„Männerfeindlichkeit“ und die Arbeit der Zuspitzung

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Ich hatte am ver­gan­ge­nen Mitt­woch bedau­ert, daß queer nicht mehr „män­ner­feind­lich“ sei. Nach drei bzw. vier vor­her­ge­hen­den (1, 2, 3, 4) Ein­wän­den, die mich nicht so über­zeug­ten (1, 2, 3, 4), brachte big­mouth die fol­gen­den zwei wei­tere Ein­wände, der mich doch nach­denk­lich mach­ten:

1.

„du meinst halt, man könne „män­ner­feind­lich­keit“ inhalt­lich so beset­zen [gemeint: i.S.e. posi­ti­ven, femi­nis­ti­schen und zugleich anti-​​biologistischen Bedeu­tung]. das halte ich aber für unsinn, weil dafür im all­ge­mei­nen sprach­ge­brauch und auf­fas­sung „mann“ bereits nicht als eine onto­lo­gi­sche bio­lo­gi­sche enti­tät, son­dern als abstreif­bare identität/​rolle wha­te­ver gel­ten müsste. und da glaube ich, dass die ver­wen­dung des begriffs eine „kleine dis­ku­risve Zuspit­zung der Klar­stel­lung“ gar nicht erge­ben würde, son­dern ganz im gegen­teil ein­fach unend­li­che miß­ver­ständ­nisse
selbst wenn das ver­ständ­nis in die­sem sinne vor­läge: etwa ver­gleich­bar ist, mensch würde von sich sagen, „chris­ten­feind­lich“ sein, und damit aber mei­nen, mensch würde auf die abschaf­fung von reli­giö­sem bedürf­nis über­haupt hin­ar­bei­ten. da wären miß­ver­ständ­nisse immer noch vor­pro­gram­miert.“

2.

„außer­dem ist die par­al­lele zu klas­sen­kampf und dik­ta­tur des pro­le­ta­ri­ats extrem frag­wür­dig, weil die mehr­heits­ver­hält­nisse völ­lig anders sind. es geht hier ja nicht um den ant­ago­nis­mus zwi­schen einer mehr-​​ und einer min­der­heit, die auch eine ein­deu­tige hier­ar­chie besit­zen. der ver­gleich hinkt extrem“

Dis­kus­sio­nen pro­vo­zie­ren!

a) „dafür [müßte] im all­ge­mei­nen sprach­ge­brauch und auf­fas­sung ‚mann’ bereits nicht als eine onto­lo­gi­sche bio­lo­gi­sche enti­tät, son­dern als abstreif­bare identität/​rolle wha­te­ver gel­ten.“

Da sind wir in der Tat noch weit von ent­fernt. Und unsere gemein­same Frage scheint mir zu sein, wie wir da hin­kom­men.
Ich würde sagen, die dis­kur­sive Zuspit­zung ist dafür nütz­lich – auch auf das Risiko des Miß­ver­ständ­nis­ses. Denn jedes Miß­ver­ständ­nis ist auch eine gute Gele­gen­heit, um mit Leu­ten ins Gespräch zu kom­men, zu argu­men­tie­ren, zu begrün­den – und klar­zu­stel­len, daß „Män­ner“ nicht der Name zur Bezeich­nung eines bestimm­ten ana­to­misch defi­nier­ten Kol­lek­tivs, son­dern der Begriff zur Bezeich­nung der Trä­ger einer bestimm­ten gesell­schaft­li­chen Pra­xis ist.
Ich komme dar­auf und auf das wei­tere Argu­ment, das in Dei­nen ers­ten bei­den Sät­zen steckt noch zurück.

b) „selbst wenn das ver­ständ­nis in die­sem sinne vor­läge: etwa ver­gleich­bar ist, mensch würde von sich sagen, ‚chris­ten­feind­lich’ sein, und damit aber mei­nen, mensch würde auf die abschaf­fung von reli­giö­sem bedürf­nis über­haupt hin­ar­bei­ten. da wären miß­ver­ständ­nisse immer noch vor­pro­gram­miert.“
Der Hin­weis auf „chris­ten­feind­lich“ ist der Punkt, der mich beson­ders nach­denk­lich gemacht hat. Auch dar­auf komme ich gleich zurück. Aber zunächst ein­mal:

Per­so­nale und ver­sach­lichte Herr­schaft

aa) Wenn ich recht ver­stehe, sagst Du: Im Falle von Reli­gion läge ein der­ar­ti­ges Ver­ständ­nis („abstreif­bare identität/​rolle wha­te­ver“) vor. Und selbst der Fall Reli­gion zeige, wie pro­ble­ma­tisch meine dis­kur­sive Stra­te­gie sei.
Ich würde dem­ge­gen­über sagen: Im Falle von Reli­gion mögen ‚wir’ Athe­is­tIn­nen uns da einig sein. (Aber selbst unter ‚uns’ ist das gar nicht so ein­fach. Wenn ich meine Ableh­nung der Exis­tenz­geld­for­de­rung und meine These, daß auch im Kom­mu­nis­mus gear­bei­tet wer­den müsse, begründe, muß ich mir schon mal den Vor­wurf „pro­tes­tan­ti­sche Arbeits­ethik“ anhö­ren. Und: Wenn ich mit Katho­li­kIn­nen über Dop­pel­mo­ral und das Gesetz vom Wider­spruch dis­ku­tiere, koket­tiere ich auch schon mal mit einer pro­tes­tan­ti­schen Sozia­li­sa­tion… – Also auch da ist das alles nicht so ein­fach abstreif­bar.)
Und ich würde sagen: Im von Dir in Bezug genom­me­nen „all­ge­mei­nen sprach­ge­brauch“ schon gar nicht – auch wenn die Leute sonn­tags kaum zur Kir­che, aber mas­sen­haft zum Kir­chen­tag ren­nen und sich über das ökume­ni­sche Abend­mahl strei­ten: auch da schei­nen ja so etwas wie mas­sive „Leib“-Erfahrungen (wie Butler-​​KritikerInnen sagen würde) auf dem Spiel zu ste­hen.

bb) Und ich würde sagen – und das ist nun der Kern mei­nes Gegen­ar­gu­ments:
Wir müß­ten in der Tat dahin kom­men, daß genauso unbe­fan­gen über „Chris­tIn­nen­feind­lich­keit“ und „Män­ner­feind­lich­keit“ gespro­chen wer­den kann, wie Mar­xis­tIn­nen frü­her unbe­fan­gen vom „Klas­sen­feind“ gespro­chen haben.
Warum haben wir jene Unbe­fan­gen­heit nicht? Ich würde sagen, weil im Falle von Klasse – abge­se­hen von den hard­core-Ver­tre­te­rIn­nen per­so­na­li­sie­ren­der Kapitalismus-​​Kritik – allen Leu­ten klar ist, daß es sich um eine prin­zi­pi­ell „abstreif­bare identität/​rolle wha­te­ver“ han­delt. Für die Abstiegs­mo­bi­li­tät liegt das eh auf der Hand: Der/​die spä­tere ErbIn kann den Schul­be­such ver­wei­gern, von zu Hause aus­rei­ßen, spä­ter sein kom­plet­tes Erbe ver­schen­ken und in die Fabrik oder eine Putz­ko­lonne gehen.
Und „im all­ge­mei­nen sprach­ge­brauch“ glau­ben ja eher viel zu viele, als zu wenige an den Mythos „vom Tel­ler­wä­scher zum Mil­lio­när“. Aber in die­sem Mythos steckt die grund­le­gende Wahr­heit, daß die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­weise – im Gegen­satz zu vor­her­ge­hen­den Pro­duk­ti­ons­wei­sen – nicht mehr auf per­so­na­ler, son­dern auf sozu­sa­gen ‚sach­li­cher’ Herr­schaft beruht: Indi­vi­du­elle Aufstiegs-​​ und Abstiegs­mo­bi­li­tät (ohne, daß dies die Klas­sen­struk­tur als sol­che berührt!) statt Stan­des­zu­ge­hö­rig­keit qua Geburt.
Und dem­ge­gen­über – würde ich sagen – funk­tio­nie­ren Reli­gion und Geschlecht noch weit­ge­hend nach dem Modell per­so­na­ler Herr­schaft: Pro­tes­tan­tIn oder Katho­li­kIn oder Mus­lima oder Mus­lim gewe­sen zu sein, scheint lebens­lange Nach­wir­kun­gen zu haben, auch wenn Du irgend­wann Athe­is­tIn wirst. Die Quote der Reli­gi­ons­kon­ver­titIn­nen dürfte im übri­gen nicht wesent­lich höher sein, als die der Geschlechts­kon­ver­titIn­nen.

Das Schick­sal des Begriffs „Klas­sen­feind“

cc) Und mit dem Begriff des „Klas­sen­fein­des“ kom­men wir zudem, was ich nach einer – nach big­mouth’ Kri­tik – ad hoc gebil­de­ten Hypo­these die Kata­stro­phe der Geschichte der Poli­ti­schen Theo­rie des 20. Jahr­hun­derts nen­nen würde: Carl Schmitt.
Nicht, weil er zeit­wei­lig die Nazis unter­stützt hatte. Das ist eine poli­ti­sche Kata­stro­phe, keine theo­re­ti­sche. Und die theo­re­ti­sche Kata­stro­phe besteht m.E. darin, daß es Carl Schmitt zwar einer­seits gelun­gen ist, mit unglaub­li­cher Kürze und Würze her­aus­zu­ar­bei­ten, daß es keine wirk­li­che Poli­tik ohne prin­zi­pi­elle Bereit­schaft zum (nicht: stän­dige Füh­rung des) (BürgerInnen)Krieg(s) gibt: Es gibt kei­nen Begriff des Poli­ti­schen ohne den Begriff des Fein­des. – Das hat selbst Lenin nicht so klar hin­be­kom­men.
Soweit so toll. Nur – jetzt kommt die Kata­stro­phe: Im glei­chen Schritt hat Carl Schmitt den gesell­schaft­li­chen Begriff der Klasse in den – biologistisch-​​existentialistischen grun­dier­ten – Begriff des Vol­kes umge­bo­gen.
Und daß der Mar­xis­mus dar­auf keine Ant­wort hatte, war das vor­läu­fige Ende des revo­lu­tio­nä­ren Mar­xis­mus. Der Krieg gegen die Nazis wurde von der Sowjet­union als Gro­ßer Vater­län­di­scher Krieg und Volksfront-​​Bündnis mit kapi­ta­lis­ti­schen Demo­kra­tIn­nen geführt. Klas­sen­feind und Klas­sen­kampf ade.
Und die Ant­wort, die Che Gue­vara (Gue­ril­lastra­te­gie) und Hol­ger Meins (Mensch oder Schwein) gaben, erober­ten zwar die Ein­sich­ten Schmitts für die Linke zurück, streif­ten wohl auch den Bio­lo­gis­mus ab, aber nicht den Exis­ten­tia­lis­mus. Und die­ser reichte auch nicht viel­mehr wei­ter als der Atem der Sowjet­union: bis kurz nach ’89.
Und da ste­hen wir jetzt: Eine Linke und ein Femi­nis­mus ohne Plan. Mit der „Femi­nis­ti­sche Kri­tik“ von 1993, der an eini­gen Stel­len aller­dings auch der Exis­ten­tia­lis­mus der ’68er anhaf­tet, als so ziem­lich ein­zi­gen wirk­li­chen Ori­en­tie­rungs­punkt nach 1989 in der Hand.

Judith But­ler – ein Stier­kämp­fe­rin?

dd) Jetzt bin schein­bar ziem­lich vom Thema abge­kom­men (Von der Män­nerfeind­schaft zum Gro­ßen Vaterlän­di­schen Krieg – aber hat ja auch irgend­wie etwas auch mit ein­an­der zu tun). Aber viel­leicht läßt sich das Pro­blem ja nur lösen, wenn der Stier bei den Hör­nern gepackt wird. Heute, nach die­ser Vor­ge­schichte den Begriff des Klas­sen­fein­des zu reak­ti­vie­ren, würde wohl in der Tat schwer nach per­so­na­li­sie­ren­der Kapitalismus-​​Kritik rie­chen…
Aber viel­leicht liegt gerade darin die große Chance von But­ler für den Mar­xis­mus:
Sie re-​​aktualisierte Marx’ Ein­sicht, daß Per­so­nen nicht große, ver­ant­wort­li­che Sub­jekte, son­dern „Geschöpfe“ und „Trä­ger“ gesell­schaft­li­cher Ver­hält­nisse und Inter­es­sen sind.
Und das nun am schein­bar der­ma­ßen körperlich-​​persönlichen Geschlecht und nicht an der offen­sicht­lich sachlich-​​relationalen Klasse ver­su­chen klar zu machen, hieß in der Tat, den Stier an den Hör­nern zu packen.
Viel­leicht kön­nen wir erst wie­der locker vom Klas­sen­feind und dem Klas­sen­krieg spre­chen, wenn wir in der Lage sind, locker (ohne biologistisch-​​existentialistischem Bal­last) von Män­ner­feind­lich­keit und Geschlech­ter­krieg zu spre­chen. –
Das ist jetzt etwas essay­is­tisch gera­ten; nicht so das Dik­tat der Fuß­note, zu dem ich sonst neige, aber viel­leicht hat das ja trotz­dem Sinn.

c) Zurück zur Frage der Miß­ver­ständ­lich­keit – ich schrieb oben: „jedes Miß­ver­ständ­nis ist auch eine gute Gele­gen­heit, um mit Leu­ten ins Gespräch zu kom­men, zu argu­men­tie­ren, zu begrün­den.“
Ich glaube, Peter Glotz (sei­ner­zeit Bun­des­ge­schäfts­füh­rer der SPD) sprach in dem Sinne mal von der/​seiner „Arbeit der Zuspit­zung“. Ich hatte das Buch nicht gele­sen und kenne nur die Wen­dung aus Presse (aus den Teeny-​​Jahren mei­ner Poli­ti­sie­rung). Aber es war – glaube ich – eh nur für die Sozi­al­de­mo­kra­tie ange­eig­ne­ter Gramscia­nis­mus.
Nicht, daß Glotz ein erfolg­rei­cher Bun­des­ge­schäfts­füh­rer gewe­sen wäre; das war viel­mehr sein Kon­ter­part, der CDU-​​Generalsekretär Hei­ner Geiß­ler, damals noch nicht Media­tor, son­dern Zuspit­zer.
Glotz ver­suchte damals mit dem Soziologie-​​Begriff der 2/​3-​​Gesellschaft zuzu­spit­zen. Das sollte ver­mut­lich die Ängste des mitt­le­ren Drit­tels vor einer gesell­schaft­li­chen Zer­rüt­tung schü­ren und zur SPD als Sta­bi­li­täts­ga­ran­tin rüber­zie­hen. Ging bekannt­lich schief. Die SPD wurde eine 30 %-Par­tei; damals noch gewählt von einem Teil der Arbeits­lo­sen und nur mehr eines Teils der Fach­ar­bei­te­rIn­nen. Der andere Teil der Fach­ar­bei­te­rIn­nen ging zur CDU, weil sie nicht unte­res Drit­tel sein woll­ten, für das sich die SPD mit der Glotz-​​Parole stark zu machen schien. Diese Fach­ar­bei­te­rIn­nen holte erst Schrö­der zurück, der expli­zit auf die Mitte setzt. – Nach der ‚Methode Glotz’ funk­tio­niert die „Arbeit der Zuspit­zung“ also nicht: einer­seits schein­bar zu pola­ri­sie­ren (Rede von der angeb­li­chen 2/​3-​​Gesellschaft als Bekla­gen der Lage des letz­ten, ‚benach­tei­lig­ten’ Drit­tels, aber gleich­zei­tig auf die Mitte schie­len – statt einen gemein­sa­men Inter­es­sens­ge­gen­satz des ‚unte­ren’ und ‚mitt­le­ren Drit­tels’, der Lohn­ab­hän­gi­gen, gegen­über dem ‚obers­ten Drit­tel’, der Pro­duk­ti­ons­mit­tel­be­sit­ze­rIn­nen, zu arti­ku­lie­ren).

Hei­ner Geiß­lers Zuspit­zun­gen

Ganz anders Hei­ner Geiß­ler, z.B. mit sei­nem Satz „Der Pazi­fis­mus der drei­ßi­ger Jahre, der sich in sei­ner gesin­nungs­ethi­schen Begrün­dung nur wenig von dem heu­ti­gen unter­schei­det, was wir in der Begrün­dung des heu­ti­gen Pazi­fis­mus zur Kennt­nis zu neh­men haben, die­ser Pazi­fis­mus der drei­ßi­ger Jahre hat Ausch­witz erst mög­lich gemacht.“ – Auch, wenn sich die gesell­schaft­li­che Mitte (z.B. Hil­de­gard Hamm-​​Brücher dar­über ärgerte und – nicht ganz ver­kehrt – fragte, „was denn der Pazi­fis­mus mit dem Juden­hass in Deutsch­land zu tun habe“), war das trotz­dem ein star­ker Satz. Denn Geiß­ler hat ja recht: Wäre es in Deutsch­land selbst zu bewaff­ne­tem Wider­stand gekom­men bzw. hät­ten die West­mächte nicht das Mün­che­ner Abkom­men und die Sowjet­union nicht das Ribbentrop-​​Molotow-​​Abkommen unter­zeich­net und es nicht Nazi-​​Deutschland über­las­sen den Kriegs­be­ginn zu bestim­men, wäre der Kriegs­ver­lauf wahr­schein­lich ein ande­rer gewe­sen und hätte viel­leicht die Shoah ver­hin­dert wer­den kön­nen (auch, wenn dies nicht den von Hamm-​​Brücher ange­spro­che­nen Anti­se­mi­tis­mus besei­tigt hätte). Damit war der gesin­nungs­ethi­sche Pazi­fis­mus der Frie­dens­be­we­gung scharf getrof­fen und ent­spre­chend schrie sie auf, aber die Mit­tel­stre­cken­ra­ke­ten wur­den sta­tio­niert. Die Frie­dens­be­we­gung blieb pazi­fisch, machte sym­bo­li­sche Sitz­blo­cka­den, ging aber nicht zum Wider­stand über. Und die in dem Geißler-​​Satz impli­zite Gleich­set­zung von Nazi-​​Deutschland und der Sowjet­union unter Bre­sch­new moch­ten breite Teile der Frie­dens­be­we­gung schon gar nicht in Frage stel­len, ima­gi­nier­ten sie doch ‚Deutsch­land’ (den Anschluß der DDR men­tal schon vor­weg­neh­mend) als Opfer der ‚bei­den Super­mächte’, bedroht von einem ‚ato­ma­ren Holo­caust’ (Geiß­ler rea­gierte auf Schily und Fischer, die in einem Spie­gel-Inter­view zuvor „Atom­krieg“ und „Ausch­witz“ in Ver­bin­dung brach­ten). (Zitat-​​Nachweise).
Geiß­lers Zuspit­zung funk­tio­nierte also, obwohl sie ‚die Mitte’ ver­schreckte; sie neu­tra­li­sierte die grün-​​friedensbewegte, mora­li­sie­rende Atomkriegs-​​Auschwitz-​​Assoziation mit­tels der rea­lis­ti­schen Frage, ob denn mit pazi­fis­ti­schen Mit­tel Ausch­witz hätte ver­hin­dert wer­den kön­nen – frei­lich nicht, im Inter­esse einer lin­ken Grünen-​​ und Pazifismus-​​Kritik, son­dern im Inter­esse des bewaff­ne­ten Arms der Totalitarismus-​​Theorie.

But­lers Zuspit­zung

Ande­res Bei­spiel – und zurück zu unse­rem Thema: queer. Neh­men wir But­lers letzt­jäh­rige Rassismus-​​Vorwürfe und ihre Preisannahme-​​Weigerung gegen­über dem main­stream-CSD. Nicht ein­fach nur dar­über zu schwa­dro­nie­ren, daß die Zusam­men­ar­beit zwi­schen ver­schie­de­nen ‚dis­kri­mi­nier­ten’ und ‚benach­tei­lig­ten’ Grup­pen schwie­rig sei, son­dern das böse Wort vom Ras­sis­mus in den Mund zuneh­men, und die Nicht-​​Annahme des Prei­ses war eine im Prin­zip gelun­gene „Arbeit der Zuspit­zung“, die aber lei­der auch schnell ver­puffte, weil die­je­ni­gen, die But­ler für ihre Ber­li­ner Lokal­kon­flikte in Anspruch zu nah­men, nicht bereit und/​oder in der Lage waren, But­lers Zuspit­zung argu­men­ta­tiv zu unter­füt­tern. Nicht ein­mal eine Pres­se­mappe, die die ein­schlä­gi­gen umstrit­te­nen Texte, Äuße­run­gen, Zustände und Ana­ly­sen zusam­men­faßte, gab es. In müh­se­li­ger Klein­ar­beit, gelang es mir, bei einer blog­ge­rin und einem blog­ger, die sich mit der Vor­ge­schichte aus­kann­ten, ein paar Infos zu fin­den: http://​maed​chen​blog​.blog​sport​.de/​2​0​1​0​/​0​7​/​0​4​/​n​a​-​a​l​s​o​-​w​a​r​u​m​-​n​i​c​h​t​-​g​l​e​i​c​h-so/.

meine Zuspit­zun­gen

Und dann gibt es bekannt­lich noch den Fall, daß Zuspit­zung gar nicht gehört wird, weil die spre­chende Per­son weder CDU-​​Generalsekretär noch Pro­fes­so­rin in Ber­ke­ley ist. Und so geht’s mir meis­tens mit mei­ner „Arbeit der Zuspit­zung“, und des­halb freue ich mich, wenn zumin­dest Zara, big­mouth und Ulla meine Über­le­gun­gen immer­hin für kri­tik­wür­dig hal­ten und sonne mich darin, daß andere anschei­nend gar keine Argu­mente mehr haben (siehe auch: Wo blei­ben die Argu­mente? – TaP 26.06.2011; 00:00 h). – Oder es ist ‚Zuspit­zung ohne Arbeit’, ‚Ver­bal­ra­di­ka­lis­mus ohne Argu­mente’. Das kommt mir hof­fent­lich nicht so häu­fig vor.

d) Und noch mal kurz zur „Chris­ten­feind­lich­keit“: Daß der Begriff bis­her nicht funk­tio­niert – viel­leicht liegt es ja daran, daß Reli­gi­ons­kri­tik schnell in der For­de­rung nach reli­giö­ser Tole­ranz ste­cken blieb. Auch für den Mar­xis­mus war das kein gro­ßes Thema mehr, nach­dem Marx erst ein­mal über Feu­er­bach, der sei­ner­seits im Phi­lo­so­phi­schen ste­cken blieb, hin­aus war.
Für Bebel – glaube ich – war Reli­gion „Pri­vat­sa­che“ (oder so ähnlich). Lenin griff das inso­fern auf, als der Staat reli­giös neu­tral, aber nicht anti­re­li­giös repres­siv sein sollte (oder so ähnlich), wäh­rend die Par­tei sehr wohl aber eine anti­re­li­giöse Hal­tung haben sollte. Aber in Agi­ta­tion und Pro­pa­ganda und jeden­falls in Lenins theo­re­ti­scher Arbeit war das wohl ein Neben­thema. Und nach Lenin? – keine Ahnung.
Also auch hier bliebe noch Arbeit der Zuspit­zung zu leis­ten: Von der reli­giö­sen Tole­ranz zur Chris­ten­feind­lich­keit. Viel­leicht wäre der Papst-​​Besuch im Herbst dafür ein guter Anlaß. Und in die aktu­elle dis­kur­sive Land­schaft würde das auch pas­sen, da einige ihren Ras­sis­mus als angeb­lich berech­tigte – und z.T. auch so bezeich­nete – Islam­feind­lich­keit tar­nen und ihre ein­sei­tige oder schwer­punk­te­mä­ßige Islam­feind­lich­keit mit all­ge­mei­ner Reli­gi­ons­feind­lich­keit recht­fer­ti­gen wol­len.

Über Hege­mo­nie­ver­hält­nisse, Herr­schaft und Aus­beu­tung reden!

Hier gäbe es also zugleich eine Gele­gen­heit, über Hege­mo­nie­ver­hält­nisse zu reden: Und so rich­tig mir die Parole von der „Män­ner­feind­lich­keit“ zu sein scheint, und so erwä­gens­wert mir auch die Parole von der „Chris­ten­feind­lich­keit“ zu sein scheint – heute und auf abseh­bare Zeit wäre die affir­ma­tive Rede von Frauen-​​ und Islam­feind­lich­keit abso­lut ver­fehlt, auch wenn schlu­ßend­lich alle Geschlech­ter und alle Reli­gio­nen ver­schwin­den sol­len. D.h.: Der pro­vo­ka­tive – oh, sorry, @ whom it con­cerns: ich ver­gaß: ich soll ja nicht mehr „pro­vo­kant“ sein (diese queere Kin­der­krank­heit muß ich wirk­lich end­lich able­gen. Mea culpa. Mea magna culpa.) – der Rede von „Män­ner­feind­lich­keit“ und „Chris­ten­feind­lich­keit“ ist also zugleich ein guter Anlaß, über Herr­schaft, Aus­beu­tung und Hege­mo­nie zu reden – dar­über zu reden, daß jeder vor­der­grün­dige Gleich­heits­dis­kurs und jede huma­nis­ti­sche Ver­schleie­rung (‚Män­ner sind doch auch Men­schen.’ ‚Auch Buback und Schleyer waren doch Men­schen.’ Ja, und?) fehl am Platze ist: Für einen femi­nis­ti­schen dis­kur­si­ven Anti-​​Humanismus.

e) Bleibt noch der Ein­wand hin­sicht­lich Moni­que Wit­tigs DdP (Dik­ta­tur des Proletariats)-Analogie und der Zah­len­ver­hält­nisse: „außer­dem ist die par­al­lele zu klas­sen­kampf und dik­ta­tur des pro­le­ta­ri­ats extrem frag­wür­dig, weil die mehr­heits­ver­hält­nisse völ­lig anders sind. es geht hier ja nicht um den ant­ago­nis­mus zwi­schen einer mehr-​​ und einer min­der­heit, die auch eine ein­deu­tige hier­ar­chie besit­zen. der ver­gleich hinkt extrem“
Klar, eine Dik­ta­tur (im gesell­schafts­theo­re­ti­schen Sinne; hier geht es nicht um staats­recht­li­che Regierungsform-​​Typologien) von 52 % der Bevöl­ke­rung gegen 48 % würde noch ein­mal ganz andere Schwie­rig­kei­ten auf­wer­fen, als eine Dik­ta­tur von 80 oder 85 % der Bevöl­ke­rung gegen 20 oder 15. – Aber es ist auch klar, bis eine femi­nis­ti­sche Revo­lu­tion erfolg­reich sein könnte und die von Wit­tig ange­dachte tran­si­to­ri­sche Dik­ta­tur der Frau­en­Les­ben errich­tet könnte, müß­ten ganz schön viele Män­ner ‚Geschlech­ter­ver­rat’ bege­hen. Mit schö­nen Wor­ten allein wird sich das sicher­lich nicht bewerk­stel­li­gen las­sen.1

Nach­be­mer­kung:

Zara kri­ti­siert: „Wie Du auch schon andeu­test, war es ein lan­ger Kampf gegen einen Vul­gär­mar­xis­mus, […], die per­so­ni­fi­zie­rende Kapitalismus-​​Kritik zu ver­ab­schie­den. Ebenso war es ein har­ter Kampf im Femi­nis­mus, den Dif­fe­renz­fe­mi­nis­mus ad acta zu legen.
Der Grund war in bei­den Fäl­len, dass es eine extrem platte Ana­lyse gesell­schaft­li­cher Ver­hält­nisse ist. Es erschließt sich mir nicht, warum Du im Grunde dort wie­der hin willst.“

Nein, ich will nicht zurück zu per­so­na­li­sie­ren­der Kapitalismus-​​ und Patriarchats-​​Kritik.
Ich denke nur umkehrt: Eine Ent-​​Biologisierung des Geschlechter-​​Begriffs, die nicht mit einem offen­si­ven Begriff von gleich­falls ent-​​biologisierter Män­ner­feind­lich­keit ein­her­geht, endet in jenem laxen, libe­ra­len queer-​​main­stream, der nicht ein­mal mehr gegen sexu­elle Beläs­ti­gun­gen bereit ist, ent­schlos­sen ein­zu­schrei­ten2, und der Ras­sis­mus als Pro­blem behan­delt, das mit Psy­cho­kur­sen zur Vor­ur­teils­über­win­dung beho­ben wer­den kann3.

http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​i​m​a​g​e​s​/​L​o​w​E​n​d​M​o​d​e​l​s​C​a​s​s​e​t​a​g​u​e​u​l​e.mp3

  1. http://​nbn​-resol​ving​.de/​u​r​n​:​n​b​n​:​d​e​:​0​1​6​8​-​s​s​o​a​r​-​70305, S. 86, FN *: „Ent-​​Identifizierung ist also ein drei­sei­ti­ger Pro­zeß: 1. Über­win­dung einer (gegen)-identifikatorischen Poli­tik der unter­drück­ten Grup­pen (Ent-​​Identifizierung als Selbst­zer­stö­rung von Iden­ti­tä­ten) (vgl. FeMi­gra 1994, 49; Gut­iér­rez Rodrí­guez 1996, 99: ‚jen­seits von Assi­mi­la­tion und Iden­ti­täts­dis­kurs‘; Wit­tig 1981, 15: „des­troy­ing the myth [of woman] inside and outs­ide our­sel­ves“). 2. Druck­aus­übung der unter­drück­ten Grup­pen auf die herr­schen­den Grup­pen (Fremd­zer­stö­rung von Iden­ti­tä­ten) (Wit­tig 1981, 15: „sup­p­ress men as a class“). 3. Deser­tion von eini­gen Indi­vi­duen aus den herr­schen­den Grup­pen ([Selbst]zerstörung von Iden­ti­tä­ten) […].“ (links nach­träg­lich hin­zu­ge­fügt). (Zum Zeit­punkt des Schrei­bens die­ses Tex­tes war ich anschei­nend noch kon­se­quente darin, statt – des zwei­deu­ti­gen Aus­drucks „unter­drü­cken“ – „beherr­schen und aus­beu­ten“ zu schrei­ben. Vgl. http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​1​1​/​0​6​/​2​5​/​t​r​a​n​s​g​e​n​i​a​l​e​r​-​c​s​d​-​2​0​1​1​-​i​n​-​b​e​r​l​i​n​-​o​h​n​e​-​o​f​f​i​z​i​e​l​l​e​n​-​a​u​fruf/, bei und in FN 7. [zurück]
  2. http://​maed​chen​blog​.blog​sport​.de/​2​0​1​0​/​0​6​/​2​8​/​s​e​x​u​e​l​l​e​-​b​e​l​a​e​s​t​i​g​u​n​g​e​n​-​b​e​i​m​-​t​r​a​n​s​g​e​n​i​a​l​e​n​-​c​s​d​-​i​n​-​b​e​rlin/ (Sexu­elle Beläs­ti­gun­gen beim trans­ge­nia­len CSD in Ber­lin [28.06.2010]); http://​www​.scharf​-links​.de/​4​7​.​0​.​h​t​m​l​?​&​a​m​p​;​t​x​_​t​t​n​e​w​s​[​t​t​_​n​e​w​s​]​=​1​7​1​0​4​&​a​m​p​;​t​x​_​t​t​n​e​w​s​[​b​a​c​k​P​i​d​]​=​5​6​&​a​m​p​;​c​H​a​s​h​=​b​1​6​a​b​a00fc (Umgang bei sexu­el­len Beläs­ti­gun­gen auf trans­ge­nia­len CSD [24.06.2011 (!)] [zurück]
  3. ebd., Nr. 6 und http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​1​1​/​0​5​/​0​5​/​h​e​u​t​e​-​5​-​5​-​1​1​-​1​7​-​h​-​q​u​e​e​r​e​-​g​l​o​b​a​l​i​s​i​e​r​u​n​g​-​i​m​p​e​r​i​a​l​e​n​-​b​e​g​e​h​r​e​n​s​/​#​f​n​1​3​0​4​6​9​7​5​9​4963n (den dort kri­ti­sier­ten Ankün­di­gungs­text gibt es im übri­gen an die­ser Stelle im Netz). [zurück]
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14 Antworten auf „„Männerfeindlichkeit“ und die Arbeit der Zuspitzung“


  1. 1 bigmouth 30. Juni 2011 um 13:18 Uhr

    carl schmitt? zuspitzung auf politischen feind? nee, bei deinem stalinistischen gulag-feminismus mach mal bitte allein weiter. das würde da nämlich bei rauskommen, denke ich.

    und einen (welt)bürgerkrieg der feminist*inenn gegen die männer – das hältst du für eine realistische strategie? LOL

  2. 2 bigmouth 30. Juni 2011 um 13:19 Uhr

    die abschaffung der geschlechter herbei bomben – das ist die dümmste idee, die ich in diesem jahr gelesen habe

  3. 3 TaP 30. Juni 2011 um 15:20 Uhr

    Was ist denn nun Dein Argument?

    Die Rote Zora war doch wohl die beste der deutsche Stadtguerilla-Gruppen:

    Interview mit der Roten Zora
    Emma Juni 1984
    http://theoriealspraxis.blogsport.de/2010/07/20/doku-serie-revolutionaerer-feminismus-teil-ii/.

    Sie war anscheinend, obwohl sie mit den Revolutionären Zellen zusammenarbeitete, nach allem, was wir wissen, nicht in die Irrungen und Wirrungen der deutsch-linken Palästina-Solidarität verstrickt.

    Ihr unterliefen in militärisch-technischer Hinsicht nicht solche gravierende Fehler wie der RAF beim Anschlag auf den Springer-Verlag und den Revolutionären Zellen bei der Karry-Aktion (unbeabsichtigte Tötungen).

    Sie hatte jedenfalls mit ihrer Kampagne gegen den Bekleidungskonzern Adler eine ziemlich breite öffentliche Resonanz. Die Kampagne war feministisch, anti-kapitalistisch und internationalistisch. (Es ging u.a. um Solidarität mit streikende Arbeiterinnen in Südkorea.)

    Auch der Repressionsschlag gegen vermeintliche Mitglieder der Roten Zora führte nicht zu einer breiten Ent-Solidarisierung – auch, wenn einiges an der Soli-Kampagne noch besser hätte laufen können, als es ohnehin schon lief.

    Sie hatte – am Beispiel Kurdistan – eine differenzierte Position zum Verhältnis von Geschlechterkampf und nationaler Befreiung.

    Ihr habt die Macht, uns gehört die Nacht
    Erklärung der ‚Rote Zora‘ zur Aktion auf die Werft der Firma Lürssen in Lemwerder bei Bremen am 24.7.1995 http://www.nadir.org/nadir/archiv/PolitischeStroemungen/Stadtguerilla+RAF/Rote_Zora/rote_zora.html

    Sie versuchte in der Zerfallsphase der anderen Stadtguerilla-Gruppen noch mal einen großen programmatischen Wurf:

    Mili’s Tanz auf dem Eis
    Von Pirouetten, Schleifen, Einbrüchen, doppelten Saltos und dem Versuch, Boden unter die Füße zu kriegen.
    Dezember 1993
    http://www.freilassung.de/div/texte/rz/milis/milis1.htm

    (auch, wenn ich da als Leserin schon damals mit einigen Formulierungen nicht einverstanden war und weiterhin nicht bin).

    Weitere Texte der Roten Zora:
    http://www.freilassung.de/div/texte/down/zorn.pdf, Kap. XIII.

    Allein – sie verschwand dann sang- und klanglos, ohne Auflösungserklärung, von der Bildfläche war.

    Und: Ich schlage ja auch nicht vor, heute die Rote Zora neu zu gründen. Und: Falls ich das mal machen sollte, werde ich das dann hier nicht publizieren.

    In einer Situation, wo es weitgehend bereits politisch an einem revolutionären Feminismus fehlt, hat es wenig Sinn an der Gewaltfrage zu polarisieren.

    Aber: Die Wiedergewinnung einer revolutionären feministischen Perspektive wird nur möglich sein, wenn feministische Gewalt dabei kein Tabu ist.

    Vgl. dazu auch von Bäumchen angestoßene Debatte:
    http://baumderglueckseligkeit.blogsport.de/2011/04/28/eine-feministische-kritik-auszuege/
    und
    http://baumderglueckseligkeit.blogsport.de/2011/05/28/nur-mal-nebenbei-die-rote-zora/

  4. 4 bigmouth 30. Juni 2011 um 16:51 Uhr

    wie kommt es, dass die rote zora ausschließlich in deinen kommentaren auftaucht? das hier ist der eintrag, wo du für männerfeindlichkeit und schmitt’sche politikdefinition eintrittst

  5. 5 earendil 30. Juni 2011 um 16:59 Uhr

    Ich finde ja schon die Parallelisierung der Klassenverhältnisse mit Geschlechter- oder „Rassen“verhältnissen falsch, hab aber jetzt keine Lust und Kraft, darüber zu diskutieren. Aber mich würde mal interessieren, welche Stoßrichtung die Männerfeindlichkeit bzw. Weißenfeindlichkeit deinen Vorstellungen nach haben könnte, und wie eine revolutionäre Umwälzung sexistischer oder rassistischer Verhältnisse aussehen soll, was also das Pendent zu revolutionärem Generalstreik, Fabrikbesetzungen etc. sein könnte. Und wie „supression of men as a class“ eigentlich aussehen soll. Führt Wittig das konkreter aus?

    (Würde mich freuen, wenn als Antwort nicht nur ne wüste Linksammlung käme, da schließe ich mich Zara an.)

  6. 6 TaP 30. Juni 2011 um 21:49 Uhr

    @ bigmouth:

    Verstehe ich nicht.

    Du hattest geschrieben: „die abschaffung der geschlechter herbei bomben – das ist die dümmste idee, die ich in diesem jahr gelesen habe“.

    Und ich hatte demgegenüber die Rote Zora als positives Beispiel für erfolgreichen feministischen Kampf angeführt -

    auch, wenn die Rote Zora vielleicht nur Brandsätze und keine Bomben im strengen Sinne verwendet hat (aber keine Ahnung). Aber das ist ja wohl eher ein taktisch-technischer als prinzipiell-politischer Unterschied.

  7. 7 TaP 30. Juni 2011 um 21:53 Uhr

    @ earendil:

    In dem zitierten Text und in dem zweiten Text von ihr, den ich gelesen habe, nicht.

    Ich müßte mal den gesamten Sammelband mit ihren theoretischen Aufsätzen lesen. Oder vielleicht ist auch die von ihr geschriebene Schöne Literatur dafür aufsschlußreicher. Müßte ich auch mal lesen. -

    Dazu, was mir selbst bisher zum fraglichen Thema/Begriff einfällt, morgen.

  8. 8 earendil 01. Juli 2011 um 1:24 Uhr

    Müßte ich auch mal lesen. -

    Von der Kategorie hab ich auch ein halbes Regal voll… ;)

  9. 9 TaP 01. Juli 2011 um 11:10 Uhr

    @ earendil (gestern):

    „Aber mich würde mal interessieren, welche Stoßrichtung die Männerfeindlichkeit bzw. Weißenfeindlichkeit deinen Vorstellungen nach haben könnte, und wie eine revolutionäre Umwälzung sexistischer oder rassistischer Verhältnisse aussehen soll, was also das Pendent zu revolutionärem Generalstreik, Fabrikbesetzungen etc. sein könnte. Und wie ‚supression of men as a class’ eigentlich aussehen soll.“

    I.

    Ich gebe anstandslos zu, daß „supression of men as a class“, „Diktatur des Proletariats“ (DdP) / „Diktatur der FrauenLesben“ eher Namen für komplizierte theoretische und politische Arbeitsprogramme als Begriffe für fertige Konzepte sind, die nur noch auf ihre Anwendung warten würden.

    II.

    Für den historischen Ausgangspunkt der Analogie liegt das Problem klar auf der Hand: Die DdP war von Lenin als Halb-Staat gedacht, der an seinem eigenen Absterben arbeitet.
    Daß das während des BürgerInnenkriegs gegen die Weißen (hier: MonarchistInnen und Bürgerliche) nicht klappen konnte, liegt auf der Hand.
    Daß das auch danach nicht in Gang kam, beschäftigte Lenin in seinen letzten Schriften (insb. der über die Reorganisation der „Arbeiter- und Bauerninspektion“) intensiv, zeigen aber auch die Grenzen Lenins’ Problembewußtsein (Fokussierung auf der Bildungsstand der russischen Massen).

    III.

    Konkreter zu Deiner Frage:

    Auf der Ebene der Staatsapparate / Gesetzgebung:

    ► Quotierung ungeachtet der formalen Qualifikation der BewerberInnen wäre ein – vielleicht sogar im existierenden Rahmen mögliches – Stück „Diktatur der FrauenLesben“.

    ► Entsprechend könnte – wohl eher unter post-revolutionären Verhältnissen (vgl. dort am Ende, Nr. 4) – über eine zeitweilige Umkehr/Umverteilung der Beweislast in geschlechterverhältnis-relevanten juristischen Prozessen nachgedacht werden. Oder an eine Entziehung des Wahlrechts für Männer. (Müßte logischerweise alles im einzelnen genau durchdacht und diskutiert werden. Das ist jetzt nur ein brainstorming.)

    Auf der Ebene gesellschaftlicher Selbstorganisation:

    ► Eine irgendwann wieder gegründete feministische Stadtguerilla könnte Anschläge gegen Firmen, in den die Frauenlohndiskriminierung besonders stark ist, durchführen.

    ► Nachdem es 1988/89 in der bestreikten und besetzten Freie Universität Berlin zu Vergewaltigungen gekommen war, wurden (wie ich aber nur vom Hörensagen weiß) FrauenLesben-Patrouille eingerichtet. Auch im Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg gab es – glaube ich, mich zu erinnern – eine zeitlang autonome FrauenLesben-Patrouillen.

    In dem Maß, in dem ein revolutionärer Prozeß an Breite und Massenrelevanz gewinnt, könnten derartige Strukturen in vielfältiger Weise ausgebaut werden:

    ► Im Umfeld von FrauenLesben-Notrufe und Frauenhäusern könnten Strukturen aufgebaut werden, die nicht nur Opferberatung und -unterstützung leisten, sondern zu Gegenwehr und Prävention übergehen (statt dies dem existierenden patriarchalen Staatsapparat zu überlassen). Auch das müßte selbstverständlich genau überlegt werden, da autonome Gegenmachtstrukturen keine Knäste aufbauen können, aber Knäste wahrscheinlich schon etwas ‚Humaneres’ sind als Prügelstrafen oder Knieschüsse. Auch formalisierte Strukturen des Diskutierens und Entscheidens sind Mechanismen gegen Willkür Einzelner (S. 275), die nicht einfach über Bord geworfen (sondern allenfalls in Notstandssituationen suspendiert) werden sollten.

    ► Derartige oder ähnliche Strukturen könnten – zunächst in den Schwerpunkt einer rekonstruierten revolutionären Bewegung – politische Wohnungstür-Agitation betreiben und auf Stadtteil bzw. Häuserblock-Ebene, die Kollektivierung und Umverteilung von Reproduktionsarbeit vorantreiben. Usw. – Auch hier ist wiederum zu Bedenken, daß alles, was unter Zwang geschieh, negativ auf die Qualität des Resultats durchschlägt.

    Bei allen derartigen Ideen müßte des weiteren – entgegen autonomer Freiraum- und Gegenmacht-lllusionenen – immer im Kopf behalten werden, daß es letztlich keine autonomen Inseln gibt und daß spätestens, wenn derartige Strukturen über Symbolpolitik hinausgehen, das staatliche Gewaltmonopol auf den Plan tritt.

    ► Wenn denn die Machtfrage auf überregionaler bis globaler Ebene gestellt und beantwortet wäre, müßten also derartige Strukturen von den Schwerpunktgebiete einer revolutionären Bewegung auf die anderen Zonen ausgeweitet werden. Z.B. Wohnraum in Villen und Luxuswohnungen (sagen wir: ab 120 m² pro Person) wird umverteilt und einer Nutzung zugeführt, die eine Aufbrechung der geschlechtshierarchischen Verteilung von Haus- und Erziehungsarbeit ermöglicht.

    Des weiteren wird auch vieles davon abhängen, wie sich Verhältnis zwischen Feministinnen und MarxistInnen und die jeweiligen Kämpfe entwickeln: Ein gleichzeitiger feministisch-marxistischer revolutionärer Prozeß dürfte ganz anderes aussehen als einer der dem jeweils anderen vorausgeht oder nachfolgt.

    Soviel erst einmal – was mir spontan einfällt. Das ist logischerweise nichts, was sich sinnvoller Weise eine einzelne Person allein am Schreibtisch ausdenken kann, wenn es denn funktionieren soll.

  10. 10 TaP 01. Juli 2011 um 12:02 Uhr

    Wir diskutieren hier im übrigen zu:

    Monique Wittig
    One Is Not Born A Woman:

    „Thus it is our historical task, and only ours, to define what we call oppression in materialist terms, to make it evident that women are a class, which is to say that the category « woman » as well as the category « man » are political and economic categories not eternal ones. Our fight aims to suppress men as a class, not through a genocidal, but a political struggle. Once the class « men » disappears, « women » as a class will disappear as well, for there are no slaves without masters.“

    Vgl. auch:

    Teresa de Lauretis
    When lesbians were not women
    in: labrys. études féministes, numéro spécial, septembre 2003

    http://vsites.unb.br/ih/his/gefem/special/special/delauretis.htm

  11. 11 QV 03. Juli 2011 um 13:29 Uhr
  12. 12 Zara 03. Juli 2011 um 18:10 Uhr

    Es kreiste der Berg und gebar eine Maus. Du willst also einfach den autonomen ’80er Jahre Feminismus zurück haben. Nun gut, ich würde sagen, es gibt gute Gründe dafür, dass er gescheitert ist. Sei´s drum.
    Ich würde mir wünschen, dass Du deinen feministischen Revolutionsphantasien einen kleinen Realitätscheck unterziehst. Die Grünen in Berliner Bezirksparlamenten haben mit Anträgen zur Parkbeleuchtung weit mehr gegen Vergewaltigungen erreicht, als sämtliche autonome Frauen-Bürgerwehren, die nach einer erfolgten Vergewaltigung mal für eine Woche im Görli ein bisschen Macker spielen. Genauso hat die Rote Zora in 20 Jahren auch nicht viel mehr erreicht, als den Lohn für ein paar Beschäftigte eines Adler-Zuliefereres um ein paar Prozent zu erhöhen.

  13. 13 TaP 03. Juli 2011 um 19:05 Uhr

    Ja, das erfaßt – zumindest im Ausgangspunkt – die politische Intention meines fraglichen Kommentars (01. Juli 2011 um 11:10 Uhr) ziemlich genau:

    In der Tat würde ich sagen: Der Linksradikalismus von Mitte der 80er bis Anfang der 90er Jahre (in dieser Zeit hatte ich ihn aus nicht allzu großer und geringer werdender Entfernung beobachtet) war – nicht nur, aber insb. auch in Sachen Geschlechterverhältnis – um Längen dem heutigen Linksliberalismus, der weiterhin als Linksradikalismus ausgegeben wird, überlegen.

    Allerdings gab es damals zwei Schwachpunkte:

    1. Eine Überschätzung der Bedeutung von Militanz und eine Unterschätzung der Bedeutung von politischer Organisierung; eine Unterschätzung der Wichtigkeit von verbindlicher, gemeinsamer Weiterentwicklung von Programmatik und Strategie und deren Vermittlung in die breite Öffentlichkeit.

    2. – und das ist bereits in dem Kommentar angesprochen –: Die gradualistischer Unterschätzung der Machtfrage.

    Nur: Seit Anfang der 1990er Jahre sind weite Teile der Szene von einem militanten Gradualismus in einen kaum noch militanten Reformismus (Teil I) gerutscht. -

    Ein Fortschritt ist das m.E. keineswegs.

    Und: „Du willst also einfach den autonomen ’80er Jahre Feminismus zurück haben.“ Ja, nicht einfach. Aber immerhin: nicht das Kinde mit dem Bade auszuschütten (statt es von damaligen Tendenzen zum Biologismus zu befreien) – das ist auch der Sinn meiner Doku-Serie:

    Als es noch einen revolutionären Feminismus gab…

  14. 14 QV 13. März 2014 um 15:11 Uhr

    Sozusagen zwei Fortsetzungen des hiesigen Artikels:

    Eine feministische Kapitulation! – Warum ich die 8. März-Demo in Berlin verlassen habe, bevor sie losging

    http://theoriealspraxis.blogsport.de/2014/03/08/eine-feministische-kapitulation-warum-ich-die-8-maerz-demo-in-berlin-verlassen-habe-bevor-sie-losging/

    und

    Eine revolutionär-feministische Perspektive auf die „linksradikale, queerfeministische Perspektive“ (von Samstag) auf den 8. März

    https://linksunten.indymedia.org/de/node/108153

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