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„KOM­MU­NIS­MUS“

„Zeit­schrift der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­nale für die Län­der Süd­ost­eu­ro­pas“ (in deut­scher Spra­che), Wien, Heft 1/​2 vom 1. Februar 1920 bis Heft 18 vom 8. Mai 1920

Diese aus­ge­zeich­nete Zeit­schrift, die in Wien unter dem ange­führ­ten Titel erscheint, bringt sehr viel inter­es­san­tes Mate­rial über das Wachs­tum der kom­mu­nis­ti­schen Bewe­gung in Öster­reich, Polen und ande­ren Län­dern, dane­ben eine Chro­nik der inter­na­tio­na­len Bewe­gung und Arti­kel über Ungarn, Deutsch­land, über die all­ge­mei­nen Auf­ga­ben, die Tak­tik usw. Einen Man­gel, der bereits bei flüch­ti­ger Durch­sicht sofort ins Auge springt, dür­fen wir nicht uner­wähnt las­sen. Ich meine die unzwei­fel­haf­ten Sym­ptome jener „Kin­der­krank­heit des ‚lin­ken Radi­ka­lis­mus’ im Kommu­nismus“, an der die Zeit­schrift lei­det und der ich eine kleine, soeben in Petro­grad erschie­nene Bro­schüre gewid­met habe.
Drei Sym­ptome die­ser Krank­heit in der aus­ge­zeich­ne­ten Zeit­schrift „Kom­mu­nis­mus“ möchte ich hier gleich in aller Kürze ver­mer­ken. In Nr. 6 (vom 1. III. 1920) ist ein Arti­kel des Genos­sen G. L. ent­hal­ten: „Zur Frage des Par­la­men­ta­ris­mus“, den die Redak­tion als Dis­kus­si­ons­ar­ti­kel bezeich­net und von dem (zum Glück) Genosse B. K. der Ver­fas­ser des Arti­kels „Die Durch­füh­rung des Par­la­ments­boy­kotts“ (Nr. 18 vom 8. V. 1920), ein­deu­tig abrückt, indem er erklärt, daß er den darin ver­tre­te­nen Stand­punkt nicht teilt.
Der Arti­kel von G. L. ist ein sehr radi­ka­ler und sehr schlech­ter Arti­kel. Der Mar­xis­mus darin ist ein Mar­xis­mus der blo­ßen Worte. Die Unter­schei­dung zwi­schen „defen­si­ver“ und „offen­si­ver“ Tak­tik ist aus­ge­klü­gelt. Es fehlt eine kon­krete Ana­lyse ganz bestimm­ter his­to­ri­scher Situa­tio­nen, das Wesent­lichste (die Not­wen­dig­keit, alle Arbeits­ge­biete und Ein­rich­tun­gen, durch wel­che die Bour­geoi­sie ihren Ein­fluß auf die Mas­sen [154] aus­übt usw., zu erobern und erobern zu ler­nen) bleibt unbe­rück­sich­tigt.
In Nr. 14 (vom 17. IV. 1920) kri­ti­siert Gen. B. K. in dem Arti­kel „Die Ereig­nisse in Deutsch­land“ die Erklä­rung der Zen­trale der Kommunisti­schen Par­tei Deutsch­lands vom 21. III. 1920, an der ich in mei­ner Bro­schüre eben­falls Kri­tik übe. Doch der Cha­rak­ter unse­rer Kri­tik ist von Grund aus ver­schie­den. Gen. B. K. übt Kri­tik auf Grund von Zita­ten aus Marx, die sich auf eine der jet­zi­gen ganz unähn­li­che Situa­tion bezie­hen, lehnt die Tak­tik der Zen­trale der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Deutsch­lands rund­weg ab und umgeht voll­kom­men das Aller­wich­tigste. Er umgeht das, worin das innerste Wesen, die leben­dige Seele des Mar­xis­mus besteht: die kon­krete Ana­lyse einer kon­kre­ten Situa­tion. Wenn die Mehr­heit der städ­ti­schen Arbei­ter von den Schei­de­män­nern zu den Kau­tskya­nern über­gegangen ist und wenn sie inner­halb der Kau­tsky­schen (von der rich­ti­gen revo­lu­tio­nä­ren Tak­tik „unab­hän­gi­gen“) Par­tei immer mehr vom rech­ten Flü­gel zum lin­ken, d. h. fak­tisch zum Kom­mu­nis­mus über­geht, wenn die Dinge so ste­hen – darf man da die Auf­gabe, Überg­angs­maß­nah­men, Kom­pro­misse in bezug auf diese Arbei­ter ins Auge zu fas­sen, mit einem Ach­sel­zu­cken abtun? Ist es statt­haft, die Erfah­rung der Bol­sche­wiki, die im April und Mai 1917 im Grunde genom­men eben eine Poli­tik des Kom­promisses durch­führ­ten, als sie erklär­ten: Wir kön­nen die Pro­vi­so­ri­sche Regie­rung (von Lwow, Mil­ju­kow, Keren­ski u. a.) nicht ein­fach stür­zen, denn hin­ter die­sen Leu­ten ste­hen noch die Arbei­ter in den Sowjets; wir müs­sen zuerst errei­chen, daß die Mehr­heit oder ein beträcht­li­cher Teil die­ser Arbei­ter ihre Ansich­ten ändert ist es statt­haft, diese Erfah­run­gen zu miß­ach­ten, zu ver­schwei­gen?
Mir scheint, das ist nicht statt­haft.
Schließ­lich ent­hüllt der erwähnte Arti­kel des Gen. B. K. in Nr. 18 des „Kom­mu­nis­mus“ beson­ders klar, anschau­lich und ein­leuch­tend sei­nen Feh­ler, der darin besteht, mit der Tak­tik des Boy­kotts der Par­la­mente im Europa von heute zu sym­pa­thi­sie­ren. Denn indem der Autor sich vom „syn­di­ka­lis­ti­schen Boy­kott“, vom „pas­si­ven“ Boy­kott abgrenzt und einen beson­de­ren „akti­ven“ (ach, wie „radi­kal“!…) Boy­kott aus­heckt, zeigt er mit ver­blüf­fen­der Deut­lich­keit, wie grund­falsch sein Gedan­ken­gang ist.
„Der aktive Boy­kott“, schreibt der Ver­fas­ser, „bedeu­tet, daß die Kommuni­stische Par­tei sich nicht mit der Aus­gabe der Parole gegen die Betei­li­gung an [155] Wah­len begnügt, son­dern im Inter­esse der Durch­füh­rung des Boy­kotts ebenso aus­ge­dehnte revo­lu­tio­näre Agi­ta­tion ent­fal­tet, als ob sie in die Wah­len ein­ge­tre­ten wäre und ihre Agi­ta­tion und Aktion“ (Arbeit, Tätig­keit, Akti­vi­tät, Kampf) „auf die Gewin­nung der erreich­bar höchs­ten Zahl von Pro­le­ta­rier­stim­men ein­ge­stellt hätte.“ (S. 552)
Das ist eine wahre Perle. Das wird die Anti­par­la­men­ta­rier bes­ser töten als jede Kri­tik. Einen „akti­ven“ Boy­kott zu erfin­den, „als ob“ wir an den Wah­len teil­näh­men!! Mas­sen von unauf­ge­klär­ten und halbauf­ge­klär­ten Arbei­tern und Bau­ern neh­men allen Erns­tes an den Wah­len teil, denn sie glau­ben noch an die bürgerlich-​​demokratischen Vor­ur­teile, sie sind noch in die­sen Vor­ur­tei­len befan­gen. Aber anstatt den unauf­ge­klär­ten (wenn auch mit­un­ter „kul­tu­rell hoch­ste­hen­den“) Spie­ßern zu hel­fen, ihre Vor­ur­teile auf Grund eige­ner Erfah­rung zu über­win­den, sol­len wir vor der Teil­nahme am Par­la­ment zurück­scheuen, sol­len wir uns damit amü­sie­ren, eine Tak­tik aus­zu­he­cken, die unbe­rührt ist vom bür­ger­li­chen Schmutz des All­tags­le­bens!!
Bravo, bravo Genosse B. K.! Mit ihrer Ver­tei­di­gung des Anti­par­la­men­ta­ris­mus wer­den Sie die Dumm­heit rascher erle­di­gen hel­fen als ich durch meine Kri­tik.

12. VI. 1920

Ver­öf­fent­licht 1920. Nach dem Manu­skript.

Quelle:
W. I. Lenin, „Kom­mu­nis­mus“ (1920), in: ders., Werke. Band 31, Dietz: Berlin/​DDR, 19787, 153 – 155.

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