Erneut: Diesseits der Geschlechtergrenzen – Die Kulturalisierung des Feminismus als Naturalisierung der Geschlechterdifferenz

nebst einem Vor­schlag, wie revo­lu­tio­när Abhilfe zu schaf­fen ist.

Aus aktu­el­lem Anlaß weise ich hier noch mal auf mei­nen Vor­trag hin, den ich am 14.11.2007 an der Uni­ver­si­tät Ham­burg im Rah­men der Reihe „Jen­seits der Geschlech­ter­gren­zen“ gehal­ten hatte. Unten folgt die schrift­li­che Ankün­di­gung des Vor­tra­ges.
Der münd­li­che Vor­trag selbst wurde am 17.12.2007 und/​oder am 21.01.20081 von 14:00 bis 15:30 vom Ham­bur­ger Sen­der „FSK. Freies Sen­der Kom­bi­nat“ aus­ge­strahlt.
Die Audio-​​Dateien ste­hen bei der Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek der FU Ber­lin zum down­load zur Ver­fü­gung: V-GGrenzen-T1_fsk-send-21-01-08_14-15h.ogg und V-GGrenzen-T2_fsk-send-21-01-08_15-16h.ogg (jew. ca. 50 MB; Vortrags-​​Dauer: ca. 1 Std. [Teil 1 + die ers­ten 10 Min. von Teil 2]). Der Katalog-​​Eintrag der Biblio­thek fin­det sich unter die­ser sta­ti­schen URL: http://​edocs​.fu​-ber​lin​.de/​d​o​c​s​/​r​e​c​e​i​v​e​/​F​U​D​O​C​S​_​d​o​c​u​m​e​n​t​_​0​0​0​0​0​0​0​04728. [Die direk­ten links zu den Dateien schei­nen zum unmit­tel­ba­ren Anhö­ren nicht ord­nungs­ge­mäß zu funk­tio­nie­ren, also bitte den Umweg über den Kata­log­ein­trag neh­men und dann in dem Abschnitt „Doku­mente“ auf die Dateien kli­cken.]
Es bie­tet sich an, zum Anhö­ren bspw. den player VLC zu ver­wen­den.

abstract:

Die These von der sozia­len Kon­stru­iert­heit der Geschlech­ter­dif­fe­renz bleibt solange für Re-​​Biologisierungen ver­ein­nahm­bar, wie die Exis­tenz von Geschlech­tern – und seien es mehr als zwei – nicht in Frage gestellt wird. Anhand sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher Inter­views mit trans­gen­der people wird gezeigt: Wäh­rend die Pra­xen der befrag­ten Per­so­nen von Sozial-​​ und Kul­tur­wis­sen­schaft­le­rIn­nen als Beleg für die Insta­bi­li­tät der Geschlech­ter­gren­zen und die Mach­bar­keit von Geschlecht inter­pre­tiert wer­den, prä­sen­tier­ten die Befrag­ten durch­weg essen­tia­lis­ti­sche und viel­fach bio­lo­gis­ti­sche Erklä­run­gen für ihre geschlechternormen-​​inkonformen Pra­xen. Wird den­noch an dem Ziel der Dena­tu­ra­li­sie­rung der Geschlech­ter­dif­fe­renz als wich­ti­ger Vor­aus­set­zung der gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen De-​​Konstruktion von Geschlech­ter­herr­schaft fest­ge­hal­ten, so stellt sich ver­schärft die Frage nach der geeig­ne­ten poli­ti­schen und theo­re­ti­schen Stra­te­gie zur Dena­tu­ra­li­sie­rung der Geschlech­ter. Judith But­ler hatte zwar schon in „Kör­per von Gewicht“ gewarnt: „Die Auf­gabe besteht […] nicht darin, Sub­jekt­po­si­tio­nen im exis­tie­ren­den Sym­bo­li­schen, im der­zei­ti­gen Bereich der Kul­tur­fä­hig­keit, zah­len­mä­ßig zu ver­viel­fa­chen“. Und Cor­ne­lia Klin­ger unter­schied zwi­schen Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus und Dekon­struk­ti­vis­mus. Mit ers­te­rem ver­binde sich die Ten­denz zur Tole­ranz, ja Indul­genz gegen­über allen mög­li­chen, undis­kri­mi­niert und undis­kri­mi­nier­bar hin­zu­neh­men­den kul­tu­rel­len und his­to­ri­schen Par­ti­ku­la­ri­tä­ten und zu einer wei­te­ren Fest­schrei­bung vor­ge­ge­be­ner Iden­ti­tä­ten. Aus einer femi­nis­ti­schen Per­spek­tive müsse, so Klin­ger, nicht nur bearg­wöhnt wer­den, daß Iden­ti­tä­ten fest­ge­schrie­ben wer­den, son­dern dar­über hin­aus, wel­che Iden­ti­tä­ten damit zu Ehren kom­men. Denn aus einer femi­nis­ti­schen Per­spek­tive seien kei­nes­wegs alle Kul­tu­ren gleich­wer­tig und ihre Gleich­ran­gig­keit gleicha­n­er­ken­nens­wert.
Prak­tisch domi­nierte aller­dings in der femi­nis­ti­schen Dis­kus­sion der letz­ten Jahre – auch bei denen die sich auf dekon­struk­ti­vis­ti­sche Theo­rie­an­sätze bezo­gen – die Kri­tik am tat­säch­li­chen und viel­fach auch nur ver­meint­li­chen Essen­tia­lis­mus von Radi­kalfe­mi­nis­tin­nen. In der Kri­tik am Sepa­ra­tis­mus der Radi­kalfe­mi­nis­tin­nen gin­gen die aller­meis­ten Dekon­struk­ti­vis­tIn­nen ein Bünd­nis mit jener Hal­tung der Tole­ranz, ja Indul­genz gegen­über allen mög­li­chen, undis­kri­mi­niert und undis­kri­mi­nier­bar hin­zu­neh­men­den kul­tu­rel­len und his­to­ri­schen Par­ti­ku­la­ri­tä­ten – eben nur nicht gegen­über der der sepa­ra­tis­ti­schen Radi­kalfe­mi­nis­tin­nen – ein. Bio­lo­gis­mus, Essen­tia­lis­mus und Into­le­ranz gegen­über ande­ren (ins­be­son­dere männ­li­chen und trans­gen­der) Iden­ti­tä­ten wurde zum undif­fe­ren­zier­ten Standard-​​Vorwurf gegen Radi­kalfe­mi­nis­tin­nen. In dem Maße, in dem der Sepa­ra­tis­mus als into­le­rant kri­ti­siert wurde, wur­den andere Iden­ti­tä­ten für unhin­ter­geh­bar erklärt und damit sta­bi­li­siert. Das Ergeb­nis war genau das, wovor But­ler gewarnt hatte: Eine Plu­ra­li­sie­rung von Iden­ti­tä­ten im exis­tie­ren­den Sym­bo­li­schen, d.h. unter fort­ge­setz­ter Domi­nanz des Männ­li­chen.
Was ver­säumt wurde, war eine Refor­mu­lie­rung des in der Tat viel­fach bio­lo­gis­ti­schen Sepa­ra­tis­mus des 70er-​​ und 80er Jahre Femi­nis­mus als stra­te­gi­sche Waffe für eine nicht nur theo­re­ti­sche, son­dern auch poli­ti­sche De-​​Konstruktion der Geschlech­ter, d.h. als femi­nis­ti­schen Stütz­punkt gegen fort­be­ste­hende Män­ner­herr­schaft. In dem Maße, in dem sich para­do­xer Weise aus­ge­rech­net der dekon­struk­ti­vis­ti­sche Femi­nis­mus von der von Moni­que Wit­tig for­mu­lier­ten Per­spek­tive der disap­pearance der Geschlech­ter ver­ab­schie­dete, wurde die Exis­tenz von Geschlech­tern zur unhin­ter­geh­ba­ren Tat­sa­che. Die Umstel­lung der Begrün­dung der Exis­tenz von Geschlech­tern von einer bio­lo­gis­ti­schen auf eine sozial-​​konstruktivistische oder kul­tu­ra­lis­ti­sche Grund­lage und das Zuge­ständ­nis der his­to­ri­schen Wan­del­bar­keit ist danach nur eine Vari­ante des Inva­ri­an­ten.
Als Abhilfe wird eine Wie­der­ein­füh­rung der Kate­go­rie „Herr­schaft“ in femi­nis­ti­sche Ana­ly­sen vor­ge­schla­gen. Nur in dem Maße, in dem Pro­zesse der Kon­struk­tion von Geschlecht als Herr­schafts­pra­xen erkannt wer­den, wird es mög­lich sein, anstelle der Indul­genz gegen­über Geschlech­tern eine Wie­der­auf­nahme des Kamp­fes für das Ver­schwin­den der Geschlech­ter zu set­zen.

  1. Vgl. http://​www​.fsk​-hh​.org/​t​r​a​n​s​m​i​t​t​e​r​/​j​e​n​s​e​i​t​s​_​d​e​r​_​g​e​s​c​h​l​e​c​h​t​e​r​g​r​e​n​z​e​n​/​2​0​0​7​/​12/17, aber auch die Datei­na­men sowie die Anmo­de­ra­tion und Ter­min­nen­nun­gen nach dem Vor­trag. [zurück]
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3 Antworten auf „Erneut: Diesseits der Geschlechtergrenzen – Die Kulturalisierung des Feminismus als Naturalisierung der Geschlechterdifferenz“


  1. 1 QV 26. Juni 2011 um 14:26 Uhr
  2. 2 QV 26. Juni 2011 um 14:45 Uhr
  3. 3 World 27. Juni 2011 um 7:24 Uhr

    Get a life!

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