Zum aktuellen Massenbewußtsein in Griechenland – Ein Artikel aus der „Zeit“ mit Zitaten eines ANTARSYA-Mitgliedes

Also, ich habe keine eige­nen Ein­druck von vor Ort und kann auch kein Grie­chisch, aber mein poli­ti­scher Ver­stand und meine poli­ti­sche Erfah­rung brin­gen mich dazu, das, was die Zeit schreibt für sehr rea­lis­tisch – und das zitier­ten ANTARSYA-​​Mitglied für zu opti­mis­tisch – zu hal­ten:

die, die ihm [Tsi­pras] gefolgt sind, ste­hen allein da. Ent­täuscht, auf­ge­wühlt. Und, zumin­dest jetzt noch: rat­los. Am spä­ten Mitt­woch­abend saß die Stu­den­tin Stella mit zwei Freun­din­nen am Rande des zen­tra­len Syntagma-​​Platzes in Athen auf einer Bord­stein­kante. Sie war oft hier in den ver­gan­ge­nen Mona­ten um gegen die euro­päi­sche Spar­po­li­tik zu demons­trie­ren, aber dies­mal war alles anders, dies­mal demons­trierte sie erst­mals auch gegen die, die sie selbst gewählt hat. […]. Die Stim­mung auf dem Platz war anders als bei den vor­he­ri­gen Demos. Ver­ein­zelt erklan­gen zwar Pro­test­rufe, doch die große Mehr­heit starrte nur hoch zum Par­la­ment, wo zu die­ser Stunde Alexis Tsi­pras für ein Ja zum Spar­pakt warb.

Mas­sen sind bis­her aller­dings noch nicht auf den Stra­ßen, weder an die­sem Abend noch in den Tagen davor oder danach. Von den 62 Pro­zent Nein­sa­gern sind die meis­ten still. Viele haben auch ihre Mei­nung geän­dert. 70 Pro­zent spra­chen sich in einer Umfrage für ein Ja zum aktu­el­len Memo­ran­dum aus. Wie kann das sein? Die meis­ten erklä­ren es so: Das Nein in der Volks­ab­stim­mung war ein Nein zur Poli­tik der Euro­gruppe und zur Fremd­be­stim­mung. Nach­dem dann am Sonn­tag, vor allem durch Wolf­gang Schäu­ble, der Raus­wurf aus dem Euro bedroh­lich real wurde, stimm­ten sie für das klei­nere Übel, das Memo­ran­dum. Ein Ja aus Not­wehr.

Anm.:
Ob sich das Memo­ran­dum wirk­lich als das klei­nere Übel erwei­sen wird, ist aller­dings noch sehr die Frage – und vor allem: im Ver­gleich zu wel­chem tat­säch­lich mög­li­chen oder zumin­dest wünsch­ba­ren Ande­ren? – Aber daß das die viele Men­schen in Grie­chen­land so sehen, scheint mir sehr wahr­schein­lich zu sein – ansons­ten hät­ten sie ja bis­her nicht SYRIZA, son­dern KKE oder ANT­AR­SYA gewählt.

In einem Vor­ort von Athen sitzt Tha­nos Andrit­sos an einem Café­tisch, die hel­len, locki­gen Haare zurück­ge­bun­den, und sagt: „Ich war nie sehr opti­mis­tisch, dass Syriza das wirk­lich durch­hält, des­we­gen bin ich jetzt auch nicht allzu ent­täuscht.“ Andrit­sos ist 30 Jahre alt, Archi­tekt und Akti­vist der klei­nen Par­tei Ant­ar­sya, die links von Syriza steht. Er wirft Tsi­pras vor, die­ser habe „dem sozia­len Kampf der Lin­ken gescha­det“. Denn: „Wer wirk­lich links sein will, darf sich nie dem Druck der EU-​​Sparpolitik beu­gen.“ Durch die Unter­stüt­zung auf der Straße sei Tsi­pras erst an die Macht gekom­men, nun aber habe er diese durch sein „unglaub­li­ches Ein­kni­cken“ ver­ra­ten – und dadurch indi­rekt das Ver­hal­ten all der alten Regie­run­gen legi­ti­miert, die ja am Ende auch immer ein­ge­knickt seien. „Die Bevöl­ke­rung war viel ent­schie­de­ner in ihrer Ableh­nung der EU-​​Institutionen als die Regie­rung“, glaubt er. „Diese Ent­schlos­sen­heit, diese Wut wird nicht ein­fach so ver­schwin­den.“ Es gebe in Grie­chen­land eine „Mehr­heit für den sozia­len Kampf“.

Das ist sicher links­ra­di­kale Rhe­to­rik, aber ganz falsch ist es des­halb nicht. Dafür hat nicht nur Syriza mit ihren Revo­lu­ti­ons­sprü­chen gesorgt, dafür sorgt ganz ein­fach auch die Rea­li­tät. Der Archi­tekt Andrit­sos ist ja nicht der ein­zige, der von ein paar Hun­dert Euro lebt, allzu viele Grie­chen hal­ten sich gerade so über Was­ser, und die neuen Spar­maß­nah­men könn­ten sie nun ganz unter Was­ser drü­cken. Wenn sie dafür, wie Syriza es nahe­legt, Europa ver­ant­wort­lich machen, könnte aus den klei­nen, eher rat­lo­sen Demos die­ser Tage schnell wie­der eine wütende Mas­sen­be­we­gung wer­den. Wenn der Schock über die Nie­der­lage vor­bei ist, könnte die Reak­tion umso gewal­ti­ger aus­fal­len.
Des­halb tin­gelt Andrit­sos seit Wochen durch die Stadt­vier­tel, orga­ni­siert kleine Nach­bar­schafts­ver­samm­lun­gen. Er will ver­hin­dern, „dass Angst die Poli­tik ersetzt“, er will, „dass die Men­schen zusam­men­hal­ten“. Denn dass die gro­ßen Pro­teste wie­der­kom­men wer­den, da ist er sich sicher. „Die Frage ist nur, ob sie rechts oder links sein wer­den.“

Hv. von TaP

Der Wie­der­auf­stieg der Rechts­ra­di­ka­len: Das ist die große Sorge nicht nur von Andrit­sos. Die neo­na­zis­ti­sche Par­tei Gol­dene Mor­gen­röte wurde bei der letz­ten Wahl ver­gleichs­weise klein gehal­ten, weil Syriza die aller­meis­ten Pro­test­stim­men auf sich zie­hen konnte. Doch nun kön­nen sie sich, wie in der Nacht auf Don­ners­tag, vom Red­ner­pult des Par­la­ments als ein­zige kon­se­quente Nein­sa­ger fei­ern.

Quelle:

http://​www​.zeit​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​a​u​s​l​a​n​d​/​2​0​1​5​-​0​7​/​g​r​i​e​c​h​e​n​l​a​n​d​-​n​e​i​n​s​a​g​e​r​-​w​u​t​-​krise

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8 Antworten auf „Zum aktuellen Massenbewußtsein in Griechenland – Ein Artikel aus der „Zeit“ mit Zitaten eines ANTARSYA-Mitgliedes“


  1. 1 TaP 17. Juli 2015 um 23:37 Uhr

    Siehe zu ANTARSYA auch noch:

    „wir fordern außerdem das Fallenlassen aller Anschuldigungen gegen die 50 festgenommenen DemonstrantInnen. Unter ihnen sind auch zwei GenossInnen von OKDE-Spartakos, Mitglieder der Antikapitalistischen Linken Koalition ANTARSYA, eine der organisierenden Gruppen der Demonstration. Einer von ihnen ist Lehrer und Gewerkschaftsaktivist, und der andere ist der Gewerkschaftssekretär der Bücherei-Angestellten in Athen.“

    „Unter den Festgenommenen sind zwei GewerkschafterInnen – einer von ihnen schwer verletzt –, die Mitglieder der Organisation OKDE-Spartakos (Teil von ANTARSYA) sind. Einer ist Lehrer und der andere ist Vertreter der Gewerkschaft für Bücherei-Angestellte in Athen.“

    http://www.klassegegenklasse.org/internationale-solidaritat-mit-den-festgenommenen-griechischen-demonstrantinnen-auf-dem-syntagma-platz/

  2. 2 TaP 18. Juli 2015 um 1:55 Uhr

    Noch etwas zu dem Antirep-Thema:

    „The part of the demonstration where members of OKDE-Spartakos were standing, with obvious presence, flags and chants, were attacked brutally without any provocation by the riot police, who cruelly beat and wounded demonstrators and then arrested them for no reason.
    Two comrades of OKDE-Spartakos and ANTARSYA, after a harsh beating during the attack, but also after their arrest, were taken the next day 16/7, with other arrested demonstrators, to the DA with lots of ridiculous false charges. Their trial has been scheduled for Wednesday 22 July. These two comrades are Manthos Tavoularis, bookstores worker and Secretary of Book shops Workers’ Union and Michalis Goudoumas, social worker, member of the Union of Workers of the Foundation for the Child ‚Pammakaristos‘“

    http://internationalviewpoint.org/spip.php?article4134

  3. 3 TaP 18. Juli 2015 um 15:24 Uhr

    Und zurück zum Massenbewußtsein:

    Obwohl Tsipras damit eine Kehrtwende vollzog, bleiben die Zustimmungswerte für ihn hoch. In einer in der linksgerichteten Zeitung „Efimerida Ton Syntaknon“ veröffentlichten Umfrage kommt seine Syriza-Partei auf 42,5 Prozent. Dagegen erhielte die größte Oppositionspartei Nea Dimokratia bei einer Wahl derzeit nur 21,5 Prozent. Zudem sprachen sich 70 Prozent für das neue Hilfsprogramm aus, wenn Griechenland damit in der Euro-Zone bleiben kann.

    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/eurokrise/griechenland/george-katrougalos-will-griechenland-abkommen-nicht-einfach-absegnen-13709169.html

  4. 4 TaP 18. Juli 2015 um 18:50 Uhr

    The survey, conducted after Athens reached a controversial agreement with international creditors to negotiate a third rescue, revealed that 42.5 percent of Greeks support the formation of Prime Minister Alexis Tsipras, while 21.5 is the rate for New Democracy.

    Far away are the other parties: To Potami eight percent; Golden Dawn 6.5; the Panhellenic Socialist Movement six; the Greek Communist Party with 5.5; and the Independent Greeks with three.

    Commenting on the agreement with international creditors (European Institutions and International Monetary Fund), 70 percent is in favor while 24 prefer to declare the country bankrupt and leave the Eurozone, said the survey by Palmos Analysis.

    On government reshuffle involving 10 changes of ministers and deputy ministers, 80 percent of respondents considered it necessary, two percent do not see the need, and the rest did not answer.

    http://www.plenglish.com/index.php?option=com_content&task=view&id=3997461&Itemid=1

    via

    https://www.facebook.com/elliott.eisenberg/posts/10207166299933655

  5. 5 TaP 18. Juli 2015 um 20:58 Uhr

    http://www.jungewelt.de/2015/07-18/014.php:

    „Seit 2012 war in Griechenland ein Abschwung der Massenbewegungen zu verzeichnen. Nach unzähligen Streiks und Demonstrationen gegen die herrschende Krisenpolitik hatten sich zunehmend Ratlosigkeit und Lähmung breitgemacht, weil es nicht gelungen war, einen Politikwechsel durchzusetzen. Die Hoffnung auf die Wahlen und einen Sieg der oppositionellen Kräfte war sozusagen der letzte Strohhalm, an den sich die Massen klammern konnten. Dass Syriza die Wahlen in einer Situation der Ermattung der sozialen Bewegungen gewann, ist aber ein Problem.“

  6. 6 TaP 18. Juli 2015 um 22:09 Uhr

    Und noch mal Antirep – in dieser Sache gibt es eine Online-Petition:

    https://www.change.org/p/alexis-tsipras-abandonnez-toutes-les-poursuites-pesant-sur-les-manifestants-contre-le-nouveau-m%C3%A9morandum-arr%C3%AAt%C3%A9s-ce-mercredi-15-juillet-%C3%A0-ath%C3%A8nes-drop-all-charges-against-the-activists-arrested-in-the-anti-memorandum-demo-in-athens-on-july-15th

    (nach der frz. Version folgen engl., kast., griech. und ital. Versionen) – den Text finde ich allerdings nicht so dolle.

    PS. (0:04 h):

    Dt. Übersetzung des Petitionstextes – auch wenn ich ihn nicht dolle finde:

    http://scharf-links.de/44.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=52305&tx_ttnews[backPid]=56&cHash=4b3e716e3e.

  7. 7 TaP 28. Juli 2015 um 9:16 Uhr
  8. 8 TaP 08. August 2015 um 10:36 Uhr

    Interview mit Nikos Tsibidas, Sprecher der BesetzerInnen des griechischen Senders ERT:

    I am not saying that 60 per cent voted to leave the euro, but a great proportion – in my opinion half – were prepared for anything.

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