Leider enttäuschend – noch ein neuer RSO-Text zu Griechenland

Ich finde die Texte der Revo­lu­tio­när Sozia­lis­ti­schen Orga­ni­sa­tion (RSO), die ich lese, ja in der Regel ziem­lich gut, so auch den Text zu Grie­chen­land, auf den ich vor gut zehn Tagen hin­wies. Ges­tern hat die RSO nun einen wei­te­ren Text zu Grie­chen­land ver­öf­fent­licht – und zwar eine „Pole­mik“ (wie aus­drück­lich gesagt wird) gegen den Text von Tho­mas Sei­bert (IL/​ISM) vom Wochen­ende zum glei­chen Thema, der auch schon Gegen­stand der Kri­tik des Lower Class Maga­zine und mei­ner Anti-​​Kritik war.

Zunächst wird in dem Arti­kel dar­ge­stellt:

Tho­mas Sei­bert führt aus: „Das linke Grexit-​​Griechenland würde im 21. Jahr­hun­dert den Sozia­lis­men des 20. Jahr­hun­derts ein Nach­zugs­pro­jekt hin­zu­fü­gen: die autoritär-​​sozialistische Ver­wal­tung eines Elends­zu­stands, des­sen Befürworter*innen eine ideo­lo­gi­schen Divi­dende (»sozia­lis­ti­sches Grie­chen­land, voran, voran, die Zukunft wird strah­lend sein!«) aus­ge­zahlt wird, die immer weni­ger Leute zufrie­den­stellt, je län­ger der Zustand andau­ert. Alle Erfah­rung des 20. Jahr­hun­derts lehrt, dass ein Kampf um radi­kale Eman­zi­pa­tion dann unter schlech­test­mög­li­chen Bedin­gun­gen zu füh­ren sein wird: die poli­ti­sche und mora­li­sche Ver­wüs­tung der ex-​​realsozialistischen Gesell­schaf­ten und die Aus­strah­lung die­ser Ver­wüs­tung auf die ganze Welt lässt da keine Illu­sion zu: Sie war und ist die erste Bedin­gung der neo­li­be­ra­len Hege­mo­nie“
Was folgt dar­aus? „Auf den lin­ken Grexit zu ver­zich­ten, heißt für die aktu­elle SYRIZA-​​Regierung offen­sicht­lich, die Schäuble-​​Forderungen hin­zu­neh­men und den Akzent auf die Schul­den­frage zu set­zen. Das ist kein »Ver­rat«, son­dern schlicht die Aner­ken­nung der herr­schen­den Macht­ver­hält­nisse und ihrer Exe­ku­tion durch die Schäuble-​​Partei…“

Und? Gegen­ar­gu­ment? Kei­nes. – Wäre ja wohl auch schwie­rig… – Was könnte ein Argu­ment dage­gen sein?

Statt ein Gegen­ar­gu­ment gegen die von Sei­bert ange­führ­ten Argu­mente vor­zu­brin­gen, wech­selt Cars­ten Bodo dann zu zwei ande­ren Punk­ten:

Nun hat es aber erst letz­ten Sonn­tag eine Volks­ab­stim­mung gege­ben, bei der über 61% der Wäh­ler expli­zit die Kürzungs-​​Vorschläge Schäu­bles und der Troika abge­lehnt haben. Wenn die grie­chi­sche Regie­rung die­ses Votum, wel­ches sie sel­ber erbe­ten hat, ein­fach igno­riert, dann erkennt sie nach Mei­nung von Sei­bert schlicht die „herr­schen­den Macht­ver­hält­nisse“ an und die wer­den in Euro-​​Griechenland halt nicht von der grie­chi­schen Bevöl­ke­rung, son­dern von Wolf­gang Schäu­ble bestimmt. Das sei aber an sich kein Ver­rat, denn es gebe halt eine his­to­ri­sche Wahr­heit (siehe die Aus­füh­run­gen über den Real­so­zia­lis­mus wei­ter oben) und die wäre halt gewich­ti­ger als der Wunsch der Mehr­heit der Grie­chen mit dem Austeritäts-​​Regime zu bre­chen.

Ja, die 61 Pro­zent hat­ten sie abge­lehnt; aber die Frage war nicht, ob sie sie um jeden Preis ableh­nen. Tsprias hatte schon vor der Abstim­mung gesagt, daß es ihm darum gehe, nach der Abstim­mung schnell zu einer Eini­gung zu kom­men (nur fiel das in der Lin­ken zu der Zeit – außer der KKE – kaum jemandem/​r auf…!). Und die Scheu vor einem Eurozonen-​​Austritt ist auch nicht nur Tspi­ras eigene Scheu, son­dern damit trägt er – nach allem, was wir wis­sen – der glei­chen Scheu der deut­li­che Mehr­heit der grie­chi­schen Bevöl­ke­rung Rech­nung.

Stathis Kou­ve­lakis berich­tete und argu­men­tierte ges­tern: „In the first test on the social mobi­liza­tion front, the Civil Ser­vants’ Con­fe­de­ra­tion (ADEDY) is on strike today against the accord. While par­ti­ci­pa­tion seems rather low, the real metric is this evening’s gathe­ring outs­ide par­lia­ment.“ Am Abend wurde es dann ja auch nicht son­der­lich voll. Und wir haben auch noch nicht gehört, daß es in Grie­chen­land jetzt wegen der nach­gie­bi­gen Hal­tung von SYRIZA eine Welle von Betriebs-​​ und Behör­den­be­set­zun­gen gäbe.

Die grie­chi­sche Bevöl­ke­rung selbst scheint sich jeden­falls nicht son­der­lich stark ver­ra­ten zu füh­len… – und ansons­ten hatte ich ja neu­lich schon eini­ges Kri­ti­sches zum Verrats-​​Begriff geschrie­ben.

In eine ähnli­che Rich­tung hatte auch schon – was das Abstim­mungs­ergb­nis und des­sen Bedeu­tung anbe­langt – Tho­mas Sei­bert am Wochen­ende argu­men­tiert. Und der Autor des RSO-​​Textes gibt die­ses Argu­ment sogar wie­der:

Tho­mas Sei­bert ver­sucht diese Deu­tung auch noch pseudo-​​demokratisch zu legi­ti­mie­ren, in dem er eine krude Rech­nung auf­stellt, dass viele „Oxi“-Stimmen ja schließ­lich trotz­dem Stim­men für die Bei­be­hal­tung des Euro waren und weil eine Nicht­un­ter­wer­fung unter das Spar­dik­tat halt den Aus­schluss aus der Euro­zone bedeu­ten würde, könne man quasi den Bruch des Referendum-​​Resultats auch irgend­wie demo­kra­tisch legi­ti­mie­ren.

Wie­derum bringt der Autor aber kein Gegenargu­ment vor. Sei­nen For­mu­lie­run­gen ist zwar anzu­mer­ken, daß ihm das Argu­ment von Sei­bert miß­hagt, aber warum ihm das Argu­ment miß­hagt, bleibt das Geheim­nis des RSO-​​Autors.

Statt sein Unbe­ha­gen aus­zu­füh­ren, springt der Autor sofort wie­der zum nächs­ten Punkt – und mit dem Punkt hat er – so halb­wegs – Recht, auch wenn er wie­derum kein Argu­ment nennt:

Weil Sei­bert als Berufs-​​Linker Akti­vist natür­lich nicht ein­fach seine Kapi­tu­la­tion ein­ge­ste­hen will, ver­sucht er aus dem Desas­ter noch einen Teil-​​Erfolg zu machen. „Was der grie­chi­sche Wider­stand errun­gen hat und woran er fest­hal­ten kann – von der Demo­kra­tie der Plätze bis zur Poli­ti­sie­rung des All­tags und der Adop­tion einer poli­ti­schen Par­tei – hängt nicht an der Poli­tik der SYRIZA-​​Regierung, son­dern kann in (viel­leicht sogar soli­da­risch blei­ben­der) Dis­tanz zu ihr, auch in Kon­fron­ta­tion mit ihr fort­ge­setzt wer­den…“

Das ist nun in der Tat die bekannte, seichte IL-​​Rhetorik, die dar­auf ver­zich­tet, klar zu benen­nen, in wel­che Rich­tung es gehen müßte (näm­lich, letzt­lich die Frage der Staats­macht zu beant­wor­ten [s. am Ende und den nach­fol­gen­den Kom­men­tar]) , wenn sich etwas grund­le­gend ändern soll. Nur frei­lich haben es weder in Grie­chen­land noch erst Recht hier andere poli­ti­sche Kräfte als SYRIZA, der Links­par­tei und der IL geschafft, mehr zu tun als kleine Schritte in jene Rich­tung zu gehen.

Aber das Argu­ment bleibt bei dem RSO-​​Autor wie­derum vage:

„Demo­kra­tie der Plätze“, „Poli­ti­sie­rung des All­tags“… Nichts­sa­gen­des Geschwa­fel also, wel­ches genauso gut hätte von PEGIDA stam­men kön­nen, ist nach Sei­berts Ver­ständ­nis also das Maxi­mum des­sen, was bis­her in Grie­chen­land mög­lich war.

Klar gab es dar­über hin­aus noch eine ganze Reihe von befris­te­ten Gene­ral­streiks und eine hand­voll von Betriebs­be­set­zun­gen. – Aber was wäre dar­über hin­aus mög­lich (gewe­sen)? Haben KKE und/​oder ANT­AR­SYA zur Revo­lu­tion auf­ge­ru­fen – geschweige denn, sie gemacht? Nein!

Haben sie einen Plan in der Tasche, mit dem sie zu der Ver­ein­ba­rung vom Mon­tag nicht nur „nein“ sagen kön­nen, son­dern mit dem sie ein „Nein“ prak­ti­sch­wer­den las­sen könn­ten, wenn sie – und nicht SYRIZA – an der Regie­rung wären? Ich weiß es nicht. – Jeden­falls sind sie weit, weit davon ent­fernt die Regie­rung, geschweige denn die Staats­macht in Grie­chen­land über­neh­men zu kön­nen.

Das heißt:

  • KKE und ANT­AR­SYA kön­nen sich die Radi­ka­li­tät des Nein­sa­gens nur des­halb leis­ten, weil sie sehr viel klei­ner als SYRIZA sind und es des­halb beim Sagen belas­sen können/​müssen.
  • Und die ein­zige – außer der Grund­satz­kri­tik, daß SYRIZA eine refor­mis­ti­sche und keine kom­mu­nis­ti­sche Par­tei ist – durch­grei­fende Kri­tik an SYRIZA ist, daß sie sich im Jan. als 35 %-Par­tei frei­wil­lig und zur Unzeit der Frei­heit, (nur) „Nein“ sagen zu können/​dürfen, bege­ben hat. Für eine Regie­rungs­par­tei reicht es nicht, „Nein“ zu sagen; sie muß jeden Tag han­deln und han­deln kön­nen. Mir scheint sehr deut­lich: Um auf der Grund­lage eines „Neins“ zu der Ver­ein­ba­rung von Mon­tag früh han­deln zu kön­nen, feh­len SYRIZA sowohl die theo­re­ti­schen (kon­zep­tio­nel­len) als auch die macht­po­li­ti­schen Res­sour­cen. – Andere haben viel­leicht etwas mehr kon­zep­tio­nelle, aber sehr viel weni­ger macht­po­li­ti­sche Res­sour­cen.

All­das heißt nun nicht, daß ich die Posi­tion von Tspi­ras rich­tig fände. Auch ich würde, wenn ich im grie­chi­schen oder deut­schen Par­la­ment säße, mit „Nein“ stim­men. – Aber wenn ich da säße, dann säße ich da auch nicht für SYRIZA oder die Links­par­tei (und von CDU/​CSU/​SPD/​Grünen bzw. ND/​Potami/​PASOK gar nicht erst zu reden). Inso­fern ist die Frage, wie ich da abstim­men würde völ­lig müßig. -

Aber kom­men wir zurück zu dem RSO-​​Text. Der nächste Anwurf des RSO-​​Autors gegen Tho­mas Sei­bert lau­tet:

…Und ein neo-​​liberales Elends­re­gime ist des­halb in jedem Fall jeder Form von real­so­zia­lis­ti­scher Trans­for­ma­tion vor­zu­zie­hen, impli­ziert der Autor.

Auch dazu möchte ich mal etwas pro­vo­zie­rend fra­gen: Ist es denn etwa nicht so? – Ganz ernst meine ich die Frage schon nicht, aber:

  • Solange es den ‚Real’sozialismus gab, habe ich ihn mit sei­nen unver­meid­li­chen – und auch vermeid­li­chen – unan­ge­neh­men Sei­ten viel stär­ker ver­tei­digt, als es die meis­ten Trotz­kis­tIn­nen (mit Aus­nahme der Spar­ta­kis­tIn­nen viel­leicht) jemals gemacht haben – und ich finde es auch rück­bli­ckend noch rich­tig, es gemacht zu haben.
  • Aber sich jetzt, wo der ‚Real’sozialismus nicht mehr exis­tiert und sich 70 Jahre lang dar­aus nichts ent­wi­ckelt hat, was noch mal eine Wen­dung nach vorne nimmt, son­dern es ein rei­ner Defen­siv­kampf war, da hat es doch (nahezu) kei­nen Sinn, sich ihn – und sei es als klei­ne­res Übel gegen­über dem Neo­li­be­ra­lis­mus – zurück­zu­wün­schen – was im übri­gen auch illu­so­risch wäre, da er ja gerade in sei­ner End­phase gegen den auf­stei­gen­den Neo­li­be­ra­lis­mus zusam­men­brach.

So, nahezu ganz am Ende sei­nes Text bringt der RSO-​​Autor, dann doch noch ein Argu­ment vor – näm­lich auf die selbst­ge­stellte Frage, warum es mit SYRIZA soweit kom­men konnte, wie es mit SYRIZA gekom­men ist. Und seine Ant­wort lau­tet:

Es han­dele sich um ein Pro­blem, das

weit über die klas­si­sche „refor­mis­ti­sche“ Linke hin­aus abstrahlt. Näm­lich wie sich Linke, auch revo­lu­tio­när gesinnte Genos­sen, gesell­schaft­li­che Trans­for­ma­tion vor­stel­len und da sind wir bei einer Grund­these, dass diese Vor­stel­lun­gen lei­der oft plump und holz­schnitt­ar­tig sind. Sie basie­ren auf einer abs­trak­ten Idee, es gebe einen opti­ma­len Zeit­punkt, an dem der Kapi­ta­lis­mus gestürzt/​überwunden/​zum Zusam­men­bruch gebracht wer­den könne, […].
Die­ses Den­ken basiert sicher­lich auf der bereits bei Marx und Engels fal­schen Annahme, dass die am wei­tes­ten ent­wi­ckel­ten Zen­tren des Kapi­ta­lis­mus auch die Aus­gangs­punkte für des­sen Über­win­dung sein wür­den […]. So wür­den revo­lu­tio­näre Umbrü­che in Eng­land und Deutsch­land peri­phere Regio­nen des Welt­ka­pi­ta­lis­mus, wie Grie­chen­land, ein­fach mit­zie­hen. Die Revo­lu­tio­näre bräuch­ten sich dann keine Gedan­ken mehr dar­über machen, ob lebens­not­wen­dige Güter zwangs­ra­tio­niert wer­den müss­ten oder ob es eine nach wie vor kapi­ta­lis­ti­sche Außen­welt gäbe, die der Wirt­schaft der post-​​revolutionären Gesell­schaf­ten tech­no­lo­gisch und von der Res­sour­cen­aus­stat­tung her über­le­gen wäre. Schließ­lich wären die Zen­tren des kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems auch die Zen­tren der Sozia­len Revo­lu­tion.
Dumm ist nur, dass die tat­säch­li­che his­to­ri­sche Ent­wick­lung die­ses Den­ken wider­legt hat. Alle tat­säch­li­chen sozia­len Revo­lu­tio­nen (Russ­land 1917, Jugo­sla­wien 1945, China 1949, Kuba 1959-​​1962, Rojava seit 2012) fan­den oder fin­den in der unter­ent­wi­ckel­ten Peri­phe­rie statt und alle Ver­su­che revo­lu­tio­nä­rer Erhe­bun­gen in den kapi­ta­lis­ti­schen Zen­tren sind geschei­tert.

Dumm nur auch, daß all­diese mitt­ler­weile his­to­ri­schen Gesell­schafts­for­ma­tio­nen und aktu­ell Rojava – wegen der geschil­der­ten Umstände – nicht beson­ders weit gekom­men waren und kom­men wer­den. – Hier – an Ort und Stelle – gegen die erwähnte „kapi­ta­lis­ti­sche Außen­welt“ nichts machen zu kön­nen, aber Leu­ten in der Peri­phe­rie zu sagen:

„Nun seid doch mal bitte nicht so nach­gie­big; macht doch mal bitte die Revo­lu­tion, die wir (auch) nicht machen.“ -

das ist doch völ­lig beknackt!

PS.:

Ich werde das letzte Argu­mente viel­leicht mor­gen oder die Tage in einem Kom­men­tar noch mal etwas genauer aus­füh­ren, aber jetzt mag ich den Arti­kel erst ein­mal online stel­len.

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4 Antworten auf „Leider enttäuschend – noch ein neuer RSO-Text zu Griechenland“


  1. 1 Neoprene 17. Juli 2015 um 8:31 Uhr

    Ich hätte den RSO-Text wohl doch besser gleich gründlich lesen sollen. Denn jetzt stolpere ich schon beim Einführungsabsatz:
    Die einleitende Feststellung

    „Die Zustimmung der griechischen „Links-“Regierung zu dem neuen von den Staats-und Regierungschefs der Eurogruppe aufgezwungenen Spardiktat in den Morgenstunden des 13.07.2015 bedeutet das endgültige politische Scheitern der Regierungspartei Syriza bzw. ihres Projekts Griechenland in der EU und im Euro zu halten und gleichzeitig die desaströse Austeritätspolitik der vergangenen Jahre zu beenden.“

    ist faktisch sicher nicht zu bestreiten. Das ist die aktuelle Lage dort. Aber dann hängt die RSO an:

    „Als Revolutionäre Sozialisten treten wir deshalb für einen kompromisslosen Bruch Griechenlands mit EU, Euro und Kapitalismus und für einen sofortigen Sturz der Syriza-Regierung ein.“

    Und da paßt einiges einfach nicht zusammen. Daß es in Griechenland (und nicht nur in Griechenland, bzw. in erster Linie sogar in Deutschland und nicht nur in Griechenland all diese Brüche geben sollte, dem stimme ich ja noch zu, auch wenn die Kategorie „Bruch“ noch relativ vage und offen für politischen Blödsinn ist).
    Nur was soll denn hier und heute die Parole „für einen sofortigen Sturz der Syriza-Regierung“? Da es keinerlei Bewegung in der Arbeiterklasse gibt, die Macht im Staat selber in die Hand zu nehmen, Kommunisten sind auch in Griechenland ja sehr minoritär, kann das doch nur im parlamentarisch-kretinistsichen Sinne gemeint sein, und selbst in diesem Rahmen macht das keinen Sinn. Denn noch nicht mal die bürgerlichen Oppositionsparteien wollen doch die Regierung weg haben, weil SYRIZA dem Brüsseler „Deal“ zugestimmt habe, nein, die haben doch gerade alle den daraufhin erforderlichen „Reformen“ ihre parlamentarische Zustimmung gegeben.

  2. 2 Neoprene 17. Juli 2015 um 9:09 Uhr

    Obwohl sich bereits der Widerstand in Griechenland zu formieren beginnt, treten schändlicherweise einige westliche Linke als Unterstützer der Kapitulanten in der Syriza-Regierung auf.

    Zentral ist sicher der Begriff des Kapitulantentums. Dazu hat TaP ja schon einiges. RSO meint offensichtlich, daß die Übernahme der Regierung durch SYRIZA erstmal keine Kapitulation/Akzeptierung der kapitalistischen Verhältnisse gewesen sei, sondern erst und nur die Akzeptierung des „Hilfepakets“. Das kommt dann aber ziemlich spät in der Agenda von SYRIZA und ist offensichtlich ein Widerspruch in sich selbst. Selbst Tsipras ist da ja im Rahmen seines Programms konsequenter.

    Der nächste eigenartige Begriff ist die „Schande“, die die Pro-SYRIZA-Deal-Linke auf sich geladen habe. Wenn man mal den hochgradig moralischen Unerton rausstreicht, dann besteht der Vorwurf darin, daß z.B. die Linkspartei doch entweder bisher selber immer was viel, viel Linkeres (gar Revolutionäres??) gemacht habe und erst jetzt, völlig unerwartet für RSO, der griechischen Kapitulation zugestimmt habe, oder die Linkspartei ist auch jetzt das, was sie schon immer war und das per se ist schon „Schande“ genug. Weil sie ja auch schon immer RSO-POlitik hätte machen können, vermute ich.

  3. 3 Neoprene 17. Juli 2015 um 10:05 Uhr

    Neben der Kategorie „Kapitulation“ kommt dann natürlich auch noch der Hammer „Verrat an der eignen Bevölkerung“ vor, weil SYRIZA „die Notwendigkeit eines revolutionären Bruches“ bestreite.
    Hierzu teile ich TaPs Einschätzung, der geschrieben hat,

    „die Frage war nicht, ob sie sie[das Austeritätspaket] um jeden Preis ablehnen. Tsprias hatte schon vor der Abstimmung gesagt, daß es ihm darum gehe, nach der Abstimmung schnell zu einer Einigung zu kommen (nur fiel das in der Linken zu der Zeit – außer der KKE – kaum jemandem/r auf…!). Und die Scheu vor einem Eurozonen-Austritt ist auch nicht nur Tspiras eigene Scheu, sondern damit trägt er – nach allem, was wir wissen – der gleichen Scheu der deutliche Mehrheit der griechischen Bevölkerung Rechnung. … Die griechische Bevölkerung selbst scheint sich jedenfalls nicht sonderlich stark verraten zu fühlen…“

    Erstaunlicherweise ist TaP auf einen wichtigen Punkt der RSO bisher gar nicht eingegangen:

    „Die Frage ist halt nun, wie konnte es soweit kommen, dass „Linksradikale“ wie Alexis Tsipras oder Thomas Seibert zu politischen Erfüllungsgehilfen für Wolfgang Schäuble absteigen konnten? Es gibt eine lange politische Erklärung – das Phänomen „Reformismus“ – das irgendwo bei Eduard Bernstein anfängt und bei Sigmar Gabriel, Syriza und Thomas Seibert vorläufig endet.“

    So wichtig die Frage ist, so auffällig ist, daß Bodo hierauf gar keine Antwort zu geben weiß und stattdessen ein weiteres Faß aufmacht, nämlich die Ungleichzeitigkeit der wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen im Weltkapitalismus, was schon Marx un Engels falsch gesehen hätten:

    „So würden revolutionäre Umbrüche in England und Deutschland periphere Regionen des Weltkapitalismus, wie Griechenland, einfach mitziehen. Die Revolutionäre bräuchten sich dann keine Gedanken mehr darüber machen, ob lebensnotwendige Güter zwangsrationiert werden müssten oder ob es eine nach wie vor kapitalistische Außenwelt gäbe, die der Wirtschaft der post-revolutionären Gesellschaften technologisch und von der Ressourcenausstattung her überlegen wäre. Schließlich wären die Zentren des kapitalistischen Systems auch die Zentren der Sozialen Revolution.“

    RSO, ganz Leninist alter Schule in diesem Punkt, behauptet dann stramm:

    „Was heißt das nun alles für Griechenland? Es heißt vor allem, dass die griechische Revolution, wenn sie auf das deutsche Proletariat wartet, ewig warten kann bzw. ein politischer Umschwung in Deutschland maßgeblich davon abhängen wird, ob Deutschland die Ausbeutungsgebiete in der Peripherie entrissen werden, mit denen die ökonomische Privilegierung der deutschen Arbeiterklasse weiterhin finanziert wird.“

    Mal abgesehen davon, daß die These der gekauften Arbeiterklasse in den imperialistischen Zentren, wenigstens der „Arbeiteraristokratie“ einen guten Mantel für eine Politik der kleinen reformistischen Brötchen hierzulande abgibt, denn hier ist danach ja „objektiv“ nicht mehr drin, denn die Arbeiter gegen ihre materiellen Interessen als von der Bourgeoisie gekaufte Hanseln zu mobilisieren, das wäre ja praktisch nutzlos, so dient sie in der Peripherie, z.B. in Griechenland natürlich auch dafür, kleine Brötchen zu rechtfertigen, das traurige Beispiel Kubas kann man ja jetzt fasdt jeden Abnd in der Tagesschau mitverfolgen.

  4. 4 TaP 17. Juli 2015 um 22:23 Uhr

    @:

    „Ich werde das letzte Argumente vielleicht morgen oder die Tage in einem Kommentar noch mal etwas genauer ausführen, aber jetzt mag ich den Artikel erst einmal online stellen.“

    Das ist jetzt dort geschehen:

    http://theoriealspraxis.blogsport.de/2015/07/17/die-metapher-vom-schwaechsten-kettenglied-selbst-ein-schwachpunkt/.

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