Lenin – ein postmoderner Sprachidealist?

Ein Gesprächs­pro­to­koll in zehn Punk­ten

Gen. sys­tem­crash hatte mich ges­tern Abend auf einen alten Spar­t­a­cist1-Arti­kel mit dem Titel Lenin als Phi­lo­soph hin­ge­wie­sen. Darin ist gegen den Ver­such, Lenin als „ökono­mi­schen Deter­mi­nis­ten“ hin­zu­stel­len, u.a. fol­gen­des Lenin-​​Zitat ange­führt:

„Das Bewusst­sein des Men­schen wider­spie­gelt nicht nur die objek­tive Welt, son­dern schafft sie auch.“ (LW 38, 203)

Dar­aus ent­wi­ckelte sich dann ges­tern Abend eine kleine Plau­de­rei über Spra­che und Welt­ver­än­de­rung /​ Sein und Bewußt­sein:

1.a) Ich sti­chele zunächst:Wenn es nicht von Lenin, son­dern von Der­rida, Fou­cault oder But­ler wäre, würde es Gen. Bronsteyn als ‚idea­lis­tisch‘ klas­si­fi­zie­ren…“

Bronsteyn hatte sich wäh­rend des NaO-​​Prozesses (unter einem Arti­kel von sys­tem­crash) für sei­nen Idealismus-​​Vorwurf gegen den Post­struk­tu­ra­lis­mus auf fol­gende Wikipedia-​​Stelle beru­fen:

„Maß­geb­lich ist dabei die Ein­sicht, dass die Spra­che die Rea­li­tät nicht bloß abbil­det, son­dern mit­tels ihrer Kate­go­rien und Unter­schei­dun­gen auch her­stellt.“

(Auch sys­tem­crash selbst schrieb damals: „eine grund­an­nahme des dekon­struk­ti­vis­ti­schen dis­kur­ses ist es, dass spra­che ‚wirk­lich­keit‘ hevor­bringt.“ /​ „so heisst es in einem wikipedia-​​artikel zu Judith But­ler […] : ‚Worte bzw. Spra­che neh­men hier also den Cha­rak­ter einer sozia­len Tat­sa­che an, wie z. B. die Aus­sage Es ist ein Junge, der einem bezeich­ne­ten Kör­per einer Kate­go­rie wie etwa Geschlecht zuord­net.‘“ )

Ich machte aber b) auch fol­gen­des Zuge­ständ­nis:

Ich würde sagen:

Es gibt jede Menge zwei­deu­ti­ger Stel­len bei vie­len Post­struktuk­tu­ra­lis­tIn­nen und De-​​KonstruktivistInnen [*].

Aber die zit. Lenin-​​Stelle aus dem Spartacist-​​Artikel ist auch zwei­deu­tig…

[*] Vgl. bspw. http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​8​/​1​1​/​0​5​/​g​e​g​e​n​e​m​p​i​r​i​s​m​u​s​-​u​n​d​-​i​d​e​a​l​i​smus/

2. sys­tem­crash ließ sich aus der Reserve locken und ant­wor­tete: „spra­che bringt keine wirk­lich­keit her­vor, bewusst­sein schon.“

3. Dazu schrieb ich dann:

Ich würde sagen: Spra­che ist die pho­no­lo­gi­sche (Schall­wel­len) oder schrift­li­che Mate­ria­li­sie­rung von Bewußt­sein – und inso­fern sind De-​​Konstruktion/​Poststrukturalismus auf alle Fälle mate­ria­lis­ti­scher als der deut­sche Bewußtseins-​​Idealismus.

Trotz­dem halte ich an dem oben Gesag­ten fest, daß es zwei­deu­tige Poststruk./De-Ko.-Stellen gibt, die die Bedeu­tung der Spra­che zu über­schät­zen schei­nen.

4. sys­tem­crash kon­terte:

ich halte es da mehr mit dem ZEN:
wenn du mit dem fin­ger auf den mond zeigst
schaut der narr zum fin­ger
und der weise zum mond

bewusst­sein und spra­che sind wie mond und fin­ger ;-)

5.a) Dar­auf­hin ick:

Also:

Saus­sure hätte gesagt:

-- Der Mond ist der Refe­rent (das Real­ob­jekt, auf das ‚refe­riert‘ /​ Bezug genom­men wird)

-- Die Geste /​ das Zei­gen ist das Zei­chen.

-- Das Zei­chen setzt sich sei­ner­seits aus dem

+++ Zei­chen­trä­ger, dem Fin­ger bzw. der kör­per­li­chen Bewe­gung in Rich­tung Mond, – S. nannte das den „Signi­fi­kan­ten“,

und

++ der Bedeu­tung der Geste (hier: ‚Ich zeige Dir den Mond.‘) – S. nannte das das „Signi­fi­kat“ -

zusam­men.

„Das sprach­li­che Zei­chen besteht aus dem Signi­fi­kan­ten als Bedeu­tungs­trä­ger und dem Signi­fi­kat als Inhalt.“ (https://​de​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​S​t​r​u​k​t​u​r​a​l​i​s​m​u​s​#​S​t​r​u​k​t​u​r​e​l​l​e​_​D​i​f​f​e​r​e​n​z​e​n​_​a​l​s​_​G​r​u​n​d​a​n​nahme)

„Refe­rent (Lin­gu­is­tik), Gegen­stand, auf den sich Wör­ter oder sprach­li­che Zei­chen bezie­hen“ (https://​de​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​R​e​f​erent)

b)

Und das Pro­blem an vie­len Post­struk­tu­ra­lis­tIn­nen – im Gegen­satz zum Struk­tu­ra­lis­mus – ist, daß sie die Refe­ren­ten ein­fach unter den Tisch fal­len las­sen.

Zwar ist zutref­fend, was schon S. sinn­ge­mäß sagte:

„Bedeu­tung ent­stehe nicht durch Refe­renz auf Gegen­stände oder Gedan­ken, son­dern allein durch die Unter­schiede des Zei­chens zu ande­ren Zei­chen im Sys­tem.“ (Wiki – Struk.) -

aber das heißt nicht, daß es die Gegen­stände (Refe­ren­ten) nicht gäbe.

Aber – und dies gegen den Prä (!)-Struk­tu­ra­lis­mus: Es gibt KEINE wesen­hafte Bezie­hung zwi­schen dem Mond (Real­ob­jekt) und dem Umstand, daß er (im Deut­schen) als „Mond“ bezeich­net wird.

Im Eng­li­schen wird er halt „moon“ genannt und im Fran­zö­si­schen „lune“. – Was eine bestimmte Laut-​​ oder Zei­chen­folge bedeu­tet, ergibt sich aus dem jewei­li­gen Sprach­sys­tem und NICHT aus dem Refe­ren­ten (Real­ob­jekt)3.

Dies ändert aber wie­derum nichts daran, daß der Mond nicht dadurch zu einem Apfel wird, daß wir ihn „Apfel“ nen­nen!2

6. Dar­auf ant­wor­tete sys­tem­crash:

a)aa) zu Punkt 5.a) „ja, das macht sinn. trotz­dem sind das ‚zei­chen‘ und der ‚gegen­stand‘ zwei völ­lig ver­schie­dene dinge.“

bb) Ich ergänzte dazu dann nur noch:

Ja, auf alle Fälle! – Das hat Alt­hus­ser [p. 86 s.]- unter Beru­fung auf Marx (Einl. 1857) [S. 632 f.] und Mao (Über die Pra­xis [S. 348]) – gegen den sich als mar­xis­tisch ver­ste­hen­den Empi­ris­mus sehr deut­lich her­aus­ge­ar­bei­tet.

Der Empi­ris­mus unter­schlägt – obwohl er „die Pra­xis“ hoch­hält – gerade die PRA­XIS DER ERKENNT­NISPRO­DUK­TION – [p. 187] und erklärt statt des­sen die Erkennt­nis zum Wesen (‚Kern‘) des Erkann­ten – setzt also Gedanken-​​Konkretum und Real-​​Konkretum in eins (bzw. erklärt ers­tere zu einer Teil­menge [‘Kern‘] des Letz­te­ren) [vgl. p. 35 s.].

b)aa) Außer­dem ant­wor­tete sys­tem­crash auf die Behaup­tung, „Bedeu­tung ent­stehe nicht durch Refe­renz auf Gegen­stände oder Gedan­ken, son­dern allein durch die Unter­schiede des Zei­chens zu ande­ren Zei­chen im Sys­tem.“, mit fol­gen­dem State­ment:

ich würde sagen, bedeu­tung ist das, was wir in die dinge (hinein)deuten (was dann andere zei­chen bedingt). als ich dei­nen obi­gen text gele­sen hatte, hatte ich beim wort „mond“ sofort „roman­ti­sche“ asso­zia­tio­nen. beim wort „moon“ oder „lune“ nicht. bei „lune“ hatte ich nur spon­tan an (frau)Luna gedacht :-)

bb) Meine Rück­ant­wort dar­auf lau­tete:

Die „‚romantische[n]‘ asso­zia­tio­nen“ sind die Kon­no­ta­tion (des Zei­chens „Mond“ im Deut­schen), der Mond ist die Deno­ta­tion (und der inter­es­siert sich einen feuch­ten Käse­dreck für die Roman­tik).

7.a) Dem­ge­gen­über warf sys­tem­crash die Frage auf:

kann es denn über­haupt eine tren­nung (psychologisch/​wahrnehmungsmässig) von deno­ta­tion und kon­no­ta­tion geben? ich glaube nicht

b) Dar­auf ant­wor­tete ich:

Doch, die Ver­bin­dung von Deno­ta­tion und Kon­no­ta­tion ist kultur-​​ /​ sprach-​​spezifisch; bei „Mond“ /​ „moon“ /​ „lune“ etc. ist die roman­ti­sche Kon­no­ta­tion in den euro­päi­schen Spra­chen viel­leicht sprach-​​übergreifend; bei den Zei­chen für andere Refe­ren­ten sicher­lich nicht.

Und:

Bei­spiel: Ich weiß nicht, ob’s stimmt, aber ich ver­mute mal: Die roman­ti­sche Kon­no­ta­tion von „der Wald“ und insb. „die Eiche“ ist deutsch-​​spezifisch – aber keine Ahnung.

8.

a) So dann stellte sys­tem­crash die Behaup­tung auf:

JEDER begriff hat einen kul­tu­rel­len kon­text. etwas anders ist gar nicht MÖG­LICH

b) Ich ant­wor­tete dar­auf:

Nein, BEGRIFFE sind gerade weder sprach-​​ noch kultur-​​spezifisch, son­dern sogar zeichen-​​übergreifend:

++ Z.B.: Im Mar­xis­mus gibt es nur einen Begriff – ich sage jetzt mal – „Mehr­wert“, ganz unab­hän­gig davon, ob zu sei­ner Bezeich­nung „Mond“, „sur­plus value“ oder sonst irgend etwas ver­wen­det wird.

++ Einen Begriff zeich­net gerade aus, daß er eine klare Defi­ni­tion hat, die die Kon­no­ta­tio­nen des ZEI­CHENS, das für ihn ver­wen­det wird, AUS­SCHLIESST.

c) Das schien sys­tem­crash noch nicht so ganz zu über­zeu­gen. Denn er ant­wor­tete:

mag sein, trotz­dem hat auch „mehr­wert“ einen kul­tu­rel­len kon­text. schon allein des­halb, weil spra­che selbst ein kul­tur­pro­dukt ist.

d) Mein Gegen-​​Einwand lau­tete:

Ja, aber das ist dann nicht der mar­xis­ti­sche BEGRIFF „Mehr­wert“, son­dern das deut­sche WORT „Mehr­wert“, das eng­li­sche WORT „sur­plus value“ usw.

9.a) sys­tem­crash fragte dar­auf hin:

wie willst du den „wis­sen­schaft­li­chen begriff“ vom „wort“ tren­nen?

b) Ich ant­wor­tete:

Diese – viel­leicht nicht: „Tren­nung“, aber auf alle Fälle: – Unter­schei­dung, die­ser ‚epis­te­mo­lo­gi­sche BRUCH‘ (Bachel­ard) zwi­schen All­tags­ver­stand (spon­ta­nem Bewußt­sein) und Wis­sen­schaft (THEO­RE­TISCH P R O D U Z I E R T E N Erkennt­nis­sen), z.B. zwi­schen revo­lu­tio­nä­rem Mar­xis­mus und Trade-​​Unionismus, ist gerade die Leis­tung, die die wis­sen­schaft­li­che Pra­xis – immer gefähr­det, in den All­tags­ver­stand zurück­zu­fal­len /​ sich vagen Meta­phern anheim zu geben – voll­bringt.

10.a) Dar­auf erwi­derte sys­tem­crash:

da stimme ich natür­lich zu. aber zwi­schen bei­den „berei­chen“ exis­tiert keine chi­ne­si­sche mauer, son­dern es fin­det eine dau­ernde inter­ak­tion statt; oder sollte zumin­dest statt­fin­den. dies unter­schei­det dann die sekte im elfen­bein­turm von der leben­di­gen poli­ti­schen bewegung/​organisation

b) Ich ant­wor­tete:

„[…] wir wis­sen, daß es keine REINE theo­re­ti­sche Pra­xis gibt, keine ganz nackte Wis­sen­schaft, die in ihrer Geschichte für immer durch irgend­eine Gnade vor den Bedro­hun­gen und Beein­träch­ti­gun­gen des Idea­lis­mus bewahrt wäre, d.h. vor den IDEO­LO­GIEN, die sie bela­gern: Wir wis­sen, daß es eine ‚reine‘ Wis­sen­schaft nur unter der Bedin­gung gibt, daß man sie stän­dig rei­nigt“ (Alt­hus­ser, Für Marx, Suhr­kamp: FfM, 1968, 109).

Dafür bekam ich dann von sys­tem­crash ein „Like“ – und es war inzwi­schen auch Zeit gewor­den, schla­fen zu gehen…

  1. Vgl. dort: Abschnitt: „Pole­mics with the Inter­na­tio­nal Com­mu­nist Lea­gue /​ Spar­t­a­cist Lea­gue“. [zurück]
  2. Vgl. dazu auch bereits:

    S. 49 mit FN 1:

    Denn dar­aus, daß man­che Äuße­run­gen per­for­ma­tiv sind (Das berühmte ‚Ich erkläre Euch zu [Ehe]Mann und [Ehe]Frau‘, ‚Ich taufe Dich auf den Namen XY‘), folgt nicht, daß alle Äuße­run­gen per­for­ma­tiv sind – also bspw.: ‚Es waren A und B, nicht C und D, die ich ge­stern getraut habe‘, ‚Es wird mein Wel­len­sit­tich sein, den ich gleich tau­fen werde, und nicht die Yacht mei­ner Nach­ba­rin‘, ‚Mein Wel­len­sit­tich sitzt in sei­nem Käfig und fliegt nicht im Zim­mer umher‘. All diese zuletzt genann­ten Äuße­run­gen sind ent­we­der wahr oder irrtüm­lich (wenn nicht gelo­gen), aber kei­nes­falls per­for­ma­tiv, […]

    Auch meine größ­ten (Bezeichnungs)irrtümer kön­nen mei­nen Wel­len­sit­tich nicht in die Yacht mei­ner Nach­ba­rin ver­wan­deln.

    [zurück]

  3. Wäre es anders, würde es nur eine Spra­che geben, das heißt: ein Zei­chen für jedes Real­ob­jekt – und nicht ver­schie­de­nen Zei­chen (in den ver­schie­de­nen Spra­chen) für ein-​​ und das­selbe Real­ob­jekt. Auch Homonyme würde es dann nicht geben. [zurück]
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