Raus aus der Sackgasse des festgefahrenen Konflikts zwischen „Antideutschen“ und „AntiimperialistInnen“

I.

„Man lese dazu ein­mal anti­deut­sche Texte. […]. Wo eine Kri­tik an der ein­sei­ti­gen und unsen­si­blen (weil unter Außer­acht­las­sen des eige­nen Stand­orts, näm­lich dem Land der Shoah) Palästina-​​Solidarität drin­gend ist, keh­ren sie deren Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter um und ver­lan­gen eine unkri­ti­sche Soli­da­ri­tät mit Israel als der Zufluchts­stätte für die Opfer des Anti­se­mi­tis­mus. Sie blen­den dabei aus, daß Israel eben nicht nur Refu­gium für Juden und Jüdin­nen ist, son­dern auch ein ganz nor­ma­ler Natio­nal­staat und des­wei­te­ren ein Staat, der einen Anteil daran hat (aber kei­nes­wegs allein dafür ver­ant­wort­lich zu machen ist), daß er immer noch nicht in Frie­den mit sei­nen Nach­barn lebt. Israel ist eine his­to­ri­sche Not­wen­dig­keit, es besteht jedoch keine Ursa­che Israel zu glo­ri­fi­zie­ren. […].
Aber auch ihr selbst erwähl­ter Con­tre­part (selbst­ge­wählt von bei­den Sei­ten), die sog. Anti­imps (nach der gegen­wär­ti­gen Ver­wen­dung die­ses Begriffs für Anhän­ge­rIn­nen einer sehr tra­di­tio­nel­len und zumeist unkri­ti­schen Soli­da­ri­tät mit den ver­schie­dens­ten anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Bewe­gun­gen welt­weit), ist wenig mehr als die andere Seite die­ser Medaille: […]. Die­ses Spek­trum steht moder­ne­ren For­men des Anti­se­mi­tis­mus hilf­los gegen­über: Der hier immer wie­der ange­führte Ver­gleich ein­zel­ner Facet­ten der israe­li­schen Besat­zungs­po­li­tik mit den Ver­bre­chen des deut­schen Faschis­mus bestärkt let­zend­lich all jene, die die deut­schen Ver­bre­chen mit der ‚Erkennt­nis‘ ver­harm­lo­sen möch­ten, wo anders gehe es doch eben­falls recht übel zur Sache. Nie­mals wurde in die­sen Krei­sen zur Kennt­nis genom­men, wie sehr die NS-​​Vergleicherei in der deut­schen Bevöl­ke­rung einer Schuld­ab­wehr dient. […].
Beide Sei­ten sind in ihren Äuße­run­gen und ihrem Han­deln stark mora­lisch und weit weni­ger als sie sel­ber sich gern dar­stel­len von einer kri­ti­schen Gesell­schafts­ana­lyse geprägt. Hin­ter ihrer Par­tei­nahme für jeweils eine Seite des Israel-​​Palästina-​​Konflikts ver­schwin­den Aus­ein­an­der­set­zun­gen in unse­rer Gesell­schaft zwar nicht voll­stän­dig, wer­den aber zur Rand­er­schei­nung. Die mora­lisch fun­dierte Par­tei­nahme ent­we­der für „die“ Paläs­ti­nen­se­rIn­nen oder „die“ Israe­lis führt zu einem Aus­trag eines stell­ver­tre­ten­den Nahost-​​Konflikts in der BRD, wie er absur­der nicht sein könnte. Beide Sei­ten ver­ste­cken sich hin­ter Natio­nal­staa­ten resp. Natio­nal­staats­grün­dungs­or­ga­ni­sa­tio­nen und sind in derem bür­ger­li­chen Den­ken gefan­gen. Auf der einen Seite Ver­herr­li­chung der impe­ria­lis­ti­schen Staa­ten als „Zivi­li­sa­tion“, auf der ande­ren Seite ein völ­lig ver­lot­ter­ter Halb­mar­xis­mus, der bes­ten­falls auf die Unter­stüt­zung staats­ka­pi­ta­lis­ti­scher Elends­ver­wal­tung hin­aus­läuft. […].
Beide Sei­ten der Medaille sind auch ein Aus­fluß der der­zei­ti­gen Per­spek­tiv­lo­sig­keit links­ra­di­ka­ler Poli­tik. Die Anti­deut­schen haben dar­aus den Schluß gezo­gen, daß, wenn es mit der (welt)revolutionären Ver­än­de­rung schon kei­nen Zweck mehr habe, mensch wenigs­tens ver­hin­dern solle, daß sich das schlimmste Mensch­heits­ver­bre­chen der Moderne – der Holo­caust – wie­der­hole. Die­ses ehren­werte Anlie­gen wurde von eini­gen Akteu­rIn­nen im Laufe der Zeit in eine Lob­by­ar­beit für die israe­li­sche Regie­rungs­po­li­tik über­führt und damit der Lächer­lich­keit preis­ge­ge­ben. Eine ernst­hafte Ana­lyse und Bekämp­fung des real exis­tie­ren­den Anti­se­mi­tis­mus hier­zu­lande fin­det in die­sen Krei­sen längst nicht mehr statt. […]. Aber auch die Anti­imps haben ihre Kom­pen­sa­tion der hie­si­gen uner­freu­li­chen Zustände durch die Pro­jek­tion ihres roman­tisch ver­klär­ten bewaff­ne­ten Kamp­fes auf alles, was irgendwo in der Welt knallt und schießt, gefun­den. Dabei las­sen sie all­zu­gern außer acht, was da für Akteu­rIn­nen auf dem Platz ste­hen. Es sollte doch eigent­lich selbst­ver­ständ­lich sein, daß, wenn man sich irgend­wie auf Paläs­tina bezieht, mit­ge­dacht wer­den muß, daß die dor­ti­gen Haupt­be­tei­lig­ten des ‚Wider­stands‘ eben die faschis­to­iden Isla­mis­tIn­nen der Hamas sind. Wer das unter­schlägt oder gar mit der Parole ver­tei­digt, diese seien ‚objek­tiv anti­im­pe­ria­lis­tisch‘, weil sie eben gegen Israel und die USA kämpf­ten, hat das Ziel einer befrei­ten Gesell­schaft aus den Augen ver­lo­ren.“

[Quelle:
Anar­chis­ti­sche Gruppe/​Rätekommunisten (AG/​R), Sze­ne­pe­ris­tal­tik. Gegen lin­ken Kon­ser­va­tis­mus – zum stän­di­gen Gezänk zwi­schen Anti­deut­schen und Anti­imps [Jan. 2010])

II.

„Dem ganz brei­ten ‚anti-​​imperialistischen’ Bünd­nis von Kim über Ahma­dined­schad und Luka­schenko bis Scheich Nas­ral­lah sollte unser ‚Pro­jekt’ kei­nes­falls bei­tre­ten. Wir soll­ten uns klar gegen diese außen­po­li­ti­sche Linie der ‚Jun­gen Welt’ und die Argu­men­ta­tion der ‚Anti-​​Imps’ stel­len, denn für uns hören die Klas­sen­ge­gen­sätze nicht an den Gren­zen des Tri­kont auf zu exis­tie­ren […]. Diese klare Front­stel­lung muss sich aller­dings ihrer­seits scharf dis­tan­zie­ren vom mili­tan­ten ‚Anti-​​Anti-​​Imperialismus’ der so genann­ten ‚Anti-​​Deutschen’, die eben keine ‚lin­ken Anti-​​Deutschen’, son­dern ‚(ver­dammt) deut­sche Anti-​​Linke’ sind. In ihren schärfs­ten Aus­for­mun­gen han­delt es sich um offe­nen Pro-​​Imperialismus.“

[Quelle:
Sozia­lis­ti­sche Initia­tive Berlin-​​Schöneberg, Neue Anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Orga­ni­sa­tion? Na end­lich! Wor­über müs­sen wir uns ver­stän­di­gen und wor­über nicht (Jan. – März 2011)]

III.

1. 2 × 4 begrifflich-​​logische Vor­schläge, um nicht an ein­an­der vor­bei­zu­re­den
http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​8​/​0​2​/​2​-​x​-​4​-​b​e​g​r​i​f​f​l​i​c​h​-​l​o​g​i​s​c​h​e​-​v​o​r​s​c​h​l​a​e​g​e​-​u​m​-​n​i​c​h​t​-​a​n​-​e​i​n​a​n​d​e​r​-​v​o​r​b​e​i​z​u​r​eden/

2. Weil Sach­kennt­nis jeder Dis­kus­sion nur gut nun gut
http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​8​/​0​3​/​w​e​i​l​-​s​a​c​h​k​e​n​n​t​n​i​s​-​j​e​d​e​r​-​d​i​s​k​u​s​s​i​o​n​-​n​u​r​-​g​u​t​-​n​u​n​-gut/

3. [Ein Blick nach Öster­reich]
http://​maed​chen​blog​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​1​0​/​2​8​/​a​n​t​i​s​e​x​i​s​m​u​s​-​m​a​e​n​n​l​i​c​h​k​e​i​t​/​#​c​o​m​m​e​n​t​-​34379 (und die Dis­kus­sion drum­herum)

4. Dis-​​Identification means to trans­form the impe­ria­list war into revo­lu­tio­nary civil war!
http://​maed​chen​blog​.blog​sport​.de/​2​0​1​0​/​0​6​/​2​0​/​d​i​s​-​i​d​e​n​t​i​f​i​c​a​t​i​o​n​-​m​e​a​n​s​-​t​o​-​t​r​a​n​s​f​o​r​m​-​t​h​e​-​i​m​p​e​r​i​a​l​i​s​t​-​w​a​r​-​i​n​t​o​-​r​e​v​o​l​u​t​i​o​n​a​r​y​-​c​i​v​i​l​-war/

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