Archiv für den 30. Juni 2011

Technischer Hinweis

Ab sofort wer­den hier im obe­ren Bereich der lin­ke­ren der bei­den Rand­spal­ten – auf Anre­gung von Zara und big­mouth – die neus­ten Kom­men­tare ange­zeigt.
Aus die­sem Anlaß führe ich – zum Zwe­cke der Stei­ge­rung der Über­sicht­lich­keit in dem Kommentar-​​feed – ein neues AutorIn-​​Kürzel ein:
Von mir selbst ver­faßte Kom­men­tare, die aus­schließ­lich auf hie­sige frü­here oder spä­tere Bei­träge quer­ver­wei­sen, wer­den ab sofort – und nach und nach auch rück­wir­kend – mit „QV“ (mit Hintergrund-​​link zur about-Seite) signiert.

Außer­dem besteht jetzt die Mög­lich­keit, die Kom­men­tare zu bestimm­ten Arti­keln zu abon­nie­ren, und schließ­lich habe ich ein zusätz­li­ches socia­lise-Plu­gin akti­viert.

Mädchenblog findet klare Worte: Es geht nicht um ein Recht auf Sexiness, sondern um Kampf gegen Vergewaltigungen

„[…] Und sind High-​​Heels, Mini­rö­cke und Netz­strümpfe für Frau­en­be­frei­ung wirk­lich not­wen­dig? Und warum fin­den die Slut­walks so gro­ßen Zuspruch sowohl unter jun­gen Frauen als auch in den Medien? Viele der Teilnehmer_​innen hat­ten vor dem Walk mit Femi­nis­mus und Frau­en­rech­ten nicht viel am Hut.
Hier macht sich das mul­mige Gefühl breit, dass die Mär­sche nur eine solch große Auf­merk­sam­keit bekom­men, da sie ein gän­gi­ges, eben­falls patri­ar­cha­les Frau­en­bild trans­por­tie­ren – die neue selbst­be­wusste Frau ist sexy und stolz dar­auf. Was ‚Sex and the City‘ vor­lebte ist jetzt in den Köp­fen der meis­ten Men­schen fest­ver­an­kert. Auch Spie­ge­lOn­line ist sofort auf den fal­schen Zug auf­ge­sprun­gen. Dort war zu lesen: die Frauen mar­schie­ren für ‚ihr Recht sexy zu sein‘. Aber Halt, so ist das nicht! Es geht um das Recht ‚nicht ver­ge­wal­tigt zu wer­den‘, ein Recht auf Sexi­ness braucht es nun wirk­lich nicht. […].“

Quelle:
http://​maed​chen​blog​.blog​sport​.de/​2​0​1​1​/​0​6​/​3​0​/​s​i​n​d​-​s​l​u​t​w​a​l​k​s​-​w​i​r​k​l​i​c​h​-​s​i​n​n​voll/.

Anmer­kung:
Wer/​welche vom einem ein Recht auf Sexi­ness redet, sollte zumin­dest auch von einem Recht auf Ase­xua­li­tät reden:
http://​wir​lie​ben​kon​sens​.word​press​.com/​2​0​1​1​/​0​6​/​2​6​/​d​a​s​-​r​e​c​h​t​-​n​e​i​n​-​z​u​-​s​agen/ (ver­mut­lich inter­es­sant, aber von mir noch nicht gele­sen).

Auch der f.a.q.-Laden in Ber­lin sagt: „Ase­xua­li­tät ist meist nega­tiv kon­no­tiert, wird patho­lo­gi­siert, gilt als unnor­mal und wird oft nicht mit­ge­dacht. Das wol­len wir nicht.“

„Männerfeindlichkeit“ und die Arbeit der Zuspitzung

Die­ser Text als .pdf-Datei.

Ich hatte am ver­gan­ge­nen Mitt­woch bedau­ert, daß queer nicht mehr „män­ner­feind­lich“ sei. Nach drei bzw. vier vor­her­ge­hen­den (1, 2, 3, 4) Ein­wän­den, die mich nicht so über­zeug­ten (1, 2, 3, 4), brachte big­mouth die fol­gen­den zwei wei­tere Ein­wände, der mich doch nach­denk­lich mach­ten:

1.

„du meinst halt, man könne „män­ner­feind­lich­keit“ inhalt­lich so beset­zen [gemeint: i.S.e. posi­ti­ven, femi­nis­ti­schen und zugleich anti-​​biologistischen Bedeu­tung]. das halte ich aber für unsinn, weil dafür im all­ge­mei­nen sprach­ge­brauch und auf­fas­sung „mann“ bereits nicht als eine onto­lo­gi­sche bio­lo­gi­sche enti­tät, son­dern als abstreif­bare identität/​rolle wha­te­ver gel­ten müsste. und da glaube ich, dass die ver­wen­dung des begriffs eine „kleine dis­ku­risve Zuspit­zung der Klar­stel­lung“ gar nicht erge­ben würde, son­dern ganz im gegen­teil ein­fach unend­li­che miß­ver­ständ­nisse
selbst wenn das ver­ständ­nis in die­sem sinne vor­läge: etwa ver­gleich­bar ist, mensch würde von sich sagen, „chris­ten­feind­lich“ sein, und damit aber mei­nen, mensch würde auf die abschaf­fung von reli­giö­sem bedürf­nis über­haupt hin­ar­bei­ten. da wären miß­ver­ständ­nisse immer noch vor­pro­gram­miert.“

2.

„außer­dem ist die par­al­lele zu klas­sen­kampf und dik­ta­tur des pro­le­ta­ri­ats extrem frag­wür­dig, weil die mehr­heits­ver­hält­nisse völ­lig anders sind. es geht hier ja nicht um den ant­ago­nis­mus zwi­schen einer mehr-​​ und einer min­der­heit, die auch eine ein­deu­tige hier­ar­chie besit­zen. der ver­gleich hinkt extrem“

Dis­kus­sio­nen pro­vo­zie­ren!

a) „dafür [müßte] im all­ge­mei­nen sprach­ge­brauch und auf­fas­sung ‚mann’ bereits nicht als eine onto­lo­gi­sche bio­lo­gi­sche enti­tät, son­dern als abstreif­bare identität/​rolle wha­te­ver gel­ten.“

Da sind wir in der Tat noch weit von ent­fernt. Und unsere gemein­same Frage scheint mir zu sein, wie wir da hin­kom­men.
Ich würde sagen, die dis­kur­sive Zuspit­zung ist dafür nütz­lich – auch auf das Risiko des Miß­ver­ständ­nis­ses. Denn jedes Miß­ver­ständ­nis ist auch eine gute Gele­gen­heit, um mit Leu­ten ins Gespräch zu kom­men, zu argu­men­tie­ren, zu begrün­den – und klar­zu­stel­len, daß „Män­ner“ nicht der Name zur Bezeich­nung eines bestimm­ten ana­to­misch defi­nier­ten Kol­lek­tivs, son­dern der Begriff zur Bezeich­nung der Trä­ger einer bestimm­ten gesell­schaft­li­chen Pra­xis ist.
Ich komme dar­auf und auf das wei­tere Argu­ment, das in Dei­nen ers­ten bei­den Sät­zen steckt noch zurück.

b) „selbst wenn das ver­ständ­nis in die­sem sinne vor­läge: etwa ver­gleich­bar ist, mensch würde von sich sagen, ‚chris­ten­feind­lich’ sein, und damit aber mei­nen, mensch würde auf die abschaf­fung von reli­giö­sem bedürf­nis über­haupt hin­ar­bei­ten. da wären miß­ver­ständ­nisse immer noch vor­pro­gram­miert.“
Der Hin­weis auf „chris­ten­feind­lich“ ist der Punkt, der mich beson­ders nach­denk­lich gemacht hat. Auch dar­auf komme ich gleich zurück. Aber zunächst ein­mal:

Per­so­nale und ver­sach­lichte Herr­schaft

aa) Wenn ich recht ver­stehe, sagst Du: Im Falle von Reli­gion läge ein der­ar­ti­ges Ver­ständ­nis („abstreif­bare identität/​rolle wha­te­ver“) vor. Und selbst der Fall Reli­gion zeige, wie pro­ble­ma­tisch meine dis­kur­sive Stra­te­gie sei.
Ich würde dem­ge­gen­über sagen: Im Falle von Reli­gion mögen ‚wir’ Athe­is­tIn­nen uns da einig sein. (Aber selbst unter ‚uns’ ist das gar nicht so ein­fach. Wenn ich meine Ableh­nung der Exis­tenz­geld­for­de­rung und meine These, daß auch im Kom­mu­nis­mus gear­bei­tet wer­den müsse, begründe, muß ich mir schon mal den Vor­wurf „pro­tes­tan­ti­sche Arbeits­ethik“ anhö­ren. Und: Wenn ich mit Katho­li­kIn­nen über Dop­pel­mo­ral und das Gesetz vom Wider­spruch dis­ku­tiere, koket­tiere ich auch schon mal mit einer pro­tes­tan­ti­schen Sozia­li­sa­tion… – Also auch da ist das alles nicht so ein­fach abstreif­bar.)
Und ich würde sagen: Im von Dir in Bezug genom­me­nen „all­ge­mei­nen sprach­ge­brauch“ schon gar nicht – auch wenn die Leute sonn­tags kaum zur Kir­che, aber mas­sen­haft zum Kir­chen­tag ren­nen und sich über das ökume­ni­sche Abend­mahl strei­ten: auch da schei­nen ja so etwas wie mas­sive „Leib“-Erfahrungen (wie Butler-​​KritikerInnen sagen würde) auf dem Spiel zu ste­hen.

bb) Und ich würde sagen – und das ist nun der Kern mei­nes Gegen­ar­gu­ments:
Wir müß­ten in der Tat dahin kom­men, daß genauso unbe­fan­gen über „Chris­tIn­nen­feind­lich­keit“ und „Män­ner­feind­lich­keit“ gespro­chen wer­den kann, wie Mar­xis­tIn­nen frü­her unbe­fan­gen vom „Klas­sen­feind“ gespro­chen haben.
Warum haben wir jene Unbe­fan­gen­heit nicht? (mehr…)