Fragen über Fragen zu einem „Handelblatt“-Artikel – an KeynesianistInnen und KommunistInnen

Frage an Keyne­sia­nis­tIn­nen:

1.

Kön­nen mir das bitte mal wel­che erklä­ren?

„Bei einem Staat bedeu­tet weni­ger Geld aus­zu­ge­ben aber, die Wirt­schaft zu brem­sen.“

http://​www​.han​dels​blatt​.com/​p​o​l​i​t​i​k​/​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​/​g​r​i​e​c​h​e​n​l​a​n​d​-​k​r​i​s​e​-​d​i​e​-​d​e​u​t​s​c​h​e​-​m​i​l​c​h​m​a​e​d​c​h​e​n​-​r​e​c​h​n​u​n​g​/​1​2​0​9​9​7​3​8​.html

Warum denn?!

++ Der Staat kann doch auch nur ENT­WE­DER Geld aus­ge­ben, das er als Steu­ern oder Kapi­tal­markt­kre­dit von Drit­ten bekommt, die dann ihrer­seits das Geld nicht mehr aus­ge­ben kön­nen,

++ ODER er bekommt es als Kre­dit der Zen­tral­bank – dann ist das zusätz­li­che Geld aber eine infla­tio­näre Geldil­lu­sion.

Unter dem Strich ist doch der keyne­sia­nis­ti­sche Zau­ber­trick ein Null­sum­men­spiel.

2.

Nächste Frage – spe­zi­ell an Links-​​KeynesianistInnen:

„Ganz anders bei Staa­ten, und übri­gens auch bei den meis­ten Unter­neh­men. Wird Deutsch­land jemals alle seine Schul­den zurück­zah­len? Mit gro­ßer Sicher­heit nicht. Könnte die Deut­sche Bank alle ihre Schul­den zurück­zah­len? Dann wäre von der Bank nichts mehr übrig. Tat­säch­lich müs­sen Schul­den nicht zurück­ge­zahlt wer­den. Es geht viel­mehr um zwei andere Punkte. Ers­tens: Kann der Staat die Zin­sen bezah­len?“

Daß Schul­den nicht unbe­dingt zurück­ge­zahlt wer­den müs­sen, son­dern Kre­dite durch Kre­dite ersetzt wer­den kön­nen, sehe ich ein.

Aber warum soll es denn LINKS sein, daß ein Staat Kre­dite auf­nimmt – statt (zusätz­li­che) Vermögens-​​ und Unter­neh­mens­steu­ern in ent­spre­chen­der Höhe zu erhe­ben (solange wir es denn mit Kapi­ta­lis­mus zu tun haben) – UND DAFÜR ZIN­SEN an die Geld­ei­gen­tü­me­rIn­nen zahlt, statt ihnen das Geld qua Steu­ern weg­zu­neh­men?

Hin­zu­kommt: Mit einer Erset­zung alter durch neue Kre­dite ist es ja nach keyne­sia­nis­ti­scher Logik nicht getan. Denn dadurch würde die ver­meint­li­che zusätz­li­che Nach­frage nicht dau­er­haft stei­gen. – Sie würde allen­falls EIN­MAL anfal­len (was ich aber auch schon bestreite – siehe Nr. 1).

Wenn die Nach­frage dau­er­haf­ten stei­gen soll, müs­sen nach keyne­sia­nis­ti­sche Logik (die m.E. aber eine Unlo­gik ist – siehe Nr. 1) die Schul­den (und folg­lich die Zins­zah­lun­gen an die Geld­ei­gen­tü­me­rIn­nen stei­gern. – Warum soll das LINKS sein?)

3.

„Neh­men wir an, die Wirt­schaft wächst um ein Pro­zent und die Zin­sen lie­gen (nach Abzug der Infla­tion) bei drei Pro­zent. Die Ver­schul­dung des Staa­tes liegt bei 100 Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­dukts. Dann kann die Regie­rung die Schul­den­last um ein Pro­zent wach­sen las­sen, und am Ende des Jah­res liegt die Ver­schul­dung immer noch bei 100 Pro­zent, weil das Brut­to­in­lands­pro­dukt ja auch um ein Pro­zent gewach­sen ist.“

Ja, und?! – Was soll damit aus­ge­sagt wer­den? – Jeden­falls ist damit nicht bewie­sen, daß ‚die Wirt­schaft‘ um 1 % WEGEN der um ein 1 % gestie­ge­nen Ver­schul­dung wächst.

4.

Zum nächs­ten Zah­len­bei­spiel in dem Arti­kel:

Die Regie­rung „kann die­ses eine Pro­zent Neu­ver­schul­dung direkt aus­ge­ben und damit die Wirt­schaft unter­stütz­ten.“

Wer oder was ist denn ‚die Wirt­schaft‘ (ganz all­ge­mein)? Und wo kommt denn das Geld her, das der Staat durch zusätz­li­che Ver­schul­dung aus­ge­ben kann, wenn nicht ENT­WE­DER aus ‚der Wirt­schaft‘ (ganz all­ge­mein) – ODER aber aus infla­tio­nä­rer Geldil­lu­sion (siehe noch ein­mal Nr. 1)?

5.

„Wenn man die­sen etwas kom­pli­zier­ten Zusam­men­hang über­sieht, bleibt abso­lut unver­ständ­lich, warum man­che Staa­ten immer tie­fer in die Ver­schul­dung rut­schen und andere ihre Defi­zite viel bes­ser in den Griff bekom­men. Dann wird die­ses Gefälle allzu schnell auf Unter­schiede in der Finanz­dis­zi­plin oder gar der ‚Men­ta­li­tät‘ zurück­ge­führt. Das heißt nicht, dass es sol­che Unter­schiede nicht gäbe, aber ihre Bedeu­tung wird maß­los über­schätzt, wenn man die zugrunde lie­gende wirt­schaft­li­che Dyna­mik nicht ver­steht.“

Klar, liegt es nicht an „Men­ta­li­tät“ und sol­chem ras­sis­ti­schen Quatsch. – Aber was in dem gan­zen Text nicht vor­kommt sind: Markt-​​Konkurrenz und Klas­sen­kampf.

6.

Zur Abwechs­lung mal ein Punkt, wo der Arti­kel über­zeugt – was aber nicht für die Richtigkeit/​Wahrheit des Keyne­sia­nis­mus spricht:

„Deutsch­land bekommt, wenig über­ra­schend, im End­ef­fekt als Gläu­bi­ger­land Zin­sen von den Schuld­ner­län­dern. Wer­den die Zin­sen bei Ret­tungs­kre­di­ten sehr nied­rig gehal­ten, fließt weni­ger Geld. Aber erst wenn die Refi­nan­zie­rung der Ret­tungs­kre­dite teu­rer würde als die Ret­tungs­kre­dite sel­ber, erst dann wür­den die star­ken Län­der tat­säch­lich drauf­zah­len. Deutsch­land zahlt also nicht wegen der Euro-​​Krise, son­dern bekommt sogar Geld“

7.

PUNKT 4 des Arti­kel über­zeugt mich (logisch-​​mathematisch) eben­falls. Da das gleich drei Absätze sind, zitiere ich das hier nicht, son­dern komme gleich zu der Stelle, die mich aber poli­tisch nicht über­zeugt:

„Oder sie ver­schul­den sich vor allem in ihrer eige­nen Wäh­rung. Dann wer­den sie irgend­wann etwas mehr Geld dru­cken, die Infla­tion antrei­ben und die eigene Wäh­rung abwer­ten, um ihr Pro­blem zu lösen.“

Das ist ja aber nicht unbe­dingt LINKS, da frag­lich ist, ob es den Lohn­ab­hän­gi­gen gelingt, Lohn­er­hö­hun­gen im Umfang von min­des­tens der Infla­ti­ons­rate durch­zu­set­zen.

Hin­zu­kommt: Für Län­der, die ohne­hin schon mehr impor­tie­ren als expor­tie­ren, bedeu­tet eine Wäh­rungs­ab­wer­tung eine STEI­GE­RUNG des Außen­han­dels­de­fi­zits:

  • Die Exporte, die aber klei­ner sind als die Importe, wer­den bil­li­ger.
  • Die Importe, die grö­ßer sind als die Exporte, wer­den teu­rer. -

Also steigt per Saldo das Defi­zit.

8.

„Die ent­schei­dende Frage lau­tet doch: Wozu brau­chen wir über­haupt einen gemein­sa­men Markt? Die Ant­wort ist sehr ein­fach: Weil er den Ver­brau­chern nützt. In einem gemein­sa­men Markt kön­nen sie die Waren bei den leis­tungs­fä­higs­ten Anbie­tern bezie­hen, das führt ins­ge­samt zu einem bes­sern Preis-​​Leistungs-​​Verhältnis.“

Aha, die – damals – EWG und alles, was sich dar­aus ent­wi­ckelt hat, wurde also im Inter­esse „der Ver­brau­cher“ – die schein­bar kei­ner Klasse ange­hö­ren – und nicht (oder jeden­falls nicht nur und schon gar nicht: vor­ran­gig) im Inter­esse des Kapi­tals gegrün­det…????! -

Was für einE Akteue­rIn sind denn „die Ver­brauer“, daß sie so etwas Weit­rei­chen­des, wie die EWG/​EG/​EU durch­set­zen konn­ten?

Und zum Schluß noch eine Frage an meine Mit-​​KommunistInnen:

„Nicht zufäl­lig lie­gen schwa­che Regio­nen – etwa Grie­chen­land, Süd­ita­lien oder Por­tu­gal – übri­gens auch geo­gra­phisch oft weit von den Zen­tren eines gemein­sa­men Mark­tes ent­fernt. Und starke Regio­nen, wie etwa Schwa­ben, haben diese Stärke häu­fig über Jahr­zehnte hin­weg durch den Auf­bau wirt­schaft­li­cher und tech­ni­scher Struk­tu­ren erwor­ben, die sich nicht so ein­fach mal kopie­ren las­sen.“

WIE BEKOM­MEN WIR ES DENN IN DER SOZIA­LIS­TI­SCHEN ÜBERG­ANGS­GE­SELL­SCHAFT, falls es sie noch mal geben wird, HIN, SOL­CHE his­to­risch geerb­ten GEFÄLLE MÖG­LICHST SCHNELL ABZU­BAUEN?

Oder klappt das mit der copy-​​ & paste-​​Methode nur im Kapi­ta­lis­mus nicht, aber in der sozia­lis­ti­schen Überg­angs­ge­sell­schaft schon ganz ein­fach?

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3 Antworten auf „Fragen über Fragen zu einem „Handelblatt“-Artikel – an KeynesianistInnen und KommunistInnen“


  1. 1 TaP 08. August 2015 um 10:01 Uhr

    Kommentar zu Nr. 1 von neoprene bei FB:

    Das verfügbare Geld in einer Wirtschaft ist kein strenges Nullsummenspiel. Die Banken betreiben Geldschöpfung bei ihrer Kreditvergabe. Erst, wenn sich herausstellt, daß dadurch gar kein gewinnbringendes kapitalistisches Geschäft entstanden ist, gibt es die Probleme. Die riesige Aufblähung der Finanzgeschäfte zu abertausenden Milliarden ist auch nicht zu Lasten von schwäbischen Hausfrauen gelaufen, die deswegen nicht mehr im Möbelgeschäft eine neue Couch hätten kaufen können.

    Antwort von TaP:

    Wie kann denn eine Bank, die KEINE Zentralbank ist, Geld schöpfen?

    ++ Entweder hat sie liquide Mittel, die sie verleihen kann, …

    ++ … oder sie leiht sich das Geld, das sie ihrerseits weiterverleiht, von Leuten, die es danach nicht mehr haben. -

    Also bleibt es doch bei einem Nullsummenspiel. -

    Aber: Da Du ja auch kein Keynesianist bist – wo setzt denn Deine Kritik am Keynesianismus ein, wenn anscheinend nicht an der Stelle, wo meine einsetzt?

    Rück-Antwort von neoprene:

    Banken verleihen gar nicht liquide Mittel, sondern vergeben Kredite in Form von ihren Kunden eingeräumten Krediten oder Kreditlinien, die sie felexibel ausnützen dürfen. Damit das nicht uferlos passiert, setzt jede Zentralbank Mindestreservesätze an, „wobei eine Bank lediglich einen Teil der Bankguthaben stets verfügbar als Reserve zur Auszahlung halten muss. Der Mindestreserve-Satz legt dabei die Höhe der verpflichtenden Reserve fest. Damit ist es möglich, im Mindestreserve-System die Geldmenge des zugrundeliegenden Währungssystems weit über das Niveau auszudehnen, was tatsächlich als hinterlegte Reserve zur Verfügung steht.“ (wikipedia)

    Letztlich hast du schon recht, wenn die gesamtwirtschaftliche Geldmengenausweitung über die „wirkliche“ erfolgreiche Kapitalverwertung hinaus gesteigert wird, sei es durch eine „überzogene“ Geldmengen/Kreditmengenausweitung des Bankensystems, sei es durch „zu hohe“ Staatsausgaben, dann wirkt das inflationär.

    Ganz allgemein bin ich zu schlecht in bürgerlicher Ökonomie wie erst recht in marxistischer als daß ich dir da vernünftige Antworten geben kann.

  2. 2 TaP 08. August 2015 um 10:06 Uhr

    Und neoprene zu Nr. 8:

    Die Verbraucher-Geschichte ist ganz offensichtlich eine billige Begründungsfassade, die mit den wirklichen Beweggründen der Staaten und ihrer Macher, die sich auf die EWG und später die EU eingelassen haben, nicht das Mindeste zu tun hatten.
    Die Hoffnung war in jedem Staat, daß erstens die gesamte wirtschaftliche Aktivität im neuen Binnenraum schneller steigt als ohne Zusammenschluß und daß der eigene Staat, bzw. dessen Wirtschaft (also dessen Firmen) überproportional davon profitiert. Das ging bekanntlich für die einzelnen Mitgleider der EWG ganz unterschiedlich aus. Aber selbst als für die meisten Staaten ersichtlich wurde, daß sie doch nicht die Gewinner geworden waren, sind sie dabei geblieben. Je länger das ging, umso mehr mit der Befürchtung, daß „jetzt“ ein Ausstieg die eigene Wirtschaft noch mehr zurückwerfen würde.

  3. 3 TaP 08. August 2015 um 10:08 Uhr

    Und zur letzten Frage – der an die KommunistInnen:

    ++ neoprene:

    Eine vernünftige Planung für ein Gebiet mit sehr unterschiedlichen Niveaus und Strukturen der Wirtschaft auf den Teilgebieten würde sicherlich einerseits priortär Investitionen in den bisher schwachen Gebieten vorschlagen. Andererseits gibt es natürlich auch als Gegenargument, daß zentrale Produktion in vielen Fällen effizienter ist. Dann würde man das höchstens um des lieben Friedens willen zerschlagen und über die Fläche verteilen.

    ++ Achim Schill (systemcrash):

    ich glaube, den gedanken einer „gleichmässigen“ wirtschaftlichen entwicklung sollte man sich komplett aus dem kopf schlagen. sicherlich wäre es möglich, dass man in einer „planwirtschaft“ mehr steuerungsmöglichkeiten hätte, aber es wird immer unterschiede nach landschaft, region, natürliche vorkommen, kultureller background und noch tausend anderer gründe geben. und das wäre auch nicht weiter schlimm, solange es nicht zentrifugale tendenzen erzeugt. die gefahr, dass schwächer entwickelte gebiete ausscheren (aus einem grösseren wirtschaftsverband), ist aber immer potentiell gegeben.

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