Hi ihr lieben Schweizerinnen,
wir haben uns riesig gefreut, als wir euer Papier in die Hände bekommen haben. Die linksradikale, feministische Szene tut sich schwer, Ziel, Inhalt und Methoden ihres Kampfes unter sich in die Diskussion zu bringen. Immer, wenn ein Text in der Richtung auftaucht, freuen wir und unsere Freundinnen uns doof und dusselig.
Zuerst gehen wir auf euren Text ein. Gleichzeitig beziehen wir uns dabei in Gedanken selbstkritisch auf unseren Text aus der [radikal Nr., Anm. d. Hg.] 140. Kritik und Selbstkritik gehen fast immer Hand in Hand.
Ob’s so schlimm war, werdet ihr im folgenden an unseren hoffentlich geistreichen Anmerkungen feststellen können…
Anschließend machen wir einen kleinen Ausflug, welche Richtung wir inhaltlich und praktisch gut fänden weiterzuverfolgen.
Ihr setzt euch mit zwei Frauen aus der Raf und dem antiimperialistischen Widerstand auseinander. Ihr sagt zu Beginn eure Schwierigkeiten, die ihr hattet, die Diskussion überhaupt anzuleiern.
[…]
Genug – ihr habt ja trotz dieser Aufzählung euch entschieden, eure Herangehensweise und Kritik darzustellen, und das finden wir gut.
Eure inhaltliche Analyse hat uns über große Teile hervorragend gefallen.
Die Einführung des Begriffs „Zwischenklassen“ hat bei uns allerdings zu einigen Heiterkeitsanfällen geführt. Das liegt hauptsächlich daran, daß wir an unsere werten Genossen denken mußten, die immer so ernsthaft über der neuesten „Klassenzusammensetzung“ brüten. Die sich viel Mühe geben, neben der „Klasse“ nicht die „Frauen“ zu vergessen, und die nun mit diesem Begriff sehr eindeutig ihren Platz zugewiesen bekommen.
Gleichzeitig sind wir hier am Knackpunkt angekommen.
Einerseits fanden wir den Text unter dem Aspekt der Patriarchatsanalyse gut, aber er unterschlägt – wie unser Text der 140 auch – die Diskussionen, die unter Frauen schon länger zu Rassismus laufen.
Wie ihr richtig feststellt gibt es nichts, was geschlechtsneutral ist. Ebenso klar ist auch, daß es nichts gibt, was nicht von der Hautfarbe abhängt bzw. der Herkunft.
Ein linksradikaler Frauenkampf, der sich Internationalismus auf die Fahnen schreibt, kann nicht in der Form, wie ihr oder wie wir dies tun, die Unterdrückung durch Rassismus, die Geschichte von Kolonialismus und Imperialismus am Rande abhandeln.
Geschieht das, läuft es zwangsläufig auf eine Vereinnahmung von anderen Kämpfen hinaus. Andere Kämpfe werden ausschließlich aus der Perspektive der eigenen (weißen) Geschichte und daraus entwickelten Kriterien betrachtet und mit diesen dann bewertet.
Ihr sprecht über Solidarität mit Frauen der trikontinentalen Länder, redet über ihre Kämpfe…doch wie können wir sie einschätzen, ohne sie wieder einzuverleiben und in unsere Herangehensweise zu pressen?
„Was empfinden schwarze Frauen gegenüber der Frauenbewegung? Mißtrauen. Sie ist weiß, daher suspekt. Trotz der Tatsache, daß Befreiungsbewegungen in der schwarzen Welt Katalysatoren für den weißen Feminismus waren, haben zu viele Bewegungen und bewußt begonnen, Schwarze einzubeziehen, mit dem Ergebnis, sie einzuwickeln. Sie wollen nicht schon wieder benutzt werden, jemandem zu helfen, Macht zu gewinnen – eine Macht, die ihnen gezielt vorenthalten wird… Schwarze Frauen sind verschieden von weißen Frauen, weil sie sich selbst anders sehen, anders gesehen werden und ein anderes Leben geführt haben.“ Toni Morrison, 1971 (!), Beiträge 27, S. 27
Auf Seite 8 [in dieser Broschüre: S. 67 Anm. d. Hg.] schreibt ihr von der Ausgrabungszeit, das sehen wir ähnlich. Aber gegraben wird nun wahrlich schon eine ganze Weile. Daß weiße Frauen jetzt mit der Nase auf die Rassismus-Ausandersetzung gestoßen werden und nicht schon weitaus früher „von selber“ drauf gekommen sind, macht deutlich, daß dahinter Machtverhältnisse stecken. Wo „wir“ unsere Rolle nicht reflektiert haben.
„Als Gruppe befinden sich schwarze Frauen in einer ungewöhnlichen Position in dieser Gesellschaft, denn wir … sind am schärfsten von sexistischer, rassistischer und klassistischer Unterdrückung betroffen. Gleichzeitig sind wir die Gruppe, die nicht dahingehend sozialisiert wurde, die Rolle des Ausbeuters/Unterdrückers anzunehmen: Uns wird kein institutionalisierter ‚Anderer’ überlassen, den oder die wir unterdrücken könnten… Weiße Frauen und schwarze Männer haben beide Möglichkeiten. Sie können als Unterdrücker oder als Unterdrückte handeln. Schwarze Männer mögen Opfer von Rassismus sein, aber Sexismus erlaubt es ihnen, als Ausbeuter und Unterdrücker von Frauen zu handeln. Weiße Frauen mögen Opfer von Sexismus sein, aber Rassismus verleiht ihnen die Fähigkeit, als Ausbeuter und Unterdrücker von Schwarzen Menschen zu handeln. Beide Gruppen haben Befreiungsbewegungen geleitet, die ihre lnteresssen favorisierten und die anhaltende Unterdrückung anderer Gruppen unterstützen.“ Bell Hooks, 1984, Beiträge Nr. 27, S. 47.
Da kommt das Modell der „Zwischenklassen“ ins Schwimmen. Es kommt immer auf den Standpunkt an, von dem aus Unterdrückung definiert und von daher die „Plätze zugewiesen“ werden.
„Zwischenklassen“ könnten wir die Klasse der proletarischen und kleinbürgerlichen Männer in Bezug auf das internationale Patriarchat nennen, das zwar verschieden ausgeprägt ist, aber als Grundlage die Unterdrückung und Ausbeutmg von Frauen hat.
Dann müssen wir unter den „Zwischenklassen“ nochmal differenzieren. Wie bezeichnen wir weiße Frauen als Gruppe in ihrer Stellung gegenüber schwarzen Frauen?
Weiße Frauen sind gegenüber schwarzen Männern privilegiert. Obwohl die Frauen von Männergewalt bedroht sind, werden rassistische Männerhorden auf der Straße als erstes „Ausländer klatschen“. Auch, wenn diese Männerhorden die größten Frauenfeinde sind, möchten wir diesen Unterschied festhalten.
Dabei geht es nicht um die Frage: Welcher geht es besser, welchen geht’s schlechter (weißen Frauen oder schwarzen Männern)? Daß schwarze Männer, die hier leben, auch weiße Frauen anmachen, unterdrücken, sich über sie stellen, ist klar. Und die versuchen auch, das Rassismus-Argument gegen uns zu drehen: Vielen Frauen ist es schon passiert, daß ihnen der Mann, der sie in der U-Bahn anmachte, vorgeworfen hat: sie würde sich aus Rassismus wehren. („Das machst du nur, weil ich Türke bin!“ – „Du bist rassistisch, bei deutschen Männern würdest du dich nicht so anstellen!).
Klar ist, daß uns das nicht im Geringsten ein schlechtes Gewissen macht. Solche Situationen sind eindeutig sexistisch und dementsprechend verteidigen wir uns dann auch.
Uns geht es dabei um das Problem der Definitionsmacht. Wer hat das Recht zu definieren, wer wie stark unterdrückt wird, wer legt Rollen im revolutionären Prozeß fest usw.
Z.B. der Spruch: „Alle Menschen sind Ausländer – fast überall!“ trifft den Kern der Sache. Der Spruch will eine „tolerante“ Haltung gegenüber AusländerInnen fördern und erinnert daran, daß jede von uns in anderen Ländern auch nicht heimisch ist. Der Spruch unterschlägt aber, daß die Definition „Ausländer“ seine volle Bedeutung im rassistischen Zusammenhang bekommt. Der Begriff hat Menschen aus einem westeuropäischen Land gegenüber eine andere Färbung als bei Menschen aus einem trikontinentalem Land oder aus Osteuropa.
Es existiert eine rassistische Wertehierarchie, die sich aus Geschichte (Kolonialismus/Faschismus) und der aktuellen weltweiten Hierachie von kapitalistischen/imperialistischen Industriemächten und von ihnen abhängigen Ländern des Trikont ergibt und ableitet.
In diesem System definieren weiße Männer und auch Frauen, wer „Ausländer“ ist.
Wenn eine von uns in ein Trikontland reist, ist sie dort weniger „Ausländerin“, als vielmehr eine Weiße aus diesem oder jenem Land. Natürlich ist sie auch „Ausländerin“, aber ob das Definitionsmacht besitzt, sie das also zu spüren bekommt, hängt vom Kräfteverhältnis ab. Aktuell zu sehen ist das bei Südafrika. Die Schwarzen können dort aufgrund ihrer organisierten Stärke den Weißen praktisch zeigen, daß sie fehl am Platz sind. Vorher konnten sie das sagen, aber Konsequenzen folgen in einem Machtkarnpf nur aufgrund von Siegen und auf Stärke von unten.
Auf uns bezogen heißt das: Wir müssen als weiße Frauen Rassismus gleichwertig zu sexistischer Unterdrückung und Patriarchat miteinbeziehen. Wir können anderen Unterdrückten nicht unsere Definitionsmacht, die wir als Weiße haben aufdrücken, wie weiße Männer dies uns gegenüber lange genug gemacht haben, wenn sie uns als „Nebenwiderspruch“ abtaten oder unsere Autonomie als Spaltung in Frage stellten.
Wie wenig die Auseinandersetzung mit Rassismus entwickelt ist, merken wir an Sätzen wie: „Ausgebeutete Frauen müssen für ihre Befreiung den zentralen Repressions- und Ideologieapparat (Staat) zerschlagen, das Privateigentum an den materiellen Produktionsmitteln aufheben, den dezentralen Repressions- und Ideologieapparat (Machos und Männerbanden) zerschlagen, das Privateigentum von Männern an Frauen und Kindern aufheben und sich selbst aus der Stellung des Menschenproduktionsmittels und Sexualobjekts befreien. Ausgebeutete Männer müssen für ihre Befreiung ‚nur’ den Staat zerschlagen und Privateigentum an den materiellen Produktionsmitteln aufheben.“
Der erste Abschnitt stimmt. Beim zweiten wird deutlich, daß ihr ausschließlich von weißen Männern redet. Die Erfahrung von schwarzen Männern geht über diese zwei von euch genannten Punkte hinaus.
Aus den Befreiungskämpfen schwarzer Menschen, wie in dem Zitat von Toni Morrison erwähnt, kommen eine Menge Erkenntnisse, wie Unterdrückung „nach innen“ verlagert wird und so viel schwerer zu bekämpfen ist als ein konkret bestimmbarer, äußerer Machtapparat.
Fanon hat in den 50’ern viel darüber geschrieben:
„Ich wollte Mensch sein, nur Mensch. Manche verbanden mich mit meinen versklavten, gelynchten Vorfahren: Ich beschloß, diese Vergangenheit auf mich zu nehmen. Auf der universellen Ebene des Intellekts verstand ich diese innere Verwandtschaft – ich war ein Enkel von Sklaven…
In Amerika werden Neger abgesondert. In Südamerika peitscht man die streikenden Neger auf den Straßen aus und erschießt sie. In Westafrika ist der Neger ein Tier. Und hier, ganz in meiner Nähe, gleich nebenan sagt mir ein aus Algerien gebürtiger Kommilitone: ‚Solange man den Araber zu einem Menschen erklärt wie wir, wird es keine gangbare Lösung geben.’
‚Weißt du, mein Lieber, das Vorurteil der Hautfarbe, das kenne ich nicht… Aber was denn, treten Sie doch ein Monsieur, bei uns gibt es kein Vorurteil der Hautfarbe… Jawohl der Neger ist ein Mensch wie wir… nicht weil er schwarz ist, ist er weniger intelligent als wir… ich hatte einen senegalischen Kameraden beim Regiment. Er war sehr feinfühlig…’
….wo mich verkriechen?
‚Martiniquaner aus ‚unseren’ ehemaligen Kolonien.’
‚Schau den Neger da! …Mama, ein Neger!…’ – ‚Still! Er wird böse werden… Achten Sie nicht darauf, Monsieur, er weiß nicht, daß Sie genauso zivilisiert sind wie wir…’
Mein Körper kam ausgewaltzt, zerteilt, geflickt zu mir zurück, ganz in Trauer an jenem weißen Wintertag. Der Neger ist ein Tier, der Neger ist schlecht, der Neger ist bösartig, der Neger ist häßlich; sieh mal, ein Neger, es ist kalt, der Neger zittert, weil er friert, der kleine Junge zittert, weil er glaubt, daß der Neger vor Wut zittert, weil er Angst vor dem Neger hat. Der Neger zittert vor Kälte, jener Kälte, die dir die Knochen verrenkt, der niedliche Kleine zittert, weil er glaubt, daß der Neger vor Wut zittert, der kleine weiße Knabe wirft sich in die Arme seiner Mutter: Mama, der Neger will mich fressen.
Ringsum der Weiße, oben reißt der Himmel den Nabel aus, die Erde knirscht unter meinen Füßen und ein weißes, weißes Lied. Das viele Weiß, das mich ausbrennt…
Wo mich nun verkriechen? Aus den unzähligen Zersplitterungen meines Seins spüre ich das Blut in mir hochsteigen. Ich war im Begriff wütend zu werden. Seit langem war das Feuer erloschen, und abermals zittert der Neger…
‚Schau nur, er ist schön der Neger…’
‚Der schöne Neger scheißt auf Sie, Madame!’
….Endlich war ich befreit von meiner Grübelei. Und gleichzeitig wurde mir zweierlei klar: Ich identifzierte meine Feinde und erregte öffentliches Ärgernis. Überglücklich. Man würde sich amüsieren können!“
Fanon, „Schwarze Haut und weiße Masken“
Eigentlich hatten wir nicht vor, einen Text zu Rassismus zu schreiben. Haben wir auch immer noch nicht vor. Andere haben dazu schon viel umfassendere Texte geschrieben und viel genauer, als wir das in der Kürze der Zeit könnten.
Wir haben mitbekommen, daß häufig in autonomen Frauenzusammenhängen die Auseinandersetzungen über Rassismus sehr auf der subjektiven Ebene verlaufen – bin ich eine Rassistin, weil ich eben gesagt habe: „Ich hätte gerne einen Negerkuß.“?
Das ist zwar eine wichtige Ebene, sich selber abzuklopfen, aber wir weigern uns, das zum nonplusultra der Diskussion zu machen. Wir halten das für die absolute Luxusposition, wenn nicht gleichzeitig die gesellschaftliche Ebene des Rassismus analysiert wird, wo er sich aus … Weltmarkt… (Der Satz war leider in dem uns vorliegenden Exemplar des Textes unleserlich. Anm. d Hg.)
Alleinstehend macht sie einmal mehr deutlich: Na, die Weißen haben jetzt in Zeiten des offensiven doitschen Machtzuwachses und nationalem Taumel nichts Vesseres zu tun, als wieder mal um ihren Nabel zu kreisen.
Im Ernst: Das wichtigste an unserer Kritik/Selbstkritik ist für uns folgendes:
In dem Moment, wo wir doch hoffentlich alle übereinstimmen, daß Feminismus den Anspruch hat, alle Unterdrückungen und Ausgrenzungen vom Tisch zu fegen, müßten sich alle aufgrund ihrer eigenen Denkweise, Analyse und dementsprechenden Praxis fragen, wie weit es damit her ist. Eigentlich ist es doch der Hohn – Alle wissen, mit EG 92 wird der Großraum Europa gegen trikontinentale Frauen und Männer abgeschottet, es wird abgeschoben und wird hier auf der Straße eine rassistische Gewalt materiell, die total brutal ist, gibt es die institutionelle Entsprechung in Form von Ausländerbullen, Sozialstrategen, die den ausländischen Jugendgangs auf den Straßen hinterherjagen, gibt es die rassistischen Richterschweine, die alles juristisch absegnen…
Und wir? Wo ist die Frauenbewegung, wenn eingewanderte Frauen und Männer angegriffen werden?
Wie stellen wir uns das vor, uns internationalistisch zu organisieren, wenn – aus was für Gründen auch immer – wir praktisch die Solidarität verweigern und oft genug allein lassen, weil wir nicht von uns aus die Bedingungen anderer in unsere Überlegungen miteinbeziehen. Sondern nur schauen, was passiert gegen uns, als feministische Frauen, als Teil der radikalen Linken etc.
Das steht in keinem Verhältnis, wie sich über die eigene Psyche der Kopf gemacht wird – Bin ich eine, bin ich keine… – das interessiert keine, die angegriffen wird und damit erstmal allein steht.
Wir machen das doch auch nicht anders. Vertrauen bekommen wir nicht darüber, daß Männer ihre eigene Sprache feminisieren, daß sie sich beim Pissen hinsetzen, also „gute“ aufgeklärte Männer sind. Seht her, ich bin ein „solidarischer Mann“ – BÄH!
Nein, wir achten auf die Praxis, auf die Hände, auf die Augen, wo hat er seine Blicke – müssen Frauen auf Demos Männer anmachen, weil sie ihre Knüppel in „entspannten“ Situationen demonstrativ zur Schau tragen und nicht unter die Jacke packen können, oder achten darauf auch Männer?
Gehen Männer dazwischen, wenn Frauen angemacht werden… beziehen sie darüber einen Teil ihrer Identität des starken, beschützenden Mannes, achten sie immer zuerst darauf, ob die Frau das selber klarmacht. Tritt in die Eier… oder werfen sie sich gleich in die Arena….? („Komm Kleine, jetzt komm ich und schmeiß den Laden!“)
So eine Sensibilität, so eine Praxis erwarten wir. Das ist unser Maßstab, unsere Basis, und ohne die läuft aber nix.
„Erst in dem Moment, wenn weiße feministische Aktivistinnen nicht nur den Rassismus in der Frauenbewegung eingestehen und persönliche rassistische Vorurteile verweisen, sondern der rassistischen Unterdrückung in unserer Gesellschaft grundsätzlichen aktiven Widerstand entgegensetzen, werden wir wissen, daß weiße Frauen sich dem Rassismus ernsthaft und auf revolutionäre Weise stellen. Wir werden wissen, daß sie sich gegen den Rassismus engagieren, sobald sie mithelfen, die Richtung der feministischen Bewegung zu verändern und daran arbeiten, die rassistische Sozialisation abzubauen, bevor sie Führungspositionen übernehmen, Theorien entwickeln oder den Kontakt zu farbigen Frauen suchen, um so nicht der rassistischen Unterdrückung weiterhin Vorschub zu leisten und nicht-weiße Frauen bewußt oder unbewußt zu mißbrauchen oder zu verletzen. Das sind die wahrhaft radikalen Gesten, welche die Grundlage für das Erleben politischer Solidarität zwischen weißen und farbigen Frauen schaffen“. Bell Hooks
Ja, es macht uns zu schaffen, daß bei Frauen in punkto praktischer Solidarität mit eingewanderten Frauen und Männern zur Zeit eine Lähmung festzustellen ist.
Eine theoretische Auseinandersetzung mit Rassismus halten wir für wichtig, da wir die fehlende Klarheit über Bedeutung und Verzahnung anderer Unterdrückungsverhältnisse mit Sexismus und Patriarchat für eine Ursache halten, daß dazu wenig entwickelt wird.
Eine weitere Ebene ist, daß – wie beschrieben – entweder ausschließliche „Tiefenforschung“ bei sich selber betrieben wird, anstatt Rassismus ebenso als gesellschaftliches Unterdrückungsverhältnis zu sehen.
Oder die Auseinandersetzung schwebt knapp unter der Zimmerdecke und läßt von daher keine praktischen Ansätze mehr sehen.
Was fällt uns dazu ein…(nicht so viel!)?
Straße – alltäglicher Rassismus – garstiges Bedienen von ausländischen Frauen und Männern im Obstladen oder im Supermarkt, Blicke: IIHH sind die dreckig; mitleidige Blicke auf türkische Frauen mit 1000’en Einkaufstüten auf dem Arm; Sozi: Sacharbeiter benutzen ihre Sprachgewandtheit, damit die Türkin nix versteht und wenn sie sich umdreht, geht das Gehetze los: „Die sollen doch dahin, wo sie herkommen. Schmarotzer“…
Dann kommt dir Großdeutschland in den Sinn, und da sind sie und du hast sie im Kopf, und ein Wort wird groß „Konfrontation“.
Sie, das sind Skins, organisierte Faschisten, faschistische Fußballfans, bräunliche Bürgers, Duckmäuser aber, wenn schlechte Laune, weil mieser Job, nach Untentreter, gegen alles-was-fremd-ist-Treter -AAARRRGGGHHH!!!
Die braune großdeutsche Sauce halt.
Du denkst weiter. Spots: „In der Nacht … wurde von mehreren Unbekannten das Asylantenlager… in … mit Molotowcocktails und Steinen beworfen. Die Täter entkamen unerkannt, 1 kurdische Frau liegt schwerverletzt im Krankenhaus. Die Polizei tappt im Dunkeln.“
Du gehst auf die Straße, da rempeln ein paar Doppelt-Deutsche einen Ausländer an: klopfen Sprüche. Du bist allein und traust dich nicht dazwischen – OHNMACHT – du sagst dir aber, das nächste Mal bestimmt.
In unseren Diskussionen sind wir oft bei Konfrontation gelandet und dann waren wir schnell bei Angst.
Es ist unter Frauen die Argumentation verbreitet (nicht nur da), sie würden sich von den Faschos nicht die Ebene der Auseinandersetzung aufzwingen lassen.
Das ist verquere Polit-Argumentation. Es ist natürlich richtig, genau eigene Kräfte und Möglichkeiten gegenüber dem Gegner abzuwägen und nicht in offene Messer zu rennen (im wahrsten Sinne des Wortes). Wir haben aber das Gefühl, daß damit die Probleme, daß viele sich nicht mehr sicher auf der Straße bewegen können, daß die Existenz von der Willkür des Staates abhängt, der abschiebt, ausweist, damit nur verdrängt werden mit fadenscheinigen Argumenten.
Konfrontation macht Angst. Na klar, aber was heißt überhaupt Angst? Wär doch komisch, wenn die nicht da wär, es ist ja auch zum Fürchten. Oder denken wir Frauen, wir sind alle als Kampfmaschinen auf die Welt gekommen, starke, funktionierende Frauen?!
Aber sie ist real die Konfrontation. Selbst, wenn wir sie nicht realisieren wollen, sei es aus politischer Unklarheit oder aus Verdrängung, für andere besteht gar nicht die Möglichkeit zu verdrängen, die müssen reagieren.
Das sollte jede sehen und was draus machen.
Das sollte jede sehen und was draus machen.
Es geht um uns!
Wenn z.B ein gemeinsamer Schutz für Flüchtlingslager organisiert werden soll…Da haben meist nur gemischt-geschlechtliche Gruppen vorerst Kontakt hin…mit denen haben wir wenig zu tun, die arbeiten zu Rassismus, haben zu Sexismus nichts im Kopf, also fehlt die Grundlage, ein Bündnis einzugehen … aber was dann…
gar nichts dazu machen … bei der Abgrenzung stehenbleiben „außerdem sind bei so Angelegenheiten immer nur diese Macker vor Ort“ – Wo tauchen wir dann auf als großer Haufen, sichtbar und stark, nicht untergehend?
Was hindert uns daran, fehlende Strukturen/Kontakte aufzubauen und ein eigenes Verständnis von antirassistischem, feministischem Kampf zu entwickeln?
Es gibt sicher eine Menge Erfahrungen: von Frauen, die in Flüchtlingsgruppen gearbeitet haben, von Fantifa-Frauen, die feministische Antifa-Arbeit machen …. diese Erfahrungen und Ansätze müssen zusammengetragen und ausgewertet werden, damit nicht immer alle so isoliert vor sich hinwurschteln!
Frauen bekommen alltäglich Gewalt zu spüren… Da schlagen wir zurück. Hier entwickeln wir den Ehrgeiz, Vergewaltiger zu jagen und auszuteilen für die jahrelange, permanente Erniedrigung, die uns entgegenschlägt.
Ja, es geht um notwendige Militanz, organisierte Militanz. Wir wollen neben dem notwendigen öffentlichen Präsent-Sein auf der Straße, die ausdrückt: Wir sind viele, die auf der Lauer liegen, falls einer was passiert, wir sind solidarisch miteinander, paßt bloß auf! noch viel mehr, z.B. die Ergänzung, heimlich, schlau und listig die Vergewaltiger auch wirklich zu bekommen. Das muß genauso organisiert werden.
Wir wollen die Diskussion und Praxis, die auch zielgerichtet die Schweine kriegt, die uns angreifen. Alle Schweine, die Vergewaltiger, die Faschos, die Schreibtischtäter, egal. Um beim Beispiel Vergewaltiger zu bleiben, wenn wir neben der öffentlichen Präsenz gleichzeitig überlegen, wie wir sie sicherlich in die Hände bekommen und was wir dann mit ihnen machen können und wie sehr so eine Aktion auch anpowern würde, Mut machen, die Frauen auf die Straße zu treiben, dann denken wir, sowas von vielen organisiert, solche Überlegungen konsequent und ehrgeizig ans Ende gesponnen, würden und einen großen Sprung weiterbringen.
Mit dieser sehr ehrgeizigen Haltung fänden wir es sehr gut, wenn alle auch an die anderen „Themen“ rangehen. Das betrifft dann wieder die praktische Solidarität mit anderen Unterdrückten.
Um diese Haltung kommen wir nicht herum, weil Haarwurzeln angegriffen werden und wir es ziemlich nötig haben, uns wirkungsvolle Gegenstrategien auszudenken.
„Selbstbestimmtes Leben“ und jetzt womöglich auch noch „selbstbestimmtes Angreifen“ kann auch Zeichen dafür sein, daß wir uns eines Privilegs bedienen, nämlich weiß zu sein, das heißt , es uns an bestimmten Punkten selbst aussuchen zu können, wann wir in eine Konfrontation gehen, während andere (z.B. eingewanderte Frauen und Männer) schon mitten in der Konfrontation stecken – ob sie wollen oder nicht. Das nur: von wegen „Selbstbestimmung“.
Das ist für uns keine Frage von Moral („Wie könnt ihr nur?“) sondern Ausdruck dessen, wie stark die Unterschiedlichkeit der Stellung von uns und anderen hier ist, warum es so schwer ist, gemeinsam was zu machen, wo die Gräben liegen, wo das Mißtrauen…
Eine ehrliche Diskussion um Ansätze, Perspektiven und Methoden des radikalen, feministischen Frauenkampfes ist mehr als überfällig. Hallo ihr alle – Packen wir’s an!
Wir ergänzen noch 2 Kritikpunkte an dem Papier von den Schweizerinnen, die auch miteinander zusammenhängen.
Das wär zum einen, daß wir nicht ganz verstanden haben, wie ihr nun die Methode des bewaffneten Kampfes beurteilt und begreift.
Ihr trefft da sehr absolute Aussagen, die wir immer relativieren würden. Aussagen wie: „…daß der bewaffnete Kampf zugleich die wirkamste Form der politischen Propaganda in nicht-revolutionärer Periode ist“ oder „Ob die Chance genutzt wird, ob Teile der Zwischenklassen (Proletariat und Kleinbürgertum) in einen antipatriarchalen Kampf gezogen und andere neutralisiert (scheußliches Wort übrigens) werden können, hängt ganz und gar von der autonomen Kraft eines revolutionären Feminismus ab. Diese Kraft beruht absolut nicht auf verbaler Emanzipationshilfe, aber ganz und gar auf dem bewaffneten Kampf gegen Kapital, Staat und resistent patriarchalen Teilen der Zwischenklassen.“
Wir würden immer dazu sagen, daß der bewaffnete Kampf zur wirkungsvollsten Methode werden kann, wenn die inhaltliche Ausrichtung treffsicher in die Situation paßt. Wenn es ihm gelingt anzupowern, Mut zu machen, Kopfkrämpfe zu lösen (bei den Linken), Blicke zu entschleiern und den Feind zu verwirren. Eine Aktion muß natürlich nicht alle Kriterien auf einmal erfüllen. Oft reichen schon weniger aus, um die Aktion zu einer starken Wirkung zu bringen, aber das wären für uns wesentliche Grundbedingungen.
Eine weitere wichtige Voraussetzung ist, daß er optimale Effekte erzielt, wenn er eingebettet ist in Ansätze eines revolutionären Konzeptes, wenn er nicht allein mit diesen Ansätzen steht oder isoliert ausschließlich von der Gruppe selber nur getragen wird (aber auch da gibt es natürlich Ausnahmen, wo man drauf scheißen muß, wie 77, wenn eine ganze Linke sich verabschiedet und entsolidarisiert, kann an dem Punkt natürlich nicht die Methode an sich in Frage gestellt werden, also eine völlige Abhängigkeit von einer so schwankenden Szene wie hier, darf auch nicht sein), sondern sich organisch einbindet in den Diskussionsprozeß der radikalen Linken.
Kriterien gäbe es da noch mehr, und dies ist auch eine Diskussion an sich, aber ihr seht, eure spärlichen Bemerkungen dazu sind uns zu wenig,
Dann haben wir nämlich Schwierigkeiten mit der Absolutierung, da sie auf eine Stilisierung hinausläuft, auf eine Stilisierung der Methode und letztlich auch der AkteurInnen selber.
Warum redet ihr nicht auch von „militanten Kampf“, was noch mehr an .Aktionsformen und -möglichkeiten einschließen würde. Dann müßtet ihr auch nicht ständig betonen, daß bei euch in der Schweiz das „technologische Niveau“ so niedrig ist. Das ist sicher auch ein Problem, aber sicher ist es vor allem ein inhaltliches? An dem Punkt ist uns aufgefallen, daß ihr so gut wie gar nichts zu den Frauenkämpfen selber sagt in der Schweiz. Wir kennen uns da nicht so gut aus. Es wäre sicher wichtig, da mehr drüber zu wissen. Dann könnte auch besser eine Diskussion über Methoden und welche sind „angemessen“ und welche nicht stattfinden. So schwebt das nur als Aussage im Raum.
Um beim Beispiel zu bleiben, wenn ihr mehr von militantem Kampf reden würdet, könnten wir euch gleich erwidern: genau da liegt u.a. eines unserer Hauptprobleme in der BRD, daß es so wenig Militante gibt. Wenn aber die einzigen Militanten die von der Guerilla wären, dann säßen die und die ganze Linke aber ganz schön auf dem Trockenen – wenn wir bei dem Bild eines „organischen Konzeptes“ bleiben – politisch und nicht strukturell gemeint. Militanz insgesamt und überall, Subversion in der Luft, im Herzen und in jeder unserer Handlungen. Die Kraft beruht natürlich nicht auf emanzipativer Argumentationshilfe, aber absolut auf der inhaltlichen Ausrichtung des Kampfes, der Entwicklung der Persönlichkeiten der Kämpferinnen und Kämpfer und der parallel entwickelten revolutionären Kampftechnik.
Wenn ihr vom „fortgeschrittsten Beispiel in dieser Richtung“ die „bewaffneten Gruppen schwarzer Frauen in Südafrika, die Vergewaltiger liquidieren“ heranzitiert um eure These der Bedeutung des bewaffneten Kampfes zu belegen, werden wir ziemlich stinkig. Wir finden es dreist das Beispiel so herauszugreifen ohne ansonsten mehr über den Prozeß von schwarzen Frauen in Südafrika zu erfahren, wie dort ihre Strukturen aussehen, wie sie mit Repression umgehen, wie „tragfähig“ die Zusammenhänge sind etc. – was bleibt ist die Radikalität der Methode. In der Form, wie ihr das aus dem Zusammenhang rausreißt, ist das eine Instrumentalisierung der Kämpfe der Frauen dort.
Aus diesem schrägen Verhältnis zum bewaffneten Kampf resultiert dann für uns euer opportunistisches Verhältnis zur RAF. Auf der einen Seite kritisiert ihr sie sehr stark inhaltlich (Seite 7, in dieser Broschüre S. … [Seitenzahl fehlt dort bereits. TaP] Anm. d. Hg.), wenn auch schon fast durch die Blume.
Wir wetten 10 Kästen Bier, Sekt, Selter oder Saft, daß bei sämtlichen anderen gemischt-geschlechtlichen Zusammenhängen ihr bei solchen inhaltlichen „Korken“, wie die von euch analysierten, nur noch mit dem Holzhammer draufhauen würdet.
Wenn schon eine inhaltliche Polemik beginnen, dann richtig und ordentlich. Die kann auch solidarisch sein.
Ihr würdet einer dermaßen ignoranten Haltung nur mit der absoluten Mißachtung begegnen und sagen, pah, wir sprechen uns in 10 Jahren, wenn der militante Frauenkampf auch dem letzten Trottel eine Macht in den Weg gestellt hat, daß kein Vorbeikommen mehr möglich ist. Diese Diskrepanz ärgert uns außerordentlich.
Die Äußerungen der Gefangenen sind auch nicht ständig aus eurer Kritik herausnehmbar, wir ihr das tut:
„Der gemeinsame radikale Bruch und die sich dann erschließende revolutionäre Politik bedeuten ohne jeden Zweifel die tiefste aller Beziehungen Ihr nennt die Voraussetzungen befreiter, „menschlicher“ Beziehungen klar und deutlich: „der radikale Bruch mit dem System-Alltag“. Aus eurem Mund heißt das: bewaffneter Kampf mit all seinen Konsequenzen. Abseits vom radikalen Bruch (= auschließlich bewaffneter Kampf.?!? Protest!!!) abseits vom kontinuierlichen und bewußt vorantreibenden Kampf .. gibt es nichts als den öden Kreislauf links-alternativer Reproduktion der Arbeitskraft.“
Da haben wir noch einmal Heiterkeitsanfälle gehabt. Natürlich gehört es zu unserem Selbstverständnis, sowas wie einen „radikalen Bruch“ zu leben. das auch kontinuierlich und bewußt..und vorantreibend. Aber mit den Beziehungen untereinander – vielleicht findet ihr es jetzt frech, daß wir uns jetzt mit der Guerilla „vergleichen“? – wir denken das liegt doch auf der Hand, daß dir vor allem in Streßsituationen, die eine solche Arbeit mit sich bringt, die patriarchale Scheiße nur so um die Ohren fliegt (zisch!). Das hat nichts damit zu tun, daß die Beziehungen nicht außerordentlich „tief“ sind (auch wenn das dann auch nicht für alle gilt, wie das halt bei Gruppen so ist): Es zischt immer wieder.
Dann gibt es keine Zeit, die Streitigkeiten aufzulösen, weil Temine eingehalten werden müssen, du Verpflichtungen anderen gegenüber hast usw.
So hat es zwei Seiten: auf der einen Seite verbindet das Projekt, auf der anderen Seite erschweren die Bedingungen die Möglichkeiten, bis ins Letzte oder Vorderletzte „genau“ miteinander umzugehen – auch oft nicht dann, wenn du das willst, sondern wenn das Projekt es dir erlaubt.
Du kannst die Männer, wenn sie Scheiße gebaut haben, oft ja nicht einfach sitzen lassen, weil du vielleicht grad was am koordinieren bist und daher aufeinander angewiesen, dann bist du genervt gereizt, die auch – na Halleluja!
Jede Stilisierung der Guerilla finden wir daher aus unseren Erfahrungen falsch. Da ist sicher genauso wenig Friede, Freude, Eierkuchen wie woanders auch nicht. Selbst wenn sie es behaupten würden – wir würden es nicht glauben, weil es allen Erfahrungen entgegensteht und auch der objektiven Seite: Daß es nicht um einen einmaligen Bruch geht und danach ist klar Schiff, sondern es ein mühsames Ringen umeinander ist, was an die Substanz geht und absolut nichts Glattes ist.
Das wollten wir euch zum Schluß noch sagen.
Wenn ihr euch nicht nochmal öffentlich meldet, dann schreibt uns doch zumindest mal einen Brief!!!
Anm d. Hg.: Wir haben die im Original unterstrichenen Passagen fett gesetzt.
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