Transgenialer CSD 2011 in Berlin ohne offiziellen Aufruf?

-- Dieser Text jetzt als .pdf-Datei und mit einer Korrektur der Fußnote 7 --

Für den heutigen transgenialen CSD (tCSD) [0] scheint [1] es keinen gemeinsam getragenen Aufruf zu geben. Gestern wurde im blog des tCSD in der Rubrik „Presse“ ein „Beitrag zum Motto des Transgenialen CSD 2011“ überschriebener Text veröffentlicht (siehe dort oder auch dort – meine Hv.). Dieser Text weicht an einigen Stellen in inhaltlicher und stilistischer Hinsicht erheblich von dem zuletzt als Aufruf-Entwurf diskutierten Text ab.

Soweit ich direkt an der Formulierung der nun weggelassenen oder umformulierten Stellen beteiligt war, so seien diese hier vermerkt:

► Im Abschnitt „Daten helfen da auch nicht weiter!“ heißt es jetzt – in Bezug auf den Zensus 2011 – „Auf Grundlage der Kategorien wird weiterhin diskriminierende Politik gemacht.“ Zuvor waren an dieser Stelle – statt der vage Rede von „diskriminierende[r] Politik“ [2] – beispielhaft einige gesellschaftliche Gruppen genannt, gegen die in der BRD Politik gemacht wird. In der Aufruf-Diskussion hatte ich in Bezug auf andere Textstellen vorgeschlagen gehabt, den individualisierenden Begriff „Diskriminierung“ durch die strukturelleren Begriffe „Herrschaft und Ausbeutung“ zu ersetzen.

► Im Abschnitt der jetzt die Überschrift „Zwei-Geschlechter-Ordnung abschaffen!“ trägt, steht nun: „Wir stellen uns gegen eine Ordnung, die nur zwei Geschlechter kennt und alle Menschen, die sich nicht einem Geschlecht zuordnen wollen und_oder können, stigmatisiert!“ (meine Hv.) Zuvor stand an dieser Stelle: „Wir stellen uns gegen die Zwei-Geschlechter-Ordnung, welche alle Menschen, die sich nicht einem Geschlecht zuordnen wollen und_oder können, stigmatisiert!“

Die neue Formulierung („die nur zwei Geschlechter kennt“) impliziert im Gegensatz zur alten eine Strategie der Vervielfachung der Geschlechter. Ich plädiere dagegen in Anschluß an Überlegungen von Judith Butler und Monique Wittig für die Anstrebung einer Aufhebung aller Geschlechter.

Butler: „Die Aufgabe besteht infolgedessen [daß jede Konstituierung eines Subjekts mit einer Ab- und Ausgrenzung einhergeht, d. Vf.In] nicht darin, Subjektpositionen im existierenden Symbolischen, im derzeitigen Bereich der Kulturfähigkeit, zahlenmäßig zu vervielfachen, […]. Die Vervielfachung von Subjektpositionen auf einer pluralistischen Achse hätte die Vervielfachung ausschließender und erniedrigender Schritte zur Folge, […].“ (Butler, Körper von Gewicht, 1993/94, 156). [3]

Wittig: „Our fight aims to suppress men as a class, not through a genocidal, but a political struggle. Once the class ‚men’ disappears, ‚women’ as a class will disappear as well, for there are no slaves without masters.“ [4]

► Im Absatz vor der Zwischenüberschrift „Lasst uns im Kampf gegen Diskriminierung aufgrund von Rassismus, Sexismus, Klassismus und Heteronormativitaet solidarisch sein! Für queere Solidaritaet!“ heißt es nun: „Geschlechter- und Identitätsverwirrung, Überschreiten und Lächerlichmachen von Zuschreibungen, Reflexion und Infragestellen der Norm an sich ist ein Anfang!“ Zuvor war diese Stelle viel ausführlicher – die inhaltliche Relevanz des Unterschiedes dürfte auf der Hand liegen und keiner weiteren Erläuterungen bedürfen: „Zum Beispiel kann das gezielte Schaffen von Geschlechterverwirrung und sonstiger Identitätsverwirrung, durch das Überschreiten und Lächerlichmachen von Zuschreibungen und durch Reflexion und Infragestellen auf die Verhältnisse aufmerksam gemacht werden! Doch dies kann erst (beide Hv. nachträglich d. TaP) der Anfang sein!

Das Kartenhaus der Politik und die bestehenden Machtverhältnisse müssen fallen, aber zugleich müssen wir auch unsere Verhaltensweisen und Denkmuster einer grundsätzlichen Neuausrichtung öffnen. […] Denkt kritisch! Und stellt die herrschenden Machtverhältnisse auch praktisch in Frage! Wenn wir zusammen kämpfen, haben wir die Chance die bestehenden Herrschaftsverhältnisse zu überwinden!

Diese herrschenden Verhältnisse bedeuten weiterhin, dass Menschen, die nicht in die vermeintliche, mehrheitsgesellschaftlich ausgerichtete Norm passen oder sich nicht hineindrücken lassen wollen, von physischer Gewalt und psychischem Zwang betroffen sind.“

Von „herrschenden Verhältnisse“ ist jetzt in dem Text gar nicht mehr die Rede, von „kämpfen“ nur noch in der unverändert gebliebenen Schlußparole.

► Die schon erwähnte Zwischenüberschrift „Lasst uns im Kampf gegen Diskriminierung aufgrund von Rassismus, Sexismus, Klassismus und Heteronormativitaet solidarisch sein!“ ersetzt einen Satz der zuvor lautete: „Queere Kritik heißt, sich gegen Herrschaftsmechanismen zu stellen! Seien es Rassismus, Patriarchat und Sexismus, Kapitalismus, Heterosexismus oder Heteronormativität.“

Der strukturelle Begriff „Patriarchat“ ist also weggefallen, und allein der auf einzelne Äußerungen und Handlungen fokussierende Ausdruck „Sexismus“ stehengeblieben. [5] „Kapitalismus“ wurde durch den aus gleichem Grund zweideutigen Ausdruck „Klassismus“ ersetzt. [6] Der immerhin konkrete, materielle Handlungen benennende Begriff „Heterosexismus“ wurde weggelassen; statt dessen wird jetzt mit dem Begriff „Heteronormativität“ allein auf „Normen“ fokusiert. (Ein angemessener, struktureller Begriff für diesen Bereich scheint bisher nicht entwickelt worden zu sein.)

► Im letzten Satz des Aufrufes taucht nun das Wort „Unterdrückung“ auf, dessen Nicht-Verwendung ich bis dahin – unter Hinweis auf Foucaults Kritik der von ihm so genannten „Repressionshypothese“ von Herbert Marcuse und Wilhelm Reich [7] – erfolgreich vorgeschlagen hatte.

Es dürfte nicht überraschen, wenn ich nach diesen Änderungen sage:

Mit der Linie des neuen Textes habe ich nichts zu tun!

PS.: Es gab außerdem einen weiteren in der Aufruf-Diskussion sehr umstrittenen Begriff. Ich hatte dessen Verwendung befürwortet, will es aber der Entscheidung der Person, die diesen Begriff vorgeschlagen hat, überlassen, zu entscheiden, ob auch dieser Teil der Kontroverse öffentlich diskutiert werden soll.

[0] Zur Geschichte des tCSD siehe: http://transgenialercsd.wordpress.com/2011/06/23/die-geschichte-des-transgenialen-csds/ und http://de.wikipedia.org/wiki/Transgenialer_CSD.

[1] Ich formuliere deshalb so vorsichtig, weil ich zwar bis zur Erstellung der vorletzten Aufruf-Version an der Demo-Vorbereitung beteiligt war. An den beiden folgenden Treffen zum Aufruf habe ich nicht mehr teilgenommen. An dem ersten der beiden deshalb nicht, weil ich die Demo-Anmelderin zum Kontaktgespräch mit der Polizei begleitet hatte. An dem zweiten nicht, weil die zwischenzeitlich per mailing-Liste fortgeführte Diskussion zu Inhalt und Form des ganzen tCSD so eskalierte, daß ich auf eine weitere Teilnahme verzichtete. Bereits am Samstagabend teile ich fünf Mitgliedern der Vorbereitungsgruppe mit, daß ich mich nicht weiter beteiligen werde. Am Sonntagabend bekräftigt ich gegenüber einer der Empfängerinnen: „Das kann ich nicht mitverantworten, und das will ich nicht mitverantworten.“ – Sollten es andere Beteiligte für sinnvoll erachten, die Details dieses Streits öffentlich zu erörtern, so wäre ich der/die letzte, der/die dafür nicht zur Verfügung stehen würde.

[2] „‚Rassismus’ ist ein sehr viel militanterer Begriff [als ‚Ausländerfeindlichkeit’, ‚Diskriminierung’ oder ‚multinationale Klassenzusammensetzung’], der eine Systematik von Ausbeutung und Unterdrückung beschreibt und sie in einen globalen, imperialistischen Kontext setzt.“ (From Resistance to Rebellion).

[3] Vgl. http://www.fsk-hh.org/transmitter/diesseits_der_geschlechtergrenzen/2008/01/07 und http://edocs.fu-berlin.de/docs/receive/FUDOCS_document_000000004728.

[4] http://theoriealspraxis.blogsport.de/andere/monique-wittig-one-is-not-born-a-woman/.

[5] Vgl. Bäumchen: „Bin nicht für Gender, weil das so verdammt ausweichend wirkt und Feminismus wohl selbst unter der Linken als Thematik provoziert (weil hier auf die Schlagworte Antisexismus bzw. Gender zurückgegriffen wird und die ‚Frau’ damit verdrängt m.E. nach).“ (06. Juni 2011 um 15:10 Uhr).

[6] http://peter-nowak-journalist.de/2011/05/31/klassismus/.

[7] KORRIGIERT:

Vgl. die dreiteilige Serie „Sexualität und Kapitalismus“ (I, II, III) bei http://widerdienatur.blogsport.de und Tove Soiland, ‚Gender’: Kontingente theoretische Grundlagen und ihre politischen Implikationen, in: gender…politik…online, Dez. 2009; im internet: http://web.fu-berlin.de/gpo/pdf/soiland/soiland.pdf, S. 9. S. 10 f. (mit Foucault-Zitat: „Tatsächlich handelt es sich eher um die Produktion von Sexualität.“).

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1 Antwort auf „Transgenialer CSD 2011 in Berlin ohne offiziellen Aufruf?“


  1. 1 TaP 25. Juni 2011 um 0:31 Uhr

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