Neues in Sachen Katalonien

1.

Der kata­la­ni­sche Regie­rungs­chef, Puig­de­mont, hat heute Vor­mit­tag frist­ge­mäß auf die Auf­for­de­rung des spa­ni­schen Pre­mier­mi­nis­ters, Rajoy, geant­wor­tet, klar­zu­stel­len, ob er am ver­gan­ge­nen Diens­tag im kata­la­ni­schen Par­la­ment die Unab­hän­gig­keit Kata­lo­ni­ens erklärt hat – allein auf die ihm gestellte Frage hat Puig­de­mont nicht aus­drück­lich (impli­zit aller­dings schon) geant­wor­tet:

https://​ep00​.epimg​.net/​d​e​s​c​a​r​g​a​b​l​e​s​/​2​0​1​7​/​1​0​/​1​6​/​0​b​b​3​1​4​8​3​7​9​1​d​2​5​9​4​6​b​4​1​7​6​6​1​6​e​e​d​0​1​e​7.pdf

++ Auch wenn Puig­de­monte nicht aus­drück­lich bestrei­tet, die Unab­hän­gig­keit erklärt zu haben, spricht er doch sehr deut­lich von einem blo­ßen „Man­dat“, das mehr als 2 Mil­lio­nen Kata­la­nIn­nen dem Par­la­ment gege­ben haben, die Unab­hän­gig­keit zu erklä­ren.

++ Anmer­kung mei­ner­seits: Daß das Par­la­ment seit dem Refe­ren­dum nichts erklärt hat, liegt auf der Hand. Es hat sich ver­gan­ge­nen Diens­tag nur Reden ange­hört.

++ Und Puig­de­mont spricht außer­dem (als schon beste­hende Tat­sa­che und nicht als blo­ßes Ange­bot für die Zukunft), von einer „Sus­pen­die­rung“ die­ses Man­da­tes, was „unse­ren fes­ten Wil­len eine Lösung zu fin­den und nicht die Kon­fron­ta­tion“ zu suchen, zeige. Sus­pen­diert ist also nicht – die ohne­hin noch nicht erklärte – Unab­hän­gig­keit, son­dern das „Man­dat“, diese künf­tig zu erklä­ren.

Rajoy sei­ner­seits hat bereits 1 1/​2 Stun­den spä­ter eine Rück­ant­wort geschickt und insis­tiert auf eine expli­zite Ant­wort Puig­de­monts auf die gestellte Frage: „Nicht nur die Regie­rung Spa­ni­ens, son­dern auch alle Kata­la­nen haben ein Recht, Gewiß­heit zu erlan­gen, ob Ihre Erklä­rung vom 10. Okto­ber vor dem [kata­la­ni­schen] Par­la­ment oder Ihre anschlie­ßen­den Unter­zeich­nung eines in unbe­stimm­ten Aus­drü­cken gehal­te­nen Doku­ments die Erklä­rung der Unab­hän­gig­keit [Kata­lo­ni­ens] impli­ziert – und zwar unge­ach­tet der Frage, ob sich diese Erklä­rung in Kraft befin­det oder nicht.“ Diese letz­tere For­mu­lie­rung bezieht sich auf Puig­de­monts Rede von einer „Sus­pen­die­rung“ des Man­dats zur Erklä­rung der Unab­hän­gig­keit. Ein jeder „demo­kra­ti­scher Dia­log“ erfor­dere eine vor­he­rige Rück­kehr zu Lega­li­tät – d.h.: die Klar­stel­lung, daß sich Kata­lo­nien nicht ein­sei­tig unter Ver­let­zung von Art. 2 Halb­satz 1 der spa­ni­schen Ver­fas­sung („Die Ver­fas­sung grün­det sich auf die unauf­lös­li­che Ein­heit der spa­ni­schen Nation, gemein­sa­mes und unteil­ba­res Vater­land aller Spa­nier“) für unab­hän­gig erklärt habe.
Eine Ände­rung die­ses Arti­kels schließt Rajoy nicht aus­drück­lich aus – auch wenn seine Bereit­schaft dazu sicher­lich denk­bar gering ist. Aber er lädt Puig­de­mont „erneut ein, ins [spa­ni­sche] Par­la­ment zu kom­men und dort Ihre For­de­run­gen“ dar­zu­le­gen.


https://​ep00​.epimg​.net/​d​e​s​c​a​r​g​a​b​l​e​s​/​2​0​1​7​/​1​0​/​1​6​/​5​c​2​5​7​0​d​0​4​2​8​6​0​f​6​9​c​c​0​a​1​a​3​1​7​c​1​d​d​b​1​5.pdf

2.

Am Nach­mit­tag muß­ten dann vier Per­so­nen vor der Audi­en­cia Nacio­nal (Zen­tral­ge­richt für poli­ti­sche Straf­sa­chen) erschei­nen:

  • der Major (Chef) und die Inten­dan­tin (inten­dente) der kata­la­ni­schen Poli­zei, Josep Lluís Tra­pero und Teresa Laplana,
  • und

  • die Füh­rungs­mit­glie­der der Assem­blea Nacio­nal Cata­lana (ANC), Jordi Sàn­chez, und Òmnium Cul­tu­ral, Jordi Cuix­art.

Gegen den Poli­zei­chef bean­tragte die Staats­an­walt­schaft Unter­su­chungs­haft, gegen die Polizei-​​Intendantin die Fest­set­zung einer Kau­tion von 40.000 Euro. In bei­den Fälle ord­nete die Unter­su­chungs­rich­te­rin statt­des­sen an, daß sich die Beschul­dig­ten alle 15 Tage beim nächst­ge­le­ge­nen Gericht mel­den, ihre Rei­se­pässe abge­ben müs­sen und Spa­nien nicht ver­las­sen dür­fen.

Die Ermitt­lungs­ver­fah­ren wur­den bereits nach den Vor­fäl­len vom 20. und 21. Sep­tem­ber, als Demons­tran­tIn­nen die spa­ni­sche Poli­zei nach Durch­su­chun­gen von und Fest­nah­men in öffent­li­chen Gebäu­den hin­der­ten, diese wie­der zu ver­las­sen, ein­ge­lei­tet. (Bei den Vor­fäl­len soll es – nach Anga­ben der Guar­dia Civil – auch zu Schä­den an Poli­zei­fahr­zeu­gen im Umfang von 130.000 Euro und Angrif­fen auf Mit­glie­der des kata­la­ni­schen Able­gers der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen PSOE und deren Sit­zes gekom­men sein.) Der Tat­vor­wurf lau­tet „Auf­stand“ oder „Auf­ruhr“ (sedi­ción) (und nicht – wie ver­schie­dent­lich zu lesen ist „Rebel­lion“). (https://​poli​tica​.elpais​.com/​p​o​l​i​t​i​c​a​/​2​0​1​7​/​1​0​/​1​6​/​a​c​t​u​a​l​i​d​a​d​/​1​5​0​8​1​3​7​3​5​6​_​8​2​9​0​7​6​.html) Die ent­spre­chen­den Vor­schrif­ten lau­ten:

„Son reos de sedi­ción los que, sin estar com­pren­di­dos en el delito de rebe­lión, se alcen pública y tumul­tua­ri­a­mente para impe­dir, por la fuerza o fuera de las vías lega­les, la apli­ca­ción de las Leyes o a cual­quier auto­ri­dad, cor­por­a­ción ofi­cial o fun­cio­na­rio público, el legítimo ejer­ci­cio de sus fun­cio­nes o el cumpli­mi­ento de sus acu­er­dos, o de las reso­lu­cio­nes admi­nis­tra­ti­vas o judi­cia­les.“
(http://​noti​cias​.juri​di​cas​.com/​b​a​s​e​_​d​a​t​o​s​/​P​e​n​a​l​/​l​o​1​0​-​1​9​9​5​.​l​2​t​2​2​.​h​t​m​l​#a544)

/​

„Des Ver­bre­chens des Auf­stan­des sind die­je­ni­gen schul­dig, die ohne das Delikt der Rebel­lion ver­wirk­licht zu haben, sich öffent­lich und auf­rüh­re­risch erho­ben haben, um mit Gewalt ODER außer­halb der Lega­li­tät
++ die Anwen­dung der Gesetze zu ver­hin­dern
oder
++ irgend­eine Auto­ri­tät oder öffent­li­che Kör­per­schaft oder irgend­ei­nen Staats­funk­tio­när an der legi­ti­men Aus­füh­rung ihrer Funk­tio­nen oder an der Erfül­lung ihrer [acu­er­dos? – bedeu­tet übli­cher­weise nicht „Pflich­ten“; ist hier aber vllt. gemeint] oder [der Umset­zung] von Gerichts-​​ oder Ver­wal­tungs­ent­schei­dun­gen zu hin­dern.“
(meine Über­set­zung und meine Her­vor­he­bung)

Der Tat­be­stand der „Rebel­lion“ setzt dage­gen zwin­gend Gewalt­an­wen­dung vor­aus:

„Son reos del delito de rebe­lión los que se alza­ren vio­lenta y públi­ca­mente para cual­quiera de los fines sigu­i­en­tes:
1.º Dero­gar, sus­pen­der o modi­fi­car total o par­ci­al­mente la Con­sti­tu­ción.
[…]
5.º Declarar la inde­pen­den­cia de una parte del ter­ri­to­rio nacio­nal.“
(http://​noti​cias​.juri​di​cas​.com/​b​a​s​e​_​d​a​t​o​s​/​P​e​n​a​l​/​l​o​1​0​-​1​9​9​5​.​l​2​t​2​1​.​h​t​m​l​#a472)

/​

„Des Ver­bre­chens der Rebel­lion sind die­je­ni­gen schul­dig, die sich gewalt­sam und öffent­lich für irgend­ei­nes der fol­gen­den Ziele erhe­ben:
1. die Ver­fas­sung ganz oder teil­weise auf­zu­he­ben, zu sus­pen­die­ren oder zu modi­fi­zie­ren.
[…]
5. die Unab­hän­gig­keit eines Teils des Staats­ge­bie­tes zu erklä­ren.“
(meine Über­set­zung)1

----------

3.

Zur inhalt­li­chen Seite des Kon­flikts – als Nach­trag zu mei­nen Nach­fra­gen zu 13 Ant­wor­ten, die am Frei­tag und Sams­tag bei indy­me­dia und scharf-​​links erschie­nen, noch fol­gende kurze The­sen, die ich ges­tern im Blog von sys­tem­crash als Kom­men­tar gepos­tet hatte:

1. In einer Situa­tion, in der die meis­ten Lin­ken von dem Umstand, daß ein Recht auf Los­tren­nung zu befür­wor­ten ist, auf die Befür­wor­tung der Los­tren­nung selbst fehl­schlie­ßen, muß m.E. vor­ran­gig die­ser Fehl­schluß kri­ti­siert wer­den.

2. Würde in der Lin­ken die Ableh­nung eines Rechts auf Los­tren­nung domi­nie­ren, müßte diese Posi­tion vor allem kri­ti­siert wer­den.

3. Allein der Umstand, daß ein Recht auf Los­tren­nung ver­wei­gert wird (was für die aller­meis­ten Staa­ten gilt), recht­fer­tigt nicht, die Los­tren­nung nun aus klein­li­cher Rach­sucht vor­zu­neh­men.

Auch ein paar mehr Kom­pe­ten­zen hier oder da (auf zen­tra­ler oder regio­na­ler Ebene) recht­fer­tigt m.E. noch keine Los­tren­nung.

Im übri­gen sind die Kata­la­nIn­nen voll­wer­tige spa­ni­sche Staats­bür­ge­rIn­nen; sie dür­fen ihre Spra­che spre­chen und schrei­ben; sie domi­niert im kata­la­ni­schen Stra­ßen­bild; sie sind nicht ökono­misch mar­gi­na­li­siert, son­dern – im spa­ni­schen und glo­ba­len Ver­gleich – bevor­teilt.

4. Der Haupt­feind steht im eige­nen Land. Kei­nes­falls sind also die Bun­des­re­gie­rung oder die EU auf­zu­for­dern, sich in den Kon­flikt ein­zu­mi­schen.

5. Natio­na­lis­ti­sche Mas­sen­be­we­gun­gen – und seien es ‚links­na­tio­na­lis­ti­sche‘ Mas­sen­be­we­gung – bie­ten noch weni­ger als refor­mis­ti­sche Sozi­al­pro­teste Anlaß zu Bewe­gungs­eu­pho­rie.

  1. Ich habe sowohl in dem Rebellions-​​Straftatbestand vio­lenta mit „gewalt­sam“ als auch in dem Aufstands-​​Straftatbestand por la fuerza mit „mit Gewalt“ über­setzt. Ob beide Begriffe voll­stän­dig syn­onym sind oder im juris­ti­schen spa­ni­schen Sprach­ge­brauch unter­schied­li­che Bedeu­tungs­nu­an­cen auf­wei­sen, weiß ich nicht. [zurück]
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