Neues von der griech. „Volkseinheit“ / LAE: Gründungskonferenz + neues „Jacobin“-Interview

Ges­tern fand - ergän­zend zur schon vor rund zehn Tagen erfolg­ten par­la­men­ta­ri­schen Frak­ti­ons­grün­dung (Engl. – mit Namens­liste der Abg.; Deutsch; mein Kom­men­tar dazu) - die Kon­fe­renz zur Grün­dung der LAE („Volks­ein­heit“ oder „Popu­lare Ein­heit“) als Wahl­for­ma­tion statt. Stathis Kou­ve­lakis, Mit-​​Herausgeber des umfang­rei­chen Cri­ti­cal Com­pa­nion to Con­tem­porary Mar­xism (s. das dor­tige PS.), pos­tete bei FB einige Fotos, von denen ich hier nur das Erste wie­der­gebe, und unten­ste­hen­den kur­zen Bericht; außer­dem erschien ein neues Inter­view mit ihm.

A few pho­tos from the foun­ding orga­niza­tio­nal con­fe­rence of Popu­lar Unity, yes­ter­day, at Athens Eco­no­mic Uni­ver­sity ASOEE. Fif­teen or so orga­niza­ti­ons and any per­so­na­li­ties appro­ved the foun­ding mani­festo and appoin­ted the Poli­ti­cal Coun­cil of PU. These orga­niza­ti­ons cover a very broad spec­trum of the Greek radi­cal Left, from Ant­ar­sya (ARAN and ARAS have been foun­ding com­ponents of the far-​​Left coali­tion) to groups com­ing from PASOK and the KKE. The back­bone is the for­mer „Left Plat­form“ of Syriza, but other, very import­ant regroup­ments com­ing from Syriza have joi­ned, such as those rep­re­sen­ted by Eleni Por­ta­liou, from a Left-​​Eurocommunist back­ground, or Kostas Mar­ma­ta­kis, Mania Bar­sef­ski and Anto­nis Sig­alas, a frac­tion of the „53″ ten­dency roo­ted in the antiglo­ba­liza­tion move­ment, anti­ra­cism and the struggle for LGBT rights.
On top: Pana­gio­tis Lafa­za­nis at the podium, below, left to right, Zoe Kostan­to­pou­lou, Eleni Por­ta­liou and Venios Ange­lo­pou­los, Petros Papa­constan­ti­nou, stan­ding, Nadia Vala­vani, Tas­sos Stav­ro­pou­los and Panos Kos­mas, sit­ting.

Das in dem Bericht erwähnte „foun­ding mani­festo“ scheint noch nicht ver­öf­fent­licht, geschweige denn über­setzt wor­den zu sein (wie auch seit ges­tern Abend?). Statt des­sen ver­öf­fent­lichte jaco​bin​mag​.com ges­tern die eng­li­sche Über­set­zung eines Inter­views mit Kou­ve­laki, das am Do. (27.8.) in L‘Humanité erschie­nen war.

Ich fange mal mit dem Ein­zi­gen an, das mir an dem Inter­view beim gest­ri­gen Lesen posi­tiv auf­ge­fal­len war. Nach dem Rück­tritt Tsi­pras‘ am Don­ners­tag der vor­letz­ten Woche und als dritt­größte Frak­tion hatte die LAE bzw. ihr Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der Lafa­za­nis ver­gan­gene Woche gemäß der griech. Ver­fas­sung für drei Tage Gele­gen­heit, zu ver­su­chen, eine neue Regie­rung zu bil­den. Dazu berich­tet Kou­ve­lakis:

We have been given these three days, and we will try and use them to demons­trate what our con­cep­tion of poli­tics is. We are gui­ded by the prin­ciple that social forces should have their say, and our pro­po­sals work in this same direc­tion: namely, the demo­cra­tiza­tion of Greece’s insti­tu­ti­ons.
So firstly, Pana­gio­tis Lafa­za­nis will have dis­cus­sions with rep­re­sen­ta­ti­ves of the social forces most affec­ted by the memorandum’s various dif­fe­rent aspects, and who are in the front rank of the fight against the memo­ran­dum and its con­se­quen­ces. That is to say, rep­re­sen­ta­ti­ves of the uni­ons of employees and reti­red people par­ti­cu­larly affec­ted by the com­ing pen­si­ons cuts and the liqui­da­tion of our remai­ning social rights; citi­zen cam­paigns against pri­va­tiza­ti­ons; far­mers, fisher­men, etc.
The idea is to show that for us poli­tics is not sim­ply about con­cla­ves with the rep­re­sen­ta­ti­ves of poli­ti­cal par­ties. Poli­tics is some­thing we do with social forces and mobi­liza­ti­ons.
Secondly, we will make insti­tu­tio­nal pro­po­sals: as a demo­cra­tic mea­sure, we want to do away with the fifty-​​seat bonus that is given to the party who comes first in the vote, as Syriza its­elf had pro­mi­sed before the elec­tions — one of its key poli­cies, aban­do­ned just like the rest.

Ansons­ten wird in dem Inter­view sehr deut­lich, daß die LAE als reine Anti-​​Memorandums-​​ /​ Anti-​​Austeritäts-​​Formation kon­zep­tio­niert ist und die LAE ein­fach da wei­ter­ma­chen will, wo SYRIZA die eine Hälfte ihres Pro­gramms (Weg mit den Memo­ran­den) zuguns­ten der ande­ren Hälfte ihres Pro­gramms (In der Euro­zone blei­ben) auf­gab:

The decisive point is rup­ture with the memo­ran­dum and aus­te­rity poli­cies. We want to can­cel the memo­ran­dums, just as Syriza had pro­mi­sed to do.

Im Gegen­zug ist die LAE zwar nun bereit, mit der Euro­zone bre­chen. Aber einen kla­ren Begriff davon, was nicht nur die Euro­zone, son­dern auch die EU (von Kapi­ta­lis­mus gar nicht erst zu reden) ist, scheint die LAE wei­ter­hin nicht zu haben.

So möchte auch die LAE ver­han­deln – über eine Redu­zie­rung der Schul­den; fast ihr ein­zi­ges Druck­mit­tel dabei: zunächst ein­mal gar kei­nen Schul­den­dienst zu leis­ten und (wie sie meint) die Wie­der­ein­füh­rung einer eige­nen griech. Wäh­rung.

Our policy is based on imme­dia­tely stop­ping the debt repay­ments: we will nego­tiate for the can­cel­la­tion of the grea­ter part of the debt, but on that basis!

it is an extre­mely import­ant lever with regard to the debt ques­tion: if we instead go for a natio­nal cur­rency, the debt will become almost unpayable, since no one would accept the repay­ment of a debt rede­no­mi­na­ted in a natio­nal cur­rency. That pla­ces us in a posi­tion of strength.

Ich hatte mei­ner­seits in der ver­gan­ge­nen Woche in Kri­tik an Tsi­pras Rück­tritts­rede eben­falls geschrie­ben:

Das (also: Wie kämp­fen?) kommt logi­scher­weise auch auf das Ziel, das erreicht wer­den soll, an. Ver­blei­ben wir in der SYRIZA-​​Logik, eine Eini­gung und Zuge­ständ­nisse errei­chen zu wol­len, wäre eine Mög­lich­keit gewe­sen, von Anfang den Schul­den­dienst ein­zu­stel­len – und zu sagen: ‚Wenn Ihr doch noch ein paar Cents (wieder)sehen 1 wollt, dann müßt Ihr uns jetzt mal ein paar groß­zü­gige Ange­bote machen.’ Kein Ahnung, ob das auch nur geringe Aus­sicht auf Erfolg gehabt hätte.

Aber: 1. Zwi­schen „Kein Ahnung, ob das auch nur geringe Aus­sicht auf Erfolg gehabt hätte.“ und dem Gewißheits-​​Glauben: „That pla­ces us in a posi­tion of strength.“ ist ein gro­ßer Unter­schied. 2. Es ist ein Unter­schied, ob diese Tak­tik Ende Jan. /​ Anfang Feb. pro­biert wor­den wäre oder ob sie nach der Neu­wahl Ende. Sept. pro­biert wer­den würde. Denn inzwi­schen haben wir es mit einer ande­ren Kon­flikt­dy­na­mik zu tun. Schon als Reak­tion auf den von Tsi­pras in Form des Refe­ren­dums begon­ne­nen und dann am Tage nach dem Refe­ren­dum abge­bro­che­nen Wider­stand bekam das dritte Memo­ran­dum einen klar ver­schärf­ten, puni­ti­ven (bestra­fen­den) Cha­rak­ter, wie Kou­ve­lakis selbst ana­ly­siert:

„There was a very clear puni­tive dimen­sion to all this. In brea­king Syriza, they wan­ted to kill off any attempt at a break with aus­te­rity. At the same time, we ought to be clear that the cur­rent capi­ta­list cri­sis is far from over, and that the ruling clas­ses seem pre­pa­red to do ever­y­thing necessary to deepen aus­te­rity poli­cies.“

Es müßte also eher damit gerech­net wer­den, daß die Reak­tio­nen auf eine even­tu­elle LAE-​​Regierung (aller­dings sieht es nach den bis­he­ri­gen Umfra­gen ohne­hin bei wei­tem nicht so aus, als ob es dazu kom­men könnte. Die ‚Radi­ka­li­tät‘ der LAE ist also eh weit­ge­hend eine ‚Schaufenster-​​Radikalität‘1) und eine etwaige Schuldendienst-​​Einstellung noch schär­fer aus­fal­len wür­den – und eine Schul­den­dien­stein­stel­lung durch­aus keine „posi­tion of strength“ bedeu­tet.

Als zwei­tes Ass im Ärmel erwähnt Kou­ve­lakis Ruß­land und die ande­ren BRICS-​​Staaten, und er wirft Tsi­pras vor, sich nicht aus­rei­chend um deren Unter­stüt­zung bemüht zu haben. Auch wenn ich eine sol­che par­ti­elle Koope­ra­tion nicht grund­sätz­lich ver­werfe, so muß für eine rea­lis­ti­sche Stra­te­gie­ent­wick­lung von vorn­her­ein berück­sich­tigt wer­den:

1.

die Nei­gung in Russ­land und China, sich auf die Seite Grie­chen­lands und gegen den Rest der EU zu stel­len, gering. Russ­land wäre zwar ange­sichts sei­ner Kon­flikte mit dem Wes­ten bezüg­lich der Ukraine gegen­wär­tig durch­aus daran inter­es­siert, einen Keil in die EU zu trei­ben. Ande­rer­seits ist die EU als Han­dels­part­ner sowohl für Russ­land als auch für Chi­na weit­aus wich­ti­ger als das kleine Grie­chen­land. Warum also wegen Grie­chen­land eine Ver­schlech­te­rung der Bezie­hun­gen zur EU ris­kie­ren? Die chi­ne­si­sche Regie­rung hat auch deut­lich gemacht, dass sie den Kon­flikt als ein inner­eu­ro­päi­sches Pro­blem betrach­tet, d.h. sich da nicht ein­mi­schen wird.
(http://​www​.jun​ge​welt​.de/​2​0​1​5​/​0​7​-​1​8​/​0​1​4.php)

2. Die BRCIS-​​Staaten sind auch alles kapi­ta­lis­ti­sche Staa­ten und jeden­falls in den Bezie­hun­gen zwi­schen kapi­ta­lis­ti­schen Staa­ten setzt sich der­je­nige durch, der am län­ge­ren Hebel sitzt – da kann Kou­ve­lakis viel über „terms favor­able to the inte­rests of the Greek people“ reden.

Eine belast­bare Stra­te­gie muß von vorn­her­ein den eige­nen Schwä­chen und Ver­wund­bar­kei­ten klar ins Auge sehen, statt sich an ver­meid­li­chen Macht­po­si­tio­nen und Bünd­nis­part­ne­rIn­nen, die in Wahr­heit unsi­chere Kan­to­nis­tIn­nen sind, zu berau­schen.

Auch die Beden­ken dagegen, daß ein kapi­ta­lis­ti­scher Grexit auch nur in kapi­ta­lis­ti­scher Logik funk­tio­nie­ren, geschweige denn posi­tiv für die Lohn­ab­hän­gi­gen in Grie­chen­land aus­fal­len würde, wird – statt mit kon­kre­ten Argu­men­ten und Hin­wei­sen auf kon­kret beab­sich­tig­ten Maß­nah­men – ein­fach mit Gewißheits-​​Glauben bei­sei­te­ge­wischt:

Cer­tainly, cur­rency deva­lua­tion does create cer­tain pro­blems, but also oppor­tu­nities: it boosts domestic pro­duc­tion, it allows for exports to be sub­sti­tu­ted for imports, and makes exports more com­pe­ti­tive. Wit­hout doubt it crea­tes pro­blems for some things that have to be paid for in hard cur­rency: petrol, energy, some medi­ca­ti­ons that have to be impor­ted — alt­hough not all that much, since domestic pro­duc­tion can pro­vide a good part of that.
All that does open up tem­porary dif­fi­cul­ties, in the tran­si­tion phase. But as all the eco­no­mists hos­tile to neo­li­be­ra­lism have shown — from Krug­man to Stiglitz, and from Agli­etta to Lor­don — the debate is over. As they tell us, Greece’s best pos­si­ble choice, and in rea­lity the only via­ble one, is for it to return to a natio­nal cur­rency; natu­rally, wit­hin the frame­work of a pro­gres­sive policy to relaunch the eco­nomy, and which can also handle the pro­blems that result from this. There will be infla­tio­nary pres­su­res, but even in that con­text a left-​​wing govern­ment can pro­tect wages.

Kou­ve­lakis igno­riert hier,

  • daß die griech. Han­dels­bi­lanz nega­tiv ist, die Ver­teue­rung der Importe also rela­tiv stär­ker zu Buche schlägt, als die Ver­bes­se­rung der Export­chan­cen.
  • Er erwähnt – anders als ein LAE-​​Fan bei Face­book – nicht ein­mal die z.Z. aus­ge­gli­chene griech. Leis­tungs­bi­lanz. Aber sie ist in den letz­ten bei­den Jah­ren erst­mals seit Beginn der sta­tis­ti­schen Erfas­sung posi­tiv (also nicht ver­läß­lich; u.a. des­halb gibt es ja die hohe griech. Aus­lands­ver­schul­dung) – und sie ist eh nur in den Som­mer­mo­na­ten (wegen des Tou­ris­mus) posi­tiv.
  • Das heißt: Grie­chen­land müßte zumin­dest kurz­fris­tig – in den Win­ter­mo­na­ten – kre­dit­fä­hig sein, was es aber nicht ist, wenn es den Schul­den­dienst ein­sei­tig ein­stellt.
  • Und die Erset­zung von Impor­ten durch ein­hei­mi­sche Pro­duk­tion erfor­dert in vie­len Fäl­len zunächst ein­mal den Import von (moder­nen) Pro­duk­ti­ons­mit­teln.
  • Und von den kon­kre­ten Mit­teln, mit denen „a left-​​wing govern­ment can pro­tect wages“, wenn (1.) die Import­preise stei­gen, (2.) die Regie­rung wenig finan­zi­elle Mit­tel zur Ver­fü­gung hat und (3.) die Export­in­dus­trie kon­kur­renz­fä­hi­ger wer­den soll, könnte er zumin­dest mal ein paar bei­spiel­haft auf­zäh­len.

Ins­ge­samt ist die­ser Opti­mis­mus von den dahin­ter­ste­hen­den Illu­sio­nen getra­gen, kapi­ta­lis­ti­sche Ökono­mie lasse sich vom bür­ger­li­chen Staat nicht nur mar­gi­nal, son­dern grund­le­gend steu­ern; und ein bür­ger­li­cher Staat könne – je nach Wil­len der­je­ni­gen, die in ihm Ämter beset­zen – für belie­bige Zwe­cke benutzt wer­den. Die Struk­tur und Funk­ti­ons­lo­gik des bür­ger­li­chen Staats und die Zwänge der kapi­ta­lis­ti­schen Kon­kur­renz wer­den igno­riert.

Und genauso fehlt der LAE ein Begriff davon, daß die EU keine Ein­rich­tung zur För­de­rung des ver­meint­li­chen euro­päi­schen ‚Gemein­wohls‘ (das es in einer Gesell­schaft, die von Herr­schaft und Aus­beu­tung stru­ku­riert ist, nicht geben kann), son­dern – qua Ver­trags­grund­la­gen und Funk­ti­ons­weise – eine Ein­rich­tung zur För­de­rung der Wett­be­werbs­fä­hig­keit des Kapi­tals sei­ner Mit­glieds­staa­ten ist:

Frage: „Your pro­gram would have Greece leave the euro­zone — but would it quit the Euro­pean Union?“

Ant­wort: „No, not neces­sa­rily. The ques­tion may well be posed, but not auto­ma­ti­cally so. After all, there are ten EU coun­tries that are not in the euro. For us, that’s not a done and dus­ted ques­tion. What our pro­gram pre­scri­bes for, in the case that the con­fron­ta­tion does go fur­ther, is to go to a refe­ren­dum.
The Bri­tish govern­ment is pre­pa­ring such a vote: its poli­ti­cal ori­en­ta­tion is ent­i­rely at odds with our own, but we don’t see why we couldn’t pose the ques­tion, too. But lea­ving the EU is not one of Popu­lar Unity’s objec­tives.“

In dem Inter­view wer­den zwar ein­mal – an der oben schon zitier­ten Stelle – die „ruling clas­ses“ und an einer ande­ren Stelle die „working-​​class and popu­lar lay­ers“ und an einer drit­ten Stelle die „cur­rent capi­ta­list cri­sis“ erwähnt. Aber in dem Inter­view fehlt ganz grund­le­gend ein Ver­ständ­nis davon, was Klas­sen­herr­schaft, was Klas­sen­ant­ago­nis­mus, was kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­weise oder auch nur kapi­ta­lis­ti­sche Krise heißt.

„Es ist eine reine Tau­to­lo­gie zu sagen, daß die Kri­sen aus Man­gel an zah­lungs­fä­hi­ger Kon­sum­tion oder an zah­lungs­fä­hi­gen Kon­su­men­ten her­vor­gehn. Andre Kon­sum­ar­ten, als zah­lende, kennt das kapi­ta­lis­ti­sche Sys­tem nicht, aus­ge­nom­men die sub forma pau­peris 1* oder die des ‚Spitz­bu­ben‘. Daß Waren unver­käuf­lich sind, heißt nichts, als daß sich keine zah­lungs­fä­hi­gen Käu­fer für sie fan­den, also Kon­su­men­ten (sei es nun, daß die Waren in letz­ter Instanz zum Behuf pro­duk­ti­ver oder indi­vi­du­el­ler Kon­sum­tion gekauft wer­den). Will man aber die­ser Tau­to­lo­gie einen Schein tief­rer Begrün­dung dadurch geben, daß man sagt, die Arbei­ter­klasse erhalte einen zu gerin­gen Teil ihres eig­nen Pro­dukts, und dem Übel­stand werde mit­hin abge­hol­fen, sobald sie grö­ßern Anteil davon emp­fängt, ihr Arbeits­lohn folg­lich wächst, so ist nur zu bemer­ken, daß die Kri­sen jedes­mal gerade vor­be­rei­tet wer­den durch eine Periode, worin der Arbeits­lohn all­ge­mein steigt und die Arbei­ter­klasse rea­li­ter grö­ßern Anteil an dem für Kon­sum­tion bestimm­ten Teil des jähr­li­chen Pro­dukts erhält. Jene Periode müßte – von dem Gesichts­punkt die­ser Rit­ter vom gesun­den und ‚ein­fa­chen‘ (!) Men­schen­ver­stand – umge­kehrt die Krise ent­fer­nen. Es scheint also, daß die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­tion vom guten oder bösen Wil­len unab­hän­gige Bedin­gun­gen ein­schließt, die jene rela­tive Pros­pe­ri­tät der Arbei­ter­klasse nur momen­tan zulas­sen, und zwar immer nur als Sturm­vo­gel einer Krise.46

1* Kon­sum­art der Armen

46 Ad notam für etwaige Anhän­ger der Rod­ber­tus­schen Kri­sen­theo­rie. F.E.
(https://​marx​wirk​lich​stu​die​ren​.files​.word​press​.com/​2​0​1​2​/​1​1​/​m​e​w​_​b​a​n​d​2​4.pdf, 409 f. – meine Hv.)

Dies heißt zwar nicht, daß es in der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise keine Lohn­er­hö­hun­gen und keine staat­li­chen Refor­men (im alten, prä-​​neoliberalen Sinne) gege­ben könne (in der ‚Gol­de­nen Zeit des For­dis­mus‘ gab es bei­des rela­tiv lange). Aber es heißt, daß sol­che Refor­men und Lohn­er­hö­hun­gen nicht den Klas­sen­wi­der­spruch tran­szen­die­ren; daß sie nichts sind, was die Kri­sen­haf­tig­keit der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise über­win­det, son­dern die nächste Krise schon in sich tra­gen, weil sie frü­her oder spä­ter zu sehr auf die Pro­fi­rate drückt.

Der Wech­sel von der keynesianistisch-​​sozialstaatlichen zur neo­li­be­ra­len Stra­te­gie war weder Zufall, noch Resul­tat ideo­lo­gi­scher Ver­blen­dung, son­dern folgte Inter­es­sen, die durch­ge­setzt wer­den konn­ten.

Dies heißt auch nicht, daß auf den Kampf um Lohn­er­hö­hun­gen und Refor­men zu ver­zich­ten wäre, solange eine Revo­lu­tion nicht mög­lich ist. Aber es heißt, daß er als kon­kre­ter und par­tei­li­cher Kampf und nicht als Kampf um ein Pro­jekt zur Ver­bes­se­rung des Kapi­ta­lis­mus zu füh­ren ist. Er sollte nicht als ein Kampf für eine Ver­bes­se­rung des Kapi­ta­lis­mus, son­dern als Kampf für des­sen Abmil­de­rung (solange seine Abschaf­fung nicht mög­lich ist) im Inter­esse der Lohn­ab­hän­gi­gen geführt wer­den. (Und ent­spre­chend ist das hin­sicht­lich des Kamp­fes um Refor­men in den race und gen­der rela­ti­ons zu for­mu­lie­ren: Es sollte nicht um die ‚Ver­bes­se­rung‘ von Patri­ar­chat und Ras­sis­mus, son­dern um deren Abmil­de­rung, solange deren Abschaf­fung nicht mög­lich ist, im Inter­esse von Frauen und Schwar­zen gehen.)

Kom­men wir zu dem letz­ten Punkt aus dem Inter­view, den ich anspre­chen möchte:

Andreas Pay­iat­sos von der griech. Schwes­ter­or­ga­ni­sa­tion der SAV, die sich an der LAE betei­ligt, pos­tu­liert:

Nur ein sozia­lis­ti­sches Pro­gramm kann Grie­chen­land und in Wirk­lich­keit Men­schen in ganz Europa und auf dem Pla­ne­ten vor der Bar­ba­rei des kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems ret­ten.

und im Sinne mei­ner vor­ste­hen­den Aus­füh­run­gen, die eine gewisse Prä­zi­sie­rung gegen­über die­sem einen Satz von Andreas Pay­iat­sos bedeu­ten, würde ich ihm zustim­men. In einem vor­ge­hen­den Inter­view pos­tu­lierte er,

eine „For­ma­tion auf­zu­bauen auf der poli­ti­schen Grund­lage einer fron­ta­len Kon­fron­ta­tion mit der Euro­zone und dem kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tem“.

Und er spricht dort von der

„Not­wen­dig­keit eines Überg­angs­pro­gramms gelangt, das mit dem kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tem und der EU bricht“.

Davon kam aber in der Erklä­rung von Lafa­za­nis und ande­ren vom 13. August, die Andreas Pay­iat­sos mit­un­ter­schrie­ben hatte, nichts vor. Dort ging es statt des­sen um eine „gemein­same Bewe­gung auf der Höhe der Bestre­bun­gen des Volks nach Demo­kra­tie und soziale Gerech­tig­keit“, also um ein sozi­al­de­mo­kra­ti­sches Pro­gramm. Auch in dem Text von Kou­ve­lakis vom 21. Aug. „Grie­chen­land: „Volks­ein­heit“ ist ent­stan­den!“ steht nichts von Sozia­lis­mus und/​oder Bruch mit dem Kapi­ta­lis­mus. Dort kommt zwar die „Natio­na­li­sie­rung der stra­te­gi­schen Sek­to­ren der Wirt­schaft, ange­fan­gen mit dem Ban­ken­sys­tem, unter gesell­schaft­li­cher Kon­trolle“ vor, aber es wird nicht gesagt, was genau mit „gesell­schaft­li­cher Kon­trolle“ gemeint ist: In wel­chem Aus­maß sol­len trotz­dem Markt-​​/​Konkurrenzmechanismen fort­exis­tie­ren? Wie sol­len sie nach einem revo­lu­tio­nä­ren Bruch (der in dem Text logi­scher­weise nicht erwähnt wird, wenn schon von Sozia­lis­mus und Kapi­ta­lis­mus nicht die Rede ist) suk­zes­sive zurück­ge­drängt wer­den?

Wie dem auch sei, in dem L‘Humanité-Inter­view wer­den die Natio­na­li­sie­run­gen nun auf die „natio­na­liza­tion of the four sys­temic banks“ und „infra­struc­ture […], such as the elec­tric grid, ports and telecom­mu­ni­ca­ti­ons“ zurück­ge­nom­men, und auch von „gesell­schaft­li­cher Kon­trolle“ ist dort nicht die Rede; statt des­sen wird extra betont: „I am not tal­king about coun­tries in tran­si­tion toward socia­lism“.

Ich möchte daher fra­gen: Warum macht die griech. SAV-​​Schwester also bei die­sem Pro­jekt mit, statt bei ANT­AR­SYA?

  1. Die LAE tritt ja aber mit der These auf und an, Tsi­pras hätte in der Posi­tion, an der er war – näm­lich als Regie­rungschef eines klei­nen, ökono­misch schwa­chen bür­ger­li­chen Staa­tes – eine andere Poli­tik machen kön­nen, als er tat­säch­lich gemacht hat. An die­sem Anspruch auf bür­ger­li­che Regie­rungs­po­li­tik­fä­hig­keit muß sich LAE also mes­sen las­sen. (ANT­AR­SYA ver­tritt dage­gen einen ganz ande­ren Anspruch und muß sich daher an die­sem Maß­stab (bür­ger­li­che Regie­rungs­po­li­tik­fä­hig­keit) nicht mes­sen las­sen!
    Frei­lich würde auch ein sozia­lis­ti­scher Grexit auf die oben ange­spro­che­nen Schwie­rig­kei­ten sto­ßen [und die­sem Pro­blem sollte sich ANT­AR­SYA stel­len]; aber eben des­halb ist für jede Stra­te­gie, die die Lebens­lage der Lohn­ab­hän­gi­gen in Grie­chen­land wirk­sam ver­bes­sern soll, zen­tral, daß sie nicht auf einen natio­nal­staat­li­chen Weg raus aus Euro­zone und EU fokus­siert, son­dern die­sen allen­falls als ers­ten Schritt einer euro­päi­schen Stra­te­gie zur Zer­schla­gung der EU und deren Erset­zung durch Ver­ei­nigte sozia­lis­ti­sche Staa­ten von Europa begreift [s. dort Nr. 3].
    Die hand­greif­li­che Umset­zung die­ser Stra­te­gie ist frei­lich ist nichts, was als Ergeb­nis der griech. Neu­wahl am 20. Sept. begon­nen wer­den könnte und was aller Wahr­schein­lich­keit auch im Laufe des nächs­ten 3/​4 Jah­res nicht ansteht. Aber diese Stra­te­gie zu kon­kre­ti­sie­ren und zu pro­pa­gie­ren, sollte jetzt begon­nen – und nicht durch Wahl­wer­bung für eine Sozi­al­de­mo­kra­tie 3.0 ersetzt wer­den.) [zurück]
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3 Antworten auf „Neues von der griech. „Volkseinheit“ / LAE: Gründungskonferenz + neues „Jacobin“-Interview“


  1. 1 TaP 01. September 2015 um 12:14 Uhr

    Und als Ergänzung noch der Anfang eines Textes, der noch in Arbeit ist:

    http://TheoriealsPraxis.blogsport.de/images/Volkseinheit_rev_Org_S_1__10_Di_1212.pdf.

  2. 2 TaP 01. September 2015 um 17:20 Uhr

    Eine leicht überarbeitete – umformulierte Einleitung, hinzugefügte Lesehinweise und Zwischenüberschriften, neue Gesamt-Überschrift des Textes u.ä. – Fassung gibt es jetzt bei linksunten.indymedia.org:

    SYRIRZA ist tot! Es lebe SYRIZA?

    https://linksunten.indymedia.org/es/node/151892.

  3. 3 TaP 01. September 2015 um 19:36 Uhr

    Ist sogar in die Mittelspalte gepackt worden – mit Dank an die Moderation. :-)

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