Staaten – Staatsgewalt – Kräfteverhältnisse

Eine Ant­wort auf Ben Richards (03. Februar 2014 um 7:11 Uhr):

TaP1 muss sich mal ent­schei­den, ob der Staat die Gewalt der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise ist, mit­hin einen Zweck hat oder ein Kräf­te­ver­hält­nis (dann offen­bar von ver­schie­de­nen Zwe­cken? wovon? wer ver­hält sich da zu wem wie?) ist. Bei­des geht gleich­zei­tig nicht.

Daß bei­des nicht gleich­zei­tig geht, mag sein – nur ver­trete ich keine von bei­den Behaup­tun­gen, die Du mir unter­zu­schie­ben ver­suchst:

a) „Der Staat“ „ist“ nicht Gewalt, son­dern wen­det Gewalt an, um ’seine‘ Ent­schei­dun­gen durch­zu­set­zen, wenn sie nicht frei­wil­lig befolgt wer­den.

b) „Der Staat“ „ist“ auch kein Kräf­te­ver­hält­nis, aber ’seine‘ Ent­schei­dun­gen sind Resul­tat von Kräf­te­ver­hält­nis­sen.

c) „Der Staat“ ist auch kein Sub­jekt, das sich einen „Zweck“ setz­ten würde; und er wurde auch nicht von einer Ver­schwö­rung böser Sub­jekt, die ihn mit einem bestimm­ten „Zweck“ in die Welt gesetzt hät­ten, erschaf­fen.

d) Viel­mehr sind Staa­ten – als Resul­tat von his­to­ri­schen Pro­zes­sen – in bestimm­ter Weise in die Struk­tur der Gesell­schaft (Basis + Über­bau) ein­ge­baut und selbst in bestimm­ter Weise struk­tu­riert. Diese bestimmte Art der Struk­tu­rie­rung und des Ein­ge­baut­seins bewirkt, daß die Ent­schei­dungs­fin­dung eines jeden Staa­tes in sys­te­ma­ti­scher Weise zuguns­ten die­ser oder jener gesell­schaft­li­chen Grup­pen ‚ver­zerrt‘ ist.

e) Des­sen unge­ach­tet funk­tio­nie­ren Staa­ten in unter­schied­li­chem Aus­maß (je nach ihrer demo­kra­ti­schen oder nicht-​​demokratischen Form) nicht in der Weise, daß sie linear und ein­sei­tig nur die Inter­es­sen einer gesell­schaft­li­chen Gruppe (die im übri­gen auch nicht homo­gen sind) durch­set­zen wür­den, son­dern in der Weise, daß sie – wie gesagt: im unter­schied­li­chen Aus­maß und je nach Kräf­te­ver­hält­nis – auch die Inter­es­sen der ande­ren gesell­schaft­li­chen Grup­pen berück­sich­ti­gen.

f) Staa­ten sind näm­lich nicht nur eine Ver­dop­pe­lung der ohne schon exis­tie­ren­den gesell­schaft­li­chen Herr­schaft und Aus­beu­tung, son­dern haben die­ser gegen­über eine spe­zi­fi­sche sowohl Zwangs-​​ als auch Hegemonie-​​ (manch­mal sogar: Konsens-​​) Funk­tion: http://​www​.nao​-pro​zess​.de/​b​l​o​g​/​l​a​t​e​s​t​/​w​o​r​d​p​r​e​s​s​/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​u​p​l​o​a​d​s​/​2​0​1​3​/​0​9​/​D​i​e​_​G​A​M​_​s​a​g​t​_​d​e​m​_​L​e​n​i​n​i​s​m​u​s​_​A​d​e.pdf, S. 11, FN 4.

g) Bei dem Gan­zen domi­niert aber die Struk­tur in letz­ter Instanz über die kon­junk­tu­rel­len Kräf­te­ver­hält­nisse, wes­halb für den Bruch mit der Herr­schaft der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise kein Weg an der Zer­schla­gung der bür­ger­li­chen Staats­ap­pa­rate vor­bei­führt. – Dies heißt aber wie­derum nicht, daß es ‚unter­halb‘ des Bruchs mit der Herr­schaft der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise kein Spiel­raum für poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen und Kom­pro­misse gibt oder daß es – nach dem Motto „Um so schlim­mer desto bes­ser“ – aus Sicht der Lohn­ab­hän­gi­gen und/​oder Kom­mu­nis­tIn­nen falsch wäre, sie zu nut­zen.

Anmer­kun­gen:

a) Der Text erschien ursprüng­lich im blog von Neo­prene als Kom­men­tar: http://​neo​prene​.blog​sport​.de/​2​0​1​4​/​0​1​/​2​3​/​d​e​m​o​k​r​a​t​i​e​-​d​i​e​-​s​u​e​s​s​e​s​t​e​-​v​e​r​s​u​c​h​u​n​g​-​s​e​i​t​-​e​s​-​p​o​l​i​t​i​k​-​g​i​b​t​-​w​o​r​k​s​h​o​p​-​t​a​g​-​i​n​-​b​e​r​l​i​n​/​#​c​o​m​m​e​n​t​-​98556.

b) Zu Punkt f) des Tex­tes wäre viel­leicht noch zu ergän­zen, daß dies für Staa­ten im enge­ren – also moderne = bür­ger­li­che – Staa­ten gilt; wäh­rend bei den vor-​​bürgerlichen ‚Proto-​​Staaten‘ der Ein­druck der Ver­dop­pe­lung ohne­hin nicht auf­tre­ten konnte, da Herr­schaft noch per­sön­li­che – und noch versachlicht-​​systemische – Herr­schaft war.

c) Zur Frage der Zer­schla­gung der bür­ger­li­chen Staats­ap­pa­rate siehe ergän­zend: http://​www​.nao​-pro​zess​.de/​b​l​o​g​/​z​e​r​s​c​h​l​a​g​u​n​g​-​o​d​e​r​-​e​r​s​e​t​z​u​n​g​-​d​e​s​-​b​u​e​r​g​e​r​l​i​c​h​e​n​-​s​t​a​a​t​s​a​p​p​a​r​ates/ und http://​www​.nao​-pro​zess​.de/​b​l​o​g​/​w​o​r​u​m​-​g​e​h​t​-​e​s​-​b​e​i​-​d​e​r​-​z​e​r​s​c​h​l​a​g​u​n​g​s​-​f​rage/,

  1. Der Kom­men­tar von Ben Richards dürfte als Ant­wort auf mein vor­her­ge­hen­des State­ment (Nr. 5) gemeint gewe­sen sein: „schon die Vor­stel­lung [ist] falsch, daß Gren­zen und Beschrän­kun­gen der Ver­samm­lungs­frei­heit ‚Fol­gen‘ der Ver­samm­lungs­frei­heit seien. Zutref­fend ist zwar, daß Ver­samm­lungs­frei­heit nicht – ohne­hin illu­so­ri­sche – Frei­heit an und für sich ist; aber der kon­krete Umfang von Gren­zen und Beschrän­kun­gen der Ver­samm­lungs­frei­heit ist keine auto­ma­ti­sche ‚Folge‘ der Exis­tenz von Ver­samm­lungs­frei­heit, son­dern das Ergeb­nis von poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen über diese Frage – also Resul­tat der nun schon mehr­fach erwäh­ten kon­kre­ten his­to­ri­schen Kon­stel­la­tio­nen, Kräf­te­ver­hält­nisse usw.“ [zurück]
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