Volkseinheitliche Dominanz des national-kulturalistischen über den materialistischen Klassendiskurs

TSP: „Herr Theo­do­ra­kis, Sie kri­ti­sie­ren den Regie­rungs­kurs des grie­chi­schen Ex-​​Ministerpräsidenten Alexis Tsi­pras und rufen zu einer ‚Volks­front‘ gegen die Aus­te­ri­täts­po­li­tik auf. Hat die Syriza-​​Partei die Werte der Lin­ken ver­ra­ten?“

Mikis Theo­do­ra­kis: „Ich habe in Paris gelebt, und mir ist der dort herr­schende car­te­sia­ni­sche Geist sehr ver­traut, der auch die deut­sche Den­kungs­art bestimmt, wobei in Deutsch­land teil­weise eine stark pro­tes­tan­tisch geprägte Erzie­hung und Geschichte dazu­kom­men. Wir Grie­chen haben eine ganz andere Tra­di­tion und Erzie­hung, die zusam­men mit der Ortho­do­xie unser star­kes natio­na­les Bewusst­sein aus­ma­chen, aus dem Wert­vor­stel­lun­gen und eine Lebens­hal­tung resul­tie­ren, die ein­fach voll­kom­men ver­schie­den sind von denen ande­rer Natio­nen.
Unsere Tra­gö­die begann, als die Staa­ten, in denen der Ratio­na­lis­mus vor­herrschte – Frank­reich, Eng­land und Deutsch­land – aus unter­schied­lichs­ten Grün­den seit dem 19. Jahr­hun­dert auf unser Land Ein­fluss nah­men, um uns Grie­chen zu ‚zivi­li­sie­ren‘, weil sie uns auf­grund unse­rer natio­na­len Beson­der­hei­ten nicht ‚ver­ste­hen‘ konn­ten. Genau das­selbe pas­siert auch heute. Sie wol­len uns par­tout ihren Ratio­na­lis­mus auf­zwin­gen, das heißt, ihre Leit­bil­der.
Es wäre an der neuen Lin­ken – im Gegen­satz zur his­to­ri­schen Lin­ken, die von aus­län­di­schen Vor­bil­dern beein­flusst ist –, unsere natio­nale Beson­der­heit zu schüt­zen. Syriza und Alexis Tsi­pras gehö­ren zu die­ser neuen Lin­ken, deren Auf­gabe es war, uns vor dem ‚Ratio­na­lis­mus‘ von Herrn Schäu­ble zu bewah­ren, für den unsere natio­nale Beson­der­heit, die dem euro­päi­schen Ratio­na­lis­mus zuwi­der­läuft, ein Stör­fak­tor ist. Dass unser Volk es ablehnt, sich die ratio­na­lis­ti­schen Scheu­klap­pen Euro­pas auf­set­zen zu las­sen, ver­är­gert Herrn Schäu­ble offen­sicht­lich sehr. Mit sei­nem Ver­such, uns dafür zu bestra­fen, zwingt er Grie­chen­land diese unsäg­li­che Aus­te­ri­täts­po­li­tik auf, […].“

http://​www​.tages​spie​gel​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​z​u​r​-​w​a​h​l​-​i​n​-​g​r​i​e​c​h​e​n​l​a​n​d​-​s​i​r​t​a​k​i​-​e​r​f​i​n​d​e​r​-​m​i​k​i​s​-​t​h​e​o​d​o​r​a​k​i​s​-​k​r​i​t​i​s​i​e​r​t​-​a​l​e​x​i​s​-​t​s​i​p​r​a​s​/​1​2​3​4​2​2​3​2​.html

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1 Antwort auf „Volkseinheitliche Dominanz des national-kulturalistischen über den materialistischen Klassendiskurs“


  1. 1 systemcrash 22. September 2015 um 10:31 Uhr

    ich gebe zu, das Mikis Theodorakis in diesem zitat selbst für meinen geschmack die bindende kraft der „nationalen kultur“ deutlich überbetont (die „volksfront“ ist dann ja auch die „logische“ politische konsequenz, zumal Theodorakis wohl auch dem stalinismus in griechenland nicht ganz fern stand*). er sagt in dem Interview aber auch:

    „Ich will keinesfalls behaupten, dass die einzigen Ursachen für die uns von Europa auferlegten Memoranden historische und kulturelle Differenzen seien. Die Ursachen und Gründe dafür sind allseits bekannt. Ich wollte an dieser Stelle lediglich zu einem Punkt etwas sagen, zu dem bislang kaum jemand etwas gesagt hat. Heutzutage fokussiert alles auf die Ökonomie, und die neue Religion der wohlhabenden Länder heißt „Geld“. Aber das ist ein Irrtum, und es wird der Augenblick kommen, da das überwunden werden wird. Anstelle des Geldes wird wieder der Mensch Priorität haben.“

    nun, auch das ist sicher kein „klassendiskurs“, aber immerhin ist ihm klar, dass die ursachen der probleme in der [kapitalistischen]ökonomie liegen, auch wenn er das nicht explizit so sagt.

    ---
    *“Während der Besatzung Griechenlands durch die deutschen, italienischen und bulgarischen Truppen im Zweiten Weltkrieg von 1941 bis 1944 schloss sich der junge Theodorakis dem Widerstand an. Mit 18 Jahren wurde er erstmals inhaftiert und gefoltert.[8] Zu diesem Zeitpunkt kam er auch in Kontakt mit dem Marxismus, der sein Weltbild entscheidend prägte,[9] auch wenn er stets eine kritische Haltung zu sämtlichen Ideologien bezeugt hat. Im Befreiungskampf von Athen schloss er sich den Linken an und wurde Mitglied der Nationalen Befreiungsfront EAM in den Reihen der Griechischen Volksbefreiungsarmee.“
    https://de.wikipedia.org/wiki/Mikis_Theodorakis

    insgesamt scheint Theodorakis aber eher dem eurokommunismus zuzuneigen, was ja auch besser zu seiner heutigen nähe zur LAE passt.

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