Mein ENTSCHEIDENDER Kritikpunkt an ALLEN (soften oder harten) Nebenwiderspruchs-Theorien in Bezug auf das Verhältnis von Patriarchat und Kapitalismus

Heute schrieb eine Per­son bei linksunten.indymedia:

„das[s] ein links­ra­di­ka­ler Block dar­auf hin­weist, dass es eine echte Befrei­ung der Men­schen (und damit auch von Frauen) im Kapi­ta­lis­mus nicht geben kann[,] ist doch recht klar.“

Meine Ant­wort dar­auf lau­tet:

1.

Was heißt denn „echt“? Wäre eine Befrei­ung aus­schließ­lich vom Patri­ar­chat für Frauen ‚unecht‘?!

Unstrit­tig ist dage­gen, daß eine Befrei­ung aus­schließ­lich vom Patri­ar­chat keine volle Befrei­ung wäre.

Das ist der eine Pro­blem­kreis bzw. die eine strit­tige Frage.

2.

Und die andere strit­tige Frage ist: Ist eine Befrei­ung vom Patri­ar­chat ohne Befrei­ung vom Kapi­ta­lis­mus mög­lich?

Meine Ant­wort auf diese Frage lau­tet:

  • Historisch-​​faktisch mag eine sol­che allei­nige Befrei­ung vom Patri­ar­chat sehr unwahr­schein­lich sein; eine allei­nige Befrei­ung vom Kapi­ta­lis­mus und eine Befrei­ung vom Patri­ar­chat als schlichte Impli­ka­tion der Befrei­ung vom Kapi­ta­lis­mus aller­dings min­des­tens ebenso.
  • Aber logisch spricht über­haupt nichts dage­gen, daß eine Befrei­ung von unter­schied­li­chen Herrschafts-​​ und Aus­beu­tungs­ver­hält­nis­sen zu unter­schied­li­chen Zeit­punk­ten erfol­gen kann. Denn:

a) Patri­ar­chat und Kapi­ta­lis­mus sind zu unter­schied­li­chen Zeit­punk­ten und aus unter­schied­li­chen Grün­den ent­stan­den. – Also: Warum sollte es also nicht mög­lich sein, sie auch unab­hän­gig von ein­an­der wie­der abzu­schaf­fen?!

b) Für jedes Ein­zel­ka­pi­tal mag es nütz­lich und erfor­der­lich sein, auf jedes andere exis­tie­rende Herrschafts-​​ und Aus­beu­tungs­ver­hält­nis auf­zu­sat­teln und sie alle (bzw.: jedes ein­zelne) zu Lohn­drü­ckungs­zwe­cken zu nutz­ten: siehe die Lohn­dis­kri­mi­nie­rung gegen­über Frauen und Schwarzen/​MigrantInnen.
Aber die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­weise als Gan­zes beruht gerade auf freien und glei­chen Rechts­sub­jekt und Waren­be­sit­ze­rIn­nen und ist – gerade auch aus dem Pro­fit­in­ter­esse der Ein­zel­ka­pi­tal – an mög­lichst gro­ßer Erwerbs­ar­beits­markt­ver­füg­bar­keit aller Indi­vi­duen inter­es­siert.

c) Ergo: Ich teile zwar nicht den Opti­mis­mus (S. 10) von Marx und Engels im Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fest, daß der Kapi­ta­lis­mus den Frauen den Kampf gegen das Patri­ar­chat abnimmt, aber ich würde sehr wohl sagen, daß der Kapi­ta­lis­mus dazubeige­tra­gen hat und wei­ter­hin dazu beiträgt, das Patri­ar­chat – jeden­falls auf juris­ti­scher und kul­tu­rel­ler Ebene – deut­lich abzu­schwä­chen.

d) Schließ­lich würde ich – jeden­falls, was die Ein­zel­ka­pi­tale anbe­langt [s. oben b)] Lisa Hal­ler und Silke Cho­rus (Die Regu­la­tion geschlechts­spe­zi­fi­scher Arbeits­tei­lung. Auf der Suche nach einer femi­nis­ti­schen Kri­tik der poli­ti­schen Ökono­mie, in: Grund­risse. Zeit­schrift für linke Theo­rie und Debatte Heft 38, 2011, 14 – 24 [16]) zustim­men, daß die­sen (also den Ein­zel­ka­pi­ta­len) „Dif­fe­renz“ (also zum Bei­spiel zwi­schen Frauen und Män­nern) nütz­lich ist.

Aber vor allem würde ich den bei­den Auto­rIn­nen zustim­men, daß – weder die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­weise als Gan­zes noch die Ein­zel­ka­pi­tale – dar­auf ange­wie­sen sind, daß es gerade eine Geschlech­terdif­fe­renz gibt:

„Infolge der sich immer wie­der neu und anders arti­ku­lie­ren­den Per­sis­tenz geschlechts­spe­zi­fi­scher Arbeits­tei­lung kann unse­rer Ein­schät­zung nach dar­auf zurück­ge­schlos­sen wer­den, dass kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­wei­sen zwar auf abs­trakte Dif­fe­renz, nicht aber not­wen­di­ger­weise auf Dif­fe­renz ent­lang der Geschlech­ter­hier­ar­chie ange­wie­sen sind. Dem­ent­spre­chend ver­ste­hen wir Geschlech­ter­ver­hält­nisse und kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­weise als in einer wech­sel­sei­ti­gen Aus­tausch­be­zie­hung ste­hend sowie als eng auf­ein­an­der bezo­gene, ohne dass ein Ver­hält­nis in der einen oder ande­ren Rich­tung abzu­lei­ten wäre.“ (meine Hv.)

Dem letz­ten (= 2.) Satz in dem ange­führ­ten Satz stimmte ich völ­lig zu. Aber

  • sowohl diese wört­li­che For­mu­lie­rung
  • als auch die glei­che (oder eine fast ähnli­che) Aus­sage in ande­ren Wor­ten

feh­len in dem Auf­ruf zu einem „links­ra­di­ka­len Block“ bei der dies­jäh­ri­gen 8. März-​​Demo in Ber­lin am ver­gan­ge­nen Sonn­tag.

Das ist mein aus­schlag­ge­ben­der Kri­tik­punkt an dem Auf­ruf – und allen ande­ren (sof­ten oder har­ten) Nebenwiderspruchs-​​Theorien in Bezug auf das Ver­hält­nis von Patri­ar­chat und Kapi­ta­lis­mus.

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1 Antwort auf „Mein ENTSCHEIDENDER Kritikpunkt an ALLEN (soften oder harten) Nebenwiderspruchs-Theorien in Bezug auf das Verhältnis von Patriarchat und Kapitalismus“


  1. 1 TaP 14. März 2015 um 23:08 Uhr

    Und hier noch ein kurzer Kommentar (Nr. 3) zu einer Stelle im „Redebeitrag des linksradikalen Blocks“:

    „konsequenter Feminismus heißt umfassende Herrschaftskritik. Unser Feminismus ist antirassistisch, kämpft gegen Homo- und Transphobie und ist solidarisch mit Sex-Arbeiter*innen. Er bekämpft das Patriarchat zusammen mit der kapitalistischen Produktionsweise und allen anderen Formen von bürgerlicher Herrschaft und Unterdrückung.“

    Auch das ist wiederum die Position, die ich nicht überzeugend finde:

    a) Feminismus sei nicht etwa dann konsequent, wenn er das Patriarchat abschafft, statt sich mit Patriarchats-Verschönerungen und -Absoftungen zu begnügen (das vom Redebeitrag anscheinend verneinte, würde meine Position auf den Punkt bringen), sondern Feminismus sei erst dann konsequent, wenn er sich auch um alles andere als das Geschlechterverhältnis kümmert (so verstehe ich den Redebeitrag).

    In der Tat wäre es zwar unbefriedigend nur das Patriarchat und nicht auch Klassenherrschaft und -ausbeutung zu überwinden, aber weder dem Feminismus noch dem Marxismus ist vorzuwerfen, das sie sich jeweils nur oder in erster Linie eines von beidem vorgenommen haben. Dem Marxismus ist aber vorzuwerfen, daß er die politische Notwendigkeit der Ergänzung des Klassenkampfes um relativ eigenständige antipatriarchale und antirassistische Kämpfe nicht einsieht, während der Feminismus sehr wohl einsieht, daß Geschlechterkampf nicht alles ist.

    b) Der Patriarchat hat heute zwar eine Form, die wir vielleicht „bürgerlich“ oder „kapitalistisch“ nennen können – auf alle Fälle wurde seine Form inzwischen stark von der kapitalistischen Produktionsweise modifiziert/beeinflußt, aber das Patriarchat ist keine Form „bürgerlicher Herrschaft“. Das haut allein schon chronologisch nicht hin. Denn das Patriarchat ist älter als bürgerliche Herrschaft.
    Aber ein X, das Älter ist als Y ist, kann keine Form von Y sein – allenfalls könnte es vielmehr umgekehrt sein: Kapitalismus also eine Form patriarchaler Herrschaft (was ich aber auch nicht sagen würde, da zwar alle Kapitalismen, die wir bisher kennen, patriarchal sind, aber die kapitalistische Produktionsweise nicht denk-notwendig patriarchal sein muß).

    Für die konkrete Analyse konkreter Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse!

    Für den konkreten Kampf gegen konkrete Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse!

    Für den revolutionären Feminismus!

    PS.:

    @ „Unterdrückung“:

    Siehe meine dortige Selbstkritik:

    http://theoriealspraxis.blogsport.de/1990/09/28/scheidelinien-anja-meulenbelt-ueber-sexismus-rassismus-und-klassismus/

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