DOKU – Frauen aus der „radikal“ (Nov. 1990): Wir weigern uns das Abklopfen des eigenen Selbst zum Nonplusultra zu erklären

Als Ergänzung zu der kürzlich geposteten Kritik von Jenny Bourne an einer Reduktion von Rassismus auf bloße „Vorurteile“ hier noch ein Auszug aus einem Text von radikal-Frauen von 1990:

Wir haben […] mitbekommen, daß häufig in autonomen Frauenzusammenhängen die Auseinandersetzungen über Rassismus sehr auf der subjektiven Ebene verlaufen – bin ich eine Rassistin, weil ich eben gesagt habe: „Ich hätte gerne einen Negerkuß.“?
Das ist zwar eine wichtige Ebene, sich selber abzuklopfen, aber wir weigern uns, das zum nonplusultra der Diskussion zu machen. Wir halten das für die absolute Luxusposition, wenn nicht gleichzeitig die gesellschaftliche Ebene des Rassismus analysiert wird, wo er sich aus … Weltmarkt… (Der Satz war leider in dem uns vorliegenden Exemplar des Textes unleserlich. Anm. d Hg.)
Alleinstehend macht sie einmal mehr deutlich: Na, die Weißen haben jetzt in Zeiten des offensiven doitschen Machtzuwachses und nationalem Taumel nichts Vesseres zu tun, als wieder mal um ihren Nabel zu kreisen.
Im Ernst: Das wichtigste an unserer Kritik/Selbstkritik ist für uns folgendes:
In dem Moment, wo wir doch hoffentlich alle übereinstimmen, daß Feminismus den Anspruch hat, alle Unterdrückungen und Ausgrenzungen vom Tisch zu fegen, müßten sich alle aufgrund ihrer eigenen Denkweise, Analyse und dementsprechenden Praxis fragen, wie weit es damit her ist. Eigentlich ist es doch der Hohn – Alle wissen, mit EG 92 wird der Großraum Europa gegen trikontinentale Frauen und Männer abgeschottet, es wird abgeschoben und wird hier auf der Straße eine rassistische Gewalt materiell, die total brutal ist, gibt es die institutionelle Entsprechung in Form von Ausländerbullen, Sozialstrategen, die den ausländischen Jugendgangs auf den Straßen hinterherjagen, gibt es die rassistischen Richterschweine, die alles juristisch absegnen…
Und wir? Wo ist die Frauenbewegung, wenn eingewanderte Frauen und Männer angegriffen werden?
[…].
Das steht in keinem Verhältnis, wie sich über die eigene Psyche der Kopf gemacht wird – Bin ich eine, bin ich keine… – das interessiert keine, die angegriffen wird und damit erstmal allein steht.
Wir machen das doch auch nicht anders. Vertrauen bekommen wir nicht darüber, daß Männer ihre eigene Sprache feminisieren, daß sie sich beim Pissen hinsetzen, also „gute“ aufgeklärte Männer sind. Seht her, ich bin ein „solidarischer Mann“ – BÄH!
Nein, wir achten auf die Praxis, auf die Hände, auf die Augen, wo hat er seine Blicke – müssen Frauen auf Demos Männer anmachen, weil sie ihre Knüppel in „entspannten“ Situationen demonstrativ zur Schau tragen und nicht unter die Jacke packen können, oder achten darauf auch Männer?
Gehen Männer dazwischen, wenn Frauen angemacht werden… beziehen sie darüber einen Teil ihrer Identität des starken, beschützenden Mannes, achten sie immer zuerst darauf, ob die Frau das selber klarmacht. Tritt in die Eier… oder werfen sie sich gleich in die Arena….? („Komm Kleine, jetzt komm ich und schmeiß den Laden!“)
So eine Sensibilität, so eine Praxis erwarten wir. Das ist unser Maßstab, unsere Basis, und ohne die läuft aber nix.
Erst in dem Moment, wenn weiße feministische Aktivistinnen nicht nur den Rassismus in der Frauenbewegung eingestehen und persönliche rassistische Vorurteile verweisen, sondern der rassistischen Unterdrückung in unserer Gesellschaft grundsätzlichen aktiven Widerstand entgegensetzen, werden wir wissen, daß weiße Frauen sich dem Rassismus ernsthaft und auf revolutionäre Weise stellen. Wir werden wissen, daß sie sich gegen den Rassismus engagieren, sobald sie mithelfen, die Richtung der feministischen Bewegung zu verändern [fett-Setzung durch TaP] und daran arbeiten, die rassistische Sozialisation abzubauen, bevor sie Führungspositionen übernehmen, Theorien entwickeln oder den Kontakt zu farbigen Frauen suchen, um so nicht der rassistischen Unterdrückung weiterhin Vorschub zu leisten und nicht-weiße Frauen bewußt oder unbewußt zu mißbrauchen oder zu verletzen. Das sind die wahrhaft radikalen Gesten, welche die Grundlage für das Erleben politischer Solidarität zwischen weißen und farbigen Frauen schaffen“. Bell Hooks
Ja, es macht uns zu schaffen, daß bei Frauen in punkto praktischer Solidarität mit eingewanderten Frauen und Männern zur Zeit eine Lähmung festzustellen ist.
Eine theoretische Auseinandersetzung mit Rassismus halten wir für wichtig [fett-Setzung durch TaP], da wir die fehlende Klarheit über Bedeutung und Verzahnung anderer Unterdrückungsverhältnisse mit Sexismus und Patriarchat für eine Ursache halten, daß dazu wenig entwickelt wird.
Eine weitere Ebene ist, daß – wie beschrieben – entweder ausschließliche „Tiefenforschung“ bei sich selber betrieben wird, anstatt Rassismus ebenso als gesellschaftliches Unterdrückungsverhältnis zu sehen.
Oder die Auseinandersetzung schwebt knapp unter der Zimmerdecke und läßt von daher keine praktischen Ansätze mehr sehen.
Was fällt uns dazu ein…(nicht so viel!)?
Straße – alltäglicher Rassismus – garstiges Bedienen von ausländischen Frauen und Männern im Obstladen oder im Supermarkt, Blicke: IIHH sind die dreckig; mitleidige Blicke auf türkische Frauen mit 1000’en Einkaufstüten auf dem Arm; Sozi: Sacharbeiter benutzen ihre Sprachgewandtheit, damit die Türkin nix versteht und wenn sie sich umdreht, geht das Gehetze los: „Die sollen doch dahin, wo sie herkommen. Schmarotzer“…
Dann kommt dir Großdeutschland in den Sinn, und da sind sie und du hast sie im Kopf, und ein Wort wird groß „Konfrontation“. [fett-Setzung durch TaP]
Sie, das sind Skins, organisierte Faschisten, faschistische Fußballfans, bräunliche Bürgers, Duckmäuser aber, wenn schlechte Laune, weil mieser Job, nach Untentreter, gegen alles-was-fremd-ist-Treter -AAARRRGGGHHH!!!
Die braune großdeutsche Sauce halt.
Du denkst weiter. Spots: „In der Nacht … wurde von mehreren Unbekannten das Asylantenlager… in … mit Molotowcocktails und Steinen beworfen. Die Täter entkamen unerkannt, 1 kurdische Frau liegt schwerverletzt im Krankenhaus. Die Polizei tappt im Dunkeln.“
Du gehst auf die Straße, da rempeln ein paar Doppelt-Deutsche einen Ausländer an: klopfen Sprüche. Du bist allein und traust dich nicht dazwischen – OHNMACHT – du sagst dir aber, das nächste Mal bestimmt.
In unseren Diskussionen sind wir oft bei Konfrontation gelandet und dann waren wir schnell bei Angst.
Es ist unter Frauen die Argumentation verbreitet (nicht nur da), sie würden sich von den Faschos nicht die Ebene der Auseinandersetzung aufzwingen lassen.
Das ist verquere Polit-Argumentation. [fett-Setzung durch TaP] Es ist natürlich richtig, genau eigene Kräfte und Möglichkeiten gegenüber dem Gegner abzuwägen und nicht in offene Messer zu rennen (im wahrsten Sinne des Wortes). Wir haben aber das Gefühl, daß damit die Probleme, daß viele sich nicht mehr sicher auf der Straße bewegen können, daß die Existenz von der Willkür des Staates abhängt, der abschiebt, ausweist, damit nur verdrängt werden mit fadenscheinigen Argumenten.
Konfrontation macht Angst. Na klar, aber was heißt überhaupt Angst? Wär doch komisch, wenn die nicht da wär, es ist ja auch zum Fürchten. Oder denken wir Frauen, wir sind alle als Kampfmaschinen auf die Welt gekommen, starke, funktionierende Frauen?!
Aber sie ist real die Konfrontation. Selbst, wenn wir sie nicht realisieren wollen, sei es aus politischer Unklarheit oder aus Verdrängung, für andere besteht gar nicht die Möglichkeit zu verdrängen, die müssen reagieren.
Das sollte jede sehen und was draus machen. [fett-Setzung durch TaP]

Der vorstehend auszugsweise dokumentierte Text von „Frauen aus der radikal“ erschien als Stellungnahme zu einem Text von „Schweizer Feministinnen“ Ein Stein in der Sonne (radikal, Nr. 141, Teil I, Nov. 1990, S. 6 – 10) in der gleichen Ausgabe der Zeitschrift auf S. 10 – 14.

Der Text wurde 1994/95 in den beiden Auflagen der folgenden Broschüre nachgedruckt:
Broschürengruppe in Zusammenarbeit mit dem ASTA-FU sowie Frigga Haug, Wolfgang Fritz Haug, Wolf Dieter Narr, Uwe Wesel, Harald Wolf (Hg.)
Für eine neue revolutionäre Praxis. Triple oppression &; bewaffneter Kampf.
Eine Dokumentation von antiimperialistischen, feministischen, kommunistischen Beiträgen zur Debatte über die Neubestimmung revolutionärer Politik 1986-1993

Selbstverlag: Berlin, 1. Aufl. 1994, 2. Aufl. 1995, 70 – 74.
Der hiesige Auszug stammt von den S. 72 und 73. Vier bemerkte Tipp- bzw. Orthgraphiefehler in der Broschüre wurden hier stillschweigend berichtigt.

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1 Antwort auf „DOKU – Frauen aus der „radikal“ (Nov. 1990): Wir weigern uns das Abklopfen des eigenen Selbst zum Nonplusultra zu erklären“


  1. 1 QV 20. August 2011 um 19:27 Uhr

    Eine komplette Dokumentation der beiden erwähnten radikal-Artikel findet sich jetzt dort:
    http://theoriealspraxis.blogsport.de/2011/08/20/diskussion-zwischen-schweizer-und-deutschen-feministinnen-1990/.

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