Diskussion zwischen Schweizer und deutschen Feministinnen (1990)

Hi ihr lie­ben Schwei­ze­rin­nen,

wir haben uns rie­sig gefreut, als wir euer Papier in die Hände bekom­men haben. Die links­ra­di­kale, femi­nis­ti­sche Szene tut sich schwer, Ziel, Inhalt und Metho­den ihres Kamp­fes unter sich in die Dis­kus­sion zu brin­gen. Immer, wenn ein Text in der Rich­tung auf­taucht, freuen wir und unsere Freun­din­nen uns doof und dus­se­lig.

Zuerst gehen wir auf euren Text ein. Gleich­zei­tig bezie­hen wir uns dabei in Gedan­ken selbst­kri­tisch auf unse­ren Text aus der [radi­kal Nr., Anm. d. Hg.] 140. Kri­tik und Selbst­kri­tik gehen fast immer Hand in Hand.

Ob’s so schlimm war, wer­det ihr im fol­gen­den an unse­ren hof­fent­lich geist­rei­chen Anmer­kun­gen fest­stel­len kön­nen…

Anschlie­ßend machen wir einen klei­nen Aus­flug, wel­che Rich­tung wir inhalt­lich und prak­tisch gut fän­den wei­ter­zu­ver­fol­gen.

Ihr setzt euch mit zwei Frauen aus der Raf und dem anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Wider­stand aus­ein­an­der. Ihr sagt zu Beginn eure Schwie­rig­kei­ten, die ihr hat­tet, die Dis­kus­sion über­haupt anzu­lei­ern.

[…]

Genug – ihr habt ja trotz die­ser Auf­zäh­lung euch ent­schie­den, eure Her­an­ge­hens­weise und Kri­tik dar­zu­stel­len, und das fin­den wir gut.

Eure inhalt­li­che Ana­lyse hat uns über große Teile her­vor­ra­gend gefal­len.

Die Ein­füh­rung des Begriffs „Zwi­schen­klas­sen“ hat bei uns aller­dings zu eini­gen Hei­ter­keits­an­fäl­len geführt. Das liegt haupt­säch­lich daran, daß wir an unsere wer­ten Genos­sen den­ken muß­ten, die immer so ernst­haft über der neu­es­ten „Klas­sen­zu­sam­men­set­zung“ brü­ten. Die sich viel Mühe geben, neben der „Klasse“ nicht die „Frauen“ zu ver­ges­sen, und die nun mit die­sem Begriff sehr ein­deu­tig ihren Platz zuge­wie­sen bekom­men.

Gleich­zei­tig sind wir hier am Knack­punkt ange­kom­men.

Einer­seits fan­den wir den Text unter dem Aspekt der Patri­ar­chats­ana­lyse gut, aber er unter­schlägt – wie unser Text der 140 auch – die Dis­kus­sio­nen, die unter Frauen schon län­ger zu Ras­sis­mus lau­fen.

Wie ihr rich­tig fest­stellt gibt es nichts, was geschlechts­neu­tral ist. Ebenso klar ist auch, daß es nichts gibt, was nicht von der Haut­farbe abhängt bzw. der Her­kunft.

Ein links­ra­di­ka­ler Frau­en­kampf, der sich Inter­na­tio­na­lis­mus auf die Fah­nen schreibt, kann nicht in der Form, wie ihr oder wie wir dies tun, die Unter­drü­ckung durch Ras­sis­mus, die Geschichte von Kolo­nia­lis­mus und Impe­ria­lis­mus am Rande abhan­deln.

Geschieht das, läuft es zwangs­läu­fig auf eine Ver­ein­nah­mung von ande­ren Kämp­fen hin­aus. Andere Kämpfe wer­den aus­schließ­lich aus der Per­spek­tive der eige­nen (wei­ßen) Geschichte und dar­aus ent­wi­ckel­ten Kri­te­rien betrach­tet und mit die­sen dann bewer­tet.

Ihr sprecht über Soli­da­ri­tät mit Frauen der tri­kon­ti­nen­ta­len Län­der, redet über ihre Kämpfe…doch wie kön­nen wir sie ein­schät­zen, ohne sie wie­der ein­zu­ver­lei­ben und in unsere Her­an­ge­hens­weise zu pres­sen?

„Was emp­fin­den schwarze Frauen gegen­über der Frau­en­be­we­gung? Miß­trauen. Sie ist weiß, daher suspekt. Trotz der Tat­sa­che, daß Befrei­ungs­be­we­gun­gen in der schwar­zen Welt Kata­ly­sa­to­ren für den wei­ßen Femi­nis­mus waren, haben zu viele Bewe­gun­gen und bewußt begon­nen, Schwarze ein­zu­be­zie­hen, mit dem Ergeb­nis, sie ein­zu­wi­ckeln. Sie wol­len nicht schon wie­der benutzt wer­den, jeman­dem zu hel­fen, Macht zu gewin­nen – eine Macht, die ihnen gezielt vor­ent­hal­ten wird… Schwarze Frauen sind ver­schie­den von wei­ßen Frauen, weil sie sich selbst anders sehen, anders gese­hen wer­den und ein ande­res Leben geführt haben.“ Toni Mor­ri­son, 1971 (!), Bei­träge 27, S. 27

Auf Seite 8 [in die­ser Bro­schüre: S. 67 Anm. d. Hg.] schreibt ihr von der Aus­gra­bungs­zeit, das sehen wir ähnlich. Aber gegra­ben wird nun wahr­lich schon eine ganze Weile. Daß weiße Frauen jetzt mit der Nase auf die Rassismus-​​Ausandersetzung gesto­ßen wer­den und nicht schon weit­aus frü­her „von sel­ber“ drauf gekom­men sind, macht deut­lich, daß dahin­ter Macht­ver­hält­nisse ste­cken. Wo „wir“ unsere Rolle nicht reflek­tiert haben.

Als Gruppe befin­den sich schwarze Frauen in einer unge­wöhn­li­chen Posi­tion in die­ser Gesell­schaft, denn wir … sind am schärfs­ten von sexis­ti­scher, ras­sis­ti­scher und klas­sis­ti­scher Unter­drü­ckung betrof­fen. Gleich­zei­tig sind wir die Gruppe, die nicht dahin­ge­hend sozia­li­siert wurde, die Rolle des Ausbeuters/​Unterdrückers anzu­neh­men: Uns wird kein insti­tu­tio­na­li­sier­ter ‚Ande­rer’ über­las­sen, den oder die wir unter­drü­cken könn­ten… Weiße Frauen und schwarze Män­ner haben beide Mög­lich­kei­ten. Sie kön­nen als Unter­drü­cker oder als Unter­drückte han­deln. Schwarze Män­ner mögen Opfer von Ras­sis­mus sein, aber Sexis­mus erlaubt es ihnen, als Aus­beu­ter und Unter­drü­cker von Frauen zu han­deln. Weiße Frauen mögen Opfer von Sexis­mus sein, aber Ras­sis­mus ver­leiht ihnen die Fähig­keit, als Aus­beu­ter und Unter­drü­cker von Schwar­zen Men­schen zu han­deln. Beide Grup­pen haben Befrei­ungs­be­we­gun­gen gelei­tet, die ihre lnter­ess­sen favo­ri­sier­ten und die anhal­tende Unter­drü­ckung ande­rer Grup­pen unter­stüt­zen.“ Bell Hooks, 1984, Bei­träge Nr. 27, S. 47.

Da kommt das Modell der „Zwi­schen­klas­sen“ ins Schwim­men. Es kommt immer auf den Stand­punkt an, von dem aus Unter­drü­ckung defi­niert und von daher die „Plätze zuge­wie­sen“ wer­den.

„Zwi­schen­klas­sen“ könn­ten wir die Klasse der pro­le­ta­ri­schen und klein­bür­ger­li­chen Män­ner in Bezug auf das inter­na­tio­nale Patri­ar­chat nen­nen, das zwar ver­schie­den aus­ge­prägt ist, aber als Grund­lage die Unter­drü­ckung und Aus­beutmg von Frauen hat.

Dann müs­sen wir unter den „Zwi­schen­klas­sen“ noch­mal dif­fe­ren­zie­ren. Wie bezeich­nen wir weiße Frauen als Gruppe in ihrer Stel­lung gegen­über schwar­zen Frauen?

Weiße Frauen sind gegen­über schwar­zen Män­nern pri­vi­le­giert. Obwohl die Frauen von Män­ner­ge­walt bedroht sind, wer­den ras­sis­ti­sche Män­ner­hor­den auf der Straße als ers­tes „Aus­län­der klat­schen“. Auch, wenn diese Män­ner­hor­den die größ­ten Frau­en­feinde sind, möch­ten wir die­sen Unter­schied fest­hal­ten.

Dabei geht es nicht um die Frage: Wel­cher geht es bes­ser, wel­chen geht’s schlech­ter (wei­ßen Frauen oder schwar­zen Män­nern)? Daß schwarze Män­ner, die hier leben, auch weiße Frauen anma­chen, unter­drü­cken, sich über sie stel­len, ist klar. Und die ver­su­chen auch, das Rassismus-​​Argument gegen uns zu dre­hen: Vie­len Frauen ist es schon pas­siert, daß ihnen der Mann, der sie in der U-​​Bahn anmachte, vor­ge­wor­fen hat: sie würde sich aus Ras­sis­mus weh­ren. („Das machst du nur, weil ich Türke bin!“ – „Du bist ras­sis­tisch, bei deut­schen Män­nern wür­dest du dich nicht so anstel­len!).

Klar ist, daß uns das nicht im Gerings­ten ein schlech­tes Gewis­sen macht. Sol­che Situa­tio­nen sind ein­deu­tig sexis­tisch und dem­ent­spre­chend ver­tei­di­gen wir uns dann auch.

Uns geht es dabei um das Pro­blem der Defi­ni­ti­ons­macht. Wer hat das Recht zu defi­nie­ren, wer wie stark unter­drückt wird, wer legt Rol­len im revo­lu­tio­nä­ren Pro­zeß fest usw.

Z.B. der Spruch: „Alle Men­schen sind Aus­län­der – fast über­all!“ trifft den Kern der Sache. Der Spruch will eine „tole­rante“ Hal­tung gegen­über Aus­län­de­rIn­nen för­dern und erin­nert daran, daß jede von uns in ande­ren Län­dern auch nicht hei­misch ist. Der Spruch unter­schlägt aber, daß die Defi­ni­tion „Aus­län­der“ seine volle Bedeu­tung im ras­sis­ti­schen Zusam­men­hang bekommt. Der Begriff hat Men­schen aus einem west­eu­ro­päi­schen Land gegen­über eine andere Fär­bung als bei Men­schen aus einem tri­kon­ti­nen­ta­lem Land oder aus Ost­eu­ropa.

Es exis­tiert eine ras­sis­ti­sche Wer­te­hier­ar­chie, die sich aus Geschichte (Kolonialismus/​Faschismus) und der aktu­el­len welt­wei­ten Hier­achie von kapitalistischen/​imperialistischen Indus­trie­mäch­ten und von ihnen abhän­gi­gen Län­dern des Tri­kont ergibt und ablei­tet.

In die­sem Sys­tem defi­nie­ren weiße Män­ner und auch Frauen, wer „Aus­län­der“ ist.

Wenn eine von uns in ein Tri­kon­t­land reist, ist sie dort weni­ger „Aus­län­de­rin“, als viel­mehr eine Weiße aus die­sem oder jenem Land. Natür­lich ist sie auch „Aus­län­de­rin“, aber ob das Defi­ni­ti­ons­macht besitzt, sie das also zu spü­ren bekommt, hängt vom Kräf­te­ver­hält­nis ab. Aktu­ell zu sehen ist das bei Süd­afrika. Die Schwar­zen kön­nen dort auf­grund ihrer orga­ni­sier­ten Stärke den Wei­ßen prak­tisch zei­gen, daß sie fehl am Platz sind. Vor­her konn­ten sie das sagen, aber Kon­se­quen­zen fol­gen in einem Macht­karnpf nur auf­grund von Sie­gen und auf Stärke von unten.

Auf uns bezo­gen heißt das: Wir müs­sen als weiße Frauen Ras­sis­mus gleich­wer­tig zu sexis­ti­scher Unter­drü­ckung und Patri­ar­chat mit­ein­be­zie­hen. Wir kön­nen ande­ren Unter­drück­ten nicht unsere Defi­ni­ti­ons­macht, die wir als Weiße haben auf­drü­cken, wie weiße Män­ner dies uns gegen­über lange genug gemacht haben, wenn sie uns als „Neben­wi­der­spruch“ abta­ten oder unsere Auto­no­mie als Spal­tung in Frage stell­ten.

Wie wenig die Aus­ein­an­der­set­zung mit Ras­sis­mus ent­wi­ckelt ist, mer­ken wir an Sät­zen wie: „Aus­ge­beu­tete Frauen müs­sen für ihre Befrei­ung den zen­tra­len Repressions-​​ und Ideo­lo­gie­ap­pa­rat (Staat) zer­schla­gen, das Pri­vat­ei­gen­tum an den mate­ri­el­len Pro­duk­ti­ons­mit­teln auf­he­ben, den dezen­tra­len Repressions-​​ und Ideo­lo­gie­ap­pa­rat (Machos und Män­ner­ban­den) zer­schla­gen, das Pri­vat­ei­gen­tum von Män­nern an Frauen und Kin­dern auf­he­ben und sich selbst aus der Stel­lung des Men­schen­pro­duk­ti­ons­mit­tels und Sexu­al­ob­jekts befreien. Aus­ge­beu­tete Män­ner müs­sen für ihre Befrei­ung ‚nur’ den Staat zer­schla­gen und Pri­vat­ei­gen­tum an den mate­ri­el­len Pro­duk­ti­ons­mit­teln auf­he­ben.

Der erste Abschnitt stimmt. Beim zwei­ten wird deut­lich, daß ihr aus­schließ­lich von wei­ßen Män­nern redet. Die Erfah­rung von schwar­zen Män­nern geht über diese zwei von euch genann­ten Punkte hin­aus.

Aus den Befrei­ungs­kämp­fen schwar­zer Men­schen, wie in dem Zitat von Toni Mor­ri­son erwähnt, kom­men eine Menge Erkennt­nisse, wie Unter­drü­ckung „nach innen“ ver­la­gert wird und so viel schwe­rer zu bekämp­fen ist als ein kon­kret bestimm­ba­rer, äuße­rer Macht­ap­pa­rat.

Fanon hat in den 50’ern viel dar­über geschrie­ben:

„Ich wollte Mensch sein, nur Mensch. Man­che ver­ban­den mich mit mei­nen ver­sklav­ten, gelynch­ten Vor­fah­ren: Ich beschloß, diese Ver­gan­gen­heit auf mich zu neh­men. Auf der uni­ver­sel­len Ebene des Intel­lekts ver­stand ich diese innere Ver­wandt­schaft – ich war ein Enkel von Skla­ven…
In Ame­rika wer­den Neger abge­son­dert. In Süd­ame­rika peitscht man die strei­ken­den Neger auf den Stra­ßen aus und erschießt sie. In West­afrika ist der Neger ein Tier. Und hier, ganz in mei­ner Nähe, gleich nebenan sagt mir ein aus Alge­rien gebür­ti­ger Kom­mi­li­tone: ‚Solange man den Ara­ber zu einem Men­schen erklärt wie wir, wird es keine gang­bare Lösung geben.’
‚Weißt du, mein Lie­ber, das Vor­ur­teil der Haut­farbe, das kenne ich nicht… Aber was denn, tre­ten Sie doch ein Mon­sieur, bei uns gibt es kein Vor­ur­teil der Haut­farbe… Jawohl der Neger ist ein Mensch wie wir… nicht weil er schwarz ist, ist er weni­ger intel­li­gent als wir… ich hatte einen sene­ga­li­schen Kame­ra­den beim Regi­ment. Er war sehr fein­füh­lig…’
….wo mich ver­krie­chen?
‚Mar­ti­ni­qua­ner aus ‚unse­ren’ ehe­ma­li­gen Kolo­nien.’
‚Schau den Neger da! …Mama, ein Neger!…’ – ‚Still! Er wird böse wer­den… Ach­ten Sie nicht dar­auf, Mon­sieur, er weiß nicht, daß Sie genauso zivi­li­siert sind wie wir…’
Mein Kör­per kam aus­ge­waltzt, zer­teilt, geflickt zu mir zurück, ganz in Trauer an jenem wei­ßen Win­ter­tag. Der Neger ist ein Tier, der Neger ist schlecht, der Neger ist bös­ar­tig, der Neger ist häß­lich; sieh mal, ein Neger, es ist kalt, der Neger zit­tert, weil er friert, der kleine Junge zit­tert, weil er glaubt, daß der Neger vor Wut zit­tert, weil er Angst vor dem Neger hat. Der Neger zit­tert vor Kälte, jener Kälte, die dir die Kno­chen ver­renkt, der nied­li­che Kleine zit­tert, weil er glaubt, daß der Neger vor Wut zit­tert, der kleine weiße Knabe wirft sich in die Arme sei­ner Mut­ter: Mama, der Neger will mich fres­sen.
Ringsum der Weiße, oben reißt der Him­mel den Nabel aus, die Erde knirscht unter mei­nen Füßen und ein wei­ßes, wei­ßes Lied. Das viele Weiß, das mich aus­brennt…
Wo mich nun ver­krie­chen? Aus den unzäh­li­gen Zer­split­te­run­gen mei­nes Seins spüre ich das Blut in mir hoch­stei­gen. Ich war im Begriff wütend zu wer­den. Seit lan­gem war das Feuer erlo­schen, und aber­mals zit­tert der Neger…
‚Schau nur, er ist schön der Neger…’
‚Der schöne Neger scheißt auf Sie, Madame!’
….End­lich war ich befreit von mei­ner Grü­be­lei. Und gleich­zei­tig wurde mir zwei­er­lei klar: Ich iden­tif­zierte meine Feinde und erregte öffent­li­ches Ärger­nis. Über­glück­lich. Man würde sich amü­sie­ren kön­nen!“
Fanon, „Schwarze Haut und weiße Mas­ken“

Eigent­lich hat­ten wir nicht vor, einen Text zu Ras­sis­mus zu schrei­ben. Haben wir auch immer noch nicht vor. Andere haben dazu schon viel umfas­sen­dere Texte geschrie­ben und viel genauer, als wir das in der Kürze der Zeit könn­ten.

Wir haben mit­be­kom­men, daß häu­fig in auto­no­men Frau­enzu­sam­men­hän­gen die Aus­ein­an­der­set­zun­gen über Ras­sis­mus sehr auf der sub­jek­ti­ven Ebene ver­lau­fen – bin ich eine Ras­sis­tin, weil ich eben gesagt habe: „Ich hätte gerne einen Neger­kuß.“?

Das ist zwar eine wich­tige Ebene, sich sel­ber abzu­klop­fen, aber wir wei­gern uns, das zum non­plus­ul­tra der Dis­kus­sion zu machen. Wir hal­ten das für die abso­lute Luxus­po­si­tion, wenn nicht gleich­zei­tig die gesell­schaft­li­che Ebene des Ras­sis­mus ana­ly­siert wird, wo er sich aus … Welt­markt… (Der Satz war lei­der in dem uns vor­lie­gen­den Exem­plar des Tex­tes unle­ser­lich. Anm. d Hg.)

Allein­ste­hend macht sie ein­mal mehr deut­lich: Na, die Wei­ßen haben jetzt in Zei­ten des offen­si­ven doit­schen Macht­zu­wach­ses und natio­na­lem Tau­mel nichts Ves­se­res zu tun, als wie­der mal um ihren Nabel zu krei­sen.

Im Ernst: Das wich­tigste an unse­rer Kritik/​Selbstkritik ist für uns fol­gen­des:

In dem Moment, wo wir doch hof­fent­lich alle überein­stim­men, daß Femi­nis­mus den Anspruch hat, alle Unter­drü­ckun­gen und Aus­gren­zun­gen vom Tisch zu fegen, müß­ten sich alle auf­grund ihrer eige­nen Denk­weise, Ana­lyse und dem­ent­spre­chen­den Pra­xis fra­gen, wie weit es damit her ist. Eigent­lich ist es doch der Hohn – Alle wis­sen, mit EG 92 wird der Groß­raum Europa gegen tri­kon­ti­nen­tale Frauen und Män­ner abge­schot­tet, es wird abge­scho­ben und wird hier auf der Straße eine ras­sis­ti­sche Gewalt mate­ri­ell, die total bru­tal ist, gibt es die insti­tu­tio­nelle Ent­spre­chung in Form von Aus­län­der­bul­len, Sozi­al­stra­te­gen, die den aus­län­di­schen Jugend­gangs auf den Stra­ßen hin­ter­her­ja­gen, gibt es die ras­sis­ti­schen Rich­ter­schweine, die alles juris­tisch abseg­nen…

Und wir? Wo ist die Frau­en­be­we­gung, wenn ein­ge­wan­derte Frauen und Män­ner ange­grif­fen wer­den?

Wie stel­len wir uns das vor, uns inter­na­tio­na­lis­tisch zu orga­ni­sie­ren, wenn – aus was für Grün­den auch immer – wir prak­tisch die Soli­da­ri­tät ver­wei­gern und oft genug allein las­sen, weil wir nicht von uns aus die Bedin­gun­gen ande­rer in unsere Über­le­gun­gen mit­ein­be­zie­hen. Son­dern nur schauen, was pas­siert gegen uns, als femi­nis­ti­sche Frauen, als Teil der radi­ka­len Lin­ken etc.

Das steht in kei­nem Ver­hält­nis, wie sich über die eigene Psy­che der Kopf gemacht wird – Bin ich eine, bin ich keine… – das inter­es­siert keine, die ange­grif­fen wird und damit erst­mal allein steht.

Wir machen das doch auch nicht anders. Ver­trauen bekom­men wir nicht dar­über, daß Män­ner ihre eigene Spra­che femi­ni­sie­ren, daß sie sich beim Pis­sen hin­set­zen, also „gute“ auf­ge­klärte Män­ner sind. Seht her, ich bin ein „soli­da­ri­scher Mann“ – BÄH!

Nein, wir ach­ten auf die Pra­xis, auf die Hände, auf die Augen, wo hat er seine Bli­cke – müs­sen Frauen auf Demos Män­ner anma­chen, weil sie ihre Knüp­pel in „ent­spann­ten“ Situa­tio­nen demons­tra­tiv zur Schau tra­gen und nicht unter die Jacke packen kön­nen, oder ach­ten dar­auf auch Män­ner?

Gehen Män­ner dazwi­schen, wenn Frauen ange­macht wer­den… bezie­hen sie dar­über einen Teil ihrer Iden­ti­tät des star­ken, beschüt­zen­den Man­nes, ach­ten sie immer zuerst dar­auf, ob die Frau das sel­ber klar­macht. Tritt in die Eier… oder wer­fen sie sich gleich in die Arena….? („Komm Kleine, jetzt komm ich und schmeiß den Laden!“)

So eine Sen­si­bi­li­tät, so eine Pra­xis erwar­ten wir. Das ist unser Maß­stab, unsere Basis, und ohne die läuft aber nix.

„Erst in dem Moment, wenn weiße femi­nis­ti­sche Akti­vis­tin­nen nicht nur den Ras­sis­mus in der Frau­en­be­we­gung ein­ge­ste­hen und per­sön­li­che ras­sis­ti­sche Vor­ur­teile ver­wei­sen, son­dern der ras­sis­ti­schen Unter­drü­ckung in unse­rer Gesell­schaft grund­sätz­li­chen akti­ven Wider­stand ent­ge­gen­set­zen, wer­den wir wis­sen, daß weiße Frauen sich dem Ras­sis­mus ernst­haft und auf revo­lu­tio­näre Weise stel­len. Wir wer­den wis­sen, daß sie sich gegen den Ras­sis­mus enga­gie­ren, sobald sie mit­hel­fen, die Rich­tung der femi­nis­ti­schen Bewe­gung zu ver­än­dern und daran arbei­ten, die ras­sis­ti­sche Sozia­li­sa­tion abzu­bauen, bevor sie Füh­rungs­po­si­tio­nen über­neh­men, Theo­rien ent­wi­ckeln oder den Kon­takt zu far­bi­gen Frauen suchen, um so nicht der ras­sis­ti­schen Unter­drü­ckung wei­ter­hin Vor­schub zu leis­ten und nicht-​​weiße Frauen bewußt oder unbe­wußt zu miß­brau­chen oder zu ver­let­zen. Das sind die wahr­haft radi­ka­len Ges­ten, wel­che die Grund­lage für das Erle­ben poli­ti­scher Soli­da­ri­tät zwi­schen wei­ßen und far­bi­gen Frauen schaf­fen“. Bell Hooks

Ja, es macht uns zu schaf­fen, daß bei Frauen in punkto prak­ti­scher Soli­da­ri­tät mit ein­ge­wan­der­ten Frauen und Män­nern zur Zeit eine Läh­mung fest­zu­stel­len ist.

Eine theo­re­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit Ras­sis­mus hal­ten wir für wich­tig, da wir die feh­lende Klar­heit über Bedeu­tung und Ver­zah­nung ande­rer Unter­drü­ckungs­ver­hält­nisse mit Sexis­mus und Patri­ar­chat für eine Ursa­che hal­ten, daß dazu wenig ent­wi­ckelt wird.

Eine wei­tere Ebene ist, daß – wie beschrie­ben – ent­we­der aus­schließ­li­che „Tie­fen­for­schung“ bei sich sel­ber betrie­ben wird, anstatt Ras­sis­mus ebenso als gesell­schaft­li­ches Unter­drü­ckungs­ver­hält­nis zu sehen.

Oder die Aus­ein­an­der­set­zung schwebt knapp unter der Zim­mer­de­cke und läßt von daher keine prak­ti­schen Ansätze mehr sehen.

Was fällt uns dazu ein…(nicht so viel!)?

Straße – all­täg­li­cher Ras­sis­mus – gars­ti­ges Bedie­nen von aus­län­di­schen Frauen und Män­nern im Obst­la­den oder im Super­markt, Bli­cke: IIHH sind die dre­ckig; mit­lei­dige Bli­cke auf tür­ki­sche Frauen mit 1000’en Ein­kaufs­tü­ten auf dem Arm; Sozi: Sach­ar­bei­ter benut­zen ihre Sprach­ge­wandt­heit, damit die Tür­kin nix ver­steht und wenn sie sich umdreht, geht das Gehetze los: „Die sol­len doch dahin, wo sie her­kom­men. Schma­rot­zer“…

Dann kommt dir Groß­deutsch­land in den Sinn, und da sind sie und du hast sie im Kopf, und ein Wort wird groß „Kon­fron­ta­tion“.

Sie, das sind Skins, orga­ni­sierte Faschis­ten, faschis­ti­sche Fuß­ball­fans, bräun­li­che Bür­gers, Duck­mäu­ser aber, wenn schlechte Laune, weil mie­ser Job, nach Unten­tre­ter, gegen alles-​​was-​​fremd-​​ist-​​Treter -AAARRRGGGHHH!!!

Die braune groß­deut­sche Sauce halt.

Du denkst wei­ter. Spots: „In der Nacht … wurde von meh­re­ren Unbe­kann­ten das Asy­lan­ten­la­ger… in … mit Molo­tow­cock­tails und Stei­nen bewor­fen. Die Täter ent­ka­men uner­kannt, 1 kur­di­sche Frau liegt schwer­ver­letzt im Kran­ken­haus. Die Poli­zei tappt im Dun­keln.“

Du gehst auf die Straße, da rem­peln ein paar Doppelt-​​Deutsche einen Aus­län­der an: klop­fen Sprü­che. Du bist allein und traust dich nicht dazwi­schen – OHN­MACHT – du sagst dir aber, das nächste Mal bestimmt.

In unse­ren Dis­kus­sio­nen sind wir oft bei Kon­fron­ta­tion gelan­det und dann waren wir schnell bei Angst.

Es ist unter Frauen die Argu­men­ta­tion ver­brei­tet (nicht nur da), sie wür­den sich von den Faschos nicht die Ebene der Aus­ein­an­der­set­zung auf­zwin­gen las­sen.

Das ist ver­quere Polit-​​Argumentation. Es ist natür­lich rich­tig, genau eigene Kräfte und Mög­lich­kei­ten gegen­über dem Geg­ner abzu­wä­gen und nicht in offene Mes­ser zu ren­nen (im wahrs­ten Sinne des Wor­tes). Wir haben aber das Gefühl, daß damit die Pro­bleme, daß viele sich nicht mehr sicher auf der Straße bewe­gen kön­nen, daß die Exis­tenz von der Will­kür des Staa­tes abhängt, der abschiebt, aus­weist, damit nur ver­drängt wer­den mit faden­schei­ni­gen Argu­men­ten.

Kon­fron­ta­tion macht Angst. Na klar, aber was heißt über­haupt Angst? Wär doch komisch, wenn die nicht da wär, es ist ja auch zum Fürch­ten. Oder den­ken wir Frauen, wir sind alle als Kampf­ma­schi­nen auf die Welt gekom­men, starke, funk­tio­nie­rende Frauen?!

Aber sie ist real die Kon­fron­ta­tion. Selbst, wenn wir sie nicht rea­li­sie­ren wol­len, sei es aus poli­ti­scher Unklar­heit oder aus Ver­drän­gung, für andere besteht gar nicht die Mög­lich­keit zu ver­drän­gen, die müs­sen rea­gie­ren.

Das sollte jede sehen und was draus machen.

Das sollte jede sehen und was draus machen.

Es geht um uns!

Wenn z.B ein gemein­sa­mer Schutz für Flücht­lings­la­ger orga­ni­siert wer­den soll…Da haben meist nur gemischt-​​geschlechtliche Grup­pen vor­erst Kon­takt hin…mit denen haben wir wenig zu tun, die arbei­ten zu Ras­sis­mus, haben zu Sexis­mus nichts im Kopf, also fehlt die Grund­lage, ein Bünd­nis ein­zu­ge­hen … aber was dann…

gar nichts dazu machen … bei der Abgren­zung ste­hen­blei­ben „außer­dem sind bei so Ange­le­gen­hei­ten immer nur diese Macker vor Ort“ – Wo tau­chen wir dann auf als gro­ßer Hau­fen, sicht­bar und stark, nicht unter­ge­hend?

Was hin­dert uns daran, feh­lende Strukturen/​Kontakte auf­zu­bauen und ein eige­nes Ver­ständ­nis von anti­ras­sis­ti­schem, femi­nis­ti­schem Kampf zu ent­wi­ckeln?

Es gibt sicher eine Menge Erfah­run­gen: von Frauen, die in Flücht­lings­grup­pen gear­bei­tet haben, von Fantifa-​​Frauen, die femi­nis­ti­sche Antifa-​​Arbeit machen …. diese Erfah­run­gen und Ansätze müs­sen zusam­men­ge­tra­gen und aus­ge­wer­tet wer­den, damit nicht immer alle so iso­liert vor sich hin­wursch­teln!

Frauen bekom­men all­täg­lich Gewalt zu spü­ren… Da schla­gen wir zurück. Hier ent­wi­ckeln wir den Ehr­geiz, Ver­ge­wal­ti­ger zu jagen und aus­zu­tei­len für die jah­re­lange, per­ma­nente Ernied­ri­gung, die uns ent­ge­gen­schlägt.

Ja, es geht um not­wen­dige Mili­tanz, orga­ni­sierte Mili­tanz. Wir wol­len neben dem not­wen­di­gen öffent­li­chen Präsent-​​Sein auf der Straße, die aus­drückt: Wir sind viele, die auf der Lauer lie­gen, falls einer was pas­siert, wir sind soli­da­risch mit­ein­an­der, paßt bloß auf! noch viel mehr, z.B. die Ergän­zung, heim­lich, schlau und lis­tig die Ver­ge­wal­ti­ger auch wirk­lich zu bekom­men. Das muß genauso orga­ni­siert wer­den.

Wir wol­len die Dis­kus­sion und Pra­xis, die auch ziel­ge­rich­tet die Schweine kriegt, die uns angrei­fen. Alle Schweine, die Ver­ge­wal­ti­ger, die Faschos, die Schreib­tisch­tä­ter, egal. Um beim Bei­spiel Ver­ge­wal­ti­ger zu blei­ben, wenn wir neben der öffent­li­chen Prä­senz gleich­zei­tig über­le­gen, wie wir sie sicher­lich in die Hände bekom­men und was wir dann mit ihnen machen kön­nen und wie sehr so eine Aktion auch anpowern würde, Mut machen, die Frauen auf die Straße zu trei­ben, dann den­ken wir, sowas von vie­len orga­ni­siert, sol­che Über­le­gun­gen kon­se­quent und ehr­gei­zig ans Ende gespon­nen, wür­den und einen gro­ßen Sprung wei­ter­brin­gen.

Mit die­ser sehr ehr­gei­zi­gen Hal­tung fän­den wir es sehr gut, wenn alle auch an die ande­ren „The­men“ ran­ge­hen. Das betrifft dann wie­der die prak­ti­sche Soli­da­ri­tät mit ande­ren Unter­drück­ten.

Um diese Hal­tung kom­men wir nicht herum, weil Haar­wur­zeln ange­grif­fen wer­den und wir es ziem­lich nötig haben, uns wir­kungs­volle Gegen­stra­te­gien aus­zu­den­ken.

Selbst­be­stimm­tes Leben“ und jetzt womög­lich auch noch „selbst­be­stimm­tes Angrei­fen“ kann auch Zei­chen dafür sein, daß wir uns eines Pri­vi­legs bedie­nen, näm­lich weiß zu sein, das heißt , es uns an bestimm­ten Punk­ten selbst aus­su­chen zu kön­nen, wann wir in eine Kon­fron­ta­tion gehen, wäh­rend andere (z.B. ein­ge­wan­derte Frauen und Män­ner) schon mit­ten in der Kon­fron­ta­tion ste­cken – ob sie wol­len oder nicht. Das nur: von wegen „Selbst­be­stim­mung“.

Das ist für uns keine Frage von Moral („Wie könnt ihr nur?“) son­dern Aus­druck des­sen, wie stark die Unter­schied­lich­keit der Stel­lung von uns und ande­ren hier ist, warum es so schwer ist, gemein­sam was zu machen, wo die Grä­ben lie­gen, wo das Miß­trauen…

Eine ehr­li­che Dis­kus­sion um Ansätze, Per­spek­ti­ven und Metho­den des radi­ka­len, femi­nis­ti­schen Frau­en­kamp­fes ist mehr als über­fäl­lig. Hallo ihr alle – Packen wir’s an!

Wir ergän­zen noch 2 Kri­tik­punkte an dem Papier von den Schwei­ze­rin­nen, die auch mit­ein­an­der zusam­men­hän­gen.

Das wär zum einen, daß wir nicht ganz ver­stan­den haben, wie ihr nun die Methode des bewaff­ne­ten Kamp­fes beur­teilt und begreift.

Ihr trefft da sehr abso­lute Aus­sa­gen, die wir immer rela­ti­vie­ren wür­den. Aus­sa­gen wie: „…daß der bewaff­nete Kampf zugleich die wir­kamste Form der poli­ti­schen Pro­pa­ganda in nicht-​​revolutionärer Periode ist“ oder „Ob die Chance genutzt wird, ob Teile der Zwi­schen­klas­sen (Pro­le­ta­riat und Klein­bür­ger­tum) in einen anti­pa­tri­ar­cha­len Kampf gezo­gen und andere neu­tra­li­siert (scheuß­li­ches Wort übri­gens) wer­den kön­nen, hängt ganz und gar von der auto­no­men Kraft eines revo­lu­tio­nä­ren Femi­nis­mus ab. Diese Kraft beruht abso­lut nicht auf ver­ba­ler Eman­zi­pa­ti­ons­hilfe, aber ganz und gar auf dem bewaff­ne­ten Kampf gegen Kapi­tal, Staat und resis­tent patri­ar­cha­len Tei­len der Zwi­schen­klas­sen.

Wir wür­den immer dazu sagen, daß der bewaff­nete Kampf zur wir­kungs­volls­ten Methode wer­den kann, wenn die inhalt­li­che Aus­rich­tung treff­si­cher in die Situa­tion paßt. Wenn es ihm gelingt anzu­powern, Mut zu machen, Kopf­krämpfe zu lösen (bei den Lin­ken), Bli­cke zu ent­schlei­ern und den Feind zu ver­wir­ren. Eine Aktion muß natür­lich nicht alle Kri­te­rien auf ein­mal erfül­len. Oft rei­chen schon weni­ger aus, um die Aktion zu einer star­ken Wir­kung zu brin­gen, aber das wären für uns wesent­li­che Grund­be­din­gun­gen.

Eine wei­tere wich­tige Vor­aus­set­zung ist, daß er opti­male Effekte erzielt, wenn er ein­ge­bet­tet ist in Ansätze eines revo­lu­tio­nä­ren Kon­zep­tes, wenn er nicht allein mit die­sen Ansät­zen steht oder iso­liert aus­schließ­lich von der Gruppe sel­ber nur getra­gen wird (aber auch da gibt es natür­lich Aus­nah­men, wo man drauf schei­ßen muß, wie 77, wenn eine ganze Linke sich ver­ab­schie­det und ent­so­li­da­ri­siert, kann an dem Punkt natür­lich nicht die Methode an sich in Frage gestellt wer­den, also eine völ­lige Abhän­gig­keit von einer so schwan­ken­den Szene wie hier, darf auch nicht sein), son­dern sich orga­nisch ein­bin­det in den Dis­kus­si­ons­pro­zeß der radi­ka­len Lin­ken.

Kri­te­rien gäbe es da noch mehr, und dies ist auch eine Dis­kus­sion an sich, aber ihr seht, eure spär­li­chen Bemer­kun­gen dazu sind uns zu wenig,

Dann haben wir näm­lich Schwie­rig­kei­ten mit der Abso­lu­tie­rung, da sie auf eine Sti­li­sie­rung hin­aus­läuft, auf eine Sti­li­sie­rung der Methode und letzt­lich auch der Akteu­rIn­nen sel­ber.

Warum redet ihr nicht auch von „mili­tan­ten Kampf“, was noch mehr an .Akti­ons­for­men und -mög­lich­kei­ten ein­schlie­ßen würde. Dann müß­tet ihr auch nicht stän­dig beto­nen, daß bei euch in der Schweiz das „tech­no­lo­gi­sche Niveau“ so nied­rig ist. Das ist sicher auch ein Pro­blem, aber sicher ist es vor allem ein inhalt­li­ches? An dem Punkt ist uns auf­ge­fal­len, daß ihr so gut wie gar nichts zu den Frau­en­kämp­fen sel­ber sagt in der Schweiz. Wir ken­nen uns da nicht so gut aus. Es wäre sicher wich­tig, da mehr drü­ber zu wis­sen. Dann könnte auch bes­ser eine Dis­kus­sion über Metho­den und wel­che sind „ange­mes­sen“ und wel­che nicht statt­fin­den. So schwebt das nur als Aus­sage im Raum.

Um beim Bei­spiel zu blei­ben, wenn ihr mehr von mili­tan­tem Kampf reden wür­det, könn­ten wir euch gleich erwi­dern: genau da liegt u.a. eines unse­rer Haupt­pro­bleme in der BRD, daß es so wenig Mili­tante gibt. Wenn aber die ein­zi­gen Mili­tan­ten die von der Gue­rilla wären, dann säßen die und die ganze Linke aber ganz schön auf dem Tro­cke­nen – wenn wir bei dem Bild eines „orga­ni­schen Kon­zep­tes“ blei­ben – poli­tisch und nicht struk­tu­rell gemeint. Mili­tanz ins­ge­samt und über­all, Sub­ver­sion in der Luft, im Her­zen und in jeder unse­rer Hand­lun­gen. Die Kraft beruht natür­lich nicht auf eman­zi­pa­ti­ver Argu­men­ta­ti­ons­hilfe, aber abso­lut auf der inhalt­li­chen Aus­rich­tung des Kamp­fes, der Ent­wick­lung der Per­sön­lich­kei­ten der Kämp­fe­rin­nen und Kämp­fer und der par­al­lel ent­wi­ckel­ten revo­lu­tio­nä­ren Kampf­tech­nik.

Wenn ihr vom „fort­ge­schritts­ten Bei­spiel in die­ser Rich­tung“ die „bewaff­ne­ten Grup­pen schwar­zer Frauen in Süd­afrika, die Ver­ge­wal­ti­ger liqui­die­ren“ her­an­zi­tiert um eure These der Bedeu­tung des bewaff­ne­ten Kamp­fes zu bele­gen, wer­den wir ziem­lich stin­kig. Wir fin­den es dreist das Bei­spiel so her­aus­zu­grei­fen ohne ansons­ten mehr über den Pro­zeß von schwar­zen Frauen in Süd­afrika zu erfah­ren, wie dort ihre Struk­tu­ren aus­se­hen, wie sie mit Repres­sion umge­hen, wie „trag­fä­hig“ die Zusam­men­hänge sind etc. – was bleibt ist die Radi­ka­li­tät der Methode. In der Form, wie ihr das aus dem Zusam­men­hang raus­reißt, ist das eine Instru­men­ta­li­sie­rung der Kämpfe der Frauen dort.

Aus die­sem schrä­gen Ver­hält­nis zum bewaff­ne­ten Kampf resul­tiert dann für uns euer oppor­tu­nis­ti­sches Ver­hält­nis zur RAF. Auf der einen Seite kri­ti­siert ihr sie sehr stark inhalt­lich (Seite 7, in die­ser Bro­schüre S. … [Sei­ten­zahl fehlt dort bereits. TaP] Anm. d. Hg.), wenn auch schon fast durch die Blume.

Wir wet­ten 10 Käs­ten Bier, Sekt, Sel­ter oder Saft, daß bei sämt­li­chen ande­ren gemischt-​​geschlechtlichen Zusam­men­hän­gen ihr bei sol­chen inhalt­li­chen „Kor­ken“, wie die von euch ana­ly­sier­ten, nur noch mit dem Holz­ham­mer drauf­hauen wür­det.

Wenn schon eine inhalt­li­che Pole­mik begin­nen, dann rich­tig und ordent­lich. Die kann auch soli­da­risch sein.

Ihr wür­det einer der­ma­ßen igno­ran­ten Hal­tung nur mit der abso­lu­ten Miß­ach­tung begeg­nen und sagen, pah, wir spre­chen uns in 10 Jah­ren, wenn der mili­tante Frau­en­kampf auch dem letz­ten Trot­tel eine Macht in den Weg gestellt hat, daß kein Vor­bei­kom­men mehr mög­lich ist. Diese Dis­kre­panz ärgert uns außer­or­dent­lich.

Die Äuße­run­gen der Gefan­ge­nen sind auch nicht stän­dig aus eurer Kri­tik her­aus­nehm­bar, wir ihr das tut:

„Der gemein­same radi­kale Bruch und die sich dann erschlie­ßende revo­lu­tio­näre Poli­tik bedeu­ten ohne jeden Zwei­fel die tiefste aller Bezie­hun­gen Ihr nennt die Vor­aus­set­zun­gen befrei­ter, „mensch­li­cher“ Bezie­hun­gen klar und deut­lich: „der radi­kale Bruch mit dem System-​​Alltag“. Aus eurem Mund heißt das: bewaff­ne­ter Kampf mit all sei­nen Kon­se­quen­zen. Abseits vom radi­ka­len Bruch (= ausch­ließ­lich bewaff­ne­ter Kampf.?!? Pro­test!!!) abseits vom kon­ti­nu­ier­li­chen und bewußt vor­an­trei­ben­den Kampf .. gibt es nichts als den öden Kreis­lauf links-​​alternativer Repro­duk­tion der Arbeits­kraft.“

Da haben wir noch ein­mal Hei­ter­keits­an­fälle gehabt. Natür­lich gehört es zu unse­rem Selbst­ver­ständ­nis, sowas wie einen „radi­ka­len Bruch“ zu leben. das auch kon­ti­nu­ier­lich und bewußt..und vor­an­trei­bend. Aber mit den Bezie­hun­gen unter­ein­an­der – viel­leicht fin­det ihr es jetzt frech, daß wir uns jetzt mit der Gue­rilla „ver­glei­chen“? – wir den­ken das liegt doch auf der Hand, daß dir vor allem in Streß­si­tua­tio­nen, die eine sol­che Arbeit mit sich bringt, die patri­ar­chale Scheiße nur so um die Ohren fliegt (zisch!). Das hat nichts damit zu tun, daß die Bezie­hun­gen nicht außer­or­dent­lich „tief“ sind (auch wenn das dann auch nicht für alle gilt, wie das halt bei Grup­pen so ist): Es zischt immer wie­der.

Dann gibt es keine Zeit, die Strei­tig­kei­ten auf­zu­lö­sen, weil Temine ein­ge­hal­ten wer­den müs­sen, du Ver­pflich­tun­gen ande­ren gegen­über hast usw.

So hat es zwei Sei­ten: auf der einen Seite ver­bin­det das Pro­jekt, auf der ande­ren Seite erschwe­ren die Bedin­gun­gen die Mög­lich­kei­ten, bis ins Letzte oder Vor­der­letzte „genau“ mit­ein­an­der umzu­ge­hen – auch oft nicht dann, wenn du das willst, son­dern wenn das Pro­jekt es dir erlaubt.

Du kannst die Män­ner, wenn sie Scheiße gebaut haben, oft ja nicht ein­fach sit­zen las­sen, weil du viel­leicht grad was am koor­di­nie­ren bist und daher auf­ein­an­der ange­wie­sen, dann bist du genervt gereizt, die auch – na Hal­le­luja!

Jede Sti­li­sie­rung der Gue­rilla fin­den wir daher aus unse­ren Erfah­run­gen falsch. Da ist sicher genauso wenig Friede, Freude, Eier­ku­chen wie woan­ders auch nicht. Selbst wenn sie es behaup­ten wür­den – wir wür­den es nicht glau­ben, weil es allen Erfah­run­gen ent­ge­gen­steht und auch der objek­ti­ven Seite: Daß es nicht um einen ein­ma­li­gen Bruch geht und danach ist klar Schiff, son­dern es ein müh­sa­mes Rin­gen umein­an­der ist, was an die Sub­stanz geht und abso­lut nichts Glat­tes ist.

Das woll­ten wir euch zum Schluß noch sagen.

Wenn ihr euch nicht noch­mal öffent­lich mel­det, dann schreibt uns doch zumin­dest mal einen Brief!!!

Anm d. Hg.: Wir haben die im Ori­gi­nal unter­stri­che­nen Pas­sa­gen fett gesetzt.

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