Ein Symptom mit seiner Ursache bekämpfen? – Slutwalks und Perspektiven des Feminismus

[Der fol­gende Text als .pdf-​​Datei (2 Sei­ten)]

In der taz von heute wer­den zwei Teil­neh­me­rin­nen des Ber­li­ner Slut­walks zitiert. Sie machen deut­lich, daß die Slut­walks nicht nur eine Ein-​​Punkt-​​Bewegungen sind, son­dern daß es um weit mehr geht. Die taz schreibt: „Die Kunstgeschichts-​​ und die Tier­me­di­zin­stu­den­tin wol­len aber nicht nur für die ursprüng­li­che Idee des Schlam­pen­mar­sches – das Recht auf selbst­be­stimmte Klei­dungs­wahl, ohne im Falle einer demü­ti­gen­den Anma­che oder einer Ver­ge­wal­ti­gung dafür ver­ant­wort­lich gemacht zu wer­den – demons­trie­ren. Sie pro­tes­tie­ren auch, weil sich bei den Frauen ihrer Gene­ra­tion wie­der ein Gefühl von ‚Heim an den Herd’ breit­ma­che. Sie berich­ten von Alters­ge­nos­sin­nen, die ‚ein­fach nur gehei­ra­tet wer­den’ wol­len, und über ihr Unver­ständ­nis dar­über. […]. Es sei ‚eine Kata­stro­phe’, dass Frauen bei glei­cher Qua­li­fi­ka­tion in Deutsch­land immer noch weni­ger ver­die­nen und die junge Gene­ra­tion das ein­fach so hin­nehme oder sich aus Resi­gna­tion wie­der in die Hausfrauen-​​ und Mut­ter­rolle flüchte.“
Auch in der ARD-​​Kultursendung „titel, the­sen, tem­pra­mente“ sprach ges­tern Abend eine Teil­neh­me­rin von einem back­lash, der zu ver­zeich­nen sei.
Mit die­sen hell­sich­ti­gen Lage­ana­lyse kon­tras­tiert aber ein ande­res in dem taz-Arti­kel ange­führ­tes Zita­tes der bei­den Demo-​​Teilnehmerinnen: „‚Die­ser Män­ner­hass ist total über­holt, […]’, sagt Annika […].“

Wieso ist denn nun aber der „Män­ner­hass“ über­holt, wenn gleich­zei­tig gese­hen wird, daß sich das Patri­ar­chat ver­schärft? – Letz­te­res kann doch logi­scher­weise nur zwei Gründe haben:
► Ent­we­der sind ‚die Män­ner’ heute ‚schlim­mer’ als vor – sagen wir – 20 Jah­ren. Warum sollte dann aber „Män­ner­hass“ fehlt am Platze sein (außer, daß anzu­mer­ken ist, daß auch ein­zelne Män­ner nichts als große geschichts­mäch­tige SUB­JEKTE, son­dern als Trä­ger gesell­schaft­li­cher Struk­tu­ren han­deln)?
► Oder aber ‚die Frauen’ waren in der letz­ten – sagen wir – 15 Jah­ren zu nach­gie­big. Auch dann liegt es alles andere als nahe, zum x-​​Male zu beteu­ern, daß Femi­nis­mus doch nicht mit „Män­ner­haß“ zu tun habe, wie es in eben die­sen 15 Jahre zur Standard-​​Floskel von neo­li­be­ra­lem „gen­der main­strea­ming“, grü­ner „Geschlech­ter­de­mo­kra­tie“, links­par­tei­li­cher „Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit“ und sog. „queer-​​Feminismus“ wurde.

Auch, wenn es ana­ly­tisch und poli­tisch zu begrü­ßen1 ist, daß in den 90er Jahre „die soziale Kon­struk­tion der Zwei­ge­schlecht­lich­keit selbst“2 bzw. die „struk­tu­rel­len Deter­mi­nan­ten des Patri­ar­chats“, die der „männ­li­chen und weib­li­chen Per­son vor­her­ge­hen (oder diese gar aller­erst kon­stru­ie­ren)“3, ins Zen­trum der Ana­lyse rück­ten, so bedeu­tete diese Fokus­sie­rung auf die Struk­tu­ren doch keine Ent-​​Radikalisierung des Femi­nis­mus – oder hätte zumin­dest keine Ent-​​Radikalisierung des Femi­nis­mus bedeu­ten sol­len.

Und das Ver­hält­nis von Struk­tu­ren und sub-​​jekten ist auch nicht als sich aus­schlie­ßende Alter­na­tive zu den­ken (‚der Femi­nis­mus bekämpft jetzt nur noch „Struk­tu­ren“ und kann die ein­zel­nen Män­ner scho­nen’) – Struk­tu­ren sind nichts ohne die Indi­vi­duen, die von die­sen Struk­tu­ren als TrägerInnen-​​subjekte ‚rekru­tiert’ wer­den („ange­ru­fen wer­den“, wie Judith But­ler mit Louis Alt­hus­ser sagt [S. 94]).

Und auch der Wider­stand gegen Struk­tu­ren ist nichts ohne Indi­vi­duen, die als TrägerInnen-​​subjekte des Wider­stand ‚ange­ru­fen’ (kon­sti­tu­iert) wer­den (S. 98-​​101).

Was ana­ly­tisch zutref­fend und poli­tisch rich­tig an der De-​​Konstruktion war, war den Ant­ago­nis­mus zwi­schen Män­nern und Frauen zu ent-​​biologisieren. Was aber eine der Ursa­chen für den – von den taz-​​Interviewpartnerinnen zurecht beklag­ten – anti­fe­mi­nis­ti­schen back­lash der letz­ten Jahre ist, ist, daß mit der Ent-​​Biologisierung von nahezu allen Femi­nis­tin­nen zugleich der Begriff des Ant­ago­nis­mus auf­ge­ge­ben wurde.

Damit wurde rund 15, 20 Jahre lang die Chance ver­paßt, einen ant­ago­nis­ti­schen, revo­lu­tio­nä­ren Femi­nis­mus zu for­mu­lie­ren, der nicht-​​biologistisch ist. Genau diese Chance hatte aber But­lers De-​​Konstruktion von sex, But­lers De-​​Konstruktion der ver­meint­li­chen Ein­deu­tig­keit und Klar­heit der Zwei­ge­schlecht­lich­keit, und der Übergang vom Geschlecht als Sein zum Geschlecht als Tun eröff­net:

„Die Kon­se­quenz aus der Ana­lyse – der Dekon­struk­tion essen­tia­lis­ti­scher Kate­go­rien – ver­weist auf die Not­wen­dig­keit der Über­win­dung der herr­schen­den Ver­hält­nisse (der Auf­he­bung von Geschlecht, Rasse, und Klasse in der Pra­xis) statt – nur – einer Ver­än­de­rung (Gleich­be­rech­ti­gung, Gleich­stel­lung etc.).“ (S. 54)

„Ras­sen, Klas­sen und Geschlech­ter beste­hen nicht vor gesell­schaft­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen, viel­mehr kon­sti­tu­ie­ren sie sich in die­sem Pro­zeß. Eine sol­che Ana­lyse impli­ziert eine weit­rei­chende und grund­le­gende Kon­se­quenz: Es geht nicht (nur) um eine sozi­al­staat­li­che Abfe­de­rung des Kapi­tal­ver­hält­nis­ses und es geht auch nicht (nur) um Gleich­stel­lung der Geschlech­ter (Gleich­heits­fe­mi­nis­mus) oder um glei­che Bewer­tung der Arbeit und Fähig­kei­ten der ver­meint­lich grund­sätz­lich unter­schied­li­chen Geschlech­ter (Dif­fe­renz­fe­mi­nis­mus). Die fol­gen­rei­che Kon­se­quenz besteht darin, daß es um die Auf­he­bung des Geschlech­ter­ver­hält­nis­ses (also die Auf­he­bung der Kate­go­rie Geschlecht in der Pra­xis) und ana­log des Rassen-​​ und Klas­sen­ver­hält­nis­ses geht.“ (S. 53 f.)

Siehe außer­dem:
http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​1​9​9​9​/​1​0​/​1​5​/​d​i​e​-​u​e​b​e​r​z​e​u​g​u​n​g​s​k​r​a​f​t​-​c​h​a​r​m​a​n​t​e​r​-​u​n​t​e​r​w​e​r​f​u​n​g​s​g​e​s​t​e​n​-​h​a​t​-​i​h​r​e​-​g​r​e​n​z​e​n​-​e​l​f​r​i​e​d​e​-​h​a​m​merl/
http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​1​1​/​0​6​/​3​0​/​m​a​e​n​n​e​r​f​e​i​n​d​l​i​c​h​k​e​i​t​-​u​n​d​-​d​i​e​-​a​r​b​e​i​t​-​d​e​r​-​z​u​s​p​i​t​zung/
http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​1​1​/​0​8​/​1​4​/​a​n​t​w​o​r​t​e​n​-​a​u​f​-​k​r​itik/

  1. Aus der Per­spek­tive eines revo­lu­tio­nä­ren Femi­nis­mus gespro­chen. [zurück]
  2. Regine Gil­de­meis­ter /​ Ange­lika Wet­ter, Wie Geschlech­ter gemacht wer­den. Die soziale Kon­struk­tion der Zwei­ge­schlecht­lich­keit und ihre Rei­fi­zie­rung in der Frau­en­for­schung, in: Gudrun-​​Axeli Knapp /​ Ange­lika Wet­te­rer (Hg.), Tra­di­tio­nen. Brü­che. Ent­wick­lun­gen femi­nis­ti­scher Theo­rie, Kore: Frei­burg i. Br., 1992, 201-​​254 (202). [zurück]
  3. Phil­ipa Roth­field, Sub­jek­ti­vi­tät, Erfah­rung, Kör­per­lich­keit. Femi­nis­ti­sche Theo­rie zwi­schen Huma­nis­mus und Anti-​​Humanismus, in: Das Argu­ment H. 196 Nov./Dez. 1992, 831-​​847 (834). [zurück]
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1 Antwort auf „Ein Symptom mit seiner Ursache bekämpfen? – Slutwalks und Perspektiven des Feminismus“


  1. 1 kiturak 19. August 2011 um 15:51 Uhr

    … ja.

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