Wider den marxistischen und queeren Totalitäts-Anspruchs

Didier Eri­bon:

„Das Pro­blem mit dem ‚lin­ken‘ Popu­lis­mus ist, dass er die Vor­stel­lung eines orga­ni­schen und homo­ge­nen ‚Vol­kes‘ mit dem Rechts­po­pu­lis­mus teilt — samt all den Gefah­ren, die damit ver­bun­den sind. Eine sol­che Homo­ge­ni­sie­rung der Poli­tik führt immer dazu, dass eine Reihe von Men­schen nicht mehr als poli­tisch und kul­tu­rell legi­tim betrach­tet wer­den. Im Gegen­teil: Ihre Pro­bleme erschei­nen dann als ein Fak­tor der Spal­tung, was man zum Bei­spiel immer der femi­nis­ti­schen Bewe­gung vor­ge­wor­fen hat. Die popu­lis­ti­sche Idee einer ‚Kon­ver­genz‘ der Kämpfe ver­ein­heit­licht, sim­pli­fi­ziert, schließt aus — und das zwangs­läu­fig. Bes­ser wäre es, die Viel­falt der Kämpfe zu unter­stüt­zen — selbst wenn die ver­schie­de­nen Kämpfe unter­ein­an­der in Kon­flikt gera­ten, und das kommt oft vor. Wenn die Kämpfe kon­ver­gie­ren, sich syn­chro­ni­sie­ren und sich zu einem gewis­sen Zeit­punkt ver­ei­nen, umso bes­ser. Aber man kann diese – ‚Ein­heit‘ nicht als Vor­aus­set­zung für die Exis­tenz und die Legi­ti­mi­tät der ver­schie­de­nen Bewe­gun­gen pos­tu­lie­ren. Das würde bedeu­ten, dass man sich als jemand aus­gibt, der allein poli­ti­sche Authen­ti­zi­tät ‚zu ver­lei­hen ver­mag. Das würde ver­hin­dern, dass neue Bewe­gun­gen ent­ste­hen.“

http://​www​.stadt​re​vue​.de/​a​r​c​h​i​v​/​a​r​c​h​i​v​a​r​t​i​k​e​l​/​1​2​6​3​2​-​e​i​n​e​-​i​n​t​e​r​n​a​t​i​o​n​a​l​e​-​d​e​r​-​p​r​o​g​r​e​s​s​i​v​e​n​-​a​u​f​b​auen/ (via Achim Schill [Fb])

TaP:

Ist Queerfe­mi­nis­mus eine totale Theo­rie?

Einen letz­ten Kri­tik­punkt möchte ich anspre­chen. In dem Text [Für eine links­ra­di­kale, queerfe­mi­nis­ti­sche Per­spek­tive auf den 8. März] heißt es: ‚Das [eine links­ra­di­kal queerfe­mi­nis­ti­sche Per­spek­tive auf den 8. März stark machen] heißt für uns patria[r]chale, ras­sis­ti­sche und andere Macht­ver­hält­nisse, die auch immer durch den Staat getra­gen, erhal­ten und (re-)produziert wer­den, zu kri­ti­sie­ren, auf­zu­bre­chen, zu bekämp­fen.‘
Was den Staat anbe­langt, sind wir uns auf alle Fälle einig: Heute Feuer und Flame für den deut­schen, ras­sis­ti­schen, bür­ger­li­chen und patri­ar­cha­len Staat – und spä­ter für jeden Staat! Für den Kom­mu­nis­mus, für die Anar­chie [10]!
Ansons­ten: Queerfe­mi­nis­mus ist also für (fast) alles ‚zustän­dig’: ‚patria[r]chale, ras­sis­ti­sche und andere Macht­ver­hält­nisse‘ (meine Hv.). Ich halte das für kei­nen Gewinn – weder für den Femi­nis­mus, noch für queer, noch für den Anti­ras­sis­mus, noch für den Klas­sen­kampf der Lohn­ab­hän­gi­gen noch für andere Kämpfe gegen Herr­schaft und Aus­beu­tung [11]. Die Wahr­heit ist näm­lich immer kon­kret (wie Lenin mit Hegel sagte [12]); und die Kämpfe sind auch immer kon­kret. Sie erfor­dern immer eine kon­krete Ana­lyse und eine kon­krete Par­tei­lich­keit; mit einer pau­scha­len Drauf­sicht auf ‚alles’ ist uns wenig gehol­fen. Und des­halb benö­ti­gen wir Femi­nis­mus und queer und Anti­ras­sis­mus und Mar­xis­mus! – Aber daß wir einen ‚Queerfe­mi­nis­mus‘ benö­ti­gen, der meint für ‚alles’ zustän­dig zu sein, davon hat mich noch kei­neR über­zeugt.
Mitte der 1970er, in der von ihm sog. ‚Krise des Mar­xis­mus‘, schrieb Louis Alt­hus­ser: ‚Der Mar­xis­mus ist eine end­li­che Theo­rie.’ [13] – und zog sich damit den Zorn der­je­ni­gen auf sich, die den Mar­xis­mus wei­ter­hin für eine totale Theo­rie hiel­ten, für eine Theo­rie, die für alles zustän­dig ist. Louis Alt­hus­ser arti­ku­lierte dem­ge­gen­über impli­zit die selbst­kri­ti­sche mar­xis­ti­sche Ein­sicht, daß der Femi­nis­mus dem Mar­xis­mus in Sachen Geschlech­ter­ver­hält­nis und des­sen even­tu­el­ler Umwäl­zung über­le­gen ist. Und er arti­ku­lierte auch die Ein­sicht, daß Karl Marx eine ziem­lich brauch­bare Ana­lyse der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise vor­ge­legt hat, aber hin­sicht­lich ande­rer Pro­duk­ti­ons­wei­sen nicht beson­ders weit­ge­kom­men ist.
Und ich bin mir ziem­lich sicher: Es wird ein Tag der Krise des Queerfe­mi­nis­mus kom­men, und eine Queerfe­mi­nis­tin wird – zwar nicht sagen, daß er nackt sei, aber daß er sehr wohl auch nur eine end­li­che Theo­rie ist; und viel­leicht sogar eine ganz beson­ders end­li­che Theo­rie, weil der Queerfe­mi­nis­mus in gar kei­nem Analyse-​​ und poli­ti­schen Kampf­be­reich wirk­lich in die Tiefe geht, son­dern – außer letzt­lich mora­li­schen Pos­tu­la­ten – immer nur betont, daß alles mit allem zusam­men­hängt – was wahr ist, aber sicher zu wenig ist, um die Welt zu ver­ste­hen und zu ver­än­dern.“

https://​links​un​ten​.indy​me​dia​.org/​d​e​/​n​o​d​e​/​1​08153

TaP:

„Die von den revo­lu­tio­nä­ren Femi­nis­tin­nen der 1970er und 1980er Jahre vor­ge­nom­mene Ver­knüp­fung zwi­schen Femi­nis­mus und Anti­ka­pi­ta­lis­mus unter­schei­det sich von der heu­ti­gen und dama­li­gen Auf­for­de­rung lin­ker Män­ner und geschlechter-​​gemischter lin­ker Grup­pen an Femi­nis­tin­nen, sie soll­ten doch gefäl­ligst als Femi­nis­tin­nen anti­ka­pi­ta­lis­tisch sein oder sich um die ’soziale Frage‘ küm­mern, dadurch, daß die dama­lige Ver­knüp­fung in den Akteue­rin­nen, die bei­des – femi­nis­tisch und anti­ka­pi­ta­lis­tisch – waren, zustande kam. Logi­scher­weise wurde auch ver­sucht, nicht-​​sozialistische Femi­nis­tin­nen von sozia­lis­ti­schen Posi­tio­nen zu über­zeu­gen, aber die Legi­ti­mi­tät femi­nis­ti­scher Kämpfe wurde nicht davon abhän­gig gemacht (und konnte nicht mehr davon abhän­gig gemacht wer­den), daß sie zugleich anti­ka­pi­ta­lis­tisch sind. Dies war dadurch aus­ge­schlos­sen, dass die sozia­lis­ti­schen Femi­nis­tin­nen mit der mar­xis­ti­schen ‚Ablei­tung’ o.ä. des Patri­ar­chats aus dem Kapi­ta­lis­mus, der Klas­sen­ge­sell­schaft bzw. dem Pri­vat­ei­gen­tum bra­chen. Dadurch, dass das Patri­ar­chat eigene his­to­ri­sche Ursa­chen hatte und eigene heu­tige Funk­ti­ons­me­cha­nis­men hat, ist auch legi­tim (wenn auch begrenzt), allein das Patri­ar­chat zu bekämp­fen. Trotz man­cher ver­wa­sche­ner For­mu­lie­run­gen im Ein­zel­nen war die Haupt­leis­tung des sozia­lis­ti­schen Femi­nis­mus,

  • den Femi­nis­mus nicht als Teil eines Gan­zen, das sei­ner­seits kurz­schlüs­sig mit dem Anti­ka­pi­ta­lis­mus gleich­ge­setzt wird, zu kon­zep­tio­nie­ren, son­dern das Geschlech­ter­ver­hält­nis als Teil eines Gan­zen, das sowohl patri­ar­chal als auch kapi­ta­lis­tisch ist, und
  • zu erken­nen, daß es des­halb einer ‚dop­pel­ten Mili­tanz’ bedarf; daß an ‚zwei Fron­ten’ gegen zwei Geg­ner zu kämp­fen ist: Behar­rungs­in­ter­es­sen von Män­nern in Sachen Patri­ar­chat und das Behar­rungs­in­ter­es­sen von Kapi­ta­lis­tIn­nen in Sachen Kapi­ta­lis­mus; spä­ter kam dann noch die Ein­sicht in wei­tere Fron­ten in Sachen Ras­sis­mus und Hete­ro­se­xis­mus hinzu.“

https://​www​.neues​-deutsch​land​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​5​2​0​6​5​.​w​o​r​i​n​-​n​a​n​c​y​-​f​r​a​s​e​r​-​w​e​i​t​e​r​h​i​n​-​i​r​r​t​.html

TaP:

„Zwar müs­sen kom­mu­nis­ti­sche Kämpfe femi­nis­tisch, anti­ras­sis­tisch und anti­ka­pi­ta­lis­tisch sein; aber:

  • femi­nis­ti­sche Kämpfe müs­sen als femi­nis­ti­sche genauso wenig anti­ka­pi­ta­lis­tisch sein, wie anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche als anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche femi­nis­tisch sein müs­sen;
  • und das Ent­spre­chende gilt auch in Bezug anti­ras­sis­ti­sche Kämpfe.

Oder anders gesagt: Es kann für den Kom­mu­nis­mus nur in dem Maße bean­sprucht wer­den das Inte­grale der ver­schie­de­nen revo­lu­tio­nä­ren Kämpfe zu sein, wie der Antikapita­lismus nicht mehr als das Grund­le­gende, son­dern nur als eines von meh­re­ren Ele­mente des Kom­mu­nis­mus ange­se­hen wird.“

Warum insis­tiere ich an die­sem Punkt so der­ma­ßen pene­trant? Weil es eine umfassen­de, struk­tu­relle Gesell­schafts­ana­lyse und -theo­rie bis­her nicht gibt – auch wenn es in Form femi­nis­ti­scher Intersektionalitäts-​​Studien Ansätze in diese Rich­tung gibt – aber oft­mals um den Preis das Struk­tu­relle zuguns­ten des Indi­vi­du­el­len, das Ana­ly­ti­sche zu­gunsten des Beschrei­ben­den und eine revo­lu­tio­näre Hal­tung zuguns­ten von Reformis­mus zu ver­nach­läs­si­gen20. Die nach vorne wei­sende Abhilfe bzgl. der zuletzt genann­ten Män­gel liegt aber nicht darin, nun wie­der zur hegel-​​marxistischen ‚Tota­li­tät‘ mit dem ei­nem ‚Grund­wi­der­spruch zwi­schen Kapi­tal und Arbeit’ bzw. der ‚kapi­ta­lis­ti­schen Warenlo­gik’ als ‚Wesen‘ oder ‚Zen­trum‘ zurück­zu­keh­ren;
son­dern darin – gem. dem len­in­schen Motto ‚Lie­ber weni­ger, aber bes­ser‘ (LW 33, 474) – zunächst ein­mal rea­lis­tisch zur Kennt­nis zu neh­men, dass Mar­xis­mus, Femi­nis­mus und Anti­ras­sis­mus begrenzte Theo­rien für spe­zi­fi­sche Gegen­stände sind21 und dass das Inte­gra­li­täts­pos­tu­lat jeden­falls hier und heute sowohl eine theo­re­ti­sche Überforde­rung dar­stellt als auch poli­tisch scha­det, weil es in der Pra­xis dazu führt, – ana­ly­tisch – die Spe­zi­fik der ver­schie­de­nen Herrschafts-​​ und Aus­beu­tungs­ver­hält­nisse (ihre spezifi­schen Ursa­chen, Funk­ti­ons­me­cha­nis­men und gegen­über­ste­hen­den gesell­schaft­li­chen Grup­pen) zu ver­nach­läs­si­gen und – stra­te­gisch – zum mar­xis­ti­schen ‚Unterordnungs-​​Denken’ zurück­zu­keh­ren oder es – unbe­leckt von 50 Jah­ren theo­re­ti­scher und politi­scher, anti­ras­sis­ti­scher und femi­nis­ti­scher Arbeit – schlicht bei­zu­be­hal­ten.“

https://​links​un​ten​.indy​me​dia​.org/​e​n​/​n​o​d​e​/​2​12106

TaP:

„Und in der Tat sind diese ‚Sprach­spiele, Dis­kurse, Inter­pre­ta­tio­nen‘ plu­ral, und das ist, solange es um linke revo­lu­tio­näre Orga­ni­sie­rung geht, auch kein Drama. Weder der Femi­nis­mus noch der Mar­xis­mus noch anti­ras­sis­ti­sche Theo­rie­bil­dung kann heute und auf seh­bare Zeit eine umfas­sende Ana­lyse und Erklä­rung der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse und Ent­wick­lun­gen als Gan­zes lie­fern (und die Schlag­wör­ter von Empire und Mul­ti­tude kön­nen dies schon gar nicht). Die drei erst­ge­nann­ten Theo­rien kön­nen nur dann pro­duk­tiv zu ein­an­der in Bezie­hung gesetzt wer­den, wenn sie ihre jewei­lige eigene End­lich­keit aner­ken­nen; wenn sie aner­ken­nen, daß ihr Gegen­stand und Kampf­ge­biet nicht ‚alles’ ist, son­dern, daß sie mit jeweils Spe­zi­fi­schem befaßt sind: den Geschlech­ter­ver­hält­nis­sen, den Klas­sen­ver­hält­nis­sen, den Ras­sen­ver­hält­nisse – und daß diese nicht nach einer ein­zi­gen Logik funk­tio­nie­ren.
Ein Plu­ra­lis­mus wird aber dann zum Pro­blem, wenn es nicht mehr um das Innere revo­lu­tio­nä­rer Orga­ni­sie­rung geht, son­dern wir über das Ver­hält­nis zum jewei­li­gen Feind reden. Ein ‚Plu­ra­lis­mus‘ oder eine ‚Diver­si­tät‘ von Kapi­tal und Arbeit, ein ‚Plu­ra­lis­mus‘ oder eine ‚Diver­si­tät‘ von Män­nern und Frauen, ein ‚Plu­ra­lis­mus‘ oder eine ‚Diver­si­tät‘ von Wei­ßen und Schwar­zen – das ist nicht die revo­lu­tio­näre Agenda; das ist aber auch nicht die poli­ti­sche Kon­se­quenz des De-​​Konstruktivismus – das ist grü­ner Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus!“


https://​links​un​ten​.indy​me​dia​.org/​e​n​/​n​o​d​e​/​1​64219

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6 Antworten auf „Wider den marxistischen und queeren Totalitäts-Anspruchs“


  1. 1 Mister X 22. Juli 2017 um 21:57 Uhr

    Nun, ich könnte jetzt wieder entgegnen, dass Du und Eribon nicht begreifen, dass diese Kämpfe auf diametral verschiedenen Ebenen liegen. Konkret, dass die Überwindung des Kapitalismus auch die anderen Kampffelder so durcheinanderwirbeln wird, dass dann deren Fragen andere sein werden, wenn sie überhaupt noch da sind. In diesem Sinne ist der Klassenwiderspruch „vorgelagert“. Der Erfolg des Feminismus ändert hingegen nichts am Klassenwiderspruch.
    Eribons wie auch Deine Thesen sind durchsetzt von der poststrukturalistischen Idee, alle Widersprüche befinden sich auf einer Ebene (oder mathematisch in einem mehrdimensionalen Raum), wo sie dann „intersektional“ verknüpfbar sind, „konvergieren“ können etc. Kurz, Ihr betrachtet die feministische wie auch die Klassen-Frage aus der identischen Brille des Reformismus. Deshalb geht es Euch dann um „Kämpfe, die auch immer konkret sind“, die eine „kon­krete Ana­lyse und eine kon­krete Par­tei­lich­keit“ erfordern oder es geht Euch darum, dass „neue Bewe­gun­gen ent­ste­hen“ etc.

    Marxisten führen aber keine Kämpfe, sondern nur einen Kampf. Der 1871 das erste Mal ausgefochten, 1917 und 1959 gewonnen wurde und seit 40 Jahren überhaupt nicht mehr in Erscheinung getreten ist. Der einzige Kampf des Marxisten ist derjenige, der den Klassenwiderspruch aufhebt. Seine Name ist Revolution.

    Wenn Du das verstanden hast, dann verstehst Du auch, warum die gegenwärtigen liberal-feministischen Kämpfe nicht auf einer Ebene mit dem marxistischen Kampf stehen, der zur Zeit ohnehin nicht existiert. Ihre Ebene teilen sie mit dem sozialdemokratischen Reformismus. Dafür kann die intersektionale Analyse in Anschlag gebracht werden, weil es bei allen Kampffeldern dieser Ebene um Teilhabe und Verteilung geht, was sie vergleichbar macht. Die sozialdemokratische Sicht auf den Klassenwiderspruch ist aber kein Marxismus, sondern dessen Antithese.

    Unser Widerspruch entsteht daraus, dass Du diese reformistischen „konkreten Kämpfe“ zu den feministischen in Bezug setzt, was eigentlich keine theoretischen Probleme aufwerfen würde. Du verwendest dafür aber eine marxistische Terminologie, die für diese Ebene weder konzipiert, noch nutzbar ist. Man kann ein Elektron zu einem Proton in Beziehung setzen, nicht aber zu einem Elefanten – auch nicht durch Verwendung zoologischer Terminologie.

    Das alles könnte ich schreiben. Wenn ich das aber täte, würden wir wohl wieder die Kommentarspalten vollschreiben, ohne dass unser Verständnis nennenswert konvergieren würde.

  2. 2 TaP 23. Juli 2017 um 10:20 Uhr

    Was den alten Thread – http://theoriealspraxis.blogsport.de/2017/05/21/zur-kritik-der-repressionshypothese-bzw-des-ausdrucks-unterdrueckung/ – anbelangt, war ich erst einmal abgestorben; ich wollte dazu eigentlich noch mal etwas schreiben – aber dann kamen andere Dinge dazwischen.

    @ „Wenn ich das aber täte, würden wir wohl wieder die Kommentarspalten vollschreiben, ohne dass unser Verständnis nennenswert konvergieren würde.“

    Mir scheint, wir verstehen uns schon ziemlich gut, auch wenn es uns nicht gelingt, uns in die eine oder andere Richtung zu überzeugen.

    @ „Marxisten führen aber keine Kämpfe, sondern nur einen Kampf.“

    Diesbzgl. sehe ich schon auf der Ebene der Klassenverhältnisse das Verhältnis von Reform und Revolution anders. MarxistInnen kämpfen nicht nur für die Revolution, sondern, solange sie noch nicht möglich ist, auch für eine Vielzahl von Reformen – und insofern führen sie auch eine Vielzahl von Kämpfe (auch wenn sie dabei die Reformkämpfe dem Kampf für das revolutionäre Ziel unterordnen).

    @ „Konkret, dass die Überwindung des Kapitalismus auch die anderen Kampffelder so durcheinanderwirbeln wird, dass dann deren Fragen andere sein werden, wenn sie überhaupt noch da sind. In diesem Sinne ist der Klassenwiderspruch ‚vorgelagert‘. Der Erfolg des Feminismus ändert hingegen nichts am Klassenwiderspruch.“

    ‚Durcheinandergewirbelt‘ finde ich etwas übertrieben; die Oktoberrevolution, die chinesische Revolution – vermutlich auch die jugoslawische Revolution – war mit einigen Geschlechterreformen verbunden. Mehr nicht.

    Und „vorgelagert“ scheint mir ohnehin das falsche Wort zu sein. Denn wir waren uns ja in dem alten Thread zumindest einig, daß eine Überwindung des Patriarchats auch vor und unabhängig von einer Überwindung des Kapitalismus möglich ist.

    Und umgekehrt haben auch Veränderungen im Geschlechterverhältnis Auswirkungen auf die Klassenverhältnisse (z.B.: fordistisches Familienernährer-Modell vs. neoliberales DoppelverdienerInnen-Modell).

    @ „die gegenwärtigen liberal-feministischen Kämpfe [stehen] nicht auf einer Ebene mit dem marxistischen Kampf“

    Das ist ja unstrittig: Liberal-feministische (oder liberal-frauenbewegte Kämpfe oder neoliberale Geschlechterverhältnis-Modernisierungen) stehen auf einer Ebene mit dem Sozialreformismus von Lohnabhängigen.

    Aber revolutionärer Feminismus steht auf einer Ebene mit revolutionärem Marxismus; und Kommunismus könnte – wenn er nicht mehr vorrangig mit dem Marxismus und der Überwindung der Klassenverhältnisse verbunden würde – das Übergreifende sein.

  3. 3 systemcrash 23. Juli 2017 um 14:55 Uhr

    „Marxisten führen aber keine Kämpfe, sondern nur EINEN Kampf.“

    das ist natürlich wieder diese berühmte „geschichtsphilosophische“ diskussion! in dieser angelegenheit stehe ich „mister x“ näher als TaP, aber trotzdem möchte ich hier eine lanze für eine „mittelposition“ brechen (ich bekenne mich schuldig, ein „versöhnler“ zu sein ;) ).der begriff des EINEN kampfes macht (nur) dann sinn, wenn man ihn auf das geschichtliche „ziel“ einer „herrschaftsfreien“ gesellschaft bezieht. dieses ziel vertreten aber nicht nur „marxisten“, auch anarchisten und religiöse sozialisten können es vertreten. bei den „feministen“ bin ich mir jetzt nicht so sicher. „realgeschichtlich“ gibt es aber eine „vielheit“ von kämpfen, die aber nicht unbedingt immer auf eine „herrschaftsfreie“ gesellschaft abzielen.
    trotzdem können „marxisten“ diesen (sozialen) kämpfen nicht indifferent gegenüberstehen, denn auch kleinste veränderungen im gesellschaftlichen gesamtgefüge haben ja auch wieder auswirkungen auf die (taktischen) arbeits- und ausgangsbedingungen der „marxisten“. und auch der kampf um „reformen“ muss ja in eine „revolutionäre“ strategie eingebettet sein (zumindest aus „marxistischer“ sicht).
    tatsächlich neige ich dazu, den kampf um „frauenrechte“ als teil dieses „reformkampfes“ anzusehen. und „marxisten“ sollten sich auch darum bemühen, den „frauenkampf“ mit dem kampf gegen das KAPITALISTISCHE system (als ganzes) zu „konvergieren“. allerdings sollten „marxisten“ ihre ‚unterstützung‘ solcher kämpfe nicht davon ABHÄNGIG machen, dass sie (potentiell) „systemtranszendierend“ sind, denn eine verbesserung der „lage der frau(en) im kapitalismus“ würde sich auch wieder „positiv“ auf den klassenkampf der lohnabhängigen auswirken. für das letztere kann ich keine direkte „begründung“ liefern (es ist mehr eine „hoffnung“, durchaus im Blochschen sinne).
    ich denke, wenn die beziehungen der menschen (vor allem der geschlechter) untereinander (ungeachtet von klassen- und schichtzugehörigkeiten) ehrlicher und weniger „maskenhaft“ und ungeheuchelter sich gestalten könnten, dann würde das letztlich auch die „kampfkraft“ (psychisch, aber vlt sogar auch physisch) der lohnarbeiter insgesamt verbessern.
    und mit dieser perspektive wäre dann auch der „kampf der frauen“ und der „kampf der arbeiter“ und überhaupt aller „verdammten dieser erde“ tatsächlich und im übertragenen [geschichtsphilosophischen] sinne EIN kampf! ;)

  4. 4 Mister X 23. Juli 2017 um 15:11 Uhr

    Der entscheidende Punkt scheint mir folgender zu sein:

    Diesbzgl. sehe ich schon auf der Ebene der Klassenverhältnisse das Verhältnis von Reform und Revolution anders. MarxistInnen kämpfen nicht nur für die Revolution, sondern, solange sie noch nicht möglich ist, auch für eine Vielzahl von Reformen – und insofern führen sie auch eine Vielzahl von Kämpfe (auch wenn sie dabei die Reformkämpfe dem Kampf für das revolutionäre Ziel unterordnen).

    Dem würde ich nämlich rundheraus widersprechen! Marxisten können gleichzeitig Feministen, Lohnabhängige oder Homosexuelle sein. Das sind sie aber dann nicht als Marxisten. Sprich, die Kämpfe, die sie in diesem Kontext führen, werden damit nicht zu marxistischen Kämpfen. Für Marxisten als Marxisten, wie auch in der ganzen marxistischen Theorie, geht es nur um eines: Die Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise.
    Wenn Marxisten andernorts für Reformen kämpfen, dann nicht auf Basis der Marx’schen Theorie.
    Schau Dir z. B. den sog. Marxistischen Feminismus einer Frigga Haug an und lies Dir ein beliebigen Text von ihr durch. Die Forderung nach mehr Kinderbetreuung und gleicher Verteilung der Reproduktionsarbeit hier und jetzt wird nicht dadurch marxistisch, dass sich die Fordernde selber für eine Marxistin hält.
    Insofern habe ich auch noch nie einen „revolutionären Feminismus“ tatsächlich in freier Wildbahn gesehen. Wenn man etwas darin rumgestochert hat, entpuppte er sich als sozialdemokratischer respektive liberaler Feminismus, der street credibility wegen „revolutionär“ getauft.

    Du versuchst, den Marxismus in Kombination mit dem (Post)-Strukturalismus als Methode für die kleinen Kämpfchen der Pomo-Linken wieder attraktiv zu machen. Ich hingegen halte das für vertane Liebesmühe, weil die Theorie dies gerade nicht hergibt. Für liberale Verteilungspolitik eignen sich liberale Theorien einfach besser.

    An diesem Punkt kommen wir nicht weiter. Solange ich meine Orthodoxie nicht aufgebe oder Du nicht davon ablässt, die Marx’sche Theorie so hinzubiegen, dass sie einen praktischen Nutzwert sowohl für den libertär gesinnten Autonomen als auch für die grün-liberale Feministin abwirft, werden wir nicht überein kommen.

    Schade, es war ergiebig und hat Spaß gemacht, mit Dir zu diskutieren. Nur wird es wohl zu keinem Ziel führen. Ich möchte den Felsen erhalten, Du ihn als Steinbruch verwerten. Und es lässt sich schwerlich mit der Glätte und den klaren logischen Formen des Felsens argumentieren, wenn der andere sich mehr für die Steinbrocken interessiert, die er herausschlagen kann, um anderswo Lücken zu füllen.

  5. 5 TaP 23. Juli 2017 um 16:03 Uhr

    @ Mister X:

    1.

    „Marxisten können gleichzeitig Feministen, Lohnabhängige oder Homosexuelle sein. Das sind sie aber dann nicht als Marxisten.“

    Doch, jedenfalls soweit sie Lohnabhängige sind: MarxistInnen haben spezifische Kriterien, welche Reformforderungen sie stellen, wie sie sie begründen und wie sie den Kampf für sie führen.

    Und analog für das Verhältnis von Feminismus und Frauen(bewegungs)-Reformforderungen.

    2.

    „Die Forderung nach mehr Kinderbetreuung und gleicher Verteilung der Reproduktionsarbeit hier und jetzt wird nicht dadurch marxistisch, dass sich die Fordernde selber für eine Marxistin hält.“

    Das mag sein, wenn bzw. insofern der Marxismus ausschließlich für die (kapitalistischen) Klassenverhältnisse, aber nicht für das Geschlechterverhältnis ‚zuständig‘ ist.

    Aber meine These lautet ja vielmehr, daß auf der Ebene aller drei materiellen, gesellschaftlichen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse nicht ein isolierter Kampf für die Umwälzung des Verhältnisses zu führen ist, sondern daß der jeweilige revolutionäre Kampf den vorherigen Kampf um Reformen einschließt. (Insofern bin ich auch anderer Auffassung als systemcrash: „tatsächlich neige ich dazu, den kampf um ‚frauenrechte‘ als teil dieses ‚reformkampfes‘ anzusehen.“)

    @ systemcrash:

    „der begriff des EINEN kampfes macht (nur) dann sinn, wenn man ihn auf das geschichtliche ‚ziel‘ einer ‚herrschaftsfreien‘ gesellschaft bezieht. dieses ziel vertreten aber nicht nur ‚marxisten‘, auch anarchisten und religiöse sozialisten können es vertreten. bei den ‚feministen‘ bin ich mir jetzt nicht so sicher.“

    Ja, aber MarxistInnen und AnarchistInnen haben diesen Anspruch, soweit sie nicht zugleich Feministinnen waren, allenfalls in Bezug auf die Klassenverhältnisse in ihrer theoretischen und politischen Praxis eingelöst bzw. einzulösen versucht.

    Der Feminismus war dagegen zwar schon immer etwas mehr-dimensionaler, aber hat sich analog weitgehend auf das Geschlechterverhältnis konzentriert. -

    Alldas ist m.E. – im Sinne von effizienter wissenschaftlicher und politischer Arbeitsteilung – auch kein Problem.

    Ein Probleme entsteht m.E. erst, wenn eine dieser (oder mehrere oder alle diese) Strömungen die Hybris entwickelt/n, trotzdem allein (den Kampf gegen) das Ganze zu repräsentieren.

  6. 6 systemcrash 23. Juli 2017 um 16:52 Uhr

    „Ja, aber MarxistInnen und AnarchistInnen haben diesen Anspruch, soweit sie nicht zugleich Feministinnen waren, allenfalls in Bezug auf die Klassenverhältnisse in ihrer theoretischen und politischen Praxis eingelöst bzw. einzulösen versucht.“

    ja, das ist richtig. der begriff der „herrschaftsfreien“ gesellschaft bezieht sich (im wesentlichen) auf die existenz gesellschaftlicher „klassen“ (stellung zu den produktionsmitteln = produktionsverhältnisse).
    inwieweit sich das „geschlechterverhältnis“ in einer „klassenlosen“ gesellschaft verändert (oder sogar schon in einer „übergangsgesellschaft“), ist die grosse, offene frage, auf die wohl niemand eine ‚definitive‘ „antwort“ hat.
    und ich habe sie auch nicht! ;)
    allerdings finde ich schon, dass sich „marxisten“ auch für „mehr kinderbetreuung“ und gerechterer „verteilung der reproduktionsarbeiten“ einsetzen sollten. schon allein deshalb, damit mehr genossinnen zum zug kommen können in der politischen arbeit. :)

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