­keit), was heut­zu­tage ebenso rar in den Wör­ter­bü­chern, wie der sozia­len und poli­ti­schen Kul­tur unbe­kannt ist.
Also? Also nichts. Genauso wie wir nicht beab­sich­ti­gen, den Über­set­zer unse­res Doku­ments vom Juli 1989 für den Sexis­mus der deut­schen Spra­che ver­ant­wort­lich zu machen, erklä­ren wir uns nicht des Sexis­mus der fran­zö­si­schen Spra­che für schul­dig. Diese ist unum­gäng­lich das ein­zige, uns zur Ver­fü­gung ste­hende Instru­ment, um uns ver­ständ­lich zu machen, trotz all sei­ner Feh­ler ver­wen­den wir es zu die­sem Zweck – der uns sehr teuer ist. Wir über­neh­men ohne eine Spur von Zögern die Tat­sa­che, dies zu respek­tie­ren und auch hier die Regeln der Ortho­gra­phie, der Gram­ma­tik etc., wenn die Klar­heit unse­res Aus­drucks davon abhängt. Und die Kri­ti­ken, die man uns even­tu­ell zu die­sem Thema sen­den könnte, neh­men wir mit einem Schul­ter­zu­cken ent­ge­gen.
Zumal es trotz­dem die Mühe wert wäre, sich über die reale Wir­kung lexi­ko­lo­gi­scher For­men und gram­ma­ti­ka­li­scher Regeln auf den Klas­sen­kampf Gedan­ken zu machen, oder sei es auch nur in der Bezie­hung zwi­schen Män­nern und Frauen inner­halb der revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung… Ehr­lich gesagt bezwei­feln wir stark, daß dies irgend­eine Wir­kung haben könnte und es scheint uns, als wenn die deut­schen Genos­sIn­nen der Sache eine über­trie­bene Wich­tig­keit bei­mes­sen. Daß man sei­nen Aus­druck von Wör­tern, Begrif­fen, Kon­struk­tio­nen etc., die eine aktive Ver­wir­rung mit Merk­ma­len der domi­nan­ten bür­ger­li­chen Ideo­lo­gie eta­blie­ren wür­den, aus­merzt, ja natür­lich, aber daß man sich nicht vor­stellt, aus einer gleich­ma­che­ri­schen, gram­ma­ti­ka­li­schen Rich­tig­stel­lung ein dyna­mi­sches Ele­ment des Kamp­fes gegen die bür­ger­li­che Orga­ni­sa­tion der Gesell­schaft zu machen. Wir wer­den die Gesell­schaft nicht ver­än­dern, indem wir die Spra­che ver­än­dern, aber wir wer­den (beson­ders) die Spra­che ändern, wenn wir die Gesell­schaft ver­än­dern.
Ver­ges­sen wir auch nicht, daß die Spra­che aus dem Über­bau stammt und daß ihre Wech­sel­wir­kun­gen mit der Basis nicht den Vor­rang der Basis vor dem Über­bau ver­de­cken dür­fen.
Aber die Kom­men­tare, die unser Doku­ment spi­cken, sind nicht alles ideologisch-​​linguistische Vor­würfe. Es sind dort andere, die sich auf eine Dis­kus­sion mit einer „Gruppe Molo­tow“ (die wir nicht ken­nen) bezie­hen, Scherze sein wol­len, uns beschimp­fen und in lapi­da­rer Art und Weise eine Unei­nig­keit in Erin­ne­rung rufen, die wir im offe­nen Brief ent­wi­ckelt wie­der­fin­den etc. Also, letzt­lich wol­len wir öffent­lich die Frage der Zweck­mä­ßig­keit der Ein­fü­gung die­ser acht­zehn in Klam­mern gesetz­ten Kom­men­tare stel­len.
Uns erscheint schon die Vor­ge­hens­weise an sich kri­ti­sier­bar: sie begibt sich unauf­hör­lich und eigen­mäch­tig daran, einem Genos­sen wäh­rend sei­ner Dar­stel­lung das Wort abzu­schnei­den. Soet­was schickt sich nicht. In einer Debatte war­tet man ab, bis man mit dem Reden an der Reihe ist, und man respek­tiert die Recht­schaf­fen­heit der Bei­träge, die die ande­ren Betei­lig­ten zuver­sicht­lich bei­brin­gen.
Wenn die „Ätze­rin­nen“ an der Dis­kus­sion teil­zu­neh­men wün­schen oder an einer ande­ren mit der „Gruppe Molo­tow“, so wer­den wir die Bei­träge, die sie brin­gen auf­merk­sam lesen,… aber außer­halb unse­rer eige­nen Abfas­sun­gen. Wor­auf ihr Aus­druck, wie auch der uns­rige unbe­streit­bar an Klar­heit gewin­nen würde. Weil jen­seits von ele­men­ta­rem Respekt unter Genos­sIn­nen sich die Frage vom Nut­zen des Aus­tau­sches stellt.
Unse­rer­seits schrei­ben wir in ers­ter Linie, um ver­stan­den zu wer­den. Wir ver­bin­den also mit der Zugäng­lich­keit und der Les­bar­keit unse­rer Doku­mente eine umso grö­ßere Bedeu­tung, als daß wir die ers­ten sind, die wir unsere Gren­zen auf die­sem Gebiet ken­nen: wir wis­sen unse­ren Schreib­stil schlep­pend, bedürf­tig, wider­lich, manch­mal hoch­nä­sig und immer zum Kot­zen. Und wir wis­sen auch, daß die Über­set­zun­gen die unan­ge­nehme Gepflo­gen­heit haben, diese Män­gel zu ver­grö­ßern, wenn sie nicht eine große Zahl von Sinn­wid­rig­kei­ten mit sich brin­gen, was schlim­mer ist. So viele Schwie­rig­kei­ten, die ver­ur­sa­chen, daß wir sehr ungern, was immer es auch sei – und beson­ders Unnö­ti­ges – sehen, was den Zugang und das Ver­ständ­nis unse­rer Abhand­lun­gen noch schwie­ri­ger macht. Des­halb bit­ten wir aus­drück­lich darum, unsere Texte zukünf­tig nicht mehr einer sol­chen Behand­lung zu unter­zie­hen.

D. Das Doku­ment der „Revo­lu­tio­när Initia­tief Ams­ter­dam“
[Die­ser Abschnitt beschäf­tigt sich ein­mal mehr mit einem Aspekt des Streits in Ams­ter­dam. Wir doku­men­tie­ren ihn des­halb hier genauso wenig wie die dem Text der CCC-​​Gefangenen beige­füg­ten Repro­duk­tio­nen ver­schie­de­ner älte­rer Stel­lung­nah­men zu die­ser Debatte, die für die gegen­sei­ti­gen Vor­würfe des Falsch­zi­tie­rens rele­vant sind.]

Quelle:
Bro­schü­ren­gruppe in Zusam­men­ar­beit mit dem ASTA-​​FU sowie Frigga Haug, Wolf­gang Fritz Haug, Wolf Die­ter Narr, Uwe Wesel, Harald Wolf (Hg.)
Für eine neue revo­lu­tio­näre Pra­xis. Triple opp­res­sion & bewaff­ne­ter Kampf. Eine Doku­men­ta­tion von anti­im­pe­ria­lis­ti­schen, femi­nis­ti­schen, kom­mu­nis­ti­schen Bei­trä­gen zur Debatte über die Neu­be­stim­mung revo­lu­tio­nä­rer Poli­tik 1986-​​1993
Selbst­ver­lag: Ber­lin, 1. Aufl. 1994, 2. Aufl. 1995, S. 87 – 94 (gegen­über die­ser Fas­sung sind hier die dort am Ende ste­hen­den vier Kna­st­adres­sen der sei­ner­zei­ti­gen Gefan­ge­nen weg­ge­las­sen).

Auf S. 207 der Bro­schüre heißt es zur Her­kunft des Tex­tes:
„aus: Bertrand Sas­soye /​ Pierre Carette /​ Pas­cale Van­de­ge­erde /​ Didier Che­vo­let, An die Mili­tan­ten der ‚Inter­na­tio­na­len Info­lä­den’ (Ant­wort auf den offe­nen Brief vom Som­mer 1990) An alle Genos­sin­nen und Genos­sen. Okto­ber 1991, foto­ko­pierte deut­sche Über­set­zung ohne Ort und ohne Jahr, S. 1 – 14, 20 – 22.“

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • LinkedIn
  • MisterWong
  • MisterWong.DE
  • PDF
  • Tumblr
  • Wikio