[erschien zuerst in: Die Neue Zeit, Heft 2, Jahr­gang 1887; hier nach: Karl Marx /​ Fried­rich Engels, Werke. Bd. 21, Dietz: Ber­lin, 8. Aufl.: 1984 (1. Aufl.: 1962), 491 – 509. –

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Fried­rich Engels /​ Karl Kau­tsky

/​491/​ […] Juristen-​​Sozialismus[464]

Die Welt­an­schau­ung des Mit­tel­al­ters war wesent­lich theo­lo­gisch. Die Ein­heit der euro­päi­schen Welt, die nach innen tat­säch­lich nicht bestand, wurde gegen außen, gegen den sara­ze­ni­schen all­ge­mei­nen Feind, her­ge­stellt durch das Chris­ten­tum. Die Ein­heit der west­eu­ro­päi­schen Welt, die eine Gruppe von in ste­ter Wech­sel­be­zie­hung sich ent­wi­ckeln­den Völ­kern bil­dete, wurde zusam­men­ge­faßt im Katho­li­zis­mus. Diese theo­lo­gi­sche Zu­sammenfassung war nicht nur ide­ell. Sie bestand wirk­lich, nicht nur im Papst, ihrem mon­ar­chi­schen Mit­tel­punkt, son­dern vor allem in der feu­dal und hier­ar­chisch orga­ni­sier­ten Kir­che, die in jedem Land als Besit­ze­rin von etwa einem Drit­tel des Bodens eine gewal­tige Macht­stel­lung in der feu­da­len Orga­ni­sa­tion inne­hatte. Die Kir­che mit ihrem feu­da­len Grund­be­sitz war das reale Band zwi­schen den ver­schie­de­nen Län­dern, die feu­dale Organi-​​ /​492/​ sation der Kir­che gab der weltlich-​​feudalen Staats­ord­nung die reli­giöse Weihe. Die Geist­lich­keit war zudem die ein­zige gebil­dete Klasse. Es war also selbst­ver­ständ­lich, daß das Dogma der Kir­che Aus­gangs­punkt und Basis alles Den­kens war. Juris­te­rei, Natur­wis­sen­schaft, Phi­lo­so­phie, alles wurde dar­nach erle­digt, ob der Inhalt mit den Leh­ren der Kir­che stimmte oder nicht.

Aber im Schoße der Feu­da­li­tät ent­wi­ckelte sich die Macht des Bürger­tums. Eine neue Klasse trat auf gegen die gro­ßen Grund­be­sit­zer. Die Städ­te­bür­ger waren vor allem und aus­schließ­lich Waren­pro­du­zen­ten und Waren­händ­ler, wäh­rend die feu­dale Pro­duk­ti­ons­weise wesent­lich auf dem Selbst­ver­brauch der inner­halb eines beschränk­ten Krei­ses erzeug­ten Pro­dukte – teils durch die Pro­du­zen­ten, teils durch die feu­da­len Tri­bu­ter­he­ber – beruhte. Die katho­li­sche, auf den Feu­da­lis­mus zuge­schnit­tene Welt­an­schau­ung konnte die­ser neuen Klasse und ihren Produktions-​​ und Aus­tausch­be­din­gun­gen nicht mehr genü­gen. Den­noch blieb auch sie noch län­gere Zeit in den Ban­den der all­mäch­ti­gen Theo­lo­gie befan­gen. Die sämt­lichen Refor­ma­tio­nen und die sich daran knüp­fen­den, unter reli­giö­ser Firma geführ­ten Kämpfe, vom 13. bis ins 17. Jahr­hun­dert, sind nach ihrer theo­re­ti­schen Seite nichts als wie­der­holte Ver­su­che des Bür­ger­tums, der Städ­te­p­le­be­jer und der im Anschluß an beide rebel­lisch gewor­de­nen Bau­ern, die alte, theo­lo­gi­sche Welt­an­schau­ung den ver­än­der­ten ökonomi­schen Bedin­gun­gen und der Lebens­lage der neuen Klasse anzu­pas­sen. Aber es ging nicht. Die reli­giöse Fahne flat­terte zum letz­ten Mal in Eng­land im 17. Jahr­hun­dert, und kaum fünf­zig Jahre spä­ter trat in Frank­reich die neue Welt­an­schau­ung unge­schminkt auf, die die klas­si­sche der Bour­geoi­sie wer­den sollte, die juris­ti­sche Welt­an­schau­ung.

Sie war eine Ver­welt­li­chung der theo­lo­gi­schen. An die Stelle des Dog­mas, des gött­li­chen Rechts trat das mensch­li­che Recht, an die der Kir­che der Staat. Die wirt­schaft­li­chen und gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse, die man sich frü­her, weil von der Kir­che sank­tio­niert, als durch die Kir­che und das Dogma geschaf­fen vor­ge­stellt hatte, stellte man sich jetzt vor als auf das Recht begrün­det und durch den Staat geschaf­fen. Weil der Aus­tausch von Waren auf gesell­schaft­li­chem Maß­stab und in sei­ner vol­len Aus­bil­dung, nament­lich durch Vorschuß-​​ und Kre­dit­ge­ben, ver­wi­ckelte gegen­sei­tige Ver­trags­ver­hält­nisse erzeugt und damit all­ge­mein gül­tige Regeln erfor­dert, die nur durch die Gemein­schaft gege­ben wer­den kön­nen – staat­lich fest­gesetzte Rechts­nor­men –, des­halb bil­dete man sich ein, daß diese Rechts­normen nicht aus den ökono­mi­schen Tat­sa­chen ent­sprän­gen, son­dern aus der for­mel­len Fest­set­zung durch den Staat. Und weil die Kon­kur­renz, die Grund­ver­kehrs­form freier Waren­pro­du­zen­ten, die größte Gleich­ma­che­rin ist, wurde Gleich­heit vor dem Gesetz der Haupt­schlacht­ruf der Bour­geoi­sie. Die Tat­sa­che, daß der Kampf die­ser neu auf­stre­ben­den Klasse gegen die Feu­dal­herrn und die sie damals schüt­zende abso­lute Mon­ar­chie, wie jeder /​493/​ Klas­sen­kampf, ein poli­ti­scher Kampf, ein Kampf um den Besitz des Staa­tes sein, um Rechts­for­de­run­gen geführt wer­den mußte, trug dazu bei, die juri­stische Welt­an­schau­ung zu befes­ti­gen.

Aber die Bour­geoi­sie erzeugte ihren nega­ti­ven Dop­pel­gän­ger, das Pro­letariat, und mit ihm einen neuen Klas­sen­kampf, der schon aus­brach, ehe die Bour­geoi­sie sich die poli­ti­sche Macht voll­stän­dig erobert hatte. Wie ihrer­zeit die Bour­geoi­sie im Kampf gegen den Adel die theo­lo­gi­sche Welt­anschauung noch eine Zeit­lang aus Über­lie­fe­rung mit­ge­schleppt hatte, so über­nahm das Pro­le­ta­riat anfangs vom Geg­ner die juris­ti­sche Anschauungs­weise und suchte hierin Waf­fen gegen die Bour­geoi­sie. Die ers­ten prole­tarischen Par­tei­bil­dun­gen wie ihre theo­re­ti­schen Ver­tre­ter blie­ben durch­aus auf dem juris­ti­schen „Rechts­bo­den“, nur daß sie sich einen ande­ren Rechts­bo­den zusam­men­kon­stru­ier­ten, als der der Bour­geoi­sie war. Einer­seits wurde die For­de­rung der Gleich­heit dahin aus­ge­dehnt, daß die recht­liche Gleich­heit durch die gesell­schaft­li­che zu ergän­zen sei; ander­seits wurde aus den Sät­zen Adam Smiths, daß die Arbeit die Quelle alles Reich­tums, das Pro­dukt der Arbeit aber vom Arbei­ter geteilt wer­den müsse mit dem Grund­be­sit­zer und dem Kapi­ta­lis­ten, der Schluß gezo­gen, daß diese Tei­lung unrecht sei und ent­we­der abge­schafft oder doch zuguns­ten der Ar­beiter modi­fi­ziert wer­den müsse. Das Gefühl aber, daß diese Belas­sung der Frage auf dem blo­ßen juris­ti­schen „Rechts­bo­den“ kei­nes­wegs eine Be­seitigung der durch die bürgerlich-​​kapitalistische, und nament­lich durch die modern-​​großindustrielle Pro­duk­ti­ons­weise geschaf­fe­nen Übel­stände mög­lich mache, führte schon die bedeu­tends­ten Köpfe unter den frü­he­ren Sozia­lis­ten – Saint-​​Simon, Fou­rier und Owen – dahin, das juristisch-​​poli­tische Gebiet ganz zu ver­las­sen und allen poli­ti­schen Kampf für unfrucht­bar zu erklä­ren.

Beide Auf­fas­sun­gen waren gleich unge­nü­gend, die durch die wirtschaft­liche Lage geschaf­fe­nen Eman­zi­pa­ti­ons­be­stre­bun­gen der Arbei­ter­klasse ent­sprechend aus­zu­drü­cken und voll­stän­dig zusam­men­zu­fas­sen. Die Forde­rung der Gleich­heit nicht min­der wie die des vol­len Arbeits­er­tra­ges ver­liefen sich in unlös­li­che Wider­sprü­che, sobald sie juris­tisch im ein­zel­nen for­muliert wer­den soll­ten, und lie­ßen den Kern der Sache, die Umge­stal­tung der Pro­duk­ti­ons­weise, mehr oder weni­ger unbe­rührt. Die Zurück­wei­sung des poli­ti­schen Kamp­fes durch die gro­ßen Uto­pis­ten war gleich­zei­tig eine Zu­rückweisung des Klas­sen­kamp­fes, also der ein­zig mög­li­chen Betätigungs­weise der Klasse, in deren Inter­esse sie auf­tra­ten. Beide Anschau­un­gen ab­strahierten von dem geschicht­li­chen Hin­ter­grund, dem sie ihr Dasein ver­dankten; beide appel­lier­ten an das Gefühl; die einen an das Rechts­ge­fühl, die ande­ren an das Mensch­lich­keits­ge­fühl. Beide klei­de­ten ihre Forderun­gen in die Form from­mer Wün­sche, von denen nicht zu sagen war, wes­halb sie gerade jetzt durch­ge­führt wer­den soll­ten und nicht tau­send Jahre frü­her oder spä­ter.

/​494/​ Die Arbei­ter­klasse, die durch die Ver­wand­lung der feu­da­len Produktions­weise in die kapi­ta­lis­ti­sche alles Eigen­tums an den Pro­duk­ti­ons­mit­teln ent­kleidet wurde und durch den Mecha­nis­mus der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise stets in die­sem erb­li­chen Zustand der Eigen­tums­lo­sig­keit wie­der erzeugt wird, kann in der juris­ti­schen Illu­sion der Bour­geoi­sie ihre Lebens­lage nicht erschöp­fend zum Aus­druck brin­gen. Sie kann diese Lebens­lage nur voll­stän­dig selbst erken­nen, wenn sie die Dinge ohne juris­tisch gefärbte Brille in ihrer Wirk­lich­keit anschaut. Hierzu aber ver­half ihr Marx mit sei­ner mate­ria­lis­ti­schen Geschichts­auf­fas­sung, mit dem Nach­weis, daß alle juris­ti­schen, poli­ti­schen, phi­lo­so­phi­schen, reli­giö­sen etc. Vor­stel­lun­gen der Men­schen in letz­ter Instanz aus ihren wirt­schaft­li­chen Lebens­be­din­gun­gen, aus ihrer Weise zu pro­du­zie­ren und die Pro­dukte aus­zu­tau­schen, abge­lei­tet sind. Hier­mit war die der Lebens-​​ und Kamp­fes­lage des Pro­le­ta­ri­ats ent­spre­chende Welt­an­schau­ung gege­ben; der Eigen­tums­lo­sig­keit der Arbei­ter konnte nur die Illu­si­ons­lo­sig­keit ihrer Köpfe ent­spre­chen. Und diese pro­le­ta­ri­sche Welt­an­schau­ung macht jetzt die Reise um die Welt.

Begreif­lich dau­ert der Kampf der bei­den Welt­an­schau­un­gen fort; nicht nur zwi­schen Pro­le­ta­riat und Bour­geoi­sie, son­dern auch zwi­schen frei den­ken­den und noch von alter Tra­di­tion beherrsch­ten Arbei­tern. Im gan­zen wird hier die alte Auf­fas­sung ver­tei­digt durch gewöhn­li­che Poli­ti­ker mit den land­läu­fi­gen Argu­men­ten. Nun gibt es aber auch soge­nannte wissenschaft­liche Juris­ten, die aus der Juris­te­rei einen eige­nen Beruf machen.*

* Ver­glei­che über diese den Arti­kel von Fr. Engels über „Lud­wig Feu­er­bach“ in der „Neuen Zeit“ IV, S.2061: „Bei den Poli­ti­kern von Pro­fes­sion, bei den Theo­re­ti­kern des Staats­rechts und den Juris­ten des Pri­vat­rechts geht der Zusam­men­hang mit den ökono­mi­schen Tat­sa­chen erst recht ver­lo­ren. Weil in jedem ein­zel­nen Falle die ökono­mi­schen Tat­sa­chen die Form juris­ti­scher Motive anneh­men müs­sen, um in Geset­zes­form sank­tio­niert zu wer­den, und weil dabei auch selbst­ver­ständ­lich Rück­sicht zu neh­men ist auf das schon gel­tende Rechts­sys­tem, des­we­gen soll nun die juris­ti­sche Form alles sein und der ökono­mi­sche Inhalt nichts. Staats­recht und Pri­vat­recht wer­den als selb­stän­dige Gebiete behan­delt, die ihre unab­hän­gige geschicht­li­che Ent­wick­lung haben, die in sich selbst einer sys­te­ma­ti­schen Dar­stel­lung fähig sind und ihrer bedür­fen, durch kon­se­quente Aus­rot­tung aller inne­ren Wider­sprü­che.“

Bis­her hat­ten sich diese Herrn zu vor­nehm gehal­ten, sich mit der theo­re­ti­schen Seite der Arbei­ter­be­we­gung ein­zu­las­sen. Wir müs­sen es also gro­ßen Dank wis­sen, wenn end­lich ein­mal ein wirk­li­cher Pro­fes­sor der Rechte, Herr Dr. Anton Men­ger, sich her­ab­läßt, die Geschichte des Sozia­lis­mus vom „rechts­phi­lo­so­phi­schen“ Stand­punkt „dog­ma­tisch näher zu beleuch­ten“.**

** Dr. Anton Men­ger, „Das Recht auf den vol­len Arbeits­er­trag in geschicht­li­cher Dar­stel­lung“, Stutt­gart, Cotta, 1886, X, S. 171.

/​495/​ In der Tat, die Sozia­lis­ten sind bis­her auf dem Holz­weg gewe­sen. Sie haben gerade das ver­nach­läs­sigt, wor­auf es ankam.

„Erst wenn die sozia­lis­ti­schen Ideen aus den end­lo­sen volks­wirt­schaft­li­chen und phil­an­thro­pi­schen Erör­te­run­gen … los­ge­schält und in nüch­terne Rechts­be­griffe ver­wandelt sind“ (S. III), erst wenn die ganze „natio­nal­öko­no­mi­sche Ver­brä­mung“ (S. 37) besei­tigt ist, kann die „juris­ti­sche Bear­bei­tung des Sozia­lis­mus … die wich­tigste Auf­gabe der Rechts­phi­lo­so­phie unse­rer Zeit“ [S. III] in die Hand genom­men wer­den.

Nun han­delt es sich in den „sozia­lis­ti­schen Ideen“ gerade um volks­wirtschaftliche Ver­hält­nisse, vor allem um das Ver­hält­nis zwi­schen Lohn­arbeit und Kapi­tal, und da sind volks­wirt­schaft­li­che Erör­te­run­gen, so scheint es, doch wohl etwas mehr als bloße los­zu­schä­lende „Ver­brä­mun­gen“. Auch ist die Ökono­mie eine soge­nannte Wis­sen­schaft und oben­drein ein wenig wis­sen­schaft­li­cher als die Rechts­phi­lo­so­phie, weil sie sich mit Tat­sachen beschäf­tigt, nicht, wie die letz­tere, mit blo­ßen Vor­stel­lun­gen. Aber das ist dem Juris­ten von Fach total gleich­gül­tig. Die ökono­mi­schen Unter­suchungen ste­hen ihm auf der­sel­ben Stufe, wie die phil­an­thro­pi­schen De­klamationen. Fiat jus­ti­tia, pereat mun­dus.1

Fer­ner sind die „natio­nal­öko­no­mi­schen Ver­brä­mun­gen“ bei Marx – und diese lie­gen unse­rem Juris­ten am schwers­ten im Magen – nicht bloß ökono­mi­sche Unter­su­chun­gen. Sie sind wesent­lich his­to­risch. Sie wei­sen den Gang der gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung nach, von der feu­da­len Pro­duktionsweise des Mit­tel­al­ters bis auf die heu­tige ent­wi­ckelte kapi­ta­lis­ti­sche, den Unter­gang frü­he­rer Klas­sen und Klas­sen­ge­gen­sätze und die Bil­dung neuer Klas­sen mit neuen Inter­es­sen­ge­gen­sät­zen, die sich unter ande­rem auch in neuen Rechts­for­de­run­gen äußern. Davon scheint auch unse­rem Juris­ten eine leise Ahnung auf­zu­däm­mern, wenn er S. 37 ent­deckt, daß die heu­tige

„Rechts­phi­lo­so­phie … im wesent­li­chen nichts ist, als ein Abbild des his­to­risch über­lieferten Rechts­zu­stan­des“, die man als „die bür­ger­li­che Rechts­phi­lo­so­phie bezeich­nen“ könnte und der sich „in dem Sozia­lis­mus eine Rechts­phi­lo­so­phie der besitz­lo­sen Volks-​​klassen an die Seite gestellt“ hat.

Aber wenn dem so ist, was ist die Ursa­che davon? Woher kom­men denn die „Bür­ger“ und die „besitz­lo­sen Volks­klas­sen“, die jede für sich eine beson­dere, ihrer Klas­sen­lage ent­spre­chende Rechts­phi­lo­so­phie be­sitzen? Aus dem Recht oder aus der ökono­mi­schen Ent­wick­lung? Und sagt uns Marx etwas ande­res, als daß die Rechts­an­schau­un­gen der ein­zel­nen gro­ßen Gesell­schafts­klas­sen sich nach ihrer jedes­ma­li­gen Klas­sen­lage rich­ten? Wie kommt Men­ger unter die Mar­xis­ten?

Doch das ist nur ein Ver­se­hen, eine unfrei­wil­lige Aner­ken­nung der Macht der neuen Theo­rie, die dem stren­gen Juris­ten ent­schlüpft ist und /​496/​ die wir des­halb auch nur regis­trie­ren. Im Gegen­teil, wo unser Mann des Rechts auf sei­nem eige­nen Rechts­bo­den steht, ist er ein Ver­äch­ter der öko­nomischen Geschichte. Das sin­kende Römer­reich ist sein Lieb­lings­bei­spiel.

„Noch nie waren die Pro­duk­ti­ons­mit­tel so zen­tra­li­siert“, erzählt er uns, „wie zu der Zeit, da die Hälfte der afri­ka­ni­schen Pro­vinz sich im Eigen­tum von sechs Per­so­nen be­fand … nie­mals waren die Lei­den der arbei­ten­den Klas­sen grö­ßer, als in der Zeit, wo fast jeder pro­duk­tive Arbei­ter ein Sklave war. Es fehlte damals auch nicht – nament­lich bei den Kir­chen­vä­tern – an hef­ti­gen Kri­ti­ken des beste­hen­den Gesell­schafts­zu­stan­des, die sich mit den bes­ten sozia­lis­ti­schen Schrif­ten der Gegen­wart mes­sen kön­nen, den­noch folgte auf den Sturz des west­rö­mi­schen Rei­ches nicht etwa der Sozia­lis­mus, son­dern – die mit­tel­al­ter­li­che Rechts­ord­nung“ (S. 108). Und warum geschah dies? Weil „der Nation nicht ein kla­res, von aller Über­schweng­lich­keit freies Bild des künf­ti­gen Zustan­des vor­schwebte“.

Herr Men­ger meint, zur Zeit des sin­ken­den Römer­rei­ches seien die ökono­mi­schen Vor­be­din­gun­gen des moder­nen Sozia­lis­mus vor­han­den ge­wesen, nur des­sen juris­ti­sche For­mu­lie­rung fehlte. Des­we­gen kam an Stelle des Sozia­lis­mus der Feu­da­lis­mus, und die mate­ria­lis­ti­sche Geschichts­auffassung ist ad absur­dum geführt!

Was die Juris­ten des sin­ken­den römi­schen Rei­ches so schön in ein Sy­stem gebracht hat­ten, das war nicht das feu­dale, son­dern das römi­sche Recht, das Recht einer Gesell­schaft von Waren­pro­du­zen­ten. Da nach Herrn Men­gers Vor­aus­set­zung die juris­ti­sche Vor­stel­lung die trei­bende Kraft der Ge­schichte ist, so stellt er hier an die römi­schen Juris­ten die unge­heu­er­li­che For­de­rung, sie hät­ten statt des Rechts­sys­tems der beste­hen­den römi­schen Gesell­schaft das gerade Gegen­teil, näm­lich „ein kla­res, von aller Über­schwenglichkeit freies Bild“ eines phan­tas­ti­schen Gesell­schafts­zu­stan­des lie­fern sol­len. Das also ist die Men­ger­sche Rechts­phi­lo­so­phie, ange­wandt auf das römi­sche Recht! Gera­dezu hor­rend ist aber die Behaup­tung Men­gers, daß noch nie die ökono­mi­schen Bedin­gun­gen dem Sozia­lis­mus so gün­stig waren, als zur römi­schen Kai­ser­zeit. Die Sozia­lis­ten, die Men­ger wider­legen will, sehen die Bürg­schaft für den Erfolg des Sozia­lis­mus in der Ent­wick­lung der Pro­duk­tion selbst: Auf der einen Seite wird durch die Ent­wicklung des maschi­nel­len Groß­be­triebs in Indus­trie und Land­wirt­schaft die Pro­duk­tion immer mehr zu einer gesell­schaft­li­chen und die Produktivi­tät der Arbeit eine enorme; dies drängt zur Auf­he­bung der Klassenunter­schiede und zur Über­füh­rung der Waren­pro­duk­tion in Pri­vat­be­trie­ben in die direkte Pro­duk­tion für und durch die Gesell­schaft. Auf der ande­ren Seite erzeugt die moderne Pro­duk­ti­ons­weise die Klasse, wel­che in immer stei­gen­dem Maße die Macht und das Inter­esse erhält, diese Ent­wick­lung tat­säch­lich zu machen, ein freies, arbei­ten­des Pro­le­ta­riat.

Nun ver­glei­che man damit die Zustände des kai­ser­li­chen Rom, wo von maschi­nel­ler Groß­pro­duk­tion weder in Indus­trie noch in Land­wirt­schaft die Rede war. Aller­dings fin­den wir eine Kon­zen­tra­tion des Grundbesit­zes, /​497/​ aber man muß Jurist sein, um das für gleich­be­deu­tend mit der Entwick­lung gesell­schaft­lich betrie­be­ner Arbeit in Groß­be­trie­ben zu hal­ten. Wenn wir Herrn Men­ger drei Bei­spiele von Grund­be­sitz vor­le­gen: einen iri­schen Land­lord, der 50 000 Acres besitzt, die von 5000 Päch­tern in klei­nen Be­trieben von durch­schnitt­lich 10 Acres bewirt­schaf­tet wer­den; einen schot­tischen Land­lord, der 50 000 Acres in Jagd­gründe ver­wan­delt hat, und eine ame­ri­ka­ni­sche Rie­sen­farm von 10 000 Acres, in der in groß­in­dus­tri­el­ler Weise Wei­zen gebaut wird, so wird er erklä­ren, daß in den bei­den ers­ten Fäl­len die Kon­zen­tra­tion der Pro­duk­ti­ons­mit­tel fünf­mal soweit vorgeschrit­ten sei, wie in dem letz­te­ren.

Die Ent­wick­lung der römi­schen Land­wirt­schaft der Kai­ser­zeit führte auf der einen Seite zur Aus­deh­nung der Wei­de­wirt­schaft über unge­heure Stre­cken und zur Ent­völ­ke­rung des Lan­des, auf der ande­ren Seite zur Zer­schlagung der Güter in kleine Pach­ten, wel­che an Kolo­nen abge­ge­ben wur­den, also zu Zwerg­be­trie­ben höri­ger Klein­bau­ern, der Vor­läu­fer der späte­ren Leib­ei­ge­nen, also zu einer Pro­duk­ti­ons­weise, in der die Produktions­weise des Mit­tel­al­ters schon im Keim ent­hal­ten war. Und unter ande­rem schon darum, wer­tes­ter Herr Men­ger, folgte auf die Römer­welt „die mittel­alterliche Rechts­ord­nung“. Wohl gab es zeit­weise in ein­zel­nen Pro­vin­zen auch land­wirt­schaft­li­che Groß­be­triebe, aber nicht Maschi­nen­pro­duk­tion mit freien Arbei­tern, son­dern Plan­ta­gen­wirt­schaft mit Skla­ven, Bar­ba­ren der ver­schie­dens­ten Natio­na­li­tä­ten, die sich oft unter­ein­an­der nicht ver­stan­den. Die­sen gegen­über stan­den die freien Pro­le­ta­rier, aber nicht arbei­tende, son­dern Lum­pen­pro­le­ta­rier. Auf der Arbeit der Pro­le­ta­rier beruht heute in im­mer stei­gen­dem Maße die Gesell­schaft, sie wer­den für deren Bestand immer unent­behr­li­cher; die römi­schen Lum­pen­pro­le­ta­rier waren Para­si­ten, nicht nur ohne Nut­zen, son­dern sogar von Scha­den für die Gesell­schaft und daher ohne durch­grei­fende Macht.

Herrn Men­ger aber erschei­nen die Pro­duk­ti­ons­weise und das Volk noch nie so reif zum Sozia­lis­mus gewe­sen zu sein, als zur Kai­ser­zeit! Man sieht, wel­chen Vor­teil es hat, wenn man sich von ökono­mi­schen „Ver­brä­mun­gen“ mög­lichst ferne hält.

Die Kir­chen­vä­ter wol­len wir ihm schen­ken, da er ver­schweigt, worin deren „Kri­ti­ken des beste­hen­den Gesell­schafts­zu­stan­des“ sich „mit den bes­ten sozia­lis­ti­schen Schrif­ten der Gegen­wart mes­sen kön­nen“. Den Kir­chenvätern ver­dan­ken wir man­che inter­es­sante Mit­tei­lung aus der ver­sinkenden römi­schen Gesell­schaft, aber auf eine Kri­tik der­sel­ben lie­ßen sie sich in der Regel nicht ein, sie begnüg­ten sich damit, sie ein­fach zu ver­donnern und zwar in Aus­drü­cken von einer Hef­tig­keit, der gegen­über die hef­tigste Spra­che moder­ner Sozia­lis­ten und selbst das Geze­ter der Anar­chisten zahm erscheint. Meint Herr Men­ger diese „Über­le­gen­heit“?

Mit der­sel­ben Ver­ach­tung der geschicht­li­chen Tat­sa­chen, die wir eben bemerkt, sagt Men­ger auf S. 2, daß die pri­vi­le­gier­ten Klas­sen ihr Einkom-​​ /​498/​ men ohne per­sön­li­che Gegen­leis­tung an die Gesell­schaft emp­fan­gen. Daß die herr­schen­den Klas­sen im auf­stei­gen­den Ast ihrer Ent­wick­lung sehr be­stimmte soziale Funk­tio­nen zu ver­rich­ten haben und gerade des­we­gen zu herr­schen­den wer­den, ist ihm also gänz­lich unbe­kannt. Wäh­rend die Sozia­listen die zeit­wei­lige geschicht­li­che Berech­ti­gung die­ser Klas­sen aner­ken­nen, erklärt Men­ger hier ihre Aneig­nung des Mehr­pro­dukts für einen Dieb­stahl. Da kann es ihn denn nur wun­dern, wenn er S. 122, 123 fin­det, daß diese Klas­sen täg­lich mehr die Macht ver­lie­ren, ihr Recht auf dies Ein­kom­men zu schüt­zen. Daß diese Macht in der Aus­übung sozia­ler Funk­tio­nen besteht und mit dem Unter­gang die­ser Funk­tio­nen in der wei­te­ren Ent­wick­lung ver­schwin­det, ist die­sem gro­ßen Den­ker ein rei­nes Rät­sel.

Genug. Der Herr Pro­fes­sor gibt sich nun dran, den Sozia­lis­mus rechts­philosophisch zu behan­deln, das heißt, ihn auf ein paar kurze Rechtsfor­meln zurück­zu­füh­ren, auf sozia­lis­ti­sche „Grund­rechte“, eine neue Aus­gabe der Men­schen­rechte fürs 19. Jahr­hun­dert. Sol­che Grund­rechte haben zwar nur „geringe prak­ti­sche Wirk­sam­keit“, sind aber „auf dem wis­sen­schaft­li­chen Gebiet nicht ohne Nut­zen“ als „Schlag­worte“ (S. 5, 6).

Also so weit sind wir bereits her­un­ter­ge­kom­men, daß wir es nur noch mit Schlag­wor­ten zu tun haben. Erst wird der geschicht­li­che Zusam­men­hang und Inhalt der gewal­ti­gen Bewe­gung besei­tigt, um einer blo­ßen „Rechts­philosophie“ Platz zu machen, und dann redu­ziert sich diese Rechtsphilo­sophie auf Schlag­worte, die ein­ge­stan­de­ner­ma­ßen prak­tisch kei­nen Hel­ler wert sind! Das lohnte in der Tat die Mühe.

Der Herr Pro­fes­sor ent­deckt nun, daß der ganze Sozia­lis­mus sich juri­stisch auf drei sol­cher Schlag­worte zurück­füh­ren läßt, auf drei Grund­rechte. Diese sind:

1. das Recht auf den vol­len Arbeits­er­trag,

2. das Recht auf die Exis­tenz,

3. das Recht auf Arbeit.

Das Recht auf Arbeit ist nur eine pro­vi­so­ri­sche For­de­rung, „die erste unbe­hol­fene For­mel, worin sich die revo­lu­tio­nä­ren Ansprü­che des Prole­tariats zusam­men­fas­sen“ (Marx)[465] und gehört also nicht hier­her. Da­gegen ist die For­de­rung der Gleich­heit ver­ges­sen, die den gan­zen französi­schen revo­lu­tio­nä­ren Sozia­lis­mus beherrschte, von Babeuf bis Cabet und Proud­hon, die aber Herr Men­ger schwer­lich juris­tisch wird for­mu­lie­ren kön­nen, trotz­dem oder viel­leicht gerade weil sie die juris­tischste von allen den erwähn­ten ist. Blei­ben als Quint­es­senz nur die mage­ren Sätze 1 und 2, die sich noch dazu wider­spre­chen, was Men­ger auf S. 27 end­lich ent­deckt, was aber kei­nes­wegs ver­hin­dert, daß jedes sozia­lis­ti­sche Sys­tem sich darin bewe­gen muß (S. 6). Es ist aber hand­greif­lich, daß die Ein­zwän­gung der /​499/​ ver­schie­dens­ten sozia­lis­ti­schen Dok­tri­nen der ver­schie­dens­ten Län­der und Ent­wick­lungs­stu­fen in diese zwei „Schlag­worte“ die ganze Dar­stel­lung fäl­schen muß. Die Eigen­tüm­lich­keit jeder ein­zel­nen Dok­trin, die gerade ihre geschicht­li­che Bedeu­tung aus­macht, wird hier nicht nur als neben­säch­lich bei­seite gewor­fen, son­dern, weil vom Schlag­wort abwei­chend und ihm wider­spre­chend, gera­dezu als ein­fach falsch ver­wor­fen.

In der vor­lie­gen­den Schrift wird nur Nr. 1, das Recht auf den vol­len Ar­beitsertrag, behan­delt.

Das Recht des Arbei­ters auf den vol­len Arbeits­er­trag, d.h. jedes einzel­nen Arbei­ters auf sei­nen spe­zi­el­len Arbeits­er­trag ist in die­ser Bestimmt­heit nur Proud­hon­sche Lehre. Ganz ver­schie­den davon ist die For­de­rung, daß die Pro­duk­ti­ons­mit­tel und Pro­dukte der arbei­ten­den Gesamt­heit gehö­ren sol­len. Diese For­de­rung ist kom­mu­nis­tisch und geht, wie Men­ger S. 48 ent­deckt, über die For­de­rung Nr. 1 hin­aus, was ihn in nicht geringe Verlegen­heit setzt. Er muß daher die Kom­mu­nis­ten bald unter Nr. 2 ran­gie­ren, bald das Grund­recht Nr. 1 so lange zer­ren und wen­den, bis er sie dar­un­ter brin­gen kann. Dies geschieht S. 7. Hier wird vor­aus­ge­setzt, daß nach Abschaf­fung der Waren­pro­duk­tion diese den­noch fort­be­steht. Es scheint Herrn Men­ger ganz natür­lich, daß auch in einer sozia­lis­ti­schen Gesell­schaft Tausch­werte, also Waren zum Ver­kauf pro­du­ziert wer­den, und daß die Preise der Arbeit fort­be­ste­hen, daß also die Arbeits­kraft nach wie vor als Ware ver­kauft wird. Die ein­zige Frage, um die es sich ihm dabei han­delt, ist die, ob die his­to­risch über­lie­fer­ten Preise der Arbeit in der sozialisti­schen Gesell­schaft mit einem Auf­schlag auf­recht­er­hal­ten blei­ben, oder ob „eine völ­lig neue Bestim­mung der Arbeits­preise“ ein­tre­ten soll. Letz­tere würde nach sei­ner Ansicht die Gesell­schaft noch mehr erschüt­tern als die Ein­füh­rung der sozia­lis­ti­schen Gesell­schafts­ord­nung selbst! Diese Begriffs­verwirrung ist begreif­lich, da unser Gelehr­ter S. 94 von einer sozia­lis­ti­schen Wert­theo­rie spricht, sich also nach bekann­ten Mus­tern ein­bil­det, die Marx­sche Wert­theo­rie solle den Ver­tei­lungs­maß­stab der künf­ti­gen Gesell­schaft abge­ben. Ja, S. 56 wird erzählt, der volle Arbeits­er­trag sei gar nichts Be­stimmtes, da er nach wenigs­tens drei ver­schie­de­nen Maß­stä­ben berech­net wer­den könne, und end­lich S. 161, 162 erfah­ren wir, daß er das „natür­li­che Ver­tei­lungs­prin­zip“ und nur mög­lich sei in einer Gesell­schaft mit Gemein­eigentum, aber mit Son­der­nut­zung, also einer Gesell­schaft, die heute von kei­nem ein­zi­gen Sozia­lis­ten als End­ziel hin­ge­stellt wird! Ein treff­li­ches Grund­recht! Und ein treff­li­cher Rechts­phi­lo­soph der Arbei­ter­klasse!

Hier­mit hat es sich Men­ger leicht gemacht, die Geschichte des Sozialis­mus „kri­tisch“ dar­zu­stel­len. Drei Worte nenn’ ich Euch inhalts­schwer, und wenn sie auch nicht gehen von Mund zu Munde[466], so sind sie doch voll­stän­dig genü­gend für das Matu­ri­täts­ex­amen, das hier mit den Sozia­listen ange­stellt wird. Also her, Saint-​​Simon, her, Proud­hon, her, Marx, und wie ihr alle heißt: Schwört ihr auf Nr. 1, oder Nr. 2, oder Nr. 3? Her­ein in /​500/​ mein Pro­krus­tes­bett, und was dar­über hin­aus reicht, hau’ ich ab als national-​​ökonomische und phil­an­thro­pi­sche Ver­brä­mun­gen!

Es kommt hier nur dar­auf an, bei wem sich diese drei dem Sozia­lis­mus von Men­ger auf­ok­troy­ier­ten Grund­rechte zuerst vor­fin­den; wer zuerst eine die­ser For­meln auf­stellt, der ist der große Mann. Daß es dabei ohne lächer­liche Böcke nicht abgeht, trotz des gelehrt tuen­den Appa­rats, ist begreif­lich. So glaubt er, daß bei den Saint-​​Simonisten die oisifs die besit­zen­den und die tra­vail­leurs die arbei­ten­den Klas­sen bedeu­ten (S.67) und zwar im Titel der saint-​​simonistischen Schrift: „Les oisifs et les tra­vail­leurs. – Fer­ma­ges loy­ers, inté­rêts, salai­res“[467] (die Müßig­gän­ger und die Arbei­ter. – Pacht, Miete, Zins, Lohn), wo ihn schon die Abwe­sen­heit des Pro­fits eines Besse­ren beleh­ren sollte. Auf der­sel­ben Seite zitiert Men­ger selbst eine ent­scheidende Stelle aus dem „Globe“, dem Organ des Saint-​​Simonismus, in der neben den Gelehr­ten und Künst­lern die indus­tri­els, d.h. die Fabrikan­ten im Gegen­satz zu den oisifs als Wohl­tä­ter der Mensch­heit geprie­sen wer­den, und wo nur die Abschaf­fung des Tri­buts an die oisifs ver­langt wird, das heißt, an die Ren­tiers, die­je­ni­gen, wel­che Pacht, Miete, Zins bezie­hen. Der Pro­fit ist in die­ser Auf­zäh­lung aber­mals aus­ge­schlos­sen. Der Fabri­kant nimmt im saint-​​simonistischen Sys­tem eine her­vor­ra­gende Stel­lung ein als mäch­ti­ger und wohl­be­zahl­ter gesell­schaft­li­cher Agent, und Herr Men­ger täte wohl daran, diese Stel­lung näher zu stu­die­ren, ehe er sie fer­ner­hin rechts­phi­lo­so­phisch ver­ar­bei­tet.

Auf Seite 73 hören wir, Proud­hon habe in den „Con­tra­dic­tions écono­mi­ques“[468], „aller­dings ziem­lich dun­kel, eine neue Lösung des sozia­len Pro­blems“ bei bei­be­hal­te­ner Waren­pro­duk­tion und Kon­kur­renz verspro­chen. Was dem Herrn Pro­fes­sor 1886 noch ziem­lich dun­kel, hat Marx schon 1847 durch­schaut, als etwas Altes nach­ge­wie­sen und Proud­hon den Bank­rott vor­her­sa­gen gekonnt, den die­ser 1849 erlebte.[469]

Doch genug. Alles was wir bis­her behan­delt, ist ja nur Neben­sa­che für Herrn Men­ger und auch für sein Publi­kum. Hätte er nur eine Geschichte des Rechts Nr. l geschrie­ben, seine Schrift wäre spur­los vor­über­ge­gan­gen. Diese Geschichte ist bloß Vor­wand der Schrift, ihr Zweck ist der, Marx her­un­ter­zu­rei­ßen. Und nur, weil sie von Marx han­delt, wird sie gele­sen. Es geht schon seit lan­gem nicht mehr so leicht, ihn zu kri­ti­sie­ren, seit­dem das Ver­ständ­nis sei­nes Sys­tems in wei­tere Kreise gedrun­gen ist und der Kriti­ker nicht mehr auf die Unwis­sen­heit des Publi­kums spe­ku­lie­ren kann. Nur eines bleibt noch übrig: Um Marx her­un­ter­zu­set­zen, schiebt man seine Leis­tun­gen ande­ren Sozia­lis­ten zu, um die sich kein Mensch küm­mert, die vom Schau­platz ver­schwun­den sind, die keine poli­ti­sche und wissenschaft­liche Bedeu­tung mehr haben. Auf diese Weise hofft man, mit dem Begrün­der der pro­le­ta­ri­schen Welt­an­schau­ung und die­ser selbst fer­tig zu wer­den. Herr Men­ger hat es unter­nom­men. Man ist nicht Pro­fes­sor für die Katze. Man will auch etwas leis­ten. /​501/​ Die Sache macht sich sehr ein­fach.

Die gegen­wär­tige Gesell­schafts­ord­nung gibt dem Grund­ei­gen­tü­mer und Kapi­ta­lis­ten ein „Recht“ auf einen Teil – den größ­ten – des vom Ar­beiter erzeug­ten Pro­dukts. Grund­recht Nr. 1 sagt, daß dies Recht ein Un­recht ist und dem Arbei­ter der ganze Arbeits­er­trag gebühre. Damit ist der ganze Inhalt des Sozia­lis­mus erle­digt, soweit nicht Grund­recht Nr. 2 in Frage kommt. Wer also zuerst gesagt hat, daß das heu­tige Recht der In­haber der Erde und ande­rer Pro­duk­ti­ons­mit­tel auf einen Teil des Arbeits­ertrages ein Unrecht ist, der ist der große Mann, der Grün­der des „wissen­schaftlichen“ Sozia­lis­mus! Und das waren God­win, Hall und Thomp­son. Nach Weg­las­sung sämt­li­cher end­lo­sen volks­wirt­schaft­li­chen Ver­brä­mun­gen fin­det Men­ger bei Marx als juris­ti­schen Rück­stand nur diese selbe Behaup­tung. Folg­lich hat Marx die alten Eng­län­der, nament­lich Thomp­son, abgeschrie­ben und seine Quelle sorg­fäl­tig ver­schwie­gen. Der Beweis ist erbracht.

Wir geben jeden Ver­such auf, dem ver­bohr­ten Juris­ten begreif­lich zu machen, daß Marx nir­gends die For­de­rung des „Rechts auf den vol­len Arbeits­ertrag“ stellt, daß er in sei­nen theo­re­ti­schen Schrif­ten über­haupt keine Rechts­for­de­rung irgend­ei­ner Art auf­stellt. Selbst unse­rem Juris­ten däm­mert eine ent­fernte Ahnung davon auf, wenn er Marx vor­wirft, nir­gends „eine gründ­li­che Dar­le­gung des Rechts auf den vol­len Arbeits­er­trag“ (S. 98) zu geben.

In den theo­re­ti­schen Unter­su­chun­gen von Marx kommt das juris­ti­sche Recht, das immer nur die ökono­mi­schen Bedin­gun­gen einer bestimm­ten Ge­sellschaft wider­spie­gelt, nur in ganz sekun­dä­rer Weise in Betracht; dage­gen in ers­ter Linie die geschicht­li­che Berech­ti­gung, die gewisse Zustände, An­eignungsweisen, Gesell­schafts­klas­sen für bestimmte Epo­chen haben, und deren Unter­su­chung jeden in ers­ter Linie inter­es­siert, der in der Geschichte einen zusam­men­hän­gen­den, wenn auch oft durch­kreuz­ten Entwicklungs­gang sieht, nicht aber, wie das 18. Jahr­hun­dert, einen blo­ßen Wust von Tor­heit und Bru­ta­li­tät. Marx begreift die geschicht­li­che Unver­meid­lich­keit, also Berech­ti­gung der anti­ken Skla­ven­hal­ter, der mit­tel­al­ter­li­chen Feudal­herren usw., als Hebel der mensch­li­chen Ent­wick­lung für eine beschränkte Geschichts­pe­riode; er erkennt damit auch die zeit­wei­lige geschicht­li­che Be­rechtigung der Aus­beu­tung, der Aneig­nung des Arbeits­pro­dukts durch andere an; er beweist aber auch gleich­zei­tig, daß diese his­to­ri­sche Berech­tigung jetzt nicht nur ver­schwun­den ist, son­dern daß die Fort­dauer der Aus­beu­tung in irgend­wel­cher Form, statt die gesell­schaft­li­che Ent­wick­lung zu för­dern, sie täg­lich mehr hemmt und in immer hef­ti­gere Kol­li­sio­nen ver­wickelt. Und der Ver­such Men­gers, diese epo­che­ma­chen­den geschicht­lichen Unter­su­chun­gen in sein schma­les, juris­ti­sches Pro­krus­tes­bett zu zwän­gen, beweist nur seine eigene totale Unfä­hig­keit, Dinge zu begrei­fen, die über den alle­rengs­ten juris­ti­schen Hori­zont hin­aus­ge­hen. Sein Grund­recht Nr. 1 exis­tiert für Marx in die­ser For­mu­lie­rung abso­lut nicht.

/​502/​ Aber jetzt kommt’s!

Herr Men­ger hat bei Thomp­son das Wort Mehr­wert, sur­plus value, ent­deckt. Kein Zwei­fel, Thomp­son ist also der Ent­de­cker des Mehr­werts Marx nur ein elen­der Pla­gia­tor:

„Man wird in die­sen Ansich­ten Thomp­sons sofort den Gedan­ken­gang, ja sogar die Aus­drucks­weise erken­nen, die sich spä­ter bei so vie­len Sozia­lis­ten, nament­lich auch bei Marx und Rod­ber­tus wie­der­fin­den“ (S. 53).

Thomp­son ist also unleug­bar der „her­vor­ra­gendste Begrün­der des wis­senschaftlichen SoziaI­is­mus“ (S. 49). Und worin besteht die­ser wissenschaft­liche Sozia­lis­mus?

Die Ansicht, „daß Grund­rente und Kapi­tal­ge­winn Abzüge sind, wel­che die Grund-​​ und Kapi­tal­ei­gen­tü­mer von dem vol­len Arbeits­er­trag machen, ist kei­nes­wegs dem So­zialismus eigen­tüm­lich, da man­che Ver­tre­ter der bür­ger­li­chen Natio­nal­öko­no­mie, z.B. Adam Smith, von der glei­chen Mei­nung aus­ge­hen. Thomp­son und seine Nach­fol­ger sind nur inso­fern ori­gi­nell, daß sie Grund­rente und Kapi­tal­ge­winn als unrecht­mä­ßige Abzüge betrach­ten, wel­che mit dem Recht des Arbei­ters auf den vol­len Arbeits­er­trag im Wider­spruch ste­hen“ (S. 53, 54).

Der wis­sen­schaft­li­che Sozia­lis­mus besteht also nicht darin, eine ökono­mische Tat­sa­che zu ent­de­cken, das hat­ten nach Men­ger die Ökono­men vor ihm schon besorgt, son­dern ein­fach darin, sie für unrecht­mä­ßig zu erklä­ren. Das ist Herrn Men­gers Ansicht davon. Wenn die Sozia­lis­ten es sich in der Tat so leicht gemacht hät­ten, so hät­ten sie längst ein­pa­cken kön­nen und Herrn Men­gers rechts­phi­lo­so­phi­sche Bla­mage wäre ihm erspart wor­den. Aber so geht es, wenn man eine welt­ge­schicht­li­che Bewe­gung auf juristi­sche Schlag­worte redu­ziert, die man in der Wes­ten­ta­sche unter­brin­gen kann.

Aber der dem Thomp­son gestoh­lene Mehr­wert? Damit ver­hält es sich wie folgt:

Thomp­son unter­sucht in sei­ner „Inquiry into the Prin­ci­ples of Distribu­tion of Wealth“ etc. Kap. 1, Sekt. 15, „wel­chen Ver­hält­nis­teil ihres Arbeits­pro­dukts sol­len die Arbei­ter“ („ought“, wört­lich „schul­dig sein“, also „sol­len von Rechts wegen“) „die Arbei­ter bezah­len für den, Kapi­tal genann­ten, Arti­kel an die Besit­zer des­sel­ben, genannt Kapi­ta­lis­ten“? Die Kapita­listen sagen, daß „ohne dies Kapi­tal, ohne Maschi­ne­rie, Roh­stoffe etc. die bloße Arbeit unpro­duk­tiv sein würde, und daß es des­halb nur gerecht ist, daß der Arbei­ter für des­sen Benüt­zung etwas bezahlt“. Und Thomp­son fährt fort: „Zwei­fel­los muß der Arbei­ter für den Gebrauch des­sel­ben etwas bezah­len, wenn er so unglück­lich ist, es nicht selbst zu besit­zen; die Frage ist, wie­viel vom Pro­dukt sei­ner Arbeit für diese Benüt­zung ab­gezogen wer­den sollte (ought)“ (S. 128 der Par­e­schen Aus­gabe von 1850).

Dies sieht schon gar nicht nach dem „Recht auf den vol­len Arbeits­er­trag“ aus. Im Gegen­teil, Thomp­son fin­det es ganz in der Ord­nung, daß der Ar­beiter einen Teil sei­nes Arbeits­er­trags für die Benüt­zung des geborg­ten Kapi­tals abtritt. Es fragt sich für ihn nur, wie­viel? Und da gibt es „zwei /​503/​ Maß­stäbe, den des Arbei­ters und den des Kapi­ta­lis­ten“. Und was ist der Maß­stab des Arbei­ters?

„Die Zah­lung einer Summe, die den Ver­schleiß des Kapi­tals ersetzt, sei­nen Wert, wenn es ganz kon­su­miert wird, und dazu eine sol­che zusätz­li­che Ver­gü­tung an sei­nen Eigen­tü­mer und Ver­wal­ter (super­in­ten­dent), wie sie die­sen in glei­chem Kom­fort mit den wirk­lich arbei­ten­den (more actively employed) pro­duk­ti­ven Arbei­tern unter­hal­ten würde!“

Das ist nach Thomp­son die For­de­rung des Arbei­ters, und wer hierin nicht sofort „den Gedan­ken­gang, ja sogar die Aus­drucks­weise“ von „Marx wie­der­fin­det“, der fällt bei Herrn Men­ger im rechts­phi­lo­so­phi­schen Exa­men ohne Barm­her­zig­keit durch.

Aber der Mehr­wert, – wo bleibt der Mehr­wert? Geduld, lie­ber Leser, gleich geht’s los.

„Der Maß­stab des Kapi­ta­lis­ten würde der zusätz­li­che Wert sein, den die­selbe Quan­tität Arbeit infolge der Benüt­zung von Maschi­ne­rie oder ande­rem Kapi­tal pro­du­ziert; so daß die­ser ganze Mehr­wert genos­sen würde vom Kapi­ta­lis­ten, von wegen sei­ner über­legenen Intel­li­genz und Geschick­lich­keit, ver­möge deren er sein Kapi­tal auf­ge­häuft und den Arbei­tern es oder sei­nen Gebrauch vor­ge­schos­sen hat“ (Thomp­son, S. 128).

Diese Stelle, buch­stäb­lich genom­men, ist rein unver­ständ­lich. Ohne Pro­duktionsmittel ist keine Pro­duk­tion mög­lich. Die Pro­duk­ti­ons­mit­tel sind aber hier unter­stellt in der Form von Kapi­tal, d.h. im Besitz von Kapita­listen. Pro­du­ziert also der Arbei­ter ohne „Benüt­zung der Maschi­ne­rie oder ande­rem Kapi­tal“, so ver­sucht er das Unmög­li­che, pro­du­ziert eben gar nichts. Pro­du­ziert er aber mit Benut­zung von Kapi­tal, so wäre sein gan­zes Pro­dukt das, was hier Mehr­wert heißt. Sehen wir also wei­ter. Und da läßt Thomp­son den­sel­ben Kapi­ta­lis­ten auf S. 130 sagen:

„Vor der Erfin­dung der Maschi­ne­rie, vor der Errich­tung der Werk­stät­ten und Fa­briken, was war da der Betrag des Pro­dukts, den die unun­ter­stütz­ten Kräfte des Ar­beiters her­vor­brach­ten? Wie hoch die­ser auch immer war, er soll die­sen auch fer­ner­hin genie­ßen … aber der Errich­ter der Gebäude oder der Maschi­ne­rie, oder dem, der diese durch frei­wil­li­gen Tausch erwor­ben hat, ihm soll der ganze Mehr­wert der fabri­zier­ten Waren zufal­len als Beloh­nung“, usw.

Thomp­sons Kapi­ta­list spricht hier nur die all­täg­li­che Illu­sion des Fa­brikanten aus, daß die Arbeits­stunde des mit Hilfe von Maschi­ne­rie usw. pro­du­zie­ren­den Arbei­ters einen grö­ße­ren Wert pro­du­ziere als vor der Er­findung der Maschi­ne­rie die Arbeits­stunde des ein­fa­chen Hand­ar­bei­ters. Diese Ein­bil­dung wird genährt durch den außer­or­dent­li­chen „Mehr­wert“, den der Kapi­ta­list ein­streicht, der mit einer neu­er­fun­de­nen und von ihm und viel­leicht noch ein paar ande­ren Kapi­ta­lis­ten mono­po­li­sier­ten Maschine in ein bis­her der Hand­ar­beit gehö­ren­des Gebiet ein­bricht. Der Preis des Hand­pro­dukts bestimmt hier den Markt­preis des gesam­ten Pro­dukts die­ses Indus­trie­ge­biets; das Maschi­nen­pro­dukt kos­tet viel­leicht nur den vier­ten /​504/​ Teil der Arbeit, läßt also dem Fabri­kan­ten einen „Mehr­wert“ von 300 Pro­zent sei­nes Kos­ten­prei­ses.

Natür­lich macht die Ver­all­ge­mei­ne­rung der neuen Maschine die­ser Art „Mehr­wert“ bald ein Ende; aber dann sieht der Kapi­ta­list, daß in dem Maß, wie das Maschi­nen­pro­dukt den Markt­preis bestimmt, und die­ser Preis mehr und mehr auf den wirk­li­chen Wert des Maschi­nen­pro­dukts herab­sinkt, der Preis des Hand­pro­dukts eben­falls sinkt und damit unter sei­nen frü­he­ren Wert her­ab­ge­drückt wird, daß also die Maschi­nen­ar­beit gegen­über der Hand­ar­beit immer noch einen gewis­sen „Mehr­wert“ pro­du­ziert. Diese ganz gewöhn­li­che Selbst­täu­schung legt Thomp­son hier sei­nem Fabri­kanten in den Mund. Wie wenig er selbst sie aber teilt, sagt er unmit­tel­bar vor­her, auf S. 127, aus­drück­lich:

„Die Roh­stoffe, die Gebäude, der Arbeits­lohn, sie alle kön­nen ihrem eige­nen Wert nichts hin­zu­fü­gen; der zusätz­li­che Wert kommt her von der Arbeit allein.“

Wobei wir unsere Leser um Ent­schul­di­gung bit­ten, wenn wir zu Nutz und From­men aus­schließ­lich des Herrn Men­ger hier noch extra fest­stel­len, daß auch die­ser „zusätz­li­che Wert“ Thomp­sons kei­nes­wegs der Marx­sche Mehr­wert ist, son­dern der ganze, dem Roh­stoff durch die Arbeit zuge­setzte Wert, also die Summe vom Wert der Arbeits­kraft und Mehr­wert im Marx­schen Sinne.

Jetzt erst, nach die­ser unum­gäng­li­chen „volks­wirt­schaft­li­chen Verbrä­mung“, kön­nen wir die Kühn­heit des Herrn Men­ger voll­stän­dig wür­di­gen, mit der er S. 53 sagt:

„Nach der Ansicht Thomp­sons … betrach­ten die Kapi­ta­lis­ten …jene Dif­fe­renz zwi­schen der Lebens­not­durft des Arbei­ters und dem wirk­li­chen Ertrag ihrer durch Ma­schinen und andere Kapi­tal­auf­wen­dun­gen pro­duk­ti­ver gewor­de­nen Arbeit als einen Mehr­wert (sur­plus value, addi­tio­nal value), der den Grund-​​ und Kapi­tal­ei­gen­tü­mern zuzu­fal­len hat.“

Das soll die deut­sche „freie“ Wie­der­gabe der von uns oben ange­führ­ten Stelle Thomp­sons S. 128 sein. Bei Thomp­sons Kapi­ta­lis­ten ist aber ein­zig die Rede von der Dif­fe­renz zwi­schen dem Pro­dukt der­sel­ben Arbeits­menge (the same quan­tity of labour), je nach­dem sie mit Benüt­zung von Kapi­tal und ohne Benüt­zung von Kapi­tal arbei­tet, der Dif­fe­renz zwi­schen dem Pro­dukt einer glei­chen Menge von Hand­ar­beit und Maschi­nen­ar­beit. Die „Lebens­not­durft des Arbei­ters“ kann Herr Men­ger nur hin­ein­schmug­geln, indem er Thomp­son direkt fälscht.

Kon­sta­tie­ren wir also: Der „Mehr­wert“ des Thomp­son­schen Kapita­listen ist nicht der „Mehr­wert“ oder „zusätz­li­che Wert“ Thomp­sons; noch viel weni­ger ist einer der bei­den der „Mehr­wert“ des Herrn Men­ger; und am aller­we­nigs­ten ist einer von allen dreien der „Mehr­wert“ von Marx.

Das geniert Herrn Men­ger aber nicht im min­des­ten. Er fährt fort S. 53: /​505/​

„Grund­rente und Kapi­tal­ge­winn sind des­halb nichts ande­res als Abzüge, wel­che der Grund-​​ und Kapi­tal­ei­gen­tü­mer ver­möge sei­ner gesetz­li­chen Macht­stel­lung von dem vol­len Arbeits­er­trage zum Nach­teile des Arbei­ters zu machen in der Lage ist“ – ein Satz, der sei­nem gan­zen Inhalt nach schon in Adam Smith ent­hal­ten ist – und ruft dann tri­um­phie­rend aus: „Man wird in die­sen Ansich­ten Thomp­sons sofort den Ge­dankengang, ja sogar die Aus­drucks­weise wie­der­er­ken­nen, die sich spä­ter bei so vie­len Sozia­lis­ten, nament­lich auch bei Marx und Rod­ber­tus wie­der­fin­det.“

Mit ande­ren Wor­ten: Herr Men­ger hat bei Thomp­son das Wort sur­plus value (auch addi­tio­nal value), Mehr­wert, ent­deckt, wobei er nur ver­mit­telst einer direk­ten Unter­schie­bung ver­heim­li­chen kann, daß sur­plus value oder addi­tio­nal value bei Thomp­son in zwei unter sich total ver­schie­de­nen Be­deutungen vor­kommt, die beide wie­der total ver­schie­den sind von dem Sinn, worin Marx das Wort Mehr­wert gebraucht.

Das ist der ganze Inhalt sei­ner gewal­ti­gen Ent­de­ckung! Welch kläg­li­ches Ergeb­nis gegen­über der pom­phaf­ten Ankün­di­gung der Vor­rede:

„Ich werde in die­ser Schrift den Nach­weis füh­ren, daß Marx und Rod­ber­tus ihre wich­tigs­ten sozia­lis­ti­schen Theo­rien älte­ren eng­li­schen und fran­zö­si­schen Theo­re­ti­kern ent­lehnt haben, ohne die Quel­len ihrer Ansich­ten zu nen­nen.“

Wie trau­rig hinkt jetzt der Ver­gleich ein­her, der die­sem Satz vorher­geht:

„Wenn jemand drei­ßig Jahre nach dem Erschei­nen von Adam Smiths Werk über den Natio­nal­reich­tum die Lehre von der Arbeits­tei­lung wie­der ‚ent­deckt’ hätte oder wenn heute ein Schrift­stel­ler die Ent­wick­lungs­theo­rie Dar­wins als sein geis­ti­ges Eigen­tum vor­tra­gen wollte, so würde man ihn für einen Igno­ran­ten oder für einen Schar­la­tan hal­ten. Nur auf dem Gebiete der Sozi­al­wis­sen­schaft, wel­che eben einer geschicht­li­chen Tra­di­tion noch fast völ­lig ent­behrt, sind erfolg­rei­che Ver­su­che die­ser Art denk­bar.“

Wir wol­len hier abse­hen davon, daß Men­ger immer noch glaubt, Adam Smith habe die Tei­lung der Arbeit „ent­deckt“, wäh­rend schon Petty die­sen Punkt acht­zig Jahre vor Smith voll­stän­dig ent­wi­ckelt hatte. Das in bezug auf Dar­win von Men­ger Gesagte dreht sich aber jetzt eini­ger­ma­ßen um. Der ioni­sche Phi­lo­soph Ana­xi­man­der stellte bereits im sechs­ten Jahr­hun­dert vor unse­rer Zeit­rech­nung die Ansicht auf, daß der Mensch sich aus einem Fisch ent­wi­ckelt habe, und wie bekannt, ist dies auch die Ansicht der heuti­gen evo­lu­tio­nis­ti­schen Natur­wis­sen­schaft. Wenn nun jemand auf­tre­ten wollte und erklä­ren, hier sei bereits der Gedan­ken­gang und sogar die Aus­drucksweise Dar­wins zu erken­nen, und Dar­win sei nichts als ein Pla­gia­tor des Ana­xi­man­der, habe aber sorg­fäl­tig seine Quelle ver­heim­licht, so würde er in bezug auf Dar­win und Ana­xi­man­der gerade so ver­fah­ren, wie Herr Men­ger in bezug auf Marx und Thomp­son wirk­lich ver­fährt. Der Herr Pro­fes­sor hat recht: „Nur auf dem Gebiete der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten“ darf man auf jene Unwis­sen­heit rech­nen, wel­che „erfolg­rei­che Ver­su­che die­ser Art denk­bar“ macht. /​506/​

Da er aber auf das Wört­chen „Mehr­wert“ sol­chen Nach­druck legt einer­lei, wel­cher Begriff damit ver­bun­den wird, sei dem gro­ßen Ken­ner der sozia­lis­ti­schen und ökono­mi­schen Lite­ra­tur das Geheim­nis ver­ra­ten, das nicht nur bei Ricardo schon das Wort sur­plus pro­duce1 vor­kommt (im Ka­pitel über den Arbeits­lohn[470]), son­dern daß auch neben dem von Sis­mondi gebrauch­ten mieux-​​value2 der Aus­druck plus-​​value für jeden Wert­auf­schlag, der dem Waren­be­sit­zer nichts kos­tet, in Frank­reich seit Menschen­gedenken im gewöhn­li­chen Geschäfts­le­ben gang und gäbe ist. Hier­nach dürfte es frag­lich erschei­nen, ob die von Men­ger voll­zo­gene Ent­de­ckung der Ent­de­ckung des Mehr­werts durch Thomp­son oder viel­mehr durch den Thomp­son­schen Kapi­ta­lis­ten auch nur in der Rechts­phi­lo­so­phie Gel­tung erhal­ten wird.

Herr Men­ger ist aber noch lange nicht mit Marx fer­tig. Man höre:

„Es ist cha­rak­te­ris­tisch, daß Marx und Engels die­ses Fun­da­men­tal­werk des eng­li­schen Sozia­lis­mus“ (näm­lich Thomp­son) „seit vier­zig Jah­ren falsch zitie­ren (S.50).

Nicht genug, daß Marx diese seine geheime Ege­ria seit vier­zig Jah­ren tot­schweigt, er muß sie auch noch falsch zitie­ren! Und nicht nur ein­mal, son­dern seit vier­zig Jah­ren. Und nicht nur Marx, son­dern auch Engels! Wel­cher gehäufte Vor­be­dacht der Ver­rucht­heit! Armer Lujo Bren­tano, der Du seit zwan­zig Jah­ren ver­geb­lich auf der Suche bist nach einem ein­zi­gen fal­schen Zitat von Marx und Dir auf die­ser Hetz­jagd nicht nur selbst die Fin­ger ver­brannt, son­dern auch Dei­nen leicht­gläu­bi­gen Freund Sedley-​​Taylor in Cam­bridge ins Unglück gebracht hast[471] – hänge Dich, Lujo, daß Du das nicht erfun­den hast. Und worin besteht diese hor­rende, vier­zig Jahre lang hart­nä­ckig fort­ge­setzte und oben­drein „cha­rak­te­ris­ti­sche“ Fäl­schung, die des fer­ne­ren durch die bös­wil­lige eben­falls vier­zig­jäh­rige Mit­wirkung von Engels den Cha­rak­ter eines dolo­sen Kom­plotts annimmt?

„… falsch zitie­ren, indem sie das erste Erschei­nen des­sel­ben in das Jahr 1827 set­zen!

Und das Buch war schon 1824 erschie­nen!

„Cha­rak­te­ris­tisch“ in der Tat – für Herrn Men­ger. Das ist jedoch bei wei­tem nicht das ein­zige – auf­ge­paßt, Lujo! – nicht das ein­zige fal­sche Zi­tat von Marx und Engels, die das fal­sche Zitie­ren gewerbs­mä­ßig – viel­leicht auch im Umher­zie­hen? – zu betrei­ben schei­nen. In der „Misère de la phi­lo­so­phie“, die 1847 erschien, hat Marx Hodgs­kin mit Hop­kins ver­wech­selt, und vier­zig Jahre nach­her (unter vier­zig Jah­ren tun es diese bos­haf­ten Men­schen nun ein­mal nicht) ver­bricht Engels das­selbe in der Vor­rede zur deut­schen Über­set­zung der „Misère“.[472] Bei die­sem sei­nen Fein­ge­fühl für Druck-​​ und Schreib­feh­ler ist es in der Tat ein Ver­lust für die Mensch­heit, daß der Herr Pro­fes­sor nicht Kor­rek­tor in einer Dru­cke­rei gewor­den ist. Doch nein, wir müs­sen dies Kom­pli­ment wie­der zurück­neh­men. Herr /​507/​ Men­ger ist auch zum Kor­rek­tor nicht zu gebrau­chen, denn auch er schreibt falsch ab, zitiert also falsch. Dies pas­siert ihm nicht nur mit eng­li­schen, son­dern auch mit deut­schen Titeln. So weist er z.B. auf „Engels’ Über­set­zung die­ser Schrift“, näm­lich der „Misère“, hin. Engels hat laut Titel­blatt der Schrift die Über­set­zung nicht gemacht. Die Stelle von Marx mit Hop­kins zitiert Engels in der betref­fen­den Vor­rede wört­lich, er war also ver­pflich­tet, den Irr­tum mit­zu­zi­tie­ren, wenn er Marx nicht falsch zitie­ren wollte. Aber diese Leute kön­nen es ein­mal Herrn Men­ger nicht recht machen.

Doch genug mit dem Klei­nig­keits­kram, in dem unser Rechts­phi­lo­soph sich mit sol­chem Beha­gen umher­treibt. Es ist „cha­rak­te­ris­tisch“ für den Mann und seine ganze Sorte, daß er, der diese ganze Lite­ra­tur über­haupt nur aus Marx ken­nen­ge­lernt hat – er zitiert kei­nen ein­zi­gen eng­li­schen, nicht schon von Marx zitier­ten Schrift­stel­ler, außer etwa Hall und welt­bekannten Leu­ten wie God­win, den Schwie­ger­va­ter Shel­leys –, daß er sich ver­pflich­tet fühlt, nach­zu­wei­sen, daß er zwei oder drei Bücher mehr kennt als Marx „vor vier­zig Jah­ren“, im Jahre 1847. Wer mit den Titeln allein der von Marx ange­führ­ten Werke in der Tasche und mit den jet­zi­gen Hilfs­quellen und Bequem­lich­kei­ten des Bri­ti­schen Muse­ums keine andere Ent­deckung in die­ser Bran­che zu machen ver­steht, als daß Thomp­sons „Distri­bution“ 1824 erschie­nen ist und nicht 1827, der braucht mit bibliographi­scher Gelehr­sam­keit wahr­haf­tig nicht zu renom­mie­ren.

Was von man­chem ande­ren Sozi­al­re­for­mer unse­rer Zeit, das gilt auch von Herrn Men­ger: Große Worte und nich­tige – wenn über­haupt wel­che – Taten. Der Nach­weis wird ver­spro­chen, daß Marx ein Pla­gia­tor, und be­wiesen, daß ein Wort, der „Mehr­wert“, schon vor Marx, wenn auch in an­derem Sinne gebraucht wor­den!

So geht es auch mit dem juris­ti­schen Sozia­lis­mus des Herrn Men­ger. Im Vor­wort erklärt Herr Men­ger, daß er in der „juris­ti­schen Bear­bei­tung des Sozia­lis­mus“ die „wich­tigste Auf­gabe der Rechtsphilo­sophie unse­rer Zeit erbli­cke. „Ihre rich­tige Lösung wird wesent­lich dazu bei­tra­gen, daß sich die uner­läß­li­chen Abän­de­run­gen unse­rer Rechts­ord­nung im Wege einer fried­lichen Reform voll­zie­hen. Erst wenn die sozia­lis­ti­schen Ideen in nüch­terne Rechts­be­griffe ver­wan­delt sind, wer­den die prak­ti­schen Staats­män­ner zu erken­nen imstande sein, wie weit die gel­tende Rechts­ord­nung im Inter­esse der lei­den­den Volks­masse um­zubilden ist.“

Er will sich an diese Umwand­lung machen durch Dar­stel­lung des Sozia­lismus als eines Rechts­sys­tems.

Und wor­auf läuft diese juris­ti­sche Bear­bei­tung des Sozia­lis­mus hin­aus? In den „Schluß­be­mer­kun­gen“ heißt es:

„Das unter­liegt wohl kei­nem Zwei­fel, daß die Aus­bil­dung eines Rechts­sys­tems, wel­ches von die­sen fun­da­men­ta­len Rechts­ideen“ (Grund­recht Nr. 1 und 2) „völ­lig be­herrscht wird, einer fer­nen Zukunft ange­hört (S.163). /​508/​ Was im Vor­wort als die wich­tigste Auf­gabe „unse­rer Zeit“ erscheint, wird zum Schluß einer „fer­nen Zukunft“ zuge­scho­ben.

„Die not­wen­di­gen Ände­run­gen“ (der gel­ten­den Rechts­ord­nung) „wer­den im Wege einer lan­gen his­to­ri­schen Ent­wick­lung erfol­gen, ähnlich wie unsere heu­tige Gesell­schaftsordnung das Feu­dal­sys­tem im Laufe der Jahr­hun­derte so zer­setzt und zer­stört hat, bis es schließ­lich nur eines Ansto­ßes bedurfte, um das­selbe voll­stän­dig zu besei­ti­gen (S. 164).

Sehr schön gesagt, aber wo bleibt da die Rechts­phi­lo­so­phie, wenn die „his­to­ri­sche Ent­wick­lung“ der Gesell­schaft die not­wen­di­gen Ände­run­gen bewirkt? In der Vor­rede sind es die Juris­ten, wel­che der gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung ihren Weg vor­schrei­ben; jetzt, wo der Jurist daran ist, beim Worte genom­men zu wer­den, ver­liert er die Cou­rage und stam­melt etwas von his­to­ri­scher Ent­wick­lung, die alles von selbst macht.

„Strebt nun aber unsere soziale Ent­wick­lung der Ver­wirk­li­chung des Rechts auf den vol­len Arbeits­er­trag oder des Rechts auf Arbeit ent­ge­gen?“

Herr Men­ger erklärt, das nicht zu wis­sen. So schnöde gibt er jetzt seine sozia­lis­ti­schen „Grund­rechte“ preis. Aber wenn diese Grund­rechte nicht imstande sind, einen Hund vom Ofen zu locken, wenn sie nicht die soziale Ent­wick­lung bestim­men und ver­wirk­li­chen, son­dern durch sie bestimmt und ver­wirk­licht wer­den, wozu dann diese Mühe, den gan­zen Sozia­lis­mus auf die Grund­rechte zu redu­zie­ren? Wozu die Mühe, den Sozia­lis­mus sei­ner ökono­mi­schen und his­to­ri­schen „Ver­brä­mun­gen“ zu ent­klei­den, wenn wir hin­ter­drein erfah­ren müs­sen, daß die „Ver­brä­mun­gen“ sei­nen wirk­li­chen Inhalt aus­ma­chen? Warum uns erst zum Schlusse mit­tei­len, daß die ganze Unter­su­chung gar kei­nen Zweck hat, da man das Ziel der sozia­lis­ti­schen Bewe­gung nicht durch die Ver­wand­lung der sozia­lis­ti­schen Ideen in nüch­terne Rechts­be­griffe, son­dern nur durch das Stu­dium der sozia­len Entwick­lung und ihrer trei­ben­den Ursa­chen erken­nen kann?

Herrn Men­gers Weis­heit läuft schließ­lich dar­auf hin­aus, daß er erklärt, wel­che Rich­tung die soziale Ent­wick­lung neh­men werde, könne er nicht sagen, aber eines sei sicher, man solle „die Gebre­chen unse­rer heu­ti­gen sozia­len Ord­nung nicht künst­lich stei­gern“ (S. 166), und er emp­fiehlt zur Er­möglichung der wei­te­ren Erhal­tung die­ser „Gebre­chen“ den – Frei­han­del und die Ver­mei­dung wei­te­ren Schul­den­ma­chens sei­tens des Staats und der Gemein­den!

Diese Rat­schläge sind das ganze greif­bare Resul­tat der mit so viel Lärm und Selbstan­prei­sung auf­tre­ten­den Rechts­phi­lo­so­phie von Men­ger! Schade, daß uns der Herr Pro­fes­sor nicht das Geheim­nis ver­rät, wie die moder­nen Staa­ten und Kom­mu­nen ohne die „Kon­tra­hie­rung von Staats-​​ und Kom­munalschulden“ fer­tig wer­den sol­len. Sollte er dies Geheim­nis besit­zen, so möge er es ja nicht für sich behal­ten. Es würde ihm den Weg „nach oben“ in den Minis­ter­ses­sel noch schnel­ler bah­nen, als seine „rechts­phi­lo­so­phi­schen“ Leis­tun­gen bewir­ken kön­nen.

/​509/​ Wel­che Auf­nahme immer diese an „maß­ge­ben­der Stelle“ fin­den mögen, auf jeden Fall glau­ben wir ver­si­chern zu dür­fen, daß die Sozia­lis­ten der Gegen­wart und Zukunft Herrn Men­ger seine gesam­ten Grund­rechte schen­ken oder auf jeden Ver­such ver­zich­ten, ihm die­sen sei­nen „vol­len Arbeits­er­trag“ strei­tig zu machen.

Damit ist natür­lich nicht gesagt, daß die Sozia­lis­ten dar­auf ver­zich­ten, bestimmte Rechts­for­de­run­gen zu stel­len. Eine aktive sozia­lis­ti­sche Par­tei ist ohne sol­che unmög­lich, wie über­haupt jede poli­ti­sche Par­tei. Die aus den gemein­sa­men Inter­es­sen einer Klasse her­vor­ge­hen­den Ansprü­che kön­nen nur dadurch ver­wirk­licht wer­den, daß diese Klasse die poli­ti­sche Macht er­obert und ihren Ansprü­chen all­ge­meine Gel­tung in Form von Geset­zen ver­schafft. Jede kämp­fende Klasse muß also ihre Ansprü­che in der Gestalt von Rechts­for­de­run­gen in einem Pro­gramm for­mu­lie­ren. Aber die Ansprü­che jeder Klasse wech­seln im Laufe der gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Um­gestaltungen, sie sind in jedem Lande ver­schie­den, je nach sei­nen Eigen­tümlichkeiten und dem Höhe­grad sei­ner sozia­len Ent­wick­lung. Daher sind denn auch die Rechts­for­de­run­gen der ein­zel­nen Par­teien, bei aller Über­einstimmung im End­ziele, nicht zu jeder Zeit und bei jedem Volk völ­lig die glei­chen. Sie sind ein wan­del­ba­res Ele­ment und wer­den von Zeit zu Zeit re­vidiert, wie man das bei den sozia­lis­ti­schen Par­teien der ver­schie­de­nen Län­der beob­ach­ten kann. Bei sol­chen Revi­sio­nen sind es die tat­säch­li­chen Ver­hältnisse, die in Rech­nung gezo­gen wer­den; dage­gen ist es noch kei­ner der beste­hen­den sozia­lis­ti­schen Par­teien ein­ge­fal­len, aus ihrem Pro­gramm eine neue Rechts­phi­lo­so­phie zu machen, und es dürfte ihr auch in der Zukunft nicht ein­fal­len. Wenigs­tens, was Herr Men­ger auf die­sem Gebiete fertig­gebracht hat, ver­mag nur abschre­ckend zu wir­ken.

Das ist die ein­zige brauch­bare Seite an sei­nem Schrift­chen.

/​617 /​ […]
[464] Den Arti­kel „Juristen-​​Sozialismus hatte Engels im Okto­ber 1886 als Ant­wort auf das Buch „Das Recht auf den vol­len Arbeits­er­trag in geschicht­li­cher Dar­stel­lung“ des österreichi­schen bür­ger­li­chen Sozio­lo­gen und Juris­ten Anton Men­ger geplant. Men­ger ver­sucht darin nach­zu­wei­sen, daß Marx seine ökono­mi­sche Theo­rie bei den eng­li­schen uto­pi­schen Sozia­lis­ten der Ricar­d­o­schen Schule, ins­be­son­dere bei Thomp­son, ent­lehnt habe. Da Engels über diese Ver­leum­dun­gen sowie über Men­gers Ver­fäl­schung des Wesens der Marx­schen Lehre unmög­lich acht­los hin­weg­ge­hen konnte, wollte er zunächst selbst Men­ger in der Presse zurecht­wei­sen. Da er aber anneh­men mußte, daß sein per­sön­li­ches Auf­tre­ten gegen Men­ger bis zu einem gewis­sen Grade zur Reklame für die­sen selbst in der bür­ger­li­chen Wis­sen­schaft bedeu­tungs­lo­sen Mann benutzt wer­den könnte, hielt er es für ange­brach­ter, in einem redak­tio­nel­len Arti­kel der „Neuen Zeit“ oder in einer von Karl Kau­tsky, dem Redak­teur der Zeit­schrift, ver­öf­fent­lich­ten Rezen­sion zu dem Buche Men­gers die­sem die gebüh­rende Abfuhr zu ertei­len. Engels ver­an­laßte daher Kau­tsky, einen Arti­kel gegen Men­ger zu ver­fas­sen. Engels selbst wollte ursprüng­lich den Haupt­teil dazu schrei­ben, mußte jedoch wegen Krank­heit die begon­nene Arbeit abbre­chen; unter Be­rücksichtigung der Hin­weise von Engels hat Kau­tsky dann den Arti­kel zu Ende geschrie­ben und in der „Neuen Zeit“, Heft 2, 1887, ohne Unter­schrift ver­öf­fent­licht. Erst in dem 1905 her­aus­ge­kom­me­nen Index zu die­ser Zeit­schrift sind Engels und Kau­tsky als Ver­fasser die­ses Arti­kels genannt. Als Arti­kel von Engels erschien die­ser 1904 in fran­zö­si­scher Spra­che in Nr. 132 der Zeit­schrift „Mou­ve­ment socia­liste“. Da die Hand­schrift die­ses Arti­kels nicht auf­zu­fin­den ist und somit nicht fest­ge­stellt wer­den kann, wel­chen Teil des Arti­kels Engels und wel­chen Kau­tsky geschrie­ben hat, wird der Arti­kel im vor­lie­gen­den Band als Bei­lage voll­stän­dig wie­der­ge­ge­ben. 491

[465] Karl Marx, „Die Klas­sen­kämpfe in Frank­reich 1848 bis 1850“ (siehe Band 7 unse­rer Aus­gabe, S. 41/​42). 498

[466] Schil­ler, „Die Worte des Glau­bens“. 499

[467] Unter die­sem Titel erschien am 7. März 1831 im „Le Globe“ einer jener Arti­kel von Barthélemy-​​Prosper Enfan­tin, die in der Zeit vom 28. Novem­ber 1830 bis 18. Juni 1831 im „Le Globe“ gedruckt wor­den waren und 1831 in Paris als Buch unter dem Titel „Eco­no­mie poli­ti­que et poli­ti­que“ erschie­nen.
Le Globe – Tages­zei­tung, die von 1824 bis 1832 in Paris erschien. Vom 18. Januar 1831 an war sie das Organ der saint-​​simonistischen Schule. 500

[468] Proud­hon, „Sys­tème des con­tra­dic­tions écono­mi­ques, ou phi­lo­so­phie de la misère“, T. 1 -2, Paris 1846. 500

/​618/​
[469] Karl Marx, „Das Elend der Phi­lo­so­phie. Ant­wort auf Proud­hons ‚Phi­lo­so­phie des Elends’“ (siehe Band 4 unse­rer Aus­gabe, S. 63-​​182).
Anfang 1849 eröff­nete Proud­hon in der Pari­ser Vor­stadt St. Denis eine sog. Volks­bank. Diese sollte nach den von ihm ent­wi­ckel­ten uto­pi­schen Prin­zi­pien zins­lo­sen Kre­dit ge­währen und die von ihm gepre­digte Zusam­men­ar­beit des Pro­le­ta­ri­ats mit der Bour­geoi­sie ver­wirk­li­chen hel­fen. Bereits nach zwei Mona­ten machte die Bank bank­rott. 500

[470] David Ricardo, „On the prin­ci­ples of poli­ti­cal eco­nomy, and taxa­tion“, Lon­don 1817. S. 90-​​115. 506

[471] In den sieb­zi­ger Jah­ren des 19. Jahr­hun­derts führte der bür­ger­li­che Ökonom Lujo Bren­tano eine ver­leum­de­ri­sche anonyme Kam­pa­gne gegen Marx, in der er ihn der bewuß­ten Fäl­schung eines Zitats aus der Rede Glads­to­nes vom 16. April 1863 beschul­digte. Der betref­fende Satz aus der Rede Glads­to­nes war am 17. April 1863 in den Berich­ten fast aller Lon­do­ner Zei­tun­gen („The Times“, „The Morning Star“, „Daily Tele­graph“ u. a.) über diese Par­la­ments­sit­zung nach­zu­le­sen, wurde aber in Han­sards halb­amt­li­cher Aus­gabe der par­la­men­ta­ri­schen Debat­ten, deren Text der Zen­sur durch die Red­ner selbst unter­wor­fen war, weg­ge­las­sen. In sei­ner Pole­mik beschul­digte Bren­tano hier­auf Marx, der nach dem Zei­tungs­be­richt zitiert hatte, der Fäl­schung und wis­sen­schaft­li­chen Unzu­läng­lich­keit. Marx ant­wor­tete auf diese Ver­leum­dung in zwei Brie­fen an die Redak­tion des „Volks­staats“ vom 23. Mai und 28. Juli 1872 (siehe Band 18 unse­rer Aus­gabe. S. 89-​​92, 108-​​115).
Nach dem Tode von Marx wurde im Novem­ber 1883 die glei­che Beschul­di­gung von dem eng­li­schen bür­ger­li­chen Ökono­men Tay­lor wie­der­holt. Diese Ver­sion einer angeb­lichen Zita­ten­fäl­schung wurde von Elea­nor Marx im Februar und März 1884 in zwei Brie­fen an die Zeit­schrift „To-​​day“ und spä­ter von Engels im Juni 1890 in sei­nem Vor­wort zur vier­ten deut­schen Auf­lage des „Kapi­tals“ (siehe Band 23 unse­rer Aus­gabe, S. 41-​​46) sowie 1891 in sei­ner Bro­schüre „In Sachen Bren­tano con­tra Marx…“ wider­legt. 506

[472] Engels ersetzte in der 1892 erschie­ne­nen zwei­ten deut­schen Auf­lage des „Elends der Phi­lo­so­phie“ den von Marx 1847 ange­führ­ten Namen Hop­kins durch Hodgs­kin und wies in der Vor­be­mer­kung zu die­ser Auf­lage auf die vor­ge­nom­mene Kor­rek­tur hin (siehe Band 4 unse­rer Aus­gabe, S. 569, und Band 22). Die genann­ten Bände brin­gen, ent­spre­chend der
Angabe von Marx in der fran­zö­si­schen Erst­aus­gabe von 1847, den Namen Hop­kins, da in den zwan­zi­ger Jah­ren sowohl von Tho­mas Hop­kins als auch von Tho­mas Hodgs­kin ökono­mi­sche Schrif­ten erschie­nen und Marx in sei­nem Werk nicht den genauen Titel der von ihm erwähn­ten Schrift anführt.
1822 erschien in Lon­don eine von Tho­mas Hop­kins ver­faßte Arbeit „Eco­no­mi­cal enqui­ries rela­tive to the laws which regu­late rent, wages, and the value of money“. 1827 er­schien ein Werk von Tho­mas Hodgs­kin mit dem Titel „Popu­lar poli­ti­cal eco­nomy…“
Engels berich­tigte in der oben­ge­nann­ten Auf­lage eben­falls das in der Erst­aus­gabe von 1847 irr­tüm­lich ange­ge­bene Erschei­nungs­jahr von Thomp­sons Werk. 506

  1. Siehe vorl. Band, S. 302. [zurück]
  2. Dem Gesetz muß ent­spro­chen wer­den, mag dar­über auch die Welt zugrunde gehen. [zurück]
  3. Mehr­pro­dukt [zurück]
  4. Mehr­wert [zurück]
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