Mal wieder: Queer contra Feminismus – Offener Brief an das Lesbenarchiv „Spinnboden“

In Nach­be­rei­tung zur Ver­an­stal­tung vom Mon­tag zum Thema „Per­spek­ti­ven der femi­nis­ti­schen Orga­ni­sie­rung nach dem Slut­walk“ (vgl. dazu: 1, 2 und 3) sollte am Frei­tag im Les­ben­ar­chiv „Spinn­bo­den“ ein Nachbereitungs-​​Treffen statt­fin­den. Nach­dem bei Face­book gegen die Ver­an­stal­tungs­an­kün­di­gung Transphobie-​​Vorwürfe erho­ben wur­den, weil dort die Frage auf­ge­wor­fen wurde, ob das Tref­fen mit oder ohne Betei­li­gung von Trans* statt­fin­den soll, ent­schloß sich der „Spinn­bo­den“ die Raum­zu­sage zurück­zu­zie­hen.
Dar­auf ant­wor­tete ich mit unten­ste­hen­dem Offe­ner Brief.
Das Tref­fen wird nun statt des­sen im Hin­ter­zim­mer des Restau­rants Nepal-​​Mandal (Brun­nen­str. 164) statt­fin­den, was immer­hin den Vor­teil hat u-​​bahn-​​näher gele­gen zu sein (alter­na­tiv zum U-​​Bhf. Rosentha­ler Plart kommt im übri­gen auch der U-​​Bhf. Ber­nauer Str. in Betracht).
Das Tref­fen wird nun u.a. der Vor­be­rei­tung einer Ver­an­stal­tung zum Thema „Ist Cis-​​FrauenLesben-​​Separatismus trans­phob?“ die­nen. Per­so­nen, die eine Ver­an­stal­tung mit die­sem Thema für ille­gi­tim hal­ten, sind zu dem Tref­fen genauso wenig ein­ge­la­den, wie Leute, deren poli­ti­scher Hori­zont bis zum – bei Face­book gepfleg­ten – um das Wort „Kack­scheisse“ krei­sen­den Fäck­al­jar­gon reicht.

[Der fol­gende Offene Brief als .pdf-​​Datei]

Liebe Gabriele,
liebe Spinnboden-​​Geschäftsführung,

wenn dies meine Ebene der poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung wäre, würde ich als ers­tes den Transphobie-​​Vorwurf an Euch zurück­ge­ben.
Nach den in der Ber­li­ner queer-​​Szene eta­blier­ten Maß­stä­ben ist, mich als Trans-​​ oder Indergender-​​Wesen, das einen weib­li­chen und einen männ­li­chen Vor­na­men führt, aus­schließ­lich mit mei­nem männ­li­chen Vor­na­men anzu­re­den, „trans­phob“, weil eine der­ar­tige Adres­sie­rung angeb­lich in mein Recht auf Selbst­be­zeich­nung ein­greift.
Da ich aber nicht zu denen gehöre, denen der Unter­schied zwi­schen Selbst­ver­ständ­nis und Fremd­wahr­neh­mung unbe­kannt ist, könnt Ihr mich gerne wei­ter­hin so anre­den, wie es Euch beliebt.

Was den Transphobie-​​Vorwurf wegen der Ankün­di­gung des Tref­fens und der zuge­hö­ri­gen Facebook-​​Diskussion betrifft, so weise ich ihn zurück:

1. Das Tref­fen ist nicht ein­mal als Cis-​​FrauenLesben-​​Treffen ange­kün­digt (wäre ja auch absurd, wenn ich selbst zu den Ein­la­den­den gehöre…).
Was wir allein machen, ist: Bekannt geben, daß wir für zuläs­sig hal­ten, daß Cis-​​FrauenLesben ihren etwai­gen Wunsch, sich ohne Trans*-Beteiligung zu tref­fen, bekun­den, und ich selbst mich die­sem Wunsch beu­gen würde.
Daß allein das Zulas­sen des Bekun­dens eines sol­chen Wun­sches zu Transphobie-​​Vorwürfen führt und Euch zur Rück­name der Raum­zu­sage ver­an­laßt, zeigt allein, welch unde­mo­kra­ti­sche Dis­kus­si­ons­struk­tur zu Las­ten von (bestimm­ten) Cis-​​FrauenLesben in der Ber­li­ner queer-​​Szene mitt­ler­weile Stan­dard gewor­den ist.
Queer wirkt hier alles ande­res als eine Abschwä­chung des Patri­ar­chats, son­dern als eine Ver­stär­kung des Patri­ar­chats – als Hin­de­rung für Cis-​​FrauenLesben, ihre ggf. beste­hen­den Bedürf­nisse und poli­ti­schen Ansich­ten aus­zu­spre­chen.

2. Für jeden und jeder, der/​die nicht völ­lig von individualistisch-​​idealistischer, quee­rer Ideo­lo­gie ver­bohrt ist, liegt auf der Hand, daß

  • der Umstand, daß in die­ser Gesell­schaft eine Per­son eine weib­li­che Posi­tion zuge­wie­sen bekommt (= Cis-​​FrauenLesben), zu ande­ren Erfah­run­gen, Gefüh­len, Bedürf­nis­sen usw. führt,
  • als sich in die­ser Posi­tion zu füh­len, sie haben zu wol­len (oder wie auch immer), aber sie von der Gesell­schaft ver­wei­gert zu bekom­men oder sie jeden­falls nur gegen erheb­li­che Wider­stände zu bekom­men (= Trans-​​Frauen-​​Lesben).

Sicher­lich ist es mög­lich, über diese unter­schied­li­chen Erfah­run­gen, poli­ti­schen Kon­se­quen­zen usw. auch gemein­sam zu dis­ku­tie­ren.
Aber bis­her ist nie­mals begrün­det wor­den, warum eine der­ar­tige gemein­same Dis­kus­sion immer und über­all gebo­ten ist, und getrennte Tref­fen von Cis-​​FrauenLesben ille­gi­tim und „trans­phob“ sein sol­len. Die­ser Glau­bens­satz der Ber­li­ner queer-​​Szene ist nichts ande­res ein argu­ment­los gesetz­tes Dogma, das all­die schö­nen Reden über „Ver­viel­falt“, „Inter­sek­tio­na­li­tät“ und „Aner­ken­nung von Unter­schie­den“ als Lügen offen­bart.
Gerade, daß wir es nicht mit mono­li­thi­schen oder tota­li­tä­ren Ver­hält­nis­sen, son­dern mit einer unheim­lich kom­pli­zier­ten Über­la­ge­rung und Ver­flech­tung unter­schied­li­cher Herrschafts-​​ und Aus­beu­tungs­ver­hält­nisse sowie ‚Betrof­fen­hei­ten’ zu tun haben, macht es berech­tigt, daß sich Leute gemäß ihren jewei­li­gen Betrof­fen­hei­ten und Bedürf­nis­sen tref­fen und poli­tisch orga­ni­sie­ren.

3. Dage­gen führt die in der Ber­li­ner queer-​​Szene übli­che abs­trakte Rede über und Kri­tik an „Aus­schlüs­sen“ im all­ge­mei­nen dazu, daß jedes kon­kre­tes Herrschafts-​​ und Aus­beu­tungs­ver­hält­nis ent­nannt und damit die Ent­wick­lung adäqua­ter poli­ti­scher Wider­stands­stra­te­gien erheb­lich erschwert, wenn nicht unmög­lich gemacht wird.

4. Um ein Bei­spiel zu neh­men, das viel­leicht weni­ger emo­tio­nal belas­tet ist, als diese lei­dige Trans*-Debatte:
Wenn sich über 60-​​jährige Frau­en­Les­ben unter sich tref­fen wol­len, um über ihre spe­zi­fi­schen Pro­bleme und Bedürf­nisse zu reden, wäre es sicher­lich kein Drama, wenn da eine 50-​​Jährige uner­kannt dabei wäre.
Und es wäre sicher­lich auch kein Drama, wenn die über 60 Jahre alten Frau­en­Les­ben als Reak­tion dar­auf, daß sich die 50-​​Jährige mit ihrem wah­ren Alter outet und eine Dis­kus­sion gerade über die Pro­bleme von 50-​​jährigen Frau­en­Les­ben zu erzwin­gen ver­sucht, sagen wir: ‚Wir kön­nen auch gerne mal eine Ver­an­stal­tung über die Pro­bleme und Bedürf­nisse von Frau­en­Les­ben in den 50ern machen. Aber die­ses Tref­fen ist für uns über 60-​​Jährigen, und wir wol­len hier und heute über unsere Pro­bleme und Bedürf­nisse reden. Wenn Du das nicht hin­neh­men möch­test, müs­sen wir Dich lei­der bit­ten zu gehen.“
Auch nach den absur­den Maß­stä­ben der Ber­li­ner queer-​​Szene würde ver­mut­lich nie­mandE auf die Idee kom­men, daß eine der­ar­ti­ger „Aus­schluß“ der 50-​​Jährigen ein Fall von ageism wäre und damit beant­wor­tet wur­den muß, die Raum­zu­sage für das Tref­fen zurück­zu­zie­hen.

Was ich sehr ver­stehe, ist, daß Ihr schreibt: „Wir möch­ten […] nicht in eine Trans­phobe Ecke gestellt wer­den und auch nicht damit in Ver­bin­dung gebracht wer­den.“
Ein adäqua­ter Umgang damit, in eine bestimmte „Ecke gestellt [zu] wer­den“ bzw. mit die­ser Ecke „in Ver­bin­dung gebracht [zu] wer­den“, wäre m.E. sich nicht dem Druck bestimm­ter Szene-​​Fraktionen zu beu­gen, son­dern zunächst ein­mal eigen­stän­dig zu prü­fen, ob denn die­ses in-​​die-​​Ecke-​​stellen und in-​​Verbindung-​​bringen zurecht erfolgt. Dazu schreibt Ihr aber lei­der nichts. –

Ich darf daher zur nähe­ren Begrün­dung mei­ner Posi­tion auf mei­nen Bei­trag „De-​​konstruktiv oder doch nur destruk­tiv? Eine poli­ti­sche Zwi­schen­bi­lanz nach 15 Jah­ren queer Les­bia­nis­mus“ in dem – bei Euch sicher­lich vor­han­de­nen – Buch von Gabriele Den­nert, Chris­tiane Lei­din­ger und Fran­ziska Rau­chut:
In Bewe­gun­gen blei­ben. 100 Jahre Poli­tik, Kul­tur und Geschichte von Les­ben, Quer­ver­lag: Ber­lin, 2007, S. 322 – 325
und
mei­nen beige­füg­ten, noch unver­öf­fent­licht Text ver­wei­sen.

Nicht nach­voll­zie­hen kann ich dage­gen Euren Ein­druck: „Außer­dem sieht es auf Face­book so aus als hät­ten wir die Ver­an­stal­tung orga­ni­siert.“
Dort steht (expli­zit) gar nichts dazu, wel­che das Tref­fen orga­ni­siert haben und über Euch steht da aus­schließ­lich, daß das Tref­fen bei Euch statt­fin­det. – Da Ihr auch nicht zu den Orga­ni­sa­to­rIn­nen und Refe­ren­tin­nen der Ver­an­stal­tung vom Mon­tag, die am Frei­tag nach­be­rei­tet wer­den soll, gehört, liegt auch alles andere als nahe, daß aus­ge­rech­net Ihr das Nach­be­rei­tungs­tref­fen orga­ni­siert hät­tet.
Des wei­te­ren wird aus der Facebook-​​Seite deut­lich, daß ich den Ter­min erstellt habe und aus der dor­ti­gen Dis­kus­sion geht her­vor, daß ich am Mon­tag auf dem Podium saß. Also liegt ja wohl die (zutref­fende) Schluß­fol­ge­rung nahe, daß ich zu den Orga­ni­sa­to­rin­nen des Tref­fens gehöre. –

Da mit Eurer Ent­schei­dung zur Rück­nahme der Raum­zu­sage auf der Facebook-​​Seite bereits von inter­es­sier­ter Seite Poli­tik gemacht wird, nehme ich meine Frei­heit in Anspruch, Euch die­sen Brief als Offe­nen Brief zu schi­cken. Ich werde ihn also ver­öf­fent­li­chen.

Außer­dem werde ich den Grup­pen, die an der Kon­zep­tio­nie­rung und Durch­füh­rung der Ver­an­stal­tung am Mon­tag betei­ligt waren, vor­schla­gen, zu einer öffent­li­chen Dis­kus­sion zum Thema „Ist Cis-​​FrauenLesben-​​Separatismus trans­phob?“ ein­zu­la­den. Ich würde mich sehr freuen, wenn bei einer sol­chen Ver­an­stal­tung eine Ver­tre­te­rin von Euch Eure Auf­fas­sung zu die­ser Frage dar­le­gen würde und

ver­bleibe mit femi­nis­ti­schen Grü­ßen

Det­lef Geor­gia

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1 Antwort auf „Mal wieder: Queer contra Feminismus – Offener Brief an das Lesbenarchiv „Spinnboden““


  1. 1 QV 09. Oktober 2011 um 16:05 Uhr

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