Archiv für November 2011

Warum heute noch KommunistIn sein? Und: Was wir am Kommunismus ändern müssen?

Im April hatte ich mein Papier „Worum geht es dem trans­ge­nia­len CSD eigent­lich? Eine feministisch-​​kommunistische Kri­tik“ vor­ge­legt. Damals fragte mich eine Genos­sin per mail: „Was kom­mu­nis­tisch Heute mei­nen könnte, […], weil es mich inter­es­siert und ich nach Zugän­gen suche…
Zugänge, die all­ge­mein­ver­ständ­lich sind und die NICHt ein­fach igno­rie­ren, das mit dem Wort geschicht­lich schon auto­ri­täre Irr­tü­mer ver­tre­ten wur­den.“
Ich sah mich zwar im April nicht und ich sehe mich auch jetzt nicht als ver­pflich­tet an, jedes­mal, wenn ich das Wort „kom­mu­nis­tisch“ ver­wende, eine Dis­tan­zie­rung von den mit des­sen Wort­ge­schichte ver­bun­de­nen „auto­ri­täre Irrtümer[n]“ bei­zu­fü­gen. – Daß mein Kommunismus-​​Verständnis ein ande­res als das real­so­zia­lis­ti­sche ist, ergab sich damals allein schon aus dem dama­li­gen gleich­zei­ti­gen Bezug auf den Femi­nis­mus. Und auch in den meis­ten ande­ren Tex­ten, in denen ich von „Kom­mu­nis­mus“ spre­che, dürf­ten sich der­ar­tige Unter­schiede jeweils erschlie­ßen las­sen. Von einer Gesamt­lek­türe mei­ner dies­bgl. Text­pro­duk­tion (1 und 2) ganz abge­se­hen. ;-)
Indem heute aber ein Genosse im Rah­men der aktu­ell lau­fen­den Programm-​​ und Orga­ni­sie­rungs­de­batte die 21 Auf­nah­me­be­din­gun­gen der Kom­In­tern in Erin­ne­rung brachte, brachte er mir in Erin­ne­rung, daß ich mich – vor rund 20 Jah­ren – auch bereits ein­mal mit dem KomIntern-​​Dokument befaßt hatte.
Ich schrieb damals ein Papier „Warum heute noch Kom­mu­nis­tIn sein? Und: Was wir am Kom­mu­nis­mus ändern müs­sen?“. Das Papier war für einen Dis­kus­si­ons­zir­kel bestimmt, der damals eine Ver­an­stal­tung plante, die aber schließ­lich nicht rea­li­siert wurde. Das Papier blieb damals unver­öf­fent­licht. – Es sei nun­mehr als nach­träg­li­che Ant­wort auf die mir im April gestellte Frage ver­öf­fent­licht. (Für die jet­zige Ver­öf­fent­li­chung habe ich dama­lige Tipp­feh­ler kor­ri­giert, das Lite­ra­tur­ver­zeich­nis um
links ergänzt, die Fuß­note 5 hin­zu­ge­fügt und in These II.8 eine kleine – gekenn­zeich­nete – inhalt­li­che Kor­rek­tur vor­ge­nom­men. Zur dama­li­gen These II.4. sei mitt­ler­weile auf diese bei­den [1 und 2] Prä­zi­sie­run­gen hin­ge­wie­sen.)

[der fol­gende Text als .pdf-​​Datei]

I. Metho­di­sches

1. Engels sagt: „Es wird die Pflicht (…) sein, sich über alle theo­re­ti­schen Fra­gen mehr und mehr auf­zu­klä­ren (…) und stets im Auge zu behal­ten, daß der Sozia­lis­mus, seit­dem er eine Wis­senschaft gewor­den ist, auch wie eine Wis­sen­schaft betrie­ben, d.h. stu­diert wer­den will“ (Engels 1874, 517). Und Lenin sagt: „Wir betrach­ten die Theo­rie von Marx kei­nes­wegs als et­was Abge­schlossenes und Unan­tast­ba­res; wir sind im Gegen­teil davon über­zeugt, daß sie nur das Funda­ment der Wis­sen­schaft gelegt hat, die die Sozia­lis­ten nach allen Rich­tun­gen wei­terentwickeln müs­sen, wenn sie nicht hin­ter dem Leben zurück­blei­ben wol­len.“ (Lenin 1899, 205 f.1).
Diese Bestim­mung der revo­lu­tio­nä­ren Theo­rie auch als Wissen­schaft bedeu­tet die Abgren­zung von jedem Dog­ma­tis­mus und eröff­net die Mög­lich­keit zur Selbst­kor­rek­tur und zur imma­nent Wei­terentwicklung. Mit die­ser Bestim­mung der revo­lu­tio­nä­ren Theo­rie ist zum zwei­ten eine dop­pelte Abgren­zung abge­nom­men: 1. ge­genüber jenen, die revo­lu­tio­näre Theo­rie ausschließ­lich als Phi­losophie (‚Kri­ti­sche Theo­rie’) auf­fas­sen und 2. gegen­über je­nen, die revo­lu­tio­näre Theo­rie als angeb­lich wis­sen­schaft­li­che Welt­an­schau­ung, also letzt­lich eben­falls Phi­lo­so­phie, (Sta­li­nis­mus) aus­ge­ben. (Da eine Welt­an­schau­ung gerade keine Wis­sen­schaft ist, bedeu­tet die ge­nannte Wort­kom­bi­na­tion die Unter­ord­nung der Theo­rie unter die prag­ma­ti­schen [Macht]-Notwendigkeiten des poli­ti­schen All­tags. Wohin dies führt, haben wir alle die letz­ten Jahr­zehnte gese­hen – mit dem schließ­li­chen Er­gebnis des Zusam­men­bruchs.)2
(Die RAF steht mit ihrer praktizi­stischen (prag­ma­ti­schen) Aus­le­gung, die sie der mar­xis­ti­schen These vom „Pri­mat der Pra­xis“ gege­ben hat, eben­falls in die­ser wis­sen­schafts­feind­li­chen Tra­di­tion. Diese Wissenschaftsfeind­lichkeit hat es ihr unmög­lich gemacht, die pro­duk­ti­ven Ansätze aus dem „Kon­zept Stadt­gue­rilla“ und aus „Stadt­gue­rilla und Klas­sen­kampf“, auf die Ali Jan­sen /​ Bern­hard Rösen­köt­ter und Michi Die­t­i­ker jüngst in ihrem „Messerrücken“-Text erneut auf­merksam gemacht haben, wei­ter­zu­ent­wi­ckeln als sich die politi­schen Bedin­gun­gen u.a. mit dem Schei­tern der Mai-​​Offensive 1972 ver­än­dert hat­ten. Statt zu einer sol­chen pro­duk­ti­ven Weiterent­wicklung kam es zu dem bekann­ten mili­ta­ris­ti­schen Subjektivis­mus, des­sen Schei­tern im ver­gangenen Jahr nun auch die RAF er­kannt hat. Die­ses Mal scheint ihr – man­gels der theoreti­schen Waf­fen der Revo­lu­tion – nur der Weg in den sub­jek­ti­vis­ti­schen Neo-​​Reformismus zu blei­ben.)

2. Rosa Luxem­burg sagt: „Es kann keine grö­bere Belei­di­gung, keine ärgere Schmä­hung gegen die Arbei­ter­schaft aus­ge­spro­chen wer­den als die Behaup­tung: theo­re­ti­sche Auseinandersetzun­gen seien ledig­lich eine Sache der ‚Aka­de­mi­ker‘. (…). Solange die theo­re­ti­sche Erkennt­nis bloß das Pri­vi­le­gium einer Hand­voll ‚Aka­de­mi­ker’ in der Par­tei bleibt, droht ihr immer die Gefahr, auf Abwege zu gera­ten.“ (Luxem­burg 1899, 371).
Die­sen Aus­gangs­punkt wäh­lend, sol­len im fol­gen­den einige Punkte auf­ge­zeigt wer­den, in denen der tra­di­tio­nelle Mar­xis­mus weiter­hin Recht hat (II.) und einige Punkte, in denen der Mar­xis­mus revi­diert wer­den muß (III.). Dabei wird sich dann zei­gen, daß auch die ‚Wahr­hei­ten’ unter II. nur die halbe bzw. viel­mehr eine Drittel-​​Wahrheiten sind.

II. Warum heute noch Kom­mu­nis­tIn sein?

1. Nach wie vor rich­tig ist die Erkennt­nis, daß die Herrschen­den ihre Macht nicht frei­wil­lig abge­ben wer­den, und daß wir nicht in der Lage sein wer­den, ihren Wider­stand zu bre­chen, wenn wir abwar­ten bis uns die Macht­frage von den Herr­schen­den gestellt wird. Kommuni­stInnen unter­las­sen es des­halb „kei­nen Au­genblick, bei den Arbei­tern ein mög­lichst kla­res Be­wußtsein über den feind­li­chen Gegen­satz zwi­schen Bour­geoisie und Prole­tariat herauszuar­beiten, (…). Die Kommuni­sten ver­schmähen es, ihre An­sichten und Absich­ten zu ver­heimlichen. Sie erklä­ren of­fen, daß ihre Zwe­cke nur erreicht wer­den kön­nen durch den gewaltsa­men Umsturz aller bishe­rigen Gesellschafts­ordnung.“ (Marx/​Engels 1848, 492 f.). „Zwi­schen der kapi­ta­lis­ti­schen und der kom­mu­nis­ti­schen Gesell­schaft liegt die Periode der revolu­tionären Umwand­lung der einen in die andre. Der ent­spricht auch eine poli­ti­sche Über­gangsperiode, deren Staat nichts and­res sein kann als die revo­lu­tio­näre Dik­ta­tur des Proletari­ats.“ (Marx 1875, 28). Anders als in Sta­lins Kon­zep­tion ist der So­zialismus also keine eigen­ständige Pro­duk­ti­ons­weise, in der Klas­senkampf abstirbt; viel­mehr ist in ihm der Klassen­kampf für den Kom­mu­nis­mus, für die staats-​​ und herr­schafts­lose Gesell­schaft „in neuer Form und mit neuen Mit­teln (fort­zu­set­zen)“ (Lenin 1921, 482). (mehr…)

Zum Stand der Organisierungs- und Programmdebatte

Ende März hatte die Sozia­lis­ti­sche Initia­tive Ber­lin (damals noch mit dem Zusatz: „-Schö­ne­berg“) mit ihrem Papier „Neue anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Orga­ni­sa­tion? Neue anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Orga­ni­sa­tion? Na end­lich!“ eine – auch hier schon öfters Thema gewe­sene – Programm-​​ und Orga­ni­sie­rungs­de­batte aus­ge­löst. Mitt­ler­weile hat die Debatte – ins­be­son­dere durch die Bei­träge des Krei­ses der Auto­rIn­nen eines „Bochu­mer Programm“-Entwurfes – deut­lich an Fahrt auf­ge­nom­men.
Strit­tig ist im Moment ins­be­son­dere, ob das Kon­zept des „revo­lu­tio­nä­ren Bruchs“ tat­säch­lich zur Grund­lage der Arbeit der even­tu­ell zu grün­den­den Orga­ni­sa­tion gemacht wer­den soll (wie in dem „Na endlich“-Papier vor­ge­schla­gen und sogar als „unver­han­del­bar“ bezeich­net wurde) oder ob die Orga­ni­sa­tion auch für gra­dua­lis­ti­sche Kon­zep­tio­nen, die eine schritt­weise Ände­rung der Gesell­schafts­struk­tur ohne revo­lu­tio­nä­ren Bruch anstre­ben, offen sein soll, und ob das „Bochu­mer Pro­gramm“ in die zweit­ge­nannte Kate­go­rie fällt.

Meine letz­ten Bei­träge zu die­sem Thema fin­den sich dort:

und

sowie
schon etwas älter:

Außer­dem gibt es eine Über­sicht über die­ses und 19 wei­tere The­men, die bis­her strit­tig dis­ku­tiert wur­den und wei­ter dis­ku­tiert wer­den sol­len:

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