Das Anlie­gen

Gegen die exper­to­kra­ti­sche Bevor­mun­dung der Poli­tik.

Und:
Gegen die poli­ti­zis­ti­sche Bevor­mun­dung der Wis­sen­schaf­ten.

Dies setzt eine, wenn man/​frau/​lesbe1 so sagen will, ‚posi­ti­vis­ti­sche’2 Prä­misse vor­aus: Wis­sen­schaft und Poli­tik /​ Erken­nen und Bewer­ten las­sen sich unter­schei­den.
Inso­fern gilt das, was Hel­mut Rid­der spe­zi­ell über den juris­ti­schen Posi­ti­vis­mus und die Erkennt­nis juris­ti­scher Nor­men sagte, ent­spre­chend für jeden Posi­ti­vis­mus und jedes Erkennt­nis­ob­jekt:

„Was vom sog. Posi­ti­vis­mus auf jeden Fall übrig blei­ben muß, ist frei­lich weder für diese noch für irgend­eine andere ein­zelne ‚Methode’ spe­zi­fisch, son­dern uner­läß­li­che Vor­aus­set­zung des Rechts­be­griffs und von Rechts­an­wen­dung über­haupt: Es ist die Bereit­schaft, die Norm­texte zunächst ein­mal hin­zu­neh­men und nicht von vorn­her­ein ver­fäl­schen zu wol­len; […].“3

Der Posi­ti­vis­mus ist also nicht zu kri­ti­sie­ren, weil er einen Anspruch auf objek­tive Erkennt­nisse erhebt, und folg­lich auch nicht durch Par­tei­lich­keit in den Wis­sen­schaf­ten zu erset­zen. Viel­mehr ist er zu kri­ti­sie­ren, weil er den Bereich des Erkenn­ba­ren empi­ri­zis­tisch auf ‚Fak­ten’ ver­engt und Aus­sa­gen über Kau­sa­li­tä­ten und Struk­tu­ren aus dem Bereich des Objek­ti­ven aus­grenzt.

Kehr­seite die­ses ‚posi­ti­vis­ti­schen’ Behar­rens auf einer Unter­schei­dung zwi­schen Poli­tik und Wis­sen­schaf­ten ist, daß Wis­sen­schaft­le­rIn­nen und andere ‚Exper­tIn­nen’ der Poli­tik nicht vor­schrei­ben kön­nen, was ‚sach­lich’ ange­mes­sen ist, was der ‚Natur der Sache’ irgend­ei­nes poli­ti­schen Fel­des ange­mes­sen ist. Was Wis­sen­schaft­le­rIn­nen machen kön­nen ist: Sagen, was ist, ana­ly­sie­ren, auf­grund wel­cher Mecha­nis­men es ent­stan­den ist, und was not­wen­dig wäre, um es zu ver­än­dern, oder was not­wen­dig wäre, um einen bestimm­ten Effekt zu erzie­len.

Die Frage, ob etwas ver­än­dert oder ein bestimm­ter Effekt erzielt wer­den soll, fällt dage­gen nicht in den Zustän­dig­keits­be­reich der Wis­sen­schaf­ten, son­dern in den der Poli­tik – oder viel­leicht noch der Moral oder Ethik, die aber ihrer­seits (anders als die Wis­sen­schaf­ten) nicht für die Unter­schei­dung von Wahr­heit4 einer­seits und Irrtum/​Lüge ande­rer­seits zustän­dig sind, son­dern (kon­tro­verse) Argu­men­ta­tio­nen zur Frage, was rich­tig und falsch bzw. gut oder böse ist, unter­brei­ten.

Trotz die­sem Behar­ren auf dem Unter­schied zwi­schen Poli­tik und Wis­sen­schaf­ten wer­den hier sowohl poli­ti­sche als auch wis­sen­schaft­li­che Texte und sogar ein­zelne Texte, die sowohl wis­sen­schaft­li­che als auch poli­ti­sche Aus­sa­gen ent­hal­ten, prä­sen­tiert. Poli­tik und Wis­sen­schaf­ten las­sen sich zwar unter­schei­den, aber durch­aus nicht immer (oder viel­leicht auch: nur in den sel­tens­ten Fäl­len) tren­nen. Wich­tig ist nur bei jeder ein­zel­nen Aus­sage, daß erkenn­bar ist, ob sie einen Anspruch auf – bewie­sene oder zumin­dest beweis­bare – (wis­sen­schaft­li­che) Wahr­heit oder auf – begrün­dete oder zumin­dest begründ­bare – (poli­ti­sche) Rich­tig­keit ent­hält – oder ob es eine bloße ‚Mei­nung’ (ohne Beweis und ohne Gründe) ist.

Das TrägerIn-​​Subjekt

wurde in West­ber­lin gebo­ren.

stu­dierte Rechts­wis­sen­schaf­ten (bis zur Absol­vie­rung der sei­ner­zei­ti­gen staat­li­chen Zwi­schen­prü­fun­gen) und Poli­tik­wis­sen­schaft (Abschluß: Diplom) an der FU Ber­lin; außer­dem Besuch von sozio­lo­gi­schen und kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen Semi­na­ren an der FU, an der Humboldt-​​Universität, an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Ber­lin sowie der Uni­ver­si­tät Pots­dam; Stu­di­en­schwer­punkte: Poli­ti­sche Theo­rie (Mar­xis­mus, Femi­nis­mus), Rechts­theo­rie und Öffent­li­ches Recht sowie Wis­sen­schafts­theo­rie.

Pro­mo­tion in Gen­der Stu­dies über Geschlechternormen-​​inkonforme Kör­per­in­sze­nie­run­gen.

Seit­dem ver­schie­dene rechts­theo­re­ti­sche For­schungs­pro­jekte.

Neben alle­dem – mit Unter­bre­chun­gen – teils orga­ni­sier­tes, teils publi­zis­ti­sches poli­ti­sches Enga­ge­ment, das hier seine Fort­set­zung fin­det.

  1. S. zu die­ser Schreib­weise bereits den ers­ten Bei­trag Zum Namen und zur Funk­tion von „Theo­rie als Pra­xis“, Abschnitt II. [zurück]
  2. ‚Post­mo­derne’ Ver­äch­te­rIn­nen des Posi­ti­vis­mus seien daran erin­nert, daß Fou­cault sich selbst einen Posi­ti­vis­ten nannte: „Eine dis­kur­sive For­ma­tion zu ana­ly­sie­ren, heißt also, eine Menge von sprach­li­chen Per­form­an­zen auf der Ebene der Aus­sa­gen und der Form der Posi­ti­vi­tät, von der sie cha­rak­te­ri­siert wer­den, zu behan­deln; oder kür­zer: es heißt den Typ von Posi­ti­vi­tät eines Dis­kur­ses zu defi­nie­ren. Wenn man an die Stelle der Suche nach den Tota­li­tä­ten die Ana­lyse der Sel­ten­heit, an die Stelle des The­mas der tran­szen­den­ta­len Begrün­dung die Beschrei­bung der Ver­hält­nisse der Äußer­lich­keit, an die Stelle der Suche nach dem Ursprung die Ana­lyse der Häu­fung stellt, ist man ein Posi­ti­vist, nun gut, ich bin ein glück­li­cher Posi­ti­vist, ich bin sofort damit ein­ver­stan­den.“ (Archäo­lo­gie des Wis­sens, Suhr­kamp: Frankfurt/​Main 1973, 182).
    [zurück]
  3. Die soziale Ord­nung des Grund­ge­set­zes. Leit­fa­den zu den Grund­rech­ten einer demo­kra­ti­schen Ver­fas­sung, West­deut­scher Ver­lag: Opla­den, 1975, 16. [zurück]
  4. Angeb­lich post­mo­derne Ver­äch­te­rIn­nen der Wahr­heit, die in Wirk­lich­keit nur ältere rela­ti­vis­ti­sche wis­sen­schafts­theo­re­ti­sche Posi­tio­nen repro­du­zie­ren, seien daran erin­nert, daß Fou­cault durch­aus nicht die Mög­lich­keit wah­rer Aus­sa­gen bestritt:
    In der Ord­nung des Dis­kur­ses heißt es: „Men­del sagte die Wahr­heit, […].“ (Fischer: Frank­furt am Mai, 1991, 25). Ein paar Zei­len tie­fer schreibt Fou­cault dann noch: „seine [Men­dels] Sätze [konn­ten sich] (zu einem gro­ßen Teil) […] bestä­ti­gen“.
    Und in Frei­heit und Selbst­sorge sagte Fou­cault:
    „[S_​1] […] wenn ich von Macht­be­zie­hun­gen rede, will ich abso­lut nicht sagen, daß die Wahr­heits­spiele, alle wie sie da sind, nur Macht­be­zie­hun­gen wären, […]. [S_2]Man kann bei­spiels­weise zei­gen, daß die Medi­ka­li­sie­rung des Wahn­sinns […] mit […] Macht­prak­ti­ken und Macht­in­sti­tu­tio­nen [ver­bun­den war]. [S_​3] Diese Tat­sa­che [!] [faits] berührt die wis­sen­schaft­li­che Gül­tig­keit oder the­ra­peu­ti­sche Wirk­sam­keit der Psych­ia­trie in kei­ner Weise: Sie garan­tiert sie nicht, aber nimmt sie auch nicht zurück [ne l’annule pas]. [S_​4] Daß zum Bei­spiel die Mathe­ma­tik, natür­lich auf eine ganz andere Weise als die Psych­ia­trie, mit Macht­struk­tu­ren ver­bun­den ist, stimmt auch […]. [S_​5] Das soll nun kei­nes­wegs besa­gen, daß die Mathe­ma­tik ledig­lich ein Spiel der Macht ist, son­dern daß das Macht­spiel der Mathe­ma­tik auf eine bestimmte Art und ohne, daß das ihre Gül­tig­keit in irgend­ei­ner Weise berührt, mit den Spie­len und den Insti­tu­tio­nen der Macht [à des jeux et à des insti­tu­ti­ons de pou­voir] ver­bun­den ist. [S_​6] Selbst­ver­ständ­lich sind in einer gewis­sen Zahl von Fäl­len diese Ver­bin­dun­gen so, daß man die Geschichte der Mathe­ma­tik voll­kom­men schrei­ben kann, ohne dem [= die­ser Ver­bin­dung zur Macht] Rech­nung zu tra­gen, […]. [S_​7] […] es ist klar, daß das in der Mathe­ma­tik mög­li­che Ver­hält­nis von Macht­be­zie­hun­gen und Wahr­heits­spie­len ganz anders ist als das in der Psych­ia­trie. [S_​8] Jeden­falls kann man nicht sagen, daß die Wahr­heits­spiele nichts wei­ter sind als Spiele der Macht.“ (Frei­heit und Selbst­sorge. Gespräch mit Michel Fou­cault am 20. Januar 1984, in: Michel Fou­cault, Frei­heit und Selbst­sorge. Inter­view 1984 und Vor­le­sung 1982 hrsg. von Hel­mut Becker /​ Lothar Wolfstet­ter /​ Alfred Gomez-​​Muller /​ Raúl Fornet-​​Betancourt, Mate­ria­lis: Frank­furt am Main, 2. Auf­lage: 1993 [1. Auf­lage: 1985], S. 7 – 28 [22, 23])
    In der Suhr­kamp Aus­gabe: Michel Fou­cault, Schrif­ten in vier Bände. Dits et Ecrits. Bd. IV, Frank­furt am Main, 2003, S. 895 f. weist die Über­set­zung fol­gende Modi­fi­ka­tio­nen auf:
    ++ Ende des zwei­ten Sat­zes (S_​2): „durch Insti­tu­tio­nen und Prak­ti­ken der Macht bestimmt waren“
    ++ Drit­ter Satz (S_​3): „Die­ser Sach­ver­halt …“
    ++ Vier­ter Satz (S_​4): „Sie garan­tiert sie nicht, aber annul­liert sie ebenso wenig.“
    ++ Fünf­ter Satz (S_​5): „stimmt eben­falls
    ++ Sechs­ter Satz (S_​6): „mit den Insti­tu­tio­nen der Macht“ (ohne „Spiele“)
    ++ Sie­ben­ter Satz (S_​7): „in einer bestimm­ten Zahl“; „voll­stän­dig“ (statt: „voll­kom­men“)
    In der frz. Aus­gabe Dits et Écrits. Tome IV, Galli­mard: Paris, 1994, ste­hen die Zitate auf S. 724 f. [zurück]
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