Antirassismus und Sprachkritik – am Beispiel des Wortes „Flüchtling“

Bei FB moti­vierte mich Oli­ver Jelin­ski ges­tern mal über etwas ande­res als Grie­chen­land nach­zu­den­ken. Da das Resul­tat ein paar Likes ein­brachte, sei es auch hier zur Kennt­nis gege­ben:

1. Ja, es gibt die von Dir beschrie­bene Ten­denz [„Ich meine, das klingt mit dem ‚-ling‘ doch schon wie sowas wie ‚Feig­ling‘ oder ‚Winz­ling‘ und ist damit sowohl pejo­ra­tiv als auch essen­tia­li­sie­rend.“], aber ich würde sie nicht ein­mal unbe­dingt pejo­ra­tiv nen­nen. Eher scheint mir die „-ling“-Endung etwas Ver­nied­li­chen­des und/​oder Pas­si­vie­ren­des /​ Vikti­mi­sie­ren­des aus­zu­drü­cken (Bei­spiel für Zwei­te­res: Säug­ling; Bei­spiel für Ers­te­res: Lieb­ling).

2.a) Der vikti­mi­sie­rende Aspekt reflek­tiert zum einen, wie Du m.E. zutref­fend sagst, die Vikti­mi­sie­rung, die durch die euro­päi­sche Poli­tik statt­fin­det. Da das eine – wenn auch kri­tik­wür­dige – Rea­li­tät ist, sollte so auch sprach­lich arti­ku­liert wer­den kön­nen (wenn auch nicht not­wen­di­ger­weise: mit dem Wort „Flücht­ling“).

b) Dann kommt noch hinzu: Die – eben­falls reale – Vikti­mi­sie­rung am Aus­gangs­ort der Flucht. „Flücht­linge“ bezeich­net einen ande­ren Per­so­nen­kreis als „Arbeits­mi­gran­tIn­nen“. – Auf die­ser Ebene scheint mir „Flücht­ling“ eher Mit­leid /​ Hil­fe­be­dürf­tig­keit zu arti­ku­lie­ren. Ein sol­cher ten­den­zi­ell pater­na­lis­ti­scher Dis­kurs kann zwar auch kri­ti­siert wer­den; aber er ist eher ein links­li­be­ra­les Gegen­ge­wicht zur herr­schen­den euro­päi­schen Poli­tik, als daß er mit die­ser in Eins gesetzt wer­den kann.

3. Trotz­dem würde ich sagen: Wenn Leute nicht „Flücht­ling“, son­dern „Geflüch­tete“ oder „Geflüch­te­ter“ genannt wer­den möch­ten, sollte es kein Pro­blem sein, die­sem Wunsch nach­zu­kom­men.

4. und das ist der Punkt, der mich über­haupt zum Schrei­ben ver­an­laßte: So instruk­tiv und oft­mals auch not­wen­dig der­ar­tige Sprach­kri­tik und Sprachän­de­rung auch ist, so möchte ich doch die Frage auf­wer­fen: Wie­viel bringt sie? – Wie­viel Zeit und Ener­gie ver­wen­det die Szene-​​Linke auf Sprach­kri­tik und wie­viel auf die Ver­än­de­rung der mate­ri­el­len Ver­hält­nisse?

Ich kann mich noch an meine Zeit in den 1980er Jah­ren bei den GRÜ­NEN erin­nern. Damals wurde gerade durch­ge­setzt, statt „Asy­lan­ten und Gast­ar­bei­ter“ nun­mehr „Flücht­linge und Migran­tIn­nen“ zu sagen. Fand ich auch ein­sich­tig; finde ich auch wei­ter­hin ein­sich­tig; muß viel­leicht trotz­dem noch mal nach­ge­bes­sert wer­den (Dein Punkt). – Aber trotz­dem die Frage: In wel­chem Ver­hält­nis steht die Ver­än­de­rung der Bezeich­nung der gemein­ten Per­so­nen­gruppe im Ver­hält­nis zur Ver­än­de­rung der Lebens­si­tua­tion der gemein­ten Gruppe?

Ist das seit Mitte der 1980er Jahre eine posi­tive oder doch erschüt­ternde Bilanz?

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2 Antworten auf „Antirassismus und Sprachkritik – am Beispiel des Wortes „Flüchtling““


  1. 1 Dada 05. September 2015 um 16:12 Uhr

    Wenn Leute nicht „Flüchtling“, sondern „Geflüchtete“ oder „Geflüchteter“ genannt werden möchten, sollte es kein Problem sein, diesem Wunsch nachzukommen.

    Flüchtlinge, die sich so in den Feinheiten der deutschen Sprache auskennen, sind gebildet genug, um auch Wörter wie Häuptling oder Schädling zu kennen, die weder verniedlichend noch viktimisierend sind. Solche Flüchtlinge würden sich nicht Geflüchtete nennen. Sie würden sich vielmehr über Deutsche, die von ihrer Muttersprache weniger verstehen als sie, die vor ein paar Wochen noch in Syrien lebten, höchstens lustig machen.

  2. 2 TaP 05. September 2015 um 16:28 Uhr

    „Häuptling“ und „Schädling“ gehört in der Tat nicht so zu meinem Standard-Wortschatz (zumal nicht im Zusammenhang mit Geflüchteten).

    Aber, Du wirst es kaum glauben: Ich hatte mich auch gestern schon vor dem Schreiben meiner Notiz beim Duden sachkundig gemacht, was das Suffix „-ling“ eigentlich bedeutet: „kennzeichnet in Bildungen mit Adjektiven – seltener mit Substantiven oder Verben –“ ganz allgemein „eine Person, die durch etwas (Eigenschaft oder Merkmal) charakterisiert ist“.

    Beispiele mit positiver Konnotation sind dort aber nicht genannt, sei es denn „Konservativling“ wäre ein solches Beispiel.

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