Vor­wort

Gen­der Kil­ler? Wollt ihr etwa zurück zum Bio­lo­gis­mus? fragte eine Bekannte ent­setzt, als sie den Titel hörte. Der löste erst­mal Ver­wir­rung aus. Die einen hat­ten sich mit dem Wort gen­der gerade ange­freun­det und waren irri­tiert, es atta­ckiert zu sehen, andere wuß­ten wenig damit anzu­fan­gen. Nicht alle Frauen lesen die glei­chen Bücher.

Die Unter­schei­dung von sex und gen­der, die sich nur annä­hernd mit bio­lo­gi­schem und sozia­lem Geschlecht über­set­zen läßt, spielte in der Frau­en­be­we­gung eine wich­tige Rolle. Femi­nis­tin­nen in den USA grif­fen Anfang der 70er Jahre diese, bereits frü­her schon in For­schun­gen zur Trans­se­xua­li­tät ver­wen­dete Unter­schei­dung auf, um mit ihr bio­lo­gis­ti­sche Zuschrei­bun­gen und Fest­le­gun­gen abzu­wei­sen. In der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Frau­en­be­we­gung war zwar damals nicht von sex und gen­der die Rede, aber die Tak­ti­ken gli­chen sich. Alice Schwar­zers klei­nen Unter­schied mit sei­nen gro­ßen Fol­gen zum Bei­spiel kann man als popu­la­ri­sierte Vari­ante die­ser Unter­schei­dung ver­ste­hen. Um Argu­men­ta­tio­nen abzu­weh­ren, die Frauen zu Gefan­ge­nen und Opfern ihrer Bio­lo­gie erklär­ten, war sie aus­ge­spro­chen nütz­lich. Dem­ent­spre­chend mach­ten viele Femi­nis­tin­nen die weib­li­che Sozia­li­sa­tion bzw. den weib­li­chen Lebens­zu­sam­men­hang als Grund­lage der Unter­drü­ckung aus und erklär­ten das schein­bar Pri­vate zum Poli­ti­schen Haus­ar­beit, Ehe, Fami­lie, Sexua­li­tät und Kin­der­er­zie­hung wur­den so zu öffent­lich umkämpf­ten Fel­dern. Die Situa­tion, in der sich Frauen heute befin­den, ist mit der vor 25 Jah­ren nicht mehr ver­gleich­bar. Nicht zuletzt die Neue Frau­en­be­we­gung ver­än­derte die Lebens­for­men von Frauen und ihre Inter­pre­ta­tio­nen. Vie­les, was frü­her zumin­dest als unge­wöhn­lich, wenn nicht gar als unmög­lich galt, ist heute selbst­ver­ständ­lich. Gleich­zei­tig haben sich aber auch die For­men des Sexis­mus und vor allem ihre Legi­ti­ma­tio­nen gewan­delt. Anti­fe­mi­nis­ti­sche und sexis­ti­sche Argu­men­ta­tio­nen bezie­hen sich heute nicht mehr unbe­dingt auf die bio­lo­gi­sche Infe­rio­ri­tät der Frau oder ähnli­chen Unsinn, auch wenn sol­che Vor­stel­lun­gen nicht ver­schwun­den sind. Weit­aus häu­fi­ger jedoch sind Frauen mit kul­tu­ra­lis­ti­schen Zuschrei­bun­gen kon­fron­tiert, und oft bezie­hen sich diese aus­drück­lich auf femi­nis­ti­sche Inter­pre­ta­tio­nen. Sie neh­men also auf, was in der Frau­en­be­we­gung an Beschrei­bun­gen und Theo­re­ti­sie­run­gen von Weib­lich­keit ent­wi­ckelt wurde. Die The­sen von der natür­li­chen Min­der­wer­tig­keit wur­den so zuneh­mend durch die nicht weni­ger wir­kungs­vol­len The­sen von der Anders­ar­tig­keit und mora­li­schen Höher­wer­tig­keit der Frau ersetzt.

Das soll nicht hei­ßen, daß die sex-​​gender-​​Unterscheidung frü­her ange­mes­sen war, und es nur heute nicht mehr ist. Sie ver­hin­derte schon damals die voll­stän­dige His­to­ri­sie­rung und Poli­ti­sie­rung des Geschlech­ter­be­griffs: gen­der bleibt durch sei­nen bio­lo­gisch bestimm­ten Gegen­part sex an eine ahis­to­ri­sche Kate­go­rie gebun­den. Doch Sexis­mus recht­fer­tigte sich nie allein durch den Bezug auf Bio­lo­gie. Viel­mehr chan­gie­ren die sexis­ti­schen Zuschrei­bun­gen immer schon zwi­schen sex und gen­der. Die sex-​​gender-​​Unterscheidung selbst ist ein­ge­schrie­ben in ein Bezugs­sys­tem binä­rer Oppo­si­tio­nen wie Natur vs. Kul­tur, Kör­per vs. Geist, Natur vs. Gesell­schaft etc. , in dem soziale Macht-​​ und Unter­drü­ckungs­ver­hält­nisse in bio­lo­gi­sche und kul­tu­relle Unter­schiede über­setzt wer­den. Die femi­nis­ti­sche Grenz­zie­hung zwi­schen sex und gen­der ver­hin­dert, Sexis­mus als durch und durch sozia­les Phä­no­men zu fas­sen, das in keins­ter Weise mit irgend­wel­chen Gege­ben­hei­ten zu erklä­ren ist.

Mit der neuen Gender-​​Debatte, wie sie durch die dekon­struk­ti­vis­ti­schen Ansätze aus­ge­löst wurde, scheint sich nun die Rede von der sozia­len Kon­struk­tion Geschlecht durch­ge­setzt zu haben. Doch nicht nur die Exklu­si­vi­tät die­ser Dis­kus­sion, die weit­ge­hend auf intel­lek­tu­elle Zir­kel beschränkt bleibt, zeigt, daß es dabei kaum um ein neues Eman­zi­pa­ti­ons­pro­jekt geht. Die Geschlech­ter­ka­te­go­rie wird hier weni­ger poli­ti­siert als viel­mehr wei­ter auf die Ebene kul­tu­rel­ler Bedeu­tun­gen ver­scho­ben. Gefragt sind indi­vi­du­elle Stra­te­gien des Umgangs mit Zuschrei­bun­gen, wie sie mitt­ler­weile schon fast jede 15jährige beherrscht. Im Prin­zip theo­re­ti­sie­ren die femi­nis­ti­schen Intel­lek­tu­el­len jetzt ledig­lich das, was Madonna per MTV bereits in den 80ern vor­ge­führt hat: Sub­ver­sion durch Affir­ma­tion (frü­her hieß das Lis­ten der Ohn­macht). Einst­wei­len hat die Dekon­struk­tion der Geschlech­ter­ka­te­go­rie die Dis­kus­sio­nen auf die unsin­nige Frage gebracht: Gibt es die Frauen oder gibt es sie nicht?, wäh­rend die sexis­ti­schen Gewalt­ver­hält­nisse weit­ge­hend aus dem Blick­feld gera­ten sind. Als könnte das Zau­ber­wort soziale Kon­struk­tion die Herr­schafts­ver­hält­nisse auf­lö­sen und die Kate­go­rie Frau über­win­den, bevor die Frauen den all­täg­li­chen Sexis­mus zurück­ge­drängt haben.

Femi­nis­mus bewegt sich heute zwi­schen sol­chen aka­de­mi­schen Debat­ten, die zuwei­len auch mal ins Feuille­ton vor­drin­gen, und grund­ge­setz­gläu­bi­ger Frau­en­po­li­tik. Poli­tik heißt hier vor allem das, was im Rah­men der Insti­tu­tio­nen durch­setz­bar scheint, wobei sich die For­de­run­gen oft den vor­ge­ge­be­nen Lösungs­kal­kü­len anpas­sen. Manch­mal gel­ten da schon fünf Frau­en­park­plätze als Errun­gen­schaft. Weit­ge­hend redu­ziert auf seine insti­tu­tio­nelle Bedeu­tung, wonach poli­tisch ist, was in den Insti­tu­tio­nen des Regie­rungs­sys­tems ver­han­delt wird, asso­zi­iert sich der Poli­tik­be­griff heute schnell mit Lob­by­is­mus, Mach­bar­keit oder Sach­zwang. Auto­nome Frau­enzu­sam­men­hänge, die außer­halb die­ser Struk­tu­ren und gegen sie Poli­tik machen, sind sel­ten gewor­den. Gegen­wär­tig gibt es kaum eine femi­nis­ti­sche Öffent­lich­keit jen­seits von Emma und spe­zia­lis­ti­schen Fach­zeit­schrif­ten, die den eta­blier­ten Femi­nis­mus und die Frau­en­po­li­tik kri­ti­sie­ren würde. In die­ser Situa­tion geht es den meis­ten Auto­rin­nen der hier ver­sam­mel­ten Texte zunächst ein­mal darum, über­haupt wie­der einen Raum zu schaf­fen, in dem andere Posi­tio­nen sich ent­wi­ckeln kön­nen.

Wir haben bei der Kon­zep­tion des Ban­des vor allem Frauen ange­spro­chen, die nicht nur ein aka­de­mi­sches Inter­esse am Femi­nis­mus haben und sich auch außer­halb der Uni­ver­si­tät enga­gie­ren, sei es in Migran­tin­nen­grup­pen, in auto­no­men und Antifa-​​Zusammenhängen oder auch in Zeitschriften-​​ und Kunst­pro­jek­ten. Regio­nal begrenzt und weit­ge­hend von­ein­an­der iso­liert, gibt es zwi­schen den Frau­en­pro­jek­ten und den ein­zel­nen, die in ver­schie­de­nen Berei­chen den Beschrän­kun­gen femi­nis­ti­scher Theo­rie und Pra­xis etwas ent­ge­gen­set­zen, kaum einen Aus­tausch. Der Band ist auch ein Ver­such, hier die Kom­mu­ni­ka­tion (wie­der) auf­zu­neh­men.

aus:
Cor­ne­lia Eich­horn /​ Sabine Grimm (Hg.)
Gen­der Kil­ler.
Texte zu Femi­nis­mus und Poli­tik
Edi­tion ID-​​Archiv: Berlin/​Amsterdam, 1994: 1. Auf­lage, 1995: 2. Auf­lage
hier zitiert nach der internet-​​Veröffentlichung unter: http://​www​.nadir​.org/​n​a​d​i​r​/​a​r​c​h​i​v​/​F​e​m​i​n​i​s​m​u​s​/​G​e​n​d​e​r​K​i​l​l​e​r​/​g​e​n​d​e​r​_​1​.html;
vgl. auch meine Rezen­sion in: Das Argu­ment, Nr. 216, 4/​1996, S. 604 – 607

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