Was ich vertrete – drei Thesen zu Geschichte und Gesellschaftsanalyse

1. Weder Patri­ar­chat noch Ras­sis­mus noch Klas­sen­ver­hält­nisse sind Invari­an­ten der mensch­li­chen Gesell­schaft. Sie sind alle drei – und zwar unab­hän­gig von­ein­an­der – über­wind­bar; und alle drei vari­ie­ren auch nach Ort und Zeit.

a) Diese Ver­än­de­run­gen erklä­ren sich einer­seits aus dem Kampf der inne­ren Wider­sprü­che inner­halb die­ser drei Herrschafts-​​ und Aus­beu­tungs­ver­hält­nisse (zwi­schen Frauen und Män­nern; Schwar­zen und Wei­ßen; zwi­schen den ver­schie­de­nen Klas­sen); zum ande­ren aus der Wech­sel­wir­kung zwi­schen die­sen drei Herrschafts-​​ und Aus­beu­tungs­ver­hält­nis­sen.

b) Was diese Wech­sel­wir­kung anbe­langt, so beein­flus­sen nicht nur die jewei­li­gen Klas­sen­ver­hält­nisse das kon­krete Funk­tio­nie­ren von Patri­ar­chat und Ras­sis­mus, viel­mehr beein­flus­sen auch Patri­ar­chat und Rassismus/​Xenophobie, das kon­krete Funk­tio­nie­ren der jewei­li­gen Klas­sen­ver­hält­nisse.

2. Ich spre­che nicht von „Unter­drü­ckungs­for­men“, son­dern von Herrschafts-​​ und Aus­beu­tungs­ver­hält­nisse. Ich bin nicht der Auf­fas­sung, daß diese Herrschafts-​​ und Aus­beu­tungs­ver­hält­nisse „von den gesell­schaft­li­chen Gege­ben­hei­ten abhän­gen“, son­dern daß sie die (gegen­wär­ti­gen) „gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse“ sind – bzw. noch etwas prä­zi­ser aus­ge­drückt:

Herrschafts-​​ und Aus­beu­tungs­ver­hält­nisse einer­seits und der Kom­mu­nis­mus (als Gesell­schaft ohne Herr­schaft und Aus­beu­tung) sind ver­schie­dene ‚Mög­lich­kei­ten‘, die ‚gesell­schaft­li­chen Gege­ben­hei­ten‘ zu gestal­ten. (Die in jedem his­to­ri­schen Moment rea­lis­tisch gege­be­nen Gestal­tungsmög­lich­kei­ten hän­gen vom jewei­li­gen Stand der gesell­schaft­li­chen Kämpfe, dem Bewußt­sein der Mas­sen, dem Stand der wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nisse [sowohl in natur-​​ als auch gesell­schafts­wis­sen­schaft­li­cher Hin­sicht], dem jewei­li­gen tech­no­lo­gi­schen Niveau, den natür­li­chen [ökolo­gi­schen] Bedin­gun­gen und der jewei­li­gen mensch­li­chen Fähig­keit, sie zu beein­flus­sen – und ver­mut­lich noch einer Reihe ande­rer Fak­to­ren – ab.)

3. Um noch ein­mal auf die Frage der „Anthro­po­lo­gie“ zurück­zu­kom­men: Ich halte – wie gesagt – sowohl Patri­ar­chat als auch Ras­sis­mus als auch Klas­sen­ver­hält­nisse für über­wind­bar. Ich habe keine defi­ni­tive Über­zeu­gung zur Frage, ob es diese drei Herrschafts-​​ und Aus­beu­tungs­ver­hält­nisse in der bis­he­ri­gen Mensch­heits­ge­schichte schon immer gab.

a) Ich ten­diere dahin, die „Urkommunismus“-These von Marx und Engels zu ver­wer­fen, da mir unwahr­schein­lich erscheint, daß es mög­lich war, gerade die äußerst pre­kä­ren Exis­tenz­be­din­gun­gen sehr frü­her mensch­li­cher Gesell­schaf­ten ganz ohne Herr­schaft und Aus­beu­tung zu bewäl­ti­gen. (Statt historisch-​​materialistisch begrün­det, scheint mir die „Urkommunismus“-These eher vage geschichts­phi­lo­so­phisch von dem hege­lia­ni­schen Drei-​​Schritt von These – Anti­these – Syn­these inspi­riert zu sein.)

b) Ich bin skep­tisch, was die Matriarchats-​​These von Engels und Tei­len des Femi­nis­mus anbe­langt; ich bin auch skep­tisch, was den Begriff „geschlech­te­re­ga­li­täre Gesell­schaf­ten“ von ande­ren Tei­len des Femi­nis­mus anbe­langt. Inso­fern mögen alle bis­he­ri­gen gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse patri­ar­chale gewe­sen sein. Ich weiß es nicht.

c) Ich ten­diere dahin, moder­nen und post­mo­der­nen (bio­lo­gis­ti­schen und kul­tu­ra­lis­ti­schen) Ras­sis­mus und vor-​​moderne Xeno­pho­bie – als zwei Vari­an­ten von etwas Umfas­sen­de­rem (dem bis­her der Begriff fehlt) – für unter­schei­dungs­be­dürf­tig zu hal­ten. Aber ich habe nicht die geringste Idee, seit wann es so etwas wie Xenophobie/​Rassismus geben mag.

d) Ana­log zur Unter­schei­dung zwi­schen ver­schie­de­nen For­men von Klas­sen­ver­hält­nis­sen und zur Unter­schei­dung zwi­schen (älte­rer) Xeno­pho­bie und (neue­rem) Ras­sis­mus dürfte auch sinn­voll sein, zwi­schen ver­schie­de­nen For­men von Patri­ar­chat bzw. Andro­kra­tie zu unter­schei­den; auch dafür schei­nen mir aber bis­her wirk­lich schlüs­sige Begriffe zu feh­len.

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