„[…] wo eine bestimmte Identitätskonfiguration anstrebt, ‚die Stelle des Wirklichen‘ einzunehmen, um durch Selbst-Naturalisierung die eigene Hegemonie zu festigen und auszudehnen, ist von […] revolutionärer Praxis nichts übrig geblieben als ein konkretistisches, reifiziertes, Politik lähmendes Fundament.“
(Sabine Hark, ‚Jenseits‘ der Lesben Nation? Die Dezentrierung lesbisch-feministischer Identität, in: Verein Sozialwissenschaftliche Forschung für Frauen – SFBF – e.V. (Hg.), Zur Krise der Kategorien. Frau – Lesbe – Geschlecht, Frankfurt am Main: Selbstverlag 1994, 89 – 112 [100, vgl. 89, 93 f., 98-100, 103])
„Eine Politik der Toleranz und Integration einer ‚Minderheit’ in die ‚Normgesellschaft’ mit einer repräsentativen Politikvorstellung zeigte sich als gescheitert. Form und Orte lesbisch-schwuler Identitätspolitik waren an ihre Grenzen gestoßen. [… Daraufhin] wurden Ton und Aktionen offensiver und aggressiver. […] in Queer Theory [… geht] es weniger um Kämpfe nach Akzeptanz des ‚Anderen’ […], als vielmehr um die Analyse und die Dekonstruktion der Herstellungsverfahren von ‚dem Anderen’, die Ausgrenzungspraktiken als Legitimation dienen.“
(Corinna Genschel, Fear of Queer Planet: Dimensionen lesbisch-schwuler Gesellschaftskritik, in: Das Argument H. 216, 4/1996, 525-537 [528]).
„Die Vielschichtigkeit der Geschlechtsidentität erfordert eine inter- und postdisziplinäre Serie von Diskursen, um der Domestizierung der Geschlechter- oder Frauenstudien an der Universität zu widerstehen und den Begriff der feministischen Kritik zu radikalisieren.“
(Judith Butler: Das Unbehagen der Geschlechter. Suhrkamp: Frankfurt am Main, 1991, 13)
„not maybe
look around you all over the world there are women in prison women in jail while men are free look around you all over the world there are women in prison
women in jail while men are free look around you all over the world there are
women in prison women in jail while men are free abusin’ men raipin’ men hittin’ men violent men
after long long long long years she tried to stop him now she’s in jail he’s still free
near her little sister near her little brother near the little daughter of the neighbours
he’s still free
who don’t know any abusin’ men
who don’t know any raipin’ men
who don’t know any hittin’ men
who don’t know any violent men
maybe your brother
maybe your father
maybe your uncle
maybe your grandpa
maybe your neighbour
maybe your teacher
maybe your husband
maybe your lover
don’t stop the fight it feels much better than only suffering don’t stop the fight you make a change
don’t stop the fight it feels much better than only suffering don’t stop the fight you make a change“
(http://lowendmodels.de/de/texte.htm#notmaybe)
Und für die, die lieber hören als lesen:
http://theoriealspraxis.blogsport.de/images/LowEndModelsCassetagueule.mp3
(„Die All-Dyke-Queercore Band Low End Models aus Köln sind die einzige Band des politisch motivierten Musikgenres Queercore in Deutschland. Ihr harter Crossover aus Rock, Punk und Techno ist der unüberhörbare Nachfolger der Riot Grrrls-Bands wie Bikini Kill und Sleater Kinney, nur aggressiver, politischer und vielseitiger. Auch vor der Bühne ein wildes Cross-Over aus Gucchi-Girls, Drag Kings, Stagediving-Dykes, Fun-Gays, Pogo-Boys und Music-Scouts, mit Boots oder Stöckelschuh, kreuz und que(e)r durch alle Lifestyles. ‚Sind sie zu stark, bist du zu schwach!“
(meta-Text zu http://lowendmodels.de – anzeigbar bspw. mit Thunderbird-Plugin Firebug)
Vgl. meinen in Anbetracht der Zeichen-Vorgabe knappen Text:
De-konstruktiv oder doch nur destruktiv? Eine politische Zwischenbilanz nach 15 Jahren queer Lesbianismus, in: Gabriele Dennert / Christiane Leidinger / Franziska Rauchut (Hg.), In Bewegungen bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben, Queer Verlag: Berlin, 2007, 322 – 325.
S.a. noch meinen Text:
Kuschelsex oder Kuschelpolitik? Lesbisch-kommunistische De-Konstruktion oder ex-autonom-postmoderner Liberalismus?, in: interim Nr. 440, 18.12.1997, 10 – 20 und Nr. 441, 08.01.1998, 18 – 26.
Ohne jetzt hier eine große Diskussion zu eröffnen, da die Argumente ausgetauscht sind:
Wenn queere Linksliberale Wörter wie „revolutionär“ oder „radikalisieren“ in den Mund nehmen wird mir anders. Warum können sie nicht einfach sagen, „ja, wir unsere Kritik ist nicht radikal, na und!“; warum dieser „radikal“-Fetisch?
Mal abgesehen davon, dass Butler bekanntlich besser Schwadronieren („postdisziplinäre Serie von Diskursen“) als Denken kann: Wo bitte schön müssen Geschlechter- oder Frauenstudien noch vor Domestizierung bewahrt werden? Gab es irgendwo in den letzten 40 Jahren irgendein Institut der Geschlechter- oder Frauenforschung, das radikale Gesellschaftskritik geübt hat? Und radikal bedeutet nicht „Subjektpositionen erweitern“ oder die Besserstellung einer sozialen Identität.
1.
70er und 80er-Jahre Feminismus, auch an den Unis, war schon etwas anderes als das, was die meisten Butler-EpigonInnen und erst recht gender mainstreamerInnen heute bieten.
Und: Feminismus fand ja nun nicht nur an der Uni statt – siehe meine Serie „Als es noch einen revolutionären Feminismus gab…“
http://theoriealspraxis.blogsport.de/tag/rev.-fem.
2.
Genau! Butlers in der queer-Szene beständig ‚überhörten‘ Worte:
„Die Aufgabe besteht infolgedessen [daß jede Konstituierung eines Subjekts mit einer Ab- und Ausgrenzung einhergeht, TaP] nicht darin, Subjektpositionen im existierenden Symbolischen, im derzeitigen Bereich der Kulturfähigkeit, zahlenmäßig zu vervielfachen, […]. Die Vervielfachung von Subjektpositionen auf einer pluralistischen Achse hätte die Vervielfachung ausschließender und erniedrigender Schritte zur Folge, […].“
(Judith Butler, Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts, Berlin Verlag: Berlin, 1995 [us-amerik. Originalausgabe: Routledge: New York, 1993; dt. Ausgabe mit einem Vorwort von 1994 ergänzt], 156 – Hv. i.O.).
warum sollten butler-fans ihre kritik nicht für radikal, also zur wurzel gehend, halten, bitteschön? die sind doch überzeugt, erklären zu können, was geschlecht hervorbringt, also die wurzel freigelegt zu haben
außerdem scheinst du einen merkwürdigen begriff von „männerfeindlich“ zu haben
@ bigmouth
1. Ich für meinen Teil nehme Butler ihren Radikalitäts-Anspruch in der Theorie durchaus ab.
Nur vergißt sie ihn, wenn sie als ‚politische bewußte Staatsbürgerin‘ (das ist dann wohl die Sprechposition, die sie in etwa einnimmt) spricht:
http://maedchenblog.blogsport.de/2010/06/20/dis-identification-means-to-transform-the-imperialist-war-into-revolutionary-civil-war/
http://maedchenblog.blogsport.de/2010/06/22/judith-butler-ueber-soziale-gerechtigkeit-sowie-high-und-happy-in-den-strassen-feiern-interview/
und
http://theoriealspraxis.blogsport.de/2006/12/31/gefaehrdetes-leben-gefaehrliches-recht/.
.
2. Inwiefern?
a) Erstens ist „männerfeindlich“ ein anti-feministischer Kampfbegriff, der sich genauso angeeignet und umgedreht werden muß, wie das soziale Bewegungen mit anderen Begriffen auch gemacht haben, z.B. „schwul“ im deutschen und „queer“ im englischen Sprachraum.
Und b): Männer sind ja keine biologischen Entitäten, sondern sub-jekte, die sich mit bestimmten gesellschaftlichen Subjektpositionen identifizieren. Wenn die Subjektpositionen verschwinden, werden auch die sub-jekte verschwinden.
In der Tat geht es nicht um eine Vervielfachung der Geschlechter, sondern um deren Überwindung.
ich denke, bei „männerfeindlich“ geht das nicht, weil das ein zusammengesetzter begriff ist aus anderen begriffen, deren bedeutung nicht verschoben wird. solange „männer“ und „feindlich“ einen bedeutung haben, kann männerfeindlich keine andere habe
würdest du dir zb auch „feminazi“ aneignen wollen?
Ich denke, der Vergleich hinkt:
„Schwul“, „queer“, „männerfeindlich“ sind Vorwürfe, die ‚uns‘ gemacht werden – und eine bestimmte (als solche sicherlich nicht ausreichende) Strategie, um damit umzugehen, besteht darin, zu sagen: Na, und? Was ist daran falsch oder schlecht?!
„Feminazi“ scheint dagegen (kannte ich bisher gar nicht) kein Vorwurf, sondern eine Selbstbezeichnung von Nazi-Frauen zu sein, oder? Da habe ich keinen Ehrgeiz, denen ihre Selbstbezeichnung streitig zu machen (habe ich ja schon bei SozialdemokratInnen und Liberalen nicht).
ne, feminazi ist eine gängige us-beschimpfung.
@ bigmouth (13:44 h):
Okay. Dein Vergleich hinkt m.E. trotzdem:
1.
Wie um 12:26 Uhr in 2.b) argumentiert, steckt in „männlichfeindlich“ eine – wenn auch bei Zugrundelegung des biologistischen Alltagsverstandes mißverständlich ausgedrückte – Wahrheit.
Um dieser Wahrheit die gebotene anti-biologistische Situierung und die richtige – positive statt negative – Bewertung zu geben, sollten sich Feministinnen den Ausdruck „männerfeindlich“ m.E. positiv aneignen.
2.
a) Bei „Feminazi“ scheint der Vorwurf gemeint zu sein, Feministinnen würden Nazi-Methoden anwenden. Da steckt schon keine analytische Wahrheit drin, die (nur) noch einer richtigen Bewertung zugeführt werden müßte, sondern das ist schon analytischer Unsinn.
b) Aber: Im Rahmen dieses generellen Unsinns steckt aber immerhin auch noch eine klitzkleine analytische Wahrheit – die auch in allen totalitarismus-theoretischen Rechts-Links-, Hitler-Stalin-Gleichsetzungen steckt: nämlich, wenn es um grundlegende Sachen geht, ist Politik keine legalistisch-pazifistische dinner party, sondern dann kann es auch schon mal ein bißchen härter zugehen.
Trotzdem bleibt nicht nur ein Inhalts-, sondern auch ein Methodenunterschieden: Millionen von Toten aufgrund fehlerhafter Industrialisierungs- und Landwirtschaftspolitik sind etwas anderes, als Millionen von zielgerichtet Ermordeten.
Und auch tausende von Toten in Arbeitslagern und nach Schauprozessen erschossener KommunistInnen sind etwas anderes als der industrielle Massenmord aufgrund biologistisch-rassistischer Kriterien in den Vernichtungslagern der Nazis.
Deshalb also keinesfalls eine positive Aneignung des Ausdrucks Feminazis.
c) Sehr wohl habe ich aber – in Reaktion auf den mir bekannten Ausdruck „Emanzen-SS“ – ein T-Shirt mit der Aufschrift „Emanzen-Tscheka“. („Emanzen“ in lateinischen Buchstaben; „Tscheka“ in kyrillischer Schrift, aber leider falsch zurück-transliteriert, so kann’s kommen ;-) ).
Das finde ich eine richtige Antwort, weil es nicht die Aneignung von analytischem Unsinn ist, sondern zugleich die von Dir um 13:07 h geforderte Bedeutungsverschiebung vornimmt (vom Nazi-Biologismus zum leninistischen Klassenkampf), aber kein Zugeständnis an Legalismus und Pazifismus ist.
(Sicherlich ließe sich hier jetzt viel weiter diskutieren: Wie vorbildlich war die Praxis der Tscheka für Feministinnen wirklich? Was ist von Monique Wittigs Paraphrasierung eines Satzes von Latsis [*] zu halten? usw. Aber soviel an dieser Stelle erst einmal dazu.)
[*]
http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-70305, S. 96:
ebd., S. 364, FN 247:
@bigmouth Im Grunde hast Du recht. Mich stören Butlers Imaginationen auch recht wenig, sondern vielmehr deren Übernahme durch Menschen, wie TaP, die es eigentlich besser wissen müssten.
Der Glaube, dass radikale Gesellschaftskritik auch ohne das Ziel einer Überwindung des Kapitalismus zu haben ist, ist bedauerlicherweise ein Produkt der Frauen- und Queerbewegung und Kommunisten tun sich keinen Gefallen, wenn sie diesen darin noch beipflichten.
@ Zara:
Was die ‚idealistische‘, ‚diskursorientierte‘ Butler in Merely Cultural über sex(uality), gender und Produktionsweise schrieb [*],
war jedenfalls hundertmal marxistischer und materialistscher als Fraser sozialdemokratische Rede über „gerechte Verteilung“, auf das Butler antwortete (und für dessen Neuauflage sich GenossInnen von der DKP-Berlin [S. 11] begeistern).
[*] Ich werde darauf genauer eingehen, wenn ich dazu komme, den angekündigten Text zu Konkurrenz, Anthropologie usw. zu schreiben. Erst einmal standen aktuell politischer Dinge auf dem Arbeitsprogramm.
PS.:
Leider scheint Butler selbst danach auf diesen Text nie elaborierend zurückgekommen zu sein, und der mainstream der Butler-Rezeption scheint ihn gar nicht erst zur Kenntnis genommen zu haben.
PPS.:
Vgl. zum generellen Thema des Artikels / der Überschrift auch noch:
Für einen feministischen Anti-Humanismus in der Theorie
http://theoriealspraxis.blogsport.de/2011/06/21/zwei-orte-zwei-laender-zwei-themen-eine-zeit-eine-these-fuer-einen-feministischen-anti-humanismus-in-der-theorie/.
und warum soll es klug sein, sich einen – wie du selbst sagst – höchstgradig mißverständlichen begriff zueigen zu machen? außerdem finde ich, dass es nicht stimmt, dass männer schlicht „sondern sub-jekte, die sich mit bestimmten gesellschaftlichen Subjektpositionen identifizieren. “ sind. mensch wird nämlich von geburt an von außen als mann identifiziert; ob jemand das für sich subjektiv ablehnt, spielt in der gesellschaftlichen wahrnehmung meist überhaupt keine rolle, außer jemand befleissigt sich bewusst & deutlich einer performance, die das konterkariert
1.
Nicht der Begriff ist unklar, sondern das diskursive Umfeld ist unklar. Und das versuchen im Anschluß an Butler einige Leute seit 20 Jahren klarzustellen.
Dann ist doch so langsam mal Zeit, für eine kleine diskurisve Zuspitzung der Klarstellung, oder?
Geschichte wird gemacht.
2.
Ja, und irgendwie dachte ich (aber vielleicht war das ja auch mein ‚großes Mißverständnis‘) Butler wollte – in ihrer ganz anderen Sprache – das zuspitzen, was Ingrid Stobl ein paar Jahre vorher so ausdrückte:
„Frauen, die das Machtverhältnis zwischen Frauen und Männern bekämpfen, Frauen, die der patriarchalen Norm […] den Krieg erklären, Frauen, die die herrschenden Verhältnisse, die Herrschaft im wahren Sinne des Wortes radikal aufheben wollen, bedürfen nicht so sehr der männlichen Genossen, die sich für ihre Freunde halten, als der männlichen Genossen, die bereit sind, zum Feind des Mannes zu werden.“ (http://www.sterneck.net/gender/strobel-freiheit/index.php).
Und das ist aber nicht mit einem bißchen Klamottenperformanz – und ansonsten Mann bleiben – getan.
Sondern das erfordert, auch eigene politische Verantwortung zu übernehmen (und dafür dann ggf. auch Kritik einzustecken) – wie gestern von Bell Hooks in anderem Zusammenhang zitiert:
„Erst in dem Moment, wenn weiße feministische Aktivistinnen […] der rassistischen Unterdrückung in unserer Gesellschaft grundsätzlichen aktiven Widerstand entgegensetzen, werden wir wissen, daß weiße Frauen sich dem Rassismus ernsthaft und auf revolutionäre Weise stellen. Wir werden wissen, daß sie sich gegen den Rassismus engagieren, sobald sie mithelfen, die Richtung der feministischen Bewegung zu verändern“
Und nicht: Klamotten tauschen, und dann Party feiern, den eigenen Kiez pflegen und im übrigen abwarten und Tee trinken.
du meinst halt, man könne „männerfeindlichkeit“ inhaltlich so besetzen. das halte ich aber für unsinn, weil dafür im allgemeinen sprachgebrauch und auffassung „mann“ bereits nicht als eine ontologische biologische entität, sondern als abstreifbare identität/rolle whatever gelten müsste. und da glaube ich, dass die verwendung des begriffs eine „kleine diskurisve Zuspitzung der Klarstellung“ gar nicht ergeben würde, sondern ganz im gegenteil einfach unendliche mißverständnisse
selbst wenn das verständnis in diesem sinne vorläge: etwa vergleichbar ist, mensch würde von sich sagen, „christenfeindlich“ sein, und damit aber meinen, mensch würde auf die abschaffung von religiösem bedürfnis überhaupt hinarbeiten. da wären mißverständnisse immer noch vorprogrammiert.
außerdem ist die parallele zu klassenkampf und diktatur des proletariats extrem fragwürdig, weil die mehrheitsverhältnisse völlig anders sind. es geht hier ja nicht um den antagonismus zwischen einer mehr- und einer minderheit, die auch eine eindeutige hierarchie besitzen. der vergleich hinkt extrem
(Quelle: http://rhizom.blogsport.eu/)
bist du da jetzt wirklich so arg stolz drauf?
Ach,
ist doch immerhin nett, wenn Argumente eines sachlichen Einwandes für Wert befunden werden;
und den Kommentar zu posten eine weitere Werbemaßnahme. ;-)
Nacht
PS.:
Inhaltliche Antwort kommt nach dem Schlafen: Deine letzten beiden Kommentare sind ja nicht so leicht zu beantworten. ;-)
so ein kommentarzähler schert sich aber nicht um die sachlichkeit der einwände, ja nichtmal um einwände.
@ Ulla:
Der Einwand stimmt.
@ bigmouth:
Antwort ist Arbeit.
Hier eine kleine Vorschau
Meine Antwort wird versuchen, folgende Thesen zu begründen:
1. Wir müssen dahin kommen, daß genauso unbefangen über „ChristInnenfeindlichkeit“ und „Männerfeindlichkeit“ gesprochen werden kann, wie MarxistInnen früher unbefangen vom „Klassenfeind“ gesprochen haben.
2. Im Falle von Klasse ist/war – mit Ausnahme der hardcore-VertreterInnen personalisierender Kapitalismus-Kritik – allen Leuten klar ist, daß es sich um ‚sachliche Herrschaft’, d.h.: prinzipiell „abstreifbare identität/rolle whatever“ handelt.
3. Dies scheint mir im allgemeinen Sprachgebrauch – trotz Deines (? – richtig verstanden?) Optimismus in Sachen Religion – bisher weder bei Religion noch bei Geschlecht der Fall zu sein. Sie werden von den allermeisten Leuten nach wie vor – quasi nach dem Modell vor-kapitalistischer Herrschaft – als unmittelbar zur jeweiligen Person gehörend verstanden (essentialistisches Identitätsverständnis ‚inneres Wesen – äußerer Ausdruck des Wesens/Glaubens’) – nicht: ich knie nieder zum Gebet, also glaube ich (wie Althusser Pascal zitierte und für seine marxistische Subjekttheorie fruchtbar machte (S. 7 f.), woran dann wiederum Butler mit der These anknüpfte: Geschlecht sei kein Haben, sondern ein Tun), sondern: ich glaube, also knie ich nieder und bete (S. 7). Dieser Vorrang des Idealismus des Bewußtseins bzw. des Wesens gegenüber dem Materialismus der Praxis (der Handlungen) ist weiterhin die mainstream-These – weit hinein bis in den queere mainstream (@ who it concerns). Und dieses idealistische Primat des Wesens muß zugunsten eines Materialismus der (revolutionären) Praxis gebrochen werden.
4. Wir müssen also in der Tat hin dahin kommen, daß massenhaft klar wird, daß es sich bei auch bei Geschlecht und Religion um prinzipiell „abstreifbare identität/rolle whatever“ handelt. – Mit der Einsicht, daß das ‚Geburt/Stand kein Schicksal ist’ (eine Einsicht, die sich u.a. darin materialisierte, daß in den Großen bürgerlichen Revolutionen in Westeuropa einige uneinsichtige Adlige ihr Leben lassen mußten) wurden die bürgerlichen Revolutionen möglich. Die Geschlechterrevolution, die Überwindung der Geschlechter, setzt nicht weniger voraus die revolutionäre Überwindung der Ständegesellschaft vorausgesetzt hatte.
5. Um dahin zu kommen, sind die Diskussion, die die provokative (‚mißverständliche’) Rede über Männerfeindlichkeit auslösen könnte, nützlich.
Daraus wird dann ein eigener Text „‚Männerfeindlichkeit’ und die Arbeit der Zuspitzung“ werden, der auch einige im Umkreis des Problems liegende Aspekte (und ich sage nicht, daß mein Vorschlag ohne Probleme sei) behandeln wird.
Wenn Lob ins Mark trifft – und ‚bewußte Abgrenzung‘ mit Leben gefüllt wird
Wie schrieb ich doch neulich über den tCSD:
„Die Abgrenzung vom mainstream verbleibt auf der Ebene von Gesten, die keine Handlungen sind, und Wörtern, die keine Begriffe sind.“
Wie schreibt die Berliner Zeitung von heute:
„Durch enge Zusammenarbeit mit den Nachbarn werde das politische Anliegen auch praktisch umgesetzt, so Unger. ‚Lesben, Schwule, Trans- oder Bisexuelle sind im Kiez akzeptiert.‘ […] Natürlich zog der ‚alternative CSD‘ im Laufe der Jahre auch eine ganze Menge Partys hinterher, die sich bewusst abgrenzen wollen von Feierallerlei, für das der ‚große CSD‘ mittlerweile so berühmt wie berüchtigt ist. Kurz: mehr Herz, weniger Kommerz.“
@TaP Du bist hier Kilometer weit auf dem Holzweg.
Wie Du auch schon andeutest, war es ein langer Kampf gegen einen Vulgärmarxismus, z. B. leninistischer Prägung, die personifizierende Kapitalismus-Kritik zu verabschieden.
Ebenso war es ein harter Kampf im Feminismus, den Differenzfeminismus ad acta zu legen.
Der Grund war in beiden Fällen, dass es eine extrem platte Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse ist. Es erschließt sich mir nicht, warum Du im Grunde dort wieder hin willst.
Mann ist eben nicht nur eine Ideologie oder etwas Abstreifbares, wie die christliche Ideologie, sondern eine biologische Entität. Frag mal eine 1,95 m große Trans-Frau, mit männlichem Körperbau, wie unmöglich es ist, trotz einiger Operationen, als Frau wahrgenommen zu werden.
Ebenso ist, worauf Du wahrscheinlich hinaus willst, Mann auch keine negative Ideologie, der man die positive Ideologie Frau gegenüberstellen könnte. Beide Ideologien, wenn Du so willst, sind durchsetzt mit dem Schlechten dieser Gesellschaft.
Dass ich darüber hinaus die Parallelisierung des Klassenwiderspruchs und dem Mann-Frau-Verhältnis für falsch halte, hatte ich hier näher ausgeführt.
@ Zara:
„war es ein langer Kampf gegen einen Vulgärmarxismus, z. B. leninistischer Prägung, die personifizierende Kapitalismus-Kritik zu verabschieden.“
Wo findest Du bei Lenin personalierende Kapitalismus-Kritik? Vielmehr kritisierte er selbst so etwas ähnliches wie personalisierende Kapitalismus-Kritik im Falle Kautskys.
„Ebenso war es ein harter Kampf im Feminismus, den Differenzfeminismus ad acta zu legen.“
Das Problem am Differenzfeminismus war aber sein Biologismus, nicht sein kämpferische Haltung. Und bei der Bielefelder Variante von Differenzfeminismus findest Du doch nun am ehesten (neben den „sozialistischen Feministinnen“ um die Zeitschrift Argument) auch Gesellschaftskritik i.S.v. Kapitalismus-Kritik.
„Es erschließt sich mir nicht, warum Du im Grunde dort wieder hin willst.“
Ich werde in meinem Text (ist im Prinzip fertig, muß ich aber noch mal drüber gehen; kommt dann morgen früh) für revolutionäre Politik gegen ‚versachlichte‘ Herrschaft und Ausbeutung argumentieren.
„Frag mal eine 1,95 m große Trans-Frau, mit männlichem Körperbau, wie unmöglich es ist, trotz einiger Operationen, als Frau wahrgenommen zu werden.“
Es gibt auch große Transfrauen die ganz gut passieren, nur ist das zwar individuell legitim, aber politisch auch nicht besonders revolutionär – zu passieren.
„Beide Ideologien, wenn Du so willst, sind durchsetzt mit dem Schlechten dieser Gesellschaft.“
Die „proletarische“ Lebensweise und wie sie die „proletarischen“ Subjekte prägt, gehört aber auch zur „alten Scheiße“, die das Proletariat nach Marx beseitigen soll. So groß ist da m.E. der Unterschied nicht.
WAHRNEHMUNG lässt sich sehr wohl „abstreifen“. da kann die „biologische entität“ noch so stark sein.
So,
mit einer Woche Verspätung nun wie angekündigt:
„Männerfeindlichkeit“ und die Arbeit der Zuspitzung -
aber an Lesestoff fehlte es hier ja in letzter Zeit ohnehin nicht.
Komplett-Dokumentation des bisherigen Debattenstandes zum Thema „Männerfeindlichkeit“ in einer .pdf-Datei