Diskussion zwischen Schweizer und deutschen Feministinnen (1990)

Ich doku­men­tiere im Fol­gen­den zwei Texte, die im Nov. 1990 in der radi­kal Nr. 141, Teil I erschie­nen –
► zum einen: Schwei­zer Femi­nis­tin­nen,
Ein Stein in der Sonne (S. 6 – 10) (= ein Brief an die Gefan­gene aus der RAF, Eva Haule, und die Gefan­gene aus dem anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Wider­stand, Gisela Dutzi)
► und zum ande­ren: eine Stel­lung­nahme von „Frauen aus der
radi­kal“ dazu (S. 10 – 14).
Beide Texte wurde – unter leich­ten Kür­zun­gen, die hier über­nom­men wer­den – 1994/​95 in den bei­den Auf­la­gen der fol­gen­den Bro­schüre nach­ge­druckt:
Bro­schü­ren­gruppe in Zusam­men­ar­beit mit dem ASTA-​​FU sowie Frigga Haug, Wolf­gang Fritz Haug, Wolf Die­ter Narr, Uwe Wesel, Harald Wolf (Hg.)
Für eine neue revo­lu­tio­näre Pra­xis.
Triple opp­res­sion & bewaff­ne­ter Kampf.
Eine Doku­men­ta­tion von anti­im­pe­ria­lis­ti­schen, femi­nis­ti­schen, kom­mu­nis­ti­schen Bei­trä­gen zur Debatte über die Neu­be­stim­mung revo­lu­tio­nä­rer Poli­tik 1986-​​1993

Selbst­ver­lag: Ber­lin, 1. Aufl. 1994, 2. Aufl. 1995, 66 – 70 und 70 – 74.

Ein Stein in der Sonne

Femi­nis­mus ist der Klas­sen­kampf von ganz unten gegen das ganze Sys­tem

Liebe Eva und Gisel,

[…] Wir sagen Nein zum schein­bar so basis­de­mo­kra­ti­schen „alle gleich­zei­tig voran“, weil es immer auf die selbst­mör­de­ri­sche Illu­sion hin­aus­läuft, der Sieg über die aus­ge­zeich­net vor­be­rei­te­ten, feind­li­chen Kräfte könne ein spon­ta­ner Akt nicht-​​vorbereiteter Mas­sen sein. Wir hal­ten daran fest, daß ein Teil der Klasse (eine „Avant-​​Garde“!) den Kampf um die Macht in nicht-​​revolutionärer Periode vor­be­rei­ten muß, und daß der bewaff­nete Kampf zugleich die wirk­samste Form der poli­ti­schen Pro­pa­ganda in nicht-​​revolutionärer Periode ist. All diese Tat­sa­chen wer­den nicht dadurch außer Kraft gesetzt, daß das der Situa­tion ange­mes­sene, tech­no­lo­gi­sche Niveau heute in der Schweiz tief ist. Ent­schei­dend ist das bewußte und gezielte Vor­an­trei­ben.

Nach­dem Ihr nun aber so klar und offen zum Femi­nis­mus Stel­lung genom­men habt, wol­len wir als Femi­nis­tin­nen ebenso klar und offen Stel­lung neh­men. Wir müs­sen dazu etwas aus­ho­len.

Das impe­ria­lis­ti­sche Patri­ar­chat und seine aktu­el­len Pro­jekte

Das Sys­tem – wir nen­nen es impe­ria­lis­ti­sches Patri­ar­chat – beruht auf der Aus­beu­tung und Gewalt gegen Frauen welt­weit. Alle ein­zel­nen Pro­jekte sind Angriffe gegen Frauen, die neben und in gerin­ge­rem Maß auch Män­ner tref­fen.

„im kampf der frauen wird ein zen­tra­ler nerv des herr­schen­den sys­tems frei­ge­legt“, schreibt Ihr. Wir mei­nen, da unter­treibt Ihr maß­los: Frauen leis­ten kon­ser­va­tiv geschätzt (durch die UNO) welt­weit 2/​3 der gesell­schaft­li­chen Arbeit und bekom­men dafür 1/​10 der direk­ten oder indi­rek­ten Lohn­ein­kom­men. Dabei ist gesell­schaft­lich not­wen­dige Arbeit wie Schwan­ger­schaft, Geburt, Stil­len, Ver­hü­tung, Abtrei­bung, emo­tio­nale und sexu­elle Dienste noch nicht ein­mal mit­ge­rech­net. Frau­en­ar­beit ist der Nerv des Sys­tems!

Ganz fol­ge­rich­tig zie­len die aktu­el­len Pro­jekte des Kapi­tals gegen die Frauen. Diese sol­len noch mehr arbei­ten für noch weni­ger Ein­kom­men.
[… es folgt eine Auf­lis­tung von damals „aktu­el­len Pro­jek­ten“…]

Das Pro­le­ta­riat als Zwi­schen­klasse

Das Kapi­tal und sein Staat als oberste Orga­ni­sa­to­ren des Sys­tems kön­nen ihre Pro­jekte nur durch­zie­hen, weil die durch das Kapi­tal aus­ge­beu­te­ten Pro­le­ta­rier­män­ner zugleich als aus­beu­tende Klasse gegen die Frauen funk­tio­nie­ren: Die Frauen wür­den welt­weit nie­mals zwei Drit­tel der welt­wei­ten Arbeit leis­ten und sich mit einem Zehn­tel des Ein­kom­mens begnü­gen, wäre nicht die sexis­ti­sche und sexistisch-​​rassistische Gewalt durch jeden Mann gegen­wär­tig – auch durch jeden Pro­le­ta­rier­mann. Wir rech­nen des­halb die Klasse der Pro­le­ta­rier­män­ner zu den Zwi­schen­klas­sen.(1)

Frauen wür­den sich nie­mals unent­lohnt in Haus­halt, Kin­der­be­treu­ung und Diens­ten an den Män­nern abra­ckern, sie wür­den nie­mals all die unent­lohn­ten und zum Teil ideo­lo­gisch unsicht­bar gemach­ten Dienste an Män­nern über­all in der Gesell­schaft leis­ten, müßte die Hand­voll Unter­neh­mer­bosse selbst die Kon­trolle garan­tie­ren. Der Han­del mit Frauen aus Afrika, Asien, Süd-​​ und Mit­tel­ame­rika würde nie­mals ren­tie­ren, würde nur die Hand­voll Unter­neh­mer­bosse Pro­sti­tu­ierte, Gogo-​​Tänzerinnen oder Ehe­frauen kau­fen, Sex­in­dus­trie und Wer­bung wür­den nie­mals ren­tie­ren, würde nur die Hand­voll Unter­neh­mer­bosse nach Zer­stü­cke­lung, Fol­ter und Mord an Frauen lech­zen. Tat­säch­li­che Miß­hand­lung, Ver­ge­wal­ti­gung und Mord an Frauen wären nie­mals so mas­sen­haft ver­brei­tet, käme nur die Hand­voll Unter­neh­mer­bosse als Täter in Frage.

Die Män­ner – auch die große Masse der aus­ge­beu­te­ten Män­ner – haben die Ver­fü­gungs­ge­walt über die Frauen und deren Kin­der durch alle Epo­chen des Patri­ar­chats hin­durch bis heute erfolg­reich ver­tei­digt. Erst diese Mas­sen­haf­tig­keit der Gewalt garan­tiert die für die Aus­beu­tung not­wen­dige Lücken­lo­sig­keit. Ver­schie­dene Femi­nis­tin­nen nen­nen das, was die Pro­le­ta­rier­män­ner aus den Frauen aus­beu­ten und kon­su­mie­ren „Arbeits­rente“. Diese senkt den Wert der Lohn­ar­beits­kraft und stei­gert folg­lich den Mehr­wert.

Frauen erfah­ren all­täg­lich, daß alle Män­ner objek­tive Klas­sen­in­ter­es­sen gegen die Frauen zu ver­tei­di­gen haben und mit allen Mit­teln ver­tei­di­gen. Die femi­nis­ti­sche Klas­sen­ana­lyse geht von die­sem gesell­schaft­li­chen Stand­ort der aus­ge­beu­te­ten Frauen aus.

Was von die­sem Stand­ort sofort sicht­bar ist, bleibt vom Stand­ort der Män­ner unsicht­bar. Engels hat unfrei­wil­lig einen Kata­log der Gewalt-​​ und Aus­beu­tungs­for­men gelie­fert, die in (sei­ner Ansicht nach) „klas­sen­lo­sen Gesell­schaf­ten“ vor­kom­men: Frau­en­raub und -tausch („bloße Metho­den, sich Frauen zu ver­schaf­fen“), sexu­elle Mono­pol­rechte von Män­nern über Frauen, „Rechte der Män­ner auf gele­gent­li­che Untreue, grau­same Stra­fen auf Untreue der Frauen“, „Belas­tung der Wei­ber mit über­mä­ßi­ger Arbeit“, Eigen­tum des Man­nes an den Pro­duk­ti­ons­mit­teln („Brauch der dama­li­gen Gesell­schaft“) sowie Aus­schluß der Frauen von Stam­mes­ei­gen­tum und Mit­spra­che in Stam­mes­an­ge­le­gen­hei­ten (2). All das gilt den Mar­xistln­nen bis heute als zwar mora­lisch ver­werf­lich, aber nicht als klas­sen­spal­tend. Ver­ge­wal­ti­ger und Ver­ge­wal­tigte, Aus­beu­ter und Aus­ge­beu­tete sit­zen dem­nach im glei­chen pro­le­ta­ri­schen Boot! Moral ist keine aus­rei­chende Grund­lage für einen revo­lu­tio­nä­ren Befrei­ungs­kampf.

Mit dem Auf­schwung der neuen Frau­en­be­we­gung, und weil sie auf die Frauen als Akti­vis­tin­nen­ba­sis ange­wie­sen sind, haben sich einige mar­xis­ti­sche Grup­pen vor­der­grün­dig ange­paßt, ohne ihre Klas­sen­ana­lyse und Poli­tik zu ändern. In die­sem Punkt kön­nen wir Eure Kri­tik voll unter­schrei­ben: „und es ist auch trü­ge­risch zu glau­ben, daß die linke hier dadurch revo­lu­tio­när wird, daß nun ‚femi­nis­ti­sche ansätze’ ver­bal in den ver­schie­de­nen lin­ken zusam­men­hän­gen prä­sent sind.“

Indem die unver­än­dert mar­xis­ti­sche Pro­pa­ganda vom Pro­le­ta­riat als unterste Klasse durch Begriffe wie „Patri­ar­chat“ oder „anti­pa­tri­ar­cha­ler Kämpf“ ergänzt wird, ändert sich tat­säch­lich nichts, selbst bei zusätz­li­cher ent­gla­sung eines Sex­la­dens alle paar Monate. Viel­mehr ent­ste­hen Schein­har­mo­nien und schein­bare Ein­ver­ständ­nisse zwi­schen Mar­xis­mus und Femi­nis­mus. Diese blo­ckie­ren die Her­aus­bil­dung eigen­stän­di­ger, mar­xis­ti­scher oder femi­nis­ti­scher Iden­ti­tä­ten und somit den Radi­ka­li­sie­rung­pro­zeß ins­ge­samt.

Wenn – wie Mar­xis­tIn­nen behaup­ten – zwi­schen aus­ge­beu­te­ten Frauen und Män­nern keine Klas­sen­spal­tung besteht, dann wäre auto­nome Bewe­gung und Orga­ni­sie­rung von Frauen eine will­kür­li­che Spal­tung des objek­tiv ein­heit­li­chen revo­lu­tio­nä­ren Sub­jekts. Das heißt: Auto­no­mer Femi­nis­mus wäre kon­tra­re­vo­lu­tio­när. Wenn wir auch die mar­xis­ti­sche Klas­sen­ana­lyse und diese ihre Kon­se­quen­zen ableh­nen, so schät­zen wir doch Eure Hal­tung: Ihr sprecht die unsäg­li­che Kon­se­quenz mar­xis­ti­scher Klas­sen­ana­lyse fast offen aus.

Frau­en­kampf – und Femi­nis­mus – die poli­ti­sche Iden­ti­tät

Über­all auf der Welt leis­ten Frauen Wider­stand gegen cha­rak­te­ris­ti­sche Merk­male weib­li­cher Exis­tenz im Patri­ar­chat: Armut und Elend, Obdach­lo­sig­keit. Über­aus­beu­tung der Arbeits­kraft, Zwangs­ein­griffe in die Frucht­bar­keit, Ver­stüm­me­lung der Sexua­li­tät, Kom­mer­zia­li­sie­rung des Kör­pers, Män­ner­ge­walt und Staats­ge­walt. Sie befin­den sich dabei nicht auf einer Vor­stufe des pro­le­ta­ri­schen Kamp­fes, son­dern auf dem extre­men Gegen­pol zu Kapi­tal und Staat: ganz unten, Femi­nis­ti­scher Kampf ist Klas­sen­kampf von ganz unten gegen das gesamte Sys­tem.

Frauen kämp­fen in Afrika gegen die Fol­ter von CIi­to­ris­be­schnei­dung und Infi­bu­la­tion, in Indien gegen Braut­morde und Wit­wen­ver­bren­nun­gen, über­all auf der Welt gegen Miß­hand­lun­gen, Ver­ge­wal­ti­gung und Inzest, gegen die Zer­stö­rung der Fel­der durch Agro­gifte, gegen Betriebs­schlie­ßun­gen, gegen Preis­er­hö­hun­gen usw. Über­all auf der Welt rich­ten sich Frau­en­kämpfe gegen Kapi­tal und Staat als oberste Orga­ni­sa­to­ren des Sys­tems wie auch gegen die Zwi­schen­klas­sen der Klein­bür­ger­män­ner, der Pro­le­ta­rier­män­ner und der teil­weise „haus­fraui­sier­ten“ Män­ner in ihrer aus­beu­ten­den Funk­tion. Über­all auf der Welt soli­da­ri­sche­ren sich Frauen in ihren Kämp­fen mit den Befrei­ungs­kämp­fen der Män­ner in ihrer ausgebeu­te­ten Funk­tion.

„Frau-​​Sein ist kein Pro­gramm“, hat Ingrid Strobl ein­mal geschrie­ben. „Frau­en­kampf“ ist auch keins, fügen wir bei. Solange wir uns allein aus indi­vi­du­el­ler oder Szenen-​​Herkunft („von uns aus­ge­hend“), par­ti­el­len For­de­run­gen und nicht näher bestimm­tem Revo­lu­ti­ons­ziel defi­nie­ren, kön­nen all unsere Kämpfe durch klas­sen­fremde Inter­es­sen instru­men­ta­li­siert wer­den. Frau­en­be­frei­ung wird dann illu­so­risch. Als Frauen, die für eine umfas­sende Befrei­ung kämp­fen, brau­chen wir ein kol­lek­ti­ves Bewußt­sein über das gesell­schaft­li­che Wohin und Wie unse­res Kamp­fes, Wir müs­sen:

-- von ganz unten bis ganz oben durch­schauen wie das Sys­tem kon­stru­iert ist und wie ver­schie­de­nen Ebe­nen zusam­men­spie­len,

-- die Auf­ga­ben und den Cha­rak­ter der zu erobern­den Macht bestim­men, so daß Befrei­ung bis ganz unten mög­lich wird,

-- aus eige­nen und frem­den Kämp­fen Schlüsse zie­hen und die so ent­ste­hende, revo­lu­tio­näre Theo­rie als Leit­fa­den für die Wei­ter­ent­wick­lung der Kämpfe nut­zen.

Da und dort haben kämp­fende Frauen diese revo­lu­tio­näre Theo­rie und Pra­xis von ganz unten „Femi­nis­mus“ genannt. Wie immer sie genannt wird, das Zusam­men­kom­men der Kämpfe und die fort­lau­fende Sys­te­ma­ti­sie­rung der Erfah­run­gen zum immer neu über­prüf­ten Leit­fa­den steckt noch weit in den Anfän­gen. Femi­nis­mus ist des­halb noch lange keine inhalt­lich prä­zis defi­nierte, inter­na­tio­nale und inter­na­tio­na­lis­ti­sche Bewe­gung. Das hat ver­schie­dene Gründe. Ers­tens ist es nahe­lie­gend, daß die his­to­risch am tiefs­ten ver­wur­zel­ten Aus­beu­tungs­ver­hält­nisse die längste Aus­gra­bungs­zeit erfor­dern. 2. kann es in den Anfän­gen des bewuß­ten Kamp­fes noch nicht klar sein, in wel­chen For­men und mit wel­chen Mit­teln Eth­no­zen­tris­mus und Ras­sis­mus zwi­schen aus­ge­beu­te­ten Frauen ver­schie­de­ner Haut­farbe, Her­kunft (Trikont/​Metropole), Geschlech­ter­ori­en­tie­rung (Lesbe/​Hetera) usw. auf­zu­he­ben sind. Die femi­nis­ti­sche Methode – auto­nome Iden­ti­tät und Akti­ons­bünd­nisse – beginnt sich hier erst abzu­zeich­nen. 3. ist die Theo­rie­ar­beit wegen der extre­men Aus­beu­tung der unters­ten Klasse auf Aus­nah­me­frauen ange­wie­sen: Frauen, die ihre Last an ent­frem­de­ter Arbeit in etwa auf das von Pro­le­ta­rier­män­nern geleis­tete Maß redu­zie­ren kön­nen. Es ist ein wei­te­res, zu bear­bei­ten­des Pro­blem, daß diese Aus­nah­men in der Metro­pole häu­fi­ger sind als im Tri­kont.

Wie jeder revo­lu­tio­näre Kampf muß der femi­nis­ti­sche in offe­nen und ver­deck­ten oder aus­schließ­lich ver­deck­ten For­men geführt wer­den, je nach Situa­tion. Aber revolutionär-​​feministischer Kampf muß sich gegen zwei Klas­sen und ihre Repres­sion decken: Frauen müs­sen sich unter Umstän­den unter dem Vor­wand tra­di­tio­nell weib­li­cher Arbei­ten zu Sit­zun­gen tref­fen, sie müs­sen in ihren Frau­en­or­ga­ni­sa­tio­nen Ali­bi­män­ner mit­or­ga­ni­sie­ren und vie­les andere mehr, um von den Män­nern ihrer Fami­lie nicht als ihrer Klasse bewußte Frauen, das heißt Femi­nis­tin­nen erkannt zu wer­den: das kann lebens­ge­fähr­lich sein.

Wo immer ein Befrei­ungs­kampf For­men und Begriffe annimmt, macht sich die Instru­men­ta­li­sie­rung des Kamp­fes für klas­sen­fremde Inter­es­sen an die­sen For­men und Begrif­fen fest. So wie es einen refor­mis­ti­schen „Sozia­lis­mus“ und einen revi­sio­nis­ti­schen „Kom­mu­nis­mus’ gibt, so gibt es einen refor­mis­ti­schen „Femi­nis­mus“ und einen marxistisch-​​leninistischen „Frau­en­kampf“. Das (unver­meid­li­che) Anfü­gen von klä­ren­den Eigen­schafts­wör­tern ver­hin­dert nicht den neu­er­li­chen Miß­brauch. Denn die Ursa­che liegt in den Kräf­te­ver­hält­nis­sen.

Pro­le­ta­ri­sche Macht und femi­nis­ti­sche Macht

Die Erobe­rung der pro­le­ta­ri­schen Macht erlaubt die Besei­ti­gung der Gewalt-​​ und Aus­beu­tungs­ver­hält­nisse von der Zwi­schen­klasse der Pro­le­ta­rier­män­ner an auf­wärts. Die Erobe­rung der femi­nis­ti­schen Macht erlaubt die Besei­ti­gung der Gewalt-​​ und Aus­beu­tungs­ver­hält­nisse von der unters­ten Klasse an auf­wärts. Kurz: alle.

„bei der fest­stel­lung, daß nir­gends eine revo­lu­tion die befrei­ung der frau gebracht hat, stellt sich sofort die frage. für wen hat sie sie gebracht.“

Das ist nicht unsere Frage. Son­dern: Erlaubt der Cha­rak­ter der erober­ten Macht, in einem zwei­fel­los län­ger­dau­ern­den Pro­zeß sämt­li­che Gewalt-​​ und Aus­beu­tungs­ver­hält­nisse zu besei­ti­gen? Die pro­le­ta­ri­sche Macht kann auf Grund ihres Geschlechtscha­rak­ters nicht mehr als frau­en­freund­li­che Refor­men zuge­ste­hen bis die (auch in der pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­tion unver­zicht­bare) Mobi­li­sie­rung der Frauen gebro­chen ist, die objek­tiv in die­sem Moment zur wei­ter­ge­hen­den, femi­nis­ti­schen Macht ten­die­ren muß. Die pro­le­ta­ri­sche Macht kann nicht anders, als in die­sem Moment die Refor­men zurück­zu­neh­men: Es liegt nicht im objek­ti­ven Inter­esse des Pro­le­ta­rier­man­nes, 50% statt wie bis­her 33% der gesell­schaft­li­chen Arbeit zu leis­ten und dafür 50% statt wie bis­her 90% der direk­ten oder indi­rek­ten Lohn­ein­kom­men zu bezie­hen. Da geht’s nicht mehr um die schö­nen und tie­fen Bezie­hun­gen, son­dern um knall­harte, mate­ri­elle Inter­es­sen. An die­sen Akten der Blo­ckie­rung des Befrei­ungs­pro­zes­ses – Reform und Rück­nahme der Reform – kann die pro­le­ta­ri­sche Macht nicht anders als zu Grunde gehen. Dies schafft die Vor­aus­set­zun­gen, in denen eine neue Aus­beu­ter­klasse über Frauen und Män­ner die Macht erobern kann. In der bis­he­ri­gen Geschichte war das eine Büro­kra­tie, die auf Ein­heits­par­tei, staat­li­chem Repres­si­ons­ap­pa­rat und staat­li­chem Mono­pol über die mate­ri­el­len Repro­duk­ti­ons­mit­tel und über die Frucht­bar­keit beruht. Die Büro­kra­tie ten­diert dazu, das kapi­ta­lis­ti­sche Patri­ar­chat wie­der­her­zu­stel­len.

Um mit einem bekann­ten, wenn auch patri­ar­chal moti­vier­ten Bild zu spre­chen: Es ist rea­lis­tisch, ein Ei an die Sonne zu legen und zu sagen: Es wird mög­li­cher­weise lange dau­ern, aber schlu­ßend­lich kann ein Küken aus­schlüp­fen. (Echt? die ver­blüffte S’in. Mao lesen [Aus­ge­wählte Werke, Bd. I, 369], sagen die Hg.). Eine revo­lu­tio­näre Poli­tik wird nicht dadurch falsch, daß es lange dau­ert. Die Erobe­rung der pro­le­ta­ri­schen Macht als Weg zur Befrei­ung der Frau zu pro­pa­gie­ren bedeu­tet einen Stein an die Sonne zu legen und das Aus­schlüp­fen eines Kükens anzu­kün­di­gen. Revo­lu­tio­nä­rer Femi­nis­mus setzt die Erobe­rung der femi­nis­ti­schen Macht als Ziel. Das kann zwar auch lange dau­ern – aber immer­hin ist es ein Ei und nicht Stein in der Sonne.

Aber warum denn heute schon so weit den­ken? mögen nicht wenige sagen. (Ihr in Bezug auf Euren Kampf nicht, das wis­sen wir gewiß). Warum nicht zuerst Män­ner und Frauen gemein­sam für die pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­tion und in der Etappe danach irgend­ein unbe­kann­tes Sub­jekt für die femi­nis­ti­sche? Das Patri­ar­chat hat sich von der ein­fa­chen Klas­sen­spal­tung zwi­schen den Geschlech­tern als his­to­risch ers­ter Klas­sen­spal­tung in meh­re­ren Tau­send Jah­ren und über viele ver­schie­dene For­men zu sei­ner hoch­kom­ple­xen kapi­ta­lis­ti­schen Form ent­wi­ckelt. Im kapi­ta­lis­ti­schen Patri­ar­chat tref­fen Gewalt und Aus­beu­tung in redu­zier­ter Form auch die große Masse der Män­ner. Diese Lang­zeit­fol­gen des patri­ar­cha­len Unter­wer­fungs­ak­tes kön­nen die Pro­le­ta­rier­män­ner nicht mehr allein zer­schla­gen. Darum kom­men ihnen plötz­lich die Frauen in den Sinn. Darin liegt für uns Frauen nicht nur die Gefahr der Unter­wer­fung unter män­ner­ori­en­tierte, revo­lu­tio­näre Füh­run­gen, son­dern auch eine his­to­ri­sche Chance, zugleich den ursprüng­li­chen patri­ar­cha­len Unter­wer­fungs­akt auf­zu­he­ben. Mög­lich ist dies nur mit autonom-​​feministischer, revo­lu­tio­nä­rer Füh­rung.

Die Not­wen­dig­keit femi­nis­ti­scher Auto­no­mie

Revolutionär-​​feministischer Kampf muß in jedem Moment fähig sein, den revo­lu­tio­nä­ren Pro­zeß auch bei reaktionär-​​motivierten Rück­zie­hern des revolutionär-​​proletarisch oder -klein­bür­ger­li­chen Kamp­fes wei­ter­zu­trei­ben. Revolutionär-​​feministischer Kampf muß aus die­sem und kei­nem ande­rem Grund auto­nom sein, das heißt unab­hän­gig gegen Staat und Zwi­schen­klas­sen. Der Grad­mes­ser femi­nis­ti­scher Auto­no­mie ist der jeweils erreichte Stand die­ser not­wen­di­gen Fähig­keit. Die formal-​​organisatorischen Mit­tel sind wich­tige, aber weder ein­zige noch aus­rei­chende Mit­tel, um die reale Auto­no­mie her­aus­zu­bil­den.

Ein Bei­spiel: Vor der Revo­lu­tion der Natio­na­len Befrei­ung von 1979 in Nica­ra­gua war die Frau­en­or­ga­ni­sa­tion AMPRO­NAC for­mell auto­nom, theo­re­ti­sierte ihre Auto­no­mie aber nicht als poli­ti­sche Not­wen­dig­keit. Wäh­rend der Revo­lu­tion unter­stellte sie sich im Glau­ben an ein geschlechts­neu­tra­les „All­ge­mein­in­ter­esse“ der Füh­rung der Frente San­di­nista. Sie orga­ni­sierte die Mas­sen­ba­sis der Revo­lu­tion, garan­tierte Ver­sor­gung, Unter­schlupf, Mel­de­dienste, Pflege der Ver­wun­de­ten und ähnli­ches. Ein Teil der Frauen kämpfte bewaff­net in der geschlechtlich-​​gemischten Gue­rilla. Als dann nach der Revo­lu­tion die Frauen vom Waf­fen­dienst in den san­di­nis­ti­schen Streit­kräf­ten aus­ge­schlos­sen wur­den, pro­tes­tier­ten Gue­ril­las gegen die Ver­wei­ge­rung des ele­men­ta­ren Rechts, bewaff­net für die Befrei­ung zu kämp­fen.

Der Frente hatte unter dem Deck­man­tel eines dring­li­chen und angeb­lich geschlechts­neu­tra­len „All­ge­mein­in­ter­es­ses“ die Män­ner­macht sta­bi­li­siert. Das wei­tere ergab sich dann von selbst. Der Frente stoppte die Land-​​ und Betriebs­be­set­zun­gen und garan­tiere das kapi­ta­lis­ti­sche Eigen­tum an den Pro­duk­ti­ons­mit­teln. Mit der Agrar­re­form – Kern­stück der Revo­lu­tion – schaffte er eine neue Zwi­schen­klasse von Land­ei­gen­tü­mern und Fami­li­en­ober­häup­tern. Ganz fol­ge­rich­tig gin­gen 92% der Land­ti­tel der Agrar­re­form an Män­ner, 8% an die Frauen. Ebenso fol­ge­rich­tig konnte das san­di­nis­ti­sche Ali­men­ten­ge­setz die Schwän­ge­rer nicht zu Ver­sor­gungs­leis­tun­gen an kleine Kin­der zwin­gen, garan­tierte ihnen aber den Zugriff auf ehe­li­che und unehe­li­che Kin­der im arbeits­fä­hi­gen Alter (mehr­wert­pro­du­zie­rende Arbeits­kräfte!). Ebenso fol­ge­rich­tig war die Oppo­si­tion gegen die Locke­rung des somo­zis­ti­schen Abtrei­bungs­ge­set­zes, das dem Schwän­ge­rer ein Veto-​​Recht erteilt, auch in den san­di­nis­ti­schen Rei­hen enorm.

Die wich­tigs­ten aus­beut­ba­ren Arbeits­kräfte der san­di­nis­ti­schen Agrar­re­form blie­ben die Frauen: ohne Eigen­tum an Pro­duk­ti­ons­mit­teln und aus­ge­schlos­sen von der Mit­glied­schaft aus den Koope­ra­ti­ven. Frauen hat­ten wei­ter­hin 18 Stun­den pro Tag zu arbei­ten, Män­ner neun. Ille­gale Abtrei­bung war wei­ter­hin die häu­figste Todes­ur­sa­che von Frauen im gebähr­fä­hi­gen Alter. Die frisch bestä­tig­ten Fami­li­en­ober­häup­ter bean­spruch­ten gegen alle auf­klä­re­ri­sche Pro­pa­ganda ihr Eigen­tums­recht, „ihre“ Frauen zu schla­gen und zu ver­ge­wal­ti­gen.

Wir beto­nen noch­mals: Es geht uns nicht darum, Befrei­ungs­leis­tun­gen zu zäh­len wie Erb­sen. Eine Revo­lu­tion der Natio­na­len Befrei­ung ist keine Besei­ti­gung des Kapi­ta­lis­mus und ein Tri­kon­t­land ist kein rei­ches Land. Mit dem Bei­spiel Nica­ra­gua wol­len wir deut­lich machen, daß die sepa­rate Orga­ni­sie­rung der Frauen nicht genügt, um die Sta­bi­li­sie­rung der Män­ner­macht zu ver­hin­dern. Ent­schei­dend ist die femi­nis­ti­sche Auto­no­mie. Die Mehr­fach­be­las­tung der Frauen, die Ver­fü­gung über Frucht­bar­keit und Kin­der und die Män­ner­ge­walt anzu­grei­fen hät­ten bedeu­tet, das wei­ter­be­ste­hende, kapi­ta­lis­ti­sche Patri­ar­chat im Lan­des­in­nern an der Wur­zel anzu­grei­fen. Auto­no­mer Femi­nis­mus hätte zwangs­läu­fig eine Alter­na­tive dar­stel­len müs­sen zum san­di­nis­ti­schen Pro­jekt der Aus­söh­nung der Zwi­schen­klas­sen mit dem pri­va­ten oder genos­sen­schaft­li­chen Eigen­tum an den Pro­duk­ti­ons­mit­teln und dem kapi­ta­lis­ti­schen Markt.

Femi­nis­ti­sche Auto­no­mie beruht auf der Erfah­rung und dem Bewußt­sein, daß es in einer patri­ar­cha­len Gesell­schaft nichts geschlechts­neu­tra­les gibt. Jede noch so geschlechts­neu­tral erschei­nende Kate­go­rie von Gewalt und Aus­beu­tung nimmt gegen Frauen die volle Form an, gegen Män­ner eine redu­zierte. Dar­über hin­aus gibt es Kate­go­rien, die fast oder ganz aus­schließ­lich Frauen tref­fen: Aus­beu­tung von Sexua­li­tät und Frucht­bar­keit. Die nicht-​​vollzähligen und redu­zier­ten For­men las­sen sich nur von den voll­zäh­li­gen und vol­len For­men her mit der Wur­zel ver­nich­ten. Die geschlechtlich-​​gemischte, das heißt männer-​​orientierte Bewe­gung geht umge­kehrt vor: Sie rich­tet den Kampf gegen die redu­zierte Form und ergänzt bis­wei­len ver­bal, was bis zur vol­len Form fehlt. Das ergänzte nennt sie „Frau­en­frage“.

Ent­eig­nung von den Sub­sis­tenz­grund­la­gen, Hun­ger, Ver­trei­bung und Obdach­lo­sig­keit, Aus­beu­tung der Arbeits­kraft, (Erwerbs-)Arbeitslosigkeit, Fol­ter usw. haben alle­samt eine volle weib­li­che und eine redu­zierte männ­li­che Form. Am Bei­spiel der Auf­stands­be­kämp­fung möch­ten wir kurz den Blick auf eine volle Form len­ken. Sie setzt gegen Frauen auf extrem tie­fer Stufe des Wider­stands ein: indi­vi­du­el­ler Eigen­sinn kann genü­gen. Frauen kön­nen kör­per­li­chen Stra­fen bis zur Todes­strafe unter­wor­fen wer­den, wenn sie sich „frei“ in pri­va­ten und öffent­li­chen Räu­men bewe­gen, in denen gleich­zei­tig Män­ner sind. Als Agentln­nen der Auf­stands­be­kämp­fung tre­ten nicht nur die staat­li­chen auf, son­dern auch Ein­zel­män­ner, Män­ner­ban­den und die Psych­ia­trie (Frauen wer­den bekannt­lich wegen geringst­fü­gi­gen „Abwei­chun­gen“ von der Norm psych­ia­tri­siert). Gegen widerstand-​​leistende Frauen darf jeder Mann als knüp­peln­der Poli­zist auf­tre­ten, nicht allein Fascho­ban­den und die eigent­li­che Poli­zei, usw.

Die Ein­bin­dung des Frau­en­kamp­fes in ein angeb­li­ches „All­ge­mein­in­ter­esse“ hat des­halb immer eine dop­pelt nega­tive Wir­kung:

-- Der Frau­en­kampf wird auf soge­nannte „Frau­en­fra­gen“ redu­ziert (Sex, Kin­der haben, Inter­na­tio­nale Frau­en­tage und so).
-- Das Befrei­ungs­ziel wird auf die­je­ni­gen Aus­beu­tungs­for­men redu­ziert, die auch Män­ner tref­fen. Aus­ge­beu­tete Frauen müs­sen für ihre Befrei­ung den zen­tra­len Repressions-​​ und Ideo­lo­gie­ap­pa­rat (Staat) zer­schla­gen, das Pri­vat­ei­gen­tum an den mate­ri­el­len Pro­duk­ti­ons­mit­teln auf­he­ben, den dezen­tra­len Repressions-​​ und Ideo­lo­gie­ap­pa­rat (Machos und Män­ner­ban­den) zer­schla­gen, das Pri­vat­ei­gen­tum von Män­nern an Frauen und Kin­dern auf­he­ben und sich selbst aus der Stel­lung des Menschen-​​Produktionsmittels und Sexu­al­ob­jek­tes befreien. Aus­ge­beu­tete Män­ner müs­sen für ihre Befrei­ung „nur“ den Staat zer­schla­gen und das Pri­vat­ei­gen­tum an den mate­ri­el­len Pro­duk­ti­ons­mit­teln auf­he­ben.

Kri­ti­sche Soli­da­ri­tät mit Revo­lu­tio­nen der natio­na­len Befrei­ung

Bezüg­lich der natio­na­len und/​oder anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Befrei­ungs­be­we­gun­gen und bezüg­lich natio­nal und/​oder vom Kapi­ta­lis­mus befrei­ten Län­der sind inter­na­tio­na­lis­ti­sche Femi­nis­tin­nen in den Metro­po­len soli­da­risch mit den Klas­sen ganz unten und ihrem natio­na­len wie auch gegen das kapi­ta­lis­ti­sche Patri­ar­chat gerich­tete Befrei­ungs­in­ter­esse: den Frauen. Frauen aus die­sen Län­dern haben in den letz­ten 10 Jah­ren ihre Kri­tik an die­sen nach wie vor patri­ar­cha­len Bewe­gun­gen und Sys­te­men zum Aus­druck gebracht. Als Femi­nis­tin­nen wür­den wir aber auch dann Stel­lung neh­men, wenn die patri­ar­chale Gewalt und Aus­beu­tung in nichts als sprach­lo­sem Elend aus­drückte: Wir tei­len nicht die Ideo­lo­gie der Herr­schen­den, wonach die der Spra­che beraub­ten glück­lich wären.

„wir ken­nen die Kri­tik vie­ler Frauen an den Befrei­ungs­be­we­gun­gen und natio­nal befrei­ten Län­dern im Süden, weil in ihnen die Unter­drü­ckung der Frau nicht oder ihren eige­nen Vor­stel­lun­gen ent­spre­chend besei­tigt wird,“ schreibt ihr.

Im Som­mer 1980 fand in Den Haag ein work­shop statt. Die dor­ti­gen, kri­ti­schen Situa­ti­ons­be­schrei­bun­gen durch Frauen aus Viet­nam, Kuba, Nica­ra­gua, Zim­babwe, China, Jugo­sla­wien sowie Indien und Süd­afrika wur­den durch inter­na­tio­na­lis­ti­sche Femi­nis­tin­nen auch in der Metro­pole auf­ge­nom­men und haben viele Dis­kus­sio­nen aus­ge­löst. Die gemischte Linke, ein­schließ­lich marxistisch-​​leninistische Grup­pen, haben diese Frauen aus Afrika, Asien Süd-​​ und Mit­tel­ame­rika in aller Regel tot­ge­schwie­gen oder als ausländisch-​​gesteuerte Mario­net­ten dif­fa­miert (3).

„Täg­lich sehen wir, daß die Lebens­pra­xis der Frauen die­ses Vol­kes eine Reihe von Glau­bens­vor­stel­lun­gen wider­legt, wel­che die patri­ar­chale Ideo­lo­gie uns auf­ge­zwun­gen hat“, schreibt die nica­ra­gua­ni­sche Femi­nis­tin Aida Redondo nach aus­ge­dehn­ten Gesprä­chen mit Markt­frauen von Mana­gua. Als eine die­ser Glau­bens­vor­stel­lun­gen nennt sie jene, „daß der Femi­nis­mus eine charakterisch-​​ausländische Bewe­gung sei… Wenn jene Frauen Femi­nis­tin­nen sind, wel­che die patri­ar­chale Aus­beu­tung und Unter­drü­ckung durch­schauen, dann ist die Mehr­heit der Markt­frauen und der Frauen des nica­ra­gua­ni­schen Vol­kes Femi­nis­tin­nen.“ Tat­säch­lich drückt sich in den Zita­ten der Markt­frauen der Klas­sen­haß gegen beide Bosse aus: den kapi­ta­lis­ti­schen und den pro­le­ta­ri­schen (4). Beide machen das „Gefäng­nis“ aus, wie Ihr es nennt. Nichts weni­ger als das kann im Inter­esse der Frauen im Tri­kont lie­gen, und in nichts weni­ger als die­sem sind wir soli­da­risch mit ihnen.

Anti­pa­tri­ar­cha­ler Kampf (der Män­ner) und femi­nis­ti­scher Kampf (der Frauen)

Aus jeder aus­beu­ten­den Klasse kön­nen ein­zelne indi­vi­du­ell aus­tre­ten. So kön­nen auch ein­zelne Mit­glie­der der Zwi­schen­klas­sen Pro­le­ta­rier, Klein­bür­ger – erste Schritte Rich­tung Ver­zicht auf Gewalt und Aus­beu­tung gegen Frauen machen. Aber nie­mals wird sich eine ganze Klasse durch Ein­zel­aus­tritte aus ihrer aus­beu­ten­den Rolle löse.

„die män­ner in der RAF wären nicht da, wenn sie die gesell­schaft­li­chen und ihre eige­nen patri­ar­cha­len struk­tu­ren nicht als defor­mie­run­gen ihres eige­nen mensch-​​seins, als ihre eigene zer­stö­rung erkannt und damit gebro­chen hät­ten“, schreibt Ihr als Ent­geg­nung auf einen Satz im 8. März-​​Flugi der Frau­en­demo, daß „Män­ner nie­mals ihre Pri­vi­le­gien frei­wil­lig auf­ge­ben“. Zwei­fel­los kön­nen Mit­glie­der aus­beu­ten­der Klas­sen aus revo­lu­tio­nä­rer Über­zeu­gung oder aus ande­ren Moti­ven indi­vi­du­ell aus ihrer Klasse aus­tre­ten (die Hoff­nung eines jeden Auto­no­men… d. s’erinnen). Ein Fabrik­herr kann seine Fabrik den Arbei­te­rIn­nen ver­schen­ken und selbst Arbei­ter wer­den. Ein Pro­le­ta­rier­mann kann anfan­gen, auf die bru­tals­ten For­men der Gewalt und Aus­beu­tung gegen Frauen zu ver­zich­ten und für die sub­ti­le­ren For­men ansatz­weise ein Bewußt­sein zu ent­wi­ckeln. Doch was ändert der Aus­tritt des ein­zel­nen Fabrik­herrn an der Not­wen­dig­keit des Kamp­fes gegen die Bour­geoi­sie als Klasse, die eben nicht frei­wil­lig aus­tritt? Was ändern die tas­ten­den Schritte des ein­zel­nen Pro­le­ta­rier­man­nes (tapps, tapps, d. s’in) hin­aus aus mehr­tau­send­jäh­ri­ger Geschlecht­er­spal­tung an der Not­wen­dig­keit des Kamp­fes gegen die Mas­sen der Ver­ge­wal­ti­ger und Machos als Klasse, die eben nicht frei­wil­lig aus­tritt? Die Illu­sion, daß sich irgend eine Klasse durch frei­wil­li­gen Aus­tritt ihrer Mit­glie­der auf­lö­sen könnte, ent­spricht einem längst über­wun­de­nen, uto­pi­schen Sozia­lis­mus.

Wenn Ihr über die Mensch­lich­keit der Bezie­hun­gen in der RAF schreibt, geht das am Femi­nis­mus vor­bei: Er zielt nicht auf die Umwäl­zung des gemisch­ten revo­lu­tio­nä­ren Wider­stands, son­dern des Sys­tems ins­ge­samt.

Zwei­fel­los kön­nen sich Pro­le­ta­rier­män­ner in Män­ner­grup­pen, um ihre tas­ten­den Schritte gemein­sam zu tun und einen anti-​​patriarchalen Kampf (den Kampf vom Männer-​​Standort) zu ent­wi­ckeln ver­su­chen. Sie müs­sen es sogar. Die his­to­ri­sche Chance besteht darin, daß sich im Sturz des kapi­ta­lis­ti­schen Patri­ar­chats nicht mehr ein­fach Frauen und Män­ner, 50% und 50% der Gesell­schaft gegen­über­ste­hen brau­chen. Ob die Chance genutzt wird, ob Teile der Zwi­schen­klas­sen (Pro­le­ta­riat und Klein­bür­ger­tum) in einen anti-​​patriarchalen Kampf gezo­gen und andere neu­tra­li­siert wer­den kön­nen, hängt ganz und gar von der auto­no­men Kraft eines revo­lu­tio­nä­ren Femi­nis­mus ab. Diese Kraft beruht abso­lut nicht auf ver­ba­ler Eman­zi­pa­ti­ons­hilfe, aber ganz und gar auf dem bewaff­ne­ten Kampf gegen Kapi­tal, Staat und resis­ten­ten patri­ar­cha­len Tei­len der Zwi­schen­klas­sen. Das fort­ge­schrit­tenste, uns bekannte Bei­spiel in die­ser Rich­tung sind die bewaff­ne­ten Grup­pen schwar­zer Frauen in Süd­afrika, die Ver­ge­wal­ti­ger liqui­die­ren.

Revo­lu­tio­nä­rer Femi­nis­mus ist die Methode, rest­los alle Klas­sen­spal­tun­gen in der Gesell­schaft zu besei­ti­gen. Dies muß ansatz­weise bereits im Ver­lauf des revo­lu­tio­nä­ren Pro­zes­ses gelin­gen, um die für den Erfolg uner­läß­li­che Zen­tra­li­sie­rung der Kräfte zu errei­chen. Die femi­nis­ti­sche Zen­tra­li­sie­rung auf Grund von Auto­no­mie und Akti­ons­bünd­nis­sen wird sich gegen die leni­nis­ti­sche der Unter­ord­nung unter Män­ner­in­ter­es­sen durch­set­zen müs­sen.

‚radi­ka­ler bruch’ und befreite Bezie­hun­gen

Ihr benennt die Vor­aus­set­zung befrei­ter, mensch­li­cher Bezie­hun­gen klar und deut­lich: „der radi­kale bruch mit dem sys­temall­tag“. Aus Eurem Mund heißt das: Bewaff­ne­ter Kampf mit all sei­nen Kon­se­quen­zen. Abseits vom radi­ka­len Bruch, abseits vom kon­ti­nu­ier­li­chen und bewußt vor­an­trei­ben­den Kampf (des­sen tech­no­lo­gi­sche Mit­tel wir heute in der Schweiz tie­fer anset­zen müs­sen als Ihr in der BRD), gibt es nichts als den öden Kreis­lauf links-​​alternativer Repro­duk­tion der Arbeits­kraft.

Das leuch­tet sofort ein, daß auf der Grund­lage des radi­ka­len Bruchs (in Eurem und kei­nem andern Sinn!) „die elende tren­nung … des lebens von der poli­tik und dis­kus­sion … auf­ge­ho­ben wird.“, daß dann Poli­tik zu etwas ande­rem wird als „ansichts­sa­chen und hier und da mal eine initia­tive“, daß dann „befrei­ung in den bezie­hun­gen der men­schen … mate­ri­ell wird“. Der gemein­same radi­kale Bruch und die sich dann erschlie­ßende revo­lu­tio­näre Poli­tik bedeu­tet ohne Zwei­fel die tiefste aller Bezie­hun­gen.

Und doch fällt auf, wie leicht diese Eure Sätze für die Ver­klä­rung von links­al­ter­na­ti­ver Poli­tik und Szen­ele­ben ganz ohne radi­ka­len Bruch ver­wend­bar sind. Ob es an der Häu­fung von Aus­drü­cken wie „Mensch“, „Mensch­lich­keit“, „Selbst­be­wußt­sein“ usw. liegt, die so sehr das frei­schwe­bende Phi­lo­so­phie­ren anre­gen? Wer­den diese Eure Sätze abseits vom radi­ka­len Bruch ver­wen­det, so sind sie refor­mis­tisch, sexis­tisch und ras­sis­tisch zugleich: Sie ver­schlei­ern sämt­li­che Klas­sen­spal­tun­gen und redu­zie­ren das Klas­sen­be­wußt­sein auf das ärmli­che „Selbst­be­wußt­sein“. Aus Eurem Munde, das heißt glaub­wür­dig bezo­gen auf revo­lu­tio­när kämp­fende Zusam­men­hänge, haben sie eine andere Bedeu­tung. Aber auch an die­ser haben wir unsere Zwei­fel: Wir glau­ben nicht daran, daß die Wun­den, die Nar­ben und die Defor­ma­tion aus so viel Tau­send Jah­ren Patri­ar­chat so schnell ver­hei­len.

Für Euren radi­ka­len Bruch, für Eure Kämpfe, für Euer Dran-​​Bleiben am Kampf, für Ent­schie­den­heit in allen Kon­se­quen­zen haben wir für Euch die tiefste und lei­den­schaft­lichste Soli­da­ri­tät.

(kommt uns’n biß­chen wie Bewun­de­rung vor!? d. s’in)

20.6.1990

Anmer­kun­gen:

(1) Zu den Zwi­schen­klas­sen gehört auch jene Klein­bür­ger­män­ner. Sie beu­ten nicht bloß die eigene Arbeits­kraft aus, wie Marx behaup­tete, son­dern in der Regel jene von Ehe­frau und Kin­dern.

(2) Engels, Der Ursprung der Fami­lie, des Pri­vat­ei­gen­tums und des Staa­tes sowie Anti-​​Dühring. In Klam­mern jeweils die Kom­men­tare von Engels.

(4) Die Län­der­be­richte hat Maria Mies pro­to­kol­liert: siehe „Bei­träge zur femi­nis­ti­schen Theo­rie und Pra­xis“ 8/​1983

(5) Aida Redende Lubo, las ven­de­do­ras de los mer­ca­dos, Mana­gua, 1987

Anm. d. Hg.:
Wir haben die im Ori­gi­nal unter­stri­che­nen Pas­sa­gen fett gesetzt; die inner­halb der unter­stri­che­nen Pas­sa­gen im Ori­gi­nal fett gesetz­ten Stel­len haben wir hier kur­siv her­vor­ge­ho­ben.

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